Apr 27 2010

Weniger ist mehr

Selten unternehme ich etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch fĂŒr mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn absehbar ist, dass am Ende mehr Menschen anwesend sein werden als ich fĂŒr angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass jedes Treffen von mehr als vier Personen fĂŒr mich schon eine Gruppe darstellt und ich Gruppen nicht besonders leiden kann – besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fĂŒhle, denn oft verspricht eine Gruppe und ihre spezielle Dynamik großen Spaß, doch ist es der Mangel an NĂ€he und ExklusivitĂ€t, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lĂ€sst. Es geht mir hierbei nicht um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen wĂŒrde, sondern um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenĂŒber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen mĂŒssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, sondern will mich auf ein GegenĂŒber konzentrieren und fĂŒr diese eine Person in diesem Augenblick voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.

Einmal saß ich mit fĂŒnfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine von vielen Situationen, die aber exemplarisch ist fĂŒr das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, rechts von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn ĂŒber dieses und ĂŒber jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Menschen aufeinandertrifft: Man steigt aus GesprĂ€chen aus und in andere ein, man wechselt den GesprĂ€chspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit. Man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnĂŒgt sich mit Smalltalk.

Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie in diesem Beispiel sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und VertrauensverhĂ€ltnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und noch nicht einmal sympathisch. In derlei Konstellationen unterhĂ€lt man sich notgedrungen nicht ĂŒber allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzĂ€hlt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch oder das seichte AmĂŒsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen, beides ist fĂŒr mich sozial ungenĂŒgend.

Das seichte AmĂŒsement in der Gruppe, der oberflĂ€chliche Spaß, das unbeschwerte Lachen fĂŒr Zwischendurch, wenn tiefe GesprĂ€che nicht zur Debatte stehen und große NĂ€he nicht in Frage kommt, ist in jenen Momenten, in denen es stattfindet, fĂŒr mich so schön wie fĂŒr jeden anderen Beteiligten auch, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes GefĂŒhl zurĂŒck, der Wunsch nach mehr – nicht an QuantitĂ€t, sondern an QualitĂ€t.

Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen wĂŒrde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der OberflĂ€che des grĂ¶ĂŸten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloĂŸÂ«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, wo doch so viele sein sollten. Auf die Spitze getrieben: FĂŒr Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflĂ€chliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhĂ€lt sich zur wirklichen guten Zeit wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach, so beliebig, so aufwandslos zu haben ist, wĂ€hrend die echte gute Zeit, die nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, fĂŒr mich ganz andere QualitĂ€ten hat, die NĂ€he, Offenheit und ExklusivitĂ€t vereint.

Auf der anderen Seite bleibt als Möglichkeit nur das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch, das sich am Level des FreundschaftsverhĂ€ltnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat und der folglich meist recht klein ist. Es mĂŒndet letztlich in Smalltalk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fĂ€hrt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kĂŒmmern. GesprĂ€che dieser Art belĂ€stigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurĂŒck und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine SchlĂŒsse, möchte aber nicht mitreden.

Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt: Die Frage, wie es jemandem geht – wer beantwortet sie denn schon ehrlich? Die meisten erzĂ€hlen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich schon wieder einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, wĂ€hrend die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von GesprĂ€ch, die ich fĂŒhren möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfĂŒhlsam und verbindend wie diese. Jedes Mal ist es fĂŒr mich daher sehr enttĂ€uschend, wenn jemand, mit dem ich mich verabredet habe, plötzlich ungefragt noch irgendwelche Dritte hinzuholt. Nicht bloß ist es unhöflich, es war auch nicht abgemacht und hĂ€tte ich es im Voraus gewusst, ich hĂ€tte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verĂ€ndert, denn es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an potentieller Tiefe, bĂŒĂŸt NĂ€he ein zugunsten einer grĂ¶ĂŸeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fĂŒrs Romantische so wichtig ist.

Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.


