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	<title>Pala &#187; Leben</title>
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		<title>Problembewusstsein</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 09:14:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit Messern kann man sich verletzen, daher soll man sie vermeiden; Türklinken sind tatsächlich mit Bakterien bedeckt. Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellbogen, geht nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Mit Messern kann man sich verletzen, daher soll man sie vermeiden; Türklinken sind tatsächlich mit Bakterien bedeckt. Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert. Die folgende Geschichte zeigt, wie man das vermeiden kann:</p>
<p>Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tage ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete erneut zum Inspektor und beschwert sich: »Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!«</p>
<p>Man kann sich nun fragen: Was macht die Dame, wenn die kleinen Jungen nun endgültig außer Sichtweite sind? Vielleicht begibt sie sich jetzt auf lange Spaziergänge flußaufwärts, vielleicht genügt ihr die Sicherheit, daß irgendwo nackt gebadet wird. Eines scheint sicher: Die Idee wird sie weiterhin beschäftigen. Und das Wichtigste an einer so fest gehegten Idee ist, daß sie ihre eigene Wirklichkeit erschaffen kann.<br />
<small>(Paul Watzlawick &#8211; Anleitung zum Unglücklichsein)</small></p></blockquote>


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		<title>Nichts zu verlieren</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 12:19:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
				<category><![CDATA[A Tale Of Two Lives]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Es dauerte zwei Tage, bis mir langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, ein genaues Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1072" title="The Calm After the Storm" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/07/1435669599_3a391638bd.jpg" alt="" width="500" height="369" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/1435669599/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Es dauerte zwei Tage, bis mir langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, ein genaues Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. Wie schlimm denn „nicht gut“ sei, hatte ich gefragt, und er antwortete bloß knapp, im schlimmsten Fall stünden die Chancen nicht sehr gut, dass ich das Ende des Jahres noch erleben würde, sollte die genaue Untersuchung seine Vermutung denn bestätigen. Vielleicht war er etwas vorschnell, doch ich schätzte seine Aufrichtigkeit, denn die meisten Ärzte hätten sich davor gedrückt, solch eine Vermutung offen auszusprechen, solange sie nicht über eine definitive Diagnose verfügten, um, wie sie sagen würden, ihre Patienten nicht unnötig zu verängstigen. Zwei Tage später saß ich in einem Bus, es war Nachmittag, und erst da begriff ich plötzlich, dass meine Perspektiven sich verändert hatten. Ich würde vielleicht sterben, und zwar sehr bald.<br />
Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinen Eltern. Wieso auch? Noch stand das Ergebnis gar nicht fest, und ich wollte niemanden unnötig beunruhigen, also verhielt ich mich wie jene Ärzte, die ihre Patienten erst einmal im Dunkeln lassen. Ich hätte es nicht ertragen, von Freunden oder von Menschen, die sich dafür hielten, mitleidige Blicke und wohlmeinenden Zuspruch zu erhalten, der bestenfalls gut gemeint und im schlimmsten Fall einfach nur lächerlich ist. Nein, ich behielt es für mich, denn es handelte sich ja um eine höchst private Angelegenheit, die zuallererst bloß mich etwas anging. Und wie sie mich etwas anging!<br />
Was in mir geschah, nachdem ich erst einmal begriffen hatte, wie nun meine Chancen standen und dass ich vielleicht bald sterben würde, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es war jedoch nicht wirklich schlecht, was in mir vor sich ging, so wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der dem Tod ins Auge blickt, denn genau das tat ich ja, mehr oder weniger. Ich verfiel nicht in tiefe Depression, ich wurde weder apathisch und hoffnungslos, noch begann ich plötzlich, mich für Extremsport zu interessieren, um auf die letzten Tage noch möglichst viele Kicks zu bekommen. Ich blieb, wenn man so sagen kann, oberflächlich betrachtet ziemlich normal.<br />
Unter der Oberfläche jedoch vollzog sich ein Wandel, der zwar nicht besonders spektakulär erschien, aber meinem Leben eine gewisse neue Richtung geben sollte. Bislang hatte ich ein Leben geführt, das sich daran orientierte, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und möglichst wenig aufzufallen, weil Auffallen in der Regel bedeutete, ziemlich schnell in Situationen zu geraten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Ich war der Mann, der immer da, aber nie dabei sein wollte, der immer anwesend, aber nie beteiligt war. Das sollte sich ändern.<br />
Es gab da eine Frau. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich in sie verliebt gewesen sei. Ein wenig vielleicht. Aber mehr wollte ich mir nicht erlauben, denn das wäre dann genau solch eine Situation gewesen, die zu Problemen hätte führen können. Wir gingen einige Male aus, ja, aber nur unter Vorwänden, nur mit Begleitung, und nie fiel das Wort Date, geschweige denn ein Kuss. An schlechten Tage fühlte ich mich feige und hasste mich dafür, nicht den Mut aufzubringen, sie einfach zu küssen, doch an guten Tagen klopfte ich mir auf die Schulter, die Sache nicht noch weiter zu vertiefen, würde sie doch sowieso in einer Katastrophe oder jedenfalls irgendwie enden, aber eben enden. Es gab Menschen in meinem Leben, zu denen ich freundlich war, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte. Mein Chef zum Beispiel, um ein Klischee zu erfüllen, denn wer mag schon seinen Chef, aber auch Leute in meinem Freundeskreis, Freunde von Freunden, irgendwelche Bekannte sowie natürlich diejenigen, von denen man sich erhofft, für die gespielte Freundlichkeit später im Leben irgendwann einmal etwas zurückzubekommen. Ich war ordentlich und brav, könnte man sagen, denn ich erfüllte Aufgaben, die mir zugetragen wurden, in der Regel ohne zu murren, befolgte die Regeln, auch wenn sie mir noch so unsinnig erschienen, wagte nichts und ordnete mich unter, wo es nur ging, weil alles andere wieder zu Problemen geführt hätte. Es war kein unangenehmes Leben, doch es war ein Leben, das mich auch nicht wirklich befriedigte.<br />
Nach den Worten des Arztes jedoch war alles anders. Meine Perspektive, meine Rolle in der Welt als auch meine Sicht auf mich selbst hatten sich verändert. Ich würde vielleicht bald sterben. Haben wir nicht alle diesen Gedanken in uns, schlicht und einfach das zu tun, was uns wirklich glücklich macht, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten? Wenn es auch nicht ein einzelner sein sollte, so schienen meine Tage doch gezählt. Wie lange hätte ich noch gehabt? Sechs Monate? Ein Jahr? Was ist in einem solchen Fall der Unterschied zwischen einem Tag und einem Jahr? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Tag und einem Leben? Wieso tragen wir diese Vorstellung mit uns herum, wir würden plötzlich alles ganz anders leben und erleben, wenn wir definitiv wüssten, es wäre unser letzter Tag? Wenn ich morgen ganz unspektakulär in der Dusche ausrutschen würde, wäre mein letzter Tag dann nicht der heutige, also beliebig? Immer und nie zugleich? Warum ändern so viele Menschen ihr Leben, wenn sie ein mehr oder weniger genaues Datum für ihren Tod erfahren? Verbringen wir unsere Leben vielleicht so unglücklich, so unbefriedigend, weil wir glauben, wir lebten für immer, wir könnten alles noch nachholen, was wir versäumen, und erst das baldige Ende, dieser Gedanke an Endlichkeit bringt uns dazu, unser Leben wahrhaft zu genießen, wenn es dafür schon fast zu spät ist? Ich weiß es nicht.<br />
Was ich jedoch wusste, war, mein Leben sollte anders werden. Ich wollte die wenige Zeit, die mir vielleicht noch blieb, sinnvoll nutzen. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen sollte. Zuallererst würde ich sie anrufen und um ein Date bitten, ein klares, eindeutiges Date, um dem Herumlavieren endlich ein Ende zu bereiten. Es wäre riskant, natürlich, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor meinem Chef würde ich nicht länger kriechen, wenn er mich einmal mehr für seine eigene Inkompetenz bestrafte, sondern ihm offen sagen, was ich von ihm halte, und anstatt zu heucheln, würde ich wirklich immer meine ehrliche Meinung zum Ausdruck bringen, auch wenn sie einigen Menschen vielleicht nicht gefallen mag. Ich würde diejenigen Personen meiden, die mir nicht guttun, und würde mir Zeit für Menschen und Dinge nehmen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich würde ein besserer Freund sein, ein besserer Sohn, ein besserer Mensch. Das war es, was ich mir vorstellte, was in mir brannte. Ich würde, wenigstens auf meine letzten Tage, endlich das Leben führen, das ich schon die ganze Zeit hätte führen sollen.<br />
Drei Tage später erhielt ich die Ergebnisse. Der Arzt sagte mir, ich hätte riesiges Glück gehabt, und was er damit meinte, war wohl, ich bekäme mein ewiges, undatiertes Leben zurück. Ich ging nach Hause, setzte mich auf meine Couch und verarbeitete, was gerade geschehen war. Ich dachte an die Frau, mit der ich schon seit langer Zeit so gerne ausgehen würde, und verteufelte mich dafür, sie noch immer nicht angerufen zu haben. Dann endlich nahm ich das Telefon in die Hand, wählte die Nummer meiner Eltern, erzählte ihnen von der guten Nachricht, und führte mein Leben weiterhin wie zuvor.</p>


