Zeit für Weisheit

Er kam zu mir in völliger Verzweiflung. Seine Kleidung sprach von Wohlstand und Prestige, aber der Ausdruck in seinem Gesicht war eine bedrückende Melange aus Angst, Hoffnung und völliger Orientierungslosigkeit.
„Ich brauche Ihre Hilfe“, sagte er und stellte sich mir vor.
„Sofern ich Ihnen helfen kann…“, erwiderte ich freundlich und bot ihm an, sich zu setzen.
„Mein Leben gerät aus den Fugen. Ich weiß nicht mehr weiter, brauche Hilfe, jemanden, der mir sagt, was zu tun ist. Meine Freunde – die wenigen, die ich noch habe – schickten mich zu Ihnen. Sie seien ein weiser Mann, haben sie gesagt, ein Mann, der schon vielen geholfen habe, und ich möchte an Ihrer Weisheit teilhaben, ich möchte, dass Sie mir helfen, selbst ein wenig weiser zu werden.“
„Ich will sehen, ob ich Ihnen helfen kann, wenn Sie mir sagen, was Sie plagt.“
„Meine Arbeit bereitet mir große Sorgen. Vor kurzem wurde ich befördert, doch so richtig komme ich mit der Verantwortung nicht klar, die nun auf mir lastet. Meine Kollegen verspotten mich, meine Untergebenen respektieren mich nicht. Mein Einkommen steht auf dem Spiel, wenn ich diese Aufgabe nicht in den Griff bekomme.“
„Ist das alles?“
„Mein Sohn verhält sich distanziert. Er spricht kaum noch mit mir, lässt mich nicht an sich heran, bekommt in der Schule schlechtere Noten und er hat Freunde, die nicht gut für ihn sind.“
„Es wird sicher nicht einfach werden, aber beides können wir lösen.“
„Gut. Sehr gut.“ In seinem Gesicht nahm nun die Hoffnung überhand. „Da wäre noch meine Frau… Ich glaube, sie sieht einen anderen Mann. Unsere Ehe war nie perfekt, aber in letzter Zeit weiß ich nicht mehr weiter. Ich möchte sie nicht verlieren, ich liebe sie, ich liebe sie so sehr. Sagen Sie mir, was ich tun soll, und ich tue es, was immer es ist!“
„Mit Freude werde ich Ihnen helfen, aber ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie zu tun haben. Wir müssen Ihre Handlungen, Ihre Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand stellen. Wir müssen Ihre Erziehung und Ihre Erwartungen, Ihre Vorstellungen und Ihre Urteile hinterfragen. Wir müssen herausfinden, wie Sie denken und weshalb Sie denken, was Sie denken. Es wird ein mühsamer Weg werden, so viel kann ich Ihnen versprechen, aber wenn wir geduldig sind, werden Sie am Ende vielleicht etwas gelernt haben und, wie Sie es nennen, weise genug sein, um Ihre Probleme zu lösen.“
„Haben Sie mir nicht zugehört? Meine Frau…“
„Ich habe Ihnen sehr genau zugehört. Ihre Frau betrügt Sie, Ihr Sohn distanziert sich von Ihnen und Ihre Kollegen verspotten Sie, weil Sie Ihrer Arbeit nicht gewachsen sind. Wir können diese Probleme lösen, wenn Sie mir vertrauen. Ich will Ihr Lehrer sein, nicht aber Ihr Berater.“
„Mein Lehrer? Einen Lehrer kann ich nicht gebrauchen. Nicht meine Handlungen und Überzeugungen machen mir Sorgen, sondern meine Arbeit, mein Sohn und meine Frau.“
„Wenn Sie das so sehen, fürchte ich, müssen Sie jemand anderen um Hilfe bitten. Ich jedenfalls bin der Falsche für Sie. Viel Glück.“
Als er meine Absage nach einigen Sekunden begriff, verschwand die Hoffnung aus seinem Gesicht, die so fragil gewesen war, aber dann nickte er bloß und ging wortlos hinaus. Zwei Monate später kam er wieder, noch verzweifelter als zuvor.