Jan 2 2010

Dunkle Empathie

»Aoki war ein sehr guter SchĂŒler, er hatte fast immer die beste Note. Ich ging auf eine private Jungenschule, und Aoki war ziemlich beliebt. Die Klasse schĂ€tzte ihn, und er war der Liebling der Lehrer. Aber ich konnte seine pragmatische Einstellung und seine intuitiv berechnende Art von Anfang an nicht ausstehen. Wenn man mich fragte, was mich genau an ihm störte, mĂŒĂŸte ich passen. Ich wĂŒĂŸte kein Beispiel. Ich weiß nur, daß ich ihn durchschaute. Ich konnte diese Egozentrik und Überheblichkeit, die er ausstrahlte, instinktiv nicht ertragen. Wie bei jemandem, dessen Körpergeruch man physisch nicht ertrĂ€gt. Aber Aoki war klug und verstand es, diesen Geruch geschickt zu verbergen. Die meisten meiner Klasse hielten ihn fĂŒr gerecht, bescheiden und freundlich. Das zu hören empörte mich – doch ich sagte natĂŒrlich nichts.«
(…)
»Es sind nicht Menschen wie Aoki, vor denen ich Angst habe. Solche Menschen gibt es ĂŒberall. Was das angeht, habe ich resigniert. Wenn ich ihnen begegne, versuche ich möglichst nichts mit ihnen zu tun zu haben. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Das ist nicht besonders schwer. Ich erkenne sie sofort. Zugleich bewundere ich Leute wie Aoki aber auch. Nicht jeder besitzt die FĂ€higkeit, so lange stillzuhalten, bis die Gelegenheit sich ergibt, und sie dann sicher zu ergreifen; die FĂ€higkeit, sich geschickt der GefĂŒhle anderer zu bemĂ€chtigen und sie gegen jemanden aufzuhetzen. Ich hasse diese CharakterzĂŒge zwar so sehr, daß ich kotzen könnte, dennoch sind es FĂ€higkeiten. Das muß ich anerkennen.
Wovor ich aber wirklich Angst habe, sind Leute, die Typen wie Aoki alles blind glauben. Diese Leute, die selbst nichts zuwege bringen, nichts verstehen, die sich von den bequemen und leicht ĂŒbernehmbaren Meinungen anderer leiten lassen und nur in Gruppen auftreten. Diese Leute, die nie auf die Idee kĂ€men, daß sie vielleicht irgend etwas falsch machen könnten. Denen niemals auffĂ€llt, daß sie einen anderen sinnlos und brutal verletzen könnten. Sie ĂŒbernehmen keine Verantwortung fĂŒr das, was sie tun. Vor solchen Leuten habe ich wirklich Angst. Und wenn ich nachts trĂ€ume, dann von ihnen. In TrĂ€umen ist nur das Schweigen. Die Leute in meinen TrĂ€umen haben keine Gesichter. Wie eisiges Wasser dringt das Schweigen ĂŒberall ein.«
(Haruki Murakami – Das Schweigen)

Haruki Murakamis “Das Schweigen” hat mich fasziniert, weil ich Menschen wie Aoki kenne, immer wieder treffe, im Offline-Leben wie auch im Internet, wo es teilweise noch viel einfacher ist, diese FĂ€higkeiten erfolgreich zum Einsatz zu bringen. Es hat mich gefesselt, weil es mir manchmal nicht viel anders geht als dem ErzĂ€hler, wenn ich Menschen treffe, bei denen ich recht schnell durchschaue, dass all ihre Bescheidenheit, Gerechtigkeit und Freundlichkeit bloß aufgesetzt sind, dass sich dahinter berechnende Egozentriker verstecken, BestĂ€tigungssĂŒchtige, die zur Stillung ihrer Sucht auch Schaden anderer Menschen in Kauf nehmen, manchmal sogar gezielt herbeifĂŒhren. Die es schaffen, so gut den netten, freundlichen, gerechten, herzlichen Menschen zu spielen, dass ihre Umwelt ihnen diese Maske grĂ¶ĂŸtenteils unhinterfragt abkauft und diesen Menschen bereitwillig alles glaubt, von der trĂŒgerischen Selbstinszenierung bis hin zu gezielten LĂŒgen, um andere zu diskreditieren.

