Feb 14 2010

Für die Ewigkeit

Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit ist von stetiger Entbehrung geprägt worden und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld für das, was sie Familie nannte, zu verdienen. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie recht bald wieder verlieren würde. Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür genutzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben selten bloß geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.
Vor zwei Tagen, als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar so etwas wie Euphorie. Spät am Abend, die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste, stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß beiläufig, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und all die Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem von ihnen, zu dieser unglücklichen jungen Frau darauf, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.


Jan 30 2010

Im ewigen Eis

Weißt du, was mir das Herz zerreißt, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, und jeden Abend, wenn ich mich schlafen lege? Ich fühle mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren, und nicht nur das, als sei der Fahrer hastig ausgestiegen, um sich das Unglück näher anzusehen, hätte sich wieder hinters Lenkrad begeben, kalt den Rückwärtsgang gewählt und mich erbarmungslos zerquetscht, womit er schließlich noch ganz sicher gehen will, dass ich von hier nie wieder aufstehen würde. Während es mir das Herz zerreißt, zerreißt du nur meine Briefe, als wären es längst beglichene Schuldscheine aus einer klammeren Vergangenheit. Überhaupt behandelst du mich, als sei es eine ruinöse Quartalsabrechnung, die du nun mit mir durchführen musst, eine emotionale Insolvenz, die mit den Worten endet: Wir müssen Sie leider entlassen, aber nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ja, wie denn sonst?
Du konntest so schnell Anschluss finden, nachdem wir auseinander brachen. Wenige Stunden danach kehrtest du zurück zum unbeschwerten Tagesgeschäft, du trafst dich mit deinen Freundinnen und Freunden, du konntest lachen und du gingst abends fröhlich aus, so als hätte es diese Verbindung zwischen uns niemals gegeben. Mich hingegen warf es aus der Bahn, tagelang aß ich nicht genug, wochenlang schlief ich nicht sehr viel, monatelang war ich eine andere Person und noch für Jahre wirst du in Gedanken immer bei mir sein. Für dich aber war es, als würdest du umsteigen. Du verließt den Zug, mit dem du bis hierher gekommen warst, und wo dieser Zug ohne dich dann hinfahren würde, was weiterhin mit ihm geschah, das war dir egal, denn du stiegst bloß in einen neuen. Kein Blick zurück, für dich war jeder Zug so gut wie jeder andere, und falls der alte Zug entgleist, nachdem du ausgestiegen bist, dann umso besser, dass du ihn rechtzeitig verlassen hast. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, doch du standst da wie eine Wächterstatue, gleichmütig und unerschütterlich. Tag um Tag starrte ich für Stunden auf das Postfach meiner Mails, jede SMS, die ich bekam, versetzte meinem Herzen einen hoffnungsfrohen Schock, und wenn es klingelte, dann rannte ich zur Tür. Ich wusste, ich wartete vergebens, denn du warst schon längst weitergezogen, und dennoch konnte ich nicht aufhören, vergebens auf dich zu warten. Meine Gefühle kochten über und du nahmst deine ungerührt vom Herd, du stelltest sie nicht einmal auf die Warmhalteplatte. Du sagtest zu mir mit naiver Ernsthaftigkeit in der Stimme, ich solle meine Gefühle für dich ganz einfach vergessen, und du konntest und kannst noch immer nicht verstehen, wie ich, wie irgendjemand Gefühle hegen kann, die sich nicht einfach wie das Licht beliebig ein- und ausschalten lassen. Einfach, für dich war alles einfach. Wie machst du das und wie konntest du je lieben, wenn du Emotionen so stark unter rationale Kontrolle zwingst?
In deinen Augen haben wir uns zu unversöhnlichen Gegenspielern entwickelt. Was zwischen uns geschah, das ist für dich zu einer Übung in Logik verkommen, ein Debattierclub zu zweit, in dem gewinnt, wer seinen Gegner argumentativ zu Boden wirft. Du bist darin verbissen unerbittlich, weil du die Deutungshoheit über das Geschehene verlangst. Wir waren für den jeweils anderen zu tragenden Wänden seines Lebens geworden, und während mein Haus nun in den Trümmern des Vergangenen liegt, hast du sie eingerissen, als wären sie aus Pappmaché. Mit rücksichtsloser Präzision platziertest du Sprengstoff an allen Brücken, die wir uns zuvor mit Mühe erbaut hatten, damit die Welt für uns begehbar war, und als sie am Ende hinter dir zerfielen, stand ich noch immer drauf. Du hättest all das nie so ernst genommen, sagst du heute kalt zu mir, weil es von Anfang an mir wichtiger gewesen sei als dir, was wir uns beide dort errichteten, und bekenne ich dir dann, dass du für mich auf ewig unvergleichbar bleiben wirst, erwiderst du in knappem Ton, du seist doch bloß wie all die anderen. Hast du die Liebe je verstanden?
Ich verkrieche mich in mir selbst, während du so beiläufig neue Kontakte knüpfst, als wäre nichts geschehen, als wäre dir jeder beliebige Mensch genug, um mich ganz gleichgültig zu ersetzen. Während du für mich die eine Schneeflocke bist, die ich kein zweites Mal auf dieser Erde finden werde, wurde ich für dich zu einem austauschbaren Wassertropfen, der völlig unsichtbar im Meer vergeht. All die Eigenheiten unserer Beziehung, die mir für uns so exklusiv erschienen, die kleine Welt, die einmal unsere eigene war, teilst du so unbekümmert mit mir Unbekannten, als hätte sie dir nie etwas bedeutet. Jene Magie, die einmal zwischen uns bestand und die noch immer in mir wirkt, ist nun für dich bloß fauler Zauber, an dem du dich mit einer Verve vergehst, die mir zerstörerisch erscheint. Was dir einst wichtig war und mir stets ist, das ist für dich wie ausgelöscht. Du tust, als sei da kein Gefühl, und dieser Part liegt dir so gut, dass ich mich manchmal frage, ob das nun wirklich Schauspiel ist oder ob Liebe denn für dich schon immer bloß die Rolle war. Was mir das Herz zerbricht, das ist, dass deines keinen Kratzer trägt.


