Sie ist ein Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint. Man sieht sie selten schlecht gelaunt, sie ist so klug wie wunderhübsch, sie ist beliebt und diese Welt liegt ihr zu Füßen, denn wo sie weilt, wird sie verehrt. Ohne dass sie je ein Wort verlieren muss, werden ihr in Straßenbahnen Plätze angeboten, Männer halten ihr die Türen auf, wo immer sie auch geht, und jede Party scheint sich irgendwann um sie zu drehen. Sie ist nicht extrovertiert, aber auch nicht schüchtern, und es gelingt ihr mit einer beiläufigen Leichtigkeit, Kontakt zu neuen Menschen herzustellen. Die ganze Welt liegt ihr zu Füßen, doch was hilft ihr das, wenn diese Welt sie nicht versteht?
Es gibt Menschen, die sind gerne allein. Niemand ist gerne einsam. Wenn du in einem Bahnhof stehst, umringt von all den Reisenden, wenn du durch eine Großstadt gehst, belebt und laut und voll, wenn du auf einer Party tanzt, die alle froh zu machen scheint, dann kannst du trotzdem einsam sein. Wenn du für dich zuhause sitzt, Gesellschaft nur ein Buch, wenn du spät nachts im Wald spazierst, kein Mensch ist weit und breit, wenn du als Astronaut im Weltraum schwebst, so weit von anderen entfernt wie keine zwei auf dieser Welt, dann musst du gar nicht einsam sein, bloß weil du just alleine bist. Die gern am Rand und etwas abseits stehen, die man gemein für einsam hält, die sind doch häufig nur allein, und die, die keck zu einer Gruppe gehen, aus der sie niemand flüchtig kennt, die plagt nicht selten Einsamkeit. Ein Paar, das uns an manchem trüben Tag wie Zwillinge erscheinen mag, hier das Alleinsein, dort die Einsamkeit, und doch sind beide nicht verwandt. Du kannst allein und dennoch gar nicht einsam sein, so wie du dich vor dem Alleinsein fürchten kannst, weil deine Einsamkeit dich quält, und sogar Pärchen finden sich zusammen, nur um der Angst vor dem Alleinsein zu entgehen, und bleiben dann gemeinsam einsam.
Ein Mensch, der in der Großstadt wohnt, braucht bloß durch seine Wohnungstür hinauszugehen, um dann nicht mehr allein zu sein. Einsamkeit kennt keine solchen Türen. Einsamkeit ist eine Mauer ohne Tür, ein Wall, den in uns niederzureißen nur wenige Menschen wirklich imstande sind. Die Einsamsten, das sind nicht zwingend jene, die ihre Zeit allein mit einem Buch verbringen, die freitagabends meist zuhause sind oder die selten nur auf Partys gehen. Die Einsamsten, das sind wohl die, die ständig in Gesellschaft sind, um nie mit sich allein zu sein, als würde ihre Einsamkeit dadurch getilgt, die beim Versuch sich unablässig ruinieren, die Einsamkeit zu überspielen, als würden sie mit ihren Armen schlagen, weil diese Hoffnung sie verführt, sich dadurch in die Luft zu schwingen. Die Einsamsten sind manchmal die, die du im Morgengrauen ganz unbeschwert beim Tanzen siehst, die auf den Partys gutgelaunt im Zentrum stehen, die auf dich wirken, als sei die Welt ihr treuer Untertan.
Sie ist eine von ihnen. Nie steht sie am Rand, stets ist sie Mittelpunkt. Nur selten ist allein zu sein der Grund für wahre Einsamkeit. Gesellschaft aber, also gerade nicht allein zu sein, das ist für sie genug, um ihre Einsamkeit zu spüren, weil die, wenn sie alleine bleibt, von ihr kaum wahrgenommen wird. Solange sie im Dunkeln steht, kann sie die Spinne gar nicht sehen, die vor ihr auf dem Boden sitzt, erst wenn das Licht den Raum erhellt, verfällt sie ihrer Panik. Der stete Rat an all die Einsamen auf dieser Welt, doch einfach öfter auszugehen, verfehlt den Kern des wirklichen Problems noch um die Größe eines Kontinents, denn diese Lösung ist ein Netz, das das Alleinsein zwar noch trägt, doch unter Einsamkeit zerreißt. Sie jedoch glaubt daran wie an ein Heilsversprechen, wie ein Märtyrer an die Seligkeit. Obwohl die Einsamkeit ihr jedes Mal am quälendsten erscheint, nachdem sie unter Menschen geht, verfolgt sie diese Strategie; sie möchte nicht alleine sein, weil sie allein zu sein als Auslöser der Einsamkeit versteht.
Tag um Tag geht sie nun aus, sie feiert, tanzt und trinkt, als sei sie völlig unbeschwert, sie baut aus Menschen einen Kokon, der sie beschützen, wärmen soll, sie zwingt ihr Leben in die Nacht. Ihre Bemühungen werden zahlreicher, ihre Bemühungen werden verbissener, sie fällt in Richtung Erde und rudert immer schneller mit den Armen, doch ihr Problem bleibt stur bestehen. Wenn sie auf einer Party lacht und sich ganz eifrig unterhält, wenn sie in eine Disco geht, wo sie noch bis zum Morgen tanzt, wenn sie in angefüllten Sälen sitzt und plötzlich merkt, dass nichts davon sie je berührt, wenn sie im Stillen dann für sich begreift, dass sie im Augenblick zwar nicht alleine ist, sich jedoch völlig fremd vorkommt, dann scheint es ihr, in einer Welt für sich Gefangene zu sein. Wie in einer Schneekugel ist sie von allem Äußeren getrennt und sie muss feststellen, dass sie nicht ausbrechen, nicht fliegen kann, wie heftig sie auch mit den Armen zu schlagen versucht, doch spornt der Misserfolg sie bloß noch mehr an. All ihre Energie vergeudet sie in diesen sinnlosen Schlachten, sie führt Stellvertreterkriege gegen das Alleinsein und sie reibt sich dabei auf, sodass für die Momente, in denen Einsamkeit sie überkommt, von ihrer Kraft nichts mehr vorhanden ist. Schutzlos steht sie diesen bedrückenden Augenblicken gegenüber, die in ihr das bittere Gefühl erwecken, der einsamste Mensch auf dieser Welt zu sein. Also erhöht sie ihre Bemühungen, opfert weiterhin Energie, solange sie diese Momente noch spüren kann, in denen sie sich einsam fühlt, sie möchte diese störenden Gefühle unter einem Teppich der Unterhaltung und guten Laune begraben, will jede einzelne Sekunde ihrer Tage in Gesellschaft verbringen, denn sie möchte nicht an ihre Einsamkeit erinnert werden können, sie möchte nicht mit ihrer Einsamkeit alleine sein. Rastlos wird sie und scheint unbeschwert, denn sie ist überall präsent, hat stets ein Lächeln im Gesicht, sie ist für alle bloß das Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint, und ist dabei zwar nie allein, doch bleibt sie allzeit einsam.