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		<title>Gefühlskiller</title>
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		<pubDate>Thu, 13 May 2010 10:50:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Giampaolo Macorig Ihr seid die lieblosesten Menschen, die ich kenne. Ihr guckt euch Sendungen an, in denen Menschen, die in ihrem Leben noch nie eine ernsthafte Partnerschaft erlebt haben, einmal von der Liebe sprechen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch über sie lustig, weil sie in euren Augen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-893" title="The way out? (from Hell)" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/05/197398590_a80070dbf6.jpg" alt="" width="500" height="374" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/gmacorig/197398590/"><span>Giampaolo Macorig</span></a></p>
</div>
<p>Ihr seid die lieblosesten Menschen, die ich kenne. Ihr guckt euch Sendungen an, in denen Menschen, die in ihrem Leben noch nie eine ernsthafte Partnerschaft erlebt haben, einmal von der Liebe sprechen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch über sie lustig, weil sie in euren Augen so unglaublich peinlich sind. Sie mögen peinlich sein, doch noch peinlicher seid schließlich ihr, die ihr euch hämisch über so etwas amüsiert, mag es gestellt sein oder nicht, auf sie herabblickt, ihre Vorstellung von Liebe und Gefühlen in den Dreck zieht, und das bisschen Glück, das diese Menschen für sich haben, erst auf den Boden werft und dann mit Füßen tretet. Ihr wendet euch ab, wenn sich zwei Menschen küssen, ihr verabscheut jegliches Verhalten, das Anderen zeigt, dass man ein Pärchen ist, ihr würdet sie am liebsten trennen, allesamt, ihrem Glück ein Ende bereiten, denn für euch ist das kein Glück, was ihr da seht, also kann es das für andere doch auch nicht sein. Ihr seid Gefühlsspießer – wenn ihr nicht könnt, sollen alle anderen auch nicht dürfen.<br />
Ihr wollt sie nicht, die Liebe, sagt ihr dann und wiederholt das wie ein Mantra. Wen wollt ihr damit überzeugen, die Welt oder am Ende bloß euch selbst? Anstatt sie als Geschenk anzunehmen, selbst wenn ihr euch vielleicht doch Anderes just wünscht, blockt ihr sie ab, zerredet sie und macht sie klein. Wer immer euch mal liebt, den stoßt ihr eiskalt weg. Das Übel, sagt ihr, wollt ihr an der Wurzel ausradieren. Hört ihr euch manchmal selbst beim Reden zu? Ihr verschanzt euch hinter Zynismus, der bequem ist, hinter Traumgebilden, die naiv sind, oder hinter dem, was ihr Vernunft nennt, was doch bloß Angst in anderem Kleide ist. Ihr findet so viele gute Gründe, euch nicht auf jemanden einzulassen, so viele schlaue Rationalisierungen, und nicht einen einzigen Grund dafür. Ihr begreift nicht, dass ihr umsonst sucht, denn es gibt gar keinen Grund dafür, weil das Dafür doch eines Grundes nicht bedarf: „Ich liebe dich, weil…“, das sagt kein Mensch, der wahrhaft liebt. Auf der anderen Seite verstecken sich Millionen Gründe dagegen, und ihr, ihr findet sie alle. Ihr wollt sie unbedingt finden. Dann wägt ihr ab: Kein Grund dafür, so viele dagegen, ihr zieht Bilanz und rechnet aus, als ob es um den Einkauf geht. Und ihr, die ihr so lieblos sprecht, ihr wagt es dann, euch über jene lauthals zu brüskieren, die sich schlicht glücklich in Gefühlen baden?<br />
Wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick ist, die euch umhaut, die von euch Besitz ergreift, dann wollt ihr sie nicht haben. Seid ehrlich zu euch selbst: Wie oft habt ihr das schon erlebt? Für euch ist Liebe wie die magische Bohne, aus der ganz plötzlich eine Ranke bis zum Himmel wächst. Dass es auch anders geht, dass Liebe auch als zartes Pflänzchen reifen kann, das reichlich Zeit zum Wachsen braucht, das kommt euch gar nicht in den Sinn, denn wenn dann doch mal etwas keimt, kommt ihr gleich mit der Sichel an. Ihr seid so abgebrüht. Ihr wollt Pärchen im Park vergiften und amüsiert euch übers Glück der Anderen. Wie kann man da Respekt vor euch haben? Ihr seid umgeben von Liebe, sie klopft sogar an eure Tür, und alles, was ihr dafür übrig habt, ist Hohn aus eurer Burg. Ihr informiert euch über bio-chemische Prozesse, ihr theoretisiert das Gefühl, doch Theorie wird euch nicht küssen, wird euch niemals nur umarmen oder euch je Wärme spenden. Ihr phantasiert so gern von riesigen Gefühlen, verfolgt Schimären, lest in Büchern über sie, von denen ihr in Wahrheit keine Ahnung habt, weil ihr doch nicht einmal die kleinen schätzt. Ihr lehnt sie ab, ihr macht sie schlecht, stets wollt ihr sie zerstören, ihr untergrabt und verschandelt sie, wo immer ihr sie seht, ihr gönnt den Anderen kein Glück. Wenn unerwartet Liebe zu euch kommt, so schlagt ihr sie wie einen zugelaufenen Hund, weil ihr doch lieber weiterhin in eurer Festung wohnt. Ist’s da ein Wunder, wenn die Liebe euch nichts gibt? Ist eure Abgebrühtheit, euer Hass, die ganze Missgunst und das kalte Herz, kurz all eure Verbitterung nicht vielmehr Ausdruck eurer eigenen Enttäuschung? Wie wollt ihr jemals glücklich sein, wenn ihr den Schmerz so konserviert?</p>


