Nov 8 2011

Was die Lehrer fĂŒr Leistung halten

Die Zeit bis zum Schuljahres-Ende vergeht. Ich bilde mir ein, ich leiste in dieser Zeit etwas. Aber mit Leistung kann einer dies und der andere das meinen. Ich bin der Meinung, ich leiste etwas, was die Lehrer fĂŒr Leistung halten. FĂŒr meinen Vater sind Leistungen die Arbeiten, die ich im Haus und auf den Feldern verrichte (…) FĂŒr die Dorfburschen besteht meine Leistung in der Kumpelei mit ihnen. FĂŒr sie bin ich in jener Zeit wenig leistungsfĂ€hig. (…) Es gab nie eine Zeit, in der ich gern in die Schule ging. Ich habe Mustermenschen stets mit etwas Skepsis bestaunt, zum Beispiel diesen Noatnick, der zwei Schulklassen ĂŒbersprang, und von dem behauptet wird, er habe zwei Lebensjahre eingespart. Ich weiß nicht, ob der liebe Gott bei der Erschaffung des Menschen an die Schule dachte, aber dieser Noatnick ist, als ob ihn Gott bearbeitet hĂ€tte, damit er in die Schule passt. Ich hingegen bin neugierig auf alles, was sich außerhalb der Schule zutrĂ€gt, aber das trĂ€gt mir keine hochen Zensuren ein.
(Erwin Strittmatter – Der Laden, Band 2)


Aug 18 2011

Habitus und Komplizenschaft

Der Begriff »Habitus« findet nicht nur in der sozialwissenschaftlichen Forschung, sondern auch im alltĂ€glichen Sprachgebrauch hĂ€ufige Verwendung. Doch was genau ist eigentlich darunter zu verstehen? Wie hĂ€ngen meine Handlungen, mein Sprach- und Kleidungsstil, meine Gestik und meine Gedanken von meiner Stellung im sozialen GefĂŒge ab und warum? Wie funktioniert Gesellschaft und bin ich Opfer der Ă€ußeren UmstĂ€nde oder deren Erzeuger? Mögliche Antworten auf diese und Ă€hnliche Fragen liefert die Ausarbeitung des Habituskonzepts durch Pierre Bourdieu, das den zuvor schon gebrĂ€uchlichen »Habitus«-Begriff aufgreift, diesen also nicht erfunden, aber zu einer eigenen Theorie entwickelt hat (zur Entstehungsgeschichte vgl. beispielsweise Bourdieu 2000 oder Krais/Gebauer 2002).

Das von Bourdieu ausgearbeitete Habituskonzept beschreibt ein System von Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten von Menschen, das ein System von Wahrnehmungs- und Urteilsschemata und dabei „gleichzeitig ein System von Schemata der Produktion von Praktiken und ein System von Schemata der Wahrnehmung und Bewertung der Praktiken“ (Bourdieu 1992a, S. 144) ist. Als solches System der Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten bringt der Habitus bestimmte Formen des Geschmacks – der durchaus auch körperlich zu verstehen ist – sowie des Lebensstils hervor: „wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw. – all das ist eng miteinander verknĂŒpft“ (Bourdieu 1992b, S. 32). Dieser individuelle Geschmack, diese Vorlieben und Handlungs- sowie Denkschemata, also die gesamten Habitusstrukturen eines Akteurs, sind dabei abhĂ€ngig von der jeweiligen sozialen Situation, in der sich ein Akteur wiederfindet, d.h. von dessen Position im sozialen Raum und der Ausstattung mit ökonomischem wie kulturellem Kapital. Wer in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist, wird sich in der Regel anders verhalten als ein Kind aus einer Manager- oder KĂŒnstlerfamilie, um nur einige recht gegensĂ€tzliche Positionen des sozialen Spektrums heranzuziehen. Aufgrund des jeweiligen Sozialisationsmilieus wird der Mensch einen anderen Geschmack entwickeln, sowohl in Hinblick auf Kleidung, Speisen, Ästhetik und allgemeine LebensfĂŒhrung, er wird andere FreizeitbeschĂ€ftigungen bevorzugen, eine andere Sprache gebrauchen, einen anderen Eindruck der Welt aufweisen, andere ZukunftswĂŒnsche hegen und einen anderen Freundeskreis entwickeln, der ihm als soziales Kapital dienen kann. Über die eng mit der sozialen Lage verknĂŒpften Erfahrungen, vor allem jene der selbstverstĂ€ndlichen VerfĂŒgbarkeit verschiedener Kapitalarten oder im Gegenteil deren Mangel, begrĂŒndet sich folglich der individuelle Habitus, der dabei zugleich auch eine Ableitung eines generalisierten Habitus einer bestimmten sozialen Lage ist, weil Akteure unter Ă€hnlichen sozialen Bedingungen in der Regel auch Ă€hnliche Habitus ausbilden, da sie kollektive Erfahrungen gemein haben: „Wer in der Wohlhabenheit, in ökonomischem und kulturellem Reichtum, in der damit gegebenen Sicherheit und Freiheit aufgewachsen ist, entwickelt nicht nur einen anderen Geschmack, sondern auch ein anderes VerhĂ€ltnis zur Welt als jemand, der von frĂŒhester Kindheit an mit Not und Notwendigkeit (
) konfrontiert war“ (Krais/Gebauer 2002, S. 43). Die mit der individuellen sozialen Lage verbundenen ungleichen Sozialisationserfahrungen fĂŒhren dabei zu unterschiedlichen Denkschemata des jeweiligen Akteurs, zu „Grenzen seines Hirns, die er nicht ĂŒberschreiten kann“, weswegen „fĂŒr ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar“ (Bourdieu 1992b, S. 33) sind, sodass der einzelne Akteur „eher abhĂ€ngig von Bedingungen und ZufĂ€llen als von eigenen Entscheidungen und PlĂ€nen [ist] – bzw. genauer: sich auch in seinen Entscheidungen und PlĂ€nen an den ihm je zugĂ€nglichen MöglichkeitsrĂ€umen“ (Liebau 2009, S. 49) orientiert.

