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	<title>Pala &#187; Erwartungen</title>
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		<title>Romantic Terrorism</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 16:17:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Alain de Botton]]></category>
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		<description><![CDATA[Though ordinary terrorists may occasionally force concessions from governments by blowing up buildings or schoolchildren, romantic terrorists are doomed to disappointment because of a fundamental inconsistency in their approach. You must love me, says the romantic terrorist; I will force you to love me by sulking at you or making you feel jealous. But then [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Though ordinary terrorists may occasionally force concessions from governments by blowing up buildings or schoolchildren, romantic terrorists are doomed to disappointment because of a fundamental inconsistency in their approach. <em>You must love me</em>, says the romantic terrorist; <em>I will force you to love me by sulking at you or making you feel jealous</em>. But then comes the paradox, for if love is returned, it is at once considered tainted, and the romantic terrorist must complain, <em>If I have only forced you to love me, then I cannot accept this love, for it was not spontaneously given</em>. Romantic terrorism is a demand that negates itself in the process of its resolution.<br />
<small>(Alain de Botton &#8211; On Love)</small></p></blockquote>


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		<title>Wenn du in einen Abgrund blickst</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 16:29:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
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		<description><![CDATA[Harold Lloyd „Wieso bist du hier?“ „Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“ „Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“ „Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-509" title="post-apocalyptic teddy " src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3940469591_f5f08d89fa.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/safetylast/3940469591/"><span>Harold Lloyd</span></a></p>
</div>
<p>„Wieso bist du hier?“</p>
<p>„Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“</p>
<p>„Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“</p>
<p>„Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“</p>
<p>„Er war nicht glücklich.“</p>
<p>„Deine gewohnte Überheblichkeit, mein Freund. Nein, er war nicht glücklich, aber war nie so unglücklich wie jetzt, nach alledem, was du ihm angetan hast.“</p>
<p>„Was ich ihm <em>angetan</em> habe? Du bist so selbstgerecht wie eh und je. Ich war für ihn Prometheus!“</p>
<p>„Du warst für ihn Pandora.“</p>
<p>„Ich gab ihm Hoffnung…“</p>
<p>„Enttäuscht!“</p>
<p>„…ich gab ihm Zuversicht …“</p>
<p>„Ernüchtert!“</p>
<p>„…ich gab ihm Glauben an das Gute.“</p>
<p>„Und was hat es gebracht? Was hat es ihm gebracht?“</p>
<p>„Er führt endlich ein Leben, ein richtiges Leben. Was für ein Leben war es denn zuvor, bevor ich kam, als er noch fügsam auf dich hörte? Was waren deine Leistungen für ihn, was hast du Gutes je für ihn getan? Du hast ihn mit dem Wahn infiziert, die Welt habe ihm nichts, aber auch gar nichts zu bieten, hast ihn entmutigt und ihn mitleidig beschworen, sich hinter einer Mauer zu verstecken, die du bereitwillig für ihn errichtet hast. Alles, was er sah, das war für ihn nur schlecht, böse und es nicht wert, sich darauf einzulassen.“</p>
<p>„Bis du kamst, nicht wahr, und ihm gesagt hast, er brauche nur in das Gute zu vertrauen, und das Gute würde geschehen. Oh, du Narr! Er war naiv genug, um dir zu glauben, doch was bekam er dann dafür? Enttäuschung, Wut, Verzweiflung. Es hat sich nie gelohnt. Das Gute, das du ihm versprachst, hat er bis heute nicht gesehen.“</p>
<p>„Er wird es sehen und das Warten wird sich für ihn lohnen, wenn er bloß jetzt nicht resigniert, wenn er sich Offenheit bewahrt und nicht in seinem Gram verschließt. Bleib von ihm fern, und auf lange Sicht wird alles gut.“</p>
