Jul 20 2010

Problembewusstsein

Mit Messern kann man sich verletzen, daher soll man sie vermeiden; Türklinken sind tatsächlich mit Bakterien bedeckt. Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert. Die folgende Geschichte zeigt, wie man das vermeiden kann:

Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tage ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete erneut zum Inspektor und beschwert sich: »Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!«

Man kann sich nun fragen: Was macht die Dame, wenn die kleinen Jungen nun endgültig außer Sichtweite sind? Vielleicht begibt sie sich jetzt auf lange Spaziergänge flußaufwärts, vielleicht genügt ihr die Sicherheit, daß irgendwo nackt gebadet wird. Eines scheint sicher: Die Idee wird sie weiterhin beschäftigen. Und das Wichtigste an einer so fest gehegten Idee ist, daß sie ihre eigene Wirklichkeit erschaffen kann.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)


Jul 1 2010

Humorkritik

Was hätten die Komik, die Satire und das Kabarett doch für Möglichkeiten; Möglichkeiten, die Masken von den Gesichtern zu reißen! Doch nichts dergleichen geschieht! Die Masken bleiben Tarnung, die Machthaber und ihre kruden Ideen, Vorhaben und Reformen scheinen unantastbar. Wie Weiß Ferdl tappen sie zaghaft an politischen Bekenntnissen vorbei, betreiben Albernheiten statt Komik, Beleidigungen statt entwaffnendes Narrenrecht, welches es erlauben würde, den Herrschenden jede Wahrheit an den Kopf zu werfen – und dabei sind sie auch noch wahre Publikumshelden. Bloß nicht mit denen anecken, die sich wehren können!, lautet deren Devise. Haut auf die Schwachen, verprügelt die Arbeitslosen, thematisiert Trivialitäten – und wenn es doch unbedingt politisch sein muß, dann witzelt über Frisuren und Brillengestelle, Sprachfehler und – sofern man ein Bad-Boy-Image zu pflegen hat – Behinderungen!

Es spricht mir aus dem Herzen, was im verlinkten Artikel über das Metier der Satire und des Kabaretts geschrieben steht. »Comedians« nennen sich die meisten der dort als Beispiele Genannten selbst, was schon aussagt, worin sie ihre Aufgabe sehen: Sie möchten lustig sein, mehr nicht, und sie möchten damit Erfolg haben. Für diejenigen mit Biss, die tatsächlich kritischen Verstand zur Sprache bringen, scheitert es an niedrigen Einschaltquoten, an mangelnder Massenkompatibilität oder an mehr oder minder direkten Sanktionen durch diejenigen, denen sie auf die Füße treten, was letztlich seinerseits als Erfolg zu werten ist, wenn auch von anderer Qualität, weil er eben nicht auf Quantität abzielt. Auch die von mir verehrte Titanic weist, so zumindest mein subjektiver Eindruck, in neuerer Zeit einen Verlust an Biss auf, der vielleicht stellvertretend für den Großteil der Zunft stehen kann. Das ist schade.

Für Twitter als Mikrobühne mag ich, erneut aus rein subjektiver Sicht, ähnliche Schlüsse ziehen, was Erfolg und Massenkompatibilität angeht, scheinen dort doch ebenfalls diejenigen der sich als solche inszenierenden Amateur-Humoristen (was nicht als Wertung, sondern rein als Abgrenzung zu tatsächlicher hauptberuflicher Tätigkeit verstanden werden soll) am erfolgreichsten zu sein, die “treffend und harmlos zugleich [sind], frei vom Geist der Negation, voll des aufbauenden und versöhnenden Humors“, der bestenfalls lustig, aber eben völlig harmlos ist. Vielleicht hinkt das Übertragen der im verlinkten Artikel dargelegten Beschreibungen, doch erlaubt der erweiterte Blick auf beispielsweise Twitter eine Erfassung viel breiterer Bevölkerungsgruppen als der Fokus auf professionelle Kabarettisten oder Comedians. Der Unterschied zu den professionellen Humoristen ist dann jedoch, dass der harmlose Spott der Amateure, dieser versöhnende Humor, der nichts kritisiert und niemandem auf die Füße tritt, der sich wehren könnte, nicht einmal mit ökonomischen Gründen erklärt und dem auch nicht die Erfüllung des Berufs vorgeschoben werden kann. Der harmlose, unkritische, teils affirmative Humor als Spiegelbild eines gesellschaftlichen oder zumindest im beobachteten Milieu vorherrschenden Klimas?


