Selten unternehme ich etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch fĂŒr mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn absehbar ist, dass am Ende mehr Menschen anwesend sein werden als ich fĂŒr angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass jedes Treffen von mehr als vier Personen fĂŒr mich schon eine Gruppe darstellt und ich Gruppen nicht besonders leiden kann – besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag.
Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fĂŒhle, denn oft verspricht eine Gruppe und ihre spezielle Dynamik groĂen SpaĂ, doch ist es der Mangel an NĂ€he und ExklusivitĂ€t, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lĂ€sst. Es geht mir hierbei nicht um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen wĂŒrde, sondern um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenĂŒber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen mĂŒssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, sondern will mich auf ein GegenĂŒber konzentrieren und fĂŒr diese eine Person in diesem Augenblick voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.
Einmal saĂ ich mit fĂŒnfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine von vielen Situationen, die aber exemplarisch ist fĂŒr das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, rechts von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn ĂŒber dieses und ĂŒber jenes.
Es war, wie es immer ist, wenn eine gröĂere Anzahl von Menschen aufeinandertrifft: Man steigt aus GesprĂ€chen aus und in andere ein, man wechselt den GesprĂ€chspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit. Man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnĂŒgt sich mit Smalltalk.
Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso gröĂer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie in diesem Beispiel sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und VertrauensverhĂ€ltnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und noch nicht einmal sympathisch. In derlei Konstellationen unterhĂ€lt man sich notgedrungen nicht ĂŒber allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzĂ€hlt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch oder das seichte AmĂŒsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen, beides ist fĂŒr mich sozial ungenĂŒgend.
Das seichte AmĂŒsement in der Gruppe, der oberflĂ€chliche SpaĂ, das unbeschwerte Lachen fĂŒr Zwischendurch, wenn tiefe GesprĂ€che nicht zur Debatte stehen und groĂe NĂ€he nicht in Frage kommt, ist in jenen Momenten, in denen es stattfindet, fĂŒr mich so schön wie fĂŒr jeden anderen Beteiligten auch, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes GefĂŒhl zurĂŒck, der Wunsch nach mehr – nicht an QuantitĂ€t, sondern an QualitĂ€t.
Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen wĂŒrde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der OberflĂ€che des gröĂten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloĂ SpaĂ mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloĂ«. Nicht: SpaĂ mit ihnen zu haben, sondern: bloĂ SpaĂ mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, wo doch so viele sein sollten. Auf die Spitze getrieben: FĂŒr SpaĂ allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflĂ€chliche âgute Zeitâ, der spaĂige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhĂ€lt sich zur wirklichen guten Zeit wie die Prostituierte zur groĂen Liebe, da diese âgute Zeitâ so einfach, so beliebig, so aufwandslos zu haben ist, wĂ€hrend die echte gute Zeit, die nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, fĂŒr mich ganz andere QualitĂ€ten hat, die NĂ€he, Offenheit und ExklusivitĂ€t vereint.
Auf der anderen Seite bleibt als Möglichkeit nur das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch, das sich am Level des FreundschaftsverhĂ€ltnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat und der folglich meist recht klein ist. Es mĂŒndet letztlich in Smalltalk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fĂ€hrt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kĂŒmmern. GesprĂ€che dieser Art belĂ€stigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurĂŒck und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine SchlĂŒsse, möchte aber nicht mitreden.
Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Ăberhaupt: Die Frage, wie es jemandem geht – wer beantwortet sie denn schon ehrlich? Die meisten erzĂ€hlen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich schon wieder einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, wĂ€hrend die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, dann nur unter vier Augen.
Das ist die Art von GesprĂ€ch, die ich fĂŒhren möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfĂŒhlsam und verbindend wie diese. Jedes Mal ist es fĂŒr mich daher sehr enttĂ€uschend, wenn jemand, mit dem ich mich verabredet habe, plötzlich ungefragt noch irgendwelche Dritte hinzuholt. Nicht bloĂ ist es unhöflich, es war auch nicht abgemacht und hĂ€tte ich es im Voraus gewusst, ich hĂ€tte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maĂgeblich verĂ€ndert, denn es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an potentieller Tiefe, bĂŒĂt NĂ€he ein zugunsten einer gröĂeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fĂŒrs Romantische so wichtig ist.
Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.