<p>„Das Warten, das Warten, das Warten. Wie lange soll er denn noch warten? Schau ihn dir an, er hat genug vom Warten. Wer kann es ihm verübeln? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vertröstest du ihn mit diesem vorlauten, hanebüchenen Optimismus, er müsse nur Geduld haben, und das Gute werde ihn ereilen. Nie hat er irgendwas davon gesehen, bis heute wurde es nicht wahr. Zum Teufel mit der Geduld! Zum Teufel mit der Offenheit!“</p>
<p>„Du wirst ihn nicht wieder bekommen. Er ist ein besserer geworden.“</p>
<p>„Ach ja? Wie war er denn, bevor du ihn verführen kamst?“</p>
<p>„Zynisch. Er war ein Pessimist, er hatte keinerlei Erwartungen an die Welt, denn da warst du und hast sie ihm genommen.“</p>
<p>„Aber du gabst ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen…?“</p>
<p>„Ganz recht, ich gab ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen, während du ihm alles nahmst.“</p>
<p>„Du gabst ihm Luftschlösser, Träume und Illusionen! Du hast ihm die verbotene Frucht präsentiert und er, er hat sie sich genommen. Hat sich eine seiner Erwartung erfüllt, die du in ihm gesät hast? Irgendeine? Sein Unglück, das ihn nun so quält, was glaubst du wohl, woher es rührt? Jede ernsthafte Erwartung wurde enttäuscht, jede aufrichtige Hoffnung, jedes offene Vertrauen. Wo du auftrittst, endet es immer wieder gleich. Quellen der Pein sind alles, was du ihm gegeben hast. Das ist sein Unglück! Ohne dich hätte er all das Leid nie erfahren, und er lebte gut so, bevor du anfingst, alles zu zerstören.“</p>
<p>„Ja, denn das war deine Lösung für ihn: Leere. Natürlich, er konnte nicht enttäuscht werden, wenn er keinerlei Erwartungen hegte, aber kann ein Mensch so je glücklich werden? Er wird sein Glück nur finden können, wenn er das Risiko wagt, von Zeit zu Zeit enttäuscht zu werden. Du aber hast ihm alles genommen, für das es sich zu leben lohnt. Er hatte keinerlei Hoffnung für die Zukunft. Es gab niemanden, dem er sein Vertrauen schenkte. Kein Mensch war ihm wichtig, die Welt für ihn ein schlechter Ort. Und du besitzt die Unverschämtheit, es zu wagen, das ein gutes Leben zu nennen, was er da führte?“</p>
<p>„Ein besseres als du es ihm geschaffen hast. Zynismus hat ihn nie so hart enttäuscht wie du. Früher war er stärker, früher hatte er sein Bollwerk gegen die Welt. Doch dann kamst du, mein Freund, der edle Befreier, und du erst hast ihm eingeredet, er könne so nicht leben, das mache ihn nicht glücklich, er solle alle Tore seiner Festung öffnen, um das Gute in sein Leben ziehen zu lassen. Aber was kam wirklich durch die Tore? Sieh ihn dir an! Er ist unglücklicher als je zuvor.“</p>
<p>„Er kann nicht einfach wieder zurückgehen, nicht nachdem er so weit gekommen ist. Wenn er die Hoffnung fahren lässt, ist er so gut wie tot, das siehst auch du. Ich zeige ihm das Leben, <em>du</em> zeigst ihm bloß Verzweiflung.“</p>
<p>„Ich zeige ihm, wie er Verzweiflung aus dem Weg geht, die <em>du</em> erst in sein Leben gebracht hast. Er hat genug von dir. Seine Geduld ist am Ende, deswegen bin ich hier. Er wird dich nicht länger beschützen. Du hattest deine Chance und du hast versagt.“</p>
<p>Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird, schreibt Nietzsche, und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.</p>


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		<title>Der menschliche Makel</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 16:04:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
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		<description><![CDATA[Menschen. Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-297" title="perfect world" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/tumblr_kvlrp3UnSu1qzr91ro1_500_large.jpg" alt="" width="500" height="374" /></p>
<p>Menschen. Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.<br />
Der erste Eindruck überraschte mich. Man nahm mich freundlich auf. Einfach so. Ohne Bedingungen und ohne jede Umschweife. Es war für diese Menschen nichts Ungewöhnliches, einen Neuen, einen Fremden in ihre Reihen zu integrieren. Das unterschied diesen Ort von beinahe allem, was ich kannte, denn wie schwer, wenigstens aber aufwändig war es doch in der Regel, mit offenen Armen als Fremder in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht so hier. Einwohner kamen und gingen, und manchmal blieben sie nur wenige Wochen. Es war eine Freundlichkeit, eine Selbstverständlichkeit, die mich begeisterte. Den schmalen Grat zwischen naivem Vertrauen und unbarmherziger Distanz pflegte ich stets mit einer