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	<title>Pala &#187; A Tale Of Two Lives</title>
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		<title>Nichts zu verlieren</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 12:19:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Es dauerte zwei Tage, bis mir langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, ein genaues Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1072" title="The Calm After the Storm" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/07/1435669599_3a391638bd.jpg" alt="" width="500" height="369" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/1435669599/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Es dauerte zwei Tage, bis mir langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, ein genaues Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. Wie schlimm denn „nicht gut“ sei, hatte ich gefragt, und er antwortete bloß knapp, im schlimmsten Fall stünden die Chancen nicht sehr gut, dass ich das Ende des Jahres noch erleben würde, sollte die genaue Untersuchung seine Vermutung denn bestätigen. Vielleicht war er etwas vorschnell, doch ich schätzte seine Aufrichtigkeit, denn die meisten Ärzte hätten sich davor gedrückt, solch eine Vermutung offen auszusprechen, solange sie nicht über eine definitive Diagnose verfügten, um, wie sie sagen würden, ihre Patienten nicht unnötig zu verängstigen. Zwei Tage später saß ich in einem Bus, es war Nachmittag, und erst da begriff ich plötzlich, dass meine Perspektiven sich verändert hatten. Ich würde vielleicht sterben, und zwar sehr bald.<br />
Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinen Eltern. Wieso auch? Noch stand das Ergebnis gar nicht fest, und ich wollte niemanden unnötig beunruhigen, also verhielt ich mich wie jene Ärzte, die ihre Patienten erst einmal im Dunkeln lassen. Ich hätte es nicht ertragen, von Freunden oder von Menschen, die sich dafür hielten, mitleidige Blicke und wohlmeinenden Zuspruch zu erhalten, der bestenfalls gut gemeint und im schlimmsten Fall einfach nur lächerlich ist. Nein, ich behielt es für mich, denn es handelte sich ja um eine höchst private Angelegenheit, die zuallererst bloß mich etwas anging. Und wie sie mich etwas anging!<br />
Was in mir geschah, nachdem ich erst einmal begriffen hatte, wie nun meine Chancen standen und dass ich vielleicht bald sterben würde, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es war jedoch nicht wirklich schlecht, was in mir vor sich ging, so wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der dem Tod ins Auge blickt, denn genau das tat ich ja, mehr oder weniger. Ich verfiel nicht in tiefe Depression, ich wurde weder apathisch und hoffnungslos, noch begann ich plötzlich, mich für Extremsport zu interessieren, um auf die letzten Tage noch möglichst viele Kicks zu bekommen. Ich blieb, wenn man so sagen kann, oberflächlich betrachtet ziemlich normal.<br />
Unter der Oberfläche jedoch vollzog sich ein Wandel, der zwar nicht besonders spektakulär erschien, aber meinem Leben eine gewisse neue Richtung geben sollte. Bislang hatte ich ein Leben geführt, das sich daran orientierte, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und möglichst wenig aufzufallen, weil Auffallen in der Regel bedeutete, ziemlich schnell in Situationen zu geraten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Ich war der Mann, der immer da, aber nie dabei sein wollte, der immer anwesend, aber nie beteiligt war. Das sollte sich ändern.<br />
Es gab da eine Frau. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich in sie verliebt gewesen sei. Ein wenig vielleicht. Aber mehr wollte ich mir nicht erlauben, denn das wäre dann genau solch eine Situation gewesen, die zu Problemen hätte führen können. Wir gingen einige Male aus, ja, aber nur unter Vorwänden, nur mit Begleitung, und nie fiel das Wort Date, geschweige denn ein Kuss. An schlechten Tage fühlte ich mich feige und hasste mich dafür, nicht den Mut aufzubringen, sie einfach zu küssen, doch an guten Tagen klopfte ich mir auf die Schulter, die Sache nicht noch weiter zu vertiefen, würde sie doch sowieso in einer Katastrophe oder jedenfalls irgendwie enden, aber eben enden. Es gab Menschen in meinem Leben, zu denen ich freundlich war, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte. Mein Chef zum Beispiel, um ein Klischee zu erfüllen, denn wer mag schon seinen Chef, aber auch Leute in meinem Freundeskreis, Freunde von Freunden, irgendwelche Bekannte sowie natürlich diejenigen, von denen man sich erhofft, für die gespielte Freundlichkeit später im Leben irgendwann einmal etwas zurückzubekommen. Ich war ordentlich und brav, könnte man sagen, denn ich erfüllte Aufgaben, die mir zugetragen wurden, in der Regel ohne zu murren, befolgte die Regeln, auch wenn sie mir noch so unsinnig erschienen, wagte nichts und ordnete mich unter, wo es nur ging, weil alles andere wieder zu Problemen geführt hätte. Es war kein unangenehmes Leben, doch es war ein Leben, das mich auch nicht wirklich befriedigte.<br />
Nach den Worten des Arztes jedoch war alles anders. Meine Perspektive, meine Rolle in der Welt als auch meine Sicht auf mich selbst hatten sich verändert. Ich würde vielleicht bald sterben. Haben wir nicht alle diesen Gedanken in uns, schlicht und einfach das zu tun, was uns wirklich glücklich macht, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten? Wenn es auch nicht ein einzelner sein sollte, so schienen meine Tage doch gezählt. Wie lange hätte ich noch gehabt? Sechs Monate? Ein Jahr? Was ist in einem solchen Fall der Unterschied zwischen einem Tag und einem Jahr? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Tag und einem Leben? Wieso tragen wir diese Vorstellung mit uns herum, wir würden plötzlich alles ganz anders leben und erleben, wenn wir definitiv wüssten, es wäre unser letzter Tag? Wenn ich morgen ganz unspektakulär in der Dusche ausrutschen würde, wäre mein letzter Tag dann nicht der heutige, also beliebig? Immer und nie zugleich? Warum ändern so viele Menschen ihr Leben, wenn sie ein mehr oder weniger genaues Datum für ihren Tod erfahren? Verbringen wir unsere Leben vielleicht so unglücklich, so unbefriedigend, weil wir glauben, wir lebten für immer, wir könnten alles noch nachholen, was wir versäumen, und erst das baldige Ende, dieser Gedanke an Endlichkeit bringt uns dazu, unser Leben wahrhaft zu genießen, wenn es dafür schon fast zu spät ist? Ich weiß es nicht.<br />
Was ich jedoch wusste, war, mein Leben sollte anders werden. Ich wollte die wenige Zeit, die mir vielleicht noch blieb, sinnvoll nutzen. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen sollte. Zuallererst würde ich sie anrufen und um ein Date bitten, ein klares, eindeutiges Date, um dem Herumlavieren endlich ein Ende zu bereiten. Es wäre riskant, natürlich, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor meinem Chef würde ich nicht länger kriechen, wenn er mich einmal mehr für seine eigene Inkompetenz bestrafte, sondern ihm offen sagen, was ich von ihm halte, und anstatt zu heucheln, würde ich wirklich immer meine ehrliche Meinung zum Ausdruck bringen, auch wenn sie einigen Menschen vielleicht nicht gefallen mag. Ich würde diejenigen Personen meiden, die mir nicht guttun, und würde mir Zeit für Menschen und Dinge nehmen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich würde ein besserer Freund sein, ein besserer Sohn, ein besserer Mensch. Das war es, was ich mir vorstellte, was in mir brannte. Ich würde, wenigstens auf meine letzten Tage, endlich das Leben führen, das ich schon die ganze Zeit hätte führen sollen.<br />
Drei Tage später erhielt ich die Ergebnisse. Der Arzt sagte mir, ich hätte riesiges Glück gehabt, und was er damit meinte, war wohl, ich bekäme mein ewiges, undatiertes Leben zurück. Ich ging nach Hause, setzte mich auf meine Couch und verarbeitete, was gerade geschehen war. Ich dachte an die Frau, mit der ich schon seit langer Zeit so gerne ausgehen würde, und verteufelte mich dafür, sie noch immer nicht angerufen zu haben. Dann endlich nahm ich das Telefon in die Hand, wählte die Nummer meiner Eltern, erzählte ihnen von der guten Nachricht, und führte mein Leben weiterhin wie zuvor.</p>


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		<title>Epiphanies</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Jun 2010 10:27:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Eifersucht]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff “I don’t love her. Or do I?&#8221; “Excuse me?” “I did not sleep. Last night I was lying awake for more than six hours, and I was thinking about her, I was thinking about the whole situation I’m in and how none of it makes any sense to me.” “I don’t think I [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-955" title="The Wall of Fog" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/06/4602206431_68c7a96c9d.jpg" alt="" width="500" height="320" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/4602206431/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>“I don’t love her. Or do I?&#8221;</p>
<p>“Excuse me?”</p>
<p>“I did not sleep. Last night I was lying awake for more than six hours, and I was thinking about her, I was thinking about the whole situation I’m in and how none of it makes any sense to me.”</p>
<p>“I don’t think I understand.”</p>
<p>“The first thing that comes to my mind when I wake up in the morning is her face, her smile, and instantly I want to give her a call, write her a letter or just meet with her, you know. Last time I sat down with her, I kept staring at her hands and her wrists, and I caught myself thinking how beautiful they are and how badly I want to touch her, not in a sexual way, just… touch her hands, feel her skin.”</p>
<p>“I begin to see where this is going.”</p>
<p>“One day she mentioned this random bloke she had met, and I think I got jealous…”</p>
<p>“Why?”</p>
<p>“Exactly! I don’t know why. I have absolutely no reason to be.”</p>
<p>“So?”</p>
<p>“It doesn’t make sense.”</p>
<p>“What do you mean?”</p>
<p>“I don’t love her. I don’t even have feelings for her. But still… all of this is confusing me.”</p>
<p>“Go on.”</p>
<p>“I see ghosts.”<span id="more-954"></span></p>
<p>“Ghosts?”</p>
<p>“Yeah, people who look like her. I see them all the time, in the streets, on a train, in a bar, basically everywhere. Even if I know for certain that it can’t be her right now, right here, in this place, in this very moment. There’s always some dim hope that it might in fact be her, and I feel the urge to approach and talk to her, approach and talk to them, these ghosts I see. They only have to bear a small resemblance to her and I start to be like that. Do I sound crazy?”</p>
<p>“Oh, I think we all know this kind of craziness.”</p>
<p>“When the phone rings or when I get an email, I get my hopes up that it might be her, and then I’m disappointed if it’s not. I didn’t think about that at first, hell, I didn’t even notice it, but lately I can’t ignore my behavior any more, and… I can’t stand it. It’s like looking into a mirror and seeing your image doing things you’d never do, but at the same time you know it’s actually you who’s doing that. This morning I wanted to write an email to one of my colleagues, and when I was to enter his address, I typed in hers instead. It’s strange, eh? This isn’t me! You think this is me?”</p>
<p>“You’re a stranger in a strange land. You’d better get used to it.”</p>
<p>“I’m not sure I want that. But there’s more. I drove past her house today, and when I did, when I waited for the traffic light to turn green, I didn’t realize this at first, but I hoped that she would just walk out of the door, even though I knew she wasn’t home, even though I knew she was at work. And you know what?”</p>
<p>“What?”</p>
<p>“If she had actually come out of the door, I wouldn’t have had the slightest idea what to do with her or what to say to her. It’s always like this, I’m feeling delighted and uncomfortable at the same time, and I do not understand why.”</p>
<p>“But you do feel happy?”</p>
<p>“Last week I crossed half the country just to have dinner with her.”</p>
<p>“Just dinner?”</p>
<p>“Just dinner. It took me ages to get there and I spent a small fortune doing it, but I couldn’t have cared less, and all that mattered to me in that moment was seeing her, being close to her, sharing time with her. I still can’t believe I actually did that. This is going in the wrong direction.”</p>
<p>“You sound a lot like you’re in denial, and believe me, I know what I’m talking about.”</p>
<p>“I begin to doubt that discussing this with you will really help…”</p>
<p>“Ignoring it certainly won’t.”</p>
<p>“Well, there’s nothing to deny, and even if that were true, I’m dead sure I’d be the only one who’d be emotionally involved, so there’s no point in thinking about this.”</p>
<p>“And yet you do. It doesn’t matter though, you know.”</p>
<p>“What doesn’t matter?”</p>
<p>“It doesn’t matter if she’s emotionally involved, as you phrased it. Whatever she feels for you or allegedly doesn’t feel for you won’t change what you feel for her. So, you’re wrong, there is a point in thinking about all of this, and in fact you <em>are</em> thinking about this, you <em>are</em> thinking about her.”</p>
<p>“But I do not feel for her!”</p>
<p> “Yeah, right, whatever. Let me just summarize everything you’ve told me so far: In the morning she’s the first thing that comes to your mind when you wake up, and you go to great lengths just to see her for a short while, just to be with her, you’re nervous when she’s around and you find yourself missing her when she’s not, that’s why you see what you called ghosts. Obviously she’s in your mind, and apparently she’s in your heart as well. You’re probably the stupidest person on this planet right now.”</p>
<p>“Why would that be and who are you to judge?”</p>
<p>“Oh, I’m just in your head, buddy. You do know that, right? That said, for like thirty minutes now you’re talking to me – well, yourself actually – about how you have no feelings for her in no way at all, though, at the same time, she’s obviously the one thing going through your mind that’s most important to you after all. Are you fucking with me? Is this a bloody joke?”</p>
<p>“Excuse me?”</p>
<p>“Look, I won’t give you a definite answer to your initial question, but given all the clues you have, I’m pretty damn sure you’ll figure it out. I really hope you do, or you’re one hell of a fool. I’ve done what I came for. Good luck!”</p>