Das Habituskonzept erklĂ€rt das Zustandekommen menschlicher Dispositionen, Verhaltensweisen und GeschmĂ€cker mit einer doppelten Geschichtlichkeit, die im jeweiligen individuellen Habitus inkorporiert, also einverleibt wird. Dies ist zum einen die persönliche Geschichte, auch Erfahrung genannt, und zum anderen die Geschichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit, vermittelt ĂŒber die persönliche Geschichte, was bedeutet, dass „Lernprozesse nicht anders denn als Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der Welt begriffen werden“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) können. Diese Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit – die tatsĂ€chlich auch im wörtlichen Sinne körperlich stattfindet, sich also beispielsweise in Haltung, Sprechweise, Geschmack und Gestik manifestiert – erzeugt innerhalb derjenigen sozialen VerhĂ€ltnisse, die diesen Habitus (aus)bilden, das GefĂŒhl von SelbstverstĂ€ndlichkeit und gegenseitigem Verstehen beim Handeln, da die im Habitus inkorporierte soziale Wirklichkeit mit der umgebenden sozialen Wirklichkeit ĂŒbereinstimmt, denn „[d]ie soziale RealitĂ€t existiert sozusagen zweimal, in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in den Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure“ (ebd.). Eine gesellschaftliche Klasse beispielsweise als konkrete Form Ă€hnlicher sozialer VerhĂ€ltnisse ist „untrennbar zugleich eine Klasse von biologischen Individuen mit demselben Habitus als einem System von Dispositionen, das alle miteinander gemein haben, die dieselben Konditionierungen durchgemacht haben“ (Bourdieu 1987a, S. 112). Der individuelle Habitus stellt dabei eine Variante, eine Teilmenge eines solchen Klassenhabitus dar, „das heißt, das Individuum hat wesentliche Elemente seines Habitus mit dem seiner Klassengenossen gemeinsam“ (Krais/Gebauer 2002, S. 37; vgl. Liebau 2009), da sie durch Ă€hnliche Existenzbedingungen geprĂ€gt wurden und weiterhin geprĂ€gt werden (vgl. Bourdieu 2011b), wobei der individuelle Habitus die grundlegenden Strukturen und Dispositionen des Klassenhabitus beinhaltet, aber aufgrund der VielfĂ€ltigkeit möglicher Lebenserfahrungen und sozialer Stellungen sowie der damit einhergehenden Besonderheit der spezifischen persönlichen LebenslĂ€ufe individuell verschieden ist: „[J]edes System individueller Dispositionen ist eine strukturale Variante der anderen Systeme, in der die Einzigartigkeit der Stellung innerhalb der Klasse und des Lebenslaufs zum Ausdruck kommt“ (Bourdieu 1987a, S. 113). Dieses Prinzip der strukturalen Variante eines grundlegenden Gruppenhabitus kann analog fĂŒr das analytische Konstrukt objektiver sozialer Milieus herangezogen werden, sofern deren Akteure jeweils unter Ă€hnlichen Existenzbedingungen leben und entsprechende Erfahrungen durchlaufen haben.

