Okt 11 2007

Selbstvermarktung multipler Persönlichkeiten

Sie haben sich immer über die biederen Schlipsträger und Hosenanzugträgerinnen lustig gemacht, die bei Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen arbeiten oder bei anderen, genau so miefigen wie langweiligen Firmen untergekommen sind und dort ihr trostloses Dasein verrichten. Das war ihre Sichtweise. So wollten sie nie enden, diese Perspektive haben sie stets verabscheut. Nun arbeiten sie selbst bei Banken, Versicherungen, Unternehmensberatungen, Marktforschungsinstituten oder in ähnlichen Feldern, die den gleichen kalten Charme versprühen, oder streben es an, das zu tun. Warum?

Verändert haben sie sich nicht. Das ist das Traurigste daran. Hätten sie sich geändert, hätten sie ihre früheren Überzeugungen über Bord geworfen, ja, um plakativ zu werden, sie sozusagen verraten, so wäre das – aus meiner persönlichen moralischen Perspektive – zwar äußerst schade, jedoch konsequent und hätte es verdient, respektiert zu werden. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Unverändert gilt ihr Spott und Hohn den, wie sie sagen, Langweilern und Spießern, die in all den seriösen Berufsfeldern von Banken bis zu Unternehmensberatungen ihr Geld verdienen, und auch weiterhin gehen sie mit der Verachtung der Werte, die diejenigen Institutionen vertreten, für die sie nun selbst tätig sind, hausieren. Dass sie selbst dazugehören, wissen sie, und doch ist ihr Verhalten kein Ausdruck von kritischer Selbstironie. Sie sind nicht geworden, wer sie nie werden wollten, sondern sie spielen eine Rolle, sie inszenieren sich, verkaufen sich, ziehen Masken auf. Auf der einen Seite haben sie ihre Überzeugungen behalten, doch auf der anderen Seite agieren sie genau entgegengesetzt. Ihre Überzeugungen sind Sonntagsüberzeugungen geworden, die unter der Woche in den Schrank gestellt werden, und sie selbst haben durch den Druck der ökonomisch-realen Situation eine komplizierte Ausprägung multipler Persönlichkeiten und moralischer Flexibilität entwickelt, die es ihnen erlaubt, mehrere sich widersprechende Pakete aus Handlungsmustern, Idealen und Überzeugungen in der eigenen Person zu vereinen.

Sie übernehmen eine Rolle. Sie haben ein Drehbuch zugeschickt bekommen, das ihnen nicht gefällt, dessen für sie vorgesehene Rolle sie innerlich eigentlich ablehnen – und doch spielen sie sie. An freien Tagen lästern sie mit ihren Freunden und Bekannten über das, was sie an Arbeitstagen selbst verkörpern. Wenn jemand bei einer Party mit einem T-Shirt herumläuft, das provozierend “Arbeit ist Scheiße!” in die Welt hinaus trägt, dann finden sie das super, so richtig unterstützenswert und klopfen dem Mutigen solidarisch auf die Schulter, doch wenn am darauffolgenden Montag ein Kollege mit dem gleichen T-Shirt am Arbeitsplatz erscheint und dafür Ärger kassiert, raunen sie bloß noch “der Idiot ist selbst schuld!” und wenden sich kopfschüttelnd ihrer Arbeit zu. Doch sie sind keine Heuchler - in unterschiedlichen Situationen glauben sie tatsächlich verschiedene, teils diametral gegensätzliche Dinge und vertreten sich widersprechende Ansichten, ohne diese Widersprüchlichkeit bewusst zu erfassen. Kurz: Ihre neue Rolle verbietet es, eine authentische Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, sondern spaltet die eigene Identität in mehrere verschiedene Schein-Identitäten auf, die stets dort wirksam sind und die eigene Person möglichst ertragreich verkaufen, wo sie als angemessen erscheinen. Dieses Verhalten drückt nicht bloß die harmlose Anpassung an äußere Umstände aus, wie sie in jeder Situation vorhanden ist, sondern verkörpert das allgegenwärtige Sich-Verkaufen und die damit verbundene und stets mitschwingende Selbstreg(ul)ierung, die dafür sorgt, sich aus Angst vor Ächtung in jeder Situation den Anforderungen entsprechend zu vermarkten. Wer sich nicht richtig verkauft, also sich selbst zur Ware erklärt und die eigene Verwertbarkeit autonom maximiert und entsprechend anpreist, sei es nun am Arbeitsplatz, in der Disco oder in der Universität, gilt als hoffnungsloser Verlierer.

