Feb 16 2010

Every love is carved from loss

Let me tell you a story, the Dial went on. The house that your great-great-great-grandmother and I moved into when we first became married looked out onto the small falls (…). It had wood floors, long windows, and enough room for a large family. It was a handsome house. A good house.
But the water, your great-great-great-grandmother said, I can’t hear myself think.
Time, I urged her. Give it time.
And let me tell you, while the house was unreasonably humid, and the front lawn perpetual mud from all the spray, while the walls needed to be repapered every six months, and chips of paint fell from the ceiling like snow for all seasons, what they say about people who live next to waterfalls is true.
What
, my grandfather asked, do they say?
They say that people who live next to waterfalls don’t hear the water.
They say that?
They do. Of course, your great-great-great-grandmother was right. It was terrible at first. We couldn’t stand to be in the house for more than a few hours at a time. The first two weeks were filled with nights of intermittent sleep and quarreling for the sake of being heard over the water. We fought so much just to remind ourselves that we were in love, and not in hate.
But the next weeks were a little better. It was possible to sleep a few good hours each night and eat in only mild discomfort. Your great-great-great-grandmother still cursed the water (whose personification had become anatomically refined), but less frequently, and with less fury. Her attacks on me also quieted. It’s your fault, she would say. You wanted to live here.
Life continued, as life continues, and time passed, as time passes, and after a little more than two months: Do you hear that? I asked her on one of the rare mornings we sat at the table together. Hear it? I put down my coffee and rose from my chair. You hear that thing?
What thing? she asked.
Exactly! I said, running outside to pump my fist at the waterfall. Exactly!
We danced, throwing handfuls of water in the air, hearing nothing at all. We alternated hugs of forgiveness and shouts of human triumph at the water. Who wins the day? Who wins the day, waterfall? We do! We do!
And this is what living next to a waterfall is like, Safran. Every widow wakes one morning, perhaps after years of pure and unwavering grieving, to realize she slept a good night’s sleep, and will be able to eat breakfast, and doesn’t hear her husband’s ghost all the time, but only some of the time. Her grief is replaced with a useful sadness. Every parent who loses a child finds a way to laugh again. The timbre begins to fade. The edge dulls. The hurt lessens. Every love is carved from loss. Mine was. Yours is. Your great-great-great-grandchildren’s will be. But we learn to live in that love.

(Jonathan Safran Foer – Everything is Illuminated)