Art gesundem Grundvertrauen zu beschreiten, das lediglich begrenzt wurde durch eine über die Jahre gewachsene Menschenkenntnis, die es erforderte, um nicht der Naivität anheimzufallen. Im Allgemeinen vertraute ich selbst mir völlig unbekannten Menschen, solange sie mir keinen Grund lieferten, daran zu zweifeln. Was wäre die Alternative gewesen? Gesundes Misstrauen ist ein Widerspruch in sich, so etwas gibt es nicht, und lieber wollte ich bisweilen in meinem Vertrauen enttäuscht werden, als unter ständigem Misstrauen und in paranoider Grundhaltung durch die Welt zu gehen, denn Misstrauen fördert unablässig Misstrauen. Insofern fühlte ich mich hier zuhause. Niemanden interessierte, warum ich kam. All die menschlichen, nur allzu menschlichen Kategorien, die bisweilen dafür sorgten oder benutzt wurden, Keile zwischen die Individuen zu treiben, schienen hier ohne Bedeutung zu sein. Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder Status, Erfolg, Bildungsgrad und noch die verrücktesten Interessen waren für das Miteinander dieser Menschen anscheinend völlig nebensächlich, zumindest ließen sie sich nicht im geringsten anmerken, darauf irgendeinen Wert zu legen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war nicht wahr &#8211; aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Das ist wohl das Problem mit der Realität, manchmal bemerkt man sie erst zu spät. Ich hätte es wissen müssen, aber ich tat es nicht, denn wer stellt schon Fragen, wenn ihm Einlass in das Paradies geboten wird.<br />
Nun, da ich ihn verlasse, muss ich rückblickend auf diesen Ort leider sagen, dass unterm Strich die Enttäuschung überwiegt. Es gab sehr viel Freude, schöne Momente, gute Erfahrungen, aber letztlich auch zu viel Frustration. Ich habe viele Monate hier damit verbracht, Hoffnungen und Träumen nachzujagen, die am Ende fast alle enttäuscht wurden. Ich komme mir so dumm vor. Alles ließ ich stehen und liegen, sogar meine Arbeit vernachlässigte ich in all der Zeit, weil es nichts Wichtigeres gab auf der Welt als diese Menschen, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Und für was? Was dachte ich zu sehen? Menschen, die nicht so sind wie an jedem anderen Ort der Welt? Illusionen! Wieso also sollte ich bleiben?<span id="more-296"></span><br />
Vielleicht mag es auf den ersten Blick paradox erscheinen, dieses Grundvertrauen von einer gewissen Grunddistanz, die aber gar kein Widerspruch, sondern eher Gegengewicht und Erdung ist, begleiten zu lassen, denn mit einem großen Teil der Menschen kann ich, so schwer es mir das Leben auch manchmal macht, im Allgemeinen leider nur sehr wenig anfangen, darum vermeide ich allzu nahen Kontakt mit ihnen, wo ich das kann. Das gilt für die Einwohner dieser Stadt wie für die Menschen im Gesamten. Sie können nichts dafür, sie sind nicht besser oder schlechter als ich, sie haben einfach nur eine andere Vorstellung von der Welt, eine Vorstellung, die ich nicht teile. Sie legen Verhaltensweisen an den Tag, die so normal, so menschlich sind, und doch meide ich sie dafür. Sie verbreiten Lügen und bringen Gerüchte in Umlauf, sie hetzen sich gegeneinander auf, sie lästern über ihren Nächsten, sobald er nur für einen Augenblick außer Hörweite gegangen ist. Sie verschwören sich. Sie fragen nicht, wenn sie eine Geschichte über einen anderen hören, ob sie denn überhaupt stimmt, sie glauben sie direkt. Sie korrumpieren. Sie sind ständig am Kämpfen, am Streiten, geraten aneinander und konkurrieren um Macht, Prestige, Anerkennung und Beifall. Sie sind selbstverliebt, arrogant und heucheln. Ständig heucheln sie. Sie sind freundlich zu jedem, ja, doch was heißt das schon, was hilft das, wenn es nur gespielte Freundlichkeit ist? Sie legen das Stilett nie aus der Hand. Am Vormittag können sie dir sagen, wie gerne sie dich haben und was sie an dir schätzen, dich am Nachmittag vor deinen Freunden schlechtreden, um dann am Abend mit dir ein so genanntes ehrliches Gespräch zu führen, wie verlogen alle anderen doch seien. Nichts davon tun sie aus Boshaftigkeit, und das ist das wirklich Traurige daran. Lernt man die Menschen in dieser Stadt ein wenig näher kennen, muss man feststellen, dass die meisten von ihnen genauso sind, genauso normal. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen, aber es macht sie zu Menschen, denen ich aus dem Weg gehe. Vielen gehe ich aus dem Weg.<br />