Jeder steht dabei für sich alleine, denn so muss es sein. In der Welt der Selbstdarstellung und des Sich-selbst-Verkaufens ist jeder andere der potentielle Feind, der sich schließlich ebenso möglichst erfolgreich verkaufen möchte. Diese paranoide Atmosphäre des ständigen Misstrauens und der Angst produziert ein Verhalten, das sich schließlich auch auf die eigene Persönlichkeit und das Verhältnis zu den Mitmenschen auswirkt, und dort selbst das Verhältnis zu denjenigen mit zunehmender Distanz belegt, die einem eigentlich am nähsten stehen. Die egoistischen und kalkulierend-rationalen Durchsetzungsstrategien, die im Berufsleben zumeist nahegelegt oder gar aufgezwungen werden, transportieren sich bis ins Private, wo sie sich in der austauschbaren Unverbindlichkeit kühl berechnender Verhältnisse zum Mitmenschen niederschlagen.

Freundschaften, so wie alle Beziehungen zu anderen Menschen, werden in dieser Welt der totalen Verwertung und Selbstverwertung ebenso als Waren begriffen, die nützlich und dienlich sein sollen, wie alles andere auch. Sie sind unverbindlich und oberflächlich. Man verkauft sich jedem neuen sozialen Kontakt auf eine andere Weise, um ihm das zu präsentieren, was er sehen möchte, und maximiert dadurch den Erfolg des Selbstverkaufens. Masken werden aufgezogen, Rollen gespielt, Auftritte geübt. Für jeden Kontakt entsteht ein neues soziales Ich, das eine möglichst überzeugende Fiktion darstellt, und die wirkliche Persönlichkeit, die Authentizität der eigenen Person, verkriecht sich aus Angst im stillen Kämmerlein, um die aufgebauten Illusionen nicht zu zerstören. Einen anderen Menschen an sich heranzulassen wird als potentielle Schwäche diskreditiert, die nur dann in Kauf genommen werden kann, wenn es der eigenen Lage dienlich ist, wenn es beispielsweise zu Prestigegewinn führt, zu Problemlösungen beiträgt oder ein den allgegenwärtigen Druck ausgleichendes Amüsement verspricht.

Strategien aus der so genannten Arbeitswelt, die dort unter Vorspielung eben solcher Rollen und dem Erzeugen von Fiktionen zu Erfolg führen sollen, werden nach einiger Zeit kritiklos in intimste Bereiche des eigenen Lebens übernommen und münden darin, den Betrug und die Illusion als angemessene Grundlagen zwischenmenschlicher Beziehungen und sogar Partnerschaften anzusehen, ohne zu begreifen, dass die Übertragung dieser Verhaltensweisen in eben diese Sphären, die stets zwingend authentischer Persönlichkeiten und Verhaltensweisen bedürfen, zwangsläufig zu Schwierigkeiten führen wird. So ist es kein Wunder, wenn entsprechende Freundschaften oder Partnerschaften zerbrechen.

All diesen Verlusten wird häufig mit dem Versuch der Uminterpretation begegnet: Die Unverbindlichkeit, das berechnende Verhalten und das illusorische Rollenspiel seien Ausdruck und Notwendigkeit der Freiheit des eigens selbstbestimmten Lebensentwurfs. Nur durch das Rollenspiel könne man die eigene authentische Persönlichkeit vor der feindlichen Außenwelt schützen, lautet ein anderer Versuch der positiven Umdeutung, der nicht realisiert, dass das Einsperren und daraus de facto resultierende Abschaffen dieser authentischen Persönlichkeit nicht zu ihrer Erhaltung beiträgt. Dieser Selbstbetrug erlaubt es, all die negativen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, als unvermeidlich abzustempeln, als hinderlich bei der eigenen Vermarktung. Es entsteht ein Typus Mensch, der seine fiktionalen Schein-Persönlichkeiten, die damit einhergehende Selbstentfremdung und das von Kalkül bestimmte Konkurrenz- und Nutzdenken gegenüber seinen Mitmenschen als etwas Positives begreift, das ihn zum Erfolg führt.

All das bei Menschen zu beobachten, die einem etwas bedeuten, tut weh.


Sep 8 2007

Wie bin ich bloß hier gelandet?

