<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Pala &#187; Gesellschaft</title>
	<atom:link href="http://pala.mischamandl.de/tag/gesellschaft/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://pala.mischamandl.de</link>
	<description>»Only one thing a man can do: find something that&#039;s his, make an island for himself«</description>
	<lastBuildDate>Tue, 07 Feb 2012 23:30:29 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Traurige Wirklichkeit</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/traurige-wirklichkeit/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/traurige-wirklichkeit/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 10:29:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Werner]]></category>
		<category><![CDATA[Normalität]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Trauer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2576</guid>
		<description><![CDATA[… geht es dann darum, zu erwägen, ob Sinnlosigkeitsgefühle und Betrübnis nicht allenfalls verstanden werden könnten als durchaus angemessene, Intaktheitssehnsucht offenbarende Reaktionsgebärden gegen eine Wirklichkeit, die über weite Strecken so beschaffen ist, daß einer, der sich in ihr nicht traurig fühlt, sein Trauerdefizit betrauern müßte. (Markus Werner &#8211; Froschnacht) Ähnliche Einträge: Orientierung Symbolische Gewalt (2) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote class="unsichtbar"><p>… geht es dann darum, zu erwägen, ob Sinnlosigkeitsgefühle und Betrübnis nicht allenfalls verstanden werden könnten als durchaus angemessene, Intaktheitssehnsucht offenbarende Reaktionsgebärden gegen eine Wirklichkeit, die über weite Strecken so beschaffen ist, daß einer, der sich in ihr nicht traurig fühlt, sein Trauerdefizit betrauern müßte.<br />
<small>(Markus Werner &#8211; Froschnacht)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/orientierung/' rel='bookmark' title='Orientierung'>Orientierung</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/symbolische-gewalt-2/' rel='bookmark' title='Symbolische Gewalt (2)'>Symbolische Gewalt (2)</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/denken-und-fuehlen/' rel='bookmark' title='Denken und Fühlen'>Denken und Fühlen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-kraft-der-einbildung/' rel='bookmark' title='Die Kraft der Einbildung'>Die Kraft der Einbildung</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/nichts-mehr-wie-zuvor/' rel='bookmark' title='Nichts mehr wie zuvor'>Nichts mehr wie zuvor</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/traurige-wirklichkeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die kommenden Tage</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/die-kommenden-tage/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/die-kommenden-tage/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 10:11:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Eurokrise]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy Frankfurt]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy Wallstreet]]></category>
		<category><![CDATA[occupyfrankfurt]]></category>
		<category><![CDATA[occupywallstreet]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialabbau]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2436</guid>
		<description><![CDATA[4 minutes of Occupy Frankfurt Wir leben in turbulenten Zeiten. Der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, findet sein Ende &#8211; auf die eine oder auf die andere Art. Anstatt die Krise aber als Bedrohung und das Scheitern des Kapitalismus als Untergang der Welt wahrzunehmen, sind vielmehr die Chancen zu erkennen, die Grund zur Freude [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><iframe src="http://player.vimeo.com/video/31875376?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0" frameborder="0" width="480" height="270"></iframe></p>
<p style="text-align: center;"><small><a href="http://vimeo.com/31875376">4 minutes of Occupy Frankfurt</a></small></p>
<p>Wir leben in turbulenten Zeiten. Der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, findet sein Ende &#8211; auf die eine oder auf die andere Art. Anstatt die Krise aber als Bedrohung und das Scheitern des Kapitalismus als Untergang der Welt wahrzunehmen, sind vielmehr die Chancen zu erkennen, die Grund zur Freude liefern, wenn sie genutzt werden.</p>
<p>Wer mit den immer deutlicher auftretenden Zerfallsprozessen des Kapitalismus das Ausbrechen eines globalen Chaos herannahen sieht, artikuliert mit diesen Bedrohungsszenarien Ängste, die vor allem eines offenbaren: Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und Anforderungen des bestehenden Wirtschaftssystems, dessen Sieg über die Sowjetunion aufgrund des daraus resultierenden Mangels an konkreten Systemalternativen bisweilen schon zur Mär vom Ende der Geschichte verleitet hat, haben sich bereits so sehr als Denkschemata in den Köpfen der Menschen festgesetzt, dass ein Wegfallen dieser Gesetzmäßigkeiten als Wegfall der Ordnung an sich begriffen wird, so als gäbe es keine anderen Möglichkeiten, das menschliche Miteinander zu organisieren, als jene, die zurzeit bestehen. Diese scheinbar alternativlosen gesellschaftlichen Strukturen, durch deren Selbstverständlichkeiten wir sozialisiert wurden und die daher in unsere Habitus, in unsere Handlungs- und Denkstrukturen Einzug gefunden haben, befinden sich nun in einer Krise, die nicht nur ökonomischer, sondern auch psychologischer Natur ist, denn die soziale Ordnung hat sich unserer bis in die Fantasie hinein bemächtigt, wo sie der Vorstellungskraft enge Grenzen setzt, nämlich jene des wirtschaftlichen Systems. Eine grundlegende Änderung dieses Systems übersteigt selbst in dessen Krise noch die Grenzen des Vorstellbaren oder ist nur als Utopie denkbar, als etwas, dem per se keine (zeitnahe) Realisierungschance zugesprochen wird. Die Gedanken, habituell derart geprägt und folglich eingeschränkt, wirken somit als <a title="Habitus und Komplizenschaft" href="http://pala.mischamandl.de/habitus-und-komplizenschaft/">Komplizen</a> dieses Systems fort und so muss die Krise der bestehenden Ordnung wie eine Krise der Ordnung an sich empfunden werden, der Zerfall des Kapitalismus wie der Zerfall jeglicher Gesellschaft.</p>
<p>Tatsächlich aber ist die derzeitige Krise eine Chance. Wer trotz aller Fakten noch unbeirrt darauf baut, es möge alles so bleiben, wie es ist, der möchte eine Gesellschaftsordnung am Leben erhalten, in der ein immer kleinerer Teil auf Kosten der großen Mehrheit lebt. Die sich ausbreitende Krise liefert die Möglichkeit, diesen Zustand zu ändern, im Kleinen wie im Großen. Genau dieses Anliegen vertreten die wachsenden weltweiten Proteste.</p>
<p>Nicht der Zusammenbruch stellt die Bedrohung dar, sondern jeder zusätzliche Tag, den das bestehende System künstlich am Leben erhalten wird &#8211; zu horrenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Kosten. Wenn alles ungehemmt weiterläuft wie bisher, werden wir in naher Zukunft unter anderem Folgendes erleben:</p>
<ul>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>weitgehenden Abbau des Sozialstaats</strong><br />
der bereits vor Jahren eingesetzt hat und sich ständig verschärft, man schaue neben Deutschland nur auf die drakonischen Sparmaßnahmen in Griechenland, das jüngst verabschiedete Sparpaket Italiens, die drastischen Sparbemühungen in Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>erstarkenden Nationalismus</strong><br />
der bereits jetzt schon zu beobachten ist, hierzulande am offensichtlichsten in Form der unverhohlenen und auch von politischer Seite &#8211; im Sinne nationaler Interessen &#8211; befeuerten Hetze gegen den vermeintlichen Krisenverursacher Griechenland, für dessen angebliche Faulheit und Inkompetenz man nicht länger Zahlmeister sein wolle, genauso wenig wie für andere Schuldenländer, während im Ausland teilweise Deutschland als Verursacher der Krise ausgemacht wird und entsprechend verhasst ist; der zudem durch die nationalen Wirtschaftsinteressen vorangetrieben wird, die allen voran Deutschland, aber auch Frankreich mit der Durchsetzung der eigenen Vorstellung von Krisenbewältigung und Haushaltspolitik auf Kosten dritter Länder verfolgt.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>zunehmende Verarmung und Prekarisierung</strong><br />
die schon seit einiger Zeit zu verzeichnen ist, man führe sich bloß einmal Arbeitslosenzahlen wie zum Beispiel die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien (~45 %) und Italien (~30 %) oder Statistiken der Einkommens- und Vermögensverteilung (erstere <a title="The State of Working America" href="http://stateofworkingamerica.org/who-gains/#/?start=1970&#038;end=2008" target="_blank">hier</a> als interaktive Grafik für die USA), der Obdachlosigkeit, der Schuldenbelastung sowie der Armut oder des Armutsrisikos zu Gemüte, die allesamt anwachsende soziale Missstände offenbaren.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>grassierenden Sozialdarwinismus</strong><br />
der bereits heute vorzufinden ist, beispielsweise in Form der Diskriminierung von Arbeitslosen und Migranten, die &#8211; auch von politischer Seite &#8211; teilweise subtil, teilweise ganz offen als faul und dumm, als Parasiten oder als unfinanzierbare Last des Wirtschaftsstandorts diffamiert werden; der sich zudem hinter der breiten Akzeptanz von in den letzten Jahren wieder erstarkenden Geisteshaltungen wie „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ mehr schlecht als recht verbirgt.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>zunehmende Entsolidarisierung</strong><br />
die bereits in diesen Tagen exemplarisch als stetige Privatisierung, als einseitige Gebührenerhöhungen und Sparmaßnahmen zu Lasten unterer Schichten, als Abschottung der Wohlhabenden in Gated Communities und als das Ausspielen von Bevölkerungsteilen gegen andere Gruppen der Bevölkerung auszumachen ist, so zum Beispiel Geringverdiener gegen Arbeitslose oder „richtige Deutsche“ gegen Migranten.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>Personalisierung der Kritik</strong><br />
die als aggressive Sündenbocksuche bereits heute deutlich zu vernehmen ist, wenn beispielsweise gezielt Banker und Spekulanten als Blutsauger oder Fremdkörper bezeichnet und teilweise sogar bedroht werden.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>Entdemokratisierung</strong><br />
die momentan schon sehr eindringlich anhand von Griechenland und Italien zu beobachten ist, wo nun Technokraten im Sinne einer rigiden Sparpolitik die Übergangsregierungen leiten sollen, das jeweilige Land also de facto gar nicht mehr regiert, sondern bloß noch zur Abwicklung gemanaged werden wird; die außerdem auf europäischer Ebene klar zu verzeichnen ist, wo sich Entscheidungsprozesse unter Ausschluss europäischer Institutionen, die ihrerseits bereits unter Demokratiedefiziten leiden, mehr und mehr auf die deutsch-französische Doppelspitze konzentrieren; die zuletzt jedoch am deutlichsten an den offen demokratiefeindlichen Reaktionen auf die angekündigte Volksabstimmung in Griechenland abzulesen war.</li>
<li style="margin-bottom: 0.75em;"><strong>Radikalisierung des Protests und der Protestbekämpfung</strong><br />
für die die Straßenschlachten in Athen, Rom und in den USA, aber auch die Riots in London ein Vorgeschmack waren.</li>
</ul>
<p>All dies sind keine düsteren Zukunftsvisionen, sondern ausnahmslos Prozesse, die bereits eingesetzt haben und sich mit Zuspitzung der Krise proportional verschärfen werden, sofern ihnen nicht entgegengewirkt wird. Es ist der ganz normale Wahn, den die bestehende Krise <a title="Krise und Wahn" href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html" target="_blank">zum Vorschein bringt</a>.</p>
<p>Die globalen Proteste wiederum, die zurzeit stattfinden und immer mehr Zulauf erfahren, sind in ihrem Kern nicht unbedingt primär als Forderung zur Abschaffung des Kapitalismus zu begreifen &#8211; dies gelingt ihm aus eigener Kraft, wie immer offensichtlicher wird. Die Frage aber, die sich in der Krise und mit dem Zerfall der bestehenden Wirtschaftsordnung immer dringender stellt, lautet nun: In welche Richtung soll es weitergehen?</p>
<p>Folglich handelt es sich bei den Protesten &#8211; allen voran bei jenen der <em>Indignados</em> oder der <em>Occupy</em>-Bewegung sowie ihr verwandter Protestformen &#8211; um die Artikulation des Standpunkts, dass man sich dem Geschehen nicht in bestem Fatalismus hingeben möchte (der oft genug als Optimismus verkleidet wird), sondern stattdessen aktiv am Aufbau einer gerechteren Gesellschaft teilnehmen möchte oder diese zumindest einfordert. Frank Schirrmacher, dem man als Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung keine allzu große Linkslastigkeit vorwerfen oder zugutehalten kann, hat erst kürzlich den überaus <a title="Frank Schirrmacher im Gespräch bei Alternativlos" href="http://alternativlos.org/20/" target="_blank">befreienden Gedanken geäußert</a>, dass wir uns zurzeit in einer sehr komfortablen Position befinden: Immer hat es geheißen, wir können uns dies nicht leisten oder jenes, weil das dem Wirtschaftsstandort schadet, weil das nicht finanzierbar ist, weil das in diesem Wirtschaftssystem nicht funktioniert und so weiter. Nun aber sind wir an einem Punkt, an dem offensichtlich wird, dass das Wirtschaftssystem an sich nicht funktioniert. Das heißt, wir können zum ersten Mal seit langer Zeit ungehemmt darüber nachdenken, wie wir gerne leben würden, ohne uns um die ökonomischen „Sachzwänge“ des Wirtschaftssystems scheren zu müssen, weil letzteres in seiner gegenwärtigen Form sowieso nicht funktioniert. Die Krise als Chance.</p>
<p>Wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte, zeigt im Kleinen, quasi als Sozialexperiment, die Occupy-Bewegung: Menschen, denen von Politik und Wirtschaft immer wieder weisgemacht wird, sie seien auf sich allein gestellt im Kampf aller gegen alle, jeder sei nur für sich selbst verantwortlich und Solidarität ein nicht finanzierbarer Luxus, leben in Form dieser Bewegung das Gegenteil vor, helfen sich gegenseitig, versorgen sich gegenseitig, unterstützen sich gegenseitig. Sie mögen keine einheitlichen Ziele formulieren, keine ausgearbeiteten Konzepte und Patentlösungen anbieten, die einzufordern sowieso bloß illusorisch ist, doch es eint sie ein Unbehagen gegenüber den herrschenden Verhältnissen; sie lehnen ab, was die derzeitige Gesellschaft ihnen nahe- oder auferlegt, sie sagen zum Bestehenden: <a title="How I Stopped Worrying and Learned to Love the OWS Protests" href="http://www.rollingstone.com/politics/news/how-i-stopped-worrying-and-learned-to-love-the-ows-protests-20111110" target="_blank">Fuck this shit</a>! Die Occupy-Bewegung wagt den Versuch einer Gegenkultur und zeigt, dass ein anderes Leben möglich ist, eine andere Kultur mit anderen Werten, Prioritäten und Verhältnissen.</p>
<p>Jener Aspekt der gegenwärtigen Bewegung ist es folglich auch, der für die bestehende Ordnung die größte Zumutung darstellt &#8211; aus deren Sichtweise gesprochen. Während fragmentierte Proteste und Demonstrationen schon immer vorzufinden waren und entsprechend marginalisiert werden konnten, verfügt das Etablieren einer konstruktiven Gegenkultur, die weltweit große mediale Aufmerksamkeit erfährt und die sich international vernetzt als auch rasch ausgebreitet hat, über eine gänzlich andere Qualität, weil deren zugrundeliegende Idee das Potential besitzt, mehr und mehr Menschen zum Überdenken des Selbstverständlichen bewegen zu können, indem sie konkrete Alternativen zum Bestehenden aufzeigt, wenn auch bloß als soziales Experiment. Buckminster Fuller hat es wie folgt ausgedrückt: »You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.«</p>
<p>Letztlich gilt es also, die eigene Angst vor dem Kollaps, die <a title="Hagen Rether bei Neues aus der Anstalt" href="http://www.youtube.com/watch?v=vDVx2OSlZuM" target="_blank">eigene Ignoranz</a>, die eigene Apathie und Ohnmacht angesichts scheinbar übermächtiger Strukturen zu überwinden, um aus der Krise konstruktive Kraft zu schöpfen. Kraft für eine bessere, gerechtere, glücklichere Gesellschaft, in der wir gerne leben möchten. Niemand sollte darauf vertrauen, von der Politik Lösungen zu erhalten. Die Politik hat keine Lösungen und sie stellt die falschen Fragen. Es liegt an jedem einzelnen von uns, wie es weitergehen wird.</p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/politik-und-medienmacht/' rel='bookmark' title='Politik und Medienmacht'>Politik und Medienmacht</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/umfragen-und-demokratie/' rel='bookmark' title='Umfragen und Demokratie'>Umfragen und Demokratie</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/the-greatest-speech-ever-made/' rel='bookmark' title='The Greatest Speech Ever Made'>The Greatest Speech Ever Made</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-ist-klassenkampf/' rel='bookmark' title='Was ist Klassenkampf?'>Was ist Klassenkampf?</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/regiert-sein-heisst/' rel='bookmark' title='Regiert sein heißt…'>Regiert sein heißt…</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/die-kommenden-tage/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was die Lehrer für Leistung halten</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/was-die-lehrer-fuer-leistung-halten/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/was-die-lehrer-fuer-leistung-halten/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 11:03:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungssystem]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Habitus]]></category>
		<category><![CDATA[Leistung]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2366</guid>
		<description><![CDATA[Die Zeit bis zum Schuljahres-Ende vergeht. Ich bilde mir ein, ich leiste in dieser Zeit etwas. Aber mit Leistung kann einer dies und der andere das meinen. Ich bin der Meinung, ich leiste etwas, was die Lehrer für Leistung halten. Für meinen Vater sind Leistungen die Arbeiten, die ich im Haus und auf den Feldern verrichte (&#8230;) Für die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Zeit bis zum Schuljahres-Ende vergeht. Ich bilde mir ein, ich leiste in dieser Zeit etwas. Aber mit Leistung kann einer dies und der andere das meinen. Ich bin der Meinung, ich leiste etwas, was die Lehrer für Leistung halten. Für meinen Vater sind Leistungen die Arbeiten, die ich im Haus und auf den Feldern verrichte (&#8230;) Für die Dorfburschen besteht meine Leistung in der Kumpelei mit ihnen. Für sie bin ich in jener Zeit wenig leistungsfähig. (&#8230;) Es gab nie eine Zeit, in der ich gern in die Schule ging. Ich habe Mustermenschen stets mit etwas Skepsis bestaunt, zum Beispiel diesen Noatnick, der zwei Schulklassen übersprang, und von dem behauptet wird, er habe zwei Lebensjahre eingespart. Ich weiß nicht, ob der liebe Gott bei der Erschaffung des Menschen an die Schule dachte, aber dieser Noatnick ist, als ob ihn Gott bearbeitet hätte, damit er in die Schule passt. Ich hingegen bin neugierig auf alles, was sich außerhalb der Schule zuträgt, aber das trägt mir keine <em>hochen</em> Zensuren ein.<br />
