Feb 25 2008

Arbeitgeberfilter

Viel liest man über die negativen Auswirkungen, die es haben kann, füttert man soziale Netzwerke, die eigene Homepage oder Blogs mit persönlichen Informationen. Wenn vieles davon auch zutreffend ist und die optimierte Selbstinszenierung oder Öffentlichmachung intimster Details bisweilen ins Pathologische abdriftet, so ist ein immer wieder erwähnter Punkt doch unter Umständen auch nützlich: Arbeitgeberschnüffelei.

Das Profil in sozialen Netzwerken, die eigene Homepage, Aussagen in Blogs werden mit der Schere im Kopf verfasst oder zensiert, um der Angst zu begegnen, der tatsächliche oder potentielle Arbeitgeber könnte Details über Privatleben, politische oder sexuelle Orientierung, Vorlieben und Abneigungen oder persönliche Meinungen erfahren und als – natürlich inoffizielle - Grundlage für negative Konsequenzen heranziehen, sei es das Ablehnen einer Bewerbung und Nichteinstellung, das Übergehen bei einer Beförderung oder in Extremfällen die Kündigung. Warum?

Genauso, wie diese dreiste Schnüffelei wenig Vertrauen verdienender Unternehmen, denen das Privatleben ihrer Mitarbeiter, solange es die Arbeit selbst nicht beeinträchtigt, nicht Grund für negative Sanktionen sein darf, soll und muss, in die eine Richtung funktioniert, wirkt sie auch in die andere, nämlich als vorzüglicher Arbeitgeberfilter. Möchte man für eine Firma arbeiten, die herumschnüffelt und einen Menschen nicht einstellt, weil er persönliche, vielleicht peinliche Partyfotos in ein soziales Netzwerk geladen hat? Möchte man für eine Firma arbeiten, die eine politische Meinung jenseits der eigens propagierten als Knock-Out-Kriterium betrachtet? Wird man nicht eingestellt, weil man sich in dieser oder jener Organisation engagiert, ist es dann, abseits vom Ökonomischen, Grund zur Trauer oder eher zur Freude, dass man den Job bei einem solchen Unternehmen nicht bekommen hat? Was für ein Zustand ist das, wenn man vorsichtig sein muss, welche politischen oder persönlichen Aussagen man trifft?

“Selbst schuld” hört man süffisant von denjenigen, die sich entsprechend zensieren und demütig verstecken. “Selbst schuld” kann man ihnen eigentlich nur antworten.


Jan 20 2006

Zugweisheiten #1

Zugweisheiten – Gesammeltes aus dem ÖPNV. Repräsentative Zitate, die die gesamte Gesellschaft widerspiegeln.

Moderne Kommunikationsmittel:

Du bist ja im ICQ auch immer away…
- Jo klar, ich bin auch so ein Away-Faker. Nur ‘online’ ist irgendwie Scheiße. Das macht so einen Noob-Eindruck, die kennen nur ‘ein’ und ‘aus’.

Siehe da, die Situation des Lohnsklavenmarkts scheint sich deutlich verändert zu haben:

Ich hab’ jetzt eine Bewerbung abgeschickt. Wenn die mich nich’ nehmen, bin ich voll im Arsch, dann reicht die Zeit nich’ mehr für noch ‘ne Bewerbung…

Oder ist das Gegenteil der Fall und der Kampf um Arbeitsplätze wird immer härter?

Ich würde ja echt gerne mal mit ‘ner Walther PPK bei uns durch die Abteilung gehen…
- Ja, ja, das sind so Allmachtsphantasien…
Nein, das wäre eine gute Methode zur Effizienzsteigerung der Firma.

In dieser Frage wird weitere empirische Forschung nötig sein.


Sep 11 2005

Arbeit ist Scheiße!

Arbeit ist Scheiße! Bei dieser Aussage handelt es sich um eine selbstverständliche Tatsache, und wäre speziell die deutsche Gesellschaft nicht so verblödet, müßte man sich schämen, eine solche Banalität zu Papier zu bringen.

Wie fortgeschritten diese Verblödung ist, zeigt sich daran, daß die Aussage »Arbeit ist Scheiße!« bei den meisten Zeitgenossen eben kein allgemeines Gähnen hervorruft, sondern komischerweise als Tabu-Bruch aufgefaßt wird. Dieser Tabu-Bruch spaltet die Meinungen. »Arbeit ist Scheiße« ruft bei vielen Zeitgenossen die wütende Frage hervor: »Und wovon willst Du leben?« – als wenn das eine mit dem anderen auch nur das geringste zu tun hätte!

Wenn Ideologen von der »Selbstverwirklichung des Menschen durch Arbeit« faseln, dann lügen sie. Zwar gibt es nicht wenige, für die Arbeit das größte Vergnügen ist, genauso wie es ja immer wieder Idioten gibt, die sich nichts Erregenderes vorstellen können als für Volk und Vaterland den Heldentod zu sterben. Solche Leistungen setzen allerdings jede Menge Erziehung und Moral voraus.

Lohnarbeit unterscheidet sich durch eine wesentliche Eigenschaft von Sklavenarbeit: Die Arbeitskräfte verkaufen sich selber.