Sie hatte jetzt Arbeit, sie hatte eine Wohnung, sie hatte, in gewisser Weise, ein Leben. Sie hatte sich ein Leben für sich entworfen. Zwar war es nicht so, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte. Als sie auf ihren Abschluss hinarbeitete an der tollen Universität, die jede als zukünftige Weltherrscherin verlassen wollte, hätte sie sich nie träumen lassen, dass sie einmal so enden würde (…). Aber vermutlich entwickelt sich das Leben nie so, wie man es geplant hat; vermutlich sieht man deshalb auf den Straßen von Großstädten so viele Leute mit diesem verwirrten und verärgerten Gesichtsausdruck, als wollten sie sagen: Wer hätte gedacht, dass mir das passieren würde? All die Ballett-Tänzerinnen, die in der Verwaltung landeten, die Feuerwehrmänner, die Personalchefs wurden, die Entdecker, die in Call-Centern saßen, die Modeschöpferinnen und Opernsängerinnen, Gitarristen, Bühnen-Lieblinge und Szene-Diven, die am Ende von der großen Tretmühle zermalmt wurden. All das spricht aus diesen Blicken: Wie bin ich bloß hier gelandet?
(Tania Kindersley – Und morgen geht das Leben weiter)


Okt 10 2005

Individualisierte Schuld und Masochismus

Nach solchen Tage kam ich immer mit Kopfschmerzen nach Hause. Da nimmt man auch nichts mehr auf.

Solche oder ähnliche Sätze hört man relativ häufig, beispielsweise dann, wenn – und daher stammt das Zitat – über lange Studientage mit vielen Semesterwochenstunden gesprochen wird: Overkill an Informationen, Aufnahmelimit, physische Beschwerden, all das spielt keine Rolle, denn man hat sich an den Trott gewöhnt. Und man erscheint immer wieder – weil man soll. Obwohl man weiß, dass man auch an diesem Abend mit Kopfschmerzen zu Hause ankommen wird, obwohl man weiß, dass man von dem ganzen Kram, der einem im Laufe des Tages in den Kopf geprügelt wurde, nur einen Teil überhaupt mitgenommen hat, einfach weil es zuviel war, und obwohl man weiß, man wird noch nicht einmal Gelegenheit haben, um über das nachzudenken, was man mitgenommen hat. Die Selbstdiagnose lautet wahrscheinlich mangelnde Konzentrationsfähigkeit.

Man schaltet den Fernseher ein und hört jemanden predigen, die Studenten müssten in Zukunft schneller studieren – man würde ihn im Augenblick am liebsten erwürgen. Man sieht einen symptomatischen Werbespot für Kopfschmerztabletten, danach den Aufruf “Du bist Deutschland”, und man hört die Botschaft ganz deutlich, sie schwingt im Hintergrund stets mit wie ein Flüstern. Zu leise, um sie wirklich zu fassen, aber laut genug, um sie die ganze Zeit zu fühlen: Du bist schuld.

Egal, worum es geht – Arbeitsplatzverlust, physische Beschwerden, schlechte Schulnoten oder erdrückende Arbeitsanforderungen -, die Antwort ist immer gleich: Du bist schuld!

Wenn man dir 200kg Steine auf den Rücken bindet und du unter der Last zusammenbrichst, liegt das nicht am überhöhten Gewicht der Steine, sondern an deiner mangelnden Leistung. Du bist den Anforderungen nicht gewachsen. Du bist schuld!

Richard Sennett hat den flexiblen Menschen, der sich lässig bis zum Umfallen sämtliche Anforderungen einer sozial und technisch hochverschalteten Lebenswelt aufbuckelt, als Mythos des nomadischen Turbo-Kapitalismus diskreditiert. Der flexible Mensch [...] ist jener Robot, der seine eigene Überforderung noch als Selbstverwirklichung verkauft, während die Sicherungen durchbrennen. [TP]

Es ist individualisierte Schuld, denn es liegt immer an den jeweiligen Menschen selbst, wenn sie beim schulischen Lernen einfach nicht mitkommen, keinen Job finden oder Unzufriedenheit jeglicher Art äußern. Man ist doch selbst schuld, wenn man mit dieser schönen Welt nicht klarkommt, denn mit der Welt selbst stimmt natürlich alles. Eine Diagnose, die zwar einfach ist, dadurch aber nicht richtig wird. Sie zerstört jeglichen Widerstand und jegliche Kritik, damit man sich den Lebensumständen einfach ergibt, wie immer sie auch aussehen mögen, denn ein Kritiker ist bloß jemand, der den Umständen nicht gewachsen ist, ein Schwächling, ein Versager.

Versager sind allen egal. Es sind Fremde, ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft wird verleugnet. Man kann sie ignorieren, und es interessiert niemanden, was diese Leute wollen oder brauchen. Wenn sich jährlich eine Million Menschen umbringen, einfach verschwinden, enthält das keine Botschaft. Wen kümmern sie schon?

