Jul 1 2010

Humorkritik

Was hätten die Komik, die Satire und das Kabarett doch für Möglichkeiten; Möglichkeiten, die Masken von den Gesichtern zu reißen! Doch nichts dergleichen geschieht! Die Masken bleiben Tarnung, die Machthaber und ihre kruden Ideen, Vorhaben und Reformen scheinen unantastbar. Wie Weiß Ferdl tappen sie zaghaft an politischen Bekenntnissen vorbei, betreiben Albernheiten statt Komik, Beleidigungen statt entwaffnendes Narrenrecht, welches es erlauben würde, den Herrschenden jede Wahrheit an den Kopf zu werfen – und dabei sind sie auch noch wahre Publikumshelden. Bloß nicht mit denen anecken, die sich wehren können!, lautet deren Devise. Haut auf die Schwachen, verprügelt die Arbeitslosen, thematisiert Trivialitäten – und wenn es doch unbedingt politisch sein muß, dann witzelt über Frisuren und Brillengestelle, Sprachfehler und – sofern man ein Bad-Boy-Image zu pflegen hat – Behinderungen!

Es spricht mir aus dem Herzen, was im verlinkten Artikel über das Metier der Satire und des Kabaretts geschrieben steht. »Comedians« nennen sich die meisten der dort als Beispiele Genannten selbst, was schon aussagt, worin sie ihre Aufgabe sehen: Sie möchten lustig sein, mehr nicht, und sie möchten damit Erfolg haben. Für diejenigen mit Biss, die tatsächlich kritischen Verstand zur Sprache bringen, scheitert es an niedrigen Einschaltquoten, an mangelnder Massenkompatibilität oder an mehr oder minder direkten Sanktionen durch diejenigen, denen sie auf die Füße treten, was letztlich seinerseits als Erfolg zu werten ist, wenn auch von anderer Qualität, weil er eben nicht auf Quantität abzielt. Auch die von mir verehrte Titanic weist, so zumindest mein subjektiver Eindruck, in neuerer Zeit einen Verlust an Biss auf, der vielleicht stellvertretend für den Großteil der Zunft stehen kann. Das ist schade.

Für Twitter als Mikrobühne mag ich, erneut aus rein subjektiver Sicht, ähnliche Schlüsse ziehen, was Erfolg und Massenkompatibilität angeht, scheinen dort doch ebenfalls diejenigen der sich als solche inszenierenden Amateur-Humoristen (was nicht als Wertung, sondern rein als Abgrenzung zu tatsächlicher hauptberuflicher Tätigkeit verstanden werden soll) am erfolgreichsten zu sein, die “treffend und harmlos zugleich [sind], frei vom Geist der Negation, voll des aufbauenden und versöhnenden Humors“, der bestenfalls lustig, aber eben völlig harmlos ist. Vielleicht hinkt das Übertragen der im verlinkten Artikel dargelegten Beschreibungen, doch erlaubt der erweiterte Blick auf beispielsweise Twitter eine Erfassung viel breiterer Bevölkerungsgruppen als der Fokus auf professionelle Kabarettisten oder Comedians. Der Unterschied zu den professionellen Humoristen ist dann jedoch, dass der harmlose Spott der Amateure, dieser versöhnende Humor, der nichts kritisiert und niemandem auf die Füße tritt, der sich wehren könnte, nicht einmal mit ökonomischen Gründen erklärt und dem auch nicht die Erfüllung des Berufs vorgeschoben werden kann. Der harmlose, unkritische, teils affirmative Humor als Spiegelbild eines gesellschaftlichen oder zumindest im beobachteten Milieu vorherrschenden Klimas?


Dez 24 2009

Zwischenmenschliche Effizienz

In all den Diskussionen um die Vor- und Nachteile sowie die angeblichen Gefahren sozialer Internet-Dienste vermisse ich bisher einen Aspekt, den ich für sehr zentral und für mit weitreichenden Folgen verbunden halte: Effizienz.