Jan 28 2010

I don’t love you

Brod’s life was a slow realization that the world was not for her, and that for whatever reason, she would never be happy and honest at the same time. She felt as if she were brimming, always producing and hoarding more love inside her. But there was no release. Table, ivory elephant charm, rainbow, onion, hairdo, mollusk, Shabbos, violence, cuticle, melodrama, ditch, honey, doily… None of it moved her. She addressed her world honestly, searching for something deserving of the volumes of love she knew she had within her, but to each she would have to say, I don’t love you. Bark-brown fence post: I don’t love you. Poem too long: I don’t love you. Lunch in a bowl: I don’t love you. Physics, the idea of you, the laws of you: I don’t love you. Nothing felt like anything more than what it actually was. Everything was just a thing, mired completely in its thingness.
If we were to open a random page in her journal – which she must have kept and kept with her at all times, not fearing that it would be lost, discovered and read, but that she would one day stumble upon that thing which was finally worth writing about and remembering, only to find that she had no place to write it – we would find some rendering of the following sentiment: I am not in love.
So she had to satisfy herself with the idea of love – loving the loving of things whose existence she didn’t care at all about. Love itself became the object of her love. She loved herself in love, she loved loving love, as love loves loving, and was able, in that way, to reconcile herself with a world that fell so short of what she would have hoped for. It was not the world that was the great and saving lie, but willingness to make it beautiful and fair, to live a once-removed life, in a world once-removed from the one in which everyone else seemed to exist.
(Jonathan Safran Foer – Everything is Illuminated)


Jan 26 2010

Wenn du in einen Abgrund blickst

„Wieso bist du hier?“

„Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“

„Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“

„Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“

„Er war nicht glücklich.“

„Deine gewohnte Überheblichkeit, mein Freund. Nein, er war nicht glücklich, aber war nie so unglücklich wie jetzt, nach alledem, was du ihm angetan hast.“

„Was ich ihm angetan habe? Du bist so selbstgerecht wie eh und je. Ich war für ihn Prometheus!“

„Du warst für ihn Pandora.“

„Ich gab ihm Hoffnung…“

„Enttäuscht!“

„…ich gab ihm Zuversicht …“

„Ernüchtert!“

„…ich gab ihm Glauben an das Gute.“

„Und was hat es gebracht? Was hat es ihm gebracht?“

„Er führt endlich ein Leben, ein richtiges Leben. Was für ein Leben war es denn zuvor, bevor ich kam, als er noch fügsam auf dich hörte? Was waren deine Leistungen für ihn, was hast du Gutes je für ihn getan? Du hast ihn mit dem Wahn infiziert, die Welt habe ihm nichts, aber auch gar nichts zu bieten, hast ihn entmutigt und ihn mitleidig beschworen, sich hinter einer Mauer zu verstecken, die du bereitwillig für ihn errichtet hast. Alles, was er sah, das war für ihn nur schlecht, böse und es nicht wert, sich darauf einzulassen.“

„Bis du kamst, nicht wahr, und ihm gesagt hast, er brauche nur in das Gute zu vertrauen, und das Gute würde geschehen. Oh, du Narr! Er war naiv genug, um dir zu glauben, doch was bekam er dann dafür? Enttäuschung, Wut, Verzweiflung. Es hat sich nie gelohnt. Das Gute, das du ihm versprachst, hat er bis heute nicht gesehen.“

„Er wird es sehen und das Warten wird sich für ihn lohnen, wenn er bloß jetzt nicht resigniert, wenn er sich Offenheit bewahrt und nicht in seinem Gram verschließt. Bleib von ihm fern, und auf lange Sicht wird alles gut.“

„Das Warten, das Warten, das Warten. Wie lange soll er denn noch warten? Schau ihn dir an, er hat genug vom Warten. Wer kann es ihm verübeln? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vertröstest du ihn mit diesem vorlauten, hanebüchenen Optimismus, er müsse nur Geduld haben, und das Gute werde ihn ereilen. Nie hat er irgendwas davon gesehen, bis heute wurde es nicht wahr. Zum Teufel mit der Geduld! Zum Teufel mit der Offenheit!“

„Du wirst ihn nicht wieder bekommen. Er ist ein besserer geworden.“

„Ach ja? Wie war er denn, bevor du ihn verführen kamst?“

„Zynisch. Er war ein Pessimist, er hatte keinerlei Erwartungen an die Welt, denn da warst du und hast sie ihm genommen.“

„Aber du gabst ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen…?“

„Ganz recht, ich gab ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen, während du ihm alles nahmst.“

„Du gabst ihm Luftschlösser, Träume und Illusionen! Du hast ihm die verbotene Frucht präsentiert und er, er hat sie sich genommen. Hat sich eine seiner Erwartung erfüllt, die du in ihm gesät hast? Irgendeine? Sein Unglück, das ihn nun so quält, was glaubst du wohl, woher es rührt? Jede ernsthafte Erwartung wurde enttäuscht, jede aufrichtige Hoffnung, jedes offene Vertrauen. Wo du auftrittst, endet es immer wieder gleich. Quellen der Pein sind alles, was du ihm gegeben hast. Das ist sein Unglück! Ohne dich hätte er all das Leid nie erfahren, und er lebte gut so, bevor du anfingst, alles zu zerstören.“