Feb 16 2010

Das Leben ist ein Musikstück

Unser Alltag wird von Zufällen bombardiert, genauer gesagt, von zufälligen Begegnungen zwischen Menschen und Ereignissen, die man Koinzidenzen nennt. Man spricht von Ko-inzidenz, wenn zwei unerwartete Ereignisse gleichzeitig stattfinden, wenn sie aufeinandertreffen: Tomas taucht in dem Moment im Lokal auf, als im Radio Beethoven gesendet wird. Solche Koinzidenzen sind so häufig, daß man sie oft nicht wahrnimmt. Hätte der Metzger von nebenan am Wirtshaustisch gesessen und nicht Tomas, so wäre Teresa nicht aufgefallen, daß im Radio Beethoven gespielt wurde (obwohl die Begegnung zwischen Beethoven und einem Metzger auch eine interessante Koinzidenz ist). Aber die keimende Liebe hat in Teresa den Sinn für das Schöne geschärft, und sie wird diese Musik nie vergessen. Jedesmal, wenn sie sie hören wird, wird sie ergriffen sein. Alles, was in diesem Augenblick um sie herum vor sich gehen wird, wird ihr im Glanz dieser Musik erscheinen und schön sein.
Am Anfang jenes Romans, den sie unter dem Arm trug, als sie zu Tomas kam, begegnen sich Anna und Wronski unter eigenartigen Umständen. Sie stehen auf einem Bahnsteig, wo gerade jemand unter den Zug gefallen ist. Am Ende des Romans stürzt sich Anna unter den Zug. Diese symmetrische Komposition, in der dasselbe Motiv am Anfang und am Ende erscheint, mag Ihnen sehr ›romanhaft‹ vorkommen. Ja, ich gebe es zu, aber nur unter der Voraussetzung, daß Sie das Wort ›romanhaft‹ auf keinen Fall verstehen als ›erfunden‹, ›künstlich‹ oder ›lebensfremd‹. Denn genauso ist das menschliche Leben komponiert.
Es ist komponiert wie ein Musikstück. Der Mensch, der vom Schönheitssinn geleitet ist, verwandelt ein zufälliges Ereignis (eine Musik von Beethoven, einen Tod auf einem Bahnhof) in ein Motiv, das er der Partitur seines Lebens einbeschreibt. Er nimmt es wieder auf, wiederholt es, variiert und entwickelt es weiter, wie ein Komponist die Themen seiner Sonate transponiert. Anna hätte sich das Leben auch anders nehmen können. Doch das Motiv von Bahnhof und Tod, dieses unvergeßliche, mit der Geburt ihrer Liebe verbundene Motiv, zog sie im Moment der Verzweiflung durch seine dunkle Schönheit an. Ohne es zu wissen, komponiert der Mensch sein Leben nach den Gesetzen der Schönheit, sogar in Momenten tiefster Hoffnungslosigkeit.
Man kann dem Roman also nicht vorwerfen, vom geheimnisvollen Zusammentreffen der Zufälle fasziniert zu sein (wie etwa dem Zusammentreffen von Wronski, Anna, Bahnsteig und Tod oder dem Zusammentreffen von Beethoven, Tomas, Teresa und Cognac), dem Menschen aber kann man zu Recht vorwerfen, daß er im Alltag solchen Zufällen gegenüber blind sei und dem Leben so die Dimension der Schönheit nehme.
(Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)


Feb 12 2010

I love you

I love you also means I love you more than anyone loves you, or has loved you, or will love you, and also, I love you in a way that no one loves you, or has loved you, or will love you, and also, I love you in a way that I love no one else, and never have loved anyone else, and never will love anyone else.
(Jonathan Safran Foer – Everything is Illuminated)


Jan 30 2010

Lieblose Abstraktionen

Forgetting that beauty and happiness are only ever incarnated in an individual person, we replace them in our minds by a conventional pattern, a sort of average of all the different faces we have ever admired, all the different pleasures we have ever enjoyed, and thus carry about with us abstract images, which are lifeless and uninspiring because they lack the very quality that something new, something different from what is familiar, always possesses, and which is the quality inseparable from real beauty and happiness. So we make our pessimistic pronouncements on life, which we think are valid, in the belief that we have taken account of beauty and happiness, whereas we have actually omitted them from consideration, substituting for them synthetic compounds that contain nothing of them.
(Marcel Proust – In the Shadow of Young Girls in Flower)