Der Akteur handelt folglich innerhalb jener sozialen VerhĂ€ltnisse, die seinem Habitus entsprechen und dessen Strukturen strukturier(t)en, innerhalb seines Milieus oder seiner Klasse vollkommen intuitiv und generativ kreativ gemĂ€ĂŸ der entsprechenden Logik der gesellschaftlichen Praxis und kann sich ohne bewussten RĂŒckgriff auf bestimmte Regeln oder Normen „wie ein Fisch im Wasser“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161) in dieser Umgebung bewegen, auf die er objektiv abgestimmt ist, ohne dass jedoch eine explizite Absprache oder direkte Interaktion zwischen den Akteuren (vgl. Bourdieu 1987a, S. 109) noch eine subjektive Zweckausrichtung stattfĂ€nde: „Dies kann in dem GefĂŒhl zum Ausdruck kommen, genau »am richtigen Platz« zu sein, genau das zu tun, was man zu tun hat, und es auf glĂŒckliche Weise – im objektiven wie im subjektiven Sinne – zu tun oder in der resignierten Überzeugung, nichts anderes tun zu können, auch eine freilich weniger glĂŒckliche Weise, sich fĂŒr das, was man tut, geschaffen zu fĂŒhlen“ (Bourdieu 2011a, S. 31f). Der jeweilige Akteur als Inhaber eines bestimmten Habitus fĂŒhlt sich demzufolge gemĂ€ĂŸ einer Art „sense of one’s place“ (Goffman zitiert nach Bourdieu 1992a, S. 141) in einer Umwelt am besten aufgehoben und zugehörig, die in ihrem kollektiven Habitus am ehesten seinem individuellen Habitus entspricht, d.h. der Habitus „bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat“ (Bourdieu 1982, S. 286) — „einen Umstand, den Bourdieu auch als »amor fati« bezeichnet, als Wahl oder Annehmen des Schicksals“ (Krais/Gebauer 2002, 43). Durch dieses GespĂŒr fĂŒr den »richtigen« Platz, die damit verbundene Akzeptanz des eigenen »Schicksals« und die unbewusste »Wahl« einer dem persönlichen Habitus entsprechenden Umwelt „schĂŒtzt sich der Habitus vor Krisen und kritischer Befragung, indem er sich ein Milieu schafft, an das er so weit wie möglich vorangepaßt ist, also eine relativ konstante Welt von Situationen, die geeignet sind, seine Dispositionen dadurch zu verstĂ€rken, daß sie seinen Erzeugnissen den aufnahmebereitesten Markt bieten“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Es wird dadurch ein sozialer Zusammenhang hergestellt, der unbewusst verbindet, d.h. „[d]er soziale Zusammenhalt wird immer wieder gestiftet durch die Wahlverwandtschaften, die sich aus einem gemeinsamen Habitus und Geschmack ergeben und die sich in (
) Handlungsgemeinschaften verkörpern“ (Vester et al. 2001, S. 169).