Versteht man beispielsweise formspring.me, bei dem User anonym oder auch unter ihrem Alias Fragen an andere User stellen und diese öffentlich beantworten können, als konsequente Weiterentwicklung der Web-2.0-Dienste, für die hier stellvertretend auch noch Twitter und Facebook genannt sein sollen, bedeutet dies, die 1:1-Relationen in der Kommunikation zwischen Freunden oder „Freunden“ werden mittels dieser Dienste wesentlich leichter, wesentlich öfter zu 1:n-Relationen. Für formspring.me bedeutet dies konkret: Hat einer der User eine Frage an einen UserX gestellt, brauchen die anderen User dieselbe Frage diesem UserX nicht noch einmal zu stellen. Im Gegenteil: Oft ist zu beobachten, dass es die Antwortenden in der Regel nervt, wenn ein Fragender eine bereits beantwortete Frage noch einmal stellt.

Wenn nun beispielsweise ein User in seiner formspring-Karriere ungefähr 5000 Fragen beantwortet hat, brauchen alle anderen, die das gelesen haben, diese 5000 Fragen und zig Millionen andere Fragen, die zu ähnlichen Antworten geführt hätten, nicht mehr stellen und werden möglicherweise vom Antwortenden sogar darauf hingewiesen, er wolle diese Frage nicht noch einmal beantworten, denn das habe er ja bereits. Schon bei Blogs oder Facebook ist bisweilen Ähnliches zu beobachten, sodass es dann mitunter zu Dialogen kommt, die wie folgt verlaufen: „Hab ich dir schon Dings erzählt?“ „Nee, aber ich hab’s in deinem Blog/auf Facebook gelesen.“ „Ach so.“

Das bedeutet, die Kommunikation verschiebt sich aufgrund der neuen Einfachheit, die diese sozialen Dienste bieten, vom Schwerpunkt ein wenig weg von direkter 1:1-Kommunikation (diese verschwindet aber natürlich nicht) hin zu breiteren 1:n-Kommunikationskanälen, sprich man kann via Facebook, Twitter aber eben auch formspring viele Menschen gleichzeitig über seine Aktivitäten, Gedanken, Meinungen, und so weiter informieren. Eine Kommilitonin fand StudiVZ gerade deswegen so praktisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freunden separat (1:1) von Neuerungen in ihrem Leben erzählen müsse, sondern das einfach nur noch ins StudiVZ zu schreiben habe (1:n). Das ist zwar nun in diesem Beispiel ein Extremfall, wenn auch wahr, dennoch würde ich die allgemeine Tendenz all dieser Dienste damit beschreiben, dass sie objektiv ein Mittel zur Effizienzsteigerung der Kontaktverwaltung darstellen und Redundanz abbauen. Wenn man fünf Freunden oder „Freunden“ nicht mehr separat erzählen muss, was man gestern gemacht hat, sondern das lediglich ein einziges Mal auf einem Blog schreiben oder auf Facebook veröffentlichen muss, wo es alle fünf dann jederzeit nachlesen können, dann habe ich den Umgang mit meinen Freunden optimiert und dessen Effizienz gesteigert (all diese Begriffe bitte als möglichst neutrale Analyseterminologie betrachten). Gleichzeitig erleichtert das den Aufbau eines wesentlich größeren „Freundes“-Kreises und erhöht das eigene »soziale Kapital« (Bourdieu), auf das man zugreifen kann. Zudem erstellt man gewissermaßen sein eigenes Dossier, das man Interessenten an der eigenen Person nur noch in die Hand zu drücken braucht – auch das Kennenlernen oder vielmehr das, was man dann für Kennenlernen hält, wird dadurch optimiert, beschleunigt, vereinfacht und letztlich effizienter. Das Soziale wird zunächst auf Daten reduziert.

Der Begriff „objektiv“ ist hier ganz wichtig. Meine beschreibenden Worte möchten nicht ausdrücken, dass dieser Effekt die subjektive Intention der Nutzer ist, aber er ist dennoch das objektive Resultat, so wie auch niemand mit der subjektiven Intention einkaufen geht, das Wirtschaftssystem erhalten oder den Staat mittels Steuern unterstützen zu wollen, während all diese Dinge jedoch gleichzeitig objektives Ergebnis des Einkaufens sind, ganz egal was die subjektive Intention sein mag.