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		<title>Ein gutes Leben</title>
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		<pubDate>Sun, 02 May 2010 09:49:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[What if you had one day perfectly healthy, I asked? What would you do? &#8220;Twenty-four hours?&#8221; Twenty-four hours. &#8220;Let&#8217;s see&#8230; I&#8217;d get up in the morning, do my exercises, have a lovely breakfast of sweet rolls and tea, go for a swim, then have my friends come over for a nice lunch. I&#8217;d have them [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>What if you had one day perfectly healthy, I asked? What would you do?<br />
&#8220;Twenty-four hours?&#8221;<br />
Twenty-four hours.<br />
&#8220;Let&#8217;s see&#8230; I&#8217;d get up in the morning, do my exercises, have a lovely breakfast of sweet rolls and tea, go for a swim, then have my friends come over for a nice lunch. I&#8217;d have them come one or two at a time so we could talk about their families, their issues, talk about how much we mean to each other.<br />
&#8220;Then I&#8217;d like to go for a walk, in a garden with some trees, watch their colors, watch the birds, take in the nature that I haven&#8217;t seen in so long now.<br />
&#8220;In the evening, we&#8217;d all go together to a restaurant with some great pasta, maybe some duck &#8211; I love duck &#8211; and then we&#8217;d dance the rest of the night. I&#8217;d dance with all the wonderful dance partners out there, until I was exhausted. And then I&#8217;d go home and have a deep, wonderful sleep.&#8221;<br />
That&#8217;s it?<br />
&#8220;That&#8217;s it.&#8221;<br />
It was so simple. So average. I was actually a little disappointed. I figured he&#8217;d fly to Italy or have lunch with the President or romp on the seashore or try every exotic thing he could think of. After all these months, lying there, unable to move a leg or a foot &#8211; how could he find perfection in such an average day?<br />
Then I realized this was the whole point.<br />
<small>(Mitch Albom &#8211; Tuesdays with Morrie)</small></p></blockquote>