Das Habituskonzept und darauf aufbauende Konzepte begreifen „die Individuen weder als bloße Objekte vorgegebener objektiver Strukturen noch als völlig freie Subjekte, sondern in der Wechselwirkung ihrer Beziehungen, in denen sie beides sind“ (Vester et al. 2001, S. 150). Gleichzeitig wird das Individuum als ein von Geburt an vergesellschafteter Akteur betrachtet, womit das Habituskonzept die kĂŒnstliche Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft ĂŒberwindet: „Man wird nicht Mitglied einer Gesellschaft, sondern ist es von Geburt an (
) und von Geburt an befindet man sich in einer aktiven Auseinandersetzung mit der Welt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61). Auf diese Weise wird eine BrĂŒcke zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Strukturalismus und Konstruktivismus geschlagen, die eine gegenseitige Beeinflussung bedingt sowie die unbewusste und objektiv aufeinander abgestimmt erscheinende Verhaltensgrundlage fĂŒr das völlig selbstverstĂ€ndliche und angepasste Interagieren zwischen Akteuren mit mehr oder weniger homogenen Habitus erlaubt, die auf ebenso mehr oder weniger homogenen Existenzbedingungen basieren. Der Habitus ist demzufolge strukturierte und strukturierende Struktur zugleich, die „konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 154), denn „[m]it dem Habitus sind wir in der Welt und haben die Welt in uns“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) — wĂ€hrend »die Welt in uns«, verstanden als weitgehend selbstverstĂ€ndliche Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit, die Strukturen des Habitus strukturiert, mit dem wir in der Welt sind, also „zur Ausbildung einer situationsangepassten RationalitĂ€t, eines praktischen Sinns [fĂŒhrt], der ‚weiß‘, was in welcher Situation zu tun und was zu lassen ist“ (Liebau 2009, S. 47), strukturiert der Habitus wiederum auf dieser Grundlage das Handeln und damit letztlich die gesellschaftliche Welt. Mittels der strukturierten und strukturierenden Struktur des Habitus erklĂ€rt sich, wie Gesellschaft ĂŒberhaupt zustande kommt, ohne dass sĂ€mtliche beteiligte Akteure bewusst oder zielgerichtet auf das Herstellen einer gesellschaftlichen Ordnung oder das gesellschaftliche Funktionieren an sich hinarbeiten, wie Gesellschaft demnach ganz beilĂ€ufig entsteht, indem die Akteure ihren alltĂ€glichen Handlungen nachgehen und damit „ununterbrochen dazu bei[tragen], die soziale Struktur zu reproduzieren“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 174), denn der Habitus stellt „strukturierte Strukturen [dar], die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d.h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen fĂŒr Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepaßt sein können, ohne jedoch bewußtes Anstreben von Zwecken (
) vorauszusetzen, die objektiv »geregelt« und »regelmĂ€ĂŸig« sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein“ (Bourdieu 1987a, S. 98). Der Habitus wird allgemein durch die gesellschaftlichen Bedingungen und im Speziellen durch eine bestimmte, individuelle Komposition objektiv-realer Existenzbedingungen sowie entsprechender Sozialisationserfahrungen geformt und formt seinerseits wiederum die Gesellschaft, wobei er „jener Verkettung von »ZĂŒgen« zugrunde [liegt], die objektiv wie Strategien organisiert sind, ohne das Ergebnis einer echten strategischen Absicht zu sein“ (ebd., S. 116).

Die vom Habitus hervorgebrachten Handlungen sind demzufolge nicht „intellektuellozentrisch“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 153) als rein rationale Strategien zu verstehen, denen eine exakte Bewertung von Erfolgschancen zugrunde liegt, sondern funktionieren „nach einer dem lebenden Organismus eigenen, das heißt nach einer systematischen, flexiblen, nicht mechanistischen Logik“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34), die aufgrund der PrĂ€gung des Akteurs die objektiv unwahrscheinlichsten Praktiken als undenkbare aussortiert (vgl. Bourdieu 1987a, S. 100), womit der scharfen Trennung zwischen Körper und Geist sowie der Vorstellung vom Körper als lediglich passivem Speicher der Erfahrungen widersprochen wird, da der Körper vielmehr „als aktives [und soziales; MM] â€șDingâ€č bei der Erzeugung jener spontanen, immer wieder variierten und kreativ neu erfundenen Akte der Individuen“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34; vgl. Kalthoff 2004) auftritt: „Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Tun mehr Sinn, als sie selber wissen“ (Bourdieu 1987b, S. 127).

In den Habitus gehen die Denk- und Sichtweisen, die Wahrnehmung, Weltanschauung etc. einer Gesellschaft bzw. einer gesellschaftlichen Lage ein, werden somit zur zweiten Natur des Akteurs, der nun aufgrund dieser Inkorporierung der sozialen VerhĂ€ltnisse vollkommen selbstverstĂ€ndlich gemĂ€ĂŸ diesen handelt und dadurch die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, die seinen Habitus hervorgebracht haben, wiederum reproduziert. Sowohl die persönliche als auch die gesellschaftliche Vergangenheit wirken in ihm in der Gegenwart fort und bestimmen sein Verhalten, allerdings „um den Preis des Vergessens“ (Krais 2004, S. 91) seiner Entstehung aus bestimmten sozialen VerhĂ€ltnissen. Das Äußere der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse wird also inkorporiert und zum Inneren, zum Körper gewordenen Sozialen (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161), und reproduziert auf die Weise des VerĂ€ußerlichens dieses Inneren wiederum objektive gesellschaftliche Strukturen. In einer sozialen Umwelt, die mit dem persönlichen Habitus der Akteure ĂŒbereinstimmt, werden diese aufgrund der in ihrem Habitus inkorporierten Erfahrung rein intuitiv handeln und mĂŒssen in einer fĂŒr sie neuen Situation nicht erst bewusst darĂŒber nachdenken, was nun zu tun sei.

