Sep 15 2011

Zugweisheiten: Arbeit, Arbeit ĂŒber alles

Im Zug:

Teenagerin zu ihrer Freundin: Ey, meine Mutter meint, ich soll nicht mehr mit meinen Freunden rumhĂ€ngen, weil dann hab ich zu wenig Zeit fĂŒr die Ausbildung. Und sie hat voll Recht eigentlich. Weil Freunde findet man immer voll leicht, aber Ausbildung ist viel wichtiger.

Etwas spÀter:

TĂ€towierter Surferboy: Sie studiert jetzt PĂ€dagogik. Hast du das mitbekommen?

PerlenkettenmÀdchen: Ja. Ich frage mich immer, warum jemand so etwas studiert. Was will man denn damit spÀter mal werden? So was studieren alle, die nicht wissen, was sie wollen!

TS: Na ja. Soll sie es doch durchziehen. Es gibt ja auch WirtschaftspÀdagogik, das ist dann wenigstens was halbwegs Sinnvolles.

Was fĂŒr eine traurige Welt.


Jun 11 2010

Alles oder nichts

Einfach alles oder nichts,
das sind unsere Optionen,
nicht Asyl im Selbstbetrug,
wie Freunde bleiben,
dies’ Getue -
Freunde hab ich schon genug!

(2010)


Apr 27 2010

Vom Zuhören

Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind – a friend to call, a fax to send, a lover they’re daydreaming about. They only snap back to full attention when you finish talking, at which point they say “Uh-huh” or “Yeah, really” and fake their way back to the moment. (…) We are great at small talk: “What do you do?” “Where do you live?” But really listening to someone – without trying to sell them something, pick them up, recruit them, or get some kind of status in return – how often do we get this anymore? I believe many visitors in the last few months of Morrie’s life were drawn not because of the attention they wanted to pay to him but because of the attention he paid to them. Despite his personal pain and decay, this little old man listened the way they always wanted someone to listen.
(Mitch Albom – Tuesdays with Morrie)


Apr 27 2010

Weniger ist mehr

Selten unternehme ich etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch fĂŒr mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn absehbar ist, dass am Ende mehr Menschen anwesend sein werden als ich fĂŒr angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass jedes Treffen von mehr als vier Personen fĂŒr mich schon eine Gruppe darstellt und ich Gruppen nicht besonders leiden kann – besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fĂŒhle, denn oft verspricht eine Gruppe und ihre spezielle Dynamik großen Spaß, doch ist es der Mangel an NĂ€he und ExklusivitĂ€t, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lĂ€sst. Es geht mir hierbei nicht um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen wĂŒrde, sondern um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenĂŒber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen mĂŒssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, sondern will mich auf ein GegenĂŒber konzentrieren und fĂŒr diese eine Person in diesem Augenblick voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.

Einmal saß ich mit fĂŒnfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine von vielen Situationen, die aber exemplarisch ist fĂŒr das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, rechts von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn ĂŒber dieses und ĂŒber jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Menschen aufeinandertrifft: Man steigt aus GesprĂ€chen aus und in andere ein, man wechselt den GesprĂ€chspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit. Man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnĂŒgt sich mit Smalltalk.

Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie in diesem Beispiel sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und VertrauensverhĂ€ltnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und noch nicht einmal sympathisch. In derlei Konstellationen unterhĂ€lt man sich notgedrungen nicht ĂŒber allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzĂ€hlt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch oder das seichte AmĂŒsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen, beides ist fĂŒr mich sozial ungenĂŒgend.

Das seichte AmĂŒsement in der Gruppe, der oberflĂ€chliche Spaß, das unbeschwerte Lachen fĂŒr Zwischendurch, wenn tiefe GesprĂ€che nicht zur Debatte stehen und große NĂ€he nicht in Frage kommt, ist in jenen Momenten, in denen es stattfindet, fĂŒr mich so schön wie fĂŒr jeden anderen Beteiligten auch, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes GefĂŒhl zurĂŒck, der Wunsch nach mehr – nicht an QuantitĂ€t, sondern an QualitĂ€t.

Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen wĂŒrde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der OberflĂ€che des grĂ¶ĂŸten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloĂŸÂ«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, wo doch so viele sein sollten. Auf die Spitze getrieben: FĂŒr Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflĂ€chliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhĂ€lt sich zur wirklichen guten Zeit wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach, so beliebig, so aufwandslos zu haben ist, wĂ€hrend die echte gute Zeit, die nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, fĂŒr mich ganz andere QualitĂ€ten hat, die NĂ€he, Offenheit und ExklusivitĂ€t vereint.