Jan 30 2010

Im ewigen Eis

Weißt du, was mir das Herz zerreißt, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, und jeden Abend, wenn ich mich schlafen lege? Ich fühle mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren, und nicht nur das, als sei der Fahrer hastig ausgestiegen, um sich das Unglück näher anzusehen, hätte sich wieder hinters Lenkrad begeben, kalt den Rückwärtsgang gewählt und mich erbarmungslos zerquetscht, womit er schließlich noch ganz sicher gehen will, dass ich von hier nie wieder aufstehen würde. Während es mir das Herz zerreißt, zerreißt du nur meine Briefe, als wären es längst beglichene Schuldscheine aus einer klammeren Vergangenheit. Überhaupt behandelst du mich, als sei es eine ruinöse Quartalsabrechnung, die du nun mit mir durchführen musst, eine emotionale Insolvenz, die mit den Worten endet: Wir müssen Sie leider entlassen, aber nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ja, wie denn sonst?
Du konntest so schnell Anschluss finden, nachdem wir auseinander brachen. Wenige Stunden danach kehrtest du zurück zum unbeschwerten Tagesgeschäft, du trafst dich mit deinen Freundinnen und Freunden, du konntest lachen und du gingst abends fröhlich aus, so als hätte es diese Verbindung zwischen uns niemals gegeben. Mich hingegen warf es aus der Bahn, tagelang aß ich nicht genug, wochenlang schlief ich nicht sehr viel, monatelang war ich eine andere Person und noch für Jahre wirst du in Gedanken immer bei mir sein. Für dich aber war es, als würdest du umsteigen. Du verließt den Zug, mit dem du bis hierher gekommen warst, und wo dieser Zug ohne dich dann hinfahren würde, was weiterhin mit ihm geschah, das war dir egal, denn du stiegst bloß in einen neuen. Kein Blick zurück, für dich war jeder Zug so gut wie jeder andere, und falls der alte Zug entgleist, nachdem du ausgestiegen bist, dann umso besser, dass du ihn rechtzeitig verlassen hast. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, doch du standst da wie eine Wächterstatue, gleichmütig und unerschütterlich. Tag um Tag starrte ich für Stunden auf das Postfach meiner Mails, jede SMS, die ich bekam, versetzte meinem Herzen einen hoffnungsfrohen Schock, und wenn es klingelte, dann rannte ich zur Tür. Ich wusste, ich wartete vergebens, denn du warst schon längst weitergezogen, und dennoch konnte ich nicht aufhören, vergebens auf dich zu warten. Meine Gefühle kochten über und du nahmst deine ungerührt vom Herd, du stelltest sie nicht einmal auf die Warmhalteplatte. Du sagtest zu mir mit naiver Ernsthaftigkeit in der Stimme, ich solle meine Gefühle für dich ganz einfach vergessen, und du konntest und kannst noch immer nicht verstehen, wie ich, wie irgendjemand Gefühle hegen kann, die sich nicht einfach wie das Licht beliebig ein- und ausschalten lassen. Einfach, für dich war alles einfach. Wie machst du das und wie konntest du je lieben, wenn du Emotionen so stark unter rationale Kontrolle zwingst?
In deinen Augen haben wir uns zu unversöhnlichen Gegenspielern entwickelt. Was zwischen uns geschah, das ist für dich zu einer Übung in Logik verkommen, ein Debattierclub zu zweit, in dem gewinnt, wer seinen Gegner argumentativ zu Boden wirft. Du bist darin verbissen unerbittlich, weil du die Deutungshoheit über das Geschehene verlangst. Wir waren für den jeweils anderen zu tragenden Wänden seines Lebens geworden, und während mein Haus nun in den Trümmern des Vergangenen liegt, hast du sie eingerissen, als wären sie aus Pappmaché. Mit rücksichtsloser Präzision platziertest du Sprengstoff an allen Brücken, die wir uns zuvor mit Mühe erbaut hatten, damit die Welt für uns begehbar war, und als sie am Ende hinter dir zerfielen, stand ich noch immer drauf. Du hättest all das nie so ernst genommen, sagst du heute kalt zu mir, weil es von Anfang an mir wichtiger gewesen sei als dir, was wir uns beide dort errichteten, und bekenne ich dir dann, dass du für mich auf ewig unvergleichbar bleiben wirst, erwiderst du in knappem Ton, du seist doch bloß wie all die anderen. Hast du die Liebe je verstanden?
Ich verkrieche mich in mir selbst, während du so beiläufig neue Kontakte knüpfst, als wäre nichts geschehen, als wäre dir jeder beliebige Mensch genug, um mich ganz gleichgültig zu ersetzen. Während du für mich die eine Schneeflocke bist, die ich kein zweites Mal auf dieser Erde finden werde, wurde ich für dich zu einem austauschbaren Wassertropfen, der völlig unsichtbar im Meer vergeht. All die Eigenheiten unserer Beziehung, die mir für uns so exklusiv erschienen, die kleine Welt, die einmal unsere eigene war, teilst du so unbekümmert mit mir Unbekannten, als hätte sie dir nie etwas bedeutet. Jene Magie, die einmal zwischen uns bestand und die noch immer in mir wirkt, ist nun für dich bloß fauler Zauber, an dem du dich mit einer Verve vergehst, die mir zerstörerisch erscheint. Was dir einst wichtig war und mir stets ist, das ist für dich wie ausgelöscht. Du tust, als sei da kein Gefühl, und dieser Part liegt dir so gut, dass ich mich manchmal frage, ob das nun wirklich Schauspiel ist oder ob Liebe denn für dich schon immer bloß die Rolle war. Was mir das Herz zerbricht, das ist, dass deines keinen Kratzer trägt.