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		<title>Gefühlskiller</title>
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		<pubDate>Thu, 13 May 2010 10:50:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Giampaolo Macorig Ihr seid die lieblosesten Menschen, die ich kenne. Ihr guckt euch Sendungen an, in denen Menschen, die in ihrem Leben noch nie eine ernsthafte Partnerschaft erlebt haben, einmal von der Liebe sprechen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch über sie lustig, weil sie in euren Augen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-893" title="The way out? (from Hell)" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/05/197398590_a80070dbf6.jpg" alt="" width="500" height="374" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/gmacorig/197398590/"><span>Giampaolo Macorig</span></a></p>
</div>
<p>Ihr seid die lieblosesten Menschen, die ich kenne. Ihr guckt euch Sendungen an, in denen Menschen, die in ihrem Leben noch nie eine ernsthafte Partnerschaft erlebt haben, einmal von der Liebe sprechen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch über sie lustig, weil sie in euren Augen so unglaublich peinlich sind. Sie mögen peinlich sein, doch noch peinlicher seid schließlich ihr, die ihr euch hämisch über so etwas amüsiert, mag es gestellt sein oder nicht, auf sie herabblickt, ihre Vorstellung von Liebe und Gefühlen in den Dreck zieht, und das bisschen Glück, das diese Menschen für sich haben, erst auf den Boden werft und dann mit Füßen tretet. Ihr wendet euch ab, wenn sich zwei Menschen küssen, ihr verabscheut jegliches Verhalten, das Anderen zeigt, dass man ein Pärchen ist, ihr würdet sie am liebsten trennen, allesamt, ihrem Glück ein Ende bereiten, denn für euch ist das kein Glück, was ihr da seht, also kann es das für andere doch auch nicht sein. Ihr seid Gefühlsspießer – wenn ihr nicht könnt, sollen alle anderen auch nicht dürfen.<br />
Ihr wollt sie nicht, die Liebe, sagt ihr dann und wiederholt das wie ein Mantra. Wen wollt ihr damit überzeugen, die Welt oder am Ende bloß euch selbst? Anstatt sie als Geschenk anzunehmen, selbst wenn ihr euch vielleicht doch Anderes just wünscht, blockt ihr sie ab, zerredet sie und macht sie klein. Wer immer euch mal liebt, den stoßt ihr eiskalt weg. Das Übel, sagt ihr, wollt ihr an der Wurzel ausradieren. Hört ihr euch manchmal selbst beim Reden zu? Ihr verschanzt euch hinter Zynismus, der bequem ist, hinter Traumgebilden, die naiv sind, oder hinter dem, was ihr Vernunft nennt, was doch bloß Angst in anderem Kleide ist. Ihr findet so viele gute Gründe, euch nicht auf jemanden einzulassen, so viele schlaue Rationalisierungen, und nicht einen einzigen Grund dafür. Ihr begreift nicht, dass ihr umsonst sucht, denn es gibt gar keinen Grund dafür, weil das Dafür doch eines Grundes nicht bedarf: „Ich liebe dich, weil…“, das sagt kein Mensch, der wahrhaft liebt. Auf der anderen Seite verstecken sich Millionen Gründe dagegen, und ihr, ihr findet sie alle. Ihr wollt sie unbedingt finden. Dann wägt ihr ab: Kein Grund dafür, so viele dagegen, ihr zieht Bilanz und rechnet aus, als ob es um den Einkauf geht. Und ihr, die ihr so lieblos sprecht, ihr wagt es dann, euch über jene lauthals zu brüskieren, die sich schlicht glücklich in Gefühlen baden?<br />
Wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick ist, die euch umhaut, die von euch Besitz ergreift, dann wollt ihr sie nicht haben. Seid ehrlich zu euch selbst: Wie oft habt ihr das schon erlebt? Für euch ist Liebe wie die magische Bohne, aus der ganz plötzlich eine Ranke bis zum Himmel wächst. Dass es auch anders geht, dass Liebe auch als zartes Pflänzchen reifen kann, das reichlich Zeit zum Wachsen braucht, das kommt euch gar nicht in den Sinn, denn wenn dann doch mal etwas keimt, kommt ihr gleich mit der Sichel an. Ihr seid so abgebrüht. Ihr wollt Pärchen im Park vergiften und amüsiert euch übers Glück der Anderen. Wie kann man da Respekt vor euch haben? Ihr seid umgeben von Liebe, sie klopft sogar an eure Tür, und alles, was ihr dafür übrig habt, ist Hohn aus eurer Burg. Ihr informiert euch über bio-chemische Prozesse, ihr theoretisiert das Gefühl, doch Theorie wird euch nicht küssen, wird euch niemals nur umarmen oder euch je Wärme spenden. Ihr phantasiert so gern von riesigen Gefühlen, verfolgt Schimären, lest in Büchern über sie, von denen ihr in Wahrheit keine Ahnung habt, weil ihr doch nicht einmal die kleinen schätzt. Ihr lehnt sie ab, ihr macht sie schlecht, stets wollt ihr sie zerstören, ihr untergrabt und verschandelt sie, wo immer ihr sie seht, ihr gönnt den Anderen kein Glück. Wenn unerwartet Liebe zu euch kommt, so schlagt ihr sie wie einen zugelaufenen Hund, weil ihr doch lieber weiterhin in eurer Festung wohnt. Ist’s da ein Wunder, wenn die Liebe euch nichts gibt? Ist eure Abgebrühtheit, euer Hass, die ganze Missgunst und das kalte Herz, kurz all eure Verbitterung nicht vielmehr Ausdruck eurer eigenen Enttäuschung? Wie wollt ihr jemals glücklich sein, wenn ihr den Schmerz so konserviert?</p>


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		<pubDate>Thu, 25 Mar 2010 19:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Melody Kramer Wer von Geheimnissen lebt, verschreibt sein Leben der ständigen Angst vor Offenbarung. Heute weiß ich, du hattest eine selbstzerstörerische Vorstellung, die jeden Zug deines Handelns bestimmte, der du treu warst wie einem Dogma, die unsere Beziehung prägte und wodurch sie letztlich auch zum Scheitern kam. Du warst so sehr von diesem Grundsatz überzeugt, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-839" title="Einzelhaft" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/03/prison.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/mjkmjk/3402540619/"><span>Melody Kramer</span></a></p>
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<p>Wer von Geheimnissen lebt, verschreibt sein Leben der ständigen Angst vor Offenbarung. Heute weiß ich, du hattest eine selbstzerstörerische Vorstellung, die jeden Zug deines Handelns bestimmte, der du treu warst wie einem Dogma, die unsere Beziehung prägte und wodurch sie letztlich auch zum Scheitern kam. Du warst so sehr von diesem Grundsatz überzeugt, den du dir aus Gründen kultiviert hattest, die mir für immer verborgen bleiben werden, dass für dich die Konsequenzen deiner Überzeugung weder überschaubar waren noch beachtenswert erschienen. Jede ernsthafte Verbindung zwischen zwei Menschen könne nur Bestand haben, so predigtest du mir und jedem anderen, der das Unglück hatte, dieses Thema einmal anzuschneiden, wenn man die Impulse und Geheimnisse des Anderen nicht hinterfrage. Was du mit diesem Satz zum Ausdruck brachtest, das hieß in letzter Konsequenz, dem Anderen stets ein Fremder noch zu sein, den Abstand niemals zu verlieren. Aber was waren deine Geheimnisse? Es war vor allem Angst, muss ich im Rückblick heute sagen. Du hattest Angst, ich könnte alles über dich erfahren, so als gäbe es ein festes Kontingent an Informationen über eine lebendige Person. Du hattest Angst, ich könnte das Interesse an dir ganz schnell wieder verlieren, wenn du mir nicht länger ein Mysterium offerierst, als wäre eine solche Geheimnislosigkeit jemals zwischen Menschen möglich.<br />
Da waren keine gefährlichen, keine schlimmen und keine bestürzenden Geheimnisse, die du vor mir beschütztest, die du aus Scham hinter einer Nebelwand hättest verstecken müssen, sondern nur dieses eine, deine tief verwurzelte Angst, ohne streng gehütete Geheimnisse für einen anderen, für mich, auf einmal völlig uninteressant zu erscheinen. Du hattest Angst, du würdest dann berechenbar, du hattest Angst, du wärest dann durchschaut, wärst für mich fertig, ich würde dann an dir nichts mehr entdecken wollen und gar nichts mehr entdecken können. Bei jeder Gelegenheit, bei jeder noch so banalen Meinungsverschiedenheit, deren Diskussion du aus dem Weg gingst, hast du mich immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dir deine Geheimnisse sind, und du machtest mir wildeste Szenen, wenn ich es je wagte, irgendeine deiner Handlungen auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Es war für dich bequem. Du führtest dich auf wie eine Regierung unter Paranoia, die jede Anfrage mit einem schnippischen Verweis auf nationale Sicherheit verwehrt, weil ihre lästige Bevölkerung das alles gar nicht wissen muss. Wolltest du etwas nicht erklären &#8211; vielleicht konntest du es dir selbst gar nicht erklären -, dann deklariertest du es als Geheimnis, dein Geheimnis, und ich durfte es nicht hinterfragen, hätte das doch bloß bedeutet, ich würde dich nicht lieben. Das war dein Vorwurf, noch jedes Mal, wenn du deine Geheimnisse in Gefahr geraten sahst. „Du musst das nicht verstehen“, sagtest du anlässlich jeder Irritation, wenn mir deine Handlungen ein Rätsel aufgaben, und genau das freute dich daran, denn es war ein weiteres Geheimnis, das ich nicht ergründen konnte, das ich nicht ergründen durfte.<br />
Du öffnetest dich nur in kleinen, penibel abgegrenzten Stücken, du teiltest mir nur mit, was du mir mitteilen wolltest, all die guten Dinge, die schönen Seiten, all das, von dem du dachtest, es würde dich am besten präsentieren, und spartest dir den Rest für einen anderen Tag, der jedoch niemals kam. Das war deine Vorstellung von Kommunikation. Stets hieltest du etwas vor mir zurück, vermiedest die offene Diskussion, ja, jede Konfrontation, weil dies für dich zugleich bedeutete, sich einer möglichen Verletzung frei zu offenbaren, die dir so unvermeidlich schien, wenn dein Geheimnisbunker dich nicht mehr beschützt. Dein Verhalten, dessen Selbstschutz dich so isolierte, rationalisiertest du für dich mit der umgekehrten Fantasie, mir damit einen Dienst zu tun, da jede Offenlegung deiner selbst für mich vielleicht verletzend sei. Du hattest so viel Angst vor diesen Chimären, so viel Furcht vor Fraktur, dass du die wirklichen Verletzungen gar nicht wahrgenommen hast, die deine forcierte Geheimniskrämerei letztendlich dir und mir zufügte.<br />
Aber wer von uns war es nun, der nicht liebte? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, so sagt man, und was du für dich aus diesem Sprichwort mitnahmst, das war die Vorstellung, bei Liebe handele es sich um eine Art von Krieg. Jedes Geheimnis, das du mir offenbartest, stellte für dich ein kapitulierendes Eingeständnis dar, eine verlorene Schlacht, eine schleichende Verschiebung der Front hin zu dir, was am Ende zu deiner Niederlage in diesem Krieg führen würde und führen müsste, denn es war ja Liebe, und Liebe war Krieg, und Krieg bedeutete, dass einer am Ende der Verlierer sei. Du warst nicht gewillt, dich wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen, sonst hättest du gewusst, dass du dein Spiel mit den Geheimnissen doch gar nicht brauchst, damit dich jemand liebt. Du machtest dich durch sie bloß künstlich interessant. Alles an dir verstecktest du in einem Panzerschrank, und du wachtest über ihn mit Kerberos&#8217; Verbissenheit, weil in dir die Befürchtung wuchs, ich würde dich ganz unbarmherzig ausplündern und zurücklassen, wenn ich denn erst den Code zu deinem Leben weiß. Begreifst du, dass das keine Liebe ist? Du hegtest nie den Wunsch, von mir verstanden zu werden, du wolltest dich nie öffnen, nie unsere Welten miteinander teilen. Das ist das Gegenteil von Liebe. Immer hattest du die Furcht, ich würde dich verlassen, wären da nicht mehr die Geheimnisse an dir, die mich für alle Ewigkeit wie einen fanatischen Schatzsucher an dich binden. Hättest du dich wirklich auf mich eingelassen, hättest du verstanden, was denn wirklich Liebe ist, dann hättest du den Köder nicht gebraucht. Liebe braucht keine Geheimnisse. Liebe akzeptiert Geheimnisse, aber sie hat sie nicht nötig, weil es für Liebende ohnehin auf ewig Neues zu entdecken gibt, solange man einander liebt. Liebe sucht, entdeckt, erforscht, ohne dass du etwas wegschließen musst, weil der geliebte Mensch an sich doch das Geheimnis ist, das Liebende so gern ergründen, solange ihre Liebe währt. Noch heute hoffe ich für dich, dass du das irgendwann verstehst.</p>