Auf der anderen Seite bleibt als Möglichkeit nur das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch, das sich am Level des FreundschaftsverhĂ€ltnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat und der folglich meist recht klein ist. Es mĂŒndet letztlich in Smalltalk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fĂ€hrt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kĂŒmmern. GesprĂ€che dieser Art belĂ€stigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurĂŒck und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine SchlĂŒsse, möchte aber nicht mitreden.

Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt: Die Frage, wie es jemandem geht – wer beantwortet sie denn schon ehrlich? Die meisten erzĂ€hlen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich schon wieder einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, wĂ€hrend die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von GesprĂ€ch, die ich fĂŒhren möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfĂŒhlsam und verbindend wie diese. Jedes Mal ist es fĂŒr mich daher sehr enttĂ€uschend, wenn jemand, mit dem ich mich verabredet habe, plötzlich ungefragt noch irgendwelche Dritte hinzuholt. Nicht bloß ist es unhöflich, es war auch nicht abgemacht und hĂ€tte ich es im Voraus gewusst, ich hĂ€tte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verĂ€ndert, denn es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an potentieller Tiefe, bĂŒĂŸt NĂ€he ein zugunsten einer grĂ¶ĂŸeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fĂŒrs Romantische so wichtig ist.

Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.


Jan 12 2010

Der menschliche Makel

Menschen. Menschen sind ĂŒberall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues fĂŒr mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere auch. Selbst wenn ich es mir zunĂ€chst nicht eingestand, war es fĂŒr mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der TrĂ€ume, ein Ort der Illusionen.
Der erste Eindruck ĂŒberraschte mich. Man nahm mich freundlich auf. Einfach so. Ohne Bedingungen und ohne jede Umschweife. Es war fĂŒr diese Menschen nichts Ungewöhnliches, einen Neuen, einen Fremden in ihre Reihen zu integrieren. Das unterschied diesen Ort von beinahe allem, was ich kannte, denn wie schwer, wenigstens aber aufwĂ€ndig war es doch in der Regel, mit offenen Armen als Fremder in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht so hier. Einwohner kamen und gingen, und manchmal blieben sie nur wenige Wochen. Es war eine Freundlichkeit, eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, die mich begeisterte. Den schmalen Grat zwischen naivem Vertrauen und unbarmherziger Distanz pflegte ich stets mit einer Art gesundem Grundvertrauen zu beschreiten, das lediglich begrenzt wurde durch eine ĂŒber die Jahre hinweg gewachsene Menschenkenntnis, die es erforderte, um nicht der blinden NaivitĂ€t anheimzufallen.
Im Allgemeinen vertraute ich selbst mir völlig unbekannten Menschen, solange sie mir keinen Grund lieferten, daran zu zweifeln. Was wĂ€re die Alternative gewesen? Gesundes Misstrauen ist ein Widerspruch in sich, so etwas gibt es nicht, und lieber wollte ich bisweilen in meinem Vertrauen enttĂ€uscht werden, als unter stĂ€ndigem Misstrauen und in paranoider Grundhaltung durch die Welt zu gehen, denn Misstrauen fördert unablĂ€ssig Misstrauen. Insofern fĂŒhlte ich mich hier zuhause. Niemanden interessierte, warum ich kam. All die menschlichen, nur allzu menschlichen Kategorien, die bisweilen dafĂŒr sorgten oder benutzt wurden, Keile zwischen die Individuen zu treiben, schienen hier ohne Bedeutung zu sein. Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder Status, Erfolg, Bildungsgrad und noch die verrĂŒcktesten Interessen waren fĂŒr das Miteinander dieser Menschen anscheinend völlig nebensĂ€chlich, zumindest ließen sie sich nicht im geringsten anmerken, darauf irgendeinen Wert zu legen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war nicht wahr – aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Ich hĂ€tte es wissen mĂŒssen, aber ich tat es nicht, denn wer stellt schon Fragen, wenn ihm Einlass in das Paradies geboten wird.
Nun, da ich ihn verlasse, muss ich rĂŒckblickend auf diesen Ort leider sagen, dass unterm Strich die EnttĂ€uschung ĂŒberwiegt. Es gab sehr viel Freude, schöne Momente, gute Erfahrungen, aber letztlich auch zu viel Frustration. Ich habe viele Monate hier damit verbracht, Hoffnungen und TrĂ€umen nachzujagen, die am Ende fast alle enttĂ€uscht wurden. Ich komme mir so dumm vor. Alles ließ ich stehen und liegen, sogar meine Arbeit vernachlĂ€ssigte ich in all der Zeit, weil es nichts Wichtigeres gab auf der Welt als diese Menschen, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Und fĂŒr was? Was dachte ich zu sehen? Menschen, die nicht so sind wie an jedem anderen Ort der Welt? Illusionen! Wieso also sollte ich bleiben? Weiterlesen…