<small>(Erwin Strittmatter &#8211; <em>Der Laden</em>, Band 2)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/formale-gleichheit-als-herrschaftsinstrument/' rel='bookmark' title='Formale Gleichheit als Herrschaftsinstrument'>Formale Gleichheit als Herrschaftsinstrument</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/gottes-scheisse/' rel='bookmark' title='Gottes Scheiße'>Gottes Scheiße</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wie-das-bildungswesen-macht-verschleiert/' rel='bookmark' title='Wie das Bildungswesen Macht verschleiert'>Wie das Bildungswesen Macht verschleiert</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/schule-als-ideologie/' rel='bookmark' title='Schule als Ideologie'>Schule als Ideologie</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/da-kann-man-nichts-tun/' rel='bookmark' title='Da kann man nichts tun'>Da kann man nichts tun</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/was-die-lehrer-fuer-leistung-halten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wie ich einmal die Welt veränderte</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/wie-ich-einmal-die-welt-veraenderte/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/wie-ich-einmal-die-welt-veraenderte/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 06 Oct 2011 14:11:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Apathie]]></category>
		<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heuchelei]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Individualität]]></category>
		<category><![CDATA[Klassentreffen]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Mode]]></category>
		<category><![CDATA[Normalität]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Unterhaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[Wut]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2203</guid>
		<description><![CDATA[Gabriel Herrera Der blaue Brief starrte mich an. Nein, Quatsch, ich starrte den blauen Brief an. Der blaue Brief lag einfach nur da. Briefe konnten nicht starren. Gegenstände konnten überhaupt keine menschlichen Handlungen vollziehen. Vielerlei drittklassige Schriftsteller versuchten Dinge zu vermenschlichen, ließen sie starren, fühlen, rufen, staunen. Meist handelte es sich dabei um Menschen, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-2205" title="Old table and empty chair" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2011/10/chairandtable.jpg" alt="" width="500" height="375" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/hidinginabunker/312030371/"><span>Gabriel Herrera</span></a></p>
</div>
<p>Der blaue Brief starrte mich an. Nein, Quatsch, ich starrte den blauen Brief an. Der blaue Brief lag einfach nur da. Briefe konnten nicht starren. Gegenstände konnten überhaupt keine menschlichen Handlungen vollziehen. Vielerlei drittklassige Schriftsteller versuchten Dinge zu vermenschlichen, ließen sie starren, fühlen, rufen, staunen. Meist handelte es sich dabei um Menschen, die das Schreiben als Beruf bezeichneten. Wer aber das Schreiben als Beruf verunglimpfte, im Schreiben folglich eine Art von institutionalisierter Arbeit sah, die ja in der Regel mit allerhand nervtötenden Terminen, ständiger Plackerei und dem maßgeblichen Ziel der finanziellen Absicherung verbunden war, der hatte seine Liebe zum geschriebenen Wort schon lange hinter sich gelassen. Um diesen Umstand zu verbergen, bediente er sich zahlreicher Kniffe wie jenem der Vermenschlichung. Der Leser sollte wissen: Hier ist ein Kreativer am Werk, ein Poet und Genie, das toten Dingen Leben einhauchen kann. Aber tote Dinge waren tot. Wären sie lebendig gewesen, hätte man sie Lebewesen genannt. Gegenstände konnten herumliegen, fallen, rollen, brennen, stinken, also einfach nur da sein, ihre Funktion erfüllen oder Schwerkraft und anderen äußeren Einflüssen gehorchen. Was sie nicht konnten, war starren. Wieso aber hatte ich das für einen Moment gedacht? Ich vertrieb diesen lausigen Gedanken aus meinem Kopf, machte schlechte Romane für meinen Fauxpas verantwortlich und starrte weiter auf Brief.<br />
Aus der Küche holte ich mir ein Messer, schnitt einen Apfel in mundgerechte Stücke und setzte mich essend an den Tisch. Als der blaue Brief sich auch nach zwei Minuten noch nicht gerührt hatte, war ich mir sicher, es handelte sich dabei um einen Gegenstand wie jeden anderen, soll heißen: einen leblosen. Es befand sich keine Briefmarke auf dem Umschlag, was bedeutete, jemand hatte sich die Mühe gemacht, bis zu mir aufs Land hinaus zu fahren, nur um das Ding dann diskret im Briefkasten zu versenken, anstatt nach all dem Aufwand einfach an der Tür zu klingeln. Wäre da die Post nicht sinnvoller gewesen, fragte ich mich. Andererseits erforderte die Briefbeförderung per Post gewaltige finanzielle Mittel auf Seiten des Absenders, weshalb sich dieser vermutlich gedacht hatte, es wäre doch sehr viel klüger, flink ins eigene Auto zu steigen, ein Dutzend Kilometer mit einem Brief auf dem Beifahrersitz durch die Landschaft zu gondeln, schön viel Scheiße in die Luft zu blasen und den Brief ganz einfach persönlich bei mir einzuwerfen, anstatt es Menschen zu überlassen, die das hauptberuflich ausübten, sowohl das Briefetransportieren als auch das Scheiße-in-die-Luft-Blasen. Das kam dabei heraus, wenn Menschen das Recht auf Mobilität mit einem Anspruch auf Umweltverschmutzung verwechselten und Freiheit mit der Pflicht, von einem Termin zum nächsten zu düsen, zum Beispiel von der Arbeit zur Kneipe und später angetrunken ins heimische Bett.<br />
Vom Stichwort ›angetrunken‹ inspiriert, vollzogen meine Gedanken einen Sprung zu einer naheliegenden Frage: Wieso war der Brief eigentlich blau? Ich wusste, dass es hieß, Schulen würden blaue Briefe verschicken, zumal ich während meiner Schulzeit so manchen Brief von meiner Schule erhalten hatte, sogar mit Briefmarken darauf, doch blau war davon keiner gewesen. Was blieb mir anderes übrig als ihn zu öffnen, um die Neugier zu befriedigen. Im Briefumschlag erwartete mich eine unpersönliche Einladung:</p>
<p style="text-align: center;">Liebe Freundinnen und Freunde,<br />
zehn Jahre sind vergangen, seit wir von der Schulbank ins wahre Leben gezogen sind. Herzlich laden wir euch zum gemeinsamen Wiedersehen ein.</p>
<p>Unterhalb des Textes waren Zeitpunkt, Ort und Anfahrtsweg vermerkt, während auf der Rückseite der Einladung eine lachenden Schildkröte abgebildet war, die ein Zeugnis in der Hand hielt, was mir als Ausdruck schulischer Leistung irgendwie unangemessen schien, aber genau deswegen fast schon sympathisch wirkte, geradezu subversiv. Wahrscheinlicher war jedoch, dass der Urheber keinerlei subversive Ambitionen hegte, sondern das Bildchen einfach nur für lustig befunden hatte. Manches änderte sich eben selbst in zehn Jahren nicht, zum Beispiel schrecklicher Humor.<br />
Es gab vieles, das Leid und Elend über die Menschheit brachte, wo immer es auftrat: Krieg, Missgunst, Gier, Eifersucht, Naturkatastrophen und eben Klassen- oder Jahrgangstreffen. Bis jetzt war ich von alldem verschont geblieben, aber jemand unternahm den Versuch, das zu ändern. Jemand, der mich unilateral als einen Freund bezeichnete, was das Konzept der Freundschaft ad absurdum führte bis verhöhnte. Jemand, der die dummdreiste Vorstellung kultivierte, nach der Schule würde man ins ›wahre Leben‹ ziehen, während die meisten doch tatsächlich bloß in Ehe, Fabrik oder Büro umgezogen waren.<br />
Ein Klassen- oder Jahrgangstreffen war eine Veranstaltung, bei der sich die Banalität des Bösen unbarmherzig offenbarte. Menschen kamen zusammen, die sich seit ihrer gemeinsamen Internierung in einer Lehranstalt nicht mehr gesehen, geschweige denn miteinander gesprochen hatten. Mit einigen war man befreundet geblieben, als man den Schulabschluss endlich in der Tasche gehabt hatte, doch beim Großteil schätzte man sich froh, ihn endlich los zu sein. Das Jubiläumstreffen nun war ein erzwungener Prozess, der dazu führte, diese natürlich gewachsene Distanz mit einer synthetischen Nähe zu überwinden, um eine Grundstimmung des gegenseitigen Wettbewerbs zu provozieren. Der Ablauf eines solchen Zusammentreffens war sozial streng geregelt und ähnelte jenem Kartenspiel, bei dem die Spieler beispielsweise Hubraum, Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung oder Zylinderzahl der Fahrzeuge auf ihren Spielkarten miteinander verglichen, wobei der beste Wert gewann. Gespielt wurde es bei einem Klassen- oder Jahrgangstreffen allerdings nicht mit technischen Daten, sondern mit persönlichem Erfolg, beruflicher Leistung, Schönheit des Ehepartners, Lage des Hauses, Preis des PKW, Zensuren der Kinder, Exklusivität des Urlaubsziels, Ausübung von Macht und anderen erbärmlichen Statussymbolen der jeweiligen Mitspieler. Ich war arbeitslos und unverheiratet, besaß weder Auto noch Eigenheim und war demzufolge alles, was man nicht sein wollte, wenn man zu einem Klassentreffen ging.<br />
Trotz meiner Abneigung gegen dieses kleinkarierte Spiel und der offensichtlichen Zumutungen einer solchen Veranstaltung nahm ich mir vor, der Einladung zu folgen. Wie eine Art Kriegsberichterstatter wollte ich das entsetzliche Elend begutachten, allerdings mit der nicht zu unterschätzenden Differenz, dass ich im Gegensatz zum unbeteiligten Beobachter auch in Nahkämpfe verwickelt sein würde und aktiv ins Kampfgeschehen eingreifen müsste. Das jedoch war ich gewohnt.<br />
Noch am Abend desselben Tages rief ich jene Freunde an, die ich von der Schulzeit ins ›wahre Leben‹ mitgenommen hatte. Ich erkundigte mich, ob sie die Einladung ebenfalls erhalten hatten und was sie von ihr hielten. Anschließend erzählte ich ihnen von meinem Vorhaben und fragte nach, ob sie die Absicht hätten, der Veranstaltung ihrerseits beizuwohnen oder nicht. Sie lachten über diese Frage und wünschten mir Glück bei meiner Expedition. Deswegen waren sie meine Freunde.<br />
Einige Wochen später war es so weit, an einem windigen Samstagabend. Die Veranstaltung fand in einer Villa nahe von Hamburg statt. Wir waren ein Abiturjahrgang, daher gehörte Distinktion anscheinend zwangsläufig dazu, die Sehnsucht nach standesgemäßer Inszenierung, diese Selbstverherrlichung als Elite. Als ich die Räumlichkeiten betrat, war das Geschehen schon in Gang. Zu meiner Erleichterung hatte man die Veranstaltung als eine Art offener Party konzipiert, ohne Sitzordnung und irgendwelche Ansprachen. Es gab ein Buffet mit Häppchen und Hauptspeisen sowie eine Bar mit einem leidlich motivierten Barkeeper, der unter anderem Sekt und schlechte Drinks servierte, sodass die Anwesenden sich in wechselnder Konstellation an Tischen niederlassen oder kollektiv herumstehen konnten, was sehr viel angenehmer war, als den gesamten Abend an einem großen Tisch gemeinsam eingepfercht zu sein.<br />
Ein wenig verloren blickte ich mich um, bis ich Chris sah. Eigentlich hieß er Christian. Zu Schulzeiten war er ein Punk gewesen, ein Rebell und Nonkonformist, der sich Autoritäten und Hierarchien nicht hatte beugen wollen und in der Schule, die sich ihren Häftlingen als Disziplinierung par excellence aufdrängte, folglich so seine Probleme gehabt hatte. Er war mir immer sympathisch gewesen, genau aus diesem Grund. Heute trug er einen verdammt gut sitzenden Anzug und etwas, das er früher als Spießerfrisur bezeichnet hätte. Innerlich musste ich lachen. Er ist eine Karikatur, dachte ich, er kommt hierher und hält allen den Spiegel vor, macht sich lustig über sie, betreibt Subversion. Das verdiente Respekt, daher ging ich zu ihm ans Buffet, wo er gerade das Angebot begutachtete.<br />
»Mensch, Chris! Schickes Outfit«, grinste ich und nahm mir einen Teller.<br />
»Danke«, erwiderte er mit einem Hauch von Überraschung.<br />
»Nur für den Scheiß hier hast du dir so&#8217;n Ding besorgt?«<br />
»Was? Wer bist du eigentlich?«<br />
Zuerst lachte ich, doch dann wurde mir klar, dass er mich wirklich nicht erkannt hatte. Ich stellte mich ihm vor und wir plauderten eine Weile über die Schulzeit, die frühere Lehrer, unser Leben nach dem Abschluss und schließlich die berufliche Karriere. Ein Wort, für das er früher nur Verachtung übrig gehabt hatte. Nun war er derjenige, der es aussprach. Nach dem Abitur hatte er herumgelungert, ständig gekifft, viel gesoffen, was man halt so machte, wenn man alles andere zum Kotzen fand, was den Alkohol bisweilen einschloss. Doch irgendwann sei ihm die Erleuchtung gekommen, sagte er. Man dürfe ein Leben nicht so verschwenden, man müsse etwas aufbauen, etwas leisten. Ein Sozialarbeiter habe ihm geholfen, sich aus seiner Clique zu befreien, wie er es ausdrückte. Er hatte einen Job bekommen, wenig später auch eine eigene Wohnung. Von da an sei es nur noch aufwärts gegangen, er habe unglaublich hart gearbeitet, gespart, angelegt und investiert.<br />
»Heute fehlt es mir an nichts«, schwärmte er mit hörbarem Stolz. »Ich krieg die Krise, wenn ich einen jammern höre, er findet keinen Job. Wer nicht faul ist, der findet auch was. Man muss sich halt zusammenreißen. Sieh mich an. Stattdessen wird jeder bestraft, der erfolgreich ist. Steuern hoch, Steuern hoch, das ist alles, was ich höre. Mit meinem Geld werden solche Faulpelze finanziert.«<br />
»Sag mal, muss das nicht anstrengend sein?« hakte ich mit total beeindrucktem Gesichtsausdruck nach.<br />
»Die Arbeit? Ja, schon, aber nur durch Leistung kommt man nach oben…«<br />
»Neee, nicht die Arbeit. Jeden Tag die Ideale, die du mal hattest, kräftig in den Arsch zu ficken, nur für ein paar Scheinchen.«<br />
Ich drehte mich um und führte einen inneren Kampf zugunsten der äußeren Contenance. Am liebsten hätte ich ihn ausgelacht, wäre das nicht der sichere Ruin für meinen Abgang gewesen.<br />
Das sind die Schlimmsten, dachte ich und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach einem neuen Gesprächspartner. Diese Schlimmsten, das waren für mich soziale Aufsteiger, die von ihren Wurzeln nichts mehr wissen wollten. Weil sie selbst es ›geschafft‹ hatten, weil sie von der Frucht der Macht gekostet hatten, verteufelten sie alle, die es nicht taten. Ganz arme Würstchen waren das. Mit kleinen Würstchen vermutlich, weil solche Typen immer kleine Würstchen hatten und diesen Zustand irgendwie zu kompensieren trachteten, doch so genau wollte ich es nicht in Erfahrung bringen. Das Jahrgangstreffen fing an, mir Spaß zu machen. Ich kam in Fahrt, und das war gerade erst der Anfang.<br />
Plötzlich wurde ich von der Seite angesprochen. Es war Torsten, der seinen Teller so berstend mit Speisen beladen hatte, wie man es sonst nur von deutschen Touristen aus dem Urlaub kannte, die die Angst umtrieb, bei einem zweiten Gang zum Buffet von der Zombieapokalypse heimgesucht zu werden, weshalb sie auf ihren Tellern gewagte Türme konstruierten, die allen Regeln der Statik zu widersprechen schienen. Im Gegensatz zu Chris hatte er mich umgehend erkannt und wir kamen ins Gespräch. Torsten war jemand, mit dem ich mich in der Schule gut verstanden hatte, obwohl ich ihn niemals als einen Freund betrachtet hätte. Er war das, was man klassisch einen Schulkameraden nannte. Nachdem wir die Eingangsfloskeln hinter uns gebracht hatten, erzählte er mir von seinem Job bei einer großen internationalen Werbeagentur.<br />
»Das geile an dem Job ist, so viele unterschiedliche Kunden zu haben. Man hat ständig eine neue Herausforderung, dauernd eine komplett neue Arbeit mit komplett neuen Ideen. Ich kann mich kreativ ganz ausleben und verdiene dabei auch noch ordentlich.«<br />
»Hm«, gab ich den nachdenklich Interessierten. »Was für Kunden hast du da so? Gibt’s da auch welche, bei denen du sagst: Das mach ich nicht, die mag ich nicht?«<br />
»Klar gibt’s die! Ich arbeite nicht für Rüstungskonzerne, da hab ich ganz deutlich eine Linie gezogen.« Mit dem Finger zog er ganz deutlich eine Linie in die Luft. »Man will ja auch noch mit gutem Gewissen einschlafen können.«<br />
Rüstungskonzerne taten mir Leid. Kein einziger Werber dieser Welt wollte freiwillig für sie arbeiten. Alle sagten sie: Nein, das kann ich ethisch nicht verantworten. Das musste der erste Satz gewesen sein, den sie auf der Werbekasperschule gelernt hatten und seitdem wie ein Mantra vor sich herbeteten. Zum Glück besaßen Rüstungskonzerne in der Regel Tochtergesellschaften oder eigenständige Divisionen, die sich mit ziviler Resteverwertung der militärischen Forschung beschäftigten und beispielsweise LKW statt Panzern herstellten, sodass man sich als Werber oder überhaupt als Angestellter gut damit herausreden konnte, mit der Produktion von dedizierten Tötungsinstrumenten nichts am Hut zu haben. Das war formal zwar zweifellos korrekt, aber spitzfindig, doch wenn es dem Selbstbetrug dienlich sein konnte, war freilich jedes Mittel erlaubt.<br />
»Wow!« bewunderte ich seine ethische Standfestigkeit und erinnerte mich an die Arbeiten seiner Lügenbude. »Ich stelle mir das gerade vor. Da kommt so ein schmieriger Rüstungskonzern zu dir und sagt: Bitte erstellen Sie mir eine tolle Werbekampagne – und du, du sagst ganz konsequent: Nein! Am nächsten Tag stellt sich dann ein Energiekonzern bei dir vor, der zu den größten Umweltsündern des Landes gehört, und du verpasst ihm ein grünes Image. Das ist ethisch echt gleich viel besser.«<br />
»Über diese Kampagne gab es intern eine rege Diskussion, auch ethisch. Wir haben uns dann am Ende <em>für</em> den Auftrag entschieden, weil der Konzern auch viel in grüne Energie investiert und…«<br />
»Und weil das Geld so zahlreich floss, du schleimige Werbehure!« unterbrach ich ihn frech und nutzte seine sichtliche Überforderung, um noch ein wenig nachzulegen: »Einige Wochen später kriechst du einer Firma zu Kreuz, die ihre Mitarbeiter wie den letzten Dreck behandelt. Deine schöne Agentur aber kümmert sich darum, sie als sozial gerechtes Wohltätigkeitsparadies darzustellen. Ich meine, hey, du bist so konsequent mit deinen moralischen Grundsätzen, das ist echt beeindruckend! Mann, ich bin so froh, dass du nachts gut schlafen kannst, weil du nichts für Rüstungskonzerne machst.«<br />
Da stand er und schaute wie ein Hund beim Kacken, der sich keiner Schuld bewusst war. Wenn es einen irdischen Zugang zur Hölle gab, dann lag er unterhalb dieses Gebäudes und hatte sich erst kürzlich aufgetan, um die hier anwesenden Geschöpfe auszuspeien. Er würde sie hoffentlich auch wieder zurücknehmen.<br />
Gab es denn keine vernünftigen Menschen in diesem Haus? Zwei kleine Gruppen standen herum und waren untereinander jeweils in Diskussionen vertieft, soweit ich das beurteilen konnte. Ich überlegte, ob ich mich zu einem der beiden Grüppchen dazugesellen und mitdiskutieren sollte, war aber an der Umsetzung dieser Vorstellung nicht ernsthaft interessiert, weil ich seit jeher das Gespräch unter vier Augen bevorzugte. Dann sah ich Pia. Sie saß alleine an einem Tisch, vor sich ein Glas Sekt, an dem sie hin und wieder nippte. In der Schule war sie so etwas wie eine graue Maus und eher am unteren Ende der ausreichenden Notenskala beheimatet gewesen, was ich nicht tragisch fand, ihre Eltern damals allerdings umso mehr. Nun jedoch trug sie zwei ansehnliche Bildungsabschlüsse vor sich her, die sie für jede Beschäftigung qualifizierten. Außerdem hatte sie zu viel Make-up aufgetragen, doch war dies ein Phänomen, das ich an vielen Frauen beobachten konnte, die allem Anschein nach verinnerlicht hatten, was man ihnen fortwährend weismachen wollte. Jede beliebige Kosmetikwerbung suggerierte, Frauen seien von Natur aus hässliche Kreaturen, nicht im Ansatz begehrenswert, wenn sie sich nicht hinter Masken verbergen würden, an denen andere kräftig verdienten. Lieber trugen sie zu viel auf als gar nichts, aus Angst vor ihrem eigenen Gesicht. Einmal war ich verliebt an meine damalige Freundin herangetreten mit den Worten: ›Du bist am schönsten, wenn du ungeschminkt bist‹. Da hatte sie gelacht und mir kein Wort geglaubt.<br />
Pia sah nicht so aus, als wäre ihr zum Lachen zumute. Nervös durchstreifte sie mit ihren Blicken den Raum und schien nach jemandem zu suchen. Sie war zu Schulzeiten immer sehr nett zu mir gewesen, vielleicht auch ein bisschen verknallt, darum ließ ich mich an ihrem Tisch nieder und begrüßte sie mit einigen freundlichen Worten. Wir kamen ins Gespräch. Eigentlich, so erzählte sie mir, war sie mit einer Freundin hergekommen, mit Kathrin, die sich jedoch auf der Suche nach einer Toilette im Obergeschoss verdrückt hatte, in verdächtiger zeitlicher Nähe zu Sebastian, was deren beider Abwesenheit durchaus erklärte. Sebastian war verheiratet, hatte diesen unglücklichen Umstand, wie es schien, gleichwohl temporär verdrängt, so wie man traumatischen Erlebnissen eben häufig den Zugang zum Bewusstsein verwehrte. Das war wissenschaftlich erwiesen, daher sollte niemand den Zeigefinger erheben und behaupten, der Betrug an seiner Frau sei Sebastians eigene Entscheidung, geschweige denn dessen Schuld gewesen.<br />