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		<title>Weniger ist mehr</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Apr 2010 09:27:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind &#8211; a friend [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind &#8211; a friend to call, a fax to send, a lover they&#8217;re daydreaming about. They only snap back to full attention when you finish talking, at which point they say &#8220;Uh-huh&#8221; or &#8220;Yeah, really&#8221; and fake their way back to the moment. (&#8230;) We are great at small talk: &#8220;What do you do?&#8221; &#8220;Where do you live?&#8221; But <em>really</em> listening to someone &#8211; without trying to sell them something, pick them up, recruit them, or get some kind of status in return &#8211; how often do we get this anymore? I believe many visitors in the last few months of Morrie&#8217;s life were drawn not because of the attention they wanted to pay to him but because of the attention he paid<em> to them</em>. Despite his personal pain and decay, this little old man listened the way they always wanted someone to listen.<br />
<small>(Mitch Albom &#8211; Tuesdays with Morrie)</small></p></blockquote>
<p>Selten treffe ich mich oder unternehme etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch für mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn am Ende mehr Menschen dabei sein werden, als ich für angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass alles über vier Personen für mich schon eine Gruppe ist, und ich Gruppen nicht besonders leiden kann - besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag. Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fühle, denn oft verspricht es großen Spaß mit einer solchen, doch ist es der Mangel an Nähe und Exklusivität, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lässt. Es geht mir dabei nicht um Nähe und Exklusivität, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen würde, sondern um Nähe und Exklusivität, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenüber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen müssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, will mich auf ein Gegenüber konzentrieren und für diese Person voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.<br />
Einst saß ich mit fünfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin &#8211; nur eine Situation von vielen, die aber charakteristisch ist für das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich Gespräche verfolgen, rechts von mir konnte ich Gespräche verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn über dieses und über jenes. Es ist, wie es immer ist, wenn so viele Menschen aufeinandertreffen: Man steigt aus Gesprächen aus und in andere ein, man wechselt den Gesprächspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit, man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnügt sich mit Small Talk. Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso größer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie hier sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und Vertrauensverhältnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und gar nicht mal sympathisch! In derlei Konstellationen unterhält man sich notgedrungen nicht über allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzählt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflächliche Gespräch oder das seichte Amüsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen.<br />
Das seichte Amüsement in der Gruppe, der oberflächliche Spaß, das unbeschwerte Lachen für Zwischendurch, wenn tiefe Gespräche nicht zur Debatte stehen und große Nähe nicht in Frage kommt, ist im Moment, in dem es stattfindet, für mich so schön wie für jeden anderen Beteiligten, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes Gefühl zurück, der Wunsch nach mehr, nicht an Quantität, sondern an Qualität. Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen würde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der Oberfläche des größten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloß«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: <a href="http://pala.mischamandl.de/2008/03/24/freundliche-beziehungen/">bloß Spaß mit ihnen zu haben</a>. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, sein sollten. Auf die Spitze getrieben: Für Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflächliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhält sich wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach zu haben ist, während die echte, die nicht in Anführungszeichen steht, für mich ganz andere Qualitäten hat, die Nähe, Offenheit und Exklusivität vereint.<br />
Auf der anderen Seite das oberflächliche Gespräch, das sich am Level des Freundschaftsverhältnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat, und der ist meist recht klein, mündet letztlich eben in Small Talk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fährt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kümmern. Gespräche dieser Art belästigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurück und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine Schlüsse, möchte aber nicht mitreden. Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt die Frage, wie es jemandem geht: Wer beantwortet sie schon ehrlich? Die meisten erzählen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich nun einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden, während die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, zumindest ist das meine Erfahrung, dann nur unter vier Augen. Das ist die Art von Gespräch, die ich führen möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfühlsam und verbindend wie diese. Stets ist die Enttäuschung daher für mich am größten, wenn jemand, mit dem ich verabredet bin, plötzlich ungefragt Dritte noch hinzu holt. Das war nicht abgemacht und hätte ich&#8217;s gewusst, ich hätte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verändert, es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an Tiefe, büßt Nähe ein zugunsten einer größeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fürs Romantische so wichtig ist.<br />
Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Und das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.</p>