Doch es gab Ausnahmen, es gibt sie überall, man muss sie bloß finden. Diejenigen, die anders sind. Nicht besser, aber anders. Menschen, die sich der Tatsache bewusst sind, auch selbst nicht immun gegenüber derartigen Verhaltensweisen zu sein, die aber versuchen, sie auf ein Minimum zu reduzieren, die ihr Verhalten kritisch reflektieren, die ein zwischenmenschliches Miteinander statt eines Gegeneinanders herzustellen bestrebt sind. Menschen, die sich nicht andauernd in den Mittelpunkt zu stellen versuchen, die nicht herumschreien, um Lorbeeren noch für die kleinsten Taten ernten zu wollen. Menschen, die so aufrichtig wie freundlich sind und das nicht bloß spielen, weil sie sich etwas davon erhoffen. Tatsächlich stellt sich nämlich leider ein Teil derer, die zunächst als solche Ausnahmen erscheinen, bei genauerer Betrachtung als Schauspieler heraus, als Menschen, die sich lediglich darstellen, als wären sie zuvorkommende, freundliche, aufrichtige Personen. Bohrt man etwas tiefer, offenbart sich, es handelt sich um Lügner. Geschickte Lügner zwar, aber dennoch Lügner. Sie spielen das alles, dieses Spiel ist ihr Leben. Es sind Egozentriker, Geltungssüchtige und Selbstverliebte. Sie sind genau wie der Großteil derer, auf die sie aus ihrer Rolle verächtlich hinabblicken, aber sie haben gelernt, das zu überspielen, und das machen sie teilweise verdammt gut.<br />
Die echten Ausnahmen aber, die ich fand, waren allesamt nette Menschen und darüber war ich froh. Das meine ich ohne jede Ironie. Einfach aufrichtige, nette Menschen, und viele von ihnen verfügten über eine recht unkomplizierte, unverbindliche Vorstellung von Freundschaft. Genau das war jedoch gleichzeitig das Problem, weshalb ich mich nicht mit ihnen anfreunden wollte. Ihre Vorstellung von Freundschaft entsprach nicht der meinen, einer Vorstellung, die manchem, den ich sah, vielleicht fremd sein mochte, der unzählige Freundschaften pflegte – und wenn man bloß mit jemandem in einer Bar ein Bier trank, war er sofort ein Freund. Das mochte für andere funktionieren, und dies ist keine Verurteilung einer solchen Auffassung von Freundschaft, für mich allerdings nicht. Seit jeher nannte ich nur wenige Menschen wirklich Freunde, doch für diese, auf die ich mich konzentrierte, war ich es von ganzem Herzen, mit all meiner Energie. Diese netten, unverbindlichen Leute – sollte ich sie auch alle zu meinen Freunden machen? Würde das funktionieren? Und dann? Auch meine Tage haben nur vierundzwanzig Stunden. Auch ich verfüge nur über begrenzte Energie. Ich wollte keine netten, unverbindlichen Leute kennenlernen, die ich zu meinen Freunden hätte machen können, weil das nur bedeutet hätte, das kostbare Engagement für jeden meiner Freunde zu reduzieren, reduzieren zu müssen, breiter zu verteilen, sodass am Ende jeder weniger davon bekommt. Das wollte ich nicht. Machte mich das in ihren Augen zu einem unsozialen Menschen? Vermutlich. Behandelte ich diese netten, unverbindlichen Menschen ungerecht? Vielleicht. Aber lieber das, als dass ich sie zu Freunden gemacht hätte, die keine waren, zu Freundschaften, die weder sie noch mich befriedigen würden.<br />
Aber es gab Ausnahmen unter den Ausnahmen. Ganz besondere Menschen. Menschen, für die sich jedes noch so große Engagement lohnte, die so unglaublich kostbar waren, dass ich sie nie wieder aus den Augen verlieren wollte, die mich berührten, nicht nur in Gedanken, sondern tief im Inneren. Menschen, die kennenzulernen mir war, als würden sich Welten verbinden. Es war der enttäuschendste Teil. Die meisten von ihnen waren Frauen, denn unglücklicherweise fielen die vermeintlichen Ausnahmen unter den Männern vorwiegend &#8211; aber nicht alle &#8211; in die Kategorie Schauspieler, denen es am Ende doch nur um ihr Ego ging, auf die eine oder auf die andere Art. Leider. Mit ihnen wäre es einfacher. Was nun war das Problem mit diesen Ausnahmen unter den Ausnahmen? Da gab es also jemanden, der besonders erschien, zumindest für mich. Jemanden, der kein Schauspieler war. Jemanden, der ein ähnliches Verständnis vom Leben und der Welt aufwies. Jemanden, der unbedingtes Vertrauen verdiente und jemanden, mit dem das gegenseitige Verstehen so einfach erschien, mit Worten oder auch ohne, weil wir uns schon seit ewiger Zeit zu kennen glaubten. Gab es andere wie sie in dieser Stadt? Ich glaube, es gibt andere wie sie