Pia und ich jedenfalls machten uns darüber lustig wie gute Lästerschwestern. Nach einer Weile versuchte ich, das Gespräch in spannendere Gewässer zu navigieren, weil harmlose Lästereien zwar recht auflockernde Gesprächsinhalte darstellten, mich das gesamte Konzept des Lästerns aber doch sehr an Gartenzwerge und Blockwartmentalität erinnerte. Ein Themenkomplex, mit dem man jederzeit Freunde gewinnen konnte, ob nun im Supermarkt an der Kasse, in der Sauna oder auf dem Zahnarztstuhl, war das gern konferierte Feld der Politik. Ich sprach die um sich greifende Finanzkrise an, die bereits jetzt das Leben von Millionen Menschen zerstört hatte, obwohl sie gerade erst am Anfang stand. Ich belächelte die anhaltend herbeifantasierte Mär vom Aufschwung, der komischerweise bei niemandem so recht ankam. Ich erwähnte den Jubel um sinkende Arbeitslosenzahlen, die keiner, der noch ganz bei Trost war, für etwas anderes als Propaganda halten konnte. Die ganzen ekelhaften Nachrichten eben, während Pia bei allem still nickte.<br />
»Mich kotzt das echt an, so verarscht zu werden«, rumorte es aus mir heraus. »Vergleich das mal mit dem Arabischen Frühling. Da gehen Menschen auf die Straße, weil sie demokratische Mitbestimmung fordern. Hierzulande schimpft man über die Schwerfälligkeit demokratischer Entscheidungsfindung und verteidigt allen Ernstes eingeschränkte Mitbestimmungsrechte, wo immer sie auftreten, weil Beschlüsse ja so viel effizienter gefällt werden könnten, wenn weniger Menschen daran beteiligt wären. Marktgerechte Demokratie nennen sie das und schielen mit einem Auge auf China. Da weiß man doch, was man von so einer Demokratie zu halten hat, oder?«<br />
»Ach, weißt du, das interessiert mich alles nicht so recht. Man darf im Leben nur das Positive sehen, und das tue ich. Ich schaue keine Nachrichten mehr, weil mich das unglücklich macht.«<br />
So also sahen Menschen aus, die Lebensratgeber lasen wie: ›Mit Yoga zum Glück‹, ›Lachen für ein gutes Leben‹, ›Dank Positivem Denken aus der Arbeitslosigkeit‹, ›Grinsen gegen Krebs‹. Oder schlimmer noch: die solchen Schund schrieben, um andere auszunehmen, die den Mist glaubten. Diese Menschen hatten keinen anderen Lebensinhalt vorzuweisen als alles wahnsinnig schön zu finden. Wenn es eines gab, das mich stärker ankotzte als verarscht zu werden, dann war es die Kraft der positiven Wahrnehmung, die Ignoranz auf Speed, die alle Probleme der Menschheit leichtfüßig lösen sollte. Hunger in der Dritten Welt? Man schlürfte Prosecco. Mord im Namen der Freiheit? Man sah sich einen lustigen Film an. Ölplattform geplatzt? Man gönnte sich mal was. Optimismus statt Vernunft, Apathie statt Zorn. Die Hölle, das war sie. Wer vorübergehend doch einmal aus dem Glückseligkeitsfaschismus purzelte, der schlug rasch in der Ratgeberliteratur nach, wie man angepasst zu leben hatte, anstatt einfach mal in sich hineinzuhorchen und auf den Tisch zu hauen.<br />
»Würdest du das auch kleinen Kindern ins Gesicht sagen, die vor Hunger verrecken? ›Seht das Positive: Ihr müsst zum Abnehmen nicht joggen gehen‹? Oder zu Zwangsarbeitern im KZ? ›Seht das Positive: Jeder hier hat einen Arbeitsplatz‹? Menschen wie du kotzen mich an, weil sie mit ihrer optimistischen Ignoranz die ganze Scheiße auf der Welt erst ermöglichen.«<br />
Mit ihrem am Boden hängenden Unterkiefer ließ ich sie zurück, bevor sie die Chance hatte, mir den Sekt ins Gesicht zu schütten. Ich kam mir vor wie eine Mutter, die ihrem Balg irgendwas verbieten oder es zum Aufessen bewegen wollte und zu diesem Zweck ganz schamlos die afrikanische Bevölkerung ins Spiel brachte, als hätte die es nicht schon schwer genug gehabt, selbst ohne europäische Scheißmütter. Glücklicherweise hatte ich mit meinem Nazivergleich noch auf die seriöse rhetorische Ebene zurückgefunden. Einerseits tat Pia mir leid, weil sie mir vormals wirklich sympathisch gewesen war; andererseits diente sie ja wirklich als Steigbügelhalter für das Böse auf diesem Planeten, zwar nicht sie allein, aber ihre Denkweise. Das sollte man Menschen auch klipp und klar mitteilen.<br />
Von einer der herumstehenden Gruppen spaltete sich jemand ab und kam geradewegs auf mich zu. Es war Maike. Sie musste meine Unterhaltung mit Pia gesehen haben, die zugegebenermaßen etwas aus dem Ruder gelaufen war. Vorsorglich bereitete ich mich auf das Schlimmste vor. Maike aber kam zu mir herüber, legte einen Arm um meine Schulter und fing an, sich über Pia lustig zu machen.<br />
»Ihr zwei habt euch ganz schön in die Haare gekriegt. Was war da los? Haben dir ihre neuen Titten nicht gefallen? Ganz schön billig so was. Was für ein Flittchen!«<br />
Maike trug Schuhe mit Keilabsätzen, die bei jungen Frauen und solchen, die sich dafür hielten, schwer angesagt waren. Wenn ich ein solches Ungetüm an einem Frauenfuß entdeckte, war mein erster Eindruck jedes Mal, die arme Frau sei behindert und dass es sich um eine orthopädische Maßnahme handeln musste, die die Länge ihrer Beine künstlich ausgleichen sollte. Da der andere Fuß jedoch in der Regel mit einem entsprechenden Gegenstück ausgestattet war, präzisierte ich meine Diagnose gewöhnlich auf eine geistige Behinderung, die sich als so genanntes Modebewusstsein ausgab. Viele Frauen und Männer fielen ihr tagtäglich zum Opfer. Aus dieser Position heraus über die Ästhetik aufgepumpter Brüste zu urteilen, erschien mir gewagt.<br />
»Ihre Brüste sind ihr kleinstes Problem«, sagte ich, was sehr viel lustiger gewesen wäre, hätte sie kleine Brüste gehabt. Der Alkohol in Maikes Blutbahn befand es trotzdem des Kicherns würdig. »Du wirst es nicht glauben, aber wir sind über Politik ins Streiten geraten.«<br />
»Ha! Genau mein Metier. Kein Wunder, dass du da verzweifelt bist. Mit der kann man sich über so was nicht unterhalten. Die ist dafür halt zu dumm.«<br />
Voller Stolz erklärte sie mir wortreich, für ein Nachrichtenmagazin bei einem großen Privatsender zu arbeiten und sich in dieser Funktion natürlich viel mit Politik zu beschäftigen, zumindest unter anderem. Das war der Knackpunkt: Unter anderem. Ihr Arbeitsplatz befand sich in der Redaktion eines dieser Lifestyle-Magazine, die am frühen Abend auf allen Privatsendern ausgestrahlt wurden und das Projekt der Aufklärung mit negativem Vorzeichen fortführten. Zu sehen gab es dort großartige Einspieler über stolpernde Politiker, was Maikes Interesse an politischen Prozessen erklärt und auch erschöpft haben dürfte, investigative Reportagen über neueste Modetrends aus Hollywood und wissenschaftliche Beiträge über wasserfestes Make-up, in denen willige Feuerwehrmänner geschminkten Frauen ins Gesicht spritzten, was in den Hirnen der Redaktionschefs für riesige Ständer und pubertäres Gekicher gesorgt haben dürfte. Dennoch gab es Frauen, die sich dazu erniedrigen ließen, so eine Sendung zu moderieren oder an deren Produktion willfährig teilzunehmen, worauf sie am Ende auch noch stolz waren. Die Emanzipation drehte sich im Grab herum, wenn sie solche Sendungen empfing, obwohl Gleichberechtigung ja auch bedeutete, genauso scheiße wie manch Mann sein zu dürfen.<br />
»Wow!« sprach ich, worauf Maike mich eitel anlächelte. »Du arbeitest also für einen Verein, der sich tagelang mit den Höschen von Lady Gaga beschäftigen kann, aber für das Weltgeschehen keine Sendeminuten übrig hat; der Menschen unaufhörlich Luxusgüter präsentiert und sie wie Esel mit goldener Möhre vorm Maul zum ewigen Weiterackern motiviert; der sich über Randgruppen lustig macht, damit sich noch der letzte Idiot vor dem Fernseher so richtig gut fühlen kann?«<br />
Zum Abschluss unserer Show stellte ich ihr die Eine-Million-Euro-Frage: »Wie kann man denn <em>so</em> weit sinken?«<br />
Sie stieß ein empörtes ›Pöh!‹ aus, drehte sich um und zischte mit erhobenem Näschen davon. Einige Augenblicke später gesellte sie sich zu Torsten an einen Tisch. Sie tuschelten miteinander, als sie zu mir herübersahen. Ich hob mein Glas, zwinkerte ihnen fröhlich zu und stattete mein Gesicht mit einem wohlwollenden Lächeln aus, das sie verwirrte. Beide gaben vor, mich nicht gesehen zu haben, wandten mir ihre Rücken zu, schüttelten die Köpfe. Langsam wurde es heiß.<br />
Von so viel Ekel erschüttert, suchte ich körperliche Erleichterung. Im gesamten Erdgeschoss konnte ich nur ein einziges Badezimmer entdecken, was ich für eine Villa dann doch recht schäbig fand. Noch schäbiger aber war, dass es von jemandem benutzt wurde. Vor der geschlossenen Tür stand Michael, der offensichtlich auch auf Einlass in das Heiligtum wartete. Seinen Kopf schmückte eine Gelfrisur, die irgendwie mit einer grau gerahmten Klugscheißerbrille eine Symbiose eingegangen war. Klugscheißerbrillen unterschieden sich von regulären Brillen dadurch, dass dem Träger in erster Linie nicht die funktionale Leistung am Herzen lag, also mit seinen Glubschern etwas von der Welt wahrnehmen zu können, sondern die Fremdwahrnehmung als gebildeter Bürger, als Mensch mit Durchblick, nicht physisch, sondern intellektuell. Dieser wiederum unterschied sich deutlich vom hippen Mitläufer, der eine Brille aus rein ästhetischen Gründen trug, bevorzugt im so genannten Vintage-Look, und diesen Schwachsinn auch noch mitgemacht hätte, wenn es angesagt gewesen wäre, Hörgeräte oder Krücken zu tragen.<br />
Den gebührenden Respekt wahrend, der mit der Benutzung öffentlicher Bedürfnisanstalten allgemein einherging, stand ich untätig herum und begutachtete schweigend das aufregende Muster der Raufasertapete. Michael kannte keinen Respekt. Er sprach mich an. Nach kurzem Weißt-du-noch- und Na-wie-geht’s-Geplänkel fing auch er an, letztere Frage mit langen Ausschweifungen über seine berufliche Tätigkeit zu beantworten. Warum bloß redeten so viele Menschen von ihrer Arbeit, von ihrem Studium, von ihrem Fitnessclub oder ihrem liebsten Fußballverein, wenn man sie fragte, wie es ihnen geht? Hatten sie kein eigenes Leben jenseits der Fremdbestimmung?<br />
Michael jedenfalls erzählte mir, schon seit längerer Zeit für eine sehr bekannte Musikzeitschrift zu arbeiten, für den unglaublich kreativ benannten ›Lautsprecher‹.<br />
»Die Atmosphäre in der Redaktion ist einfach toll«, himmelte er mir ungefragt vor. »Alle sind total jung, total locker. Jeder hat ganz viel Freiheit. Das ist für mich echt ein Traumjob. Die ganze Zeit darf ich Musik hören, darüber schreiben, sie bewerten, darf mich mit Künstlern treffen und Interviews führen, in die Szene eintauchen und neue Trends entdecken – oder welche setzen. Natürlich steckt da auch viel Arbeit drin, aber die ist es wert. Uns geht es einfach nur um gute Musik.«<br />
Wer keinen Musikgeschmack aufweisen konnte, der las Musikzeitschriften, die ihren Lesern die lästige Aufgabe eigener Meinungsbildung gegen ein Entgelt bereitwillig abnahmen. Ähnliche Publikationen gab es für Literatur, Mode, Lyrik, Filme, Katzenbilder, Scheißhaufen und so ziemlich alles, was Menschen sonst noch hervorbrachten. Sie standen in bester Tradition jenes Menschentypus, der sich von Gott oder anderen Wahnvorstellungen dazu berufen fühlte, kulturelle Ausdrucksformen zu bewerten und dabei vorwiegend ›man‹ statt ›ich‹ zu gebrauchen, wie etwa: ›das hört man nicht‹, ›das liest man nicht‹, ›das sagt man nicht‹, ›das trägt man nicht‹. Diese hoheitlichen Verdikte fanden ihre Abnehmer unter jenen, die sich durch Anschluss an bestehende Trends und Moden Individualität zu geben versuchten. Das Resultat war eine Armee von seelenlosen Zombies, die sich bei jedem Lied, bei jedem Film, bei jedem Kleidungsstück und jedem Buch erst<br />
einmal angestrengt den Kopf darüber zerbrachen, ob sie es denn überhaupt gut finden <em>dürfen</em>, und zur Klärung dieser Frage ihre heiligen Schriften konsultierten.<br />
»Du sagst also anderen, was gute Musik ist und was nicht? Woher willst du das denn wissen? Bist du die Talentpolizei? Die Geschmacksgestapo? Ist dir klar, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die irgendwelche Bands schlecht finden, bloß weil du sie schlecht findest? Die deine Texte lesen und deren Inhalt dann als eigene Meinung ausgeben? Macht dich das geil? Raffst du nicht, wie spießig das ist?«<br />
»Bist du…«, wollte ich weiter ausholen, als die Tür des Badezimmers abrupt geöffnet wurde. Heraus kam René, während sich Michael dankbar darin verdrückte. René musste so sehr auf die Beherrschung seines besten Stücks fixiert gewesen sein, dass er die Unterhaltung vor der Badezimmertür gar nicht mitbekommen hatte. Anders konnte ich mir nicht erklären, wieso er stehenblieb und mir beschwingt die Hand gab, die er hoffentlich gewaschen hatte. Wie ich bald darauf erfuhr, war er Bankangestellter und lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in der Frankfurter Innenstadt. Stolz zeigte er mir Fotos der beiden Töchter, garniert mit epischen Geschichten von Helenes wundervoller Einschulung und den großartigen Noten der fünf Jahre älteren Marie-Sophie. Mein Eindruck war, ich hatte einen Menschen vor mir, der ein Leben am Limit führte, weil er ohne Kompromisse eine konsequent selbstbestimmte Linie fuhr und seine abgedrehten Lebensträume erfüllt hatte, also Führerschein, Abitur, dann Wirtschaftsstudium und Reihenhaushälfte. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit den Vorrat des familialen Erfolgs erschöpft hatte, den es zu erzählen lohnte, war es an mir, den eigenen Karrierepfad glamourös nachzuzeichnen.<br />
»Und was machst du so? Ich hab gehört, bei dir lief es nicht so toll?«<br />
»Ich bin arbeitslos«, erwiderte ich treuherzig.<br />
»Oje. Ist das nicht schrecklich?«<br />
Ich fand, das war eigentlich eine sehr gute Frage, wenn er sie nur nicht unbedingt mir gestellt hätte.<br />
»Ich finde, das ist eigentlich eine sehr gute Frage«, antwortete ich der Wahrheit zuliebe. »Mal sehen. Du stehst jeden Morgen auf, damit du etliche Stunden hinter Panzerglas verbringen kannst, wo du den Gewinn deiner scheiß Bank vermehrst, von dem du aber nie etwas zu Gesicht bekommen wirst. Wenn du Glück hast, kannst du zwei Mal im Jahr in irgendeinen tollen Pauschalurlaub fahren oder Skilaufen gehen, aber sonst ist jeder Tag so langweilig wie der letzte. Ständig machst du dir die Hosen voll vor Angst, irgendwann mal deinen Job zu verlieren oder bei einem Überfall erschossen zu werden – was auch sein Gutes hätte, weil deiner Familie dann immerhin noch die Lebensversicherung zukommen würde. Ist <em>das</em> nicht schrecklich?«<br />
Er ließ mich eiskalt stehen. Wenig später kam Michael aus dem Badezimmer und ging wortlos an mir vorbei. Ich fragte mich, ob er René und mich belauscht hatte. Was sonst konnte ihn so lange dort drin beschäftigt haben?<br />
Beim Wasserlassen malte ich mir aus, dass draußen Möbel vor die Tür geschoben wurden, um die Party endlich von einem störenden Element zu befreien, das zufällig meinen Namen trug. Als ich schließlich die Tür öffnete, standen jedoch keine Möbel davor, sondern Hanna. Hanna arbeitete mittlerweile als Pflegerin in einer Psychiatrie, wie ich von Pia erfahren hatte. Sie war Betreuerin, Therapeutin, Psychologin, Psychotherapeutin, Psychopsychologin, Psychoanalytikerin, psychopathische Therapeutin oder was weiß ich, welcher Begriff gerade für Mechaniker des Innenlebens en vogue war, die sich in solchen Anstalten der emotionslosen Behandlung emotionaler Themen verschrieben hatten, der Behebung menschlicher Defekte, notfalls mithilfe der Chemie, damit der Motor weiterhin brummte. Um allen Klischees gerecht zu werden, trug sie eine rote Brille. Vielleicht ist sie beauftragt worden, mich nach den bisherigen Zusammenstößen mit dem Jahrgang in ihre Arbeitsstätte einzuweisen, mutmaßte ich.<br />
Nichts dergleichen geschah. Sie nickte mir zu und sagte Hallo. Den bisherigen Verlauf des Abends noch einmal Revue passieren lassend, beschloss ich, das üblicherweise von meinen Gesprächspartnern bevorzugte Thema diesmal einfach vorwegzunehmen.<br />
»Du bist jetzt in einer Psychiatrie, hab ich gehört.«<br />
»Ja, schon.« Hanna lachte. »Aber als Ärztin, nicht als Patientin.«<br />
Das war den Wachmannschaften solcher Einrichtungen wichtig. Klare Rollengrenzen mussten gezogen, eindeutige Hierarchien und eine unverrückbare Normalität als Bezugsrahmen konstruiert werden. Widersprach der Patient, war er verrückt. Gehorchte er, gestand er seine Verrücktheit. Hinein kamen Menschen mit einem Knacks, heraus kamen sie mit schweren Schäden. Wer dort arbeitete, war der eigentliche Irre, wurde aber nicht so genannt, denn er war es auf eine mit dem als ›normal‹ verkannten Wahnsinn sehr konform gehende Art und Weise.<br />
»Ach, das ist ja verrückt«, kalauerte ich und luchste ihr ein Schmunzeln ab. »Was machst du da so?«<br />
»Viel Verrücktes!« Zwei gleiche Wortwitze waren einer zu viel. »Aber im Ernst: Das ist echt super wichtige Arbeit. Mit was für Menschen man da zu tun hat, das ist der Wahnsinn.«<br />
Sie hatte ihre Ausfahrt von der Wortspielautobahn verpasst. Gequält verrenkte ich meine Mundwinkel, um möglichst lebensnah ein Lächeln zu simulieren.<br />
»Letzten Monat«, erzählte sie mir, »kam ein Mädchen zu uns, das wir vor dem Suizid gerettet haben. Die wollte sich umbringen, weil sie in der Schule nicht mehr mitkam. Ihre Versetzung war gefährdet, dann hätte sie ein Jahr wiederholen müssen. Die ganzen Freunde in der Klasse hätte sie natürlich auch verloren und gegenüber ihren Eltern schämte sie sich. Ihr war das alles zu viel. Ihre Eltern fanden sie in ihrem Zimmer. Tabletten.«<br />
»Krass!« flüsterte ich nur.<br />
»Das kannst du laut sagen. Na ja, aber die Hilfe kam ja noch rechtzeitig. Wir haben ihr dann geholfen, da durchzukommen. Sie hatte sich überfordert, wollte sich nicht eingestehen, dass sie die Stufe nicht schaffen würde, also konnte sie nur weitermachen, bis alles an die Wand fuhr. Ich hab dann mit ihr gesprochen, hab ihr klargemacht, dass es besser für sie ist, auf eine leichtere Schule zu wechseln, um den Druck ein wenig zu reduzieren. Da würde sie zwar auch ihre Freunde verlieren, aber eben nicht die Lust am Leben. Gott sei Dank hat sie das eingesehen. Am Ende war sie richtig glücklich, dass alles noch mal gut ausgegangen ist. Das sind so Momente, in denen ich weiß, das Richtige zu tun. Menschen zu helfen.«<br />
Die Unterhaltung mit René schwirrte mir noch im Hinterkopf herum und so rief sie mir ins Bewusstsein, was ich Wichtiges von ihm gelernt hatte.<br />
»Findest du das nicht schrecklich?« fragte ich sie mit treudoofem Blick.<br />
»Natürlich ist das schrecklich!« antwortete sie mit dem gehobenen Selbstbewusstsein derjenigen, die sich auf der guten Seite wähnten. »Aber zum Glück ging es gut aus. Wir haben ja noch mal die Kurve gekriegt.«<br />
»Neeee. Ich meinte, ob du nicht schrecklich findest, was du da machst.«<br />
Sie stutzte.<br />
»Da kommt ein Mädchen zu dir, das sich umbringen möchte, weil seine Schule ihm den Eindruck vermittelt, doof und unfähig zu sein, und anstelle daraus den einzigen empathischen Schluss zu ziehen, dass das ein verdammt beschissenes System sein muss, wenn es Kindern eine solche Erniedrigung zumutet, überzeugst du das arme Mädchen davon, auf eine leichtere Schule zu wechseln. Damit sagst du ihm doch ins Gesicht, dass es wirklich doof und unfähig ist! Du machst dich zum Handlanger von Strukturen, wegen der sie sich hat umbringen wollen – und du fühlst dich auch noch gut dabei! Findest du das nicht menschenverachtend? Was zum Teufel machst du an anderen Tagen? Vergewaltigungsopfern erklären, sie wären doch selbst schuld, wenn sie sich wie Schlampen anziehen?«<br />