Von all diesen Menschenfreunden betreut, kann sich die Arbeitskraft etwas darauf einbilden, die Arbeit auszuhalten. Die jüngeren Exemplare protzen mit ihrer immer wieder steigerungsfähigen Arbeitsgeschwindigkeit, die alten mit ihrer Zuverlässigkeit. Viele trachten danach, sich zum Arbeitsaufseher hochzuschleimen, labern davon, daß es »woanders noch schlimmer sei«, glotzen in ihrer Bildzeitung herum, kotzen sich über den Trainer »ihres« Fußballvereins aus und sind stolz darauf, Arbeiter zu sein.

(Prinzipien und Doktrin des Wissenschaftlichen Pogo-Dogmatismus)

Ein weiser Text, der so manches Studium ersetzen könnte. Man sollte den zitierten Text in Kindergärten vortragen, damit die noch jungen Menschen gar nicht erst von ihrer Umwelt so weit verblödet werden, dass sie Lohnarbeit für etwas Nötiges halten oder Arbeit im Allgemeinen als etwas Tolles empfinden, obwohl sie zu der Erkenntnis, dass es sich bei allen Arbeit idealisierenden Kopfgeburten um dümmliche Propaganda handelt, wahrscheinlich – hoffentlich – auch noch von selbst kommen werden.


Jul 28 2005

Karriere betreffender Suizid

Einige mussten für ihre Offenheit in Blogs schon teuer bezahlen. So gab es Entlassungen, weil Blogger über ihre Arbeit berichteten. [...] Experten sehen hinter solchen Vorfällen einen größeren Trend, bei dem die freimütigen Äußerungen zu persönlichen und auch öffentlichen Dramen führen. Einige fürchten auch, dass die Blogs – und besonders die Einträge über Party-Erlebnisse und Verabredungen – längerfristig Auswirkungen haben könnten.

Es ist dringend angeraten, das Aufkommen einer eigenen Meinung zu unterdrücken und das Dokumentieren des persönlichen Lebens einzustellen, um nicht gefeuert zu werden. Oder nicht einmal eingestellt. Das persönliche Blog als Karrierekiller.

Nett, wie ich nun einmal bin, möchte ich es Personen, die meine zukünftige Karriere in der Hand haben, nicht unnötig erschweren.

Liebe Personalchefs und potentielle Arbeitgeber:

Arbeit ist scheiße. Sollte ich irgendwann in ferner Zukunft in meiner Bewerbung einmal schreiben, ich finde Unternehmen XY so wahnsinnig toll, dass ich unbedingt für Unternehmen XY arbeiten möchte, weil es eigentlich schon seit frühester Kindheit mein größter Traum war, einmal bei Unternehmen XY beschäftigt zu sein, weil Unternehmen XY so extrem erfolgreich und faszinierend ist? Ja, das sollte ich wohl. Würde ich das tun, dann wäre das gelogen. Weil man es von mir erwartet, belogen zu werden. Der primäre Antrieb, für Unternehmen XY zu arbeiten, ist der, Geld zu verdienen, weil ich mir sonst so ziemlich gar nichts kaufen kann, was meine Gesundheit und ich äußerst schlecht finden. Es ist ein Zwang, kein Wunsch. Unternehmen XY ist bestenfalls das kleinste Übel, mehr nicht. Guess what? Den anderen Bewerbern geht es genau so. Auch sie würden lügen oder lügen tatsächlich. Vielleicht stellt mich allerdings doch jemand ein, weil er nicht belogen werden will. Aber ich befürchte, das wird bevorzugt.

Liebe Professoren und Uni-Mitarbeiter:

Lernen ist toll, aber studieren ist scheiße. Sollte ich in meinen abzuliefernden Arbeiten darlegen, dass ich aus unbändigem Interesse gerade zu diesem Zeitpunkt dieses Thema gewählt habe, weil ich gerade heute ohne das Anfertigen dieser Arbeit nicht mehr ruhig schlafen könnte und es schon seit frühester Kindheit mein tiefster Antrieb war, zu diesem Datum eine solche Arbeit anzufertigen? Ja, das sollte ich wohl. Würde ich das tun, dann wäre das gelogen. Es geht nicht darum, dass mich die Themen nicht interessieren. Das tun sie. Und es macht Spaß zu lernen. Der primäre Antrieb, solch eine Arbeit anzufertigen, ist jedoch die Studienordnung: Ich brauche einen Schein. Würde ich das Zeug schreiben, weil ich das möchte, gäbe es keinen Abgabetermin, keinen Druck und keine Note. Es ist ein Zwang, kein Wunsch. Guess what? Den anderen geht es genau so. Auch sie würden lügen oder lügen tatsächlich.

Ein großes gegenseitiges Verarschen. Zwang ist kontraproduktiv, demotivierend, niemals hilfreich und nie eine nachhaltige Motivation.

Sollte ich hier irgend jemanden vergessen haben, der mich entlassen, gar nicht erst einstellen, exmatrikulieren oder mit anderweitigen negativen Sanktionen belegen kann, die meine so genannte Karriere betreffen, so bitte ich das zu entschuldigen und werde es bei Gelegenheit nachholen.