Feb 14 2010

Für die Ewigkeit

Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit ist von stetiger Entbehrung geprägt worden und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld für das, was sie Familie nannte, zu verdienen. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie recht bald wieder verlieren würde. Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür genutzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben selten bloß geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.
Vor zwei Tagen, als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar so etwas wie Euphorie. Spät am Abend, die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste, stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß beiläufig, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und all die Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem von ihnen, zu dieser unglücklichen jungen Frau darauf, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.


Jan 30 2010

Lieblose Abstraktionen

Forgetting that beauty and happiness are only ever incarnated in an individual person, we replace them in our minds by a conventional pattern, a sort of average of all the different faces we have ever admired, all the different pleasures we have ever enjoyed, and thus carry about with us abstract images, which are lifeless and uninspiring because they lack the very quality that something new, something different from what is familiar, always possesses, and which is the quality inseparable from real beauty and happiness. So we make our pessimistic pronouncements on life, which we think are valid, in the belief that we have taken account of beauty and happiness, whereas we have actually omitted them from consideration, substituting for them synthetic compounds that contain nothing of them.
(Marcel Proust – In the Shadow of Young Girls in Flower)


Jan 27 2010

What did thinking ever do for me?

I never thought about things at all, everything changed, the distance that wedged itself between me and my happiness wasn’t the world, it wasn’t the bombs or burning buildings, it was me, my thinking, the cancer of never letting go, is ignorance bliss, I don’t know, but it’s so painful to think, and tell me, what did thinking ever do for me, to what great place did thinking ever bring me? I think and think and think, I’ve thought myself out of happiness one million times, but never once into it.
(Jonathan Safran Foer – Extremely Loud and Incredibly Close)


Jan 26 2010

Wenn du in einen Abgrund blickst

„Wieso bist du hier?“

„Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“

„Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“

„Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“

„Er war nicht glücklich.“

„Deine gewohnte Überheblichkeit, mein Freund. Nein, er war nicht glücklich, aber war nie so unglücklich wie jetzt, nach alledem, was du ihm angetan hast.“

„Was ich ihm angetan habe? Du bist so selbstgerecht wie eh und je. Ich war für ihn Prometheus!“

„Du warst für ihn Pandora.“

„Ich gab ihm Hoffnung…“

„Enttäuscht!“

„…ich gab ihm Zuversicht …“

„Ernüchtert!“

„…ich gab ihm Glauben an das Gute.“

„Und was hat es gebracht? Was hat es ihm gebracht?“

„Er führt endlich ein Leben, ein richtiges Leben. Was für ein Leben war es denn zuvor, bevor ich kam, als er noch fügsam auf dich hörte? Was waren deine Leistungen für ihn, was hast du Gutes je für ihn getan? Du hast ihn mit dem Wahn infiziert, die Welt habe ihm nichts, aber auch gar nichts zu bieten, hast ihn entmutigt und ihn mitleidig beschworen, sich hinter einer Mauer zu verstecken, die du bereitwillig für ihn errichtet hast. Alles, was er sah, das war für ihn nur schlecht, böse und es nicht wert, sich darauf einzulassen.“

„Bis du kamst, nicht wahr, und ihm gesagt hast, er brauche nur in das Gute zu vertrauen, und das Gute würde geschehen. Oh, du Narr! Er war naiv genug, um dir zu glauben, doch was bekam er dann dafür? Enttäuschung, Wut, Verzweiflung. Es hat sich nie gelohnt. Das Gute, das du ihm versprachst, hat er bis heute nicht gesehen.“

„Er wird es sehen und das Warten wird sich für ihn lohnen, wenn er bloß jetzt nicht resigniert, wenn er sich Offenheit bewahrt und nicht in seinem Gram verschließt. Bleib von ihm fern, und auf lange Sicht wird alles gut.“

„Das Warten, das Warten, das Warten. Wie lange soll er denn noch warten? Schau ihn dir an, er hat genug vom Warten. Wer kann es ihm verübeln? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vertröstest du ihn mit diesem vorlauten, hanebüchenen Optimismus, er müsse nur Geduld haben, und das Gute werde ihn ereilen. Nie hat er irgendwas davon gesehen, bis heute wurde es nicht wahr. Zum Teufel mit der Geduld! Zum Teufel mit der Offenheit!“