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		<title>Beschleunigtes Leben</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Apr 2010 01:47:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Bewusstsein der Zeitlichkeit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht identifiziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwiderlaufenden Kräften, etwa im Versuch, seiner Arbeit mit einer Beschleunigung des Lebensgefühls zu begegnen. Mach schnell, und du wirst ihn mit bloßem Auge, mit bloßem inneren Auge, nicht mehr wahrnehmen. Die Geschwindigkeit wird den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Im Bewusstsein der Zeitlichkeit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht identifiziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwiderlaufenden Kräften, etwa im Versuch, seiner Arbeit mit einer Beschleunigung des Lebensgefühls zu begegnen. Mach schnell, und du wirst ihn mit bloßem Auge, mit bloßem inneren Auge, nicht mehr wahrnehmen. Die Geschwindigkeit wird den Knacks dahinraffen.<br />
Hat die Sprache diese Beschleunigung mit vollzogen? Und ob: In den Siebzigern beantwortete man die Frage »How are you« mit »good«, in den Achtzigern antwortete man auf die gleiche Frage mit »busy«.<br />
Was war geschehen? Die Beschleunigung verriet sich in Komparativen. Der Schnellzug verschwand, er war nicht schnell genug; der Eilbrief verschwand, denn schon das Eilen selbst klingt gemächlich: Altmodische Vokabeln, sie erinnern an die langsame Art, schnell zu sein.<br />
Stattdessen wurden die Indizien der Beschleunigung moralisch: was schnell war, war gut. Es war gut, »auf der Überholspur« zu leben, es war »in«, Fast Food zu mögen, aber Fast Food ist eigentlich Fast Eat, und es erreichte rasch das eigene Heim. Mit der 5-Minuten-Terrine erreicht die Küche ohne Koch und ohne Ritual die Haushalte. Alles beschleunigt: Schnellrasur, Schnellimbiss, Schnelllifting, Schnelltankstelle, Schnellrestaurant, Schnellreinigung wie juristische Schnellverfahren. Es geht schneller: Die einzige Musiksendung auf der Höhe der Zeit hieß »Fast Forward«, die Droge der urbanen Jugend »Speed«. Dies alles arbeitet an der Fiktion des gewonnenen Lebens, es sagt, wenn du schneller bist, schneller reist, Zeit sparst, wirst du am Ende mehr davon haben.<br />
(&#8230;)<br />
Wir haben keine Zeit. Wir haben alle keine Zeit. Wir haben sie schon deshalb nicht, damit wir uns nicht zu gut fühlen. Bruch, Knacks, Ermüdung, Scheitern, Kollaps: Unsere ruinösen Ich-Reste sollen nicht erscheinen, nicht aufbrechen, nicht mitsprechen.<br />
<small>(Roger Willemsen &#8211; Der Knacks)</small></p></blockquote>


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		<title>Significance</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Mar 2010 16:04:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[I read the first chapter of A Brief History of Time when Dad was still alive, and I got incredibly heavy boots about how relatively insignificant life is, and how, compared to the universe and compared to time, it didn&#8217;t even matter if I existed at all. When Dad was tucking me in that night [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>I read the first chapter of <em>A Brief History of Time</em> when Dad was still alive, and I got incredibly heavy boots about how relatively insignificant life is, and how, compared to the universe and compared to time, it didn&#8217;t even matter if I existed at all. When Dad was tucking me in that night and we were talking about the book, I asked if he could think of a solution to that problem. &#8221;Which problem?&#8221; &#8220;The problem of how relatively insignificant we are.&#8221; He said, &#8220;Well, what would happen if a plane dropped you in the middle of the Sahara Desert and you picked up a single grain of sand with tweezers and moved it one millimeter?&#8221; I said, &#8220;I&#8217;d probably die of dehydration.&#8221; He said, &#8220;I just mean right then, when you moved that single grain of sand. What would that mean?&#8221; I said, &#8220;I dunno, what?&#8221; He said, &#8220;Think about it.&#8221; I thought about it. &#8220;I guess I would have moved a grain of sand.&#8221; &#8220;Which would mean?&#8221; &#8220;Which would mean I moved a grain of sand?&#8221; &#8220;Which would mean you changed the Sahara.&#8221; &#8220;So?&#8221; &#8220;<em>So?</em> So the Sahara is a vast desert. And it has existed for millions of years. And you changed it!&#8221; &#8220;That&#8217;s true!&#8221; I said, sitting up. &#8220;I changed the Sahara!&#8221; &#8220;Which means?&#8221; he said. &#8220;What? Tell me.&#8221; &#8220;Well, I&#8217;m not talking about painting the <em>Mona Lisa</em> or curing cancer. I&#8217;m just talking about moving that one grain of sand one millimeter.&#8221; &#8220;Yeah?&#8221; &#8220;If you <em>hadn&#8217;t</em> done it, human history would have been one way&#8230;&#8221; &#8220;Uh-huh?&#8221; &#8220;But you <em>did</em> do it, <em>so</em>&#8230;?&#8221; I stood in the bed, pointed my fingers at the fake stars, and screamed: &#8220;I changed the course of human history!&#8221; &#8220;That&#8217;s right.&#8221; &#8220;I changed the universe!&#8221; &#8220;You did.&#8221; &#8220;I&#8217;m God!&#8221; &#8220;You&#8217;re an atheist.&#8221; &#8220;I don&#8217;t exist!&#8221; I fell back onto the bed, into his arms, and we cracked up together.<br />
<small>(Jonathan Safran Foer &#8211; Extremely Loud &amp; Incredibly Close)</small></p></blockquote>