Auch ich muss zugeben, von dieser FĂ€higkeit auf eine sehr abstoßende Art beeindruckt zu sein. Menschen, die fĂŒr ihren Lebensunterhalt lĂŒgen und betrĂŒgen, stĂŒtzen sich auf diese FĂ€higkeit. Werbung und Marketing nutzen sie ebenfalls, genau wie Demagogen und Heiratsschwindler. Eine FĂ€higkeit, die ich in Anlehnung an die Vorstellung von “dunkler Magie” als “dunkle Empathie” bezeichnen möchte. Über Empathie als solche verfĂŒgen diese Menschen ohne Zweifel, denn sonst wĂ€ren sie nicht so gut in dem, was sie tun, in ihrer tĂ€uschenden Selbstdarstellung und dem KnĂŒpfen emotionaler Bindungen mit anderen Menschen. Aber es ist Empathie, die einzig dazu dient, die GefĂŒhle anderer zum eigenen Nutzen zu manipulieren.

Genau wie dem ErzĂ€hler machen mir diese Menschen selbst keine Angst. Ich kann ihnen aus dem Weg gehen oder kann versuchen, ihre Maskierung in Frage zu stellen und ihr BĂŒhnenbild zum Wackeln zu bringen. Aber auch ich habe Angst vor denen, die darauf hereinfallen, die sich emotional verzaubern und (ver)fĂŒhren lassen, die solchen Menschen bereitwillig alles glauben, ihre Meinungen ĂŒbernehmen und sich mitunter sogar instrumentalisieren lassen, ohne irgendetwas zu hinterfragen, womit sie großen Schaden anrichten können, wie es die sehr lesenswerte ErzĂ€hlung beschreibt.


Dez 24 2009

Zwischenmenschliche Effizienz

In all den Diskussionen um die Vor- und Nachteile sowie die realen oder nur projizierten Gefahren sozialer Internet-Dienste vermisse ich bislang einen Aspekt, den ich fĂŒr sehr zentral und fĂŒr mit weitreichenden Folgen verbunden halte: Effizienz.

Versteht man beispielsweise Twitter, Facebook oder Formspring als charakteristische Stellvertreter der Social-Media-Dienste, bedeutet dies unterm Strich, die 1:1-Relationen in der Kommunikation zwischen Freunden oder „Freunden“ werden mittels dieser Dienste wesentlich leichter, wesentlich öfter in 1:n-Relationen umgewandelt.

FĂŒr einen Dienst wie Formspring, bei dem User anderen Usern Fragen stellen können, auch anonym, die dann inklusive der dazugehörigen Antworten allen anderen Usern zum Lesen zur VerfĂŒgung stehen, bedeutet dies konkret: Hat nur ein einziger der User eine Frage an einen bestimmten User gestellt, brauchen sĂ€mtliche anderen User dieselbe Frage diesem bestimmten User nicht noch einmal zu stellen. Im Gegenteil: Oft ist zu beobachten, dass es die Antwortenden in der Regel nervt, wenn ein Fragender eine bereits beantwortete Frage noch einmal stellt. Wenn nun beispielsweise ein User in seiner formspring-Karriere ungefĂ€hr 500 Fragen beantwortet hat, brauchen alle anderen, die jene Fragen und deren Antworten gelesen haben, diese 500 Fragen und zig Millionen andere Fragen, die zu Ă€hnlichen Antworten gefĂŒhrt hĂ€tten, nicht mehr stellen und werden möglicherweise vom Antwortenden sogar darauf hingewiesen, er wolle diese Frage nicht noch einmal beantworten, denn das habe er ja bereits. Schon beim Umgang mit Blogs, Twitter oder Facebook ist bisweilen Ähnliches zu beobachten, sodass es dann mitunter zu Dialogen kommt, die wie folgt verlaufen: „Hab ich dir schon das Neueste erzĂ€hlt?“ „Nein, aber ich hab’s in deinem Blog/in deinem Tweet/auf Facebook gelesen.“ „Ach so.“

Es ist nicht mehr nötig, jedem der eigenen Freunde die neuen Urlaubsfotos zu zeigen, wenn man sie einfach auf Facebook stellen kann, wo sie jeder bequem ansehen kann, wann immer es beliebt. Die GesprĂ€che mit Freunden ĂŒber den neuen Partner werden ersetzt durch eine Änderung des Beziehungsstatus, der sofort von allen Freunden zur Kenntnis genommen werden kann, ohne mit jedem von ihnen einzeln darĂŒber sprechen zu mĂŒssen. Direkte Kommunikation weicht der Veröffentlichung von Informationen fĂŒr ein Publikum, so als gebe man eine Pressekonferenz ĂŒber die eigene Person.