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		<title>Für die Ewigkeit</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Feb 2010 12:26:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-754" title="The Safehouse" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/02/3973516097_3a6d9f5c29.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/3973516097/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
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<p>Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit ist von stetiger Entbehrung geprägt worden und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld für das, was sie Familie nannte, zu verdienen. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie recht bald wieder verlieren würde. Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür genutzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben selten bloß geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.<br />
Vor zwei Tagen, als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar so etwas wie Euphorie. Spät am Abend, die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste, stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß beiläufig, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und all die Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.<br />
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem von ihnen, zu dieser unglücklichen jungen Frau darauf, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.</p>


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		<title>Mit Einsamkeit allein</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Feb 2010 13:04:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Sie ist ein Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint. Man sieht sie selten schlecht gelaunt, sie ist so klug wie wunderhübsch, sie ist beliebt und diese Welt liegt ihr zu Füßen, denn wo sie weilt, wird sie verehrt. Ohne dass sie je ein Wort verlieren muss, werden ihr in Straßenbahnen Plätze angeboten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-705" title="The Lonely Trinity" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/02/The-Lonely-Trinity.jpg" alt="" width="500" height="339" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/2945608377/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Sie ist ein Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint. Man sieht sie selten schlecht gelaunt, sie ist so klug wie wunderhübsch, sie ist beliebt und diese Welt liegt ihr zu Füßen, denn wo sie weilt, wird sie verehrt. Ohne dass sie je ein Wort verlieren muss, werden ihr in Straßenbahnen Plätze angeboten, Männer halten ihr die Türen auf, wo immer sie auch geht, und jede Party scheint sich irgendwann um sie zu drehen. Sie ist nicht extrovertiert, aber auch nicht schüchtern, und es gelingt ihr mit einer beiläufigen Leichtigkeit, Kontakt zu neuen Menschen herzustellen. Die ganze Welt liegt ihr zu Füßen, doch was hilft ihr das, wenn diese Welt sie nicht versteht?<br />
Es gibt Menschen, die sind gerne allein. Niemand ist gerne einsam. Wenn du in einem Bahnhof stehst, umringt von all den Reisenden, wenn du durch eine Großstadt gehst, belebt und laut und voll, wenn du auf einer Party tanzt, die alle froh zu machen scheint, dann kannst du trotzdem einsam sein. Wenn du für dich zuhause sitzt, Gesellschaft nur ein Buch, wenn du spät nachts im Wald spazierst, kein Mensch ist weit und breit, wenn du als Astronaut im Weltraum schwebst, so weit von anderen entfernt wie keine zwei auf dieser Welt, dann musst du gar nicht einsam sein, bloß weil du just alleine bist. Die gern am Rand und etwas abseits stehen, die man gemein für einsam hält, die sind doch häufig nur allein, und die, die keck zu einer Gruppe gehen, aus der sie niemand flüchtig kennt, die plagt nicht selten Einsamkeit. Ein Paar, das uns an manchem trüben Tag wie Zwillinge erscheinen mag, hier das Alleinsein, dort die Einsamkeit, und doch sind beide nicht verwandt. Du kannst allein und dennoch gar nicht einsam sein, so wie du dich vor dem Alleinsein fürchten kannst, weil deine Einsamkeit dich quält, und sogar Pärchen finden sich zusammen, nur um der Angst vor dem Alleinsein zu entgehen, und bleiben dann gemeinsam einsam.<br />
Ein Mensch, der in der Großstadt wohnt, braucht bloß durch seine Wohnungstür hinauszugehen, um dann nicht mehr allein zu sein. Einsamkeit kennt keine solchen Türen. Einsamkeit ist eine Mauer ohne Tür, ein Wall, den in uns niederzureißen nur wenige Menschen wirklich imstande sind. Die Einsamsten, das sind nicht zwingend jene, die ihre Zeit allein mit einem Buch verbringen, die freitagabends meist zuhause sind oder die selten nur auf Partys gehen. Die Einsamsten, das sind wohl die, die ständig in Gesellschaft sind, um nie mit sich allein zu sein, als würde ihre Einsamkeit dadurch getilgt, die beim Versuch sich unablässig ruinieren, die Einsamkeit zu überspielen, als würden sie mit ihren Armen schlagen, weil diese Hoffnung sie verführt, sich dadurch in die Luft zu schwingen. Die Einsamsten sind manchmal die, die du im Morgengrauen ganz unbeschwert beim Tanzen siehst, die auf den Partys gutgelaunt im Zentrum stehen, die auf dich wirken, als sei die Welt ihr treuer Untertan.<br />
Sie ist eine von ihnen. Nie steht sie am Rand, stets ist sie Mittelpunkt. Nur selten ist allein zu sein der Grund für wahre Einsamkeit. Gesellschaft aber, also gerade nicht allein zu sein, das ist für sie genug, um ihre Einsamkeit zu spüren, weil die, wenn sie alleine bleibt, von ihr kaum wahrgenommen wird. Solange sie im Dunkeln steht, kann sie die Spinne gar nicht sehen, die vor ihr auf dem Boden sitzt, erst wenn das Licht den Raum erhellt, verfällt sie ihrer Panik. Der stete Rat an all die Einsamen auf dieser Welt, doch einfach öfter auszugehen, verfehlt den Kern des wirklichen Problems noch um die Größe eines Kontinents, denn diese Lösung ist ein Netz, das das Alleinsein zwar noch trägt, doch unter Einsamkeit zerreißt. Sie jedoch glaubt daran wie an ein Heilsversprechen, wie ein Märtyrer an die Seligkeit. Obwohl die Einsamkeit ihr jedes Mal am quälendsten erscheint, nachdem sie unter Menschen geht, verfolgt sie diese Strategie; sie möchte nicht alleine sein, weil sie allein zu sein als Auslöser der Einsamkeit versteht.<br />
Tag um Tag geht sie nun aus, sie feiert, tanzt und trinkt, als sei sie völlig unbeschwert, sie baut aus Menschen einen Kokon, der sie beschützen, wärmen soll, sie zwingt ihr Leben in die Nacht. Ihre Bemühungen werden zahlreicher, ihre Bemühungen werden verbissener, sie fällt in Richtung Erde und rudert immer schneller mit den Armen, doch ihr Problem bleibt stur bestehen. Wenn sie auf einer Party lacht und sich ganz eifrig unterhält, wenn sie in eine Disco geht, wo sie noch bis zum Morgen tanzt, wenn sie in angefüllten Sälen sitzt und plötzlich merkt, dass nichts davon sie je berührt, wenn sie im Stillen dann für sich begreift, dass sie im Augenblick zwar nicht alleine ist, sich jedoch völlig fremd vorkommt, dann scheint es ihr, in einer Welt für sich Gefangene zu sein. Wie in einer Schneekugel ist sie von allem Äußeren getrennt und sie muss feststellen, dass sie nicht ausbrechen, nicht fliegen kann, wie heftig sie auch mit den Armen zu schlagen versucht, doch spornt der Misserfolg sie bloß noch mehr an. All ihre Energie vergeudet sie in diesen sinnlosen Schlachten, sie führt Stellvertreterkriege gegen das Alleinsein und sie reibt sich dabei auf, sodass für die Momente, in denen Einsamkeit sie überkommt, von ihrer Kraft nichts mehr vorhanden ist. Schutzlos steht sie diesen bedrückenden Augenblicken gegenüber, die in ihr das bittere Gefühl erwecken, der einsamste Mensch auf dieser Welt zu sein. Also erhöht sie ihre Bemühungen, opfert weiterhin Energie, solange sie diese Momente noch spüren kann, in denen sie sich einsam fühlt, sie möchte diese störenden Gefühle unter einem Teppich der Unterhaltung und guten Laune begraben, will jede einzelne Sekunde ihrer Tage in Gesellschaft verbringen, denn sie möchte nicht an ihre Einsamkeit erinnert werden können, sie möchte nicht mit ihrer Einsamkeit alleine sein. Rastlos wird sie und scheint unbeschwert, denn sie ist überall präsent, hat stets ein Lächeln im Gesicht, sie ist für alle bloß das Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint, und ist dabei zwar nie allein, doch bleibt sie allzeit einsam.</p>


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		<pubDate>Sat, 30 Jan 2010 13:05:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/752319396/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
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<p>Weißt du, was mir das Herz zerreißt, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, und jeden Abend, wenn ich mich schlafen lege? Ich fühle mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren, und nicht nur das, als sei der Fahrer hastig ausgestiegen, um sich das Unglück näher anzusehen, hätte sich wieder hinters Lenkrad begeben, kalt den Rückwärtsgang gewählt und mich erbarmungslos zerquetscht, womit er schließlich noch ganz sicher gehen will, dass ich von hier nie wieder aufstehen würde. Während es mir das Herz zerreißt, zerreißt du nur meine Briefe, als wären es längst beglichene Schuldscheine aus einer klammeren Vergangenheit. Überhaupt behandelst du mich, als sei es eine ruinöse Quartalsabrechnung, die du nun mit mir durchführen musst, eine emotionale Insolvenz, die mit den Worten endet: Wir müssen Sie leider entlassen, aber nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ja, wie denn sonst?<br />
Du konntest so schnell Anschluss finden, nachdem wir auseinander brachen. Wenige Stunden danach kehrtest du zurück zum unbeschwerten Tagesgeschäft, du trafst dich mit deinen Freundinnen und Freunden, du konntest lachen und du gingst abends fröhlich aus, so als hätte es diese Verbindung zwischen uns niemals gegeben. Mich hingegen warf es aus der Bahn, tagelang aß ich nicht genug, wochenlang schlief ich nicht sehr viel, monatelang war ich eine andere Person und noch für Jahre wirst du in Gedanken immer bei mir sein. Für dich aber war es, als würdest du umsteigen. Du verließt den Zug, mit dem du bis hierher gekommen warst, und wo dieser Zug ohne dich dann hinfahren würde, was weiterhin mit ihm geschah, das war dir egal, denn du stiegst bloß in einen neuen. Kein Blick zurück, für dich war jeder Zug so gut wie jeder andere, und falls der alte Zug entgleist, nachdem du ausgestiegen bist, dann umso besser, dass du ihn rechtzeitig verlassen hast. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, doch du standst da wie eine Wächterstatue, gleichmütig und unerschütterlich. Tag um Tag starrte ich für Stunden auf das Postfach meiner Mails, jede SMS, die ich bekam, versetzte meinem Herzen einen hoffnungsfrohen Schock, und wenn es klingelte, dann rannte ich zur Tür. Ich wusste, ich wartete vergebens, denn du warst schon längst weitergezogen, und dennoch konnte ich nicht aufhören, vergebens auf dich zu warten. Meine Gefühle kochten über und du nahmst deine ungerührt vom Herd, du stelltest sie nicht einmal auf die Warmhalteplatte. Du sagtest zu mir mit naiver Ernsthaftigkeit in der Stimme, ich solle meine Gefühle für dich ganz einfach vergessen, und du konntest und kannst noch immer nicht verstehen, wie ich, wie irgendjemand Gefühle hegen kann, die sich nicht einfach wie das Licht beliebig ein- und ausschalten lassen. Einfach, für dich war alles einfach. Wie machst du das und wie konntest du je lieben, wenn du Emotionen so stark unter rationale Kontrolle zwingst?<br />
In deinen Augen haben wir uns zu unversöhnlichen Gegenspielern entwickelt. Was zwischen uns geschah, das ist für dich zu einer Übung in Logik verkommen, ein Debattierclub zu zweit, in dem gewinnt, wer seinen Gegner argumentativ zu Boden wirft. Du bist darin verbissen unerbittlich, weil du die Deutungshoheit über das Geschehene verlangst. Wir waren für den jeweils anderen zu tragenden Wänden seines Lebens geworden, und während mein Haus nun in den Trümmern des Vergangenen liegt, hast du sie eingerissen, als wären sie aus Pappmaché. Mit rücksichtsloser Präzision platziertest du Sprengstoff an allen Brücken, die wir uns zuvor mit Mühe erbaut hatten, damit die Welt für uns begehbar war, und als sie am Ende hinter dir zerfielen, stand ich noch immer drauf. Du hättest all das nie so ernst genommen, sagst du heute kalt zu mir, weil es von Anfang an mir wichtiger gewesen sei als dir, was wir uns beide dort errichteten, und bekenne ich dir dann, dass du für mich auf ewig unvergleichbar bleiben wirst, erwiderst du in knappem Ton, du seist doch bloß wie all die anderen. Hast du die Liebe je verstanden?<br />
Ich verkrieche mich in mir selbst, während du so beiläufig neue Kontakte knüpfst, als wäre nichts geschehen, als wäre dir jeder beliebige Mensch genug, um mich ganz gleichgültig zu ersetzen. Während du für mich die eine Schneeflocke bist, die ich kein zweites Mal auf dieser Erde finden werde, wurde ich für dich zu einem austauschbaren Wassertropfen, der völlig unsichtbar im Meer vergeht. All die Eigenheiten unserer Beziehung, die mir für uns so exklusiv erschienen, die kleine Welt, die einmal unsere eigene war, teilst du so unbekümmert mit mir Unbekannten, als hätte sie dir nie etwas bedeutet. Jene Magie, die einmal zwischen uns bestand und die noch immer in mir wirkt, ist nun für dich bloß fauler Zauber, an dem du dich mit einer Verve vergehst, die mir zerstörerisch erscheint. Was dir einst wichtig war und mir stets ist, das ist für dich wie ausgelöscht. Du tust, als sei da kein Gefühl, und dieser Part liegt dir so gut, dass ich mich manchmal frage, ob das nun wirklich Schauspiel ist oder ob Liebe denn für dich schon immer bloß die Rolle war. Was mir das Herz zerbricht, das ist, dass deines keinen Kratzer trägt.</p>


