Jul 2 2010

Schnittpunkt

Sie sagt, sie lÀuft ganz gern allein,
weil sie das immer schon so trug;
einst reicht sie mir vielleicht die Hand:
wir könnten, wie ich stets empfand,
viel mehr noch als zwei Linien sein -
doch heut’ ist das fĂŒr mich genug.

(2010)


Apr 27 2010

Vom Zuhören

Here was a man who, if he wanted, could spend every waking moment in self-pity, feeling his body for decay, counting his breaths. So many people with far smaller problems are so self-absorbed, their eyes glaze over if you speak for more than thirty seconds. They already have something else in mind – a friend to call, a fax to send, a lover they’re daydreaming about. They only snap back to full attention when you finish talking, at which point they say “Uh-huh” or “Yeah, really” and fake their way back to the moment. (…) We are great at small talk: “What do you do?” “Where do you live?” But really listening to someone – without trying to sell them something, pick them up, recruit them, or get some kind of status in return – how often do we get this anymore? I believe many visitors in the last few months of Morrie’s life were drawn not because of the attention they wanted to pay to him but because of the attention he paid to them. Despite his personal pain and decay, this little old man listened the way they always wanted someone to listen.
(Mitch Albom – Tuesdays with Morrie)


Apr 27 2010

Weniger ist mehr

Selten unternehme ich etwas mit mehr als drei Menschen auf einmal. Vielleicht mag das unsozial erscheinen, doch fĂŒr mich ist es genau das Gegenteil. Ich meide Massenveranstaltungen und bleibe Treffen fern, wenn absehbar ist, dass am Ende mehr Menschen anwesend sein werden als ich fĂŒr angenehm befinde. Das liegt vor allem daran, dass jedes Treffen von mehr als vier Personen fĂŒr mich schon eine Gruppe darstellt und ich Gruppen nicht besonders leiden kann – besonders dann nicht, wenn darunter Menschen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich einzelne darunter mag, desto weniger möchte ich sie zeitgleich mit anderen in eine Gruppe stecken. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich in einer Gruppe unwohl fĂŒhle, denn oft verspricht eine Gruppe und ihre spezielle Dynamik großen Spaß, doch ist es der Mangel an NĂ€he und ExklusivitĂ€t, der mich Gruppen in der Regel eher meiden lĂ€sst. Es geht mir hierbei nicht um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich von anderen erwarten, einfordern oder gar verlangen wĂŒrde, sondern um NĂ€he und ExklusivitĂ€t, die ich selbst gerne denjenigen Menschen zukommen lassen möchte, die ich mag. Ich möchte meine Aufmerksamkeit gegenĂŒber diesen Menschen nicht hin und her springen lassen mĂŒssen, will mein Interesse nicht spalten und meine Gedanken nicht hetzen, sondern will mich auf ein GegenĂŒber konzentrieren und fĂŒr diese eine Person in diesem Augenblick voll und ganz da sein, einzig und allein, absolut und ungeteilt.

Einmal saß ich mit fĂŒnfzehn weiteren Personen zum Abendessen an einem langen Tisch und feierte den Geburtstag einer Freundin – nur eine von vielen Situationen, die aber exemplarisch ist fĂŒr das, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Links von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, rechts von mir konnte ich GesprĂ€che verfolgen, und ich selbst unterhielt mich mit meinen Nachbarn ĂŒber dieses und ĂŒber jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Menschen aufeinandertrifft: Man steigt aus GesprĂ€chen aus und in andere ein, man wechselt den GesprĂ€chspartner, wenn es langweilig zu werden droht, man teilt die Aufmerksamkeit. Man rast hin und her, zumindest in Gedanken, man verliert Fokus und Konzentration, man fragmentiert die Anteilnahme. Alle Unterhaltungen sind gleich, indem sie unpersönlich bleiben: Man begnĂŒgt sich mit Smalltalk.