All das bedeutet trotz bewusster Überzeichnung, die Kommunikation verschiebt sich aufgrund der neuen Einfachheit, die diese sozialen Dienste bieten, vom Schwerpunkt ein wenig weg von direkter 1:1-Kommunikation, die aber natĂŒrlich nicht verschwindet, hin zu breiteren 1:n-KommunikationskanĂ€len, was bedeutet, dass es möglich wird, via Facebook, Twitter oder auch Formspring viele Menschen gleichzeitig ĂŒber seine AktivitĂ€ten, Gedanken, Meinungen und so weiter zu informieren.

Eine ehemalige Kommilitonin hielt StudiVZ gerade deswegen fĂŒr so praktisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freunden separat (1:1) von Neuerungen in ihrem Leben erzĂ€hlen mĂŒsse, sondern das einfach nur noch ins StudiVZ zu schreiben habe (1:n). Das ist zwar nun in diesem Beispiel ein Extremfall, wenn auch wahr, dennoch lĂ€sst sich die allgemeine Tendenz all dieser Dienste damit beschreiben, dass sie objektiv ein Mittel zur Effizienzsteigerung der Kontaktverwaltung darstellen und Redundanz abbauen.

Wenn man fĂŒnf Freunden oder „Freunden“ nicht mehr separat erzĂ€hlen muss, was man gestern gemacht, wen man kennengelernt, was man gekauft oder gesehen hat, sondern das lediglich ein einziges Mal auf einem Blog schreiben oder auf Facebook veröffentlichen muss, wo es alle fĂŒnf dann jederzeit nachlesen können, dann habe ich den Umgang mit meinen Freunden optimiert und dessen Effizienz gesteigert, weil ich Redundanzen abgebaut habe. Gleichzeitig erleichtert das den Aufbau eines wesentlich grĂ¶ĂŸeren „Freundes“-Kreises und erhöht das eigene »soziale Kapital« (Bourdieu), auf das man zugreifen kann. Zudem erstellt man gewissermaßen sein eigenes Dossier, das man Interessenten an der eigenen Person nur noch in die Hand zu drĂŒcken braucht – auch das Kennenlernen oder vielmehr das, was man dann fĂŒr Kennenlernen hĂ€lt, wird dadurch optimiert, beschleunigt, vereinfacht und letztlich effizienter. Das Soziale wird zunĂ€chst auf Daten reduziert.

Der Begriff der ObjektivitĂ€t ist hier von großer Relevanz. Meine beschreibenden Worte möchten nicht ausdrĂŒcken, dass dieser Effekt der Effizienzsteigerung in jedem Fall die subjektive Intention der Nutzer ist, aber er ist dennoch das objektive Resultat, so wie auch niemand mit der subjektiven Intention einkaufen geht, das Wirtschaftssystem zu erhalten oder den Staat mittels Steuern unterstĂŒtzen zu wollen, wĂ€hrend all diese Dinge jedoch gleichzeitig objektives Ergebnis des Einkaufens sind, ganz egal was die subjektive Intention sein mag.

Viele gesellschaftliche oder individuelle Entwicklungen haben teilweise verheerende Nebenfolgen, die uns in den seltensten FĂ€llen wirklich bewusst sind und die wir keineswegs als Intention dieses Handelns anfĂŒhren wĂŒrden. Niemand beginnt mit dem Rauchen, weil es so schön gesundheitsgefĂ€hrdend ist, und auch wenn das nicht subjektive Intention des Rauchens ist, so ist es doch objektiver Effekt. Das gleiche trifft auf Umweltzerstörung zu, da niemand (oder zumindest fast niemand) morgens mit dem Vorhaben aufsteht, heute bewusst die Umwelt zu zerstören, sondern weil es hĂ€ufig der mehr oder weniger unbewusste Nebeneffekt vieler als völlig selbstverstĂ€ndlich erachteter Handlungsweisen ist, der nur dann ĂŒberhaupt als Problem begriffen und beseitigt werden kann, wenn man sich dieses Nebeneffekts tatsĂ€chlich bewusst wird.