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		<title>Wenn du in einen Abgrund blickst</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 16:29:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartungen]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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		<description><![CDATA[Harold Lloyd „Wieso bist du hier?“ „Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“ „Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“ „Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-509" title="post-apocalyptic teddy " src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3940469591_f5f08d89fa.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/safetylast/3940469591/"><span>Harold Lloyd</span></a></p>
</div>
<p>„Wieso bist du hier?“</p>
<p>„Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“</p>
<p>„Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“</p>
<p>„Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“</p>
<p>„Er war nicht glücklich.“</p>
<p>„Deine gewohnte Überheblichkeit, mein Freund. Nein, er war nicht glücklich, aber war nie so unglücklich wie jetzt, nach alledem, was du ihm angetan hast.“</p>
<p>„Was ich ihm <em>angetan</em> habe? Du bist so selbstgerecht wie eh und je. Ich war für ihn Prometheus!“</p>
<p>„Du warst für ihn Pandora.“</p>
<p>„Ich gab ihm Hoffnung…“</p>
<p>„Enttäuscht!“</p>
<p>„…ich gab ihm Zuversicht …“</p>
<p>„Ernüchtert!“</p>
<p>„…ich gab ihm Glauben an das Gute.“</p>
<p>„Und was hat es gebracht? Was hat es ihm gebracht?“</p>
<p>„Er führt endlich ein Leben, ein richtiges Leben. Was für ein Leben war es denn zuvor, bevor ich kam, als er noch fügsam auf dich hörte? Was waren deine Leistungen für ihn, was hast du Gutes je für ihn getan? Du hast ihn mit dem Wahn infiziert, die Welt habe ihm nichts, aber auch gar nichts zu bieten, hast ihn entmutigt und ihn mitleidig beschworen, sich hinter einer Mauer zu verstecken, die du bereitwillig für ihn errichtet hast. Alles, was er sah, das war für ihn nur schlecht, böse und es nicht wert, sich darauf einzulassen.“</p>
<p>„Bis du kamst, nicht wahr, und ihm gesagt hast, er brauche nur in das Gute zu vertrauen, und das Gute würde geschehen. Oh, du Narr! Er war naiv genug, um dir zu glauben, doch was bekam er dann dafür? Enttäuschung, Wut, Verzweiflung. Es hat sich nie gelohnt. Das Gute, das du ihm versprachst, hat er bis heute nicht gesehen.“</p>
<p>„Er wird es sehen und das Warten wird sich für ihn lohnen, wenn er bloß jetzt nicht resigniert, wenn er sich Offenheit bewahrt und nicht in seinem Gram verschließt. Bleib von ihm fern, und auf lange Sicht wird alles gut.“</p>
<p>„Das Warten, das Warten, das Warten. Wie lange soll er denn noch warten? Schau ihn dir an, er hat genug vom Warten. Wer kann es ihm verübeln? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vertröstest du ihn mit diesem vorlauten, hanebüchenen Optimismus, er müsse nur Geduld haben, und das Gute werde ihn ereilen. Nie hat er irgendwas davon gesehen, bis heute wurde es nicht wahr. Zum Teufel mit der Geduld! Zum Teufel mit der Offenheit!“</p>
<p>„Du wirst ihn nicht wieder bekommen. Er ist ein besserer geworden.“</p>
<p>„Ach ja? Wie war er denn, bevor du ihn verführen kamst?“</p>
<p>„Zynisch. Er war ein Pessimist, er hatte keinerlei Erwartungen an die Welt, denn da warst du und hast sie ihm genommen.“</p>
<p>„Aber du gabst ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen…?“</p>
<p>„Ganz recht, ich gab ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen, während du ihm alles nahmst.“</p>
<p>„Du gabst ihm Luftschlösser, Träume und Illusionen! Du hast ihm die verbotene Frucht präsentiert und er, er hat sie sich genommen. Hat sich eine seiner Erwartung erfüllt, die du in ihm gesät hast? Irgendeine? Sein Unglück, das ihn nun so quält, was glaubst du wohl, woher es rührt? Jede ernsthafte Erwartung wurde enttäuscht, jede aufrichtige Hoffnung, jedes offene Vertrauen. Wo du auftrittst, endet es immer wieder gleich. Quellen der Pein sind alles, was du ihm gegeben hast. Das ist sein Unglück! Ohne dich hätte er all das Leid nie erfahren, und er lebte gut so, bevor du anfingst, alles zu zerstören.“</p>
<p>„Ja, denn das war deine Lösung für ihn: Leere. Natürlich, er konnte nicht enttäuscht werden, wenn er keinerlei Erwartungen hegte, aber kann ein Mensch so je glücklich werden? Er wird sein Glück nur finden können, wenn er das Risiko wagt, von Zeit zu Zeit enttäuscht zu werden. Du aber hast ihm alles genommen, für das es sich zu leben lohnt. Er hatte keinerlei Hoffnung für die Zukunft. Es gab niemanden, dem er sein Vertrauen schenkte. Kein Mensch war ihm wichtig, die Welt für ihn ein schlechter Ort. Und du besitzt die Unverschämtheit, es zu wagen, das ein gutes Leben zu nennen, was er da führte?“</p>
<p>„Ein besseres als du es ihm geschaffen hast. Zynismus hat ihn nie so hart enttäuscht wie du. Früher war er stärker, früher hatte er sein Bollwerk gegen die Welt. Doch dann kamst du, mein Freund, der edle Befreier, und du erst hast ihm eingeredet, er könne so nicht leben, das mache ihn nicht glücklich, er solle alle Tore seiner Festung öffnen, um das Gute in sein Leben ziehen zu lassen. Aber was kam wirklich durch die Tore? Sieh ihn dir an! Er ist unglücklicher als je zuvor.“</p>
<p>„Er kann nicht einfach wieder zurückgehen, nicht nachdem er so weit gekommen ist. Wenn er die Hoffnung fahren lässt, ist er so gut wie tot, das siehst auch du. Ich zeige ihm das Leben, <em>du</em> zeigst ihm bloß Verzweiflung.“</p>
<p>„Ich zeige ihm, wie er Verzweiflung aus dem Weg geht, die <em>du</em> erst in sein Leben gebracht hast. Er hat genug von dir. Seine Geduld ist am Ende, deswegen bin ich hier. Er wird dich nicht länger beschützen. Du hattest deine Chance und du hast versagt.“</p>
<p>Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird, schreibt Nietzsche, und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.</p>


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		<title>Ein Eiland weit, allein im Meer</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Jan 2010 13:52:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
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		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Wünschst du nicht auch manchmal, du fändest eine Insel? Wenn du dich schlafen legst und das nicht kannst, wenn du durch Straßen einer Großstadt gehst, wenn du in fremde Augen blickst, dann tust du es vielleicht. Ein Ort, der nirgendwo verzeichnet ist, ein Platz fernab jedem Gewühl, ein Unterschlupf, der dich mit Kraft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-639" title="Eiland" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3021011076_611a3780f9.jpg" alt="" width="500" height="385" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/3021011076/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Wünschst du nicht auch manchmal, du fändest eine Insel? Wenn du dich schlafen legst und das nicht kannst, wenn du durch Straßen einer Großstadt gehst, wenn du in fremde Augen blickst, dann tust du es vielleicht. Ein Ort, der nirgendwo verzeichnet ist, ein Platz fernab jedem Gewühl, ein Unterschlupf, der dich mit Kraft versorgt, mit Glück und Mut und Euphorie, ja, ein Idyll, das nur für dich dein Eden ist. Suchst du das auch?<br />
In all dem Chaos dieser Welt, da fand ich eine Insel. Wenngleich sie keinen Goldschatz barg, so ist sie doch, was ich für mich als Reichtum mag. Ein Eiland fand ich und erkor es mir zum Paradies. Zwar schuf der Mensch sich Königreiche mit Palast, sah Dynastien und goldene Zeiten, doch nichts hat je so großen Wert wie dieser Flecken Land gehabt. Wie ein Schiffbrüchiger bin ich durch Zufall hier gestrandet, gewiss, doch für nichts auf dieser Erde ginge ich von hier je wieder fort. Nicht die Herrschaft über den Planeten, nicht das Geld aus allen Banken kann ersetzen, was diese Insel mir so friedlich schenkt. Es wird nach mir gesucht werden, befürchte ich, um mich zu retten - doch meine Rettung habe ich bereits gefunden, sie liegt hier und nirgends sonst. Man wird mich für verloren erklären und nie erfahren, wie falsch man damit doch in Wahrheit liegt, denn alles, was es sich zu finden lohnte, finde ich hier. Alleine kraft einer glücklichen Strömung setze ich endlich einen Fuß auf diesen Strand. Was ich hier fand, das ist ein Eiland weit, allein im Meer, das ich zu meiner Heimat nahm, weil eine bessere die Welt mir niemals bieten kann. Was ich hier fand, das ist für mich ein Jungbrunnen, und mag der Begriff durch all die schäbigen Romane, in deren Kitschhölle er brennt, auch noch so abgeschmackt erscheinen, kann ich es doch nicht anders ausdrücken als so, mit diesem Wort.<br />
Ist es Isolation, mich nun an diesen Ort zurückzuziehen? Vielleicht verschließe ich die Augen vor der Welt, doch hier erst wuchsen mir die Augen, dank derer mir die Welt beachtenswert erscheint, und hier erst nehme ich die Farben wahr, die schillernd alles kleiden, während sich vormals meine Umwelt bloß in Grau ertrank. Keine Legenden und keine Erzählungen vermögen die Einzigartigkeit dieses wunderbaren Ortes angemessen zu beschreiben, denn er ist undenk- und gar nicht vorstellbar, solange man nicht selbst sein Leben hier verbringt. All jene Belanglosigkeiten, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens wünscht, verlieren vollends an Bedeutung, wenn man die Schönheit und die Wunder dieser Insel einmal kennt. Es gibt hier alles, was ein Mensch zum Überleben braucht, zum Leben gar, nicht bloß zum Existieren. Was ich hier fand, ist eine Insel jenseits aller Schifffahrtsrouten. Ein Stück der Welt, das jeder Karte sich entzieht, noch Kartografie an sich unmöglich macht, ein Platz, der keine Grenzen kennt und keine Mauern, der blinde Ortskenntnis verlangt und an zwei Tagen nie der gleiche ist, ein Land so weit von aller Zivilisation. Keinen Armeen, keinen Legionen, keinen Heerscharen dieser Welt, wie groß und mächtig sie auch sein mögen, wird es gelingen, hier je roh einzufallen und alles zu zerstören. Sie haben es versucht und sie sind jedes Mal gescheitert. Während die größten Reiche untergehen, hat diese Insel hier bestand. Schon Troja fiel, als Paris dieses Eiland fand. Hier lebt, was allseits sonst bereits im Sterben liegt. Hier wächst, was auf dem Rest der Welt verdorrt. Vielleicht ist dieser Ort ja voll Magie, denn alle Kräfte scheinen hier viel mehr noch als sie selbst zu sein. Entgegen einer Welt, die mehr und mehr in Argwohn zu versinken droht, ist diese Insel hier ein Sanktuarium des völligen Vertrauens. Immer und immer wieder gelingt es den Eigenarten dieser Insel, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zeichnen, und noch in der dunkelsten Stunde der Trauer finde ich hier etwas, das mich die Welt umarmen, das sie liebenswert erscheinen lässt. Alles, was es wert ist, gewusst zu werden, habe ich hier gelernt und lerne ich hier noch heute.<br />
Hast du solch einen Platz je zuvor für dich gefunden? Wenn ich jemals von hier fortgehen, wenn ich die Insel eines Tages nun verlassen müsste, ich wüsste nicht, ob ich es überleben würde. Was hat die Welt mir Gutes noch zu bieten, wenn dieser Ort mir nicht mehr bleibt? Und wo er liegt, fragst du dich nun? Das Eiland, das schufst du.</p>