„Ja, denn das war deine Lösung für ihn: Leere. Natürlich, er konnte nicht enttäuscht werden, wenn er keinerlei Erwartungen hegte, aber kann ein Mensch so je glücklich werden? Er wird sein Glück nur finden können, wenn er das Risiko wagt, von Zeit zu Zeit enttäuscht zu werden. Du aber hast ihm alles genommen, für das es sich zu leben lohnt. Er hatte keinerlei Hoffnung für die Zukunft. Es gab niemanden, dem er sein Vertrauen schenkte. Kein Mensch war ihm wichtig, die Welt für ihn ein schlechter Ort. Und du besitzt die Unverschämtheit, es zu wagen, das ein gutes Leben zu nennen, was er da führte?“

„Ein besseres als du es ihm geschaffen hast. Zynismus hat ihn nie so hart enttäuscht wie du. Früher war er stärker, früher hatte er sein Bollwerk gegen die Welt. Doch dann kamst du, mein Freund, der edle Befreier, und du erst hast ihm eingeredet, er könne so nicht leben, das mache ihn nicht glücklich, er solle alle Tore seiner Festung öffnen, um das Gute in sein Leben ziehen zu lassen. Aber was kam wirklich durch die Tore? Sieh ihn dir an! Er ist unglücklicher als je zuvor.“

„Er kann nicht einfach wieder zurückgehen, nicht nachdem er so weit gekommen ist. Wenn er die Hoffnung fahren lässt, ist er so gut wie tot, das siehst auch du. Ich zeige ihm das Leben, du zeigst ihm bloß Verzweiflung.“

„Ich zeige ihm, wie er Verzweiflung aus dem Weg geht, die du erst in sein Leben gebracht hast. Er hat genug von dir. Seine Geduld ist am Ende, deswegen bin ich hier. Er wird dich nicht länger beschützen. Du hattest deine Chance und du hast versagt.“

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird, schreibt Nietzsche, und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.


Jan 21 2010

Havarie

Als ich die Worte zum ersten Mal aus seinem Mund vernahm, fand ich es furchtbar flach: »Wir alle brauchen manchmal einen Lotsen, selbst der beste Kapitän«. Dieser alles und nichts sagende Satz, diese inhaltsleere Belanglosigkeit war einer seiner Lieblingssprüche, sein Mantra, seine Lösung für alles und seine Lösung für jeden. Nun, für fast jeden, muss ich sagen. Er selbst, der große Kapitän, schien keinen Lotsen nötig zu haben, auf keiner Reise seines Lebens, nein, im Gegenteil, stets bot er sich anderen als Beistand an, so als sei er der einzige, der verstanden habe, wo im Leben die Untiefen liegen und welche unsicheren Gewässer es zu meiden gilt. Es war ein Satz wie einer dieser unerträglich optimistischen Kalendersprüche, die Unzufriedenen das Leben etwas freundlicher gestalten sollen und in ihrer Botschaft so belanglos, so stupide sind, dass niemand je etwas Vernünftiges dagegen einzuwenden vermag. Was hätte jemand auch gegen diesen Satz einwenden sollen? Er war ja richtig. Das war es, was mich daran zur Weißglut brachte. Ausgerechnet er musste es sein, der mir diesen bedeutungslosen Satz mit einer Ernsthaftigkeit vorpredigte, als wüsste er genau, worum es überhaupt im Leben gehe und wie man es sich einzurichten habe. Er wähnte sich nicht nur als stolzer Kapitän seines eigenen, windschnittigen Lebens und Lotse der Leben aller anderen, sondern gleich als Kartograf für Leben überhaupt. In meinen Augen war er ein arroganter, chauvinistischer Idiot.
Mit der Zeit fing ich an, diesen Satz zu hassen, und dadurch letztlich auch ihn selbst. Er machte mich rasend, zumindest innerlich, und ich musste mich schier beherrschen, ihm nicht offen ins Gesicht zu fauchen. Mit einer gelassenen Regelmäßigkeit wagte er es hin und wieder, diese Plattitüde in Diskussionen einzustreuen, die er mit mir führte, den Satz zu variieren, ihm ein Trojanisches Pferd als Vehikel zu konstruieren und ihn einer Metapher unterzuschieben, damit die Worte nachts hervorkommen und in meinem Kopf ihre Wirkung entfalten konnten. Wenn er sich mit anderen unterhielt, während ich dabei stand, oder wenn wir in einer Gruppe unterwegs waren und er jemandem diesen Tipp, diese Nichtigkeit zuteilwerden ließ, blickte er mit einem süffisanten Lächeln in meine Richtung, so als wollte er ganz sicherstellen, dass ich den Satz auch zweifellos vernommen hätte. Warum war es ihm so wichtig, mir diesen Satz immer und immer wieder unter die Nase zu reiben? Es kotzte mich ehrlich gesagt an. Ich war doch Kapitän meines eigenen Lebens und ich brauchte keinen Lotsen! Schon gar nicht ihn! Was also wollte er mir mit diesem dümmlichen Satz sagen, was passte ihm nicht an mir? Ich verstand es nicht und ich wusste nicht, ob ich es überhaupt verstehen wollte.
Selten hatten wir in den folgenden Monaten miteinander zu tun, nur dann und wann trafen wir uns rein zufällig, und so auch an Silvester. Wir plauderten ganz oberflächlich über dies und jenes, denn auch ihm musste aufgefallen sein, dass unser Kontakt sich verringert hatte. Bei einem Bier erzählte ich ihm kurz von jenen Dingen, die mich zu dieser Zeit bewegten, belasteten, ganz normaler Alltagskram, und er sprach bloß leicht angetrunken von einem Schiff, das auf Grund laufen würde, wenn ihm ein Lotse fehlte, denn schließlich bräuchte selbst der beste Kapitän manchmal einen Lotsen und so weiter. Mir war klar, dass er mich meinte. Ich würde mit meinen Problemen auf Grund laufen, wenn nicht er, der große, allwissende Lotse mich retten würde. Arschloch! Er kam sich in diesem Moment sicher unglaublich lustig und überlegen vor, und es war wieder einmal typisch für ihn, der glaubte, ich hätte nur auf seine, gerade seine rettende Hilfe gewartet. Sah ich so aus, als hätte ich das nötig? Nein! Er konnte mich mal. Als er mir von seiner neuen Wohnung vorzuschwärmen begann, hörte ich ihm schon nicht mehr richtig zu. Völlig unverbindlich ließ ich mir das Versprechen abringen, ihn irgendwann einmal besuchen zu kommen, und verschwand sofort darauf im anonymen Trubel der Silvesterfeiernden. Ich sah noch, wie er mir nachwinkte. Er schien mit dieser Antwort glücklich zu sein, aber ich hatte nicht vor, ihn tatsächlich zu besuchen.
Ein Jahr verging. Nur selten traf ich ihn in dieser Zeit und jedes Mal, wenn es geschah, kam die Erinnerung an jenen Satz. Ich vermied es schließlich vollends, ihn zu sehen, und ging ihm aus dem Weg. Es war keine bewusste Entscheidung, die mich dazu gebracht hatte, sondern dieses auf vage Art verunsichernde Gefühl, das mich überkam, wenn ich durch ihn an seinen Satz erinnert wurde. Ich ertappte mich dabei und fand es albern, konnte mich allerdings nie überwinden, ihn einfach anzurufen oder ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Mir fiel wieder ein, dass er in der Stadt eine neue Wohnung gefunden hatte und ich nun weder seine neue Anschrift noch seine Telefonnummer besaß. Das beruhigte mich, denn selbst wenn ich ihn erreichen wollte, so hätte ich es nicht gekonnt. Es lag nicht in meiner Macht.
Er wiederum machte ebenso wenig Anstalten, sich bei mir zu melden, und so vergaß ich ihn fast, bis ich eines Tages im Supermarkt auf jemanden traf, den er mir einst als einen Freund vorgestellt hatte. Unschlüssig, ob ich diesen Freund einfach ansprechen sollte, blieb ich zwischen den Regalen stehen und überlegte, bis mir die Entscheidung abgenommen wurde und er seinerseits auf mich zukam. Von der Situation überrumpelt, entfuhr mir ein Hallo, er aber griff bloß nach einer Packung Cornflakes. Ich stand genau davor. Das war alles. Wortlos musterte er mich, bis ich ihn schließlich unbeholfen fragte, ob er sich an mich erinnere, wir hätten einen gemeinsamen Freund, und wo dieser gemeinsame Freund denn hingezogen sei. Sein Gesicht verriet mir, dass er mich erkannte. Zunächst erstaunt, dann bedrückt sah er mich an, bejahte, sah sich um, so als seien seine Worte für diesen Ort ungeeignet, und sprach in gedämpftem Ton:
„Du weißt es noch gar nicht, oder? Man fand ihn vor… hm… knapp anderthalb Monaten in seiner Wohnung. Tabletten oder so. Er hatte sogar einen Abschiedsbrief geschrieben, na ja, mehr eine Abschiedsnotiz: »Ohne dich laufe ich auf Grund, aber du kommst nicht«. Seltsam, was? Niemand weiß, wen oder was er damit meinte.“
Und da verstand ich seinen Satz.