Jan 28 2010

I don’t love you

Brod’s life was a slow realization that the world was not for her, and that for whatever reason, she would never be happy and honest at the same time. She felt as if she were brimming, always producing and hoarding more love inside her. But there was no release. Table, ivory elephant charm, rainbow, onion, hairdo, mollusk, Shabbos, violence, cuticle, melodrama, ditch, honey, doily… None of it moved her. She addressed her world honestly, searching for something deserving of the volumes of love she knew she had within her, but to each she would have to say, I don’t love you. Bark-brown fence post: I don’t love you. Poem too long: I don’t love you. Lunch in a bowl: I don’t love you. Physics, the idea of you, the laws of you: I don’t love you. Nothing felt like anything more than what it actually was. Everything was just a thing, mired completely in its thingness.
If we were to open a random page in her journal – which she must have kept and kept with her at all times, not fearing that it would be lost, discovered and read, but that she would one day stumble upon that thing which was finally worth writing about and remembering, only to find that she had no place to write it – we would find some rendering of the following sentiment: I am not in love.
So she had to satisfy herself with the idea of love – loving the loving of things whose existence she didn’t care at all about. Love itself became the object of her love. She loved herself in love, she loved loving love, as love loves loving, and was able, in that way, to reconcile herself with a world that fell so short of what she would have hoped for. It was not the world that was the great and saving lie, but willingness to make it beautiful and fair, to live a once-removed life, in a world once-removed from the one in which everyone else seemed to exist.
(Jonathan Safran Foer – Everything is Illuminated)


Jan 24 2010

Have you ever been in love?

Have you ever been in love? Horrible isn’t it? It makes you so vulnerable. It opens your chest and it opens up your heart and it means that someone can get inside you and mess you up. You build up all these defenses, you build up a whole suit of armor, so that nothing can hurt you, then one stupid person, no different from any other stupid person, wanders into your stupid life… You give them a piece of you. They didn’t ask for it. They did something dumb one day, like kiss you or smile at you, and then your life isn’t your own anymore. Love takes hostages. It gets inside you. It eats you out and leaves you crying in the darkness, so simple a phrase like ‘maybe we should be just friends’ turns into a glass splinter working its way into your heart. It hurts. Not just in the imagination. Not just in the mind. It’s a soul-hurt, a real gets-inside-you-and-rips-you-apart pain. Nothing should be able to do that. Especially not love. I hate love.
(Neil Gaiman – The Sandman)