Sicherlich kannte Hanna unzählige Begriffe, die sie mir gerne um die Ohren gehauen hätte. ›Antisoziale Persönlichkeitsstörung‹ beispielsweise, weil ich es wagte, ihre pathologische Normalität in Frage zu stellen. Schule schwänzen galt ebenfalls als antisoziales Verhalten. Wenn aber einer begriff, so wie Chris das früher getan hatte, dass Schule und Gefängnis zahlreiche Parallelen aufwiesen und es nicht ums Lernen, sondern um die Einteilung in Hierarchiestufen ging, um Unterordnung und die Anpassung an ein bürgerliches Leben mit Ausbildung, Arbeit und Rente, dass daher nie das Wohl der Kinder im Vordergrund stand, sondern die ökonomische Verwertbarkeit menschlicher Ressourcen, dann war es in meinen Augen sehr gesund, sowohl geistig wie auch sozial, sich dieser Scheiße zu widersetzen, weil diese Strukturen das eigentliche Antisoziale darstellten. Leider hatte ich das erst am Ende meiner Schulzeit geschnallt.<br />
Anstatt mit Fachterminologie um sich zu schmeißen, verpasste Hanna mir eine Ohrfeige und knallte ihr Sektglas auf den Boden, bevor sie in ihren Stiletto-Stiefeln davonklackerte. Von hinten gefiel sie mir.<br />
Ich brauche schleunigst einen Drink, dachte ich, nachdem sie außer Hörweite gestöckelt war. Unschuld vortäuschend schlurfte ich zur Bar, an der sich bereits Andreas häuslich eingerichtet hatte.<br />
»Was für ein langweiliger Haufen.« Er prostete mir zu. »Ich find’s toll, dass du hier ein wenig Stimmung reinbringst.«<br />
»Einer muss es ja tun.«<br />
Früher war Andreas ein typisches Kellerkind gewesen, Leistungskurse Mathe und Informatik, mit dem selbst noch auf dieser Party keiner so richtig zu tun haben wollte. Da er den ersten vernünftigen Satz des Abends von sich gegeben hatte, hielt ich ihn umgehend für einen netten Menschen. Vorurteile waren dazu da, sie zu überwinden. Wir tauschten unsere Eindrücke über die anwesende Langweilertruppe aus, deren Dünkelhaftigkeit und ihre Statussymbole. Mit spürbarem Ekel trug ich meinen vorläufigen Expeditionsbericht vor; legte Andreas die strikte Lebensplanung dar, die jeder der Mustermenschen hier offenbart hatte, mit dem ich ins Gespräch gekommen war. Andreas hatte dafür bloß einen einzigen Satz übrig: ›Je planmäßiger das eigene Leben funktioniert, desto weniger ist es ein eigenes Leben‹.<br />
Mir fiel Diogenes ein, dieser griechische Philosoph, der angeblich in einer Tonne gehaust haben soll. Andreas verkörperte die modernisierte Version dieser Geschichte und hatte die Tonne gegen seinen Keller ausgetauscht. Vielleicht wäre die Welt eine bessere gewesen, hätte sie auf ihre Kellerkinder gehört.<br />
Eine angesehene Karriere war Andreas im Gegensatz zu den vielen Leistungsmonstern auf dieser Party nicht sonderlich wichtig. Tagsüber arbeitete er als Softwareentwickler für einen großen deutschen Versicherungskonzern, betrieb in seiner Freizeit aber eine gesellschafts- und kapitalismuskritische Website, wie er mir euphorisch mitteilte. Er fand das alles scheiße, wie es lief, die ganze Gesellschaftsordnung war ihm ein Dorn im Auge.<br />
»Ständig wird man verarscht«, seufzte er und rannte offene Türen bei mir ein. »Seit zehn Jahren sind wir im Krieg, nur keiner spricht das Wort offen aus. Oder die Finanzkrise! Unsere lachhafte Elite spielt sich als großer Europa-Retter auf. Dabei ist es doch Deutschland gewesen, das durch Lohndumping zum ach so tollen Exportweltmeister geworden ist und dadurch die Schulden der anderen Länder überhaupt erst nach oben getrieben hat. Nun wundert man sich hier, dass man im Ausland nicht als Held gefeiert wird. Als ob dich auf der Straße einer zusammenschlägt, dein ganzes Erspartes von dir fordert, damit er dir den Rettungswagen ruft, und für diese Wohltat dann auch noch gelobt werden möchte.«<br />
Andreas schüttelte den Kopf und leerte sein Bier.<br />
»Man soll härter arbeiten, heißt es, länger, besser, billiger«, fuhr er fort. »Man soll wählen gehen, obwohl sich ja doch nichts ändert. Man soll mit weniger Lohn, mit weniger Rente, mit weniger Urlaub zufrieden sein. Die Löhne seien gestiegen, schreiben die Zeitungen, dabei sind sie während der letzten Jahre um einiges gesunken, wenn man mal nachrechnet. Man soll schuften bis zum Umfallen und sich ein Leben lang weiterbilden. Man soll die Fresse halten, weil man sonst entlassen oder niedergeknüppelt wird. Man soll schön danke sagen für jede Zumutung, die einem auferlegt wird. Und die Schafe glauben den ganzen Mist.«<br />
»Weil man sowieso nichts ändern kann«, vervollständigte ich ironisch.<br />
»Genau! Genau das sagen sie dann: Da kann man nichts tun. Das ist halt so. Das ist schon immer so gewesen. Das wird auch immer so sein.«<br />
»Weil sie zu blöd sind, Marktgesetze von Naturgesetzen zu unterscheiden.«<br />
»Eben. Und weil sie immer noch glauben, die Ordnung käme von Gott. Heute sagen viele vielleicht nicht mehr ›Gott‹ dazu, aber was sie glauben, läuft auf das gleiche hinaus: Das ist halt so. Wie kleine Kinder. Obwohl, stimmt gar nicht – kleine Kinder stellen wesentlich mehr kritische Fragen als die meisten Erwachsenen. Wenn man ehrlich ist, muss man doch zugeben, die Aufklärung hat versagt. ›Habe Mut, dich deines eigenen Geldbeutels zu bedienen‹, das ist alles, was davon übrig geblieben ist.«<br />
Ich fühlte mich wie ein Schatzsucher. Unter all dem charakterlosen Geröll, das in Abendgarderobe durch die Räumlichkeiten kullerte, hatte ich einen Edelstein entdeckt.<br />
»Heute Mittag hab ich einen Artikel über kambodschanische Arbeitsverhältnisse geschrieben. Unter der Woche lässt mir der Job leider kaum Zeit.«<br />
»Warum Kambodscha?« Ich konnte dem Themensprung nicht folgen.<br />
»Weil unsere tollen Klamottenläden dort so gerne produzieren lassen. Kaufst du da manchmal ein? Bei diesen Ketten? Solltest du nicht. Die Menschen in den Fabriken dort brechen scharenweise zusammen und bekommen nur einen Hungerlohn dafür. Wer sich beschwert, wird rausgeschmissen.«<br />
Davon hatte ich gelesen.<br />
»Und das ist noch harmlos im Vergleich zur Elektronikbranche«, setzte er nach. »Hast du das mitbekommen von den Werken in China? Wo sich zahlreiche Mitarbeiter aus Protest vom Dach gestürzt haben? Jetzt hat die Firma dort überall Fangnetze installiert, um solche aufsehenerregenden Selbstmordversuche zu unterbinden. Das sind doch Problemlösungsstrategien nach der Logik von Psychopathen! Nur weil hier jeder unbedingt ein Smartphone in der Hand halten möchte…« Er schlug mit der Hand auf den Tresen. »Wenn ich solche Zustände sehe, werd ich echt wütend!«<br />
»Ich auch.« Wir schwiegen uns für einige Sekunden an. »Aber weißt du, was mich am wütendsten macht? Dass ich mit meiner Wut fast alleine bin. Bis vor einiger Zeit hat mich das echt oft an den Rand der Verzweiflung gebracht. Alle sagen sie zu mir: Reg dich nicht auf, so ist es halt.«<br />
»Wie die Schafe.«<br />
»Wie die Schafe«, pflichtete ich ihm bei.<br />
»Mensch, das ist doch alles zum Kotzen«, fasste er das Weltgeschehen aussagekräftig zusammen.<br />
Er hatte zwar Recht mit seinen Ausführungen und seine Ablehnung der Zustände war moralisch durchaus lobenswert, doch allein mit moralischer Entrüstung war kein Blumentopf zu gewinnen.<br />
»Und dennoch machst du mit«, stellte ich beiläufig fest.<br />
»Wieso?«<br />
»Na, dein Job…«<br />
»Na ja, was soll man tun. Man muss ja irgendwie.«<br />
»Nein. Wenn man konsequent ist, muss man das nicht.«<br />
»Du hast gut reden. <em>Du</em> bist ja arbeitslos.«<br />
Eines musste man dieser Spießerbande lassen, der Informationsfluss funktionierte perfekt. Mein Stigma des arbeitslosen Untermenschentums hatte sich bereits herumgesprochen. Ich konnte das ›nur‹, das nicht gesagt wurde, förmlich sehen, als wäre es mit Leuchtbuchstaben in die Luft gesetzt.<br />
»Ganz recht«, entgegnete ich, »und wenn du Eier in der Hose hättest, dann würdest du deinen beschissenen Job genauso an den Nagel hängen.«<br />
Aus mir sprach Wut, zu einem Teil aber auch persönliche Enttäuschung, weil er hinter seiner Fassade genauso stromlinienförmig war wie alle anderen. Wäre er Diogenes gewesen, ich hätte mit aller Wucht gegen seine alberne Tonne getreten.<br />
»Wenn du alles so scheiße findest, warum machst du dann noch mit? Wenn einer dich beim Pokern verarscht, dann schmeißt du doch die Karten hin und gehst, oder nicht? Stattdessen machst du einen auf kritisch und reflektiert, bist aber auch nur eines von diesen Schafen, das sich nach Strich und Faden verarschen lässt. Du bist der größte von allen Blendern hier. Du bist ein Feigling und ein Heuchler, weil Kritik ohne persönliche Konsequenz nichts anderes als Heuchelei ist.«<br />
»Ach ja? Und du bist ein Arschloch«, konterte er und verließ kurzerhand die Party.<br />
Nach diesem anregenden Dialog fand ich niemanden mehr, der mit mir reden wollte, was mich nicht besonders traurig stimmte, weil ich mich nun mit Leib und Seele dem Buffet widmen konnte. Totes Tier war ein angenehmerer Gesprächspartner, hatte es vor seinem Tod doch immerhin ein Rückgrat besessen, was man vom Rest der Anwesenden nur sehr eingeschränkt behaupten konnte.<br />
Das war das beste Klassentreffen meines Lebens und vermutlich auch das letzte. Sie würden sich hüten, mich noch einmal einzuladen. Alleine dafür hatte es sich schon gelohnt.</p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/exodus/' rel='bookmark' title='Exodus'>Exodus</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/das-grosse-glueck/' rel='bookmark' title='Das große Glück'>Das große Glück</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/der-menschliche-makel/' rel='bookmark' title='Der menschliche Makel'>Der menschliche Makel</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wie-bin-ich-bloss-hier-gelandet/' rel='bookmark' title='Wie bin ich bloß hier gelandet?'>Wie bin ich bloß hier gelandet?</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/nichts-zu-verlieren/' rel='bookmark' title='Nichts zu verlieren'>Nichts zu verlieren</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/wie-ich-einmal-die-welt-veraenderte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Arbeit verhöhnt Freiheit</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/arbeit-verhoehnt-freiheit/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/arbeit-verhoehnt-freiheit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 15 Sep 2011 09:12:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bob Black]]></category>
		<category><![CDATA[Disziplin]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hierarchie]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2119</guid>
		<description><![CDATA[Arbeit verhöhnt die Freiheit. Offiziell können wir uns glücklich schätzen, von Rechtsstaat und Demokratie umgeben zu sein. Andere arme Unglückliche, die nicht so frei sind wie wir, müssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer folgen Befehlen, egal wie willkürlich sie sind. Die Behörden halten sie unter dauernder Aufsicht. Staatsbeamte kontrollieren sogar kleinste Details ihres Alltagslebens. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Arbeit verhöhnt die Freiheit. Offiziell können wir uns glücklich schätzen, von Rechtsstaat und Demokratie umgeben zu sein. Andere arme Unglückliche, die nicht so frei sind wie wir, müssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer folgen Befehlen, egal wie willkürlich sie sind. Die Behörden halten sie unter dauernder Aufsicht. Staatsbeamte kontrollieren sogar kleinste Details ihres Alltagslebens. Die Bürokraten, die sie herumschubsen, müssen sich nur nach oben verantworten, in öffentlichen wie in Privat-Angelegenheiten. So und so werden Abweichung und Auflehnung bestraft. Regelmäßig leiten Informanten Berichte an die Behörden weiter. Das alles gilt als sehr schlecht.<br />
Und das ist es auch, obwohl es nichts weiter darstellt als eine Beschreibung eines modernen Arbeitsplatzes. Die Liberalen und Konservativen und Freiheitlichen, die sich über Totalitarismus beschweren, sind Schwindler und Heuchler. (&#8230;) In einem Büro oder einer Fabrik herrscht dieselbe Art von Hierarchie und Disziplin wie in einem Kloster oder einem Gefängnis. Tatsächlich haben Foucault und andere gezeigt, daß Gefängnisse und Fabriken etwa zur gleichen Zeit aufkamen, und ihre Betreiber entliehen sich bewußt Kontrolltechniken voneinander. Ein Arbeiter ist ein Teilzeitsklave. Der Chef sagt, wann es losgeht, wann gegangen werden kann und was in der Zwischenzeit getan wird. Er schreibt vor, wieviel Arbeit zu erledigen ist und mit welchem Tempo. Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis in demütigende Extreme auszuweiten, indem er festlegt (wenn ihm danach ist), welche Kleidung vorgeschrieben wird und wie oft die Toilette aufgesucht werden darf. Mit wenigen Ausnahmen kann er jeden aus jedem Grund feuern, oder auch ohne Grund. Er läßt bespitzeln und nachschnüffeln, er legt Akten über jeden Angestellten an. Widersprechen heißt „Unbotmäßigsein“, als wäre der Arbeiter ein ungezogenes Kind, und es sorgt nicht nur für sofortige Entlassung, es verringert auch die Chancen auf Arbeitslosenunterstützung. Ohne es unbedingt gutzuheißen, ist es wichtig anzumerken, daß Kinder zu Hause und in der Schule die gleiche Behandlung erfahren, bei ihnen durch die angenommene Unreife gerechtfertigt. Was sagt uns das über ihre Eltern und Lehrer, die arbeiten?<br />
<small>(Bob Black &#8211; Die Abschaffung der Arbeit; im Original: The Abolition of Work)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-abschaffung-der-arbeit/' rel='bookmark' title='Die Abschaffung der Arbeit'>Die Abschaffung der Arbeit</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/warum-freizeit-nicht-freiheit-ist/' rel='bookmark' title='Warum Freizeit nicht Freiheit ist'>Warum Freizeit nicht Freiheit ist</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/arbeit-ist-scheisse/' rel='bookmark' title='Arbeit ist Scheiße!'>Arbeit ist Scheiße!</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/arbeitgeberfilter/' rel='bookmark' title='Arbeitgeberfilter'>Arbeitgeberfilter</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/beschleunigtes-leben/' rel='bookmark' title='Beschleunigtes Leben'>Beschleunigtes Leben</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/arbeit-verhoehnt-freiheit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Habitus und Komplizenschaft</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/habitus-und-komplizenschaft/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/habitus-und-komplizenschaft/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 18 Aug 2011 09:11:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschmack]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Habitus]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hysteresis]]></category>
		<category><![CDATA[Komplizenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konstruktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensstil]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Bourdieu]]></category>
		<category><![CDATA[Strukturalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Verhalten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1932</guid>
		<description><![CDATA[Der Begriff »Habitus« findet nicht nur in der sozialwissenschaftlichen Forschung, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch häufige Verwendung. Doch was genau ist eigentlich darunter zu verstehen? Wie hängen meine Handlungen, mein Sprach- und Kleidungsstil, meine Gestik und meine Gedanken von meiner Stellung im sozialen Gefüge ab und warum? Wie funktioniert Gesellschaft und bin ich Opfer der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Begriff »Habitus« findet nicht nur in der sozialwissenschaftlichen Forschung, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch häufige Verwendung. Doch was genau ist eigentlich darunter zu verstehen? Wie hängen meine Handlungen, mein Sprach- und Kleidungsstil, meine Gestik und meine Gedanken von meiner Stellung im sozialen Gefüge ab und warum? Wie funktioniert Gesellschaft und bin ich Opfer der äußeren Umstände oder deren Erzeuger? Mögliche Antworten auf diese und ähnliche Fragen liefert die Ausarbeitung des <a title="Habitus (Wikipedia)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_%28Soziologie%29#Habituskonzept_nach_Bourdieu">Habituskonzepts</a> durch Pierre Bourdieu, das den zuvor schon gebräuchlichen »Habitus«-Begriff aufgreift, diesen also nicht erfunden, aber zu einer eigenen Theorie entwickelt hat (zur Entstehungsgeschichte vgl. beispielsweise Bourdieu 2000 oder Krais/Gebauer 2002).</p>
<p>Das von Bourdieu ausgearbeitete Habituskonzept beschreibt ein System von Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten von Menschen, das ein System von Wahrnehmungs- und Urteilsschemata und dabei „gleichzeitig ein System von Schemata der Produktion von Praktiken und ein System von Schemata der Wahrnehmung und Bewertung der Praktiken“ (Bourdieu 1992a, S. 144) ist. Als solches System der Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten bringt der Habitus bestimmte Formen des Geschmacks – der durchaus auch körperlich zu verstehen ist – sowie des Lebensstils hervor: „wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw. – all das ist eng miteinander verknüpft“ (Bourdieu 1992b, S. 32). Dieser individuelle Geschmack, diese Vorlieben und Handlungs- sowie Denkschemata, also die gesamten Habitusstrukturen eines Akteurs, sind dabei abhängig von der jeweiligen sozialen Situation, in der sich ein Akteur wiederfindet, d.h. von dessen Position im sozialen Raum und der Ausstattung mit ökonomischem wie kulturellem Kapital. Wer in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist, wird sich in der Regel anders verhalten als ein Kind aus einer Manager- oder Künstlerfamilie, um nur einige recht gegensätzliche Positionen des sozialen Spektrums heranzuziehen. Aufgrund des jeweiligen Sozialisationsmilieus wird der Mensch einen anderen Geschmack entwickeln, sowohl in Hinblick auf Kleidung, Speisen, Ästhetik und allgemeine Lebensführung, er wird andere Freizeitbeschäftigungen bevorzugen, eine andere Sprache gebrauchen, einen anderen Eindruck der Welt aufweisen, andere Zukunftswünsche hegen und einen anderen Freundeskreis entwickeln, der ihm als soziales Kapital dienen kann. Über die eng mit der sozialen Lage verknüpften Erfahrungen, vor allem jene der selbstverständlichen Verfügbarkeit verschiedener Kapitalarten oder im Gegenteil deren Mangel, begründet sich folglich der individuelle Habitus, der dabei zugleich auch eine Ableitung eines generalisierten Habitus einer bestimmten sozialen Lage ist, weil Akteure unter ähnlichen sozialen Bedingungen in der Regel auch ähnliche Habitus ausbilden, da sie kollektive Erfahrungen gemein haben: „Wer in der Wohlhabenheit, in ökonomischem und kulturellem Reichtum, in der damit gegebenen Sicherheit und Freiheit aufgewachsen ist, entwickelt nicht nur einen anderen Geschmack, sondern auch ein anderes Verhältnis zur Welt als jemand, der von frühester Kindheit an mit Not und Notwendigkeit (…) konfrontiert war“ (Krais/Gebauer 2002, S. 43). Die mit der individuellen sozialen Lage verbundenen ungleichen Sozialisationserfahrungen führen dabei zu unterschiedlichen Denkschemata des jeweiligen Akteurs, zu „Grenzen seines Hirns, die er nicht überschreiten kann“, weswegen „für ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar“ (Bourdieu 1992b, S. 33) sind, sodass der einzelne Akteur „eher abhängig von Bedingungen und Zufällen als von eigenen Entscheidungen und Plänen [ist] – bzw. genauer: sich auch in seinen Entscheidungen und Plänen an den ihm je zugänglichen Möglichkeitsräumen“ (Liebau 2009, S. 49) orientiert.</p>