Mai 4 2010

Ethnozentrismus

Den Karren von meiner Hand in die seine wechselnd, erzählte er mir eine lustige Geschichte über den ersten Schubkarren, den er je gesehen. Das war in Sag Harbor. Die Eigner des Schiffes, so scheint es, hatten ihm einen geliehen, um seine schwere Tasche in sein Logierhaus zu schaffen. Um, was dieses Ding betrifft, nicht unwissend zu erscheinen - obgleich er, was die genaue Weise angeht, wie der Karren zu handhaben sei, das in Wahrheit vollkommen war -, packt Queequeg seine Tasche darauf; verschnürt sie feste; und schultert dann die Karre und schreitet den Pier hinauf. »Na«, sagte ich, »Queequeg, das hättest du besser wissen können, sollte man meinen. Haben die Leute nicht gelacht?«
Daraufhin erzählte er mir eine weitere Geschichte. Die Leute seiner Insel Kokovoko pressen, so scheint es, die wohlriechende Flüssigkeit junger Kokosnüsse in eine große gefärbte Kalebasse, wie eine Punschbowle; und diese Punschbowle bildet auf der geflochtenen Matte, wo das Fest abgehalten wird, immer das große Schaustück im Mittelpunkt. Nun kam einmal ein bestimmtes stattliches Handelsschiff in Kokovoko an, und dessen Kommandant – soweit berichtet wird, ein sehr vornehmer, pingeliger Herr, wenigstens für einen Kapitän zur See -, dieser Kommandant wurde zum Hochzeitsfest von Queequegs Schwester eingeladen, einer hübschen jungen Prinzessin, die gerade zehn geworden. Nun ja; als alle Hochzeitsgäste in der Bambushütte der Braut versammelt waren, marschiert dieser Kapitän herein, und alldieweil man ihm den Ehrenplatz zugewiesen, nimmt er Platz drüben, der Punschbowle gegenüber, und zwischen dem Hohepriester und Seiner Majestät dem König, Queequegs Vater. Sobald das Tischgebet gesprochen – denn auch diese Leute haben ihr Tischgebet ebenso wie wir – obwohl Queequeg mir erzählte, daß im Gegensatz zu uns, die wir bei solchen Gelegenheiten niederblicken auf unsere Servierplatten, sie ganz im Gegenteil, es den Enten nachmachend, aufwärts blicken zu dem großen Spender aller Feste -, sobald, wollte ich sagen, das Tischgebet gesprochen, eröffnet der Hohepriester das Bankett mit der uralten Zeremonie der Insel; das heißt, er tunkt seine geweihten und weihenden Finger in die Bowle, bevor das gesegnete Getränk die Runde macht. Wie er sich gleich neben dem Priester placiert sieht und der Zeremonie folgt und sich – als Kapitän eines Schiffes – im klaren Vorrecht gegenüber einem bloßen Inselkönig dünkt, insonderheit in des Königs eigenem Hause – macht er sich ganz kühl daran, seine Hände in der Punschbowle zu waschen; – die er, wie ich annehme, als eine riesige Fingerschale angesehen. »Nun«, sagte Queequeg, »was du jetz denk? – Haben unsere Leute nicht gelacht?«
(Herman Melville – Moby Dick)


Apr 27 2010

Weniger ist mehr

Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind – a friend to call, a fax to send, a lover they’re daydreaming about. They only snap back to full attention when you finish talking, at which point they say “Uh-huh” or “Yeah, really” and fake their way back to the moment. (…) We are great at small talk: “What do you do?” “Where do you live?” But really listening to someone – without trying to sell them something, pick them up, recruit them, or get some kind of status in return – how often do we get this anymore? I believe many visitors in the last few months of Morrie’s life were drawn not because of the attention they wanted to pay to him but because of the attention he paid to them. Despite his personal pain and decay, this little old man listened the way they always wanted someone to listen.
(Mitch Albom – Tuesdays with Morrie)