Je nach sozialer Lage bieten sich den einzelnen Akteuren unzĂ€hlige Zukunftsmöglichkeiten, allerdings mit unterschiedlicher Eintritts- oder Realisierungswahrscheinlichkeit, d.h. „die Vielzahl möglicher Welten [ist] zu jedem Zeitpunkt durch die jeweils wirkliche Welt, durch die gegebenen sozialen VerhĂ€ltnisse begrenzt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46), so wie es fĂŒr manche soziale Gruppen wahrscheinlicher ist als fĂŒr andere, beispielsweise sozial aufzusteigen oder eine Studienlaufbahn einzuschlagen. Über den Habitus und die darin inkorporierten Erfahrungen, die die sozialen Wahrscheinlichkeiten und damit auch die eigene wahrscheinliche Zukunft miteinschließen, richten die Akteure schließlich ihre Handlungen auf diejenige Zukunft aus, die objektiv am wahrscheinlichsten ist, und lassen sie dadurch in einer Art „KausalitĂ€t des Wahrscheinlichen“ (ebd.) Wirklichkeit werden, denn „[a]uch wenn [die sozialen Determinanten] nicht bewußt wahrgenommen werden, zwingen sie den einzelnen, sich nach ihnen, das heißt nach der objektiven Zukunft der betreffenden gesellschaftlichen Klasse auszurichten“ (Bourdieu/Passeron 1971, S. 44). Der individuelle Habitus leistet also innerhalb homologer gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse auch die Vorwegnahme und gleichzeitige HerbeifĂŒhrung einer wahrscheinlichen Zukunft, da die Handlungen und unbewussten Strategien des Habitus „stets die objektiven Strukturen zu reproduzieren trachten, aus denen sie hervorgegangen sind“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Die wahrscheinliche Zukunft kann ĂŒber den Habitus aus Erfahrung, „d.h. durch die bereits eingetretene Zukunft frĂŒherer Praktiken“ (ebd.), als eben solche antizipiert werden, weil die im Habitus inkorporierte Geschichtlichkeit oder Erfahrung mit den Bedingungen und der Geschichtlichkeit der sozialen VerhĂ€ltnisse ĂŒbereinstimmt, woraus sich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit des Handelns ergibt.

Diese SelbstverstĂ€ndlichkeit des Handelns geht jedoch verloren, sobald die sozialen VerhĂ€ltnisse nicht lĂ€nger dem Habitus eines Akteurs entsprechen, sprich wenn die in den sozialen Institutionen objektivierte Geschichtlichkeit nicht lĂ€nger mit der inkorporierten Geschichtlichkeit ĂŒbereinstimmt, denn die bestehende Strukturierung des Habitus „schließt aus, dass er alles verarbeitet, was in der Welt ist“, also „nur Dinge aufnehmen und einbauen kann, fĂŒr die er bereits eine Art â€șAnkopplungsstelleâ€č hat“ (Krais/Gebauer 2002, S. 64). Findet sich ein Akteur in einem sozialen Umfeld mit hochgradig abweichenden sozialen Bedingungen vor, entspricht seine einverleibte Geschichte oder Erfahrung nicht lĂ€nger der institutionalisierten Geschichte seiner Umgebung, sein persönlicher Habitus entspricht also nicht lĂ€nger den sozialen VerhĂ€ltnissen und zeichnet sich durch eine TrĂ€gheit aus, da er fĂŒr die Gegebenheiten der neuen sozialen Umwelt kaum Ankopplungsstellen aufweist. Da der Habitus zwar durchaus verĂ€nderbar ist und die ihm zugrunde liegende Inkorporierung ein Leben lang stattfindet (vgl. Krais/Gebauer 2002), er aber stets von seiner ursprĂŒnglichen Strukturierung durch die PrimĂ€rsozialisation in einer Art anhaftendem »Stallgeruch« geprĂ€gt bleiben wird, tritt das auf, was Bourdieu als hysteresis-Effekt bezeichnet (vgl. Bourdieu 1982, S. 238f), nĂ€mlich eine TrĂ€gheit oder ein Nachhinken des Habitus, der nun in einer völlig neuen Situation unter anderen sozialen Bedingungen nicht mehr angemessen ist, infolgedessen auch der Akteur sich nicht lĂ€nger angemessen verhalten kann: „Seinen Habitus, der ja die persönliche und soziale IdentitĂ€t eines Individuums ausmacht, kann man nun, wenn sich die individuellen LebensverhĂ€ltnisse verĂ€ndern, nicht einfach wechseln wie ein Kleid“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46). Über lĂ€ngere Zeit wird sich der Habitus des Akteurs den neuen sozialen VerhĂ€ltnissen zwar annĂ€hern, seinen »Stallgeruch« der PrimĂ€rsozialisation durch das vorhergehende Milieu allerdings nicht vollstĂ€ndig ablegen können (vgl. Bourdieu 2000; Hartmann 2004, S. 92f; Krais 2004, S. 99f).