<p>Das Habituskonzept erklärt das Zustandekommen menschlicher Dispositionen, Verhaltensweisen und Geschmäcker mit einer doppelten Geschichtlichkeit, die im jeweiligen individuellen Habitus inkorporiert, also einverleibt wird. Dies ist zum einen die <em>persönliche Geschichte</em>, auch Erfahrung genannt,<em> </em>und zum anderen die <em>Geschichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit</em>, vermittelt über die persönliche Geschichte, was bedeutet, dass „Lernprozesse nicht anders denn als Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der Welt begriffen werden“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) können. Diese Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit – die tatsächlich auch im wörtlichen Sinne <em>körperlich</em> stattfindet, sich also beispielsweise in Haltung, Sprechweise, Geschmack und Gestik manifestiert – erzeugt innerhalb derjenigen sozialen Verhältnisse, die diesen Habitus (aus)bilden, das Gefühl von Selbstverständlichkeit und gegenseitigem Verstehen beim Handeln, da die im Habitus inkorporierte soziale Wirklichkeit mit der umgebenden sozialen Wirklichkeit übereinstimmt, denn „[d]ie soziale Realität existiert sozusagen zweimal, in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in den Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure“ (ebd.). Eine gesellschaftliche Klasse beispielsweise als konkrete Form ähnlicher sozialer Verhältnisse ist „untrennbar zugleich eine Klasse von biologischen Individuen mit demselben Habitus als einem System von Dispositionen, das alle miteinander gemein haben, die dieselben Konditionierungen durchgemacht haben“ (Bourdieu 1987a, S. 112). Der individuelle Habitus stellt dabei eine Variante, eine Teilmenge eines solchen Klassenhabitus dar, „das heißt, das Individuum hat wesentliche Elemente seines Habitus mit dem seiner Klassengenossen gemeinsam“ (Krais/Gebauer 2002, S. 37; vgl. Liebau 2009), da sie durch ähnliche Existenzbedingungen geprägt wurden und weiterhin geprägt werden (vgl. Bourdieu 2011b), wobei der individuelle Habitus die grundlegenden Strukturen und Dispositionen des Klassenhabitus beinhaltet, aber aufgrund der Vielfältigkeit möglicher Lebenserfahrungen und sozialer Stellungen sowie der damit einhergehenden Besonderheit der spezifischen persönlichen Lebensläufe individuell verschieden ist: <em>„[J]edes System individueller Dispositionen</em> ist eine <em>strukturale Variante</em> der anderen Systeme, in der die Einzigartigkeit der Stellung innerhalb der Klasse und des Lebenslaufs zum Ausdruck kommt“ (Bourdieu 1987a, S. 113). Dieses Prinzip der strukturalen Variante eines grundlegenden Gruppenhabitus kann analog für das analytische Konstrukt objektiver sozialer Milieus herangezogen werden, sofern deren Akteure jeweils unter ähnlichen Existenzbedingungen leben und entsprechende Erfahrungen durchlaufen haben.</p>
<p>Der Akteur handelt folglich innerhalb jener sozialen Verhältnisse, die seinem Habitus entsprechen und dessen Strukturen strukturier(t)en, innerhalb seines Milieus oder seiner Klasse vollkommen intuitiv und generativ kreativ gemäß der entsprechenden Logik der gesellschaftlichen Praxis und kann sich ohne bewussten Rückgriff auf bestimmte Regeln oder Normen „wie ein Fisch im Wasser“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161) in dieser Umgebung bewegen, auf die er <em>objektiv</em> abgestimmt ist, ohne dass jedoch eine explizite Absprache oder direkte Interaktion zwischen den Akteuren (vgl. Bourdieu 1987a, S. 109) noch eine <em>subjektive</em> Zweckausrichtung stattfände: „Dies kann in dem Gefühl zum Ausdruck kommen, genau »am richtigen Platz« zu sein, genau das zu tun, was man zu tun hat, und es auf glückliche Weise – im objektiven wie im subjektiven Sinne – zu tun oder in der resignierten Überzeugung, nichts anderes tun zu können, auch eine freilich weniger glückliche Weise, sich für das, was man tut, geschaffen zu fühlen“ (Bourdieu 2011a, S. 31f). Der jeweilige Akteur als Inhaber eines bestimmten Habitus fühlt sich demzufolge gemäß einer Art „sense of one’s place“ (Goffman zitiert nach Bourdieu 1992a, S. 141) in einer Umwelt am besten aufgehoben und zugehörig, die in ihrem kollektiven Habitus am ehesten seinem individuellen Habitus entspricht, d.h. der Habitus „bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat“ (Bourdieu 1982, S. 286) — „einen Umstand, den Bourdieu auch als »<em>amor fati</em>« bezeichnet, als Wahl oder Annehmen des Schicksals“ (Krais/Gebauer 2002, 43). Durch dieses Gespür für den »richtigen« Platz, die damit verbundene Akzeptanz des eigenen »Schicksals« und die unbewusste »Wahl« einer dem persönlichen Habitus entsprechenden Umwelt „schützt sich der Habitus vor Krisen und kritischer Befragung, indem er sich ein <em>Milieu</em> schafft, an das er so weit wie möglich vorangepaßt ist, also eine relativ konstante Welt von Situationen, die geeignet sind, seine Dispositionen dadurch zu verstärken, daß sie seinen Erzeugnissen den aufnahmebereitesten Markt bieten“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Es wird dadurch ein sozialer Zusammenhang hergestellt, der unbewusst verbindet, d.h. „[d]er soziale Zusammenhalt wird immer wieder gestiftet durch die Wahlverwandtschaften, die sich aus einem gemeinsamen Habitus und Geschmack ergeben und die sich in (…) Handlungsgemeinschaften verkörpern“ (Vester et al. 2001, S. 169).</p>
<p>Das Habituskonzept und darauf aufbauende Konzepte begreifen „die Individuen weder als bloße Objekte vorgegebener objektiver Strukturen noch als völlig freie Subjekte, sondern in der Wechselwirkung ihrer Beziehungen, in denen sie beides sind“ (Vester et al. 2001, S. 150). Gleichzeitig wird das Individuum als ein von Geburt an vergesellschafteter Akteur betrachtet, womit das Habituskonzept die künstliche Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft überwindet: „Man <em>wird</em> nicht Mitglied einer Gesellschaft, sondern <em>ist</em> es von Geburt an (…) und von Geburt an befindet man sich in einer aktiven Auseinandersetzung mit der Welt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61). Auf diese Weise wird eine Brücke zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Strukturalismus und Konstruktivismus geschlagen, die eine gegenseitige Beeinflussung bedingt sowie die unbewusste und objektiv aufeinander abgestimmt erscheinende Verhaltensgrundlage für das völlig selbstverständliche und angepasste Interagieren zwischen Akteuren mit mehr oder weniger homogenen Habitus erlaubt, die auf ebenso mehr oder weniger homogenen Existenzbedingungen basieren. Der Habitus ist demzufolge <em>strukturierte und strukturierende Struktur</em> zugleich, die „konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 154), denn „[m]it dem Habitus sind wir in der Welt und haben die Welt in uns“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) — während »die Welt in uns«, verstanden als weitgehend selbstverständliche Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit, die Strukturen des Habitus strukturiert, mit dem wir in der Welt sind, also „zur Ausbildung einer situationsangepassten Rationalität, eines praktischen Sinns [führt], der ‚weiß‘, was in welcher Situation zu tun und was zu lassen ist“ (Liebau 2009, S. 47), strukturiert der Habitus wiederum auf dieser Grundlage das Handeln und damit letztlich die gesellschaftliche Welt. Mittels der strukturierten und strukturierenden Struktur des Habitus erklärt sich, wie Gesellschaft überhaupt zustande kommt, ohne dass sämtliche beteiligte Akteure bewusst oder zielgerichtet auf das Herstellen einer gesellschaftlichen Ordnung oder das gesellschaftliche Funktionieren an sich hinarbeiten, wie Gesellschaft demnach ganz beiläufig entsteht, indem die Akteure ihren alltäglichen Handlungen nachgehen und damit „ununterbrochen dazu bei[tragen], die soziale Struktur zu reproduzieren“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 174), denn der Habitus stellt „strukturierte Strukturen [dar], die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d.h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepaßt sein können, ohne jedoch bewußtes Anstreben von Zwecken (…) vorauszusetzen, die objektiv »geregelt« und »regelmäßig« sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein“ (Bourdieu 1987a, S. 98). Der Habitus wird allgemein durch die gesellschaftlichen Bedingungen und im Speziellen durch eine bestimmte, individuelle Komposition objektiv-realer Existenzbedingungen sowie entsprechender Sozialisationserfahrungen geformt und formt seinerseits wiederum die Gesellschaft, wobei er „jener Verkettung von »Zügen« zugrunde [liegt], die objektiv wie Strategien organisiert sind, ohne das Ergebnis einer echten strategischen Absicht zu sein“ (ebd., S. 116).</p>
<p>Die vom Habitus hervorgebrachten Handlungen sind demzufolge nicht „intellektuellozentrisch“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 153) als rein rationale Strategien zu verstehen, denen eine exakte Bewertung von Erfolgschancen zugrunde liegt, sondern funktionieren „nach einer dem lebenden Organismus eigenen, das heißt nach einer systematischen, flexiblen, nicht mechanistischen Logik“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34), die aufgrund der Prägung des Akteurs die objektiv unwahrscheinlichsten Praktiken als undenkbare aussortiert (vgl. Bourdieu 1987a, S. 100), womit der scharfen Trennung zwischen Körper und Geist sowie der Vorstellung vom Körper als lediglich passivem Speicher der Erfahrungen widersprochen wird, da der Körper vielmehr „als aktives [und soziales; MM] ›Ding‹ bei der Erzeugung jener spontanen, immer wieder variierten und kreativ neu erfundenen Akte der Individuen“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34; vgl. Kalthoff 2004) auftritt: „Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Tun mehr Sinn, als sie selber wissen“ (Bourdieu 1987b, S. 127).</p>
<p>In den Habitus gehen die Denk- und Sichtweisen, die Wahrnehmung, Weltanschauung etc. einer Gesellschaft bzw. einer gesellschaftlichen Lage ein, werden somit zur zweiten Natur des Akteurs, der nun aufgrund dieser Inkorporierung der sozialen Verhältnisse vollkommen selbstverständlich gemäß diesen handelt und dadurch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die seinen Habitus hervorgebracht haben, wiederum reproduziert. Sowohl die persönliche als auch die gesellschaftliche Vergangenheit wirken in ihm in der Gegenwart fort und bestimmen sein Verhalten, allerdings „um den Preis des Vergessens“ (Krais 2004, S. 91) seiner Entstehung aus bestimmten sozialen Verhältnissen. Das Äußere der gesellschaftlichen Verhältnisse wird also inkorporiert und zum Inneren, zum Körper gewordenen Sozialen (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161), und reproduziert auf die Weise des Veräußerlichens dieses Inneren wiederum objektive gesellschaftliche Strukturen. In einer sozialen Umwelt, die mit dem persönlichen Habitus der Akteure übereinstimmt, werden diese aufgrund der in ihrem Habitus inkorporierten Erfahrung rein intuitiv handeln und müssen in einer für sie neuen Situation nicht erst bewusst darüber nachdenken, was nun zu tun sei.</p>
<p>Je nach sozialer Lage bieten sich den einzelnen Akteuren unzählige Zukunftsmöglichkeiten, allerdings mit unterschiedlicher Eintritts- oder Realisierungswahrscheinlichkeit, d.h. „die Vielzahl möglicher Welten [ist] zu jedem Zeitpunkt durch die jeweils wirkliche Welt, durch die gegebenen sozialen Verhältnisse begrenzt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46), so wie es für manche soziale Gruppen wahrscheinlicher ist als für andere, beispielsweise sozial aufzusteigen oder eine Studienlaufbahn einzuschlagen. Über den Habitus und die darin inkorporierten Erfahrungen, die die sozialen Wahrscheinlichkeiten und damit auch die eigene wahrscheinliche Zukunft miteinschließen, richten die Akteure schließlich ihre Handlungen auf diejenige Zukunft aus, die objektiv am wahrscheinlichsten ist, und lassen sie dadurch in einer Art „Kausalität des Wahrscheinlichen“ (ebd.) Wirklichkeit werden, denn „[a]uch wenn [die sozialen Determinanten] nicht bewußt wahrgenommen werden, zwingen sie den einzelnen, sich nach ihnen, das heißt nach der <em>objektiven Zukunft</em> der betreffenden gesellschaftlichen Klasse auszurichten“ (Bourdieu/Passeron 1971, S. 44). Der individuelle Habitus leistet also innerhalb homologer gesellschaftlicher Verhältnisse auch die <em>Vorwegnahme</em> und <em>gleichzeitige Herbeiführung</em> einer wahrscheinlichen Zukunft, da die Handlungen und unbewussten Strategien des Habitus „stets die objektiven Strukturen zu reproduzieren trachten, aus denen sie hervorgegangen sind“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Die wahrscheinliche Zukunft kann über den Habitus aus Erfahrung, „d.h. durch die bereits eingetretene Zukunft früherer Praktiken“ (ebd.), als eben solche antizipiert werden, weil die im Habitus inkorporierte Geschichtlichkeit oder Erfahrung mit den Bedingungen und der Geschichtlichkeit der sozialen Verhältnisse übereinstimmt, woraus sich eine Selbstverständlichkeit des Handelns ergibt.</p>
<p>Diese Selbstverständlichkeit des Handelns geht jedoch verloren, sobald die sozialen Verhältnisse nicht länger dem Habitus eines Akteurs entsprechen, sprich wenn die in den sozialen Institutionen <em>objektivierte Geschichtlichkeit</em> nicht länger mit der <em>inkorporierten Geschichtlichkeit</em> übereinstimmt, denn die bestehende Strukturierung des Habitus „schließt aus, dass er <em>alles</em> verarbeitet, was in der Welt ist“, also „nur Dinge aufnehmen und einbauen kann, für die er bereits eine Art ›Ankopplungsstelle‹ hat“ (Krais/Gebauer 2002, S. 64). Findet sich ein Akteur in einem sozialen Umfeld mit hochgradig abweichenden sozialen Bedingungen vor, entspricht seine einverleibte Geschichte oder Erfahrung nicht länger der institutionalisierten Geschichte seiner Umgebung, sein persönlicher Habitus entspricht also nicht länger den sozialen Verhältnissen und zeichnet sich durch eine Trägheit aus, da er für die Gegebenheiten der neuen sozialen Umwelt kaum Ankopplungsstellen aufweist. Da der Habitus zwar durchaus veränderbar ist und die ihm zugrunde liegende Inkorporierung ein Leben lang stattfindet (vgl. Krais/Gebauer 2002), er aber stets von seiner ursprünglichen Strukturierung durch die Primärsozialisation in einer Art anhaftendem »Stallgeruch« geprägt bleiben wird, tritt das auf, was Bourdieu als <em>hysteresis</em>-Effekt bezeichnet (vgl. Bourdieu 1982, S. 238f), nämlich eine Trägheit oder ein Nachhinken des Habitus, der nun in einer völlig neuen Situation unter anderen sozialen Bedingungen nicht mehr angemessen ist, infolgedessen auch der Akteur sich nicht länger angemessen verhalten kann: „Seinen Habitus, der ja die persönliche und soziale Identität eines Individuums ausmacht, kann man nun, wenn sich die individuellen Lebensverhältnisse verändern, nicht einfach wechseln wie ein Kleid“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46). Über längere Zeit wird sich der Habitus des Akteurs den neuen sozialen Verhältnissen zwar annähern, seinen »Stallgeruch« der Primärsozialisation durch das vorhergehende Milieu allerdings nicht vollständig ablegen können (vgl. Bourdieu 2000; Hartmann 2004, S. 92f; Krais 2004, S. 99f).</p>
<p>Zentral ist für Bourdieu die selbstverständliche <em>Komplizenschaft</em> zwischen Individuum und sozialen Verhältnissen oder Institutionen, die auch gesellschaftliche Zwänge darstellen können und in der Regel solche sind: „Wir sind über diesen <em>Habitus</em> (…) immer versucht, Komplizen der Zwänge zu sein, die auf uns wirken, mit unserer eigenen Beherrschung zu kollaborieren“ (Bourdieu 2001a, S. 166). Diese Komplizenschaft zwischen Akteur und den ihn umgebenden Strukturen wird durch eine entsprechende Sozialisation innerhalb dieser Strukturen, also durch den jeweiligen Habitus hergestellt, der es den Akteuren erlaubt, gesellschaftliche „Institutionen zu bewohnen (<em>habiter</em>)“ (Bourdieu 1987a, S.107). Dies bedeutet, dass jene objektiven Strukturen nur Bestand haben können, indem sie in den Akteuren wirken und von diesen verinnerlicht, bewohnt, angeeignet werden, die sie dadurch wiederum reproduzieren; folglich wird die „objektivierte, instituierte Geschichte nur dann geschichtliche Aktion, d.h. aktivierte, aktive Geschichte, wenn sie von Akteuren aufgenommen wird, die ihre eigene Geschichte dazu prädisponiert, sie auf sich zu nehmen“ (Bourdieu 2011a, S. 27). So können gesellschaftliche Strukturen wie z.B. Staat oder Schule nur funktionieren, indem die Akteure in gewisser Weise an sie <em>glauben</em> (vgl. <em>praktischer Glaube</em> und <em>praktischer Sinn</em> in Bourdieu 1987b), durch Sozialisation in diesen Strukturen deren Funktionsweise inkorporieren und über Habitus und praktischen Sinn mit ihnen in Komplizenschaft treten. Alle betreffenden Akteure teilen daher den ihnen habituell inkorporierten Glauben an die institutionellen Strukturen, was sich in der Anerkennung dieser Strukturen und der entsprechenden Teilnahme manifestiert, wobei sich dieses Teilnehmen allerdings nicht bewusst mit einer strukturfunktionalistischen Absicht vollzieht, sondern aufgrund der entsprechenden Habitus völlig selbstverständlich, intuitiv und größtenteils unbewusst, so wie man beispielsweise seine Kinder ganz selbstverständlich auf die Schule schickt. Auf diese Weise werden Praktiken und Regelmäßigkeiten der gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen im Habitus der Individuen verankert, was ihnen das Bewohnen dieser gesellschaftlichen Strukturen ermöglicht, aber aufgrund der selbstverständlichen habituellen Verinnerlichung der sozialen Ordnung auch Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduziert. Durch diese Betonung der habituellen Komplizenschaft wird zudem deutlich, dass per se keine antagonistische Gegenüberstellung zwischen Individuum und Gesellschaft besteht und nicht Gesellschaft an sich als Zwang gegenüber den Individuen auftritt, sondern bestimmte Praktiken, Ordnungen, Strukturen, Institutionen und letztlich der eigene, vorwiegend unbewusste Glaube daran: „Nicht Gesellschaft als solche ist eine ›Zumutung‹, problematisch ist vielmehr Herrschaft. Und Herrschaft tritt nicht einfach von außen an das Individuum heran, sie ist, über den Habitus, immer auch in das Individuum selbst eingelagert“ (Krais/Gebauer 2002, S. 79).</p>
<p>Eine Absage etwa an gesellschaftliche Zwänge kann sich also nicht auf die objektiv erkennbaren Strukturen beschränken, sondern muss beim Subjekt beginnen, das diese objektiven Strukturen durch seinen Habitus, durch seine subjektiven Strukturen, reproduziert. Dies erfordert zunächst das Erkennen der Selbstverständlichkeit, mit der aufgrund der Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit und – darin enthalten – der gesellschaftlichen Denk- und Sichtweisen gehandelt wird, und damit das Erkennen der Grenzen des eigenen Habitus. Bourdieu leistet genau dies, indem er den „Mechanismus der kulturellen Reproduktion“ offen nachzeichnet und in Entgegnung auf den Vorwurf des Determinismus erklärt, „daß die Intention der Aufdeckung gesellschaftlicher Zwänge emanzipatorisch ist. Das heißt nichts anderes, als daß man – getreu der alten Regel – auf die Welt nur einzuwirken vermag, wenn man sie kennt: Jeder neue Bestimmungsfaktor, der erkannt wird, eröffnet einen weiteren Freiheitsspielraum“ (Bourdieu 1992b, S. 46).</p>
<p>Ein solcher Freiheitsspielraum gegenüber den gesellschaftlichen Zwängen, die als unhinterfragte <em>Notwendigkeiten</em> in den sozialen Gebilden und Denkschemata wirken, kann demzufolge nur durch ihr Erkennen hergestellt werden („was keineswegs dazu verpflichtet und berechtigt, sie anzuerkennen“), denn „[d]ie wissenschaftliche Erkenntnis der Notwendigkeit schließt die Möglichkeit einer Aktion ein, die darauf abzielt, sie zu neutralisieren, und mithin eine <em>mögliche</em> Freiheit, während das Nichterkennen der Notwendigkeit deren Anerkennung in uneingeschränkter Form impliziert: Solange das Gesetz unerkannt ist, erscheint das Resultat des <em>laisser-faire</em>, des Komplizen des Wahrscheinlichen“, also das, was gemäß dieses unerkannten Gesetzes scheinbar »einfach so« passiert, was nicht hinterfragt und was als selbstverständlich erachtet wird, „als Schicksal, sobald es erkannt ist, als Gewalt“ (Bourdieu 2011a, S. 53f).</p>
<p><small><br />
<strong>Literatur:</strong></p>
<ol>