Jan 12 2010

Der menschliche Makel

Menschen. Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.
Der erste Eindruck überraschte mich. Man nahm mich freundlich auf. Einfach so. Ohne Bedingungen und ohne jede Umschweife. Es war für diese Menschen nichts Ungewöhnliches, einen Neuen, einen Fremden in ihre Reihen zu integrieren. Das unterschied diesen Ort von beinahe allem, was ich kannte, denn wie schwer, wenigstens aber aufwändig war es doch in der Regel, mit offenen Armen als Fremder in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht so hier. Einwohner kamen und gingen, und manchmal blieben sie nur wenige Wochen. Es war eine Freundlichkeit, eine Selbstverständlichkeit, die mich begeisterte. Den schmalen Grat zwischen naivem Vertrauen und unbarmherziger Distanz pflegte ich stets mit einer Art gesundem Grundvertrauen zu beschreiten, das lediglich begrenzt wurde durch eine über die Jahre gewachsene Menschenkenntnis, die es erforderte, um nicht der Naivität anheimzufallen. Im Allgemeinen vertraute ich selbst mir völlig unbekannten Menschen, solange sie mir keinen Grund lieferten, daran zu zweifeln. Was wäre die Alternative gewesen? Gesundes Misstrauen ist ein Widerspruch in sich, so etwas gibt es nicht, und lieber wollte ich bisweilen in meinem Vertrauen enttäuscht werden, als unter ständigem Misstrauen und in paranoider Grundhaltung durch die Welt zu gehen, denn Misstrauen fördert unablässig Misstrauen. Insofern fühlte ich mich hier zuhause. Niemanden interessierte, warum ich kam. All die menschlichen, nur allzu menschlichen Kategorien, die bisweilen dafür sorgten oder benutzt wurden, Keile zwischen die Individuen zu treiben, schienen hier ohne Bedeutung zu sein. Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder Status, Erfolg, Bildungsgrad und noch die verrücktesten Interessen waren für das Miteinander dieser Menschen anscheinend völlig nebensächlich, zumindest ließen sie sich nicht im geringsten anmerken, darauf irgendeinen Wert zu legen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war nicht wahr – aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Das ist wohl das Problem mit der Realität, manchmal bemerkt man sie erst zu spät. Ich hätte es wissen müssen, aber ich tat es nicht, denn wer stellt schon Fragen, wenn ihm Einlass in das Paradies geboten wird.
Nun, da ich ihn verlasse, muss ich rückblickend auf diesen Ort leider sagen, dass unterm Strich die Enttäuschung überwiegt. Es gab sehr viel Freude, schöne Momente, gute Erfahrungen, aber letztlich auch zu viel Frustration. Ich habe viele Monate hier damit verbracht, Hoffnungen und Träumen nachzujagen, die am Ende fast alle enttäuscht wurden. Ich komme mir so dumm vor. Alles ließ ich stehen und liegen, sogar meine Arbeit vernachlässigte ich in all der Zeit, weil es nichts Wichtigeres gab auf der Welt als diese Menschen, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Und für was? Was dachte ich zu sehen? Menschen, die nicht so sind wie an jedem anderen Ort der Welt? Illusionen! Wieso also sollte ich bleiben? Weiterlesen…