„Ich war so ein Dummkopf, Ihr großzügiges Angebot damals abzulehnen“, klagte er, „denn meine Situation hat sich erheblich verschlechtert. Nur zu gerne nehme ich Ihr Angebot heute an. Bitte helfen Sie mir, aber zuerst müssen Sie mir sagen, wie ich diese Probleme in den Griff bekommen kann. Danach können wir uns hinsetzen und über meine Handlungen und meine Vorstellungen und all das sprechen, doch im Augenblick habe ich dafür keine Zeit. Meine Kollegen verspotten mich nicht länger nur, sie weigern sich ganz offen, meinen Anweisungen zu folgen. Viele von ihnen machen keinen Hehl daraus, es kaum erwarten zu können, mich endlich loszuwerden, und meine Vorgesetzten ziehen in Erwägung, mich endgültig zu entlassen, weil ich ihre Erwartungen auf ganzer Linie enttäuscht habe. Als ich meinem Sohn den Umgang mit seinen Freunden verbat, weil sie einen schlechten Einfluss auf ihn ausüben, verschlimmerte das unser Verhältnis nur noch weiter. Er kommt nun kaum noch nach Hause, er spricht fast gar nicht mehr mit mir. Was meine Frau angeht, engagierte ich einen Privatdetektiv, der mir Beweise für meinen Verdacht lieferte. Sie sieht jemanden, verbringt viel Zeit mit ihm, sie schläft mit ihm und ich bin dabei, sie für immer zu verlieren. Hören Sie, ich bin verzweifelt wie noch nie und mitten in der größten Krise meines Lebens. Was ich im Moment brauche, sind Ihre Ratschläge und eine konkrete Anleitung, wie ich dieser Probleme Herr werden kann, und zwar so schnell wie möglich. Wenn diese Schwierigkeiten gelöst sind, können wir uns in Ruhe meiner Person widmen und auf den Prüfstand stellen, was immer Sie möchten.“
„Ich fürchte, Sie haben mein Angebot noch immer nicht verstanden. Sie verlangen von mir, Vorgesetzter, Vater und Ehemann zu sein. Wie, denken Sie, sollte das Ihre Probleme lösen? Sie möchten, dass ich Sie an die Hand nehme, Ihnen mit Ratschlägen und Anleitungen zur Seite stehe, um Sie sicher durch diese Krise zu manövrieren, aber ich kann nicht immer Vorgesetzter in Ihrer Firma, Vater Ihres Sohnes und Ehemann Ihrer Frau sein. Sie müssen lernen, all das selbst zu sein. Sie müssen lernen, angemessen mit Ihrer Verantwortung, mit Ihrem Sohn und mit Ihrer Frau umzugehen, und selbst wenn das am Anfang ein holpriger Weg sein mag, führt er am Ende doch zum Erfolg. Ich will Ihnen als Lehrer helfen, dieses Ziel zu erreichen, nicht aber als Ratgeber, der Ihre Handlungen leitet.“
„Wenn das so ist und Sie mir in dieser Stunde der Krise nicht helfen möchten, ist Ihre Hilfe mir nicht von Wert.“
Ich verfolgte nicht, was im Anschluss mit ihm geschah. Eines Tages traf ich ihn zufällig in einer Bar wieder. Er saß an einem Tisch in einer Ecke, alleine, nur mit einem Bier, und vertrieb sich die Zeit mit Karten. Es war offensichtlich, dass dies nicht sein erstes und wahrscheinlich auch nicht sein letztes Bier des Abends sein würde. Als er mich sah, kam er zu mir herüber und erzählte mir von seinem Schicksal.
„Vor einem Monat wurde ich entlassen. Die Verantwortung überforderte mich. Immer mehr Projekte schlugen fehl, meine Angestellten weigerten sich, mit mir zu arbeiten, und meine Vorgesetzten schämten sich für mich. Ich war für die Firma nicht mehr tragbar. Als ich meiner Frau davon erzählte, war es der Sargnagel für unsere Beziehung und sie schrie mich bloß noch an, das Fass sei endgültig übergelaufen. Sie verließ mich ein für alle Mal und wohnt nun bei ihrem neuen Freund. Für meinen Sohn wiederum bin ich ein toter Mann, weil ich nun auch noch unsere Familie zerstört habe. Wie Sie sehen, habe ich also nun viel Zeit, mit Ihnen über all die Dinge zu sprechen, die Sie auf den Prüfstand stellen wollten, um mir zu helfen, und so kann ich aus allem am Ende vielleicht doch ein wenig weiser hervorgehen.“
„Ihre Arbeit haben Sie verloren. Ihre Frau hat Sie verlassen. Für Ihren Sohn sind Sie ein toter Mann. Wie könnte Ihnen Weisheit jetzt noch helfen?“