„Du wirst ihn nicht wieder bekommen. Er ist ein besserer geworden.“

„Ach ja? Wie war er denn, bevor du ihn verführen kamst?“

„Zynisch. Er war ein Pessimist, er hatte keinerlei Erwartungen an die Welt, denn da warst du und hast sie ihm genommen.“

„Aber du gabst ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen…?“

„Ganz recht, ich gab ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen, während du ihm alles nahmst.“

„Du gabst ihm Luftschlösser, Träume und Illusionen! Du hast ihm die verbotene Frucht präsentiert und er, er hat sie sich genommen. Hat sich eine seiner Erwartung erfüllt, die du in ihm gesät hast? Irgendeine? Sein Unglück, das ihn nun so quält, was glaubst du wohl, woher es rührt? Jede ernsthafte Erwartung wurde enttäuscht, jede aufrichtige Hoffnung, jedes offene Vertrauen. Wo du auftrittst, endet es immer wieder gleich. Quellen der Pein sind alles, was du ihm gegeben hast. Das ist sein Unglück! Ohne dich hätte er all das Leid nie erfahren, und er lebte gut so, bevor du anfingst, alles zu zerstören.“

„Ja, denn das war deine Lösung für ihn: Leere. Natürlich, er konnte nicht enttäuscht werden, wenn er keinerlei Erwartungen hegte, aber kann ein Mensch so je glücklich werden? Er wird sein Glück nur finden können, wenn er das Risiko wagt, von Zeit zu Zeit enttäuscht zu werden. Du aber hast ihm alles genommen, für das es sich zu leben lohnt. Er hatte keinerlei Hoffnung für die Zukunft. Es gab niemanden, dem er sein Vertrauen schenkte. Kein Mensch war ihm wichtig, die Welt für ihn ein schlechter Ort. Und du besitzt die Unverschämtheit, es zu wagen, das ein gutes Leben zu nennen, was er da führte?“

„Ein besseres als du es ihm geschaffen hast. Zynismus hat ihn nie so hart enttäuscht wie du. Früher war er stärker, früher hatte er sein Bollwerk gegen die Welt. Doch dann kamst du, mein Freund, der edle Befreier, und du erst hast ihm eingeredet, er könne so nicht leben, das mache ihn nicht glücklich, er solle alle Tore seiner Festung öffnen, um das Gute in sein Leben ziehen zu lassen. Aber was kam wirklich durch die Tore? Sieh ihn dir an! Er ist unglücklicher als je zuvor.“

„Er kann nicht einfach wieder zurückgehen, nicht nachdem er so weit gekommen ist. Wenn er die Hoffnung fahren lässt, ist er so gut wie tot, das siehst auch du. Ich zeige ihm das Leben, du zeigst ihm bloß Verzweiflung.“

„Ich zeige ihm, wie er Verzweiflung aus dem Weg geht, die du erst in sein Leben gebracht hast. Er hat genug von dir. Seine Geduld ist am Ende, deswegen bin ich hier. Er wird dich nicht länger beschützen. Du hattest deine Chance und du hast versagt.“

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird, schreibt Nietzsche, und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.


