Jan 10 2010

Interpretation

„Ich mag dich“, hatte sie zu ihm gesagt, bevor sich die U-Bahn-Türen zwischen ihnen langsam schlossen und er alleine auf dem Bahnsteig zurückblieb, ohne jede Möglichkeit, ihr darauf irgendwie zu antworten. Nun war sie zuhause, lag auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf.
Sie kam sich so dumm vor. Da wurde sie einmal für einen absurd kurzen Augenblick von ihren Gefühlen übermannt und brachte in diesem Zustand dann gleich so einen Satz hervor, so eine entlarvende Aussage, solch ein Geständnis. Sie wusste, er würde nie das gleiche für sie empfinden, das sie für ihn empfand. Daran gab es für sie keinen Zweifel. Wieso also musste sie sich unbedingt mit einem solchen Satz blamieren, der das Verhältnis zwischen ihnen unbarmherzig verändern würde. Alles würde komplizierter werden. Er würde auf Distanz gehen, er würde Abstand zwischen sie beide bringen, ob sie das wollte oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigsten verkraften würde. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein kleiner, unwichtiger, absolut lächerlicher Satz würde alles ruinieren.
Aber nein. Was genau hatte sie denn wirklich gesagt? Es war doch bloß: „Ich mag dich“. Das war kein Geständnis. Das war nicht einmal eine Andeutung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich“ lässt Raum für Interpretationen. Interpretationen erlauben Freiheit, Interpretationen erlauben Hintertüren. Zwar war sie normalerweise sehr darauf bedacht, eine präzise Ausdrucksweise an den Tag zu legen, doch in Situationen wie diesen hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst vage auszudrücken. Vage Aussagen eröffnen Handlungsspielraum. Man tänzelt und laviert um das Feuer herum. Bloß nicht festlegen. Bloß nicht festlegen lassen. Präzision der Sprache war ihr unerwünscht, zumindest in solchen Situationen. Man kann etwas sagen und völlig offen lassen, was man damit meint. Es bleibt die Interpretation; ein Schild, ein Schutzwall, ein Notausgang. Der andere soll sagen, was er darunter versteht, was er in das Gesagte hineininterpretiert. Ist es das Falsche, kann man sich bequem hinter das Schutzschild sprachlicher Unschärfe zurückziehen und behaupten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat.
Was also hatte sie wirklich gesagt? „Ich mag dich“ – das konnte alles heißen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Deine Art gefällt mir“ oder „Ich liebe dich“ bis hin zu „Ich möchte mit dir schlafen“ war doch alles und nichts, ganze Bedeutungsuniversen in diesem Satz enthalten, der so vage war, dass es sie freute. Er konnte sie nicht daran festnageln. Was er in diesem Satz las, entschied einzig und allein seine Interpretation. Wahrscheinlich dachte er, sie sei in ihn verliebt. Das war die Wahrheit, aber es war eben eine Wahrheit, die sie ihn nicht wissen lassen wollte, denn er, er war doch nicht in sie verliebt, das war ihr klar.
Seit Monaten hegte sie Gefühle für ihn. Sie freute sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hörte, die sie ihm gab, mit ihr Zeit verbrachte, ihr Briefe schrieb oder sie bloß anschaute, mit seinen bezaubernden Augen. Sie hatte versucht, sein Verhalten zu deuten, hatte herausbekommen wollen, ob er auch Gefühle für sie hegte, doch eindeutig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Interpretation. Nach einigen Wochen kam sie zu dem Schluss, dass er offenbar nichts für sie empfand. Das war schade, doch sie fand sich damit ab und seine Gesellschaft war ihr weiterhin das Paradies.
Wie würde er nun reagieren auf diesen törichten Satz, den sie so unbeholfen in die Welt hinaus geflüstert hatte? Es wäre für sie die Hölle, ihn in Zukunft überhaupt nicht mehr zu sehen, den Kontakt zu ihm endgültig zu verlieren. Was also würde er sagen? Sie wusste es. Er würde sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei versuchen, sie nicht zu verletzen, während er in Gedanken bereits das Ende ihrer Freundschaft konstruierte. Sie jedoch würde sich erhobenen Hauptes hinter ihr sprachliches Schutzschild zurückziehen, hinter die Interpretationsfähigkeit ihrer vagen Worte. Sie würde lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie würde klarstellen, dass sie diesen Satz rein freundschaftlich begriffen hatte. Dann würden sie gemeinsam lachen, beide wären erleichtert, und alles bliebe so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf dieses sprachliche Hintertürchen, das alles retten würde.
Plötzlich brummte es leise. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hatte ihr geschrieben. Eine SMS wartete darauf, von ihr gelesen zu werden. Doch was würde er schon schreiben, dachte sie. „Ich mag dich auch, aber…“ würde dort stehen, genau wie sie es erwartete, und sie würde sich enttäuscht durch ihr Hintertürchen davonmachen, würde sich nichts anmerken lassen, würde ihm antworten, es sei nur ein Missverständnis und dass er den Satz bloß ungünstig interpretiere. Es bleibt die Interpretation.
Sie musste sich regelrecht dazu überwinden, das Handy nicht einfach wegzulegen, und sah nach, was er ihr geschrieben hatte: „Ich mag dich auch. Sehr. Seit langem wollte ich dir das sagen und ich bin froh, dass du es ausgesprochen hast. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Das überraschte sie. Es war eine Reaktion, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hatte, denn sie war so unwahrscheinlich, so unmöglich. Damit hatte sie nicht gerechnet, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie hatte sich schon so mit der bevorstehenden Enttäuschung abgefunden, ja sogar angefreundet, dass seine Antwort sie nun beinahe wütend machte, denn jetzt enttäuschte er sie mit dem Ausbleiben dieser nur allzu vorhersehbaren, allzu erwarteten Enttäuschung!
Es stieg Panik in ihr auf. Und wenn sie nun einfach zugab, dass sie es genauso meinte, wie er es verstand? Damit hatte sie keinerlei Erfahrung. Enttäuschungen war sie gewohnt, mit Enttäuschungen konnte sie umgehen, musste sie umgehen, denn sie war so oft enttäuscht worden, aber das nun überforderte sie. Was war das?
„Du… ich glaube, du hast das falsch interpretiert. Ich mag dich als Freund, aber mehr ist da nicht“, antwortete sie ihm und warf sich weinend aufs Bett, überwältigt von dem traurigen Gefühl, einmal mehr in ihrer Hoffnung enttäuscht worden zu sein.


