Jul 24 2010

Wer mich liebt, mit dem stimmt etwas nicht

Schon Dostojewski machte darauf aufmerksam, daß das Bibelwort »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« wahrscheinlich andersrum zu verstehen ist – nämlich in dem Sinne, daß man den Nächsten nur dann lieben kann, wenn man sich selbst liebt.

Weniger elegant, dafür um so prägnanter, drückte Marx (Groucho, nicht Karl) dieselbe Idee Jahrzehnte später aus: »Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen.« Wenn Sie sich die Mühe nehmen, die Tiefe dieses Witzes zu ergründen, sind Sie bereits gut auf das nun Folgende vorbereitet.

Geliebt zu werden ist auf jeden Fall mysteriös. Nachzufragen, um Klarheit zu schaffen, empfiehlt sich nicht. Bestenfalls kann es der andere Ihnen überhaupt nicht sagen; schlimmstenfalls stellt sich sein Grund als etwas heraus, das Sie selbst bisher nicht für Ihre charmanteste Eigenschaft hielten; zum Beispiel das Muttermal auf Ihrer linken Schulter. Schweigen ist da wieder einmal ganz eindeutig Gold.

Was wir daraus für unser Thema lernen können, zeichnet sich nun schon klarer ab. Nehmen Sie nicht einfach dankbar hin, was Ihnen das Leben durch Ihren (offensichtlich selbst liebenswerten) Partner bietet. Grübeln Sie. Fragen Sie sich, aber nicht ihn, warum. Denn er muß ja irgendeinen Hintergedanken haben. Und den enthüllt er Ihnen bestimmt nicht.

(…)

In seinem berühmten Werk ›Das Sein und das Nichts‹ bezeichnet Jean Paul Sartre die Liebe als einen vergeblichen Versuch, eine Freiheit als Freiheit zu besitzen. Dazu führt er aus:

»Andererseits kann er [der Liebende] sich aber auch nicht mit jener erhabenen Form von Freiheit zufriedengeben, die eine ungezwungene und freiwillige Verpflichtung ist. Wer würde sich mit einer Liebe begnügen, die sich als reine, dem Vertrauen geschworene Treue darbietet? Wem wäre es recht, wenn er hören müßte: ›Ich liebe dich, weil ich mich freiwillig verpflichtet habe, dich zu lieben, und weil ich mein Wort nicht brechen will; ich liebe dich aus Treue zu mir selbst.‹? So verlangt der Liebende den Schwur und ist über den Schwur unglücklich. Er will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt, daß diese Freiheit als solche nicht mehr frei sei.«

[F]ür den Unglücklichkeitsbedarf des Anfängers mag das eben Gesagte ausreichen. Der Fortgeschrittene aber gibt sich damit nicht zufrieden. Aus diesen Zusammenhängen läßt sich nämlich weiteres Kapital schlagen, das allerdings nur den Groucho Marxens unter uns zugänglich ist. Es setzt eben voraus, daß man sich selbst für liebensunwürdig hält. Damit ist jeder, der einen liebt, prompt diskreditiert. Denn wer einen liebt, der keine Liebe verdient, mit dessen Innenleben stimmt etwas nicht. Ein Charakterdefekt wie Masochismus, eine neurotische Bindung an eine kastrierende Mutter, eine morbide Faszination durch das Minderwertige – von dieser Art sind die Gründe, die sich als Erklärung für die Liebe des oder der Betreffenden anbieten und sie unerträglich machen. (Zur Auswahl der befriedigendsten Diagnose ist eine gewisse Kenntnis der Psychologie oder wenigstens die Teilnahme an Selbsterfahrungsgruppen von großem Wert.)

Und damit ist nicht nur das geliebte Wesen, sondern auch der Liebende selbst und die Liebe als solche in ihrer Schäbigkeit enthüllt. Was kann man schon mehr wünschen?

