Nov 1 2010

Was ist Klassenkampf?

Wenn vom Klassenkampf die Rede ist, denkt man niemals an seine ganz alltĂ€glichen Formen, an die rĂŒcksichtslose gegenseitige VerĂ€chtlichmachung, an die Arroganz, an die erdrĂŒckenden Prahlereien mit dem »Erfolg« der Kinder, mit den Ferien, mit den Autos oder anderen Prestigeobjekten, an verletzende GleichgĂŒltigkeit, an Beleidigungen usw.: Soziale Verarmung und Vorurteile – letztere sind die traurigsten aller sozialen Leidenschaften – werden in diesen alltĂ€glichen KĂ€mpfen geboren, in denen stets die WĂŒrde und die Selbstachtung der beteiligten Menschen auf dem Spiel stehen. Das Leben Ă€ndern, das mĂŒĂŸte auch heißen, die vielen kleinen Nichtigkeiten zu Ă€ndern, die das Leben der Leute ausmachen und die heute gĂ€nzlich als Privatangelegenheit angesehen und dem GeschwĂ€tz der Moralisten ĂŒberlassen werden.
(Pierre Bourdieu – Politik, Bildung und Sprache, in: Die verborgenen Mechanismen der Macht)


Aug 11 2010

Distinktion

Was »Distinktion« ist, was »Unterschied« ist, lĂ€ĂŸt sich, so meine Ansicht, immer nur relativ sagen, in Beziehung zu anderem. Im Grunde heißt »distinguiert« sein: »nicht populĂ€r« sein – und sonst nichts. Per Definition sind die unteren Klassen nicht distinguiert; sobald sie etwas ihr eigen nennen, verliert es auch schon diesen Charakter. Die herrschende Kultur zeichnet sich immer durch einen Abstand aus. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Skifahren war frĂŒher ein eher aristokratisches VergnĂŒgen. Kaum war es populĂ€r geworden, kam Skifahren außerhalb der eingefahrenen Pisten auf. Kultur, das ist im Grunde auch immer etwas »außerhalb der Piste«. Kaum bevölkern die breiten Massen die MeeresstrĂ€nde, flieht die Bourgeoisie aufs Land. Das ist ein simpler Mechanismus, aber er ist wichtig, will man verstehen, warum der Begriff der »populĂ€ren« oder Volkskunst ein Widerspruch in sich ist. Damit ist keineswegs behauptet, daß die unteren Klassen nichts hĂ€tten. Sie haben etwas und sie sind etwas, sie haben ihren Geschmack und ihre Vorlieben – nur lĂ€ĂŸt sich das hĂ€ufig nicht zum Ausdruck bringen, und wenn doch einmal, dann wird es sofort objektiv entwertet. Auf dem Bildungsmarkt springt das ins Auge. Sobald die Vertreter der unteren Klassen dort ihre Sprache anbieten, bekommen sie schlechte Noten; da fehlt ihnen die richtige Aussprache, die richtige Syntax usw.
(Pierre Bourdieu – Die feinen Unterschiede, in: Die verborgenen Mechanismen der Macht)


Okt 20 2006

Fachsprache als Abgrenzung

Was ist die gesellschaftliche Funktion der Fachsprache? Ich habe gesagt, echte Kommunikation sei Gemeinsamkeit und VerĂ€nderung. Die Fachsprache ist nicht unschuldig. Der Mann, der sie spricht, der vor uns von Rollen und auf der Basis von Wechselbeziehungen funktionierenden Gruppen schwatzt, und von Wertvorstellungen und den Zielen des Lehrplans und besserer Übereinstimmung und ĂŒbergeordneten und untergeordneten Personen, der hat die Absicht, uns auf Distanz zu halten; er will seine SpezialitĂ€t – sein kleines StĂŒck eines im Wesentlichen unteilbaren Ganzen – eben als SpezialitĂ€t fĂŒr sich behalten. Er hat kein Interesse daran, sich uns anzunĂ€hern, uns seine FĂ€higkeiten zu vermitteln, sondern ĂŒber uns zu stehen und uns zu manipulieren. Kurzum, er will ein »Experte« bleiben. Der Philosoph möchte, im Gegensatz dazu, dass alle Menschen zu Philosophen werden. Seine Redeweise erzeugt Gleichheit. Er hat die Absicht, sich uns anzunĂ€hern und uns die FĂ€higkeit zum selbststĂ€ndigen Denken und Handeln zu vermitteln.
(George Dennison – The Lives of Children; zitiert nach: John Holt – Kinder lernen selbststĂ€ndig oder gar nicht(s)