Dez 29 2009

Vom Suchen

Liebe soll bekanntlich Berge versetzen können, doch manchmal scheitert sie bereits an einem Kieselstein. Seit knapp sechs Monaten waren sie ein Paar. Sie hatten sich in einem Bistro kennengelernt, die Nummern getauscht und bald darauf einige Dates gehabt. Es war ihr Lachen, in das er sich zuerst verliebt hat, und ihr gefiel, wie er sich gab. An einem kühlen Dienstag im Dezember, kurz vor ihrem halbjährigen Jubiläum, sagte er zu ihr: „Du bist die, nach der ich gesucht habe“. Dann ging er zur Arbeit. Auf dem Nachhauseweg würde er ihr Blumen mitbringen, einfach so, weil er wusste, wie sehr sie sich doch jedes Mal darüber freute. Sie war die Frau, mit der er alt werden, eine Familie gründen wollte, und er liebte sie von ganzem Herzen.
Sie saß noch eine Weile am Küchentisch seiner Wohnung, in der sie übernachtet hatte, und dachte über seine Worte nach. Was wollte er ihr damit sagen? Er hatte sie gesucht. Woher wollte er das wissen? Wenn sie beide in einem Jahr nicht mehr zusammen wären, so wäre sie für ihn wohl nicht mehr die Gesuchte. Nie gewesen. Dann wäre es eine neue. Suchte er also immer, was er gerade gefunden hatte? Was für eine bequeme Lebensphilosophie! Sucht man nach Gold und findet bloß Eisen, so deklariert man diese Suche einfach um. Schon immer habe man nach Eisen gesucht, sagt man dann. Etwas anderes als Eisen wolle man gar nicht haben, behauptet man mit ernster Miene. Das Eisen würde sich geschmeichelt fühlen, wäre es zu Emotionen in der Lage, und es würde nie infrage stellen, ob die Suche wirklich ihm galt. Eine angenehme Illusion mit einer harten Wahrheit auf die Probe stellen? Nein. War sie etwa sein Eisen? Er hatte sie gefunden, das stand außer Frage, aber hatte er sie auch gesucht? Sie? Wirklich sie? Sie begann zu zweifeln. Er hatte ihr nie erzählt, wie seine Freundinnen vor ihr gewesen sind. Passte sie in ein Muster, fragte sie sich. Dann hatte er vielleicht wirklich nach ihr gesucht und alle Frauen vor ihr waren fehlgeschlagene Versuche in einer Art von Annäherungsverfahren. Bloß woher sollte sie dann wissen, wirklich am Ende dieser Suche zu stehen. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass auch sie nur eine Annäherung an die Frau war, die er wirklich suchte? Sie hatte Eigenschaften, die er nicht mochte. Was sollte ihr das bedeuten? War sie von dieser Frau, die er suchte, so weit entfernt? Er nahm sie hin, diese Eigenschaften, sehr geduldig sogar, aber tat er das vielleicht nicht nur, weil es besser ist, anstelle gar keiner wenigstens eine halbe Version der Frau zu haben, die man sucht? War sie eine Kompromisslösung, ein Zwischenschritt in der Evolution seiner Beziehungen?