Jan 24 2010

Ein Eiland weit, allein im Meer

Wünschst du nicht auch manchmal, du fändest eine Insel? Wenn du dich schlafen legst und das nicht kannst, wenn du durch Straßen einer Großstadt gehst, wenn du in fremde Augen blickst, dann tust du es vielleicht. Ein Ort, der nirgendwo verzeichnet ist, ein Platz fernab jedem Gewühl, ein Unterschlupf, der dich mit Kraft versorgt, mit Glück und Mut und Euphorie, ja, ein Idyll, das nur für dich dein Eden ist. Suchst du das auch?
In all dem Chaos dieser Welt, da fand ich eine Insel. Wenngleich sie keinen Goldschatz barg, so ist sie doch, was ich für mich als Reichtum mag. Ein Eiland fand ich und erkor es mir zum Paradies. Zwar schuf der Mensch sich Königreiche mit Palast, sah Dynastien und goldene Zeiten, doch nichts hat je so großen Wert wie dieser Flecken Land gehabt. Wie ein Schiffbrüchiger bin ich durch Zufall hier gestrandet, gewiss, doch für nichts auf dieser Erde ginge ich von hier je wieder fort. Nicht die Herrschaft über den Planeten, nicht das Geld aus allen Banken kann ersetzen, was diese Insel mir so friedlich schenkt. Es wird nach mir gesucht werden, befürchte ich, um mich zu retten - doch meine Rettung habe ich bereits gefunden, sie liegt hier und nirgends sonst. Man wird mich für verloren erklären und nie erfahren, wie falsch man damit doch in Wahrheit liegt, denn alles, was es sich zu finden lohnte, finde ich hier. Alleine kraft einer glücklichen Strömung setze ich endlich einen Fuß auf diesen Strand. Was ich hier fand, das ist ein Eiland weit, allein im Meer, das ich zu meiner Heimat nahm, weil eine bessere die Welt mir niemals bieten kann. Was ich hier fand, das ist für mich ein Jungbrunnen, und mag der Begriff durch all die schäbigen Romane, in deren Kitschhölle er brennt, auch noch so abgeschmackt erscheinen, kann ich es doch nicht anders ausdrücken als so, mit diesem Wort.
Ist es Isolation, mich nun an diesen Ort zurückzuziehen? Vielleicht verschließe ich die Augen vor der Welt, doch hier erst wuchsen mir die Augen, dank derer mir die Welt beachtenswert erscheint, und hier erst nehme ich die Farben wahr, die schillernd alles kleiden, während sich vormals meine Umwelt bloß in Grau ertrank. Keine Legenden und keine Erzählungen vermögen die Einzigartigkeit dieses wunderbaren Ortes angemessen zu beschreiben, denn er ist undenk- und gar nicht vorstellbar, solange man nicht selbst sein Leben hier verbringt. All jene Belanglosigkeiten, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens wünscht, verlieren vollends an Bedeutung, wenn man die Schönheit und die Wunder dieser Insel einmal kennt. Es gibt hier alles, was ein Mensch zum Überleben braucht, zum Leben gar, nicht bloß zum Existieren. Was ich hier fand, ist eine Insel jenseits aller Schifffahrtsrouten. Ein Stück der Welt, das jeder Karte sich entzieht, noch Kartografie an sich unmöglich macht, ein Platz, der keine Grenzen kennt und keine Mauern, der blinde Ortskenntnis verlangt und an zwei Tagen nie der gleiche ist, ein Land so weit von aller Zivilisation. Keinen Armeen, keinen Legionen, keinen Heerscharen dieser Welt, wie groß und mächtig sie auch sein mögen, wird es gelingen, hier je roh einzufallen und alles zu zerstören. Sie haben es versucht und sie sind jedes Mal gescheitert. Während die größten Reiche untergehen, hat diese Insel hier bestand. Schon Troja fiel, als Paris dieses Eiland fand. Hier lebt, was allseits sonst bereits im Sterben liegt. Hier wächst, was auf dem Rest der Welt verdorrt. Vielleicht ist dieser Ort ja voll Magie, denn alle Kräfte scheinen hier viel mehr noch als sie selbst zu sein. Entgegen einer Welt, die mehr und mehr in Argwohn zu versinken droht, ist diese Insel hier ein Sanktuarium des völligen Vertrauens. Immer und immer wieder gelingt es den Eigenarten dieser Insel, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zeichnen, und noch in der dunkelsten Stunde der Trauer finde ich hier etwas, das mich die Welt umarmen, das sie liebenswert erscheinen lässt. Alles, was es wert ist, gewusst zu werden, habe ich hier gelernt und lerne ich hier noch heute.
Hast du solch einen Platz je zuvor für dich gefunden? Wenn ich jemals von hier fortgehen, wenn ich die Insel eines Tages nun verlassen müsste, ich wüsste nicht, ob ich es überleben würde. Was hat die Welt mir Gutes noch zu bieten, wenn dieser Ort mir nicht mehr bleibt? Und wo er liegt, fragst du dich nun? Das Eiland, das schufst du.