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		<title>Havarie</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jan 2010 20:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
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		<description><![CDATA[Als ich die Worte zum ersten Mal aus seinem Mund vernahm, fand ich es furchtbar flach: »Wir alle brauchen manchmal einen Lotsen, selbst der beste Kapitän«. Dieser alles und nichts sagende Satz, diese inhaltsleere Belanglosigkeit war einer seiner Lieblingssprüche, sein Mantra, seine Lösung für alles und seine Lösung für jeden. Nun, für fast jeden, muss ich sagen. Er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-345" title="Havarie" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/Havarie.jpg" alt="" width="500" height="333" /></p>
<p>Als ich die Worte zum ersten Mal aus seinem Mund vernahm, fand ich es furchtbar flach: »Wir alle brauchen manchmal einen Lotsen, selbst der beste Kapitän«. Dieser alles und nichts sagende Satz, diese inhaltsleere Belanglosigkeit war einer seiner Lieblingssprüche, sein Mantra, seine Lösung für alles und seine Lösung für jeden. Nun, für fast jeden, muss ich sagen. Er selbst, der große Kapitän, schien keinen Lotsen nötig zu haben, auf keiner Reise seines Lebens, nein, im Gegenteil, stets bot er sich anderen als Beistand an, so als sei er der einzige, der verstanden habe, wo im Leben die Untiefen liegen und welche unsicheren Gewässer es zu meiden gilt. Es war ein Satz wie einer dieser unerträglich optimistischen Kalendersprüche, die Unzufriedenen das Leben etwas freundlicher gestalten sollen und in ihrer Botschaft so belanglos, so stupide sind, dass niemand je etwas Vernünftiges dagegen einzuwenden vermag. Was hätte jemand auch gegen diesen Satz einwenden sollen? Er war ja richtig. Das war es, was mich daran zur Weißglut brachte. Ausgerechnet er musste es sein, der mir diesen bedeutungslosen Satz mit einer Ernsthaftigkeit vorpredigte, als wüsste er genau, worum es überhaupt im Leben gehe und wie man es sich einzurichten habe. Er wähnte sich nicht nur als stolzer Kapitän seines eigenen, windschnittigen Lebens und Lotse der Leben aller anderen, sondern gleich als Kartograf für Leben überhaupt. In meinen Augen war er ein arroganter, chauvinistischer Idiot.<br />
Mit der Zeit fing ich an, diesen Satz zu hassen, und dadurch letztlich auch ihn selbst. Er machte mich rasend, zumindest innerlich, und ich musste mich schier beherrschen, ihm nicht offen ins Gesicht zu fauchen. Mit einer gelassenen Regelmäßigkeit wagte er es hin und wieder, diese Plattitüde in Diskussionen einzustreuen, die er mit mir führte, den Satz zu variieren, ihm ein Trojanisches Pferd als Vehikel zu konstruieren und ihn einer Metapher unterzuschieben, damit die Worte nachts hervorkommen und in meinem Kopf ihre Wirkung entfalten konnten. Wenn er sich mit anderen unterhielt, während ich dabei stand, oder wenn wir in einer Gruppe unterwegs waren und er jemandem diesen Tipp, diese Nichtigkeit zuteilwerden ließ, blickte er mit einem süffisanten Lächeln in meine Richtung, so als wollte er ganz sicherstellen, dass ich den Satz auch zweifellos vernommen hätte. Warum war es ihm so wichtig, mir diesen Satz immer und immer wieder unter die Nase zu reiben? Es kotzte mich ehrlich gesagt an. Ich war doch Kapitän meines eigenen Lebens und ich brauchte keinen Lotsen! Schon gar nicht ihn! Was also wollte er mir mit diesem dümmlichen Satz sagen, was passte ihm nicht an mir? Ich verstand es nicht und ich wusste nicht, ob ich es überhaupt verstehen wollte.<br />
Selten hatten wir in den folgenden Monaten miteinander zu tun, nur dann und wann trafen wir uns rein zufällig, und so auch an Silvester. Wir plauderten ganz oberflächlich über dies und jenes, denn auch ihm musste aufgefallen sein, dass unser Kontakt sich verringert hatte. Bei einem Bier erzählte ich ihm kurz von jenen Dingen, die mich zu dieser Zeit bewegten, belasteten, ganz normaler Alltagskram, und er sprach bloß leicht angetrunken von einem Schiff, das auf Grund laufen würde, wenn ihm ein Lotse fehlte, denn schließlich bräuchte selbst der beste Kapitän manchmal einen Lotsen und so weiter. Mir war klar, dass er mich meinte. Ich würde mit meinen Problemen auf Grund laufen, wenn nicht er, der große, allwissende Lotse mich retten würde. Arschloch! Er kam sich in diesem Moment sicher unglaublich lustig und überlegen vor, und es war wieder einmal typisch für ihn, der glaubte, ich hätte nur auf seine, gerade seine rettende Hilfe gewartet. Sah ich so aus, als hätte ich das nötig? Nein! Er konnte mich mal. Als er mir von seiner neuen Wohnung vorzuschwärmen begann, hörte ich ihm schon nicht mehr richtig zu. Völlig unverbindlich ließ ich mir das Versprechen abringen, ihn irgendwann einmal besuchen zu kommen, und verschwand sofort darauf im anonymen Trubel der Silvesterfeiernden. Ich sah noch, wie er mir nachwinkte. Er schien mit dieser Antwort glücklich zu sein, aber ich hatte nicht vor, ihn tatsächlich zu besuchen.<br />
Ein Jahr verging. Nur selten traf ich ihn in dieser Zeit und jedes Mal, wenn es geschah, kam die Erinnerung an jenen Satz. Ich vermied es schließlich vollends, ihn zu sehen, und ging ihm aus dem Weg. Es war keine bewusste Entscheidung, die mich dazu gebracht hatte, sondern dieses auf vage Art verunsichernde Gefühl, das mich überkam, wenn ich durch ihn an seinen Satz erinnert wurde. Ich ertappte mich dabei und fand es albern, konnte mich allerdings nie überwinden, ihn einfach anzurufen oder ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Mir fiel wieder ein, dass er in der Stadt eine neue Wohnung gefunden hatte und ich nun weder seine neue Anschrift noch seine Telefonnummer besaß. Das beruhigte mich, denn selbst wenn ich ihn erreichen wollte, so hätte ich es nicht gekonnt. Es lag nicht in meiner Macht.<br />
Er wiederum machte ebenso wenig Anstalten, sich bei mir zu melden, und so vergaß ich ihn fast, bis ich eines Tages im Supermarkt auf jemanden traf, den er mir einst als einen Freund vorgestellt hatte. Unschlüssig, ob ich diesen Freund einfach ansprechen sollte, blieb ich zwischen den Regalen stehen und überlegte, bis mir die Entscheidung abgenommen wurde und er seinerseits auf mich zukam. Von der Situation überrumpelt, entfuhr mir ein Hallo, er aber griff bloß nach einer Packung Cornflakes. Ich stand genau davor. Das war alles. Wortlos musterte er mich, bis ich ihn schließlich unbeholfen fragte, ob er sich an mich erinnere, wir hätten einen gemeinsamen Freund, und wo dieser gemeinsame Freund denn hingezogen sei. Sein Gesicht verriet mir, dass er mich erkannte. Zunächst erstaunt, dann bedrückt sah er mich an, bejahte, sah sich um, so als seien seine Worte für diesen Ort ungeeignet, und sprach in gedämpftem Ton:<br />
„Du weißt es noch gar nicht, oder? Man fand ihn vor… hm… knapp anderthalb Monaten in seiner Wohnung. Tabletten oder so. Er hatte sogar einen Abschiedsbrief geschrieben, na ja, mehr eine Abschiedsnotiz: »Ohne dich laufe ich auf Grund, aber du kommst nicht«. Seltsam, was? Niemand weiß, wen oder was er damit meinte.“<br />
Und da verstand ich seinen Satz.</p>


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		<title>Ein ungesühnter Mord</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 18:45:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Resignation]]></category>
		<category><![CDATA[Verzweiflung]]></category>

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		<description><![CDATA[Joe Shlabotnik Sie glauben, es sei primitiv und barbarisch, einen Menschen zu töten? Au contraire! Oh, bitte, denken Sie nicht an Schusswaffen, denken Sie nicht an Messer oder Gift, denken Sie nicht an Blut und all die brachialen Methoden des Tötens. Wagen Sie etwas mehr Fantasie. Meine Profession ist eine andere, ich bin spezialisiert auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="size-full wp-image-316 aligncenter" title="Emotion" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3342877736_374c327e7a.jpg" alt="" width="500" height="376" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/joeshlabotnik/3342877736/"><span>Joe Shlabotnik</span></a></p>
</div>
<p>Sie glauben, es sei primitiv und barbarisch, einen Menschen zu töten? Au contraire! Oh, bitte, denken Sie nicht an Schusswaffen, denken Sie nicht an Messer oder Gift, denken Sie nicht an Blut und all die brachialen Methoden des Tötens. Wagen Sie etwas mehr Fantasie. Meine Profession ist eine andere, ich bin spezialisiert auf Morde und Hinrichtungen einer graziöseren, weitaus versierteren Art.<br />
Haben Sie sich je überlegt, wie ungerecht die Welt an und für sich ist? Brechen Sie jemandem die Beine, und Sie kommen dafür vor Gericht. Brechen Sie aber jemandem das Herz, wird Sie kein Gericht der Welt dafür verurteilen. Und glauben Sie mir, der Effekt ist ein größerer, wenn Sie es bloß richtig anstellen. Stehlen Sie jemandem das Vehikel, und man wird Sie wegen Diebstahl verfolgen. Nehmen Sie hingegen jemandem die Träume, die er für sein Leben hegt, kommen Sie mit diesem Coup gänzlich unbehelligt davon. Oder zünden Sie jemandem das Haus an, brennen Sie es nieder, und man wird Sie wegen Brandstiftung belangen. Vernichten Sie aber das Glück, das einer hat, wird Sie niemand dafür zur Verantwortung ziehen wollen. Verstehen Sie, worauf ich hinaus möchte? Mein Metier ist eine Kunst. Jemanden mit einer Waffe zu erschießen oder zu erstechen, ihn zu überfahren oder zu vergiften ist einfach und armselig, jeder Tölpel könnte es, auch wenn zur Umsetzung dieser Tat ein höchstkomplexer Plan dahinterstecken mag. Die Tat selbst aber ist eine primitive und diese Zunft nicht die meine. Meine Morde sind innerlich, gleichsam kunst- wie anspruchsvoll und äußerst effektiv. Niemand bemerkt sie, außer dem Ermordeten, und niemand kann sie mir je nachweisen, keine Strafverfolgungsbehörde würde je deswegen gegen mich ermitteln, denn alles, was ich tue, ist legal, ich verstoße gegen keinerlei Statuten. Dafür erfordern meine Taten ein wesentlich höheres Maß an Fingerspitzengefühl, an Fantasie, an Kunstfertigkeit und an Unbarmherzigkeit als ein normaler Mord. Man muss an das Opfer herankommen. Nicht physisch, nicht geografisch. Es ist leicht, Personenschutz, Mauern und Wachsysteme zu überlisten, geht man nur mit genug Entschlossenheit an einen Mord heran, aber die Schutzsysteme, die meine Aufmerksamkeit erfordern, sind weitaus schwieriger zu überwinden. Ich spreche von Vertrauen, das in einer langwierigen Interaktion erst einmal geschmiedet werden muss, es geht um eine Beziehung, die ich zu meinem Opfer aufbauen muss, um schließlich seine inneren Verteidigungsmaßnahmen elegant zu bezwingen. Kein Personenschutz der Welt kann meine Opfer davor schützen, keine kugelsichere Weste fängt meinen tödlichen Schuss ab, wenn es so weit ist.<br />
Sie glauben vermutlich, ein physischer Mord sei wirksamer, aber da täuschen Sie sich. Menschen sind solch zerbrechliche Wesen. Ich glaube, die meisten von ihnen verkraften mehr körperlichen Schaden als innerliches Leid, als seelischen Schmerz, wenn Sie es so nennen möchten. Ein falsches Wort zur richtigen Zeit, ein Schweigen, wenn Worte erwartet werden, eine noch so kleine Handlung, die deplatziert erscheint, ein sinnbildlicher Dolchstoß, und der Mensch wird nie wieder so sein wie je zuvor. Er verliert vielleicht seinen Optimismus, seine Lebensfreude, sein Lachen, sein Vertrauen oder seine Offenheit. Ein echter Mord schließt ab, der Mensch ist tot, requiescat in pace. Einen Menschen aber, den ich im Inneren ermorde, tötet das nicht wirklich, zumindest nicht sofort, er muss damit weiterleben, für den Rest seiner Tage. Ich habe Ehemänner und Ehefrauen umgebracht, indem ich sie verführen ließ, indem ich ihre Familien, ihr Glück, ihre Beziehungen zerstörte. Ich habe Menschen getötet, indem ich sie über Monate mit der großen Liebe lockte, in ihnen epische Gefühle provozierte, um sie dann einfach damit sitzenzulassen. Ich habe Ehrgeizige umgebracht, indem ich ihre Karriere zerstörte, und Eltern, indem ich ihre Kinder korrumpierte. Ich habe Menschen in den Abgrund gestoßen, indem ich ihr Vertrauen in die Zukunft erschütterte. All diese Taten sind für mich bloß eherne Routine, all in a day&#8217;s work. Nichts davon geschah auf einem illegalen Wege. Wie stehen Sie zu einer Welt, die all das ungerührt zur Kenntnis nimmt, die in ihrer Verachtung für Gewalt, Mord und Zerstörung so oberflächlich ist wie ein Großteil ihrer Menschen? Ich bin ein Assassine und meine Morde bleiben ungesühnt.</p>