Selten treffe ich mich oder unternehme etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch für mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn am Ende mehr Menschen dabei sein werden, als ich für angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass alles über vier Personen für mich schon eine Gruppe ist, und ich Gruppen nicht besonders leiden kann - besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag. Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fühle, denn oft verspricht es großen Spaß mit einer solchen, doch ist es der Mangel an Nähe und Exklusivität, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lässt. Es geht mir dabei nicht um Nähe und Exklusivität, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen würde, sondern um Nähe und Exklusivität, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenüber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen müssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, will mich auf ein Gegenüber konzentrieren und für diese Person voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.
Einst saß ich mit fünfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine Situation von vielen, die aber charakteristisch ist für das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich Gespräche verfolgen, rechts von mir konnte ich Gespräche verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn über dieses und über jenes. Es ist, wie es immer ist, wenn so viele Menschen aufeinandertreffen: Man steigt aus Gesprächen aus und in andere ein, man wechselt den Gesprächspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit, man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnügt sich mit Small Talk. Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso größer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie hier sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und Vertrauensverhältnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und gar nicht mal sympathisch! In derlei Konstellationen unterhält man sich notgedrungen nicht über allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzählt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflächliche Gespräch oder das seichte Amüsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen.
Das seichte Amüsement in der Gruppe, der oberflächliche Spaß, das unbeschwerte Lachen für Zwischendurch, wenn tiefe Gespräche nicht zur Debatte stehen und große Nähe nicht in Frage kommt, ist im Moment, in dem es stattfindet, für mich so schön wie für jeden anderen Beteiligten, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes Gefühl zurück, der Wunsch nach mehr, nicht an Quantität, sondern an Qualität. Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen würde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der Oberfläche des größten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloß«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, sein sollten. Auf die Spitze getrieben: Für Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflächliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhält sich wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach zu haben ist, während die echte, die nicht in Anführungszeichen steht, für mich ganz andere Qualitäten hat, die Nähe, Offenheit und Exklusivität vereint.
Auf der anderen Seite das oberflächliche Gespräch, das sich am Level des Freundschaftsverhältnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat, und der ist meist recht klein, mündet letztlich eben in Small Talk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fährt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kümmern. Gespräche dieser Art belästigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurück und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine Schlüsse, möchte aber nicht mitreden. Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt die Frage, wie es jemandem geht: Wer beantwortet sie schon ehrlich? Die meisten erzählen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich nun einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden, während die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, zumindest ist das meine Erfahrung, dann nur unter vier Augen. Das ist die Art von Gespräch, die ich führen möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfühlsam und verbindend wie diese. Stets ist die Enttäuschung daher für mich am größten, wenn jemand, mit dem ich verabredet bin, plötzlich ungefragt Dritte noch hinzu holt. Das war nicht abgemacht und hätte ich’s gewusst, ich hätte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verändert, es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an Tiefe, büßt Nähe ein zugunsten einer größeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fürs Romantische so wichtig ist.
Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Und das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.


Apr 25 2010

Beschleunigtes Leben

Im Bewusstsein der Zeitlichkeit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht identifiziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwiderlaufenden Kräften, etwa im Versuch, seiner Arbeit mit einer Beschleunigung des Lebensgefühls zu begegnen. Mach schnell, und du wirst ihn mit bloßem Auge, mit bloßem inneren Auge, nicht mehr wahrnehmen. Die Geschwindigkeit wird den Knacks dahinraffen.
Hat die Sprache diese Beschleunigung mit vollzogen? Und ob: In den Siebzigern beantwortete man die Frage »How are you« mit »good«, in den Achtzigern antwortete man auf die gleiche Frage mit »busy«.
Was war geschehen? Die Beschleunigung verriet sich in Komparativen. Der Schnellzug verschwand, er war nicht schnell genug; der Eilbrief verschwand, denn schon das Eilen selbst klingt gemächlich: Altmodische Vokabeln, sie erinnern an die langsame Art, schnell zu sein.
Stattdessen wurden die Indizien der Beschleunigung moralisch: was schnell war, war gut. Es war gut, »auf der Überholspur« zu leben, es war »in«, Fast Food zu mögen, aber Fast Food ist eigentlich Fast Eat, und es erreichte rasch das eigene Heim. Mit der 5-Minuten-Terrine erreicht die Küche ohne Koch und ohne Ritual die Haushalte. Alles beschleunigt: Schnellrasur, Schnellimbiss, Schnelllifting, Schnelltankstelle, Schnellrestaurant, Schnellreinigung wie juristische Schnellverfahren. Es geht schneller: Die einzige Musiksendung auf der Höhe der Zeit hieß »Fast Forward«, die Droge der urbanen Jugend »Speed«. Dies alles arbeitet an der Fiktion des gewonnenen Lebens, es sagt, wenn du schneller bist, schneller reist, Zeit sparst, wirst du am Ende mehr davon haben.
(…)
Wir haben keine Zeit. Wir haben alle keine Zeit. Wir haben sie schon deshalb nicht, damit wir uns nicht zu gut fühlen. Bruch, Knacks, Ermüdung, Scheitern, Kollaps: Unsere ruinösen Ich-Reste sollen nicht erscheinen, nicht aufbrechen, nicht mitsprechen.
(Roger Willemsen – Der Knacks)