(…)

Nur auf den ersten Blick erscheint das absurd, denn die Komplikationen, die mit dieser Auffassung einhergehen, liegen doch so klar auf der Hand. Dies dürfte aber noch niemanden abgehalten haben, oder, wie Shakespeare es in einem seiner Sonette sagt: »Dies weiß jedweder, doch nicht wie man flieht den Himmel, der zu dieser Hölle zieht.« Praktisch verliebe man sich also in hoffnungsloser Weise: in einen verheirateten Partner, einen Priester, einen Filmstar oder eine Opernsängerin. Auf diese Weise reist man hoffnungsfroh, ohne anzukommen, und zweitens bleibt einem die Ernüchterung erspart, feststellen zu müssen, daß der andere gegebenenfalls durchaus bereit ist, in eine Beziehung einzutreten - womit er sofort unattraktiv wird.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)


Jul 18 2010

Nichts zu verlieren

Es dauerte zwei Tage, bis mir langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, ein genaues Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. Wie schlimm denn „nicht gut“ sei, hatte ich gefragt, und er antwortete bloß knapp, im schlimmsten Fall stünden die Chancen nicht sehr gut, dass ich das Ende des Jahres noch erleben würde, sollte die genaue Untersuchung seine Vermutung denn bestätigen. Vielleicht war er etwas vorschnell, doch ich schätzte seine Aufrichtigkeit, denn die meisten Ärzte hätten sich davor gedrückt, solch eine Vermutung offen auszusprechen, solange sie nicht über eine definitive Diagnose verfügten, um, wie sie sagen würden, ihre Patienten nicht unnötig zu verängstigen. Zwei Tage später saß ich in einem Bus, es war Nachmittag, und erst da begriff ich plötzlich, dass meine Perspektiven sich verändert hatten. Ich würde vielleicht sterben, und zwar sehr bald.
Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinen Eltern. Wieso auch? Noch stand das Ergebnis gar nicht fest, und ich wollte niemanden unnötig beunruhigen, also verhielt ich mich wie jene Ärzte, die ihre Patienten erst einmal im Dunkeln lassen. Ich hätte es nicht ertragen, von Freunden oder von Menschen, die sich dafür hielten, mitleidige Blicke und wohlmeinenden Zuspruch zu erhalten, der bestenfalls gut gemeint und im schlimmsten Fall einfach nur lächerlich ist. Nein, ich behielt es für mich, denn es handelte sich ja um eine höchst private Angelegenheit, die zuallererst bloß mich etwas anging. Und wie sie mich etwas anging!
Was in mir geschah, nachdem ich erst einmal begriffen hatte, wie nun meine Chancen standen und dass ich vielleicht bald sterben würde, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es war jedoch nicht wirklich schlecht, was in mir vor sich ging, so wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der dem Tod ins Auge blickt, denn genau das tat ich ja, mehr oder weniger. Ich verfiel nicht in tiefe Depression, ich wurde weder apathisch und hoffnungslos, noch begann ich plötzlich, mich für Extremsport zu interessieren, um auf die letzten Tage noch möglichst viele Kicks zu bekommen. Ich blieb, wenn man so sagen kann, oberflächlich betrachtet ziemlich normal.
Unter der Oberfläche jedoch vollzog sich ein Wandel, der zwar nicht besonders spektakulär erschien, aber meinem Leben eine gewisse neue Richtung geben sollte. Bislang hatte ich ein Leben geführt, das sich daran orientierte, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und möglichst wenig aufzufallen, weil Auffallen in der Regel bedeutete, ziemlich schnell in Situationen zu geraten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Ich war der Mann, der immer da, aber nie dabei sein wollte, der immer anwesend, aber nie beteiligt war. Das sollte sich ändern.