Je mehr Menschen sich zusammenfinden, umso grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit ungleicher Freundschaftsbeziehungen. Wenn wie in diesem Beispiel sechszehn Personen an einem Tisch sitzen, ist es recht unwahrscheinlich, dass alle diese Personen das gleiche Freundschafts- und VertrauensverhĂ€ltnis teilen oder allesamt untereinander beste Freunde sind. Vielleicht sind einige sich völlig fremd und noch nicht einmal sympathisch. In derlei Konstellationen unterhĂ€lt man sich notgedrungen nicht ĂŒber allzu Persönliches, weil Ohren anwesend sind, die es vermutlich nichts angeht. Was man dem besten Freund oder der Freundin erzĂ€hlt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Ausweg ist das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch oder das seichte AmĂŒsement. Beides gibt mir nichts, mit beidem kann ich nichts anfangen, beides ist fĂŒr mich sozial ungenĂŒgend.

Das seichte AmĂŒsement in der Gruppe, der oberflĂ€chliche Spaß, das unbeschwerte Lachen fĂŒr Zwischendurch, wenn tiefe GesprĂ€che nicht zur Debatte stehen und große NĂ€he nicht in Frage kommt, ist in jenen Momenten, in denen es stattfindet, fĂŒr mich so schön wie fĂŒr jeden anderen Beteiligten auch, doch nehme ich daraus nichts mit. Ich habe mit Leuten eine schöne Zeit, ja, mit Freunden gar, doch wenn ich dann nach Hause komme, bleibt in mir ein unbefriedigendes GefĂŒhl zurĂŒck, der Wunsch nach mehr – nicht an QuantitĂ€t, sondern an QualitĂ€t.

Es kommt mir wie Verschwendung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich gerne in die Tiefe abtauchen wĂŒrde, aber es nicht kann, weil wir in einer Gruppe gefangen sind, die auf der OberflĂ€che des grĂ¶ĂŸten gemeinsamen Teilers treibt. Es erscheint mir wie Vergeudung von Freundschaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Entscheidend ist das »bloĂŸÂ«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, sondern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduktion auf eine Dimension, wo doch so viele sind, wo doch so viele sein sollten. Auf die Spitze getrieben: FĂŒr Spaß allein, da reichen schon Bekannte, ja sicherlich schon Unbekannte, denn es steckt Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit darin. Die oberflĂ€chliche „gute Zeit“, der spaßige Abend, die kurzweilige Unterhaltung verhĂ€lt sich zur wirklichen guten Zeit wie die Prostituierte zur großen Liebe, da diese „gute Zeit“ so einfach, so beliebig, so aufwandslos zu haben ist, wĂ€hrend die echte gute Zeit, die nicht in AnfĂŒhrungszeichen steht, fĂŒr mich ganz andere QualitĂ€ten hat, die NĂ€he, Offenheit und ExklusivitĂ€t vereint.

Auf der anderen Seite bleibt als Möglichkeit nur das oberflĂ€chliche GesprĂ€ch, das sich am Level des FreundschaftsverhĂ€ltnisses orientiert, den die gesamte Gruppe gemein hat und der folglich meist recht klein ist. Es mĂŒndet letztlich in Smalltalk. Was jemand macht, was er am Tag gegessen hat, welche Möbel er erwarb, wie viel Geld er verdient oder welches Auto er fĂ€hrt, das alles interessiert mich nicht. Ich stelle diese Fragen nicht, weil mich die Antworten nicht kĂŒmmern. GesprĂ€che dieser Art belĂ€stigen mich nicht, doch halte ich mich dann zurĂŒck und gebe den Beobachter, nehme alles in mich auf und ziehe meine SchlĂŒsse, möchte aber nicht mitreden.