Jan 10 2010

Interpretationen

„Ich mag dich“, hatte sie zu ihm gesagt, bevor sich die U-Bahn-Türen zwischen ihnen schlossen und er alleine auf dem Bahnsteig zurückblieb, ohne jede Möglichkeit, ihr darauf irgendwie zu antworten. Nun war sie zuhause, lag auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf. Sie kam sich so dumm vor. Da wurde sie einmal für einen absurd kurzen Augenblick von ihren Gefühlen übermannt und brachte in diesem Zustand dann gleich so einen Satz hervor, so eine entlarvende Aussage, solch ein Geständnis. Sie wusste, er würde nie das gleiche für sie empfinden, das sie für ihn empfand. Daran gab es für sie keinen Zweifel. Wieso also musste sie sich unbedingt mit solch einem Satz blamieren, der die Sache zwischen ihnen unbarmherzig verändern würde. Alles würde komplizierter werden. Er würde auf Distanz gehen, er würde Abstand zwischen sie beide bringen, ob sie das wollte oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigsten verkraften würde. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein kleiner, unwichtiger, absolut lächerlicher Satz würde alles kaputt machen.
Aber nein. Was genau hatte sie denn wirklich gesagt? Es war doch bloß: „Ich mag dich“. Das war kein Geständnis. Das war nicht einmal eine Andeutung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich“ lässt Raum für Interpretationen. Interpretationen erlauben Freiheit. Interpretationen erlauben Hintertüren. Zwar war sie normalerweise sehr darauf bedacht, eine präzise Ausdrucksweise an den Tag zu legen, doch in Situationen wie diesen hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst vage auszudrücken. Vage Aussagen eröffnen Handlungsspielraum. Man tänzelt und laviert um das Feuer herum. Bloß nicht festlegen. Bloß nicht festlegen lassen. Präzision der Sprache war ihr unerwünscht, zumindest in solchen Situationen. Man kann etwas sagen und völlig offen lassen, was man damit meint. Es bleibt die Interpretation. Ein Schild, ein Schutzwall, ein Notausgang. Der andere soll sagen, was er darunter versteht, was er in das Gesagte hineininterpretiert. Ist es das Falsche, kann man sich bequem hinter das Schutzschild sprachlicher Unschärfe zurückziehen und behaupten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat. Was also hatte sie wirklich gesagt? „Ich mag dich“ – das konnte alles heißen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Deine Art gefällt mir“ oder „Ich liebe dich“ bis hin zu „Ich möchte mit dir schlafen“ war doch alles und nichts, ganze Bedeutungsuniversen, in diesem Satz enthalten, der so vage war, dass es sie freute. Er konnte sie nicht daran festnageln. Was er in diesem Satz las, entschied einzig und allein seine Interpretation. Wahrscheinlich dachte er, sie sei in ihn verliebt. Das war die Wahrheit, aber es war eben eine Wahrheit, die sie ihn nicht wissen lassen wollte, denn er, er war doch nicht in sie verliebt, das war ihr klar. Seit Monaten hegte sie Gefühle für ihn. Sie freute sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hörte, die sie ihm gab, mit ihr Zeit verbrachte, ihr Briefe schrieb oder sie bloß anschaute, mit seinen bezaubernden Augen. Sie hatte versucht, sein Verhalten zu deuten, hatte herausbekommen wollen, ob er auch für sie Gefühle hegte, doch eindeutig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Interpretation. Nach einigen Wochen kam sie zu dem Schluss, dass er offenbar nichts für sie empfand. Das war schade, doch sie fand sich damit ab und seine Gesellschaft war ihr weiterhin das Paradies.
Wie würde er nun reagieren auf diesen törichten Satz, den sie so unbeholfen in die Welt hinaus geflüstert hatte? Es wäre für sie die Hölle, ihn überhaupt nicht mehr zu sehen, den Kontakt zu ihm endgültig zu verlieren. Was also würde er sagen?  Sie wusste es. Er würde sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei versuchen, sie nicht zu verletzen, während er in Gedanken bereits das Ende ihrer Freundschaft konstruierte. Sie jedoch würde sich erhobenen Hauptes hinter ihr sprachliches Schutzschild zurückziehen, hinter die Interpretationsfähigkeit ihrer vagen Worte. Sie würde lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie würde klarstellen, dass sie diesen Satz rein freundschaftlich begriffen hatte. Dann würden sie gemeinsam lachen, beide wären erleichtert, und alles bliebe so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf dieses sprachliche Hintertürchen, das alles retten würde. Plötzlich brummte es leise. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hatte ihr geschrieben. Eine SMS wartete darauf, von ihr gelesen zu werden. Doch was würde er schon schreiben, dachte sie. „Ich mag dich auch, aber…“ würde dort stehen, genau wie sie es erwartete, und sie würde sich enttäuscht durch ihr Hintertürchen davonmachen, würde sich nichts anmerken lassen, würde ihm antworten, es sei nur ein Missverständnis und dass er den Satz bloß falsch interpretiere. Es bleibt die Interpretation. Sie musste sich regelrecht dazu überwinden, das Handy nicht einfach wegzulegen, und sah nach, was er ihr geschrieben hatte: „Ich mag dich auch. Sehr. Das wollte ich dir schon seit langem einmal sagen und ich bin froh, dass du es ausgesprochen hast. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Das überraschte sie. Es war eine Reaktion, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hatte, denn sie war so unwahrscheinlich, so unmöglich. Damit hatte sie nicht gerechnet, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie hatte sich schon so mit der bevorstehenden Enttäuschung abgefunden, ja sogar angefreundet, dass seine Antwort sie nun beinahe wütend machte, denn jetzt enttäuschte er sie mit dem Ausbleiben dieser nur allzu vorhersehbaren, allzu erwarteten Enttäuschung! Es stieg Panik in ihr auf. Und wenn sie nun einfach zugab, dass sie es genauso meinte, wie er es verstand? Damit hatte sie keinerlei Erfahrung. Enttäuschungen war sie gewohnt, mit Enttäuschungen konnte sie umgehen, musste sie umgehen, denn sie war so oft enttäuscht worden, aber das nun überforderte sie. Was war das? „Du… ich glaube, du hast das falsch interpretiert. Ich mag dich als Freund, aber mehr ist da nicht“, antwortete sie ihm und warf sich weinend aufs Bett, überwältigt von dem traurigen Gefühl, einmal mehr in ihrer Hoffnung enttäuscht worden zu sein.