Mrz 29 2010

In der Wahrheit leben

Was heißt das, »in der Wahrheit leben«? Eine negative Definition ist einfach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu verstecken, nichts zu verheimlichen. Seit Franz Sabina kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt seiner Frau von einem Kongreß in Amsterdam, der nie stattgefunden, von Vorlesungen in Madrid, die er nie gehalten hat, und er hat Angst, mit Sabina in den Straßen von Genf spazierenzugehen. Es amüsiert ihn, zu lügen und sich zu verstecken, denn er hat es sonst nie getan. Er ist dabei angenehm aufgeregt, wie ein Klassenprimus, der beschließt, endlich einmal die Schule zu schwänzen.
Für Sabina ist »in der Wahrheit leben«, weder sich selbst noch andere zu belügen, nur unter der Voraussetzung möglich, daß man ohne Publikum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unserem Tun zuschaut, passen wir uns wohl oder übel den Augen an, die uns beobachten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publikum zu haben, an ein Publikum zu denken, heißt, in der Lüge zu leben. Sabina verachtet die Literatur, in der ein Autor alle Intimitäten über sich und seine Freunde verrät. Wer seine Intimität verliert, der hat alles verloren, denkt Sabina. Und wer freiwillig darauf verzichtet, der ist ein Monstrum. Darum leidet Sabina nicht im geringsten darunter, daß sie ihre Liebe verheimlichen muß. Im Gegenteil, nur so kann sie »in der Wahrheit leben«.
Franz dagegen ist überzeugt, daß in der Trennung des Lebens in eine private und eine öffentliche Sphäre die Quelle aller Lügen liegt: Man ist ein anderer im Privatleben als in der Öffentlichkeit. »In der Wahrheit leben« bedeutet für ihn, die Barriere zwischen Privat und Öffentlichkeit niederzureißen. Er zitiert gern den Satz von André Breton, der besagt, daß er gern »in einem Glashaus« gelebt hätte, »wo es keine Geheimnisse gibt und das allen Blicken offensteht«.
(Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)


Mrz 25 2010

Wenn jeder täte, was er für wichtig hielte

Wo immer nämlich diese Gesellschaft nicht funktioniert, wo immer sie versagt, wird ihr Versagen an den Ärmsten offenbar.
Jede Veränderung im sozialen Raum, jede Verschärfung des Wettbewerbs, jede Zunahme an Gewalt im öffentlichen Leben, jede Kontaminierung billigen Essens hinterlässt in der Lebenserfahrung von Armen ihre Spuren. Auch wie Gesellschaft sich verändert, in ihren Klassen- und Geschlechtsverhältnissen ebenso wie in ihrer Mitmenschlichkeit, das erfahren die Armen zuerst. Sie werden deshalb eben nicht nur materiell und gesundheitlich, sie werden auch psychologisch und moralisch am empfindlichsten von den Einbußen der Gesellschaft getroffen.
In der Armut wird das Selbstbild der Gesellschaft gekränkt und bestätigt: gekränkt, weil sie ihre idealen Bilder ohne Rückstände produzieren möchte, bestätigt, weil sie diese Armut ja selbst herstellt, die Produktion von Armut also genau so forciert wie ihr Pendant, den Wohlstand.
In dieser Kultur, und das heißt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander, hat sich der Wert der Verkäuflichkeit und Käuflichkeit derart verselbständigt, dass Menschen schon degradiert werden, weil sie nicht am Warenverkehr teilnehmen können oder wollen. Jede Gesinnung, jedes Phänomen, jede Erscheinung, jede menschliche Hervorbringung, jede Leistung wird auf optimale Verkäuflichkeit untersucht und abgerichtet. Unvorstellbar, welche Kultur sich entwickeln könnte, wenn nicht jede Lebensregung an ihrer Markttauglichkeit gemessen, wenn Zugang zur Öffentlichkeit nicht nur Dingen verschafft würde, die sich verkaufen lassen, wenn, mit einem Wort, jeder täte, was er gesellschaftlich für wichtig, und nicht, was er für profitabel hielte. Eine Utopie mehr.
(Roger Willemsen – Der Knacks)