Was wäre wiederum, wenn sie und die Frauen seiner früheren Beziehungen nicht in ein solches Muster passten? Dann wäre seine Auswahl doch recht beliebig. Sie wäre nicht einmal ein evolutionärer Zwischenschritt auf dem Weg zu der von ihm gesuchten Frau, sondern austauschbar. Völlig austauschbar. Wenn er wirklich sie gesucht hätte, warum wäre er dann mit Frauen zusammen gewesen, die ihr so unähnlich waren? Da gab es keine Linie, keine Annäherung, nur austauschbare Partner. Jede hatte er gefunden. Hatte er auch jede gesucht? Hatte er überhaupt eine von ihnen gesucht?
Was sollte das überhaupt heißen, sie sei die, nach der er gesucht habe? Er sprach in der Vergangenheit. Wenn es also stimmen sollte, hieße es dann, er suchte sie gar nicht mehr? Glaubte er, er hatte sie gefunden? Einmal, und dann für immer und ewig? Wenn man etwas findet, hört man auf, danach zu suchen, dachte sie. Wenn man weiß, wo etwas liegt, beachtet man es kaum, es liegt dort schließlich immer. Nahm er sie also für selbstverständlich? Er hatte sie gefunden und nun war die Suche vorbei. Sie war für ihn nichts mehr, das er erkunden wollte. Konnte das sein? War das nicht gerade das Gegenteil von Liebe? Jemanden einmal zu finden und dann aufzuhören, in ihm zu suchen nach ihm selbst. „Ich habe dich gefunden“ reduzierte doch die Liebe auf „Ich möchte, dass du für immer so bleibst“. Das war keine Liebe. Jemanden zu finden, ein für alle Mal, das ist unmöglich, so wie es doch unmöglich ist, sich jemals selbst zu finden, ohne sich dabei zu verlieren. In der Suche steckt die Liebe und in der Suche steckt die Selbsterkenntnis. Wer findet, der hat nichts mehr zu entdecken, mit dem Finden stirbt das Leben, das Streben und die Liebe. Wie also konnte er allen Ernstes behaupten, er habe sie gefunden? Sie kannten sich doch gerade erst ein halbes Jahr! Wie vermessen es war, bereits nach dieser kurzen Zeit nichts mehr an ihr entdecken zu wollen. Er war fertig mit ihr, dachte sie. Schade. Sie packte alles ein, was ihr gehörte, und verließ seine Wohnung. Diesmal würde er sie suchen, ja, aber finden würde er sie nicht mehr.


Nov 24 2007

Vergänglichkeit

Er lebt stets in Erwartungen. Er liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Er gehört zu den Menschen, denen überall, wo sie sich befinden, zwanghaft einfällt, wie schön es jetzt auch anderswo sein möchte. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumindest innerlich. Er mag den Sommer nicht, überhaupt keinen Zustand der Gegenwärtigkeit, liebt den Herbst, die Dämmerung, die Melancholie, Vergänglichkeit ist sein Element. Frauen haben bei ihm leicht das Gefühl, verstanden zu werden. Er hat wenig Freunde unter Männern. Unter Männern kommt er sich nicht als Mann vor. Aber in seiner Grundangst, nicht zu genügen, hat er eigentlich auch Angst vor den Frauen. Er erobert mehr, als er zu halten vermag, und wenn die Partnerin einmal seine Grenze erspürt hat, verliert er jeden Mut; er ist nicht bereit, nicht imstande, geliebt zu werden als der Mensch, der er ist, und daher vernachlässigt er unwillkürlich jede Frau, die ihn wahrhaft liebt, denn nähme er ihre Liebe wirklich ernst, so wäre er ja genötigt, infolgedessen sich selbst anzunehmen.
(Max Frisch – Stiller)