in keiner Stadt der Welt. All die Schutzvorrichtungen, die man sich im Laufe eines Lebens so mühsam erbaut, um andere Menschen auf angebrachter Distanz zu halten, um sich nicht zu verausgaben, um allzu schwere Verletzungen zu vermeiden, baute ich ab. Plötzlich stand da ein Geschenk vor den Toren meiner Festung, ein hölzernes Pferd, und ich holte es bereitwillig herein. Aber irgendwann übertraten wir eine Grenze, eine unsichtbare Linie, und ich entwickelte Gefühle für sie und sie nicht für mich oder aber sie entwickelte Gefühle für mich und ich nicht für sie. Anstatt in Unendlichkeit zu enden, kenterte das Miteinander aufgrund der Krängung durch dieses ungleich verteilte Gewicht. Das war das Problem, war Himmel und Hölle zugleich, es machte alles kompliziert und vieles kaputt, das so wunderbar begann. Stell dir vor, du wärst Archäologe und arbeitest an dem Fund, den du schon dein ganzes Leben lang gesucht hast, auf den du entgegen aller Wahrscheinlichkeit unter all den verbergenden Schichten erst einmal stoßen musstest, doch plötzlich ist da ein nicht zu unterdrückendes Kribbeln in deiner Nase, du musst niesen, ein ganz normales menschliches Regen, du rutschst aus und alles ist ruiniert. So in etwa kam es mir vor. Nicht der größte Zuspruch, nicht die reichlichste Gunst oder die unermesslichste Freundlichkeit noch so vieler anderer vermag je zu ersetzen, was dadurch verloren ging, das wirklich Begehrte, das überaus Seltene, das unbedingt Kostbare. Jene Menschen, die für immer im Gedächtnis bleiben, die für immer ein Teil des eigenen Lebens sein werden, ob sie nun tatsächlich dabei sind oder nicht.<br />
Momentan fühlt es sich so an, als steckte ich im Treibsand. Je mehr ich mich bewege, desto trostloser wird die Situation. Vielleicht ist es also am besten, sich erst einmal nicht zu bewegen. Das gesamte letzte Jahr verbrachte ich dank dieser Stadt mit dem unheilvollen Versuch, Träumen, Hoffnungen und letztlich Illusionen hinterherzujagen, die sich am Ende allesamt in Luft auflösten. Meine gesamte Energie, emotional wie auch psychisch, mein gesamtes Engagement steckte ich in diese Menschen, nur um alles, was ich aufgebaut hatte, schließlich zerstört vorzufinden, entweder durch sie, weil sie nicht waren, was sie zu sein schienen, oder durch ein Niesen. Es endete immer wieder gleich, auch wenn es nie endete. Heute bin ich leer, enttäuscht, von anderen und von mir selbst, erschöpft und emotional am Boden. Diese Stadt hat mich ausgelaugt, ich kann nicht mehr. Jedenfalls nicht hier. Wie ein havariertes Raumschiff schwebe ich manövrierunfähig irgendwo im Universum. Nur die Lebenserhaltungssysteme sind noch in Betrieb, aber vielleicht, die Crew arbeitet daran, bekomme ich demnächst auch wieder Energie für den Antrieb. Man sagt, es würde alles besser, wenn Gras über eine Sache gewachsen sei. Hier jedoch wächst kein Gras. Noch weniger als zuvor weiß ich, wann es sich lohnt, auf Menschen einzugehen, aber ich weiß, wer meine Freunde sind, und ich weiß auch, dass es nicht mein Vertrauen war, das mich enttäuschte.<br />
Menschen sind überall gleich. Es war für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.  Entzaubert, ohne Hoffnung und mit verblassten Träumen verlasse ich diese Stadt so leise, wie ich sie betrat. Nach all diesen Erfahrungen komme ich mir vor wie ein Außerirdischer, der mit der hoffnungsvollen Mission an diesen Ort geschickt wurde, mehr über die dominante Spezies auf diesem Planeten herauszufinden, um alles mit ihnen zu teilen, und der nun mit der Botschaft zurückkehren muss, dass es sich nicht lohnt, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen. Zumindest nicht im Moment. Nicht mit deaktiviertem Schutzschild.</p>


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			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-664" title="the broken bridge" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/01/3547299315_0afc638a5f.jpg" alt="" width="500" height="320" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/3547299315/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