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		<title>Zeit für Weisheit</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 14:28:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeduld]]></category>
		<category><![CDATA[Verzweiflung]]></category>
		<category><![CDATA[Weisheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Er kam zu mir in völliger Verzweiflung. Seine Kleidung sprach von Wohlstand und Prestige, aber der Ausdruck in seinem Gesicht war eine bedrückende Melange aus Angst, Hoffnung und völliger Orientierungslosigkeit. „Ich brauche Ihre Hilfe“, sagte er und stellte sich mir vor. „Sofern ich Ihnen helfen kann…“, erwiderte ich freundlich und bot ihm an, sich zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-314" title="(im)possible" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/tumblr_kqktegB9ZK1qzadf6o1_500_large.jpg" alt="" width="500" height="333" /></p>
<p>Er kam zu mir in völliger Verzweiflung. Seine Kleidung sprach von Wohlstand und Prestige, aber der Ausdruck in seinem Gesicht war eine bedrückende Melange aus Angst, Hoffnung und völliger Orientierungslosigkeit.</p>
<p>„Ich brauche Ihre Hilfe“, sagte er und stellte sich mir vor.</p>
<p>„Sofern ich Ihnen helfen kann…“, erwiderte ich freundlich und bot ihm an, sich zu setzen.</p>
<p>„Mein Leben gerät aus den Fugen. Ich weiß nicht mehr weiter, brauche Hilfe, jemanden, der mir sagt, was zu tun ist. Meine Freunde – die wenigen, die ich noch habe – schickten mich zu Ihnen. Sie seien ein weiser Mann, haben sie gesagt, ein Mann, der schon vielen geholfen habe, und ich möchte an Ihrer Weisheit teilhaben, ich möchte, dass Sie mir helfen, selbst ein wenig weiser zu werden.“</p>
<p>„Ich will sehen, ob ich Ihnen helfen kann, wenn Sie mir sagen, was Sie plagt.“</p>
<p>„Meine Arbeit bereitet mir große Sorgen. Vor kurzem wurde ich befördert, doch so richtig komme ich mit der Verantwortung nicht klar, die nun auf mir lastet. Meine Kollegen verspotten mich, meine Untergebenen respektieren mich nicht. Mein Einkommen steht auf dem Spiel, wenn ich diese Aufgabe nicht in den Griff bekomme.“</p>
<p>„Ist das alles?“</p>
<p>„Mein Sohn verhält sich distanziert. Er spricht kaum noch mit mir, lässt mich nicht an sich heran, bekommt in der Schule schlechtere Noten und er hat Freunde, die nicht gut für ihn sind.“</p>
<p>„Es wird sicher nicht einfach werden, aber beides können wir lösen.“</p>
<p>„Gut. Sehr gut.“ In seinem Gesicht nahm nun die Hoffnung überhand. „Da wäre noch meine Frau… Ich glaube, sie sieht einen anderen Mann. Unsere Ehe war nie perfekt, aber in letzter Zeit weiß ich nicht mehr weiter. Ich möchte sie nicht verlieren, ich liebe sie, ich liebe sie so sehr. Sagen Sie mir, was ich tun soll, und ich tue es, was immer es ist!“</p>
<p>„Mit Freude werde ich Ihnen helfen, aber ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie zu tun haben. Wir müssen Ihre Handlungen, Ihre Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand stellen. Wir müssen Ihre Erziehung und Ihre Erwartungen, Ihre Vorstellungen und Ihre Urteile hinterfragen. Wir müssen herausfinden, wie Sie denken und weshalb Sie denken, was Sie denken. Es wird ein mühsamer Weg werden, so viel kann ich Ihnen versprechen, aber wenn wir geduldig sind, werden Sie am Ende vielleicht etwas gelernt haben und, wie Sie es nennen, weise genug sein, um Ihre Probleme zu lösen.“</p>
<p>„Haben Sie mir nicht zugehört? Meine Frau…“</p>
<p>„Ich habe Ihnen sehr genau zugehört. Ihre Frau betrügt Sie, Ihr Sohn distanziert sich von Ihnen und Ihre Kollegen verspotten Sie, weil Sie Ihrer Arbeit nicht gewachsen sind. Wir können diese Probleme lösen, wenn Sie mir vertrauen. Ich will Ihr Lehrer sein, nicht aber Ihr Berater.“</p>
<p>„Mein Lehrer? Einen Lehrer kann ich nicht gebrauchen. Nicht meine Handlungen und Überzeugungen machen mir Sorgen, sondern meine Arbeit, mein Sohn und meine Frau.“</p>
<p>„Wenn Sie das so sehen, fürchte ich, müssen Sie jemand anderen um Hilfe bitten. Ich jedenfalls bin der Falsche für Sie. Viel Glück.“</p>
<p>Als er meine Absage nach einigen Sekunden begriff, verschwand die Hoffnung aus seinem Gesicht, die so fragil gewesen war, aber dann nickte er bloß und ging wortlos hinaus. Zwei Monate später kam er wieder, noch verzweifelter als zuvor.</p>
<p>„Ich war so ein Dummkopf, Ihr großzügiges Angebot damals abzulehnen“, klagte er, „denn meine Situation hat sich erheblich verschlechtert. Nur zu gerne nehme ich Ihr Angebot heute an. Bitte helfen Sie mir, aber zuerst müssen Sie mir sagen, wie ich diese Probleme in den Griff bekommen kann. Danach können wir uns hinsetzen und über meine Handlungen und meine Vorstellungen und all das sprechen, doch im Augenblick habe ich dafür keine Zeit. Meine Kollegen verspotten mich nicht länger nur, sie weigern sich ganz offen, meinen Anweisungen zu folgen. Viele von ihnen machen keinen Hehl daraus, es kaum erwarten zu können, mich endlich loszuwerden, und meine Vorgesetzten ziehen in Erwägung, mich endgültig zu entlassen, weil ich ihre Erwartungen auf ganzer Linie enttäuscht habe. Als ich meinem Sohn den Umgang mit seinen Freunden verbat, weil sie einen schlechten Einfluss auf ihn ausüben, verschlimmerte das unser Verhältnis nur noch weiter. Er kommt nun kaum noch nach Hause, er spricht fast gar nicht mehr mit mir. Was meine Frau angeht, engagierte ich einen Privatdetektiv, der mir Beweise für meinen Verdacht lieferte. Sie sieht jemanden, verbringt viel Zeit mit ihm, sie schläft mit ihm und ich bin dabei, sie für immer zu verlieren. Hören Sie, ich bin verzweifelt wie noch nie und mitten in der größten Krise meines Lebens. Was ich im Moment brauche, sind Ihre Ratschläge und eine konkrete Anleitung, wie ich dieser Probleme Herr werden kann, und zwar so schnell wie möglich. Wenn diese Schwierigkeiten gelöst sind, können wir uns in Ruhe meiner Person widmen und auf den Prüfstand stellen, was immer Sie möchten.“</p>
<p>„Ich fürchte, Sie haben mein Angebot noch immer nicht verstanden. Sie verlangen von mir, Vorgesetzter, Vater und Ehemann zu sein. Wie, denken Sie, sollte das Ihre Probleme lösen? Sie möchten, dass ich Sie an die Hand nehme, Ihnen mit Ratschlägen und Anleitungen zur Seite stehe, um Sie sicher durch diese Krise zu manövrieren, aber ich kann nicht immer Vorgesetzter in Ihrer Firma, Vater Ihres Sohnes und Ehemann Ihrer Frau sein. Sie müssen lernen, all das selbst zu sein. Sie müssen lernen, angemessen mit Ihrer Verantwortung, mit Ihrem Sohn und mit Ihrer Frau umzugehen, und selbst wenn das am Anfang ein holpriger Weg sein mag, führt er am Ende doch zum Erfolg. Ich will Ihnen als Lehrer helfen, dieses Ziel zu erreichen, nicht aber als Ratgeber, der Ihre Handlungen leitet.“</p>
<p>„Wenn das so ist und Sie mir in dieser Stunde der Krise nicht helfen möchten, ist Ihre Hilfe mir nicht von Wert.“</p>
<p>Ich verfolgte nicht, was im Anschluss mit ihm geschah. Eines Tages traf ich ihn zufällig in einer Bar wieder. Er saß an einem Tisch in einer Ecke, alleine, nur mit einem Bier, und vertrieb sich die Zeit mit Karten. Es war offensichtlich, dass dies nicht sein erstes und wahrscheinlich auch nicht sein letztes Bier des Abends sein würde. Als er mich sah, kam er zu mir herüber und erzählte mir von seinem Schicksal.</p>
<p>„Vor einem Monat wurde ich entlassen. Die Verantwortung überforderte mich. Immer mehr Projekte schlugen fehl, meine Angestellten weigerten sich, mit mir zu arbeiten, und meine Vorgesetzten schämten sich für mich. Ich war für die Firma nicht mehr tragbar. Als ich meiner Frau davon erzählte, war es der Sargnagel für unsere Beziehung und sie schrie mich bloß noch an, das Fass sei endgültig übergelaufen. Sie verließ mich ein für alle Mal und wohnt nun bei ihrem neuen Freund. Für meinen Sohn wiederum bin ich ein toter Mann, weil ich nun auch noch unsere Familie zerstört habe. Wie Sie sehen, habe ich also nun viel Zeit, mit Ihnen über all die Dinge zu sprechen, die Sie auf den Prüfstand stellen wollten, um mir zu helfen, und so kann ich aus allem am Ende vielleicht doch ein wenig weiser hervorgehen.“</p>
<p>„Ihre Arbeit haben Sie verloren. Ihre Frau hat Sie verlassen. Für Ihren Sohn sind Sie ein toter Mann. Wie könnte Ihnen Weisheit jetzt noch helfen?“</p>