<li>Bourdieu, Pierre (1982). <em>Die feinen Unterschiede</em>. Frankfurt/M: Suhrkamp.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (1987a). Strukturen, Habitusformen, Praktiken. In: Pierre Bourdieu, <em>Sozialer Sinn</em> (S. 97-121). Frankfurt/M: Suhrkamp.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (1987b). Glaube und Leib. In Pierre Bourdieu, <em>Sozialer Sinn</em> (S. 122-146). Frankfurt/M: Suhrkamp.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (1992a). Sozialer Raum und symbolische Macht. In Pierre Bourdieu, <em>Rede und Antwort</em> (S. 135-154). Frankfurt/M: Suhrkamp.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (1992b). Die feinen Unterschiede (Interview). In Pierre Bourdieu, <em>Die verborgenen Mechanismen der Macht</em> (S. 31-47). Hamburg: VSA-Verlag.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (2000). <em>Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft. </em>Konstanz: UVK.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (2001). Habitus, Herrschaft und Freiheit. In Pierre Bourdieu, <em>Wie die Kultur zum Bauern kommt</em> (S. 162-173). Hamburg: VSA-Verlag.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (2011a). Der Tote packt den Lebenden. In Pierre Bourdieu, <em>Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage)</em> (S. 17-54). Hamburg: VSA-Verlag.</li>
<li>Bourdieu, Pierre (2011b). Wie eine soziale Klasse entsteht. In Pierre Bourdieu, <em>Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage)</em> (S. 97-122). Hamburg: VSA-Verlag.</li>
<li>Bourdieu, Pierre / Jean-Claude Passeron (1971). <em>Die Illusion der Chancengleichheit</em>. Stuttgart: Klett.</li>
<li>Bourdieu, Pierre / Loïc Wacquant (1996): <em>Reflexive Anthropologie</em>. Frankfurt/M.: Suhrkamp.</li>
<li>Hartmann, Michael (2004). <em>Elitesoziologie</em>. Frankfurt/M: Campus.</li>
<li>Kalthoff, Herbert (2004). Schule als Performanz. In Steffani Engler &#038; Beate Krais (Hrsg.), <em>Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen</em> (S. 115-140). Weinheim und München: Juventa.</li>
<li>Krais, Beate (2004). Habitus und soziale Praxis. In Margarete Steinrücke (Hrsg.), <em>Pierre Bourdieu. Politisches Forschen, Denken und Eingreifen</em> (S. 91-106). Hamburg: VSA-Verlag.</li>
<li>Krais, Beate / Gunter Gebauer (2002). <em>Habitus</em>. Bielefeld: transcript.</li>
<li>Liebau, Eckart (2009). Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen. In Barbara Friebertshäuser, Markus Rieger-Ladich, Lothar Wigger (Hrsg.), <em>Reflexive Erziehungswissenschaft (2. Auflage)</em> (S. 41-58). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</li>
<li>Vester, Michael, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, &amp; Dagmar Müller (2001). <em>Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel</em>. Frankfurt/M: Suhrkamp.</li>
</ol>
<p></small></p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/legitimierter-schwindel/' rel='bookmark' title='Legitimierter Schwindel'>Legitimierter Schwindel</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/effiziente-herrschaft/' rel='bookmark' title='Effiziente Herrschaft'>Effiziente Herrschaft</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-welt-so-sehen-wie-sie-ist/' rel='bookmark' title='Die Welt so sehen, wie sie ist'>Die Welt so sehen, wie sie ist</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-ist-klassenkampf/' rel='bookmark' title='Was ist Klassenkampf?'>Was ist Klassenkampf?</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wenn-die-dinge-ihre-besitzer-besitzen/' rel='bookmark' title='Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen'>Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/habitus-und-komplizenschaft/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>The Greatest Speech Ever Made</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/the-greatest-speech-ever-made/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/the-greatest-speech-ever-made/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 11 Aug 2011 11:07:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filme & Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Charlie Chaplin]]></category>
		<category><![CDATA[Filme]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy Frankfurt]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy Germany]]></category>
		<category><![CDATA[occupyfrankfurt]]></category>
		<category><![CDATA[occupywallstreet]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=2333</guid>
		<description><![CDATA[One of the most inspirational speeches in recorded history was given by a comedian by the name of Charlie Chaplin:   The Greatest Speech Ever Made auf YouTube Ähnliche Einträge: Die Kunst der Kunst Fernweh Significance Music was my first love #1 Who are you?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>One of the most inspirational speeches in recorded history was given by a comedian by the name of Charlie Chaplin:</p></blockquote>
<p style="text-align: center;"> <iframe src="http://www.youtube.com/embed/WibmcsEGLKo" frameborder="0" width="500" height="284"></iframe></p>
<p style="text-align: center;"><a title="The Greatest Speech Ever Made" href="http://youtu.be/WibmcsEGLKo">The Greatest Speech Ever Made</a> auf YouTube</p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-kunst-der-kunst/' rel='bookmark' title='Die Kunst der Kunst'>Die Kunst der Kunst</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/fernweh/' rel='bookmark' title='Fernweh'>Fernweh</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/significance/' rel='bookmark' title='Significance'>Significance</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/music-was-my-first-love-1/' rel='bookmark' title='Music was my first love #1'>Music was my first love #1</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/who-are-you/' rel='bookmark' title='Who are you?'>Who are you?</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/the-greatest-speech-ever-made/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Legitimierter Schwindel</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/legitimierter-schwindel/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/legitimierter-schwindel/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 09 Aug 2011 11:02:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Anerkennung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologie]]></category>
		<category><![CDATA[Komplizenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Legitimation]]></category>
		<category><![CDATA[Macht]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Bourdieu]]></category>
		<category><![CDATA[Schwindel]]></category>
		<category><![CDATA[Willkür]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1851</guid>
		<description><![CDATA[Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu verschaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen. (&#8230;) Die sozialen Akteure und auch die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu verschaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen. (&#8230;) Die sozialen Akteure und auch die Beherrschten selbst sind in der sozialen Welt (selbst der abstoßendsten und empörendsten) durch eine Beziehung hingenommener Komplizenschaft verbunden, die bewirkt, daß bestimmte Aspekte dieser Welt stets jenseits oder diesseits kritischer Infragestellung stehen.</p>
<p>Was ist schließlich ein Papst, ein Präsident oder ein Generalsekretär anderes als jemand, der sich für einen Papst oder einen Generalsekretär oder genauer: für die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hält? Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom Größenwahnsinnigen unterscheidet, ist, daß man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von »legitimem Schwindel«, wie Austin sagt, zuerkennt. Glauben Sie mir, die Welt so betrachtet, d.h. so wie sie ist, ist ziemlich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komische und das Tragische sich berühren.<br />
<small>(Pierre Bourdieu &#8211; <em>Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen</em>, in: Die verborgenen Mechanismen der Macht)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/enthuellen-und-demaskieren/' rel='bookmark' title='Enthüllen und demaskieren'>Enthüllen und demaskieren</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-ist-klassenkampf/' rel='bookmark' title='Was ist Klassenkampf?'>Was ist Klassenkampf?</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/effiziente-herrschaft/' rel='bookmark' title='Effiziente Herrschaft'>Effiziente Herrschaft</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/politischer-aktivismus/' rel='bookmark' title='Politischer Aktivismus'>Politischer Aktivismus</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/kampf-der-kultur/' rel='bookmark' title='Kampf der Kultur'>Kampf der Kultur</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/legitimierter-schwindel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Normalität</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/normalitaet/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/normalitaet/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 07 Aug 2011 13:23:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gewöhnung]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Normalität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1813</guid>
		<description><![CDATA[Noch die inhumansten Arbeits- und Lebensbedingungen können als sinnhaft und attraktiv erlebt werden durch das stillschweigende Einverständnis von Menschen, die durch inhumane Existenzbedingungen darauf vorbereitet worden sind, sie zu akzeptieren. (Margarete Steinrücke, in: Pierre Bourdieu - Der Tote packt den Lebenden) Ähnliche Einträge: Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen Politik und Medienmacht Die Welt so sehen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Noch die inhumansten Arbeits- und Lebensbedingungen können als sinnhaft und attraktiv erlebt werden durch das stillschweigende Einverständnis von Menschen, die durch inhumane Existenzbedingungen darauf vorbereitet worden sind, sie zu akzeptieren.<br />
<small>(Margarete Steinrücke, in: Pierre Bourdieu - Der Tote packt den Lebenden)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wenn-die-dinge-ihre-besitzer-besitzen/' rel='bookmark' title='Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen'>Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/politik-und-medienmacht/' rel='bookmark' title='Politik und Medienmacht'>Politik und Medienmacht</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-welt-so-sehen-wie-sie-ist/' rel='bookmark' title='Die Welt so sehen, wie sie ist'>Die Welt so sehen, wie sie ist</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/habitus-und-komplizenschaft/' rel='bookmark' title='Habitus und Komplizenschaft'>Habitus und Komplizenschaft</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-ist-klassenkampf/' rel='bookmark' title='Was ist Klassenkampf?'>Was ist Klassenkampf?</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/normalitaet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Exodus</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/exodus/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/exodus/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 17 Jul 2011 10:32:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Autonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Eskapismus]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kollaboration]]></category>
		<category><![CDATA[Konformität]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Normalität]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbestimmung]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Weltflucht]]></category>
		<category><![CDATA[Weltschmerz]]></category>
		<category><![CDATA[Zwang]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1692</guid>
		<description><![CDATA[Trey Ratcliff So lange ich zurückdenken kann, war ich noch niemals richtig glücklich. Es liegt nicht an persönlichen Eitelkeiten, dass es so ist, wie es ist. Meine Kindheit war erfüllt und ich übte bis vor kurzem einen angesehenen Beruf aus, der es mir ermöglichte, ein gutes Leben zu führen, zumindest materiell. Ich bin emotional gut [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1694" title="The Old Shed" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2011/07/exodus.jpg" alt="" width="500" height="326" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/5289173479/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>So lange ich zurückdenken kann, war ich noch niemals richtig glücklich. Es liegt nicht an persönlichen Eitelkeiten, dass es so ist, wie es ist. Meine Kindheit war erfüllt und ich übte bis vor kurzem einen angesehenen Beruf aus, der es mir ermöglichte, ein gutes Leben zu führen, zumindest materiell. Ich bin emotional gut ausgeglichen, wie man es wohl ausdrücken würde, und kann mich in Liebesdingen nicht allzu viel beschweren. Dennoch hat es da in meinem Leben schon immer andere Einflüsse gegeben, Interferenzen sozusagen, Störfaktoren, die es mir unmöglich machten, mit diesem Leben wirklich glücklich zu sein. Es kommt mir vor, als blickte ich durch trübes Glas, das mir den ganzen schönen Ausblick ruiniert. Ich habe mich hin und wieder glücklich gewähnt, doch ich war es nicht. Die Welt, die mich umgibt, drückt wie ein kleiner Stein im Schuh, der jeden noch so kleinen Schritt mit Schmerzen unterlegt. Es ist der Zustand dieser Welt, der störend auf mein Leben einwirkt, der Stein im Schuh, das trübe Glas, das dieses Leben unerträglich werden lässt. Jede persönliche Freude wird zur Farce, wenn sie von Unglück umgeben ist. Wie führt man ein gutes Leben in einer schlechten Welt?</p>
<p>Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, anderen Menschen von meinem Unbehagen zu erzählen, denn ihre Antworten sind immer gleich: »Das Leben ist kein Wunschkonzert«, sagen sie, oder: »Es ist nun mal so«, sie meißeln Phrasen in die Welt wie: »Anderen geht es viel schlechter« und »Nimm’s nicht so schwer«, sie antworten nicht ernsthaft, sie geben nur wieder. Als würde das irgendetwas ändern, stellen sie Sprüche in den Raum und wollen damit Trost spenden oder abspeisen, das eine kommt dem anderen gleich, denn es sind sinnlose, inhaltsleere Sätze. »Hau doch ab, wenn es dir hier nicht gefällt«, legen sie mir unmissverständlich nahe, ein ums andere Mal, doch wo ist es besser, frage ich mich dann.</p>
<p>Sie meinen, ich müsse nur endlich erwachsen werden und mich einfach bloß zusammenreißen, müsse begreifen, dass all das normal ist, worüber ich beunruhigt bin. Ihnen fällt überhaupt nicht auf, wie oft sie »man muss« und wie selten sie »ich will« verwenden. Sie verlangen Disziplin, doch ich möchte niemandes Sklave sein, nicht einmal mein eigener, oder vielmehr schon gar nicht. Sie werfen mir unaufhörlich vor, ich käme nicht zurecht mit dieser Welt. Sie sagen, ich sei depressiv und krank, als wäre es ein Ausdruck von geistiger Gesundheit, an kranke Verhältnisse gut angepasst zu sein. Sie möchten mich behandeln, mich normalisieren, mich wieder eingliedern in diese Welt, mit der ich meinen Frieden schließen soll, doch wenn sie Frieden sagen, meinen sie bloß Kapitulation. Sie wollen, dass ich verleugne, wie ich mich wirklich fühle, sie möchten mein Unbehagen in einen Kasten sperren und diesen dann irgendwo versenken, auf dass er für immer verschwunden bleibt. Sie drängen mich dazu, mein inneres Leben aufzugeben, um am äußeren zu partizipieren. Ich soll es jenen recht machen, die mich als Menschen negieren. Aber bin ich wirklich krank? Bin <em>ich</em> krank, weil ich aus dem herausfalle, was sie allen Ernstes als normal bezeichnen?</p>
<p>Es gilt als Ausdruck von Normalität, sich bereitwillig in eine Gesellschaft einzufügen, die systematisch ihre Grundlagen zerstört und die sich um das Wohlergehen ihrer Insassen nicht sonderlich schert. Es ist normal, dass wir mehr Geld und Kreativität in Waffen oder gegenseitige Abschreckung investieren als in Bildung und Kultur, weil wir uns so sehr bemühen, das Gegeneinander zu optimieren, während das Füreinander brachliegt. Es ist normal, dass diejenigen, die Kriege vom Zaun brechen und ihre Mitmenschen wie wertlosen Dreck behandeln, als Mächtige in den Parlamenten und Aufsichtsräten sitzen, in unseren Regierungen und wichtigen Entscheidungsgremien. Wir stoßen uns nicht daran, dass Wissen aus wirtschaftlichen Gründen unter Verschluss gehalten wird, anstatt es zum Wohle der Allgemeinheit offen zur Verfügung zu stellen, und wir nehmen es anstandslos hin, uns Gesetzen beugen zu müssen, von denen nur wenige profitieren, weil wir es niemals anders kennengelernt haben. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, auch nur ansatzweise von Verschwendung zu reden, wenn so viele der klügsten Köpfe ihre kostbare Zeit damit verbringen, nutzlose Dinge zu verkaufen, die weder benötigt noch begehrt werden, in Berufen, die jeden Tag aufs Neue dazu beitragen, die Welt ein kleines bisschen destruktiver zu gestalten. Es ist uns egal, dass die einen sterben, während die anderen an diesem Tod verdienen, so wie wir uns auch gleichmütig daran gewöhnt haben, Nahrung zu uns zu nehmen, die uns vergiftet und langsam umbringt, solange das für den Hersteller bedeutet, ein wenig günstiger produzieren zu können.</p>
<p>Unser gesamtes Leben, unsere Pläne und noch die sehnsuchtsvollsten Träume unterwerfen wir einem ständigen Zwang, jenem des Gelderwerbs, dem sich alles andere bedingungslos unterzuordnen hat, doch es stellt für uns keinerlei Widerspruch dar, wenn wir diese totale Disziplinierung dann als höchste Form der Unabhängigkeit begreifen, als Ausdruck eines selbstbestimmten Daseins. Wir nehmen sinnlose, seelenzermürbende Jobs an, die wir hassen und in denen wir uns aufreiben, weil es für uns nichts Ungewöhnliches ist, dass nur diejenigen überleben dürfen, die auch bereit sind, dafür zu arbeiten, während Tausende täglich verhungern, die einfach nur zu arm sind, um sich ihre Mahlzeiten überhaupt leisten zu können. Obwohl wir genau darüber Bescheid wissen, obwohl wir etwas dagegen tun könnten, wird die Kluft zwischen Arm und Reich mit jedem Jahr größer, nicht kleiner. Wir definieren uns so ehrgeizig über die willkürlich festgelegten Zahlen, die am Ende des Monats auf unserem Konto vorzufinden sind, dass es für uns nicht wirklich besorgniserregend ist, wenn eine Handvoll Menschen mehr besitzen können als der ganze große Rest der Welt; eine Welt, in der ein Leben nur so viel wert ist, wie es erwirtschaften kann. Zufriedenheit, Freude und Glück werden abhängig gemacht von objektivistischen Kategorien: mehr haben, mehr können, mehr sein als andere, in einer quantifizierbaren Art und Weise, sich dadurch schließlich besser, größer, mächtiger zu fühlen als sie wird zum Maßstab der eigenen Persönlichkeit, zum Sinngeber in einer globalen Konkurrenz.</p>
<p>Jeden Tag nehmen wir billigend in Kauf, dass für überflüssigen Luxus unwiderruflicher Schaden an Umwelt und Anderen entsteht, ohne auch nur einen ernsthaften Gedanken daran zu verschwenden, welche ökologischen und sozialen Folgen unser Handeln hat. Es ist alltägliche Routine geworden, dass Menschen sterben oder wie schwerste Verbrecher behandelt werden, bloß weil sie den verzweifelten Versuch wagen, von einem Stückchen Land zu einem anderem zu gelangen. Wir bauen Zäune um uns herum, damit uns die anderen nicht zu nahe kommen, wir grenzen uns ab, schließen uns ein und haben Angst voreinander, aber wir sehen darin nichts Außergewöhnliches, es ist uns kein Grund zur Sorge. Die Normalität dieser Zustände, die für mehr und mehr Menschen nur noch mit Psychopharmaka zu verkraften sind, beunruhigt uns nicht. Diese ganze Katastrophe, die uns jeden Tag umgibt, sie betrifft uns zwar, aber sie berührt uns nicht. Wir gehen teilnahmslos unseren Tagesgeschäften nach, denn das alles enthält für uns keine Botschaft, außer jener der Selbstverständlichkeit.</p>