Jan 6 2010

This place is hell

These are the final seconds of my life.

“I hope you’ll rot in hell”, he said and I just laughed. “What’s so damn funny, asshole?”

“Hell, you say. That’s ironic. My entire life, I wondered what hell would be like. You know, I don’t believe in Christian mythology or in any other religious mythology for that matter. But the idea of a place like hell always fascinated me. And then I found it.”

“You found hell?”

“Yes. This is it.”

“I’m gonna be your own personal hell, you can count on that.”

“No. Not you. It’s right here, in this place, in this life, in my each and every day.”

“What you talking about?”

“You know that sweet little metaphor of the tiger in its cage, right? It’s walking up and down, up and down in its cell, all day long. What else should it do anyway? It’s trapped, so walking up and down is all it can do, simulating its own life with each hopeless step it makes. And while the tiger does that, the outside world is right next to it, right behind the bars of its cage. The creature longs for this world. This is what the tiger wants, what it really, really wants. And here’s the sad part: Each and every second of its days, of its life, the tiger sees what it longs for, what it wants so badly. It’s like torture, man, seeing what you really want and never being able to hold it in your hands.”

“So?”

“That tiger is me. Every now and then in my life, there were things that I really, really wanted, that I really, really cared about. Things I longed for so badly it literally hurt. And I found them. I found them right under my very nose. I was so happy, you wouldn’t believe it.”

“Good for you.”

“No. No, you don’t understand. Every time I found one of those things, a woman, a job, an achievement or whatever it was, you name it, I was like that tiger. I saw those things. They were close enough to see them in all their beauty, all their glory, close enough to grab them and never let them vanish again. When I found one of those things, it made me happy beyond words. And yet when I tried, when I actually did try to grab them, I failed, I couldn’t reach them, none of them. It felt like there was a wall between me and those things, a wall made of glass, a wall I could never penetrate. So all those things I ever wanted in my life… they were right there, right next to me, still I wasn’t able to get hold of them. If you go on and on and you do not find what you’re looking for, deep inside your heart, that’s not a problem, right, cause you just keep on searching. But if you do find it and it slips away, it breaks your back, you know. I wish I had lived an unremarkable life, I wish I had never found any of those things I truly longed for in the first place, cause my happiness turned into pain each time I realized those things were out of reach. Minutes felt like days, hours felt like months. Like said tiger I saw the world I longed for so badly and all that I could do was turn around and go for another walk up and down in my stupid cage, cause I never ever brought down that glass wall.”

“Makes you appreciate all those things you’re actually able to get, eh?”

“Yes. Yes, that’s what I thought as well. That’s what I told myself all my life. I thought, maybe I wasn’t supposed to get those things. Maybe I should just be happy with what I got, with what I can get, with what I do reach. But then again, this doesn’t help the tiger in its cage, does it? It’s a lie. It’s still a tiger in its cage longing for the outside world right next to it, a world it will never get to. So each and every time I saw one of those things that meant to me what I always longed for and never could reach, it left a scar.”

“Too many scars and you’re falling apart.”

“If only that were true. I can’t remember how often I wished I would have crumbled. I never did. You know the perfect torture, the ultimate pain? It’s one that never ends. They torture you, they threaten to kill you, but you don’t give in. There comes a point when you just want it to end. You won’t give in, but you don’t want to take this any longer either. And then, when you’ve made your peace, when you’re ready to die, they tell you they’re actually going to kill you. That’s what you hoped for, right. You feel relieved. It’s over, finally. They put a bag over your head and walk you out of the room. You’re satisfied, happy even, cause you didn’t give in, and now, after all, everything’s going to end. The pain won’t come back. But then they take away the bag and you find yourself in a different room, with a different interrogator, starting all over again. They’ve taken away your last best hope and you realize there will never be an end. Unless you give in. It’s a circle of pain and there’s no escape. This is hell and that’s what I found life to be like, with all those things I never got but was doomed to see.”

“Well”, he said. “That’s gonna be a relief then, I guess.” Then he shot me.

I’m dying right now and for the first time in my life I feel entirely, totally happy. I’ve no idea what’s coming up next. I might end up in real hell, as real as it gets. It doesn’t matter. I don’t care. Because whatever is about to come can’t be worse than what I called my life, for it was hell.