Jan 24 2010

Ein Eiland weit, allein im Meer

Wünschst du nicht auch manchmal, du fändest eine Insel? Wenn du dich schlafen legst und das nicht kannst, wenn du durch Straßen einer Großstadt gehst, wenn du in fremde Augen blickst, dann tust du es vielleicht. Ein Ort, der nirgendwo verzeichnet ist, ein Platz fernab jedem Gewühl, ein Unterschlupf, der dich mit Kraft versorgt, mit Glück und Mut und Euphorie, ja, ein Idyll, das nur für dich dein Eden ist. Suchst du das auch?
In all dem Chaos dieser Welt, da fand ich eine Insel. Wenngleich sie keinen Goldschatz barg, so ist sie doch, was ich für mich als Reichtum mag. Ein Eiland fand ich und erkor es mir zum Paradies. Zwar schuf der Mensch sich Königreiche mit Palast, sah Dynastien und goldene Zeiten, doch nichts hat je so großen Wert wie dieser Flecken Land gehabt. Wie ein Schiffbrüchiger bin ich durch Zufall hier gestrandet, gewiss, doch für nichts auf dieser Erde ginge ich von hier je wieder fort. Nicht die Herrschaft über den Planeten, nicht das Geld aus allen Banken kann ersetzen, was diese Insel mir so friedlich schenkt. Es wird nach mir gesucht werden, befürchte ich, um mich zu retten - doch meine Rettung habe ich bereits gefunden, sie liegt hier und nirgends sonst. Man wird mich für verloren erklären und nie erfahren, wie falsch man damit doch in Wahrheit liegt, denn alles, was es sich zu finden lohnte, finde ich hier. Alleine kraft einer glücklichen Strömung setze ich endlich einen Fuß auf diesen Strand. Was ich hier fand, das ist ein Eiland weit, allein im Meer, das ich zu meiner Heimat nahm, weil eine bessere die Welt mir niemals bieten kann. Was ich hier fand, das ist für mich ein Jungbrunnen, und mag der Begriff durch all die schäbigen Romane, in deren Kitschhölle er brennt, auch noch so abgeschmackt erscheinen, kann ich es doch nicht anders ausdrücken als so, mit diesem Wort.
Ist es Isolation, mich nun an diesen Ort zurückzuziehen? Vielleicht verschließe ich die Augen vor der Welt, doch hier erst wuchsen mir die Augen, dank derer mir die Welt beachtenswert erscheint, und hier erst nehme ich die Farben wahr, die schillernd alles kleiden, während sich vormals meine Umwelt bloß in Grau ertrank. Keine Legenden und keine Erzählungen vermögen die Einzigartigkeit dieses wunderbaren Ortes angemessen zu beschreiben, denn er ist undenk- und gar nicht vorstellbar, solange man nicht selbst sein Leben hier verbringt. All jene Belanglosigkeiten, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens wünscht, verlieren vollends an Bedeutung, wenn man die Schönheit und die Wunder dieser Insel einmal kennt. Es gibt hier alles, was ein Mensch zum Überleben braucht, zum Leben gar, nicht bloß zum Existieren. Was ich hier fand, ist eine Insel jenseits aller Schifffahrtsrouten. Ein Stück der Welt, das jeder Karte sich entzieht, noch Kartografie an sich unmöglich macht, ein Platz, der keine Grenzen kennt und keine Mauern, der blinde Ortskenntnis verlangt und an zwei Tagen nie der gleiche ist, ein Land so weit von aller Zivilisation. Keinen Armeen, keinen Legionen, keinen Heerscharen dieser Welt, wie groß und mächtig sie auch sein mögen, wird es gelingen, hier je roh einzufallen und alles zu zerstören. Sie haben es versucht und sie sind jedes Mal gescheitert. Während die größten Reiche untergehen, hat diese Insel hier bestand. Schon Troja fiel, als Paris dieses Eiland fand. Hier lebt, was allseits sonst bereits im Sterben liegt. Hier wächst, was auf dem Rest der Welt verdorrt. Vielleicht ist dieser Ort ja voll Magie, denn alle Kräfte scheinen hier viel mehr noch als sie selbst zu sein. Entgegen einer Welt, die mehr und mehr in Argwohn zu versinken droht, ist diese Insel hier ein Sanktuarium des völligen Vertrauens. Immer und immer wieder gelingt es den Eigenarten dieser Insel, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zeichnen, und noch in der dunkelsten Stunde der Trauer finde ich hier etwas, das mich die Welt umarmen, das sie liebenswert erscheinen lässt. Alles, was es wert ist, gewusst zu werden, habe ich hier gelernt und lerne ich hier noch heute.
Hast du solch einen Platz je zuvor für dich gefunden? Wenn ich jemals von hier fortgehen, wenn ich die Insel eines Tages nun verlassen müsste, ich wüsste nicht, ob ich es überleben würde. Was hat die Welt mir Gutes noch zu bieten, wenn dieser Ort mir nicht mehr bleibt? Und wo er liegt, fragst du dich nun? Das Eiland, das schufst du.


