Der Wahnsinn der NormalitÀt
Was Psychiatrie und Psychologie als Geisteskrankheit vorfĂŒhren, ist an die Vorstellung gebunden, daĂ es sich dabei um zunehmenden RealitĂ€tsverlust handelt. Mehr oder weniger RealitĂ€tsbezug – danach wird alles menschliche Verhalten klassifiziert. »RealitĂ€t« wird dabei ausschlieĂlich als Ă€uĂere RealitĂ€t verstanden.
In der Tat ist der RealitĂ€tsbezug – sein Fehlen oder der Grad der Ergebenheit an die Ă€uĂere RealitĂ€t – ein Raster, in das man Menschen einordnen kann und das uns ermöglicht, eine Klassifizierung vorzunehmen vom psychotischen Verhalten ĂŒber die Neurose zur NormalitĂ€t. Doch ein solches Schema verdeckt, daĂ es auch noch eine andere Art von Krankheit gibt, die viel gefĂ€hrlicher ist als die, die vom Verlust des RealitĂ€tsbezugs gekennzeichnet ist.
Diese andere Art von Krankheit zu sehen erfordert einen Wechsel der Blickrichtung und eine Abkehr von den herkömmlichen Kategorien. Dann wird man sehen, daĂ sich hinter der Orientierung an der »RealitĂ€t«, die gemeinhin das Kriterium fĂŒr Gesundheit ist, eine tiefere und weniger augenfĂ€llige Pathologie verbirgt: die des »normalen« Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der NormalitĂ€t)