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		<title>Das Ende der Liebe</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Mar 2010 08:47:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind &#8211; nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind &#8211; nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muß es sein. Wir können nicht mehr! Wir kündigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfaßbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei. „Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, „wofür ich dich gehalten habe“. Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.<br />
<small>(Max Frisch &#8211; Tagebuch 1946-1949)</small></p></blockquote>


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		<title>Nichts mehr wie zuvor</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Mar 2010 10:00:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Trauer ist das eine. Das andere ist der Eintritt in eine Sphäre des Verlusts. Anders gesagt: Der Verlust ist das eine, das andere aber ist, ihn dauern zu sehen und zu wissen, wie er überdauern wird: Nicht im Medium des Schmerzes und nicht als Klage, nicht einmal expressiv, sondern sachlich, als graduelle Verschiebung der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Trauer ist das eine. Das andere ist der Eintritt in eine Sphäre des Verlusts. Anders gesagt: Der Verlust ist das eine, das andere aber ist, ihn dauern zu sehen und zu wissen, wie er überdauern wird: Nicht im Medium des Schmerzes und nicht als Klage, nicht einmal expressiv, sondern sachlich, als graduelle Verschiebung der Erlebnisintensität.<br />
Man könnte auch sagen: Etwas Relatives tritt ein. Was kommt, misst sich an diesem Erleben und geht gleichfalls durch den Knacks. Es ist der negative Konjunktiv: Etwas ist schön, wäre da nicht&#8230; Es tritt ein Moment ein, in dem alles auch das eigene Gegenteil ist. Als kämen, auf die Spitze getrieben, die Dinge unmittelbar aus dem Tod und müssten sich im Leben erst behaupten und bewähren.<br />
(&#8230;)<br />
Vielleicht wird jemand sagen, dieser eine Verlust sei ein Kontrastmittel. In der Konfrontation mit ihm wirkten die Farben der Welt nun leuchtender, als sei das Dauernde durch die Begegnung mit dem Vergänglichen noch wunderbarer. Es ist die Dialektik der Sonntagsrede. Als müsste man dem eigenen Leben nur Verluste zuführen und würde gleich dessen froh, was man hat. Nein, man kann ganz gut unterscheiden zwischen der Schlappe, dem Unglück, dem Scheitern, der Einbuße, dem Verlust, der überwunden werden kann. Man kann ja in manchem Verlust diesen selbst nicht einmal fühlen, sondern möchte lachen: über die Pantomime des Tragöden, über das Stummfilm-Pathos der Trauer. Man wird darüber hinwegkommen, über die Trauer und über das Gelächter, das sie weckte.<br />
Aber der Knacks ist etwas anderes, über ihn kommt man nicht hinweg. Er ist ein Schub, meist bewegt er sich lautlos und unmerklich. Erst im Rückblick kann man sagen: Dann war nichts mehr wie zuvor. Eine posthume Perspektive, die des Passé. Die Farben nehmen jetzt Patina an, die Genüsse büßen ihre Frische ein, die Erfahrung wählt einen flachen Einfallswinkel, sie kommt eher vermittelt, wie durch eine Membran gegangen. Das Leben wechselt die Sphäre, es reift, es altert, und irgendwann ist zum ersten Mal das Gefühl da, überhaupt ein eigenes Alter zu haben, das heißt, es fühlen zu können.<br />
<small>(Roger Willemsen &#8211; Der Knacks)</small></p></blockquote>


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		<title>In heaven we feed each other</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 20:11:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mr. Black said, &#8220;I once went to report on a village in Russia, a community of artists who were forced to flee the cities! I&#8217;d heard that paintings hung everywhere! I heard you couldn&#8217;t see the walls through all of the paintings! They&#8217;d painted the ceilings, the plates, the windows, the lampshades! Was it an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Mr. Black said, &#8220;I once went to report on a village in Russia, a community of artists who were forced to flee the cities! I&#8217;d heard that paintings hung everywhere! I heard you couldn&#8217;t see the walls through all of the paintings! They&#8217;d painted the ceilings, the plates, the windows, the lampshades! Was it an act of rebellion! An act of expression! Were the paintings good, or was that beside the point! I needed to see it for myself, and I needed to tell the world about it! I used to live for reporting like that! Stalin found out about the community and sent his thugs in, just a few days before I got there, to break all of their arms! That was worse than killing them! It was a horrible sight, Oskar: their arms in crude splints, straight in front of them like zombies! They couldn&#8217;t feed themselves, because they couldn&#8217;t get their hands to their mouths! So you know what they did!&#8221; &#8220;They starved?&#8221; &#8220;They fed each other! That&#8217;s the difference between heaven and hell! In hell we starve! In heaven we feed each other!&#8221; &#8220;I don&#8217;t believe in the afterlife.&#8221; &#8220;Neither do I, but I believe in the story!&#8221;<br />
<small>(Jonathan Safran Foer &#8211; Extremely Loud &amp; Incredibly Close)</small></p></blockquote>


