Mai 17 2011

Ehrlichkeit der Sprache

Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwĂŒrdigen Menschen ĂŒberhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trĂ€gt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c’est l’homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hĂŒllenlos offen.
(Victor Klemperer – LTI)


Sep 19 2010

Kein Jemand

Wenn ich dich frage,
ob wir etwas unternehmen wollen,
dann frage ich nicht jemanden,
ich frage dich.
Ich hoffe,
du verstehst mich.

(2010)


Jun 16 2010

Declaring love

The difficulty of a declaration of love opens up quasi-philosophical concerns about language. (…) The words were the most ambiguous in the language, because the things they referred to so sorely lacked stable meaning. Certainly travelers had returned from the heart and tried to represent what they had seen, but love was in the end like a species of rare colored butterfly, often sighted, but never conclusively identified.

The thought was a lonely one: of the error one may find over a single word, an argument not for linguistic pedants but of desperate importance to lovers who need to make themselves understood. Chloe and I could both speak of being in love, and yet this love might mean significantly different things within each of us. We had often read the same books at night in the same bed, and later realized that they had touched us in different places: that they had been different books for each of us. Might the same divergence not occur over a single love-line?

She really was adorable (thought the lover, a most unreliable witness in such matters). But how could I tell her so in a way that would suggest the distinctive nature of my attraction? Words like “love” or “devotion” or “infatuation” were exhausted by the weight of successive love stories, by the layers imposed on them through the uses of others. At the moment when I most wanted language to be original, personal, and completely private, I came up against the irrevocably public nature of emotional language.

There seemed to be no way to transport ”love” in the word L-O-V-E, without at the same time throwing the most banal associations into the basket. The word was too rich in foreign history: everything from the Troubadours to Casablanca had cashed in on the letters. Was it not my duty to be the author of my feelings?

Then I noticed a small plate of complimentary marshmallows near Chloe’s elbow and it suddenly seemed clear that I didn’t love Chloe so much as marshmallow her. (…) Even more inexplicably, when I took Chloe’s hand and told her that I had something very important to tell her, that I marshmallowed her, she seemed to understand perfectly, answering that it was the sweetest thing anyone had ever told her.
(Alain de Botton – On Love)


Jun 9 2010

Erinnerung

Eine Witwe heiratete einen Witwer. In der ersten Nacht lagen sie nebeneinander. Die Witwe hatte Lust auf den Mann, doch er hörte nicht auf, von seiner verstorbenen Frau zu erzÀhlen. Irgendwann fing auch die Frau an, von ihrem verstorbenen Mann zu reden. Bald darauf schnarchte der Mann neben ihr.
In der zweiten Nacht zog sich die Frau aus und legte sich zu ihrem Mann, doch als sie ihn streichelte, sagte er: »Das erinnert mich an meine Frau, selig soll sie im Schoß Gottes weilen. Sie hat auch immer gern meine Brusthaare gestreichelt.« Er zĂŒndete sich eine Zigarette an und erzĂ€hlte lange von seiner verstorbenen Frau. Die Witwe besann sich und sagte darauf, daß ihr verstorbener Mann im entscheidenden Augenblick auch immer eine Zigarette geraucht und sein Mund davon wie ein Aschenbecher gestunken habe, weshalb ihr die Lust oft vergangen sei. Aber bevor sie mit ihrem Satz zu Ende war, schnarchte der Mann.
In der dritten Nacht nahm die Frau eine Flasche Wein mit ins Schlafzimmer. Sie zog sich aus, zĂŒndete eine Kerze an und schenkte dem Mann ein. Das hatte bei ihrem Verstorbenen immer Wunder bewirkt.
Der neue Ehemann nahm einen Schluck. »Chianti?« fragte er begeistert.
»Ja«, antwortete die Frau hoffnungsvoll.
»Das erinnert mich an Venedig, wo ich damals mit meiner so temperamentvollen…«
Da trat die Frau den Mann so krĂ€ftig in die Seite, daß er aus dem Bett fiel.
»Was ist los mit dir?« schimpfte er.
»Nichts. Das Bett ist nur fĂŒr zwei. Wir aber liegen seit drei Tagen hier zu viert, da kann es leicht passieren, daß einer herausfĂ€llt.«
(Rafik Schami – Loblied und andere Olivenkerne)


