Nov 6 2008

Die Doppelstockwagen-Gesellschaft

In der Regionalbahn, eine wahre Begebenheit. Zwei ältere Herren betreten den Doppelstockwagen und suchen sich einen Sitzplatz im oberen Bereich:

#1: Das sind doch schöne Plätze. Ich mag es hier oben.

#2: Aber du weißt: Wenn man erst einmal oben ist…

#1: … will man nicht wieder runter?

#2: Das auch. Vor allem aber will man immer höher. Wie Schiller schon sagte: »Streben wir nicht allzu hoch hinauf, daß wir zu tief nicht fallen mögen«.

#1: Nun, das ist eben Risiko. Ich glaube, risikobewusste Menschen sitzen oben, anstatt unten in der Masse unterzugehen.

#2: Aber man braucht die da unten, um sich hier oben besser fühlen zu können.

PAUSE

#1: Ich mag die Aussicht hier oben. Man sieht so weit. Unten sieht man nur Büsche.

#2: Man sieht vielleicht mehr, aber sieht man auch besser?

#1: Ich denke schon. Man kann anderen besser helfen, wenn man oben ist. Man hat mehr Möglichkeiten und einen besseren Überblick.

#2: Da habe ich andere Erfahrungen: Oben sieht man über alles hinweg. Solange die von unten nicht nach oben kommen, nimmt man sie nicht wahr.

#1: Da hast du Recht. Aber es scheint, die haben sich mit ihrem Platz da unten abgefunden.

#2: Vielleicht weil sie noch nie oben waren.

#1: Das kann sein.

Fazit: So einfach kann man die Gesellschaft grob zusammenfassen. Während gestern noch vom so genannten Fahrstuhleffekt gesprochen wurde, kommt es nun durch Auflösung der Mittelschicht zur Doppelstockwagen-Gesellschaft.


Jun 12 2008

Angewandte Spießigkeit

Vor zwei Wochen war ich mit einer Freundin auf dem Darmstädter Schloßgrabenfest. An einem Abend, als wir gegen Ende des offiziellen Programms auf der Suche nach einem geeigneten Ort waren, um die noch junge Nacht etwas ausklingen zu lassen, trafen wir einen Kommilitonen, dessen politische und gesellschaftliche Verortung wohl treffend mit links-alternativ beschrieben werden kann. Im Zuge seiner weitläufigen Erklärungen, wo man um diese Uhrzeit idealerweise hingehen könne, warnte er uns vor einigen Clubs, die nur etwas für Leute seien, “die Hemden tragen”.

Gestern, auf dem Weg zur Demo gegen Studiengebühren in Frankfurt, wurde ich von einem geschätzten Kommilitonen auf mein Outfit angesprochen, das anscheinend nicht dem angebrachten entsprach, so als ob das jegliche politische oder gesellschaftliche Aktivität von vornherein negieren würde: Ich selbst hatte es gewagt, ausnahmsweise mit einem Hemd anstelle der üblichen T-Shirts zur Demo zu gehen (was sich, nebenbei bemerkt, in Sachen Polizeikette noch als vorteilhaft herausstellen sollte und zu schönen Fotos hinter “feindlichen Linien” führte).

Dass nun in beiden Fällen Hemden als vordergründiges Beispiel auftreten, ist amüsant, aber irrelevant. Was mir dabei auffiel, ist vielmehr die jeweils dahinterstehende Kleinkariertheit (der Menschen, nicht der Hemden), Engstirnigkeit, um nicht zu sagen Spießigkeit, die sich hier gerade bei Menschen zeigt, die sich selbst in Sphären verorten, die sich als tolerant und weltoffen präsentieren. Nun sind die genannten Beispiele zwar äußerst harmlos und verglichen mit anderen Ausprägungen der Intoleranz geradezu lächerlich, doch ist die dahinter stehende Weltsicht nichtsdestotrotz eine der latenten Spießigkeit, die umso mehr überrascht, wenn man betrachtet, wer sie zur Schau trägt.

Es sind diese scheinbar unspießigen Spießer, die mit der in einem früheren Eintrag zitierten Charakterisierung des Prenzlauer Bergs so treffend beschrieben werden: “Man kann sich tolerant fühlen, weil die Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird”. Man igelt sich in sein eigenes Milieu ein, umgibt sich nur mit denen, die genau so ticken wie man selbst, orientiert sich mehr an oberflächlichen Symbolen denn an Inhalten, blickt verächtlich auf die Außenstehenden, ohne sie verstehen zu wollen, doch präsentiert sich gleichzeitig als weltoffener Mensch. Eine Weltoffenheit, die leider allzu oft am Rande der eigenen Welt endet – und damit nicht weniger spießig ist als die Weltoffenheit desjenigen, der sich zum Beispiel über Punks in der Fußgängerzone ärgert.

So bleibt als Fazit nur eine Adaption der zitierten Kritik am Prenzlauer Berg: Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere an den genannten Beispielen aber ist, dass diese Menschen nicht wahrhaben wollen, dass sie ganz anders sind, als sie zu sein glauben.

Dies ist ein Update zu: Spießigkeit.


Apr 23 2008

Zugweisheiten: Innere Werte

Im Zug:

Mädel1 so: Dein bester Freund ist ja voll hässlich! Meiner sieht wenigstens noch ganz gut aus… Ich hätt’ mir da an deiner Stelle ‘nen Gutaussehenden gesucht.

Mädel2: Aber das ist doch nicht mein Freund - der muss gut aussehen! Bei einem besten Freund zählen die inneren Werte.

Mädel1 wieder: Das stimmt, die inneren Werte. *Pause* Aber bei meinem Freund zählen auch die inneren Werte! Ich bin nich’ nur mit dem zusammen, weil er gut aussieht.

Mädel2 dann so: Neee. Für so ne Beziehung mit inneren Werten bin ich noch nich’ alt genug…


Jan 20 2006

Zugweisheiten #1

Zugweisheiten – Gesammeltes aus dem ÖPNV. Repräsentative Zitate, die die gesamte Gesellschaft widerspiegeln.

Moderne Kommunikationsmittel:

Du bist ja im ICQ auch immer away…
- Jo klar, ich bin auch so ein Away-Faker. Nur ‘online’ ist irgendwie Scheiße. Das macht so einen Noob-Eindruck, die kennen nur ‘ein’ und ‘aus’.

Siehe da, die Situation des Lohnsklavenmarkts scheint sich deutlich verändert zu haben:

Ich hab’ jetzt eine Bewerbung abgeschickt. Wenn die mich nich’ nehmen, bin ich voll im Arsch, dann reicht die Zeit nich’ mehr für noch ‘ne Bewerbung…

Oder ist das Gegenteil der Fall und der Kampf um Arbeitsplätze wird immer härter?

Ich würde ja echt gerne mal mit ‘ner Walther PPK bei uns durch die Abteilung gehen…
- Ja, ja, das sind so Allmachtsphantasien…
Nein, das wäre eine gute Methode zur Effizienzsteigerung der Firma.

In dieser Frage wird weitere empirische Forschung nötig sein.