Das Ende der Liebe

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig fĂŒr uns. Er muß es sein. Wir können nicht mehr! Wir kĂŒndigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfaßbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttĂ€uscht, dass unser VerhĂ€ltnis nicht mehr lebendig sei. „Du bist nicht“, sagt der EnttĂ€uschte oder die EnttĂ€uschte, „wofĂŒr ich dich gehalten habe“. Und wofĂŒr hat man sich denn gehalten? FĂŒr ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes RĂ€tsel, das auszuhalten wir mĂŒde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
(Max Frisch – Tagebuch 1946-1949)

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