Jan 22 2010

I know exactly why I was happy

In a vacuum all photons travel at the same speed. They slow down when travelling through air or water or glass. Photons of different energies are slowed down at different rates. If Tolstoy had known this, would he have recognised the terrible untruth at the beginning of Anna Karenina? ‘All happy families are alike; every unhappy family is unhappy in its own particular way.’ In fact it’s the other way around. Happiness is a specific. Misery is a generalisation. People usually know exactly why they are happy. They very rarely know why they are miserable. (…) Misery is a vacuum. A space without air, a suffocated dead place, the abode of the miserable. Misery is a tenement block, rooms like battery cages, sit over your own droppings, lie on your own filth. Misery is a no U-turns, no stopping road. Travel down it pushed by those behind, tripped by those in front. Travel down it at furious speed though the days are mummified in lead. It happens so fast once you get started, there’s no anchor from the real world to slow you down, nothing to hold on to. Misery pulls away the brackets of life leaving you to free fall. Whatever your private hell, you’ll find millions like it in Misery. This is the town where everyone’s nightmares come true.
(Jeanette Winterson – Written on the Body)


Okt 5 2008

Auf lange Sicht endet alles gut

Von Zeit zu Zeit wirst du Fehler machen. Fehler sind unvermeidlich. Manchmal werden deine Fehler sogar riesig sein. Hauptsache ist, dass du aus ihnen lernst. Es ist keine Schande hinzufallen, vorausgesetzt man ist zwei Zentimeter größer geworden, wenn man sich wieder erhebt.
Jahre werden kommen, an denen du dich weit weg von Zuhause befindest. Du wirst dir vielleicht nicht mehr sicher sein, wo du hingehörst. Vergiss nicht: das Zuhause ist überall, es ist an keinen Ort gebunden. Du bist da zuhause, wo dich dein Gefühl hingeführt hat.
Im Laufe deines Lebens wirst du Freunde verlieren und neue gewinnen. Dieser Prozess ist schmerzhaft, aber häufig einfach notwendig. Der Kreis der Freunde ändert sich, du änderst dich, das Leben ändert sich. Irgendwann ist jeder gezwungen, einen eigenen neuen Weg zu finden, und dieser Weg ist vielleicht nicht deiner. Akzeptiere die Freunde so, wie sie sind, und behalte sie immer in guter Erinnerung.
Eins noch: Ich glaube daran… Besser: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Dinge früher oder später immer zum Guten wenden werden. Es gibt schlimme Phasen im Leben. Wir leiden, wir verlieren das, was wir lieben. Der Lebensweg ist niemals leicht. Und das hat auch nie jemand behauptet, aber auf lange Sicht, wenn man dem, an das man glaubt, treu bleibt, endet alles gut.
(Babylon 5)


Sep 9 2007

Macht das glücklich?

Für einen Arbeitsplatz, den sie hassen, für eine Ausbildung, die sie gar nicht wollen, oder sogar nur für ein Praktikum, das wohl die niederste Form der Ausbeutung darstellt, tun sie alles.

Sie leugnen ihre eigene Meinung. Sie leugnen ihre Träume. Sie leugnen ihre Ideale. Sie leugnen ihre Vergangenheit. Sie leugnen, was sie sind. Sie zensieren ihre Internet-Auftritte. Sie wollen nicht zu dem stehen, was sie sagen und denken. Sie kontrollieren, was man bei Google über sie herausfinden kann, und wenn ihnen etwas nicht gefällt, dann wollen sie das ändern. Sie nehmen Bilder aus dem Netz, die sie vielleicht in einem schlechten Licht darstellen könnten. Sie wollen glänzen.

Sie haben ständig die Schere im Kopf. Sie wollen nicht auffallen. Zumindest nicht negativ. Doch weil es einfacher ist, überhaupt nicht aufzufallen, gehen sie diesen Weg. Sie buckeln nach oben und sie treten nach unten. Sie kuschen und gehorchen.

Sie brauchen Menschen, die ihnen sagen, was sie tun sollen. Sie wollen nicht alleine laufen. Trotzdem sind sie einsam, oft gemeinsam. Sie wollen nicht frei sein, also sollen alle anderen auch nicht dürfen. Sie wissen nicht, wer sie sind, aber das interessiert sie auch gar nicht. Denn sie sind, was andere von ihnen verlangen. Macht das glücklich?

Wie Wiglaf Droste so treffend schrieb:

Wenn man ihnen ihre Leitplanken schon nicht wegnehmen kann, darf man immerhin drüberweg hüpfen. Innerhalb der Leitplankenkultur gibt es nichts zu finden, das sich zu suchen lohnte.