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		<title>Every love is carved from loss</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Feb 2010 17:18:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Jonathan Safran Foer]]></category>
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		<description><![CDATA[Let me tell you a story, the Dial went on. The house that your great-great-great-grandmother and I moved into when we first became married looked out onto the small falls (&#8230;). It had wood floors, long windows, and enough room for a large family. It was a handsome house. A good house. But the water, your [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><em>Let me tell you a story</em>, the Dial went on. <em>The house that your great-great-great-grandmother and I moved into when we first became married looked out onto the small falls (&#8230;). It had wood floors, long windows, and enough room for a large family. It was a handsome house. A good house.<br />
But the water, your great-great-great-grandmother said, I can&#8217;t hear myself think.<br />
Time, I urged her. Give it time.<br />
And let me tell you, while the house was unreasonably humid, and the front lawn perpetual mud from all the spray, while the walls needed to be repapered every six months, and chips of paint fell from the ceiling like snow for all seasons, what they say about people who live next to waterfalls is true.<br />
What</em>, my grandfather asked, <em>do they say?<br />
They say that people who live next to waterfalls don&#8217;t hear the water.<br />
They say that?<br />
They do. Of course, your great-great-great-grandmother was right. It was terrible at first. We couldn&#8217;t stand to be in the house for more than a few hours at a time. The first two weeks were filled with nights of intermittent sleep and quarreling for the sake of being heard over the water. We fought so much just to remind ourselves that we were in love, and not in hate.<br />
But the next weeks were a little better. It was possible to sleep a few good hours each night and eat in only mild discomfort. Your great-great-great-grandmother still cursed the water (whose personification had become anatomically refined), but less frequently, and with less fury. Her attacks on me also quieted. It&#8217;s your fault, she would say. You wanted to live here.<br />
Life continued, as life continues, and time passed, as time passes, and after a little more than two months: Do you hear that? I asked her on one of the rare mornings we sat at the table together. Hear it? I put down my coffee and rose from my chair. You hear that thing?<br />
What thing? she asked.<br />
Exactly! I said, running outside to pump my fist at the waterfall. Exactly!<br />
We danced, throwing handfuls of water in the air, hearing nothing at all. We alternated hugs of forgiveness and shouts of human triumph at the water. Who wins the day? Who wins the day, waterfall? We do! We do!<br />
And this is what living next to a waterfall is like, Safran. Every widow wakes one morning, perhaps after years of pure and unwavering grieving, to realize she slept a good night&#8217;s sleep, and will be able to eat breakfast, and doesn&#8217;t hear her husband&#8217;s ghost all the time, but only some of the time. Her grief is replaced with a useful sadness. Every parent who loses a child finds a way to laugh again. The timbre begins to fade. The edge dulls. The hurt lessens. Every love is carved from loss. Mine was. Yours is. Your great-great-great-grandchildren&#8217;s will be. But we learn to live in that love.</em><br />
<small>(Jonathan Safran Foer &#8211; Everything is Illuminated)</small></p></blockquote>


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		<title>Das Leben ist ein Musikstück</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Feb 2010 09:34:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Unser Alltag wird von Zufällen bombardiert, genauer gesagt, von zufälligen Begegnungen zwischen Menschen und Ereignissen, die man Koinzidenzen nennt. Man spricht von Ko-inzidenz, wenn zwei unerwartete Ereignisse gleichzeitig stattfinden, wenn sie aufeinandertreffen: Tomas taucht in dem Moment im Lokal auf, als im Radio Beethoven gesendet wird. Solche Koinzidenzen sind so häufig, daß man sie oft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Unser Alltag wird von Zufällen bombardiert, genauer gesagt, von zufälligen Begegnungen zwischen Menschen und Ereignissen, die man Koinzidenzen nennt. Man spricht von Ko-inzidenz, wenn zwei unerwartete Ereignisse gleichzeitig stattfinden, wenn sie aufeinandertreffen: Tomas taucht in dem Moment im Lokal auf, als im Radio Beethoven gesendet wird. Solche Koinzidenzen sind so häufig, daß man sie oft nicht wahrnimmt. Hätte der Metzger von nebenan am Wirtshaustisch gesessen und nicht Tomas, so wäre Teresa nicht aufgefallen, daß im Radio Beethoven gespielt wurde (obwohl die Begegnung zwischen Beethoven und einem Metzger auch eine interessante Koinzidenz ist). Aber die keimende Liebe hat in Teresa den Sinn für das Schöne geschärft, und sie wird diese Musik nie vergessen. Jedesmal, wenn sie sie hören wird, wird sie ergriffen sein. Alles, was in diesem Augenblick um sie herum vor sich gehen wird, wird ihr im Glanz dieser Musik erscheinen und schön sein.<br />
Am Anfang jenes Romans, den sie unter dem Arm trug, als sie zu Tomas kam, begegnen sich Anna und Wronski unter eigenartigen Umständen. Sie stehen auf einem Bahnsteig, wo gerade jemand unter den Zug gefallen ist. Am Ende des Romans stürzt sich Anna unter den Zug. Diese symmetrische Komposition, in der dasselbe Motiv am Anfang und am Ende erscheint, mag Ihnen sehr ›romanhaft‹ vorkommen. Ja, ich gebe es zu, aber nur unter der Voraussetzung, daß Sie das Wort ›romanhaft‹ auf keinen Fall verstehen als ›erfunden‹, ›künstlich‹ oder ›lebensfremd‹. Denn genauso ist das menschliche Leben komponiert.<br />
Es ist komponiert wie ein Musikstück. Der Mensch, der vom Schönheitssinn geleitet ist, verwandelt ein zufälliges Ereignis (eine Musik von Beethoven, einen Tod auf einem Bahnhof) in ein Motiv, das er der Partitur seines Lebens einbeschreibt. Er nimmt es wieder auf, wiederholt es, variiert und entwickelt es weiter, wie ein Komponist die Themen seiner Sonate transponiert. Anna hätte sich das Leben auch anders nehmen können. Doch das Motiv von Bahnhof und Tod, dieses unvergeßliche, mit der Geburt ihrer Liebe verbundene Motiv, zog sie im Moment der Verzweiflung durch seine dunkle Schönheit an. Ohne es zu wissen, komponiert der Mensch sein Leben nach den Gesetzen der Schönheit, sogar in Momenten tiefster Hoffnungslosigkeit.<br />
Man kann dem Roman also nicht vorwerfen, vom geheimnisvollen Zusammentreffen der Zufälle fasziniert zu sein (wie etwa dem Zusammentreffen von Wronski, Anna, Bahnsteig und Tod oder dem Zusammentreffen von Beethoven, Tomas, Teresa und Cognac), dem Menschen aber kann man zu Recht vorwerfen, daß er im Alltag solchen Zufällen gegenüber blind sei und dem Leben so die Dimension der Schönheit nehme.<br />
<small>(Milan Kundera &#8211; Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)</small></p></blockquote>