Es gab da eine Frau. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich in sie verliebt gewesen sei. Ein wenig vielleicht. Aber mehr wollte ich mir nicht erlauben, denn das wäre dann genau solch eine Situation gewesen, die zu Problemen hätte führen können. Wir gingen einige Male aus, ja, aber nur unter Vorwänden, nur mit Begleitung, und nie fiel das Wort Date, geschweige denn ein Kuss. An schlechten Tage fühlte ich mich feige und hasste mich dafür, nicht den Mut aufzubringen, sie einfach zu küssen, doch an guten Tagen klopfte ich mir auf die Schulter, die Sache nicht noch weiter zu vertiefen, würde sie doch sowieso in einer Katastrophe oder jedenfalls irgendwie enden, aber eben enden. Es gab Menschen in meinem Leben, zu denen ich freundlich war, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte. Mein Chef zum Beispiel, um ein Klischee zu erfüllen, denn wer mag schon seinen Chef, aber auch Leute in meinem Freundeskreis, Freunde von Freunden, irgendwelche Bekannte sowie natürlich diejenigen, von denen man sich erhofft, für die gespielte Freundlichkeit später im Leben irgendwann einmal etwas zurückzubekommen. Ich war ordentlich und brav, könnte man sagen, denn ich erfüllte Aufgaben, die mir zugetragen wurden, in der Regel ohne zu murren, befolgte die Regeln, auch wenn sie mir noch so unsinnig erschienen, wagte nichts und ordnete mich unter, wo es nur ging, weil alles andere wieder zu Problemen geführt hätte. Es war kein unangenehmes Leben, doch es war ein Leben, das mich auch nicht wirklich befriedigte.
Nach den Worten des Arztes jedoch war alles anders. Meine Perspektive, meine Rolle in der Welt als auch meine Sicht auf mich selbst hatten sich verändert. Ich würde vielleicht bald sterben. Haben wir nicht alle diesen Gedanken in uns, schlicht und einfach das zu tun, was uns wirklich glücklich macht, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten? Wenn es auch nicht ein einzelner sein sollte, so schienen meine Tage doch gezählt. Wie lange hätte ich noch gehabt? Sechs Monate? Ein Jahr? Was ist in einem solchen Fall der Unterschied zwischen einem Tag und einem Jahr? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Tag und einem Leben? Wieso tragen wir diese Vorstellung mit uns herum, wir würden plötzlich alles ganz anders leben und erleben, wenn wir definitiv wüssten, es wäre unser letzter Tag? Wenn ich morgen ganz unspektakulär in der Dusche ausrutschen würde, wäre mein letzter Tag dann nicht der heutige, also beliebig? Immer und nie zugleich? Warum ändern so viele Menschen ihr Leben, wenn sie ein mehr oder weniger genaues Datum für ihren Tod erfahren? Verbringen wir unsere Leben vielleicht so unglücklich, so unbefriedigend, weil wir glauben, wir lebten für immer, wir könnten alles noch nachholen, was wir versäumen, und erst das baldige Ende, dieser Gedanke an Endlichkeit bringt uns dazu, unser Leben wahrhaft zu genießen, wenn es dafür schon fast zu spät ist? Ich weiß es nicht.
Was ich jedoch wusste, war, mein Leben sollte anders werden. Ich wollte die wenige Zeit, die mir vielleicht noch blieb, sinnvoll nutzen. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen sollte. Zuallererst würde ich sie anrufen und um ein Date bitten, ein klares, eindeutiges Date, um dem Herumlavieren endlich ein Ende zu bereiten. Es wäre riskant, natürlich, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor meinem Chef würde ich nicht länger kriechen, wenn er mich einmal mehr für seine eigene Inkompetenz bestrafte, sondern ihm offen sagen, was ich von ihm halte, und anstatt zu heucheln, würde ich wirklich immer meine ehrliche Meinung zum Ausdruck bringen, auch wenn sie einigen Menschen vielleicht nicht gefallen mag. Ich würde diejenigen Personen meiden, die mir nicht guttun, und würde mir Zeit für Menschen und Dinge nehmen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich würde ein besserer Freund sein, ein besserer Sohn, ein besserer Mensch. Das war es, was ich mir vorstellte, was in mir brannte. Ich würde, wenigstens auf meine letzten Tage, endlich das Leben führen, das ich schon die ganze Zeit hätte führen sollen.
Drei Tage später erhielt ich die Ergebnisse. Der Arzt sagte mir, ich hätte riesiges Glück gehabt, und was er damit meinte, war wohl, ich bekäme mein ewiges, undatiertes Leben zurück. Ich ging nach Hause, setzte mich auf meine Couch und verarbeitete, was gerade geschehen war. Ich dachte an die Frau, mit der ich schon seit langer Zeit so gerne ausgehen würde, und verteufelte mich dafür, sie noch immer nicht angerufen zu haben. Dann endlich nahm ich das Telefon in die Hand, wählte die Nummer meiner Eltern, erzählte ihnen von der guten Nachricht, und führte mein Leben weiterhin wie zuvor.