Mrz 24 2010

Gute Sklaven

Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand versteht höhnischer zu sagen: »Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!« als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der Mit-Gepeitschte. Selbst die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und ›nun einmal zu zeigen‹, was sie können. Wenn das Auge des Kommandorufers, der mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die Brust geheftet.
(B. Traven – Das Totenschiff)


Feb 22 2010

In heaven we feed each other

Mr. Black said, “I once went to report on a village in Russia, a community of artists who were forced to flee the cities! I’d heard that paintings hung everywhere! I heard you couldn’t see the walls through all of the paintings! They’d painted the ceilings, the plates, the windows, the lampshades! Was it an act of rebellion! An act of expression! Were the paintings good, or was that beside the point! I needed to see it for myself, and I needed to tell the world about it! I used to live for reporting like that! Stalin found out about the community and sent his thugs in, just a few days before I got there, to break all of their arms! That was worse than killing them! It was a horrible sight, Oskar: their arms in crude splints, straight in front of them like zombies! They couldn’t feed themselves, because they couldn’t get their hands to their mouths! So you know what they did!” “They starved?” “They fed each other! That’s the difference between heaven and hell! In hell we starve! In heaven we feed each other!” “I don’t believe in the afterlife.” “Neither do I, but I believe in the story!”
(Jonathan Safran Foer – Extremely Loud & Incredibly Close)


Jan 17 2010

Deutungshoheit

Der andere Trick besteht darin, dem Partner ebenso heftige wie nebelhafte Vorwürfe zu machen. Wenn er dann wissen will, was Sie eigentlich meinen, können Sie die Falle mit dem zusätzlichen Hinweis hermetisch schließen: »Wenn du nicht der Mensch wärest, der du bist, müßtest du mich nicht erst noch fragen. Der Umstand, daß du nicht einmal weißt, wovon ich spreche, zeigt klar, welch’ Geistes Kind du bist.« Und a propos Geist: Im Umgang mit sogenannten Geisteskranken wird diese Methode seit längster Zeit mit großem Erfolg angewendet. In den seltenen Fällen nämlich, in denen der Betreffende es wagt, klipp und klar darüber Auskunft zu verlangen, worin in der Sicht der anderen seine Verrücktheit denn bestehe, läßt sich diese Frage als weiterer Beweis für seine Geistesgestörtheit hinstellen: »Wenn du nicht verrückt wärest, wüßtest du, was wir meinen.« Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich – denn hinter einer Antwort dieser Art steht Genialität: Der Versuch, Klarheit zu schaffen, wird flugs ins Gegenteil umgedeutet. Der andere gilt also für verrückt, solange er die Beziehungsdefinition »Wir sind normal, du bist verrückt« stillschweigend hinnimmt, und für verrückt, wenn er sie in Frage stellt. Nach diesem erfolglosen Exkurs in die menschliche Umwelt kann er entweder sich in hilfloser Wut die Haare ausraufen, oder in Schweigen zurückfallen. Aber auch damit beweist er nur zusätzlich, wie verrückt er ist, und wie recht die anderen schon immer hatten. (…) In den Etablissements, die sich für die Behandlung solcher Zustände für kompetent halten, läßt sich diese Taktik mit Erfolg anwenden. Man stellt es dem sogenannten Patienten zum Beispiel frei, nach eigenem Ermessen zu entscheiden, ob er an den Gruppensitzungen teilnehmen will oder nicht. Lehnt er dankend ab, so wird er hilfreich-ernsthaft aufgefordert, seine Gründe anzugeben. Was er dann sagt, ist ziemlich gleichgültig, denn es ist auf jeden Fall eine Manifestation seines Widerstandes und daher krankhaft. Die einzige ihm offenstehende Alternative ist also die Teilnahme an der Gruppentherapie, doch darf er nicht anmerken lassen, daß ihm ja nichts anderes übrigbleibt, denn seine eigene Lage so zu sehen, bedeutete immer noch Widerstand und Einsichtslosigkeit. Er muß also »spontan« teilnehmen wollen, gibt aber gleichzeitig mit seiner Teilnahme zu, daß er krank ist und Therapie braucht. In großen Gesellschaftssystemen mit Irrenhauscharakter ist diese Methode unter dem respektlos-reaktionären Namen Gehirnwäsche bekannt.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)