Bei all den Vorteilen, die solche Social-Media-Dienste bieten, ist dies, dieser gesellschaftlich sanktionierte bis bedingte, unter anderem durch prekĂ€re ArbeitsverhĂ€ltnisse und der Forderung nach zunehmender MobilitĂ€t und FlexibilitĂ€t befeuerte und in Form dieser Dienste recht transparent auftretende Effizienzgesichtspunkt in zwischenmenschlichen Beziehungen, einer dieser unbewussten Nebeneffekte, ĂŒber den etwas mehr Reflexion vielleicht angebracht wĂ€re, um den Umgang mit diesen Diensten entsprechend bewusster zu gestalten. Letztlich stellt sich nĂ€mlich zumindest mir die Frage, in welchem Maße eine solche Effizienzsteigerung des Zwischenmenschlichen ĂŒberhaupt wĂŒnschenswert erscheint und ob grĂ¶ĂŸtmögliche QuantitĂ€t sowie der Gesichtspunkt der Effizienz dem Konzept ernsthafter Freundschaft nicht diametral widersprechen.


Okt 10 2009

Individualisierte Schuld

Ein Overkill an Informationen, das Erreichen des eigenen Aufnahmelimits, Überforderung am Arbeitsplatz, das Verzweifeln an gesellschaftlichen Zumutungen, physische Beschwerden – all das spielt keine Rolle, denn man hat sich an den Trott gewöhnt. Man erscheint immer wieder, ob in der Schule oder am Arbeitsplatz, ob auf direkten Befehl oder indirekten Druck – weil man soll. Obwohl man weiß, dass man auch an diesem Abend mit Kopfschmerzen zu Hause ankommen wird; obwohl man weiß, dass man von dem ganzen Kram, der einem im Laufe des Tages abgefordert wird, schon seit langer Zeit genug hat, weil es einfach zu viel, zu nervig, zu belastend ist; obwohl man weiß, man wird noch nicht einmal Gelegenheit haben, um ĂŒber das nachzudenken, was man mitgenommen, was man erfahren, was man ĂŒberstanden hat. Überforderung, Erschöpfung, Kollaps, Kapitulation und Scheitern – die Diagnose, sei sie nun von außen herangetragen oder bereits verinnerlicht, lĂ€uft in der Regel auf persönliche Defizite hinaus, auf eigene UnzulĂ€nglichkeit, weil man mit den Anforderungen nicht klargekommen ist.

Man setzt sich abends auf das heimische Sofa, schaltet den Fernseher ein und sieht einen Werbespot fĂŒr Kopfschmerztabletten, der exemplarisch das Prinzip der Schuldzuschreibung verdeutlicht: Wer durch die Ă€ußeren UmstĂ€nde Kopfschmerzen bekommt, durch Überforderung, durch Überanstrengung oder Stress, der nimmt eine Kopfschmerztablette und funktioniert danach wieder wie zuvor. Das Problem ist folglich die mangelnde persönliche Funktions- und BelastungsfĂ€higkeit, nicht die Ă€ußeren UmstĂ€nde, die ĂŒberhaupt erst die Kopfschmerzen verursacht haben. Man hört die Botschaft ganz deutlich, sie schwingt im Hintergrund stets mit wie ein FlĂŒstern, zu leise, um sie wirklich zu fassen, aber laut genug, um sie die ganze Zeit zu fĂŒhlen: Du bist schuld.

Egal, worum es geht – Arbeitsplatzverlust, psychische wie physische Beschwerden, schlechte Schulnoten oder erdrĂŒckende Arbeitsanforderungen –, die Antwort ist immer gleich: Du bist schuld!

Es ist individualisierte Schuld, denn es liegt immer an den jeweiligen Menschen selbst, wenn sie beim schulischen Lernen einfach nicht mitkommen, keinen Job finden oder in irgendeiner Weise ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen. Man ist selbst schuld, wenn man mit dieser wunderbaren Welt nicht klarkommt, denn mit der Welt an sich, mit ihren ZustĂ€nden, ZwĂ€ngen und Anforderungen, ist alles in Ordnung, so die suggestive Diagnose, deren Einfachheit verlockend ist; sie zerstört jeglichen Widerstand und jegliche Kritik, damit man sich den LebensumstĂ€nden einfach ergibt, wie immer sie auch aussehen mögen, denn ein Kritiker ist bloß ein Niemand, der den UmstĂ€nden nicht gewachsen ist, ein SchwĂ€chling, ein Versager.