Was mich wirklich interessiert, das ist die Person, wer jemand ist, und wie es demjenigen gerade geht. Überhaupt: Die Frage, wie es jemandem geht – wer beantwortet sie denn schon ehrlich? Die meisten erzĂ€hlen daraufhin, wie sie mit ihrer Arbeit zurechtkommen, was das Finanzamt von ihnen verlangt oder dass sie sich schon wieder einen neuen Fernseher gekauft haben. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, wĂ€hrend die gestellten völlig unbeantwortet bleiben. Auf diese Fragen bekommt man selten eine wahre Antwort, noch seltener so unter Vielen, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von GesprĂ€ch, die ich fĂŒhren möchte, denn nichts ist so befriedigend, erkenntnisreich, offen, einfĂŒhlsam und verbindend wie diese. Jedes Mal ist es fĂŒr mich daher sehr enttĂ€uschend, wenn jemand, mit dem ich mich verabredet habe, plötzlich ungefragt noch irgendwelche Dritte hinzuholt. Nicht bloß ist es unhöflich, es war auch nicht abgemacht und hĂ€tte ich es im Voraus gewusst, ich hĂ€tte vermutlich abgesagt, nicht weil ich die Freunde meiner Freunde nicht mag, sondern weil es die Grundlagen des Treffens maßgeblich verĂ€ndert, denn es gewinnt dadurch an Beliebigkeit und verliert an potentieller Tiefe, bĂŒĂŸt NĂ€he ein zugunsten einer grĂ¶ĂŸeren Teilnehmerzahl und zerstört die Zweisamkeit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fĂŒrs Romantische so wichtig ist.

Wenn ich mich mit jemandem treffen möchte, dann tue ich das in der Regel, um den Menschen, die ich mag, im doppelten Wortsinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vielen ist.


Dez 31 2009

Meine schlimmste Tat

Man kann einem Menschen nichts Schlimmeres antun, als ihm zu sagen, man habe sich in ihn verliebt. Das gilt natĂŒrlich nur, wenn die GefĂŒhle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit allem anderen davonkommt, bloß nicht mit dem schlimmsten aller möglichen GestĂ€ndnisse, dem GestĂ€ndnis der Liebe.
Ich habe Freunde beleidigt und einigen Menschen die hĂ€sslichsten Wörter an den Kopf geworfen, die man sich nur vorstellen kann, ich habe sie verletzt, vernachlĂ€ssigt, verraten, enttĂ€uscht und angeschwĂ€rzt, aber es brauchte nur ein wenig Zeit, eine Entschuldigung, ein gutes Wort, das andere fĂŒr mich einlegten, oder eine Art der Wiedergutmachung, damit sie mir meine Taten schließlich doch wieder verziehen.
Alles wurde mir verziehen, keine Beleidigung war zu groß, keine EnttĂ€uschung zu hart, um letzten Endes nicht darĂŒber hinwegsehen zu können. Ich war ein LĂŒgner, ein BetrĂŒger, ein SchlĂ€ger. Einmal wĂ€re ich sogar fast zum Mörder geworden. Ich ging fremd, ich war ein lausiger Freund und ich habe Menschen um ihr Geld gebracht, doch alle meine bösen Taten, so schlimm sie auch waren, konnte ich irgendwie wieder geradebiegen. Es blieb kein ernsthafter Schaden zwischen mir und diesen Leuten zurĂŒck. Im schlimmsten Fall ging man auf separaten Pfaden seiner Wege, ohne sich aber im Bösen voneinander zu trennen, ohne den Anderen von nun an nicht lĂ€nger im eigenen Leben wissen zu wollen.
Mit allem kam ich durch, nur nicht mit dem einen. Gestehe jemandem deine Liebe und er wird dich fortan meiden, er wird mit dir nicht mehr reden wollen, er wird sich weiter und weiter von dir distanzieren und deine Anwesenheit wird ihm Unwohlsein bereiten. Eine LiebeserklĂ€rung besitzt mehr destruktives Potential als alle bösartigen Verhaltensweisen, denn keine von ihnen verfĂŒgt ĂŒber die geballte Zerstörungskraft einer emotionalen Zuwendung.
Was soll man davon halten, wenn das eigentlich Gute so viel Schlechtes mit sich bringt, wĂ€hrend das Böse keine nennenswerten Folgen nach sich zieht, weil es von denjenigen, auf die es zielt, offenbar leichter zu verkraften ist. Es heißt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Ist eine Liebes- somit eine KriegserklĂ€rung? Vielleicht also sollte ich einfach aufhören, andere Menschen zu lieben, und sie stattdessen bloß noch wie Dreck behandeln. Damit kommen sie zurecht. Nur nicht mit der Liebe.