(ein wenig inspiriert von The Sunset Limited)


Dez 30 2009

Was willst du überhaupt?

„Was willst du überhaupt?“ raunte er genervt durch die Gegensprechanlage. Erst nach dem dritten Klingeln hatte er reagiert, und es vergingen weitere fünf Minuten, bis er ihr endlich die Tür öffnete. Sie war zu ihm gefahren, am Vormittag vor dem Abflug in den gemeinsamen Urlaub mit ihrem Verlobten, um etwas mit ihm zu bereden, das sie bedrückte, das sie in den Urlaub verfolgt hätte, wenn sie es nun nicht ansprach.
Seit Monaten verhielt er sich anders, irgendwie fremd, ungewohnt und merkwürdig. Ihr war es von all seinen Freunden als erste aufgefallen. Anfangs dachte sie, sie bilde sich das alles bloß ein, doch mit der Zeit wurden die Zeichen seiner Veränderung deutlicher und für alle offensichtlich. Er ging nicht mehr ans Telefon. Als er damit angefangen hatte, sprach sie ihm kurze Nachrichten auf den Anrufbeantworter und bat ihn um Rückruf. Die Rückrufe wurden immer seltener. Mit der Zeit kamen sie nur noch, wenn sie versicherte, es handele sich um einen Notfall. Die Notfälle wurden immer zahlreicher und er durchschaute, was sie tat. Er rief sie gar nicht mehr zurück. Es war nicht nur sie, zu der er den Kontakt auf diese Art schleifen ließ. Sogar ihr Verlobter bemerkte seine Veränderung, obwohl die beiden, seit sie sich kannten, nur wenig Kontakt miteinander gehabt hatten. Schließlich fiel es auch ihren gemeinsamen Freunden auf. Er rief niemanden zurück, er wollte niemanden treffen.
Man schrieb ihm SMS, die er per Email beantwortete, halbherzig und mit einigen Tagen Verspätung. Ihr regelmäßiger Kontakt, den er und sie einst gleichermaßen schätzten, wurde zäh. Zwar erwiderte er noch immer jede Email, die sie ihm schrieb, aber auch dies erst Tage später und mit Formulierungen, so knapp wie Notizen, die jegliche Ausschweifungen oder Details vermissen ließen. Wie gern hatte er immer Geschichten erzählt, stundenlang, die seine Freunde an ihm liebten. Er konnte Erlebnisse beschreiben wie kein Zweiter, sie ausmalen, sie dichten. Er hatte Problemen gelauscht und Ratschläge erteilt oder bei einem Bier über die Welt philosophiert. Das alles war vorbei und niemand wusste den Grund. Seine Reaktionen hatten den Charakter eines Interviews angenommen, nur auf direkte Fragen antwortete er überhaupt noch, und auch das tat er nicht immer. Diejenigen seiner Freunde, die ihn nicht aufgaben, versuchten seiner trüben Laune auf den Grund zu gehen. Während die einen ihm ihr Mitgefühl zeigten, um es ihm leichter zu machen, sich zu öffnen, stellten ihn andere direkt zur Rede. Er antwortete ihnen allen, es ginge ihm gut und sie bräuchten sich seinetwegen wirklich keine Sorgen zu machen. Diese Antwort allerdings beunruhigte seine Freunde noch mehr, denn es war so offensichtlich gelogen. Er hatte nicht nur den Kontakt zu anderen Menschen reduziert, auch körperlich ging es ihm schlecht. Sein Gesicht war eingefallen, das Resultat seiner andauernden Abmagerung. Wenn er sich überhaupt noch mit seinen Freunden traf, war er wortkarg und hatte eine Laune, als käme er von einer Beerdigung. Dunkelste Augenringe prägten sein Gesicht, Husten unterbrach fast jeden seiner Sätze. Schlaf fand er kaum. Die wenigen richtig guten Freunde, die er noch hatte, waren ratlos. Niemand kam an ihn heran. So stand nun also sie, seine beste Freundin, vor seiner Tür. Sie würde bleiben, bis er ihr endlich gesagt hätte, was mit ihm los sei.
Widerwillig bat er sie herein und bot ihr pflichtschuldig etwas Bier an, das sie freundlich ablehnte. Sie sagte, sie wolle gleich auf den Punkt kommen. Er habe sich verändert. Niemand wisse, was mit ihm los sei, aber man mache sich große Sorgen. Seine Freunde machten sich große Sorgen. Sie versicherte ihm, er habe noch immer Freunde, die ihm bereitwillig helfen würden, sollte er Probleme irgendeiner Art zu bewältigen haben. Sollte es um finanzielle Dinge gehen, wäre das schnell aus der Welt zu schaffen, ermutigte sie ihn. Er winkte ab und schüttelte den Kopf. Keine finanziellen Probleme. Er dankte für das Angebot. Auch sonst gäbe es keine Probleme, bei denen seine Freunde ihm behilflich sein könnten. Aber sein Verhalten sei doch nicht normal, beharrte sie. Irgendetwas müsse doch sein. Er wiegelte ab. Es ginge ihm gut, sie solle sich seinetwegen keine Sorgen machen. Das war ihr zu viel. Sie blaffte ihn an, er könne vielleicht andere belügen, dass sie als seine beste Freundin aber etwas mehr Ehrlichkeit von ihm erwarte. Immerhin sei sie mit den besten Absichten zu ihm gefahren, noch dazu so kurz vor ihrem Urlaub mit ihrem Verlobten.
Sie entschuldigte sich bei ihm, nicht schon früher das Gespräch gesucht zu haben. Als er angefangen hatte, sich zu verändern, war sie bis zur Erschöpfung mit der eigenen Veränderung ihres Lebens beschäftigt gewesen und hatte keine passende Gelegenheit gefunden, um einmal in Ruhe mit ihm zu reden. Gewollt hätte sie, aber ihr fehlte die Zeit. Sie wusste, die meisten sagten das als Ausrede, weil man für solche Angelegenheiten eigentlich immer Zeit hatte, man konnte sie sich nehmen, gerade für gute Freunde. Aber sie war wirklich nicht dazu gekommen. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sie ein baufälliges Haus gekauft, kündigte ihre alte Wohnung, musste umziehen, renovieren. Als das Haus in einem einigermaßen guten Zustand war und der gröbste Stress allmählich nachließ, hielt ihr Freund, dann ihr Verlobter, um ihre Hand an. Nun hatte sie eine Hochzeit zu planen.
Er aber sagte bloß verständnisvoll, er wisse ja, dass sie mit Umzug und Hochzeitsvorbereitungen in letzter Zeit sicher schwer beschäftigt gewesen sein musste, er könne das verstehen. Überhaupt sei es nicht so wichtig, sei er nicht so wichtig, er nehme es ihr nicht übel. Sie fragte ihn, was er mit ‚nicht so wichtig‘ eigentlich meine. Ihm sei gar nichts mehr wichtig, so ihr Eindruck, gestand sie ihm, nicht einmal der Kontakt zu ihr, den er doch stets mit Freude gepflegte hatte. Als er daraufhin verschämt den Blick senkte, tat er ihr leid und sie hätte sich am liebsten geohrfeigt, ihm nun auch noch einen Vorwurf daraus zu machen. Aber vielleicht war das ja ein Weg, ihn aus der Reserve zu locken. Sie ließ es darauf ankommen. Wenn alles in Ordnung sei, bohrte sie, weshalb komme er dann kaum noch aus seiner Wohnung. Weshalb verweigere er beinahe jegliche Kommunikation. Weshalb vernachlässige er sich selbst, seine Freunde, sogar sie, die ihm immer wichtig gewesen sei. So etwas könne er nicht machen. Er könne nicht einfach alle Brücken abbrennen und erwarten, niemand würde sich um ihn sorgen. Und dann auch noch sein Job! In der Firma, für die er arbeitete, war auch ihr Verlobter beschäftigt und hatte ihr erzählt, er käme nur noch sehr sporadisch seiner Arbeit nach. In letzter Zeit komme er so selten und mit fadenscheinigen Ausreden, dass er kurz davor stünde, gefeuert zu werden und sein Einkommen zu verlieren. Er sagte bloß, das sei ihm egal. Sie wurde laut. Wie könne ihm das egal sein. Der Job sei seine existentielle Grundlage, ohne ihn könne er einpacken. Er zuckte die Schultern. Es wurde ihr zu viel. Wie könne er einfach so dasitzen, alles scheißegal finden, seinen Job, seine Freunde, die sich Sorgen um ihn machten, sogar sie. Er kam nicht aus der Reserve. Sie seufzte, war wütend, enttäuscht, sagte zu ihm, sie vermisse ihre gemeinsamen Gespräche, die regelmäßigen Telefonate, die Emails, aber das sei ihm wahrscheinlich auch egal. Er sähe aus, als wäre er kurz vorm Sterben, erklärte sie, er gehe kaum noch raus, und dann erzähle er allen, es ginge ihm gut. Für wie dumm halte er sie denn, alle wollten ihm doch bloß helfen, besonders sie. Die Kälte in seiner Stimme traf sie am meisten, als er ihr ins Gesicht sagte, ihre Hilfe könne sie sich sparen. Wenn das so ist, könne er sie einmal kreuzweise, entgegnete sie verletzt, denn eigentlich müsse sie ja Koffer packen, doch stattdessen sei sie hierher gefahren, zu ihm, um mit ihm zu sprechen, und er benehme sich wie ein Arschloch und lüge sie an. Daraufhin schmiss er sie raus. Er habe sie nicht darum gebeten, hierher zu kommen, sie solle mit ihrem tollen Verlobten in ihren blöden Urlaub fahren und einfach verschwinden. Sie fing an zu weinen, sie brüllte ihn beim Rausgehen an, was sein verdammtes Problem sei und was er überhaupt wolle. Er murmelte einen letzten Satz und schloss hinter ihr die Tür: „Alles, was ich wollte, warst du.“