Jun 21 2010

Furcht vor dem Glück

It is easiest to accept happiness when it is brought about through things that one can control, that one has achieved after much effort and reason. But the happiness I had reached with Chloe had not come as a result of any personal achievement or effort. It was simply the outcome of having, by a miracle of divine intervention, found a person whose company was more valuable to me than that of anyone else in the world. Such happiness was dangerous precisely because it was so lacking in self-sufficient permanence. Had I after months of steady labor produced a scientific formula that had rocked the world of molecular biology, I would have had no qualms about accepting the happiness that had ensued from such a discovery. The difficulty of accepting the happiness Chloe represented came from my absence in the causal process leading to it, and hence my lack of control over the happiness-inducing element in my life. It seemed to have been arranged by the gods, and was hence accompanied by all the primitive fear of divine retribution.

“All of man’s unhappiness comes from an inability to stay in his room alone,” said Pascal, advocating a need for man to build up his own resources over and against a debilitating dependence on the social sphere. But how could this possibly be achieved in love? Proust tells the story of Mohammed II, who, sensing that he was falling in love with one of the wives in his harem, at once had her killed because he did not wish to live in spiritual bondage to another. Short of this approach, I had long ago given up hope of achieving self-sufficiency. I had gone out of my room, and begun to love another – thereby taking on the risk inseparable from basing one’s life around another human being.
(Alain de Botton – On Love)


Jun 15 2010

Selbstzurückweisung

When we look at someone (an angel) from a position of unrequited love and imagine the pleasures that being in heaven with them might bring us, we are prone to overlook a significant danger: how soon their attractions might pale if they began to love us back. We fall in love because we long to escape from ourselves with someone as ideal as we are corrupt. But what if such a being were one day to turn around and love us back? We can only be shocked. How could they be as divine as we had hoped when they have the bad taste to approve of someone like us? If in order to love we must believe that the beloved surpasses us in some way, does not a cruel paradox emerge when we witness this love returned? “If s/he really is so wonderful, how could s/he love someone like me?”
(Alain de Botton – On Love)


Mai 2 2010

Ein gutes Leben

What if you had one day perfectly healthy, I asked? What would you do?
“Twenty-four hours?”
Twenty-four hours.
“Let’s see… I’d get up in the morning, do my exercises, have a lovely breakfast of sweet rolls and tea, go for a swim, then have my friends come over for a nice lunch. I’d have them come one or two at a time so we could talk about their families, their issues, talk about how much we mean to each other.
“Then I’d like to go for a walk, in a garden with some trees, watch their colors, watch the birds, take in the nature that I haven’t seen in so long now.
“In the evening, we’d all go together to a restaurant with some great pasta, maybe some duck – I love duck – and then we’d dance the rest of the night. I’d dance with all the wonderful dance partners out there, until I was exhausted. And then I’d go home and have a deep, wonderful sleep.”
That’s it?
“That’s it.”
It was so simple. So average. I was actually a little disappointed. I figured he’d fly to Italy or have lunch with the President or romp on the seashore or try every exotic thing he could think of. After all these months, lying there, unable to move a leg or a foot – how could he find perfection in such an average day?
Then I realized this was the whole point.
(Mitch Albom – Tuesdays with Morrie)