<p>Es gibt noch so vieles, mit dem ich mich genauso wenig abfinden kann und auch nicht abfinden möchte, zu vieles, um es aufzuzählen, weil es jeden Versuch einer Aufzählung sprengen würde; diese ganzen Normalitäten einer fremdartigen Welt, die für mich nicht normal, noch weniger lebenswert ist.</p>
<p>Seit jeher wird an mich die Erwartung herangetragen, ein Teil dessen zu werden, was mir zuwider ist, mich einzugliedern in eine Welt, die alle Eingegliederten verschlingt. Viel zu häufig litt ich unter Albträumen und bin schweißgebadet aufgewacht, noch viel häufiger habe ich erst gar nicht einschlafen können, weil ich mir ausmalte, wie es mit meinem Leben weitergehen würde in dieser Welt: Für den Rest meiner Tage müsste ich so gut wie jeden Morgen aufstehen, um mit vorgetäuschter Freiwilligkeit der gleichen, unbedeutenden Beschäftigung nachzugehen, was letzten Endes doch bloß heißt, das am Leben zu erhalten, was alles Lebendige unter sich erdrückt. Mit etwas Glück hätte ich am Abend ein paar Stunden dieser so genannten Freizeit, die es mir erlauben würden, mich von meinem Arbeitstag zu erholen, so wie man den Soldaten ins Lazarett bringt, nicht aus Nächstenliebe, sondern damit er wieder kämpfen kann, also würde ich ein wenig einkaufen, fernsehen, mich betrinken oder was man eben macht in jener Zeit, die noch zum Leben übriggeblieben ist, doch in der Regel bloß verfliegt, dann ginge ich schlafen und alles begänne am nächsten Tag von vorn. War es das? Macht das ein Leben aus?</p>
<p>Wenn ich ehrlich mit mir sein möchte, kann und darf ich das nicht Leben nennen, obwohl ich mit diesem trostlosen Schicksal noch zu den wenigen Privilegierten auf diesem Planeten gehören würde, zu jenen, denen es gut zu gehen hat, weil es dem Großteil noch viel schlechter geht. Ich reagierte auf diese Bedrohung mit Angstzuständen und Nervenzusammenbrüchen, ich war regelmäßig panisch und ich werde es noch heute, wenn ich mir vorstelle, dass ich auf diese Art in dieser Welt den Rest meines Daseins verbringen müsste, oder wenn schon nicht den Rest, dann wenigstens den größten Teil. Mein Leben war von Anfang an eingeteilt, festgelegt, geplant; es war nicht vorgesehen, dass man mich jemals dazu angehört hätte, was <em>ich</em> denn von alledem halte, das man mir zumuten würde. Niemand hat je gefragt, ob ich damit glücklich oder auch nur einverstanden bin, weil es niemanden interessiert.</p>
<p>All das ist normal. Das sind die Normen, an denen ich gemessen werden soll. »So ist eben das Leben«, wird mir immer wieder weisgemacht, und als ›das Leben‹ bezeichnen sie eine gewaltsam aufrechterhaltene Ordnung der Welt. Ich wollte so nicht leben, <em>will</em> so nicht leben, nicht in dieser Welt, das ist nicht mein Entwurf für ein gelungenes Dasein. Ich sehe nicht die geringste Motivation für den Versuch, mich als produktives Mitglied in diese Gesellschaft einzugliedern, und ich habe erstrecht kein Interesse daran, mich eingliedern zu lassen, weil ich mit allem, was sie ausmacht, grundlegend uneinverstanden bin. Jeden Tag denke ich, ich muss hier raus, muss mich aus diesem Gefängnis irgendwie befreien. Je mehr ich diese Welt begreife, desto weniger möchte ich darin leben, je mehr ich ihre Abläufe verstehe, desto weniger möchte ich daran beteiligt sein. Wie kann man sich den Zustand der Welt betrachten und dennoch glücklich sein?</p>
<p>Der Wahnsinn liegt in der Normalität, die für all diese Zustände gleichgültig in Anspruch genommen wird. Wir alle tragen als Komplizen dazu bei, mit jedem Tag, an dem wir es hinnehmen, das Destruktive als normal zu begreifen, denn die Ordnung der Welt hält unsere Köpfe besetzt. Wir sagen Freiheit und wir meinen damit, uns zwischen vorgegebenen Alternativen entscheiden zu dürfen. Wir sagen Sicherheit und wir haben dabei im Sinn, einen langfristigen Arbeitsplatz zu finden. Wir sagen Glück und wir stellen uns darunter vor, im Lotto zu gewinnen oder in einer Prüfung erfolgreich zu sein. Unsere Sprache und unsere Sehnsüchte haben sich den Zwängen angepasst, weil sie uns ständig als Normalitäten vorgehalten werden, von Institutionen, Politikern, Therapeuten, Eltern und letzten Endes allen, die immer noch glauben, diese Normalitäten seien normal. Ich bin nicht krank. Krank ist diese Welt, und was mich daran deprimiert, nein, melancholisch werden lässt, das ist die Tatsache, dass dennoch ich es bin, der allgemein für krank gehalten wird, weil ich mit dieser ach so wunderbaren Welt nicht klarkomme, mit ihr auch gar nicht klarkommen möchte. Die objektiven Zustände werden nicht besser, bloß weil ich lerne, damit umzugehen; es ist ja gerade dieses Klarkommen, das dem Bestehenden zum Fortbestand verhilft. Wer also hat nun Recht? Wer von uns ist krank? Liegt es an mir, wenn ich mich unbehaglich fühle?</p>
<p>Tag um Tag musste ich es mir anhören, immer und immer wieder: »Hau doch ab« und »Wander doch aus«, »Werd endlich erwachsen« und »Gewöhn dich dran«, »Reiß dich zusammen« oder »Bring dich doch um«. Früher oder später fand noch jede Diskussion, all die mit Worten geführten Freiheitskämpfe, ihr Ende an diesem einen Punkt, mit einem dieser Sätze. Jedes Mal, wenn ich Einspruch erhob gegen die Normalitäten dieser Welt, wenn ich Beschwerde führte gegen jene Zustände, mit denen ich nicht leben will, wenn ich Vorgänge kritisierte oder wenn ich Nachrichten las und zum Ausdruck brachte, dass ich mit dem, was geschieht, nicht einverstanden bin, waren die Antworten immer gleich, die Phrasen wie einstudiert. Wie viel Zwang wirkt auf einen Menschen, um solche Sätze zu formulieren?</p>
<p>Während es früher schnell hieß: »Dann geh doch nach drüben«, heißt es heute: »Dann wander doch aus«, oder noch schlimmer, aber ehrlicher: »Dann bring dich doch um«. Ich jedoch hänge an meinem Leben, ich genieße es, so gut es mir die Umstände erlauben. Ich suche mir Freiräume, Schlupflöcher und Hintertüren, die mir ein wenig Luft zum Atmen bieten. Es ist nicht mein Leben, das mir Sorgen bereitet, sondern die Welt um mich herum, das Korsett, in das mein Leben hier gesteckt werden soll. Was mich bedrückt, ist nicht das Dasein, weder meines noch allgemein, sondern vielmehr der Rahmen, in dem es sich wiederfinden muss, jener Zustand der Welt, in den es sich anstandslos einzubetten hat und den ich nicht verschuldet habe, es sind die so genannten Freiheiten, die mir wie allen anderen aufdringlich angeboten werden, die aber keine ernstzunehmenden Freiheiten sind.</p>
<p>Was sagt das über einen Zustand aus, über diesen Zustand, wenn dir diejenigen, die ihn so vehement verteidigen, als Alternative nichts weiter anzubieten haben als den Tod? Geh unter oder füge dich, die Wahl ist Kollaps oder Kollaboration, also betrachte ich diese Menschen mit einer wachsenden Distanz, als wären sie Gehilfen einer feindseligen Besatzungsmacht. Selbst noch, wenn ich rationale Gründe präsentiere, warum ich mich in diese Welt nicht einfügen möchte, warum ich mich an ihren Abläufen nicht beteiligen will, werde ich des unvernünftigen Verhaltens beschuldigt, als hätte man den Maßstab einfach umgekehrt. »Reiß dich zusammen«, lautet das dauernde Diktat, und sie begreifen den Befehl als Tugend, wie sie das wohl auch dem Schnorrer in der Fußgängerzone antworten würden, der sie bloß nach etwas Kleingeld fragt, doch wenn der sich letztlich für Verweigerung und gegen Kapitulation entscheidet, so ist mir dessen Konsequenz allemal sympathischer als der erhobene Zeigefinger derjenigen, die mir erzählen wollen, das Problem sei eine Frage meiner eigenen Befindlichkeit. Ich fühle mich einsam, wenn ich unter solchen Menschen bin. Kraft Geburt erhielt ich das Recht, ich selbst zu sein, doch seitdem wird es mir auf diese Art verwehrt.</p>
<p>Mit jedem zusätzlichen Wort ließen mich diese und ähnliche Antworten ein kleines bisschen unglücklicher werden, bis ich mich schließlich auf die Suche nach etwas Anderem begab, nach einem schöneren und glücklicheren Leben in einer schöneren und glücklicheren Welt. Trotz all des Hohns und der ständigen Entmutigungen habe ich etwas Besseres gefunden als den Tod, etwas Hoffnungsvolleres als Kapitulation. Etwas, das sich all jene, die mir derartige Antworten geben oder so genannte Ratschläge erteilen, niemals hätten träumen lassen. Etwas, das ich sogar selbst vor wenigen Monaten noch für nahezu unmöglich gehalten hätte. Ohne viel Gepäck verschwand ich eines ganz normalen Tages aus dem, was ich bis dahin mein Leben genannt hatte, ich ging fort, ohne große Reisepläne zu schmieden, und ließ ein für alle Mal zurück, was mich schon viel zu lange unglücklich gemacht hatte. Ich fand einen Ort, an dem die Menschen anders sind, Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Ich schloss mich ihnen an, hier fand ich meine Heimat.</p>
<p>Wo ich nun lebe, gibt es keine Armut, weil jeder einzelne von uns im Reichtum schwimmt, denn wir haben uns gegenseitig und alles Notwendige, das man zum Leben wirklich braucht. Es gibt keine zweihundert Fernsehprogramme, keine teuren Sportwagen und keine goldenen Wasserhähne, dafür aber Solidarität, Vertrauen und Freiheit; keinen materiellen Überfluss, jedoch auch keinen Verzicht, weil das eine mit dem anderen nicht zusammenhängt. Wir haben hier kein Geld, kein Gehalt, weil wir es nicht brauchen, und wir beugen uns keinen Herrschern, weil wir nicht länger Beherrschte sein möchten. Wir kennen keine Arbeitslosigkeit, keinen Terrorismus und keine Paranoia. Niemand wird zu seinem Tun gezwungen, keiner muss sich einem anderen irgendwie unterordnen, es gibt weder Chefs noch Hierarchien, es werden keine Befehle gegeben und kein Gehorsam verlangt. Wir sind Gleiche unter Gleichen. Es existiert kein Militär, keine Polizei, niemand trägt Waffen oder baut Mauern und Zäune um sich herum. Wir gehen aufeinander zu, anstatt uns gegenseitig die Schädel einzuschlagen, treffen Entscheidungen, indem wir alle gleichberechtigt darin einbeziehen, wir haben Mitgefühl und zeigen den gebührenden Respekt, sowohl im Umgang miteinander als auch gegenüber dem, was uns umgibt. Wir nehmen uns so viel wir brauchen, aber wir zerstören nicht, wir beuten nicht aus, weder uns selbst noch das, wovon wir leben. Das Unwohlsein über die Normalitäten jener Welt, die wir allesamt zurückließen, die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, diese Spannung zwischen dem, was ist, und den eigenen Gefühlen, wird hier nicht als Krankheit empfunden. Hier bin ich glücklich. Hier. Endlich.</p>
<p>„Wir stehen vor einem Rätsel“, erklärte der junge Arzt im Kreis seiner Kollegen. „Kein Wort, keine einzige Reaktion. Seit Monaten ist er in diesem Zustand, obwohl wir keine neurologische Ursache feststellen können. Im Gegenteil: Die Aktivität in seinem Gehirn ist bemerkenswert.“</p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-man-so-braucht/' rel='bookmark' title='Was man so braucht'>Was man so braucht</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/der-menschliche-makel/' rel='bookmark' title='Der menschliche Makel'>Der menschliche Makel</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/individualisierte-schuld/' rel='bookmark' title='Individualisierte Schuld'>Individualisierte Schuld</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/nichts-zu-verlieren/' rel='bookmark' title='Nichts zu verlieren'>Nichts zu verlieren</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wie-ich-einmal-die-welt-veraenderte/' rel='bookmark' title='Wie ich einmal die Welt veränderte'>Wie ich einmal die Welt veränderte</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/exodus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Schule als Ideologie</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/schule-als-ideologie/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/schule-als-ideologie/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 13 Jul 2011 13:33:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Herrschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologie]]></category>
		<category><![CDATA[Matthias Grundmann]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>
		<category><![CDATA[Selektion]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1657</guid>
		<description><![CDATA[Betrachtet man die Entwicklungsdynamik von Bildungssystemen, dann drängt sich die Vermutung auf, dass die Schule selbst sozial selektiv auf die Sozialisationspraktiken einwirkt und systematisch die Praktiken bestimmter Bevölkerungsgruppen abwertet. Sie entwickelt formale Leistungskriterien, die sich als unfähig erweisen, die Differenz milieuspezifischer Erfahrungen und Befähigungen zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil einer unflexiblen und notwendig diskriminierenden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Betrachtet man die Entwicklungsdynamik von Bildungssystemen, dann drängt sich die Vermutung auf, dass die Schule selbst sozial selektiv auf die Sozialisationspraktiken einwirkt und systematisch die Praktiken bestimmter Bevölkerungsgruppen abwertet. Sie entwickelt formale Leistungskriterien, die sich als unfähig erweisen, die Differenz milieuspezifischer Erfahrungen und Befähigungen zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil einer unflexiblen und notwendig diskriminierenden Defizitlogik verhaftet bleiben. Gemessen wird daher nicht das Können, sondern die Abweichung des Könnens von den politisch gesetzten Leistungsstandards. Eine solche Bewertungslogik dient nicht der Bildung des einzelnen, sondern allein der Selektion Heranwachsender. Diese Bewertungslogik entfaltet ihre verheerende Wirkung auf die Betroffenen nicht nur dadurch, dass sie den Heranwachsenden bestimmte Optionen der Entwicklung bzw. der Entfaltung ihrer Persönlichkeit vorenthält. Mehr noch: Die Schüler werden im Hinblick auf ihre je eigene Leistungsfähigkeit und in der Wertschätzung ihrer Person systematisch abgewertet, degradiert und damit zu quasi-pathologischen Fällen einer Gesellschaft, die am Wohlergehen ihrer Kinder oftmals nur dann ein Interesse zu haben scheint, wenn diese aus „gutem“ Hause kommen.<br />
<small>(Matthias Grundmann &#8211; Handlungsbefähigung und Milieu)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/die-ideologie-natuerlicher-begabung/' rel='bookmark' title='Die Ideologie natürlicher Begabung'>Die Ideologie natürlicher Begabung</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/formale-gleichheit-als-herrschaftsinstrument/' rel='bookmark' title='Formale Gleichheit als Herrschaftsinstrument'>Formale Gleichheit als Herrschaftsinstrument</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wie-das-bildungswesen-macht-verschleiert/' rel='bookmark' title='Wie das Bildungswesen Macht verschleiert'>Wie das Bildungswesen Macht verschleiert</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/denken-und-fuehlen/' rel='bookmark' title='Denken und Fühlen'>Denken und Fühlen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/effiziente-herrschaft/' rel='bookmark' title='Effiziente Herrschaft'>Effiziente Herrschaft</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/schule-als-ideologie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ehrlichkeit der Sprache</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/ehrlichkeit-der-sprache/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/ehrlichkeit-der-sprache/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 17 May 2011 07:13:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Ehrlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Lüge]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Klemperer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1640</guid>
		<description><![CDATA[Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwürdigen Menschen überhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwürdigen Menschen überhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: <em>Le style c&#8217;est l&#8217;homme</em>; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein &#8211; im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.<br />
<small>(Victor Klemperer &#8211; LTI)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/politischer-aktivismus/' rel='bookmark' title='Politischer Aktivismus'>Politischer Aktivismus</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/kampf-der-kultur/' rel='bookmark' title='Kampf der Kultur'>Kampf der Kultur</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-ist-klassenkampf/' rel='bookmark' title='Was ist Klassenkampf?'>Was ist Klassenkampf?</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/man-folgt-nur-befehlen/' rel='bookmark' title='Man folgt nur Befehlen'>Man folgt nur Befehlen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/was-die-lehrer-fuer-leistung-halten/' rel='bookmark' title='Was die Lehrer für Leistung halten'>Was die Lehrer für Leistung halten</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/ehrlichkeit-der-sprache/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Versteckte Destruktivität</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/versteckte-destruktivitaet/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/versteckte-destruktivitaet/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Feb 2011 11:28:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Gruen]]></category>
		<category><![CDATA[Destruktivität]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologie]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminalität]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Statistik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1584</guid>
		<description><![CDATA[An dieser Stelle ist es nötig, etwas zur soziologischen Sicht des menschlichen Seins zu sagen. Kriminalität wird zum Beispiel als eine Folge der Armut gesehen. Doch dies erklärt nicht, warum die Mehrheit nicht kriminell wird. Daraus wiederum kann man aber nicht schlußfolgern, Armut hätte keinen Zusammenhang mit Kriminalität. Man kommt nicht umhin, einiges zu differenzieren. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>An dieser Stelle ist es nötig, etwas zur soziologischen Sicht des menschlichen Seins zu sagen. Kriminalität wird zum Beispiel als eine Folge der Armut gesehen. Doch dies erklärt nicht, warum die Mehrheit nicht kriminell wird. Daraus wiederum kann man aber nicht schlußfolgern, Armut hätte keinen Zusammenhang mit Kriminalität. Man kommt nicht umhin, einiges zu differenzieren. Wenn ein Hungriger stiehlt, handelt er nicht aus Habgier; und wenn er dabei, ohne es zu wollen, jemanden umbringt, ist es kein vorsätzlicher Mord. Andererseits gehören die Reichen und Mächtigen zu jenen in unserer Gesellschaft, die Kriege anzetteln, die Lebensgrundlage anderer Menschen zerstören, Natur und Menschen vergiften. Sie aber sitzen nicht in den Gefängnissen. Kriminalstatistiken verzeichnen nur deshalb mehr Arme als Reiche, weil solche Statistiken der Ideologie der Reichen und Mächtigen unterliegen und weil sie nicht alle Formen von Destruktivität aufführen.<br />
<small>(Arno Gruen &#8211; Der Wahnsinn der Normalität)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/wenn-jeder-taete-was-er-fuer-wichtig-hielte/' rel='bookmark' title='Wenn jeder täte, was er für wichtig hielte'>Wenn jeder täte, was er für wichtig hielte</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/dunkle-empathie/' rel='bookmark' title='Dunkle Empathie'>Dunkle Empathie</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/kollaboration/' rel='bookmark' title='Kollaboration'>Kollaboration</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/denken-und-fuehlen/' rel='bookmark' title='Denken und Fühlen'>Denken und Fühlen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/effiziente-herrschaft/' rel='bookmark' title='Effiziente Herrschaft'>Effiziente Herrschaft</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/versteckte-destruktivitaet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Frieden auf Erden</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/frieden-auf-erden/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/frieden-auf-erden/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 24 Dec 2010 13:27:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Fehler]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Zerstörung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1486</guid>