Wer fĂŒr einen Job nicht umziehen möchte, weil das die Aufgabe von Freundeskreis, Umfeld und Milieu bedeuten wĂŒrde, wer nicht bereit ist, minimale Löhne anzunehmen, von denen er nicht leben kann, der gilt als Verursacher seines eigenen Elends, der trĂ€gt die Schuld. Wer zweihundert Kilogramm auf den RĂŒcken gebunden bekommt und unter dieser Last zusammenbricht, der hat sich einfach nicht genug angestrengt, der ist nicht kooperativ, der ist faul oder ein Taugenichts, aber in jedem Fall ist es seine, ganz allein seine individuelle Schuld. Dass die UmstĂ€nde an sich besorgniserregend sind, dass die Last erdrĂŒckend ist, dass es nicht am Individuum liegt, wenn es den Anforderungen nicht genĂŒgen kann oder sich ihnen nicht beugen will, wird gar nicht in Betracht gezogen.

Wer die ZustĂ€nde fĂŒr unzumutbar hĂ€lt und so tapfer ist, diese Meinung auszudrĂŒcken, wer im Extremfall an diesen ZustĂ€nden zerbricht, dessen Verhalten wird psychologisiert, es liegt also an Kindheit, am VerhĂ€ltnis zu den Eltern, an Problemen mit der Liebe oder an anderen hineinprojizierten Motiven, oder es wird pathologisiert, derjenige ist also depressiv und krank oder suizidal, womit das Unbehagen ĂŒber die ZustĂ€nde der Welt gleichgesetzt wird mit einem generellen Scheitern am Leben, denn wer die Welt in ihrer bestehenden Ordnung ablehnt, der verzweifle am Leben an sich.

Das normale Verhalten, das eingefordert wird bis zur Selbsterschöpfung, ist ein normatives Verhalten, denn wer mit diesem normalen Verhalten nichts anfangen kann, der muss normalisiert werden, also sein abnormales Verhalten aufgeben, seinen Widerstand gegen die ZustĂ€nde, die ihn erdrĂŒcken, einstellen, um die Ă€ußere NormalitĂ€t anzuerkennen, die auf ihn wirkt und ĂŒberhaupt erst in diese Lage gebracht hat.

Richard Sennett hat den flexiblen Menschen, der sich lĂ€ssig bis zum Umfallen sĂ€mtliche Anforderungen einer sozial und technisch hochverschalteten Lebenswelt aufbuckelt, als Mythos des nomadischen Turbo-Kapitalismus diskreditiert. Der flexible Mensch [...] ist jener Robot, der seine eigene Überforderung noch als Selbstverwirklichung verkauft, wĂ€hrend die Sicherungen durchbrennen.
(Goedart Palm bei Telepolis)

So schleift man sich jeden Tag zurĂŒck, macht, was verlangt wird, und behandelt die Symptome – beispielsweise mithilfe von Kopfschmerztabletten. Man macht sich kaputt, nimmt alles auf sich, ist masochistisch, aber es ist okay, denn man will kein Versager sein. Man bekommt Hilfe, die man freudig entgegennimmt, wird gestĂŒtzt und aufgebaut, um bloß nicht umzufallen. Man glaubt, was im Hintergrund leise rauscht: Du bist schuld!

Aber vielleicht sind es ja gar nicht die so genannten Versager, mit denen etwas nicht stimmt. Wer die Welt, wie sie ist, nicht ausstehen kann, der ist kein Fall fĂŒr psychologische Betreuung oder die Lebensberatung, sondern kann primĂ€r einfach nur die Welt nicht ausstehen, so wie sie ist. Wer die ZustĂ€nde zum Kotzen findet, wer sich ihnen widersetzt oder sie nicht anerkennt, weil er vielleicht sogar daran zerbricht, der hat ein berechtigtes Anliegen – ein Anliegen, das mit persönlichen Defiziten nichts zu tun hat.


Mai 5 2009

RauschunterdrĂŒckung

Freie Zeit gilt hier als Plage,
birgt sie Raum doch fĂŒr Gedanken,
die sind störend, gar verachtet,
bringen Weltbilder ins Wanken.

(2009)