Humorkritik

Was hĂ€tten die Komik, die Satire und das Kabarett doch fĂŒr Möglichkeiten; Möglichkeiten, die Masken von den Gesichtern zu reißen! Doch nichts dergleichen geschieht! Die Masken bleiben Tarnung, die Machthaber und ihre kruden Ideen, Vorhaben und Reformen scheinen unantastbar. Wie Weiß Ferdl tappen sie zaghaft an politischen Bekenntnissen vorbei, betreiben Albernheiten statt Komik, Beleidigungen statt entwaffnendes Narrenrecht, welches es erlauben wĂŒrde, den Herrschenden jede Wahrheit an den Kopf zu werfen – und dabei sind sie auch noch wahre Publikumshelden. Bloß nicht mit denen anecken, die sich wehren können!, lautet deren Devise. Haut auf die Schwachen, verprĂŒgelt die Arbeitslosen, thematisiert TrivialitĂ€ten – und wenn es doch unbedingt politisch sein muß, dann witzelt ĂŒber Frisuren und Brillengestelle, Sprachfehler und – sofern man ein Bad-Boy-Image zu pflegen hat – Behinderungen!
(Roberto J. De Lapuente)

Es spricht mir aus dem Herzen, was in diesem Artikel ĂŒber das Metier der Satire und des Kabaretts geschrieben steht. »Comedians« nennen sich die meisten der dort als Beispiele Genannten selbst, was schon aussagt, worin sie ihre Aufgabe sehen: Sie möchten lustig sein, mehr nicht, und sie möchten damit Erfolg haben. FĂŒr diejenigen mit Biss, die tatsĂ€chlich kritischen Verstand zur Sprache bringen, scheitert es an niedrigen Einschaltquoten, an mangelnder MassenkompatibilitĂ€t oder an mehr oder minder direkten Sanktionen durch diejenigen, denen sie auf die FĂŒĂŸe treten, was letztlich seinerseits als Erfolg zu werten ist, wenn auch von anderer QualitĂ€t, weil er eben nicht auf QuantitĂ€t abzielt. Auch die von mir verehrte Titanic weist, so zumindest mein subjektiver Eindruck, in neuerer Zeit einen Verlust an Biss auf, der vielleicht stellvertretend fĂŒr den Großteil der Zunft stehen kann. Das ist schade.

FĂŒr Twitter als MikrobĂŒhne mag ich, erneut aus rein subjektiver Sicht, Ă€hnliche SchlĂŒsse ziehen, was Erfolg und MassenkompatibilitĂ€t angeht, scheinen dort doch ebenfalls diejenigen der sich als solche inszenierenden Amateur-Humoristen (was nicht als Wertung, sondern rein als Abgrenzung zu tatsĂ€chlicher hauptberuflicher TĂ€tigkeit verstanden werden soll) am erfolgreichsten zu sein, die “treffend und harmlos zugleich [sind], frei vom Geist der Negation, voll des aufbauenden und versöhnenden Humors“, der bestenfalls lustig, aber eben völlig harmlos ist. Vielleicht hinkt das Übertragen der im verlinkten Artikel dargelegten Beschreibungen, doch erlaubt der erweiterte Blick auf beispielsweise Twitter eine Erfassung viel breiterer Bevölkerungsgruppen als der Fokus auf professionelle Kabarettisten oder Comedians. Der Unterschied zu den professionellen Humoristen ist dann jedoch, dass der harmlose Spott der Amateure, dieser versöhnende Humor, der nichts kritisiert und niemandem auf die FĂŒĂŸe tritt, der sich wehren könnte, nicht einmal mit ökonomischen GrĂŒnden erklĂ€rt und dem auch nicht die ErfĂŒllung des Berufs vorgeschoben werden kann. Der harmlose, unkritische, teils affirmative Humor als Spiegelbild eines gesellschaftlichen oder zumindest im beobachteten Milieu vorherrschenden Klimas?

Schreibe einen Kommentar