Jul 15 2009

Arschloch

Ganz überraschend, heimlich, still
kam, wie der Teufel es wohl will,
ein Arschloch plötzlich so daher
- und seitdem freu’ ich mich nicht mehr.

Ich weiß nicht, was das Arschloch ritt,
doch kam es an und nahm sich mit
aus meinem Leben hier ein Stück
- und seitdem misse ich das Glück.

Warum ein Arschloch dann und wann
so etwas einfach machen kann,
ist mir ein Rätsel, geht zu weit
- und seitdem zähl’ ich hier Zeit.

Das Arschloch ist, ich weiß genug,
nicht gerade hübsch und auch nicht klug,
und dennoch ging sie mit ihm fort
- und seitdem hass’ ich diesen Ort.

Versprech’ dem Arschloch größten Schmerz,
bricht’s nur im Ansatz mal ihr Herz;
ich bin ein Mensch, stets friedlich, gut
- doch seitdem treibt mich diese Wut.

Die Freunde raten stetig an
“Verfolg doch den Gedankengang:
Er nahm sie weg, es ist vorbei,
statt einem Arschloch sind’s halt zwei”.

Ein Arschloch jedoch ist sie nicht,
sonst schrieb ich ihr nun dies’ Gedicht;
sie steht auf eins, wer weiß, warum
- und seitdem halt’ ich sie für dumm.

(Mischa Mandl // 2009)