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<p>„Ich mag dich“, hatte sie zu ihm gesagt, bevor sich die U-Bahn-Türen zwischen ihnen schlossen und er alleine auf dem Bahnsteig zurückblieb, ohne jede Möglichkeit, ihr darauf irgendwie zu antworten. Nun war sie zuhause, lag auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf. Sie kam sich so dumm vor. Da wurde sie einmal für einen absurd kurzen Augenblick von ihren Gefühlen übermannt und brachte in diesem Zustand dann gleich so einen Satz hervor, so eine entlarvende Aussage, solch ein Geständnis. Sie wusste, er würde nie das gleiche für sie empfinden, das sie für ihn empfand. Daran gab es für sie keinen Zweifel. Wieso also musste sie sich unbedingt mit solch einem Satz blamieren, der die Sache zwischen ihnen unbarmherzig verändern würde. Alles würde komplizierter werden. Er würde auf Distanz gehen, er würde Abstand zwischen sie beide bringen, ob sie das wollte oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigsten verkraften würde. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein kleiner, unwichtiger, absolut lächerlicher Satz würde alles kaputt machen.<br />
Aber nein. Was genau hatte sie denn wirklich gesagt? Es war doch bloß: „Ich mag dich“. Das war kein Geständnis. Das war nicht einmal eine Andeutung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich“ lässt Raum für Interpretationen. Interpretationen erlauben Freiheit. Interpretationen erlauben Hintertüren. Zwar war sie normalerweise sehr darauf bedacht, eine präzise Ausdrucksweise an den Tag zu legen, doch in Situationen wie diesen hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst vage auszudrücken. Vage Aussagen eröffnen Handlungsspielraum. Man tänzelt und laviert um das Feuer herum. Bloß nicht festlegen. Bloß nicht festlegen lassen. Präzision der Sprache war ihr unerwünscht, zumindest in solchen Situationen. Man kann etwas sagen und völlig offen lassen, was man damit meint. Es bleibt die Interpretation. Ein Schild, ein Schutzwall, ein Notausgang. Der andere soll sagen, was er darunter versteht, was er in das Gesagte hineininterpretiert. Ist es das Falsche, kann man sich bequem hinter das Schutzschild sprachlicher Unschärfe zurückziehen und behaupten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat. Was also hatte sie wirklich gesagt? „Ich mag dich“ – das konnte alles heißen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Deine Art gefällt mir“ oder „Ich liebe dich“ bis hin zu „Ich möchte mit dir schlafen“ war doch alles und nichts, ganze Bedeutungsuniversen, in diesem Satz enthalten, der so vage war, dass es sie freute. Er konnte sie nicht daran festnageln. Was er in diesem Satz las, entschied einzig und allein seine Interpretation. Wahrscheinlich dachte er, sie sei in ihn verliebt. Das war die Wahrheit, aber es war eben eine Wahrheit, die sie ihn nicht wissen lassen wollte, denn er, er war doch nicht in sie verliebt, das war ihr klar. Seit Monaten hegte sie Gefühle für ihn. Sie freute sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hörte, die sie ihm gab, mit ihr Zeit verbrachte, ihr Briefe schrieb oder sie bloß anschaute, mit seinen bezaubernden Augen. Sie hatte versucht, sein Verhalten zu deuten, hatte herausbekommen wollen, ob er auch für sie Gefühle hegte, doch eindeutig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Interpretation. Nach einigen Wochen kam sie zu dem Schluss, dass er offenbar nichts für sie empfand. Das war schade, doch sie fand sich damit ab und seine Gesellschaft war ihr weiterhin das Paradies.<br />
Wie würde er nun reagieren auf diesen törichten Satz, den sie so unbeholfen in die Welt hinaus geflüstert hatte? Es wäre für sie die Hölle, ihn überhaupt nicht mehr zu sehen, den Kontakt zu ihm endgültig zu verlieren. Was also würde er sagen?  Sie wusste es. Er würde sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei versuchen, sie nicht zu verletzen, während er in Gedanken bereits das Ende ihrer Freundschaft konstruierte. Sie jedoch würde sich erhobenen Hauptes hinter ihr sprachliches Schutzschild zurückziehen, hinter die Interpretationsfähigkeit ihrer vagen Worte. Sie würde lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie würde klarstellen, dass sie diesen Satz rein freundschaftlich begriffen hatte. Dann würden sie gemeinsam lachen, beide wären erleichtert, und alles bliebe so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf dieses sprachliche Hintertürchen, das alles retten würde. Plötzlich brummte es leise. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hatte ihr geschrieben. Eine SMS wartete darauf, von ihr gelesen zu werden. Doch was würde er schon schreiben, dachte sie. „Ich mag dich auch, aber…“ würde dort stehen, genau wie sie es erwartete, und sie würde sich enttäuscht durch ihr Hintertürchen davonmachen, würde sich nichts anmerken lassen, würde ihm antworten, es sei nur ein Missverständnis und dass er den Satz bloß falsch interpretiere. Es bleibt die Interpretation. Sie musste sich regelrecht dazu überwinden, das Handy nicht einfach wegzulegen, und sah nach, was er ihr geschrieben hatte: „Ich mag dich auch. Sehr. Das wollte ich dir schon seit langem einmal sagen und ich bin froh, dass du es ausgesprochen hast. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Das überraschte sie. Es war eine Reaktion, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hatte, denn sie war so unwahrscheinlich, so unmöglich. Damit hatte sie nicht gerechnet, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie hatte sich schon so mit der bevorstehenden Enttäuschung abgefunden, ja sogar angefreundet, dass seine Antwort sie nun beinahe wütend machte, denn jetzt enttäuschte er sie mit dem Ausbleiben dieser nur allzu vorhersehbaren, allzu erwarteten Enttäuschung! Es stieg Panik in ihr auf. Und wenn sie nun einfach zugab, dass sie es genauso meinte, wie er es verstand? Damit hatte sie keinerlei Erfahrung. Enttäuschungen war sie gewohnt, mit Enttäuschungen konnte sie umgehen, musste sie umgehen, denn sie war so oft enttäuscht worden, aber das nun überforderte sie. Was war das? „Du… ich glaube, du hast das falsch interpretiert. Ich mag dich als Freund, aber mehr ist da nicht“, antwortete sie ihm und warf sich weinend aufs Bett, überwältigt von dem traurigen Gefühl, einmal mehr in ihrer Hoffnung enttäuscht worden zu sein.</p>


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		<title>Vom Suchen</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Dec 2009 09:56:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vivien Liebe soll bekanntlich Berge versetzen können, doch manchmal scheitert sie bereits an Kieselsteinen. Seit knapp sechs Monaten waren sie ein Paar. Sie hatten sich in einem Bistro kennengelernt, die Nummern getauscht und bald darauf einige Dates gehabt. Es war ihr Lachen, in das er sich zuerst verliebt hat, und ihr gefiel, wie er sich gab. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-649" title="of letting go" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2009/12/4283663978_98e3a4335f_large.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/35379721@N02/4283663978/"><span>Vivien</span></a></p>
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<p>Liebe soll bekanntlich Berge versetzen können, doch manchmal scheitert sie bereits an Kieselsteinen. Seit knapp sechs Monaten waren sie ein Paar. Sie hatten sich in einem Bistro kennengelernt, die Nummern getauscht und bald darauf einige Dates gehabt. Es war ihr Lachen, in das er sich zuerst verliebt hat, und ihr gefiel, wie er sich gab. An einem kühlen Dienstag im Dezember, kurz vor ihrem halbjährigen Jubiläum, sagte er zu ihr: „Du bist die, nach der ich gesucht habe“. Dann ging er zur Arbeit. Auf dem Nachhauseweg würde er ihr Blumen mitbringen, einfach so, weil er wusste, wie sehr sie sich doch jedes Mal darüber freute. Sie war die Frau, mit der er alt werden, eine Familie gründen wollte, und er liebte sie von ganzem Herzen.<br />
Sie saß noch eine Weile am Küchentisch seiner Wohnung, in der sie übernachtet hatte, und dachte über seine Worte nach. Was wollte er ihr damit sagen? Er hatte sie gesucht. Woher wollte er das wissen? Wenn sie beide in einem Jahr nicht mehr zusammen wären, so wäre sie für ihn wohl nicht mehr die Gesuchte. Nie gewesen. Dann wäre es eine neue. Suchte er also immer, was er gerade gefunden hatte? Was für eine bequeme Lebensphilosophie! Sucht man nach Gold und findet bloß Eisen, so deklariert man diese Suche einfach um. Schon immer habe man nach Eisen gesucht, sagt man dann. Etwas anderes als Eisen wolle man gar nicht haben, behauptet man mit ernster Miene. Das Eisen würde sich geschmeichelt fühlen, wäre es zu Emotionen in der Lage, und es würde nie infrage stellen, ob die Suche wirklich ihm galt. Eine angenehme Illusion mit einer harten Wahrheit auf die Probe stellen? Nein. War sie etwa sein Eisen? Er hatte sie gefunden, das stand außer Frage, aber hatte er sie auch gesucht? Sie? Wirklich sie? Sie begann zu zweifeln. Er hatte ihr nie erzählt, wie seine Freundinnen vor ihr gewesen sind. Passte sie in ein Muster, fragte sie sich. Dann hatte er vielleicht wirklich nach ihr gesucht und alle Frauen vor ihr waren fehlgeschlagene Versuche in einer Art von Annäherungsverfahren. Bloß woher sollte sie dann wissen, wirklich am Ende dieser Suche zu stehen. