Vor zwei Wochen war ich mit einer Freundin auf dem Darmstädter Schloßgrabenfest. An einem Abend, als wir gegen Ende des offiziellen Programms auf der Suche nach einem geeigneten Ort waren, um die noch junge Nacht etwas ausklingen zu lassen, trafen wir einen Kommilitonen, dessen politische und gesellschaftliche Verortung wohl treffend mit links-alternativ beschrieben werden kann. Im Zuge seiner weitläufigen Erklärungen, wo man um diese Uhrzeit idealerweise hingehen könne, warnte er uns vor einigen Clubs, die nur etwas für Leute seien, “die Hemden tragen”.
Gestern, auf dem Weg zur Demo gegen Studiengebühren in Frankfurt, wurde ich von einem geschätzten Kommilitonen auf mein Outfit angesprochen, das anscheinend nicht dem angebrachten entsprach, so als ob das jegliche politische oder gesellschaftliche Aktivität von vornherein negieren würde: Ich selbst hatte es gewagt, ausnahmsweise mit einem Hemd anstelle der üblichen T-Shirts zur Demo zu gehen (was sich, nebenbei bemerkt, in Sachen Polizeikette noch als vorteilhaft herausstellen sollte und zu schönen Fotos hinter “feindlichen Linien” führte).
Dass nun in beiden Fällen Hemden als vordergründiges Beispiel auftreten, ist amüsant, aber irrelevant. Was mir dabei auffiel, ist vielmehr die jeweils dahinterstehende Kleinkariertheit (der Menschen, nicht der Hemden), Engstirnigkeit, um nicht zu sagen Spießigkeit, die sich hier gerade bei Menschen zeigt, die sich selbst in Sphären verorten, die sich als tolerant und weltoffen präsentieren. Nun sind die genannten Beispiele zwar äußerst harmlos und verglichen mit anderen Ausprägungen der Intoleranz geradezu lächerlich, doch ist die dahinter stehende Weltsicht nichtsdestotrotz eine der latenten Spießigkeit, die umso mehr überrascht, wenn man betrachtet, wer sie zur Schau trägt.
Es sind diese scheinbar unspießigen Spießer, die mit der in einem früheren Eintrag zitierten Charakterisierung des Prenzlauer Bergs so treffend beschrieben werden: “Man kann sich tolerant fühlen, weil die Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird”. Man igelt sich in sein eigenes Milieu ein, umgibt sich nur mit denen, die genau so ticken wie man selbst, orientiert sich mehr an oberflächlichen Symbolen denn an Inhalten, blickt verächtlich auf die Außenstehenden, ohne sie verstehen zu wollen, doch präsentiert sich gleichzeitig als weltoffener Mensch. Eine Weltoffenheit, die leider allzu oft am Rande der eigenen Welt endet – und damit nicht weniger spießig ist als die Weltoffenheit desjenigen, der sich zum Beispiel über Punks in der Fußgängerzone ärgert.
So bleibt als Fazit nur eine Adaption der zitierten Kritik am Prenzlauer Berg: Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere an den genannten Beispielen aber ist, dass diese Menschen nicht wahrhaben wollen, dass sie ganz anders sind, als sie zu sein glauben.
Dies ist ein Update zu: Spießigkeit.