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		<title>Der menschliche Makel</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 16:04:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
		<category><![CDATA[Erfahrungen]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartungen]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Menschen. Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-297" title="perfect world" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/tumblr_kvlrp3UnSu1qzr91ro1_500_large.jpg" alt="" width="500" height="374" /></p>
<p>Menschen. Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.<br />
Der erste Eindruck überraschte mich. Man nahm mich freundlich auf. Einfach so. Ohne Bedingungen und ohne jede Umschweife. Es war für diese Menschen nichts Ungewöhnliches, einen Neuen, einen Fremden in ihre Reihen zu integrieren. Das unterschied diesen Ort von beinahe allem, was ich kannte, denn wie schwer, wenigstens aber aufwändig war es doch in der Regel, mit offenen Armen als Fremder in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht so hier. Einwohner kamen und gingen, und manchmal blieben sie nur wenige Wochen. Es war eine Freundlichkeit, eine Selbstverständlichkeit, die mich begeisterte. Den schmalen Grat zwischen naivem Vertrauen und unbarmherziger Distanz pflegte ich stets mit einer Art gesundem Grundvertrauen zu beschreiten, das lediglich begrenzt wurde durch eine über die Jahre gewachsene Menschenkenntnis, die es erforderte, um nicht der Naivität anheimzufallen. Im Allgemeinen vertraute ich selbst mir völlig unbekannten Menschen, solange sie mir keinen Grund lieferten, daran zu zweifeln. Was wäre die Alternative gewesen? Gesundes Misstrauen ist ein Widerspruch in sich, so etwas gibt es nicht, und lieber wollte ich bisweilen in meinem Vertrauen enttäuscht werden, als unter ständigem Misstrauen und in paranoider Grundhaltung durch die Welt zu gehen, denn Misstrauen fördert unablässig Misstrauen. Insofern fühlte ich mich hier zuhause. Niemanden interessierte, warum ich kam. All die menschlichen, nur allzu menschlichen Kategorien, die bisweilen dafür sorgten oder benutzt wurden, Keile zwischen die Individuen zu treiben, schienen hier ohne Bedeutung zu sein. Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder Status, Erfolg, Bildungsgrad und noch die verrücktesten Interessen waren für das Miteinander dieser Menschen anscheinend völlig nebensächlich, zumindest ließen sie sich nicht im geringsten anmerken, darauf irgendeinen Wert zu legen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war nicht wahr &#8211; aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Das ist wohl das Problem mit der Realität, manchmal bemerkt man sie erst zu spät. Ich hätte es wissen müssen, aber ich tat es nicht, denn wer stellt schon Fragen, wenn ihm Einlass in das Paradies geboten wird.<br />
Nun, da ich ihn verlasse, muss ich rückblickend auf diesen Ort leider sagen, dass unterm Strich die Enttäuschung überwiegt. Es gab sehr viel Freude, schöne Momente, gute Erfahrungen, aber letztlich auch zu viel Frustration. Ich habe viele Monate hier damit verbracht, Hoffnungen und Träumen nachzujagen, die am Ende fast alle enttäuscht wurden. Ich komme mir so dumm vor. Alles ließ ich stehen und liegen, sogar meine Arbeit vernachlässigte ich in all der Zeit, weil es nichts Wichtigeres gab auf der Welt als diese Menschen, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Und für was? Was dachte ich zu sehen? Menschen, die nicht so sind wie an jedem anderen Ort der Welt? Illusionen! Wieso also sollte ich bleiben?<span id="more-296"></span><br />
Vielleicht mag es auf den ersten Blick paradox erscheinen, dieses Grundvertrauen von einer gewissen Grunddistanz, die aber gar kein Widerspruch, sondern eher Gegengewicht und Erdung ist, begleiten zu lassen, denn mit einem großen Teil der Menschen kann ich, so schwer es mir das Leben auch manchmal macht, im Allgemeinen leider nur sehr wenig anfangen, darum vermeide ich allzu nahen Kontakt mit ihnen, wo ich das kann. Das gilt für die Einwohner dieser Stadt wie für die Menschen im Gesamten. Sie können nichts dafür, sie sind nicht besser oder schlechter als ich, sie haben einfach nur eine andere Vorstellung von der Welt, eine Vorstellung, die ich nicht teile. Sie legen Verhaltensweisen an den Tag, die so normal, so menschlich sind, und doch meide ich sie dafür. Sie verbreiten Lügen und bringen Gerüchte in Umlauf, sie hetzen sich gegeneinander auf, sie lästern über ihren Nächsten, sobald er nur für einen Augenblick außer Hörweite gegangen ist. Sie verschwören sich. Sie fragen nicht, wenn sie eine Geschichte über einen anderen hören, ob sie denn überhaupt stimmt, sie glauben sie direkt. Sie korrumpieren. Sie sind ständig am Kämpfen, am Streiten, geraten aneinander und konkurrieren um Macht, Prestige, Anerkennung und Beifall. Sie sind selbstverliebt, arrogant und heucheln. Ständig heucheln sie. Sie sind freundlich zu jedem, ja, doch was heißt das schon, was hilft das, wenn es nur gespielte Freundlichkeit ist? Sie legen das Stilett nie aus der Hand. Am Vormittag können sie dir sagen, wie gerne sie dich haben und was sie an dir schätzen, dich am Nachmittag vor deinen Freunden schlechtreden, um dann am Abend mit dir ein so genanntes ehrliches Gespräch zu führen, wie verlogen alle anderen doch seien. Nichts davon tun sie aus Boshaftigkeit, und das ist das wirklich Traurige daran. Lernt man die Menschen in dieser Stadt ein wenig näher kennen, muss man feststellen, dass die meisten von ihnen genauso sind, genauso normal. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen, aber es macht sie zu Menschen, denen ich aus dem Weg gehe. Vielen gehe ich aus dem Weg.<br />
Doch es gab Ausnahmen, es gibt sie überall, man muss sie bloß finden. Diejenigen, die anders sind. Nicht besser, aber anders. Menschen, die sich der Tatsache bewusst sind, auch selbst nicht immun gegenüber derartigen Verhaltensweisen zu sein, die aber versuchen, sie auf ein Minimum zu reduzieren, die ihr Verhalten kritisch reflektieren, die ein zwischenmenschliches Miteinander statt eines Gegeneinanders herzustellen bestrebt sind. Menschen, die sich nicht andauernd in den Mittelpunkt zu stellen versuchen, die nicht herumschreien, um Lorbeeren noch für die kleinsten Taten ernten zu wollen. Menschen, die so aufrichtig wie freundlich sind und das nicht bloß spielen, weil sie sich etwas davon erhoffen. Tatsächlich stellt sich nämlich leider ein Teil derer, die zunächst als solche Ausnahmen erscheinen, bei genauerer Betrachtung als Schauspieler heraus, als Menschen, die sich lediglich darstellen, als wären sie zuvorkommende, freundliche, aufrichtige Personen. Bohrt man etwas tiefer, offenbart sich, es handelt sich um Lügner. Geschickte Lügner zwar, aber dennoch Lügner. Sie spielen das alles, dieses Spiel ist ihr Leben. Es sind Egozentriker, Geltungssüchtige und Selbstverliebte. Sie sind genau wie der Großteil derer, auf die sie aus ihrer Rolle verächtlich hinabblicken, aber sie haben gelernt, das zu überspielen, und das machen sie teilweise verdammt gut.<br />
Die echten Ausnahmen aber, die ich fand, waren allesamt nette Menschen und darüber war ich froh. Das meine ich ohne jede Ironie. Einfach aufrichtige, nette Menschen, und viele von ihnen verfügten über eine recht unkomplizierte, unverbindliche Vorstellung von Freundschaft. Genau das war jedoch gleichzeitig das Problem, weshalb ich mich nicht mit ihnen anfreunden wollte. Ihre Vorstellung von Freundschaft entsprach nicht der meinen, einer Vorstellung, die manchem, den ich sah, vielleicht fremd sein mochte, der unzählige Freundschaften pflegte – und wenn man bloß mit jemandem in einer Bar ein Bier trank, war er sofort ein Freund. Das mochte für andere funktionieren, und dies ist keine Verurteilung einer solchen Auffassung von Freundschaft, für mich allerdings nicht. Seit jeher nannte ich nur wenige Menschen wirklich Freunde, doch für diese, auf die ich mich konzentrierte, war ich es von ganzem Herzen, mit all meiner Energie. Diese netten, unverbindlichen Leute – sollte ich sie auch alle zu meinen Freunden machen? Würde das funktionieren? Und dann? Auch meine Tage haben nur vierundzwanzig Stunden. Auch ich verfüge nur über begrenzte Energie. Ich wollte keine netten, unverbindlichen Leute kennenlernen, die ich zu meinen Freunden hätte machen können, weil das nur bedeutet hätte, das kostbare Engagement für jeden meiner Freunde zu reduzieren, reduzieren zu müssen, breiter zu verteilen, sodass am Ende jeder weniger davon bekommt. Das wollte ich nicht. Machte mich das in ihren Augen zu einem unsozialen Menschen? Vermutlich. Behandelte ich diese netten, unverbindlichen Menschen ungerecht? Vielleicht. Aber lieber das, als dass ich sie zu Freunden gemacht hätte, die keine waren, zu Freundschaften, die weder sie noch mich befriedigen würden.<br />
Aber es gab Ausnahmen unter den Ausnahmen. Ganz besondere Menschen. Menschen, für die sich jedes noch so große Engagement lohnte, die so unglaublich kostbar waren, dass ich sie nie wieder aus den Augen verlieren wollte, die mich berührten, nicht nur in Gedanken, sondern tief im Inneren. Menschen, die kennenzulernen mir war, als würden sich Welten verbinden. Es war der enttäuschendste Teil. Die meisten von ihnen waren Frauen, denn unglücklicherweise fielen die vermeintlichen Ausnahmen unter den Männern vorwiegend &#8211; aber nicht alle &#8211; in die Kategorie Schauspieler, denen es am Ende doch nur um ihr Ego ging, auf die eine oder auf die andere Art. Leider. Mit ihnen wäre es einfacher. Was nun war das Problem mit diesen Ausnahmen unter den Ausnahmen? Da gab es also jemanden, der besonders erschien, zumindest für mich. Jemanden, der kein Schauspieler war. Jemanden, der ein ähnliches Verständnis vom Leben und der Welt aufwies. Jemanden, der unbedingtes Vertrauen verdiente und jemanden, mit dem das gegenseitige Verstehen so einfach erschien, mit Worten oder auch ohne, weil wir uns schon seit ewiger Zeit zu kennen glaubten. Gab es andere wie sie in dieser Stadt? Ich glaube, es gibt andere wie sie in keiner Stadt der Welt. All die Schutzvorrichtungen, die man sich im Laufe eines Lebens so mühsam erbaut, um andere Menschen auf angebrachter Distanz zu halten, um sich nicht zu verausgaben, um allzu schwere Verletzungen zu vermeiden, baute ich ab. Plötzlich stand da ein Geschenk vor den Toren meiner Festung, ein hölzernes Pferd, und ich holte es bereitwillig herein. Aber irgendwann übertraten wir eine Grenze, eine unsichtbare Linie, und ich entwickelte Gefühle für sie und sie nicht für mich oder aber sie entwickelte Gefühle für mich und ich nicht für sie. Anstatt in Unendlichkeit zu enden, kenterte das Miteinander aufgrund der Krängung durch dieses ungleich verteilte Gewicht. Das war das Problem, war Himmel und Hölle zugleich, es machte alles kompliziert und vieles kaputt, das so wunderbar begann. Stell dir vor, du wärst Archäologe und arbeitest an dem Fund, den du schon dein ganzes Leben lang gesucht hast, auf den du entgegen aller Wahrscheinlichkeit unter all den verbergenden Schichten erst einmal stoßen musstest, doch plötzlich ist da ein nicht zu unterdrückendes Kribbeln in deiner Nase, du musst niesen, ein ganz normales menschliches Regen, du rutschst aus und alles ist ruiniert. So in etwa kam es mir vor. Nicht der größte Zuspruch, nicht die reichlichste Gunst oder die unermesslichste Freundlichkeit noch so vieler anderer vermag je zu ersetzen, was dadurch verloren ging, das wirklich Begehrte, das überaus Seltene, das unbedingt Kostbare. Jene Menschen, die für immer im Gedächtnis bleiben, die für immer ein Teil des eigenen Lebens sein werden, ob sie nun tatsächlich dabei sind oder nicht.<br />
Momentan fühlt es sich so an, als steckte ich im Treibsand. Je mehr ich mich bewege, desto trostloser wird die Situation. Vielleicht ist es also am besten, sich erst einmal nicht zu bewegen. Das gesamte letzte Jahr verbrachte ich dank dieser Stadt mit dem unheilvollen Versuch, Träumen, Hoffnungen und letztlich Illusionen hinterherzujagen, die sich am Ende allesamt in Luft auflösten. Meine gesamte Energie, emotional wie auch psychisch, mein gesamtes Engagement steckte ich in diese Menschen, nur um alles, was ich aufgebaut hatte, schließlich zerstört vorzufinden, entweder durch sie, weil sie nicht waren, was sie zu sein schienen, oder durch ein Niesen. Es endete immer wieder gleich, auch wenn es nie endete. Heute bin ich leer, enttäuscht, von anderen und von mir selbst, erschöpft und emotional am Boden. Diese Stadt hat mich ausgelaugt, ich kann nicht mehr. Jedenfalls nicht hier. Wie ein havariertes Raumschiff schwebe ich manövrierunfähig irgendwo im Universum. Nur die Lebenserhaltungssysteme sind noch in Betrieb, aber vielleicht, die Crew arbeitet daran, bekomme ich demnächst auch wieder Energie für den Antrieb. Man sagt, es würde alles besser, wenn Gras über eine Sache gewachsen sei. Hier jedoch wächst kein Gras. Noch weniger als zuvor weiß ich, wann es sich lohnt, auf Menschen einzugehen, aber ich weiß, wer meine Freunde sind, und ich weiß auch, dass es nicht mein Vertrauen war, das mich enttäuschte.<br />
Menschen sind überall gleich. Es war für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.  Entzaubert, ohne Hoffnung und mit verblassten Träumen verlasse ich diese Stadt so leise, wie ich sie betrat. Nach all diesen Erfahrungen komme ich mir vor wie ein Außerirdischer, der mit der hoffnungsvollen Mission an diesen Ort geschickt wurde, mehr über die dominante Spezies auf diesem Planeten herauszufinden, um alles mit ihnen zu teilen, und der nun mit der Botschaft zurückkehren muss, dass es sich nicht lohnt, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen. Zumindest nicht im Moment. Nicht mit deaktiviertem Schutzschild.</p>