Jan 21 2010

Havarie

Als ich die Worte zum ersten Mal aus seinem Mund vernahm, fand ich es furchtbar flach: »Wir alle brauchen manchmal einen Lotsen, selbst der beste Kapitän«. Dieser alles und nichts sagende Satz, diese inhaltsleere Belanglosigkeit war einer seiner Lieblingssprüche, sein Mantra, seine Lösung für alles und seine Lösung für jeden. Nun, für fast jeden, muss ich sagen. Er selbst, der große Kapitän, schien keinen Lotsen nötig zu haben, auf keiner Reise seines Lebens, nein, im Gegenteil, stets bot er sich anderen als Beistand an, so als sei er der einzige, der verstanden habe, wo im Leben die Untiefen liegen und welche unsicheren Gewässer es zu meiden gilt. Es war ein Satz wie einer dieser unerträglich optimistischen Kalendersprüche, die Unzufriedenen das Leben etwas freundlicher gestalten sollen und in ihrer Botschaft so belanglos, so stupide sind, dass niemand je etwas Vernünftiges dagegen einzuwenden vermag. Was hätte jemand auch gegen diesen Satz einwenden sollen? Er war ja richtig. Das war es, was mich daran zur Weißglut brachte. Ausgerechnet er musste es sein, der mir diesen bedeutungslosen Satz mit einer Ernsthaftigkeit vorpredigte, als wüsste er genau, worum es überhaupt im Leben gehe und wie man es sich einzurichten habe. Er wähnte sich nicht nur als stolzer Kapitän seines eigenen, windschnittigen Lebens und Lotse der Leben aller anderen, sondern gleich als Kartograf für Leben überhaupt. In meinen Augen war er ein arroganter, chauvinistischer Idiot.
Mit der Zeit fing ich an, diesen Satz zu hassen, und dadurch letztlich auch ihn selbst. Er machte mich rasend, zumindest innerlich, und ich musste mich schier beherrschen, ihm nicht offen ins Gesicht zu fauchen. Mit einer gelassenen Regelmäßigkeit wagte er es hin und wieder, diese Plattitüde in Diskussionen einzustreuen, die er mit mir führte, den Satz zu variieren, ihm ein Trojanisches Pferd als Vehikel zu konstruieren und ihn einer Metapher unterzuschieben, damit die Worte nachts hervorkommen und in meinem Kopf ihre Wirkung entfalten konnten. Wenn er sich mit anderen unterhielt, während ich dabei stand, oder wenn wir in einer Gruppe unterwegs waren und er jemandem diesen Tipp, diese Nichtigkeit zuteilwerden ließ, blickte er mit einem süffisanten Lächeln in meine Richtung, so als wollte er ganz sicherstellen, dass ich den Satz auch zweifellos vernommen hätte. Warum war es ihm so wichtig, mir diesen Satz immer und immer wieder unter die Nase zu reiben? Es kotzte mich ehrlich gesagt an. Ich war doch Kapitän meines eigenen Lebens und ich brauchte keinen Lotsen! Schon gar nicht ihn! Was also wollte er mir mit diesem dümmlichen Satz sagen, was passte ihm nicht an mir? Ich verstand es nicht und ich wusste nicht, ob ich es überhaupt verstehen wollte.