So schleift man sich jeden Tag zurück, macht, was verlangt wird, und behandelt die Symptome – beispielsweise mit Kopfschmerztabletten. Man macht sich kaputt, nimmt alles auf sich, ist masochistisch, aber es ist okay, denn man will kein Versager sein. Man bekommt Hilfe, die man freudig entgegennimmt, wird gestützt und aufgebaut, um bloß nicht umzufallen. Man glaubt, was die große Propagandawelle sagt: Du bist schuld!

Aber vielleicht sind es ja gar nicht die so genannten Versager, mit denen etwas nicht stimmt.


Jul 28 2005

Karriere betreffender Suizid

Einige mussten für ihre Offenheit in Blogs schon teuer bezahlen. So gab es Entlassungen, weil Blogger über ihre Arbeit berichteten. [...] Experten sehen hinter solchen Vorfällen einen größeren Trend, bei dem die freimütigen Äußerungen zu persönlichen und auch öffentlichen Dramen führen. Einige fürchten auch, dass die Blogs – und besonders die Einträge über Party-Erlebnisse und Verabredungen – längerfristig Auswirkungen haben könnten.

Es ist dringend angeraten, das Aufkommen einer eigenen Meinung zu unterdrücken und das Dokumentieren des persönlichen Lebens einzustellen, um nicht gefeuert zu werden. Oder nicht einmal eingestellt. Das persönliche Blog als Karrierekiller.

Nett, wie ich nun einmal bin, möchte ich es Personen, die meine zukünftige Karriere in der Hand haben, nicht unnötig erschweren.

Liebe Personalchefs und potentielle Arbeitgeber:

Arbeit ist scheiße. Sollte ich irgendwann in ferner Zukunft in meiner Bewerbung einmal schreiben, ich finde Unternehmen XY so wahnsinnig toll, dass ich unbedingt für Unternehmen XY arbeiten möchte, weil es eigentlich schon seit frühester Kindheit mein größter Traum war, einmal bei Unternehmen XY beschäftigt zu sein, weil Unternehmen XY so extrem erfolgreich und faszinierend ist? Ja, das sollte ich wohl. Würde ich das tun, dann wäre das gelogen. Weil man es von mir erwartet, belogen zu werden. Der primäre Antrieb, für Unternehmen XY zu arbeiten, ist der, Geld zu verdienen, weil ich mir sonst so ziemlich gar nichts kaufen kann, was meine Gesundheit und ich äußerst schlecht finden. Es ist ein Zwang, kein Wunsch. Unternehmen XY ist bestenfalls das kleinste Übel, mehr nicht. Guess what? Den anderen Bewerbern geht es genau so. Auch sie würden lügen oder lügen tatsächlich. Vielleicht stellt mich allerdings doch jemand ein, weil er nicht belogen werden will. Aber ich befürchte, das wird bevorzugt.

Liebe Professoren und Uni-Mitarbeiter:

Lernen ist toll, aber studieren ist scheiße. Sollte ich in meinen abzuliefernden Arbeiten darlegen, dass ich aus unbändigem Interesse gerade zu diesem Zeitpunkt dieses Thema gewählt habe, weil ich gerade heute ohne das Anfertigen dieser Arbeit nicht mehr ruhig schlafen könnte und es schon seit frühester Kindheit mein tiefster Antrieb war, zu diesem Datum eine solche Arbeit anzufertigen? Ja, das sollte ich wohl. Würde ich das tun, dann wäre das gelogen. Es geht nicht darum, dass mich die Themen nicht interessieren. Das tun sie. Und es macht Spaß zu lernen. Der primäre Antrieb, solch eine Arbeit anzufertigen, ist jedoch die Studienordnung: Ich brauche einen Schein. Würde ich das Zeug schreiben, weil ich das möchte, gäbe es keinen Abgabetermin, keinen Druck und keine Note. Es ist ein Zwang, kein Wunsch. Guess what? Den anderen geht es genau so. Auch sie würden lügen oder lügen tatsächlich.

Ein großes gegenseitiges Verarschen. Zwang ist kontraproduktiv, demotivierend, niemals hilfreich und nie eine nachhaltige Motivation.

Sollte ich hier irgend jemanden vergessen haben, der mich entlassen, gar nicht erst einstellen, exmatrikulieren oder mit anderweitigen negativen Sanktionen belegen kann, die meine so genannte Karriere betreffen, so bitte ich das zu entschuldigen und werde es bei Gelegenheit nachholen.