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		<title>Für die Ewigkeit</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Feb 2010 12:26:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Enttäuschung]]></category>
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		<description><![CDATA[Trey Ratcliff Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="bildquelle" style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-754" title="The Safehouse" src="http://pala.mischamandl.de/wp-content/uploads/2010/02/3973516097_3a6d9f5c29.jpg" alt="" width="500" height="333" />
<p><a class="cc" href="http://www.flickr.com/photos/stuckincustoms/3973516097/"><span>Trey Ratcliff</span></a></p>
</div>
<p>Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit ist von stetiger Entbehrung geprägt worden und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld für das, was sie Familie nannte, zu verdienen. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie recht bald wieder verlieren würde. Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür genutzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben selten bloß geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.<br />
Vor zwei Tagen, als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar so etwas wie Euphorie. Spät am Abend, die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste, stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß beiläufig, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und all die Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.<br />
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem von ihnen, zu dieser unglücklichen jungen Frau darauf, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.</p>


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		<title>Selbstannahme</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Feb 2010 11:10:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich auch selbst anzunehmen. Wieviel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den andern mit einer noch etwas präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie! Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich wesentlich nur im Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich auch selbst anzunehmen. Wieviel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den andern mit einer noch etwas präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie! Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich wesentlich nur im Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein erster, zwar unerläßlicher und mühsamer, aber keineswegs hinreichender Schritt. Selbsterkenntnis als lebenslängliche Melancholie, als geistreicher Umgang mit unserer früheren Resignation ist sehr häufig, und Menschen dieser Art sind für uns zuweilen die nettesten Tischgenossen; aber was ist es für sie? Sie sind aus einer falschen Rolle ausgetreten, und das ist schon etwas, gewiß, aber es führt sie noch nicht ins Leben zurück&#8230; Daß die Selbstannahme mit dem Alter von selber komme, ist nicht wahr. Dem Älteren erscheinen die früheren Ziele zwar fragwürdiger, das Lächeln über unseren jugendlichen Ehrgeiz wird leichter, billiger, schmerzloser; doch ist damit noch keinerlei Selbstannahme geleistet. In gewisser Hinsicht wird es mit dem Alter sogar schwieriger. Immer mehr Leute, zu denen wir in Bewunderung emporschauen, sind jünger als wir, unsere Frist wird kürzer und kürzer, eine Resignation immer leichter in Anbetracht einer doch ehrenvollen Karriere, noch leichter für jene, die überhaupt keine Karriere machten und sich mit der Arglist der Umwelt trösten, sich abfinden können als verkannte Genies&#8230; Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen&#8230; In der Forderung, man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst, ist es als Selbstverständlichkeit enthalten, daß einer sich selbst liebe, sich selbst annimmt, so wie er (&#8230;) ist. Allein auch mit der Selbstannahme ist es noch nicht getan! Solange ich die Umwelt überzeugen will, daß ich niemand anders als ich selbst bin, habe ich notwendigerweise Angst vor Mißdeutung, bleibe ihr Gefangener kraft dieser Angst&#8230;<br />
<small>(Max Frisch &#8211; Stiller)</small></p></blockquote>


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		<title>Lieblose Abstraktionen</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Jan 2010 17:19:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mischa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Forgetting that beauty and happiness are only ever incarnated in an individual person, we replace them in our minds by a conventional pattern, a sort of average of all the different faces we have ever admired, all the different pleasures we have ever enjoyed, and thus carry about with us abstract images, which are lifeless [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Forgetting that beauty and happiness are only ever incarnated in an individual person, we replace them in our minds by a conventional pattern, a sort of average of all the different faces we have ever admired, all the different pleasures we have ever enjoyed, and thus carry about with us abstract images, which are lifeless and uninspiring because they lack the very quality that something new, something different from what is familiar, always possesses, and which is the quality inseparable from real beauty and happiness. So we make our pessimistic pronouncements on life, which we think are valid, in the belief that we have taken account of beauty and happiness, whereas we have actually omitted them from consideration, substituting for them synthetic compounds that contain nothing of them.<br />
<small>(Marcel Proust &#8211; In the Shadow of Young Girls in Flower)</small></p></blockquote>


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