Selten hatten wir in den folgenden Monaten miteinander zu tun, nur dann und wann trafen wir uns rein zufällig, und so auch an Silvester. Wir plauderten ganz oberflächlich über dies und jenes, denn auch ihm musste aufgefallen sein, dass unser Kontakt sich verringert hatte. Bei einem Bier erzählte ich ihm kurz von jenen Dingen, die mich zu dieser Zeit bewegten, belasteten, ganz normaler Alltagskram, und er sprach bloß leicht angetrunken von einem Schiff, das auf Grund laufen würde, wenn ihm ein Lotse fehlte, denn schließlich bräuchte selbst der beste Kapitän manchmal einen Lotsen und so weiter. Mir war klar, dass er mich meinte. Ich würde mit meinen Problemen auf Grund laufen, wenn nicht er, der große, allwissende Lotse mich retten würde. Arschloch! Er kam sich in diesem Moment sicher unglaublich lustig und überlegen vor, und es war wieder einmal typisch für ihn, der glaubte, ich hätte nur auf seine, gerade seine rettende Hilfe gewartet. Sah ich so aus, als hätte ich das nötig? Nein! Er konnte mich mal. Als er mir von seiner neuen Wohnung vorzuschwärmen begann, hörte ich ihm schon nicht mehr richtig zu. Völlig unverbindlich ließ ich mir das Versprechen abringen, ihn irgendwann einmal besuchen zu kommen, und verschwand sofort darauf im anonymen Trubel der Silvesterfeiernden. Ich sah noch, wie er mir nachwinkte. Er schien mit dieser Antwort glücklich zu sein, aber ich hatte nicht vor, ihn tatsächlich zu besuchen.
Ein Jahr verging. Nur selten traf ich ihn in dieser Zeit und jedes Mal, wenn es geschah, kam die Erinnerung an jenen Satz. Ich vermied es schließlich vollends, ihn zu sehen, und ging ihm aus dem Weg. Es war keine bewusste Entscheidung, die mich dazu gebracht hatte, sondern dieses auf vage Art verunsichernde Gefühl, das mich überkam, wenn ich durch ihn an seinen Satz erinnert wurde. Ich ertappte mich dabei und fand es albern, konnte mich allerdings nie überwinden, ihn einfach anzurufen oder ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Mir fiel wieder ein, dass er in der Stadt eine neue Wohnung gefunden hatte und ich nun weder seine neue Anschrift noch seine Telefonnummer besaß. Das beruhigte mich, denn selbst wenn ich ihn erreichen wollte, so hätte ich es nicht gekonnt. Es lag nicht in meiner Macht.
Er wiederum machte ebenso wenig Anstalten, sich bei mir zu melden, und so vergaß ich ihn fast, bis ich eines Tages im Supermarkt auf jemanden traf, den er mir einst als einen Freund vorgestellt hatte. Unschlüssig, ob ich diesen Freund einfach ansprechen sollte, blieb ich zwischen den Regalen stehen und überlegte, bis mir die Entscheidung abgenommen wurde und er seinerseits auf mich zukam. Von der Situation überrumpelt, entfuhr mir ein Hallo, er aber griff bloß nach einer Packung Cornflakes. Ich stand genau davor. Das war alles. Wortlos musterte er mich, bis ich ihn schließlich unbeholfen fragte, ob er sich an mich erinnere, wir hätten einen gemeinsamen Freund, und wo dieser gemeinsame Freund denn hingezogen sei. Sein Gesicht verriet mir, dass er mich erkannte. Zunächst erstaunt, dann bedrückt sah er mich an, bejahte, sah sich um, so als seien seine Worte für diesen Ort ungeeignet, und sprach in gedämpftem Ton:
„Du weißt es noch gar nicht, oder? Man fand ihn vor… hm… knapp anderthalb Monaten in seiner Wohnung. Tabletten oder so. Er hatte sogar einen Abschiedsbrief geschrieben, na ja, mehr eine Abschiedsnotiz: »Ohne dich laufe ich auf Grund, aber du kommst nicht«. Seltsam, was? Niemand weiß, wen oder was er damit meinte.“
Und da verstand ich seinen Satz.


Jan 13 2010

Let’s go to the movies #4

Ólafur Arnalds – Ljósið (Official Music Video) from Erased Tapes on Vimeo.

A Thousand Words from Ted Chung on Vimeo.

First Day Of My Life from Bright Eyes on YouTube.