Apr 27 2010

Vom Zuhören

Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind – a friend to call, a fax to send, a lover they’re daydreaming about. They only snap back to full attention when you finish talking, at which point they say “Uh-huh” or “Yeah, really” and fake their way back to the moment. (…) We are great at small talk: “What do you do?” “Where do you live?” But really listening to someone – without trying to sell them something, pick them up, recruit them, or get some kind of status in return – how often do we get this anymore? I believe many visitors in the last few months of Morrie’s life were drawn not because of the attention they wanted to pay to him but because of the attention he paid to them. Despite his personal pain and decay, this little old man listened the way they always wanted someone to listen.
(Mitch Albom – Tuesdays with Morrie)


Apr 27 2010

Weniger ist mehr

Selten unternehme ich etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch fĂŒr mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn absehbar ist, dass am Ende mehr Menschen anwesend sein werden als ich fĂŒr angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass jedes Treffen von mehr als vier Personen fĂŒr mich schon eine Gruppe darstellt und ich Gruppen nicht besonders leiden kann – besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fĂŒhle, denn oft verspricht eine Gruppe und ihre spezielle Dynamik großen Spaß, doch ist es der Mangel an NĂ€he und ExklusivitĂ€t, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lĂ€sst. Es geht mir hierbei nicht um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen wĂŒrde, sondern um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenĂŒber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen mĂŒssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, sondern will mich auf ein GegenĂŒber konzentrieren und fĂŒr diese eine Person in diesem Augenblick voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.

Einmal saß ich mit fĂŒnfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine von vielen Situationen, die aber exemplarisch ist fĂŒr das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, rechts von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn ĂŒber dieses und ĂŒber jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Menschen aufeinandertrifft: Man steigt aus GesprĂ€chen aus und in andere ein, man wechselt den GesprĂ€chspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit. Man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnĂŒgt sich mit Smalltalk.

Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie in diesem Beispiel sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und VertrauensverhĂ€ltnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und noch nicht einmal sympathisch. In derlei Konstellationen unterhĂ€lt man sich notgedrungen nicht ĂŒber allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzĂ€hlt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch oder das seichte AmĂŒsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen, beides ist fĂŒr mich sozial ungenĂŒgend.

Das seichte AmĂŒsement in der Gruppe, der oberflĂ€chliche Spaß, das unbeschwerte Lachen fĂŒr Zwischendurch, wenn tiefe GesprĂ€che nicht zur Debatte stehen und große NĂ€he nicht in Frage kommt, ist in jenen Momenten, in denen es stattfindet, fĂŒr mich so schön wie fĂŒr jeden anderen Beteiligten auch, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes GefĂŒhl zurĂŒck, der Wunsch nach mehr – nicht an QuantitĂ€t, sondern an QualitĂ€t.

Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen wĂŒrde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der OberflĂ€che des grĂ¶ĂŸten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloĂŸÂ«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, wo doch so viele sein sollten. Auf die Spitze getrieben: FĂŒr Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflĂ€chliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhĂ€lt sich zur wirklichen guten Zeit wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach, so beliebig, so aufwandslos zu haben ist, wĂ€hrend die echte gute Zeit, die nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, fĂŒr mich ganz andere QualitĂ€ten hat, die NĂ€he, Offenheit und ExklusivitĂ€t vereint.

Auf der anderen Seite bleibt als Möglichkeit nur das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch, das sich am Level des FreundschaftsverhĂ€ltnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat und der folglich meist recht klein ist. Es mĂŒndet letztlich in Smalltalk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fĂ€hrt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kĂŒmmern. GesprĂ€che dieser Art belĂ€stigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurĂŒck und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine SchlĂŒsse, möchte aber nicht mitreden.

Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt: Die Frage, wie es jemandem geht – wer beantwortet sie denn schon ehrlich? Die meisten erzĂ€hlen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich schon wieder einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, wĂ€hrend die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von GesprĂ€ch, die ich fĂŒhren möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfĂŒhlsam und verbindend wie diese. Jedes Mal ist es fĂŒr mich daher sehr enttĂ€uschend, wenn jemand, mit dem ich mich verabredet habe, plötzlich ungefragt noch irgendwelche Dritte hinzuholt. Nicht bloß ist es unhöflich, es war auch nicht abgemacht und hĂ€tte ich es im Voraus gewusst, ich hĂ€tte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verĂ€ndert, denn es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an potentieller Tiefe, bĂŒĂŸt NĂ€he ein zugunsten einer grĂ¶ĂŸeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fĂŒrs Romantische so wichtig ist.

Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.