Für die Ewigkeit
Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit ist von stetiger Entbehrung geprägt worden und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld für das, was sie Familie nannte, zu verdienen. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie recht bald wieder verlieren würde. Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür genutzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben selten bloß geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.
Vor zwei Tagen, als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar so etwas wie Euphorie. Spät am Abend, die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste, stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß beiläufig, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und all die Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem von ihnen, zu dieser unglücklichen jungen Frau darauf, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.