Zentral ist fĂŒr Bourdieu die selbstverstĂ€ndliche Komplizenschaft zwischen Individuum und sozialen VerhĂ€ltnissen oder Institutionen, die auch gesellschaftliche ZwĂ€nge darstellen können und in der Regel solche sind: „Wir sind ĂŒber diesen Habitus (
) immer versucht, Komplizen der ZwĂ€nge zu sein, die auf uns wirken, mit unserer eigenen Beherrschung zu kollaborieren“ (Bourdieu 2001a, S. 166). Diese Komplizenschaft zwischen Akteur und den ihn umgebenden Strukturen wird durch eine entsprechende Sozialisation innerhalb dieser Strukturen, also durch den jeweiligen Habitus hergestellt, der es den Akteuren erlaubt, gesellschaftliche „Institutionen zu bewohnen (habiter)“ (Bourdieu 1987a, S.107). Dies bedeutet, dass jene objektiven Strukturen nur Bestand haben können, indem sie in den Akteuren wirken und von diesen verinnerlicht, bewohnt, angeeignet werden, die sie dadurch wiederum reproduzieren; folglich wird die „objektivierte, instituierte Geschichte nur dann geschichtliche Aktion, d.h. aktivierte, aktive Geschichte, wenn sie von Akteuren aufgenommen wird, die ihre eigene Geschichte dazu prĂ€disponiert, sie auf sich zu nehmen“ (Bourdieu 2011a, S. 27). So können gesellschaftliche Strukturen wie z.B. Staat oder Schule nur funktionieren, indem die Akteure in gewisser Weise an sie glauben (vgl. praktischer Glaube und praktischer Sinn in Bourdieu 1987b), durch Sozialisation in diesen Strukturen deren Funktionsweise inkorporieren und ĂŒber Habitus und praktischen Sinn mit ihnen in Komplizenschaft treten. Alle betreffenden Akteure teilen daher den ihnen habituell inkorporierten Glauben an die institutionellen Strukturen, was sich in der Anerkennung dieser Strukturen und der entsprechenden Teilnahme manifestiert, wobei sich dieses Teilnehmen allerdings nicht bewusst mit einer strukturfunktionalistischen Absicht vollzieht, sondern aufgrund der entsprechenden Habitus völlig selbstverstĂ€ndlich, intuitiv und grĂ¶ĂŸtenteils unbewusst, so wie man beispielsweise seine Kinder ganz selbstverstĂ€ndlich auf die Schule schickt. Auf diese Weise werden Praktiken und RegelmĂ€ĂŸigkeiten der gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen im Habitus der Individuen verankert, was ihnen das Bewohnen dieser gesellschaftlichen Strukturen ermöglicht, aber aufgrund der selbstverstĂ€ndlichen habituellen Verinnerlichung der sozialen Ordnung auch Macht- und HerrschaftsverhĂ€ltnisse reproduziert. Durch diese Betonung der habituellen Komplizenschaft wird zudem deutlich, dass per se keine antagonistische GegenĂŒberstellung zwischen Individuum und Gesellschaft besteht und nicht Gesellschaft an sich als Zwang gegenĂŒber den Individuen auftritt, sondern bestimmte Praktiken, Ordnungen, Strukturen, Institutionen und letztlich der eigene, vorwiegend unbewusste Glaube daran: „Nicht Gesellschaft als solche ist eine â€șZumutungâ€č, problematisch ist vielmehr Herrschaft. Und Herrschaft tritt nicht einfach von außen an das Individuum heran, sie ist, ĂŒber den Habitus, immer auch in das Individuum selbst eingelagert“ (Krais/Gebauer 2002, S. 79).