		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Als die ersten Signale aus dem All empfangen wurden, konnte noch niemand wissen, was auf uns zukommen würde. Die Streitkräfte der größten Nationen bereiteten erwartungsgemäß recht grimmige Verteidigungsmaßnahmen vor und waren überaus besorgt, wie sie das immer sind, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, weil es Aufgabe des Militärs ist, besorgt und möglichst grimmig zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1487" title="The Chemical Pool" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2011/01/4563995738_5fe78e39d6.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/4563995738/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Als die ersten Signale aus dem All empfangen wurden, konnte noch niemand wissen, was auf uns zukommen würde. Die Streitkräfte der größten Nationen bereiteten erwartungsgemäß recht grimmige Verteidigungsmaßnahmen vor und waren überaus besorgt, wie sie das immer sind, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, weil es Aufgabe des Militärs ist, besorgt und möglichst grimmig zu sein. Die Massenmedien überschlugen sich mit ihrer Berichterstattung, sie wetteiferten geradezu um die wildesten Gerüchte und schürten globale Panik, wie sie es immer tun, weil sie das für ihre göttliche Berufung halten. Sekten und Weltuntergangsspinner sahen mit einem nicht zu verhehlenden Stolz das endgültige Ende heraufziehen, das sie dem Rest der Bevölkerung schon seit Ewigkeiten gepredigt hatten, ohne jemals von irgendjemandem wirklich ernst genommen worden zu sein. Politiker aller Länder begannen damit, trotz ihrer bisherigen Konfliktlinien auf einmal offen miteinander zu reden, weil sie nun einen neuen, gemeinsamen Feind identifizieren konnten, der ihnen womöglich die Macht über ihr Revier streitig zu machen drohte. Zusammenfassend muss man sagen, dass sich die Erde in ein kopfloses Tollhaus verwandelte, doch genau genommen kann diese Bezeichnung dem ganzen Vorgang nicht völlig gerecht werden, weil man der Wahrheit zuliebe ergänzen müsste, dass sie ein noch viel größeres Tollhaus wurde, als sie es normalerweise sowieso schon war.<br />
Unsere Versuche, noch während ihres Anflugs auf die Erde irgendeine Art von Kontakt mit ihnen herzustellen, schlugen allesamt fehl, also blieb uns nichts weiter übrig, als nervös ihre Ankunft abzuwarten und das Beste zu hoffen. Je nach Menschenwesen, das man dazu befragt hätte, wäre die Vorstellung darüber, was dieses Beste denn überhaupt sei, sicherlich sehr unterschiedlich ausgefallen. Die einen erhofften sich von den Besuchern aus dem All einen gewaltigen kulturellen und technologischen Fortschritt, andere sahen es als Gelegenheit, ja als Herausforderung an, endlich ein paar Wesen abseits der gewohnten Fauna abzuknallen, was nach so vielen Jahren voll umfangreicher Praxiserfahrung langsam langweilig zu werden drohte, und wieder andere malten sich neue sexuelle Erfahrungen aus. Ob sie wohl auch auf die Erde gekommen wären, wenn sie diese Gedanken allesamt gekannt hätten?<br />
Andererseits gibt es Idioten wirklich überall, also sicher auch unter extraterrestrischen Lebensformen, weswegen menschliche Idiotie für unsere Besucher keine allzu große Überraschung gewesen sein dürfte. Ob einer ein Idiot ist, hat dabei jedoch nichts damit zu tun, wie intelligent er ist oder eben nicht, denn oft genug stellen sich gerade die Intelligentesten als die größten Idioten heraus, weil sie es eigentlich besser wissen müssten. Wenn es eines gibt, das jede Kultur im Universum verbindet, dann ist es mit Sicherheit die Existenz von Idioten, und man müsste die Evolution wirklich einmal fragen, was sie sich dabei eigentlich gedacht hat. Wahrscheinlich gar nichts. Die Evolution ist auch ein Idiot. Gott habe den Menschen nach seinem eigenen Bilde erschaffen, heißt es dagegen in mancher Religion, doch wenn es unter den Menschen so viele Idioten gibt, was hieße das dann im Umkehrschluss für Gott? Er kann sich glücklich schätzen, dass es ihn nicht gibt.<br />
Sie landeten jedenfalls in der Nähe von Shenyang, einer Stadt im Nordosten Chinas, ohne dass unsererseits besondere Begrüßungsmaßnahmen hätten vorbereitet werden können, weil uns vollkommen unbekannt war, wo sie Fuß auf diesen Planeten setzen würden. Bis heute wissen wir nicht, weshalb sie ausgerechnet dort gelandet sind. Vermutlich war dieser Platz so gut wie jeder andere, aber all die verschmähten Staaten waren sich nicht zu fein, sofort die böseste Gerüchte kursieren zu lassen, China habe schon Kontakt zu unseren Besuchern gehabt und stecke mit ihnen unter einer Decke, um die gesamte Menschheit endlich zu versklaven. Gewählte Staatschefs zeigten sich beleidigt wie ein kleines Kind, das empört feststellen muss, dass es von der Kindergärtnerin nicht ausreichend beachtet wird, wobei ausreichend mit exklusiv zu übersetzen ist. Wer hatte sie eigentlich gewählt? Mit Sicherheit Idioten.<br />
Als sie landeten, geschah alles so, wie es immer geschieht, und war darum irgendwie richtig langweilig. Das Militär fuhr schweres Geschütz auf, um den unerwarteten Besuchern ohne jede Verzögerung unmissverständlich die Stärke der Erdbevölkerung zu demonstrieren, während sich die Staatsmänner gegenseitig bei dem Versuch übertrumpften, das eigene Land als kulturell und technologisch führend herauszustellen, was besonders peinlich aussah für jene, deren größte kulturelle Leistung es bis dahin gewesen war, im Internet bestimmte erigierte Körperteile zu präsentieren. Die Außerirdischen beeindruckte weder das eine noch das andere. Mir schien es, als seien sie den Wirbel um ihre Ankunft gewohnt, als sähen sie über all diesen Trubel gleichgültig, vielleicht auch amüsiert hinweg.<br />
Ihr Raumschiff erschien uns auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär und war weder besonders imposant noch auf irgendeine Art mysteriös, im Vergleich mit den Fantasiegebilden unzähliger Science-Fiction-Autoren kam es mir ganz und gar öde vor.<br />
Die Kommunikation mit uns war für unsere neugewonnenen Gäste kein Problem, auch wenn sie uns nie verraten haben, wie sie diese Kenntnisse eigentlich erlangt hatten. Vielleicht hatten sie unsere Radio- und Fernsehübertragungen empfangen, bevor sie auf unseren Planeten kamen. Eine intelligente Lebensform, die menschliche Radio- und Fernsehübertragungen empfängt und dann unserem Planeten trotzdem noch einen Besuch abstatten möchte, ist entweder extrem tolerant und offenherzig oder ziemlich idiotisch. Die Menschheit machte sich, wohl zu ihrer eigenen Entlastung, darüber allerdings gar keine Gedanken oder wenn doch, dann nahm sie zumindest ersteres an.<br />
Die Außerirdischen interessierten sich sehr für die Geschichte der dominanten Spezies auf diesem Planeten und wie es der Zufall ergab, waren wir das. Wir waren sogar so dominant, dass viele andere Lebensformen in einem mehr als devoten Gestus das Fortsetzen der eigenen Spezies mehr oder weniger freiwillig aufgaben, um uns noch dominanter werden zu lassen. Rückblickend muss man sagen, dass wir ihnen dafür wenigstens mal eine Grußkarte hätten schreiben können, doch wir Menschen sind schon seit Beginn unserer großen Erfolgsgeschichte sehr gut darin gewesen, moralische Grundlagen dafür zu erfinden, wenn diejenigen Lebewesen, die wir gut finden, jene Lebewesen töten, die wir nicht so gut finden. Uns selbst fanden wir schon immer verdammt gut. Unsere Besucher jedenfalls baten uns um den Zugriff auf unsere Archive, auf Technologie und auf das Know-how, das die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung angesammelt hatte. Sie sagten uns, dass sie für genau ein Jahr unserer Zeitrechnung auf der Erde bleiben würden, um ihre Expedition, wie sie es nannten, durchzuführen und uns danach wieder zu verlassen.<br />
Das Militär zeigte sich zunächst skeptisch, weil Militär grundsätzlich jedem friedlichen Handeln skeptisch gegenübersteht, aber nachdem auch den aggressivsten Köpfen klargeworden war, dass wir technologisch hoffnungslos zurücklagen und eine militärische Auseinandersetzung nie würden gewinnen können, wurde der vollumfänglichen Kooperation schließlich zugestimmt.<br />
Im Gegenzug forderten die Staaten der Erde von den Außerirdischen umfangreiche Entwicklungshilfe, die unserer Intelligenz und Stellung würdig sei. Sie haben es nicht so ausgedrückt, aber es wurde klar, dass sie es genau so meinten. Die mächtigen Staatsmänner sagten, sie würden es als Zeichen der Kooperation und der gegenseitigen Friedfertigkeit betrachten, wenn uns die Außerirdischen mit ihrem gewaltigen Wissensvorsprung unter die Arme greifen würden, doch unter all dem diplomatischen Gefasel lag die Drohung der nuklearen Zerstörung, zur Not eben inklusive des Risikos der eigenen Vernichtung, sollten die Außerirdischen ihr Wissen nicht freiwillig mit uns teilen wollen.<br />
Zwölf Monate lang weilten die Außerirdischen anschließend auf der Erde, betrieben Forschung, stellten Fragen, lebten unter uns und untersuchten unsere Lebensweise. Sie lasen unsere Geschichtsbücher, erhielten Zugriff auf staatliche Archive, studierten unseren Alltag und die Art, wie wir uns gesellschaftlich zu organisieren gewohnt waren. Sie durchwühlten unseren Müll, was uns ein wenig beunruhigte, weil wir sehr viel davon herstellten und oft genug gerade solche Dinge in den Müll schmissen, von denen wir nicht einmal wollten, dass unser Nachbar darüber Bescheid wüsste. Manche unserer Medien machten sich über sie lustig und bezeichneten sie als intergalaktische Penner, weil sie so weit gereist waren, nur um dann unseren Müll zu durchsuchen. In dem zu wühlen, was andere mühsam gekauft und dann weggeschmissen hatten, das fanden wir nicht in Ordnung, weder im Fall terrestrischer noch im Fall außerterrestrischer Mülldiebe, aber bei letzteren machten wir eine Ausnahme, weil sie uns im Gegensatz zum Obdachlosen von der Straße nun einmal leider überlegen waren.<br />
Sie durchwühlten jedoch nicht nur unseren Müll und im metaphorischen Sinn unsere Geschichte, sondern beobachteten auch sehr genau, wie wir Menschen miteinander umgingen und wie wir mit allem anderen haushielten, was dieser Planet uns zur Verfügung stellte. Es gab viele verschiedene Arten, die menschliche Geschichte zu betrachten, doch unterm Strich lief alles darauf hinaus, dass einfach lauter Menschen lauter andere Menschen umgebracht hatten oder, wenn gerade keine anderen Menschen zur Verfügung standen, dann eben die nächstbesten Lebewesen. Wir haben das schon immer für ein Zeichen von Intelligenz und Zivilisation gehalten, also gab es nichts, wofür wir uns hätten schämen müssen.<br />
Nachdem sie diese zwölf Monate mit Forschung und Beobachtung verbracht hatten, erklärten sie uns, sie würden die Erde nun wieder verlassen, genau wie sie es uns angekündigt hatten. Die Staatsmänner aller Nationen zeigten sich angesichts dieser Nachricht sehr traurig, waren innerlich aber froh, diese überlegenen Konkurrenten endlich wieder loszuwerden und versäumten es auch nicht, mit Nachdruck auf die versprochene Unterstützung der Außerirdischen hinzuweisen. Wenn Staaten auf etwas hinweisen, dann machen sie das oft sehr subtil, beispielsweise mit Panzern, Bomben und großen Kriegsschiffen. Auf diesen Punkt also ähnlich subtil angesprochen, versicherten uns die Besucher ohne auch nur einen Moment des Zögerns, sie würden selbstverständlich zu ihrem Versprechen stehen. Sie baten uns lediglich um etwas mehr Geduld und um die Möglichkeit, zum Abschied vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen zu dürfen.<br />
Es ließ sich kaum verhehlen, dass man ihnen alles Mögliche zugestanden hätte, wenn sie nur endlich wieder abgeflogen und unsere etablierten Machtstrukturen in Ruhe gelassen hätten, also wurde ihnen ihre Rede gewährt. Eine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte in der Regel auf die Weltpolitik ungefähr so viel Einfluss wie das betrunken von sich gegebene Stammtischgeschwätz in einer beliebigen Kneipe, nur war die Wahrscheinlichkeit um einiges größer, an einem Kneipentisch einen Ehrenmann vorzufinden. Mit großem Getöse feierte man den Tag des Abschieds, der wie ein Tag der Befreiung behandelt wurde, obwohl sie uns gegenüber nie als Besatzer aufgetreten waren. Reihum hielten die Regierungschefs der größten Länder ihre Ansprachen, in denen sie sich vor Lob und aufgesetzter Dankbarkeit geradezu überschlugen. Als letztes trat ein Vertreter der Besucher nach vorne ans Rednerpult.<br />
Die Menschheit wurde wegen zahlreicher Verbrechen gegen das Leben zum Aussterben verurteilt. Wäre das empörte Gerede im Saal nicht so laut gewesen, man hätte das globale Unterkieferherunterklappen tatsächlich hören könne. Die Schwere des Verbrechens und das daraus hervorgehende scharfe Urteil, so erklärten sie uns, wurden deutlich bei Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung unserer Spezies. Anstatt aus Verfehlungen zu lernen, und an Verfehlungen zeigte sich die menschliche Geschichte reich, waren über Generationen hinweg die Möglichkeiten verfeinert worden, den eigenen Eroberungsfeldzug gegen den Planeten und letztlich das gesamte Universum zu optimieren, offensichtlich ohne jedes Gefühl der Reue, ohne Skrupel und ohne Rücksicht auf menschliches oder nichtmenschliches Leben. Um eine Gefahr für andere Planeten und deren Lebensformen abzuwenden, habe man sich darauf geeinigt, präventiv einzugreifen. Wie um diesen Anklagepunkt sofort zu bestätigen, drohten einige Staaten mit der atomaren Antwort auf dieses in ihren Augen lächerliche Urteil, und es hätte bloß eines durchschnittlichen menschlichen Idioten bedurft, um diese Drohung ernsthaft umzusetzen, doch war der zum Glück entweder gerade in der Kneipe oder einfach zu unfähig für die gestellte Aufgabe.<br />
Wie unsere Besucher uns erklärten, hatten sie der Erdatmosphäre eine speziell für diesen Zweck entwickelte Art von Mikroorganismen beigefügt, die das Urteil biotechnologisch umsetzen sollten, indem sie ausschließlich die menschliche Spezies befallen und mit makelloser Effektivität deren Unfruchtbarkeit bewirken würden. Dann verließen sie unseren Planeten wieder.<br />
Natürlich haben wir versucht, uns mit verzweifelter Anstrengung gegen die Folgen der extraterrestrischen Intervention zu wehren, wir tun es noch immer. Unsere Wissenschaftler waren sich bereits nach kurzer Zeit sehr sicher, die verantwortlichen Mikroorganismen schnell analysieren und unschädlich machen zu können, wie sie sich bereits bei allen anderen drängenden Problemen der Menschheit zuvor stets schnell sicher gewesen waren, diese unter Kontrolle bringen zu können. Die Strafe der außerirdischen Besucher hat ermöglicht, was zuvor nur bloße Utopie war. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist zu beobachten, dass alle Staaten, alle Kontinente, alle Gruppen und alle Fraktionen friedlich zusammenarbeiten, denn es geht um nicht weniger als das verbindende Projekt, eine rettende Lösung zu finden, die der Menschheit das Überleben ermöglichen soll. Je länger wir daran arbeiten, desto deutlicher wird jedoch auch, dass wir gegen den technologischen Vorsprung unserer Richter vermutlich keine ernstzunehmende Chance haben werden. Die Zeit läuft uns davon. Seit siebzehn Jahren wurde auf dem gesamten Planeten keine einzige Schwangerschaft mehr verzeichnet.<br />
Wir forderten von ihnen eine Form der Unterstützung, die unserer würdig sei, und ich fürchte, genau das haben wir bekommen.</p>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/das-ende-der-liebe/' rel='bookmark' title='Das Ende der Liebe'>Das Ende der Liebe</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/vom-suchen/' rel='bookmark' title='Vom Suchen'>Vom Suchen</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/das-grosse-glueck/' rel='bookmark' title='Das große Glück'>Das große Glück</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/sei-doch-mal-konstruktiv/' rel='bookmark' title='Sei doch mal konstruktiv'>Sei doch mal konstruktiv</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/im-ewigen-eis/' rel='bookmark' title='Im ewigen Eis'>Im ewigen Eis</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/frieden-auf-erden/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mensch-Maschine</title>
		<link>http://pala.mischamandl.de/mensch-maschine/</link>
		<comments>http://pala.mischamandl.de/mensch-maschine/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 08 Dec 2010 17:40:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Mechanisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Klemperer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://pala.mischamandl.de/?p=1712</guid>
		<description><![CDATA[Aber ist es romantisch zu werten, wenn Goebbels von einer Fahrt in bombenzerstörte Weststädte pathetisch lügt, er selber, der doch den Betroffenen Mut einflößen wollte, fühlte sich durch ihr unerschütterliches Heldentum »neu aufgeladen«? Nein, hier wirkt bestimmt und allein die Gewöhnung, den Menschen zu einem technischen Apparat zu erniedrigen. Ich sage es deshalb mit Bestimmtheit, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Aber ist es romantisch zu werten, wenn Goebbels von einer Fahrt in bombenzerstörte Weststädte pathetisch lügt, er selber, der doch den Betroffenen Mut einflößen wollte, fühlte sich durch ihr unerschütterliches Heldentum »neu aufgeladen«? Nein, hier wirkt bestimmt und allein die Gewöhnung, den Menschen zu einem technischen Apparat zu erniedrigen.<br />
Ich sage es deshalb mit Bestimmtheit, weil in den andern technischen Metaphern des Propagandaministers und des Goebbelskreises der unmittelbare Bezug auf das Maschinelle ohne jede Erinnerung an irgendwelche Kraftströme herrscht. Wieder und wieder werden tätige Menschen mit Motoren verglichen. So heißt es etwa im »Reich« von dem Hamburger Statthalter, er sei in seiner Arbeit wie »ein immer auf Hochtouren laufender Motor«. Viel stärker aber als solch ein Vergleich, der immerhin einen Grenzstrich zieht zwischen dem Bild und dem damit verglichenen Objekt, viel gravierender zeugt für die mechanisierende Grundanschauung ein Goebbelssatz wie dieser: »Wir werden in absehbarer Zeit auf einer Reihe von Gebieten wieder zu vollen Touren auflaufen.« Wir werden also nicht mehr mit Maschinen verglichen, sondern wir sind Maschinen. Wir: das ist Goebbels, das ist die nazistische Regierung, das ist die Gesamtheit Hitlerdeutschlands, die in schwerer Not, bei schrecklichem Kräfteverlust ermutigt werden soll; und sich selber und all seine Getreuen vergleicht der sprachgewaltige Prediger nicht etwa, nein, identifiziert er mit Maschinen. Eine entgeistigtere Denkart als die sich hier verratende ist unmöglich.<br />
<small>(Victor Klemperer &#8211; LTI)</small></p></blockquote>
<p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/ehrlichkeit-der-sprache/' rel='bookmark' title='Ehrlichkeit der Sprache'>Ehrlichkeit der Sprache</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/ehrliche-antwort/' rel='bookmark' title='Ehrliche Antwort'>Ehrliche Antwort</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/der-irreparable-mensch/' rel='bookmark' title='Der irreparable Mensch'>Der irreparable Mensch</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/keiner-traegt-das-leben-allein/' rel='bookmark' title='Keiner trägt das Leben allein'>Keiner trägt das Leben allein</a></li>
<li><a href='http://pala.mischamandl.de/arbeit-ist-scheisse/' rel='bookmark' title='Arbeit ist Scheiße!'>Arbeit ist Scheiße!</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://pala.mischamandl.de/mensch-maschine/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