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		<title>Interpretation</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 10:18:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartungen]]></category>
		<category><![CDATA[Fehler]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-664" title="the broken bridge" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3547299315_0afc638a5f.jpg" alt="" width="500" height="320" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/3547299315/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
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<p>„Ich mag dich“, hatte sie zu ihm gesagt, bevor sich die U-Bahn-Türen zwischen ihnen schlossen und er alleine auf dem Bahnsteig zurückblieb, ohne jede Möglichkeit, ihr darauf irgendwie zu antworten. Nun war sie zuhause, lag auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf. Sie kam sich so dumm vor. Da wurde sie einmal für einen absurd kurzen Augenblick von ihren Gefühlen übermannt und brachte in diesem Zustand dann gleich so einen Satz hervor, so eine entlarvende Aussage, solch ein Geständnis. Sie wusste, er würde nie das gleiche für sie empfinden, das sie für ihn empfand. Daran gab es für sie keinen Zweifel. Wieso also musste sie sich unbedingt mit solch einem Satz blamieren, der die Sache zwischen ihnen unbarmherzig verändern würde. Alles würde komplizierter werden. Er würde auf Distanz gehen, er würde Abstand zwischen sie beide bringen, ob sie das wollte oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigsten verkraften würde. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein kleiner, unwichtiger, absolut lächerlicher Satz würde alles kaputt machen.<br />
Aber nein. Was genau hatte sie denn wirklich gesagt? Es war doch bloß: „Ich mag dich“. Das war kein Geständnis. Das war nicht einmal eine Andeutung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich“ lässt Raum für Interpretationen. Interpretationen erlauben Freiheit. Interpretationen erlauben Hintertüren. Zwar war sie normalerweise sehr darauf bedacht, eine präzise Ausdrucksweise an den Tag zu legen, doch in Situationen wie diesen hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst vage auszudrücken. Vage Aussagen eröffnen Handlungsspielraum. Man tänzelt und laviert um das Feuer herum. Bloß nicht festlegen. Bloß nicht festlegen lassen. Präzision der Sprache war ihr unerwünscht, zumindest in solchen Situationen. Man kann etwas sagen und völlig offen lassen, was man damit meint. Es bleibt die Interpretation. Ein Schild, ein Schutzwall, ein Notausgang. Der andere soll sagen, was er darunter versteht, was er in das Gesagte hineininterpretiert. Ist es das Falsche, kann man sich bequem hinter das Schutzschild sprachlicher Unschärfe zurückziehen und behaupten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat. Was also hatte sie wirklich gesagt? „Ich mag dich“ – das konnte alles heißen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Deine Art gefällt mir“ oder „Ich liebe dich“ bis hin zu „Ich möchte mit dir schlafen“ war doch alles und nichts, ganze Bedeutungsuniversen, in diesem Satz enthalten, der so vage war, dass es sie freute. Er konnte sie nicht daran festnageln. Was er in diesem Satz las, entschied einzig und allein seine Interpretation. Wahrscheinlich dachte er, sie sei in ihn verliebt. Das war die Wahrheit, aber es war eben eine Wahrheit, die sie ihn nicht wissen lassen wollte, denn er, er war doch nicht in sie verliebt, das war ihr klar. Seit Monaten hegte sie Gefühle für ihn. Sie freute sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hörte, die sie ihm gab, mit ihr Zeit verbrachte, ihr Briefe schrieb oder sie bloß anschaute, mit seinen bezaubernden Augen. Sie hatte versucht, sein Verhalten zu deuten, hatte herausbekommen wollen, ob er auch für sie Gefühle hegte, doch eindeutig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Interpretation. Nach einigen Wochen kam sie zu dem Schluss, dass er offenbar nichts für sie empfand. Das war schade, doch sie fand sich damit ab und seine Gesellschaft war ihr weiterhin das Paradies.<br />
Wie würde er nun reagieren auf diesen törichten Satz, den sie so unbeholfen in die Welt hinaus geflüstert hatte? Es wäre für sie die Hölle, ihn überhaupt nicht mehr zu sehen, den Kontakt zu ihm endgültig zu verlieren. Was also würde er sagen?  Sie wusste es. Er würde sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei versuchen, sie nicht zu verletzen, während er in Gedanken bereits das Ende ihrer Freundschaft konstruierte. Sie jedoch würde sich erhobenen Hauptes hinter ihr sprachliches Schutzschild zurückziehen, hinter die Interpretationsfähigkeit ihrer vagen Worte. Sie würde lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie würde klarstellen, dass sie diesen Satz rein freundschaftlich begriffen hatte. Dann würden sie gemeinsam lachen, beide wären erleichtert, und alles bliebe so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf dieses sprachliche Hintertürchen, das alles retten würde. Plötzlich brummte es leise. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hatte ihr geschrieben. Eine SMS wartete darauf, von ihr gelesen zu werden. Doch was würde er schon schreiben, dachte sie. „Ich mag dich auch, aber…“ würde dort stehen, genau wie sie es erwartete, und sie würde sich enttäuscht durch ihr Hintertürchen davonmachen, würde sich nichts anmerken lassen, würde ihm antworten, es sei nur ein Missverständnis und dass er den Satz bloß falsch interpretiere. Es bleibt die Interpretation. Sie musste sich regelrecht dazu überwinden, das Handy nicht einfach wegzulegen, und sah nach, was er ihr geschrieben hatte: „Ich mag dich auch. Sehr. Das wollte ich dir schon seit langem einmal sagen und ich bin froh, dass du es ausgesprochen hast. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Das überraschte sie. Es war eine Reaktion, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hatte, denn sie war so unwahrscheinlich, so unmöglich. Damit hatte sie nicht gerechnet, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie hatte sich schon so mit der bevorstehenden Enttäuschung abgefunden, ja sogar angefreundet, dass seine Antwort sie nun beinahe wütend machte, denn jetzt enttäuschte er sie mit dem Ausbleiben dieser nur allzu vorhersehbaren, allzu erwarteten Enttäuschung! Es stieg Panik in ihr auf. Und wenn sie nun einfach zugab, dass sie es genauso meinte, wie er es verstand? Damit hatte sie keinerlei Erfahrung. Enttäuschungen war sie gewohnt, mit Enttäuschungen konnte sie umgehen, musste sie umgehen, denn sie war so oft enttäuscht worden, aber das nun überforderte sie. Was war das? „Du… ich glaube, du hast das falsch interpretiert. Ich mag dich als Freund, aber mehr ist da nicht“, antwortete sie ihm und warf sich weinend aufs Bett, überwältigt von dem traurigen Gefühl, einmal mehr in ihrer Hoffnung enttäuscht worden zu sein.</p>


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		<title>This place is hell</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jan 2010 23:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
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		<description><![CDATA[Jano De Cesare These are the final seconds of my life. “I hope you’ll rot in hell&#8221;, he said and I just laughed. “What’s so damn funny, asshole?” “Hell, you say. That’s ironic. My entire life, I wondered what hell would be like. You know, I don’t believe in Christian mythology or in any other [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-629" title="Maniac mansion" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/2866261900_a9fc581036.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/janodecesare/2866261900/"><span>Jano De Cesare</span></a></p>
</div>
<p>These are the final seconds of my life.</p>
<p>“I hope you’ll rot in hell&#8221;, he said and I just laughed. “What’s so damn funny, asshole?”</p>
<p>“Hell, you say. That’s ironic. My entire life, I wondered what hell would be like. You know, I don’t believe in Christian mythology or in any other religious mythology for that matter. But the idea of a place like hell always fascinated me. And then I found it.”</p>
<p>“You found hell?”</p>
<p>“Yes. <em>This</em> is it.”</p>
<p>“I&#8217;m gonna be your own personal hell, you can count on that.”</p>
<p>“No. Not you. It’s right here, in this place, in this <em>life</em>, in my each and every day.”</p>
<p>“What you talking about?”</p>
<p>“You know that sweet little metaphor of the tiger in its cage, right? It’s walking up and down, up and down in its cell, all day long. What else should it do anyway? It’s trapped, so walking up and down is all it can do, simulating its own life with each hopeless step it makes. And while the tiger does that, the outside world is right next to it, right behind the bars of its cage. The creature longs for this world. This is what the tiger wants, what it really, really wants. And here’s the sad part: Each and every second of its days, of its life, the tiger sees what it longs for, what it wants so badly. It’s like torture, man, seeing what you really want and never being able to hold it in your hands.”</p>
<p>“So?”</p>
<p>“That tiger is me. Every now and then in my life, there were things that I really, really wanted, that I really, really cared about. Things I longed for so badly it literally hurt. And I found them. I found them right under my very nose. I was so happy, you wouldn’t believe it.”</p>
<p>“Good for you.”</p>
<p>“No. No, you don’t understand. Every time I found one of those things, a woman, a job, an achievement or whatever it was, you name it, I was like that tiger. I saw those things. They were close enough to see them in all their beauty, all their glory, close enough to grab them and never let them vanish again. When I found one of those things, it made me happy beyond words. And yet when I tried, when I actually did try to grab them, I failed, I couldn’t reach them, none of them. It felt like there was a wall between me and those things, a wall made of glass, a wall I could never penetrate. So all those things I ever wanted in my life… they were right there, right next to me, still I wasn’t able to get hold of them. If you go on and on and you do not find what you’re looking for, deep inside your heart, that’s not a problem, right, cause you just keep on searching. But if you do find it and it slips away, it breaks your back, you know. I wish I had lived an unremarkable life, I wish I had never found any of those things I truly longed for in the first place, cause my happiness turned into pain each time I realized those things were out of reach. Minutes felt like days, hours felt like months. Like said tiger I saw the world I longed for so badly and all that I could do was turn around and go for another walk up and down in my stupid cage, cause I never ever brought down that glass wall.”</p>
<p>“Makes you appreciate all those things you&#8217;re actually able to get, eh?”</p>
<p>“Yes. Yes, that’s what I thought as well. That’s what I told myself all my life. I thought, maybe I wasn’t supposed to get those things. Maybe I should just be happy with what I got, with what I <em>can</em> get, with what I <em>do </em>reach. But then again, this doesn’t help the tiger in its cage, does it? It’s a lie. It’s still a tiger in its cage longing for the outside world right next to it, a world it will never get to. So each and every time I saw one of those things that meant to me what I always longed for and never could reach, it left a scar.”</p>
<p>“Too many scars and you’re falling apart.”</p>
<p>“If only that were true. I can’t remember how often I wished I would have crumbled. I never did. You know the perfect torture, the ultimate pain? It’s one that never ends. They torture you, they threaten to kill you, but you don’t give in. There comes a point when you just want it to end. You won’t give in, but you don’t want to take this any longer either. And then, when you’ve made your peace, when you’re ready to die, they tell you they’re actually going to kill you. That’s what you hoped for, right. You feel relieved. It’s over, finally. They put a bag over your head and walk you out of the room. You’re satisfied, happy even, cause you didn’t give in, and now, after all, everything’s going to end. The pain won’t come back. But then they take away the bag and you find yourself in a different room, with a different interrogator, starting all over again. They’ve taken away your last best hope and you realize there will never be an end. Unless you give in. It’s a circle of pain and there’s no escape. This is hell and that’s what I found life to be like, with all those things I never got but was doomed to see.”</p>
<p>“Well”, he said. “That’s gonna be a relief then, I guess.” Then he shot me.</p>
<p>I’m dying right now, and for the first time in my life I feel entirely, totally happy. I’ve no idea what’s coming up next. I might end up in real hell, as real as it gets. It doesn’t matter. I don’t care. Because whatever is about to come can’t be worse than what I called my life, for it was hell.</p>
<p><small>(ein wenig inspiriert von <em>The Sunset Limited</em>)</small></p>


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