Eine Absage etwa an gesellschaftliche ZwĂ€nge kann sich also nicht auf die objektiv erkennbaren Strukturen beschrĂ€nken, sondern muss beim Subjekt beginnen, das diese objektiven Strukturen durch seinen Habitus, durch seine subjektiven Strukturen, reproduziert. Dies erfordert zunĂ€chst das Erkennen der SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der aufgrund der Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit und – darin enthalten – der gesellschaftlichen Denk- und Sichtweisen gehandelt wird, und damit das Erkennen der Grenzen des eigenen Habitus. Bourdieu leistet genau dies, indem er den „Mechanismus der kulturellen Reproduktion“ offen nachzeichnet und in Entgegnung auf den Vorwurf des Determinismus erklĂ€rt, „daß die Intention der Aufdeckung gesellschaftlicher ZwĂ€nge emanzipatorisch ist. Das heißt nichts anderes, als daß man – getreu der alten Regel – auf die Welt nur einzuwirken vermag, wenn man sie kennt: Jeder neue Bestimmungsfaktor, der erkannt wird, eröffnet einen weiteren Freiheitsspielraum“ (Bourdieu 1992b, S. 46).

Ein solcher Freiheitsspielraum gegenĂŒber den gesellschaftlichen ZwĂ€ngen, die als unhinterfragte Notwendigkeiten in den sozialen Gebilden und Denkschemata wirken, kann demzufolge nur durch ihr Erkennen hergestellt werden („was keineswegs dazu verpflichtet und berechtigt, sie anzuerkennen“), denn „[d]ie wissenschaftliche Erkenntnis der Notwendigkeit schließt die Möglichkeit einer Aktion ein, die darauf abzielt, sie zu neutralisieren, und mithin eine mögliche Freiheit, wĂ€hrend das Nichterkennen der Notwendigkeit deren Anerkennung in uneingeschrĂ€nkter Form impliziert: Solange das Gesetz unerkannt ist, erscheint das Resultat des laisser-faire, des Komplizen des Wahrscheinlichen“, also das, was gemĂ€ĂŸ dieses unerkannten Gesetzes scheinbar »einfach so« passiert, was nicht hinterfragt und was als selbstverstĂ€ndlich erachtet wird, „als Schicksal, sobald es erkannt ist, als Gewalt“ (Bourdieu 2011a, S. 53f).


Literatur:

  1. Bourdieu, Pierre (1982). Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M: Suhrkamp.
  2. Bourdieu, Pierre (1987a). Strukturen, Habitusformen, Praktiken. In: Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn (S. 97-121). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  3. Bourdieu, Pierre (1987b). Glaube und Leib. In Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn (S. 122-146). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  4. Bourdieu, Pierre (1992a). Sozialer Raum und symbolische Macht. In Pierre Bourdieu, Rede und Antwort (S. 135-154). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  5. Bourdieu, Pierre (1992b). Die feinen Unterschiede (Interview). In Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht (S. 31-47). Hamburg: VSA-Verlag.
  6. Bourdieu, Pierre (2000). Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft. Konstanz: UVK.
  7. Bourdieu, Pierre (2001). Habitus, Herrschaft und Freiheit. In Pierre Bourdieu, Wie die Kultur zum Bauern kommt (S. 162-173). Hamburg: VSA-Verlag.
  8. Bourdieu, Pierre (2011a). Der Tote packt den Lebenden. In Pierre Bourdieu, Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage) (S. 17-54). Hamburg: VSA-Verlag.
  9. Bourdieu, Pierre (2011b). Wie eine soziale Klasse entsteht. In Pierre Bourdieu, Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage) (S. 97-122). Hamburg: VSA-Verlag.
  10. Bourdieu, Pierre / Jean-Claude Passeron (1971). Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart: Klett.
  11. Bourdieu, Pierre / LoĂŻc Wacquant (1996): Reflexive Anthropologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  12. Hartmann, Michael (2004). Elitesoziologie. Frankfurt/M: Campus.
  13. Kalthoff, Herbert (2004). Schule als Performanz. In Steffani Engler & Beate Krais (Hrsg.), Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen (S. 115-140). Weinheim und MĂŒnchen: Juventa.
  14. Krais, Beate (2004). Habitus und soziale Praxis. In Margarete SteinrĂŒcke (Hrsg.), Pierre Bourdieu. Politisches Forschen, Denken und Eingreifen (S. 91-106). Hamburg: VSA-Verlag.
  15. Krais, Beate / Gunter Gebauer (2002). Habitus. Bielefeld: transcript.
  16. Liebau, Eckart (2009). Der Störenfried. Warum PĂ€dagogen Bourdieu nicht mögen. In Barbara FriebertshĂ€user, Markus Rieger-Ladich, Lothar Wigger (Hrsg.), Reflexive Erziehungswissenschaft (2. Auflage) (S. 41-58). Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften.
  17. Vester, Michael, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, & Dagmar MĂŒller (2001). Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt/M: Suhrkamp.