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass auch sie nur eine Annäherung an die Frau war, die er wirklich suchte? Sie hatte Eigenschaften, die er nicht mochte. Was sollte ihr das bedeuten? War sie von dieser Frau, die er suchte, so weit entfernt? Er nahm sie hin, diese Eigenschaften, sehr geduldig sogar, aber tat er das vielleicht nicht nur, weil es besser ist, anstelle gar keiner wenigstens eine halbe Version der Frau zu haben, die man sucht? War sie eine Kompromisslösung, ein Zwischenschritt in der Evolution seiner Beziehungen?<br />
Was wäre wiederum, wenn sie und die Frauen seiner früheren Beziehungen nicht in ein solches Muster passten? Dann wäre seine Auswahl doch recht beliebig. Sie wäre nicht einmal ein evolutionärer Zwischenschritt auf dem Weg zu der von ihm gesuchten Frau, sondern austauschbar. Völlig austauschbar. Wenn er wirklich sie gesucht hätte, warum wäre er dann mit Frauen zusammen gewesen, die ihr so unähnlich waren? Da gab es keine Linie, keine Annäherung, nur austauschbare Partner. Jede hatte er gefunden. Hatte er auch jede gesucht? Hatte er überhaupt eine von ihnen gesucht?<br />
Was sollte das überhaupt heißen, sie sei die, nach der er gesucht habe? Er sprach in der Vergangenheit. Wenn es also stimmen sollte, hieße es dann, er suchte sie gar nicht mehr? Glaubte er, er hatte sie gefunden? Einmal, und dann für immer und ewig? Wenn man etwas findet, hört man auf, danach zu suchen, dachte sie. Wenn man weiß, wo etwas liegt, beachtet man es kaum, es liegt dort schließlich immer. Nahm er sie also für selbstverständlich? Er hatte sie gefunden und nun war die Suche vorbei. Sie war für ihn nichts mehr, das er erkunden wollte. Konnte das sein? War das nicht gerade das Gegenteil von Liebe? Jemanden einmal zu finden und dann aufzuhören, in ihm zu suchen nach ihm selbst. „Ich habe dich gefunden“ reduzierte doch die Liebe auf „Ich möchte, dass du für immer so bleibst“. Das war keine Liebe. Jemanden zu finden, ein für alle Mal, das ist unmöglich, so wie es doch unmöglich ist, sich jemals selbst zu finden, ohne sich dabei zu verlieren. In der Suche steckt die Liebe und in der Suche steckt die Selbsterkenntnis. Wer findet, der hat nichts mehr zu entdecken, mit dem Finden stirbt das Leben, das Streben und die Liebe. Wie also konnte er allen Ernstes behaupten, er habe sie gefunden? Sie kannten sich doch gerade erst ein halbes Jahr! Wie vermessen es war, bereits nach dieser kurzen Zeit nichts mehr an ihr entdecken zu wollen. Er war fertig mit ihr, dachte sie. Schade. Sie packte alles ein, was ihr gehörte, und verließ seine Wohnung. Diesmal würde er sie suchen, ja, aber finden würde er sie nicht mehr.</p>


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		<title>Vergänglichkeit</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Nov 2007 11:46:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Er gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumindest innerlich. Er mag den Sommer nicht, überhaupt keinen Zustand der Gegenwärtigkeit, liebt den Herbst, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Er gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumindest innerlich. Er mag den Sommer nicht, überhaupt keinen Zustand der Gegenwärtigkeit, liebt den Herbst, die Dämmerung, die Melancholie, Vergänglichkeit ist sein Element. Frauen haben bei ihm leicht das Gefühl, verstanden zu werden. Er hat wenig Freunde unter Männern. Unter Männern kommt er sich nicht als Mann vor. Aber in seiner Grundangst, nicht zu genügen, hat er eigentlich auch Angst vor den Frauen. Er erobert mehr, als er zu halten vermag, und wenn die Partnerin einmal seine Grenze erspürt hat, verliert er jeden Mut; er ist nicht bereit, nicht imstande, geliebt zu werden als der Mensch, der er ist, und daher vernachlässigt er unwillkürlich jede Frau, die ihn wahrhaft liebt, denn nähme er ihre Liebe wirklich ernst, so wäre er ja genötigt, infolgedessen sich selbst anzunehmen.<br />
<small>(Max Frisch &#8211; Stiller)</small></p></blockquote>


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