Viele gesellschaftliche oder individuelle Entwicklungen haben (teilweise verheerende) Nebenfolgen, die uns in den seltensten Fällen bewusst klar sind und die wir keineswegs als Intention dieses Handelns anführen würden. Niemand beginnt mit dem Rauchen, weil es so schön gesundheitsgefährdend ist, und auch wenn das nicht subjektive Intention des Rauchens ist, so ist es doch objektiver Effekt. Das gleiche trifft auf Umweltzerstörung zu: Niemand (oder zumindest fast niemand) zerstört die Umwelt, weil das seine Intention ist, sondern weil es häufig der mehr oder weniger unbewusste Nebeneffekt als völlig selbstverständlich erachteter Handlungsweisen ist, der nur dann überhaupt als Problem begriffen und beseitigt werden kann, wenn man sich diesen Nebeneffekt tatsächlich bewusst macht.

Bei all den Vorteilen, die solche Social-Media-Dienste bieten, ist dies, dieser gesellschaftlich sanktionierte bis bedingte, unter anderem durch prekäre Arbeitsverhältnisse und der Forderung nach zunehmender Mobilität und Flexibilität befeuerte und in Form dieser Dienste recht transparent auftretende Effizienzgesichtspunkt in zwischenmenschlichen Beziehungen, einer dieser unbewussten Nebeneffekte, über den etwas mehr Reflexion vielleicht angebracht wäre, um den Umgang mit diesen Diensten entsprechend bewusster zu gestalten. Letztlich stellt sich nämlich zumindest mir die Frage, in welchem Maße eine solche Effizienzsteigerung des Zwischenmenschlichen überhaupt wünschenswert erscheint.


Mrz 26 2006

Antisocial Web #2

Nachdem bereits isolatr, snubster und wankr hier vorgestellt wurden, folgt nun ein weiterer Erfolg versprechender Vertreter zukunftsweisender Antisocial Software: Nemester.

Nemester is an online community that connects paranoids, egotists, villains, and monomaniacs through networks of competing agendas and incompatable ideologies for bitter conflicts, mutual loathing, or to find their one, true nemesis.

What features does Nemester have?

  • E-Taunt™
    Badger your enemies into joining Nemester by sending them derisive, insulting, or just plain annoying messages.
  • 1-Clickspiracy™
    Our patented 1-Clickspiracy™ technology allows you to quickly align your enemy’s enemies against him. Simply bring up your enemy’s profile to learn who his enemies are and click the “Conspire against” link to automatically share your plans for his destruction with his adversaries and schedule furtive online meetings.
  • Enmitizer™
    Instantly create new enemies with Nemester’s Enmitizer™ feature. Simply search for users with agendas or ideologies that enrage you and click the “Make my enemy” link to automatically fire off hate mail and personalized denunciations.
  • Enemies List
    Nemester’s Enemies List feature helps you organize your foes by keeping track of who has it in for you or who you wish to see ruined. Never again will you suffer the embarrassment of forgetting who that Dutch woman with the steel claws for hands is and why she is trying to scuttle your hydroplane with a maser cannon. Simply search through your Enemies List by gender, body enhancements, and nationality and you’ll instantly have her name and why she despises you.
  • Hate Mail
    Keep your enemies interested with Hate Mail. Besides allowing you to conveniently send spiteful messages and death threats, Nemester’s Hate Mail automatically includes a handy reminder for your enemy of all the reasons you hate each other. Now with automatic viral attachments designed to crash the mainframe in your enemy’s secret layer!

[via Bamblog]


Mrz 16 2006

Antisocial Web

Vielerorts liest man über Social Software, Social Networking oder das Social Web, so als sei es etwas Erfreuliches, mit anderen Menschen zu kommunizieren oder soziale Bindungen aufzubauen. Endlich gibt es dank patentierter isolatr-Technologie eine Gegenbewegung.

Außerdem im Angebot: Snubster.

Put people on your lists. These lists can contain items or people. If you choose people, supply an email address to identify the person. The email address will remain private, but we’ll send them an email letting them know that they’re either on notice or that they are now dead to you.

Abgerundet wird das Ganze durch wankr:

wankr will be a place for web 2.0 people to gather together in one humongous circlejerk so they can masturbate each other into a sticky frenzy over useless, meaningless bullshit.

Man kann beruhigt sein, dass sich das Web 2.0 nicht zu der sozialen Dystopie entwickelt, die ihre Apologeten stets herbeizureden versuchen.

[via fefe]