Mrz 17 2010

Wenn die Dinge ihre Besitzer besitzen

Die ursprĂŒngliche Beziehung zu der sozialen Welt, durch die und fĂŒr die man geschaffen ist, ist ein BesitzverhĂ€ltnis, das den Besitz des Besitzers durch seine BesitztĂŒmer impliziert. Wenn das Erbe sich den Erben angeeignet hat, wie Marx sagt, kann der Erbe sich das Erbe aneignen. Und diese Aneignung des Erben durch das Erbe, die Anpassung des Erben an das Erbe, die die Bedingung fĂŒr die Aneignung des Erbes durch den Erben ist (und die weder etwas Mechanisches noch etwas Schicksalhaftes hat), vollzieht sich durch den kombinierten Effekt der in die Lebensbedingungen des Erben eingeschriebenen Konditionierungen und der pĂ€dagogischen Aktion seiner Vorfahren, der angeeigneten EigentĂŒmer. Der geerbte, dem Erbe angepasste Erbe braucht nicht zu wollen, d.h. zu ĂŒberlegen, zu wĂ€hlen und bewusst zu entscheiden, um das zu tun, was mit den Interessen des Erbes ĂŒbereinstimmt, seiner Wahrung und Mehrung dienlich ist. Er mag genau genommen nicht einmal wissen, was er tut und was er sagt, und vermag gleichwohl nichts zu tun oder zu sagen, was nicht den Erfordernissen des Erbes entspricht. (…) Dies kann in dem GefĂŒhl zum Ausdruck kommen, genau »am richtigen Platz« zu sein, genau das zu tun, was man zu tun hat, und es auf glĂŒckliche Weise – im objektiven wie im subjektiven Sinne – zu tun oder in der resignierten Überzeugung, nichts anderes tun zu können, auch eine freilich weniger glĂŒckliche Weise, sich fĂŒr das, was man tut, geschaffen zu fĂŒhlen.
(Pierre Bourdieu – Der Tote packt den Lebenden, in: Der Tote packt den Lebenden)


Nov 15 2008

Hedonismus der Not

GegenĂŒber der imaginĂ€ren Anthropologie der Wirtschaftswissenschaft, die sich noch nie der Formulierung universeller Gesetze der »zeitlichen PrĂ€ferenz« entschlagen konnte, ist daran zu erinnern, daß die jeweilige Geneigtheit zur Unterordnung gegenwĂ€rtiger WĂŒnsche unter zukĂŒnftige Befriedigungen davon abhĂ€ngt, wie »vernĂŒnftig« dieses Opfer ist, d.h. von den jeweiligen Chancen, auf jeden Fall in der Zukunft mehr an Befriedigung zu erhalten als was gegenwĂ€rtig geopfert wurde. Unter die ökonomischen Bedingungen der Neigung, untermittelbare WunscherfĂŒllung zugunsten kĂŒnftig erhoffter zurĂŒckzustellen, ist gleichermaßen die in der gegenwĂ€rtigen Lage angelegte Wahrscheinlichkeit der zukĂŒnftigen Befriedigung zu rechnen. (…) FĂŒr diejenigen, die – wie es so heißt – keine Zukunft haben, die jedenfalls von dieser wenig zu erwarten haben, stellt der Hedonismus, der Tag fĂŒr Tag zu den unmittelbar gegebenen seltenen Befriedigungsmöglichkeiten (»die gĂŒnstigen Augenblicke«) greifen lĂ€ĂŸt, allemal noch die einzig denkbare Philosophie dar. VerstĂ€ndlicher wird damit, warum der vornehmlich im VerhĂ€ltnis zur Nahrung sich offenbarende praktische Materialismus zu einem der Grundbestandteile des Ethos, ja selbst der Ethik der unteren Klassen gehört: das GegenwĂ€rtigsein im GegenwĂ€rtigen, das sich bekundet in der Sorge, die gĂŒnstigen Augenblicke auszunutzen und die Zeit zu nehmen, wie sie kommt, ist von sich aus Manifestation von SolidaritĂ€t mit den anderen (die im ĂŒbrigen hĂ€ufig genug die einzige vorhandene Sicherheit gegen die Unbill der Zukunft bilden) insoweit, als in diesem gleichsam vollkommenen zeitlichen Immanenzverhalten sich doch auch die Anerkennung der die spezifische Lage definierenden Grenzen offenbart.
(Pierre Bourdieu – Die feinen Unterschiede)