Mrz 25 2010

In deinem Bunker

Wer von Geheimnissen lebt, verschreibt sein Leben der ständigen Angst vor Offenbarung. Heute weiß ich, du hattest eine selbstzerstörerische Vorstellung, die jeden Zug deines Handelns bestimmte, der du treu warst wie einem Dogma, die unsere Beziehung prägte und wodurch sie letztlich auch zum Scheitern kam. Du warst so sehr von diesem Grundsatz überzeugt, den du dir aus Gründen kultiviert hattest, die mir für immer verborgen bleiben werden, dass für dich die Konsequenzen deiner Überzeugung weder überschaubar waren noch beachtenswert erschienen. Jede ernsthafte Verbindung zwischen zwei Menschen könne nur Bestand haben, so predigtest du mir und jedem anderen, der das Unglück hatte, dieses Thema einmal anzuschneiden, wenn man die Impulse und Geheimnisse des Anderen nicht hinterfrage. Was du mit diesem Satz zum Ausdruck brachtest, das hieß in letzter Konsequenz, dem Anderen stets ein Fremder noch zu sein, den Abstand niemals zu verlieren. Aber was waren deine Geheimnisse? Es war vor allem Angst, muss ich im Rückblick heute sagen. Du hattest Angst, ich könnte alles über dich erfahren, so als gäbe es ein festes Kontingent an Informationen über eine lebendige Person. Du hattest Angst, ich könnte das Interesse an dir ganz schnell wieder verlieren, wenn du mir nicht länger ein Mysterium offerierst, als wäre eine solche Geheimnislosigkeit jemals zwischen Menschen möglich.
Da waren keine gefährlichen, keine schlimmen und keine bestürzenden Geheimnisse, die du vor mir beschütztest, die du aus Scham hinter einer Nebelwand hättest verstecken müssen, sondern nur dieses eine, deine tief verwurzelte Angst, ohne streng gehütete Geheimnisse für einen anderen, für mich, auf einmal völlig uninteressant zu erscheinen. Du hattest Angst, du würdest dann berechenbar, du hattest Angst, du wärest dann durchschaut, wärst für mich fertig, ich würde dann an dir nichts mehr entdecken wollen und gar nichts mehr entdecken können. Bei jeder Gelegenheit, bei jeder noch so banalen Meinungsverschiedenheit, deren Diskussion du aus dem Weg gingst, hast du mich immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dir deine Geheimnisse sind, und du machtest mir wildeste Szenen, wenn ich es je wagte, irgendeine deiner Handlungen auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Es war für dich bequem. Du führtest dich auf wie eine Regierung unter Paranoia, die jede Anfrage mit einem schnippischen Verweis auf nationale Sicherheit verwehrt, weil ihre lästige Bevölkerung das alles gar nicht wissen muss. Wolltest du etwas nicht erklären – vielleicht konntest du es dir selbst gar nicht erklären -, dann deklariertest du es als Geheimnis, dein Geheimnis, und ich durfte es nicht hinterfragen, hätte das doch bloß bedeutet, ich würde dich nicht lieben. Das war dein Vorwurf, noch jedes Mal, wenn du deine Geheimnisse in Gefahr geraten sahst. „Du musst das nicht verstehen“, sagtest du anlässlich jeder Irritation, wenn mir deine Handlungen ein Rätsel aufgaben, und genau das freute dich daran, denn es war ein weiteres Geheimnis, das ich nicht ergründen konnte, das ich nicht ergründen durfte.
Du öffnetest dich nur in kleinen, penibel abgegrenzten Stücken, du teiltest mir nur mit, was du mir mitteilen wolltest, all die guten Dinge, die schönen Seiten, all das, von dem du dachtest, es würde dich am besten präsentieren, und spartest dir den Rest für einen anderen Tag, der jedoch niemals kam. Das war deine Vorstellung von Kommunikation. Stets hieltest du etwas vor mir zurück, vermiedest die offene Diskussion, ja, jede Konfrontation, weil dies für dich zugleich bedeutete, sich einer möglichen Verletzung frei zu offenbaren, die dir so unvermeidlich schien, wenn dein Geheimnisbunker dich nicht mehr beschützt. Dein Verhalten, dessen Selbstschutz dich so isolierte, rationalisiertest du für dich mit der umgekehrten Fantasie, mir damit einen Dienst zu tun, da jede Offenlegung deiner selbst für mich vielleicht verletzend sei. Du hattest so viel Angst vor diesen Chimären, so viel Furcht vor Fraktur, dass du die wirklichen Verletzungen gar nicht wahrgenommen hast, die deine forcierte Geheimniskrämerei letztendlich dir und mir zufügte.
Aber wer von uns war es nun, der nicht liebte? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, so sagt man, und was du für dich aus diesem Sprichwort mitnahmst, das war die Vorstellung, bei Liebe handele es sich um eine Art von Krieg. Jedes Geheimnis, das du mir offenbartest, stellte für dich ein kapitulierendes Eingeständnis dar, eine verlorene Schlacht, eine schleichende Verschiebung der Front hin zu dir, was am Ende zu deiner Niederlage in diesem Krieg führen würde und führen müsste, denn es war ja Liebe, und Liebe war Krieg, und Krieg bedeutete, dass einer am Ende der Verlierer sei. Du warst nicht gewillt, dich wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen, sonst hättest du gewusst, dass du dein Spiel mit den Geheimnissen doch gar nicht brauchst, damit dich jemand liebt. Du machtest dich durch sie bloß künstlich interessant. Alles an dir verstecktest du in einem Panzerschrank, und du wachtest über ihn mit Kerberos’ Verbissenheit, weil in dir die Befürchtung wuchs, ich würde dich ganz unbarmherzig ausplündern und zurücklassen, wenn ich denn erst den Code zu deinem Leben weiß. Begreifst du, dass das keine Liebe ist? Du hegtest nie den Wunsch, von mir verstanden zu werden, du wolltest dich nie öffnen, nie unsere Welten miteinander teilen. Das ist das Gegenteil von Liebe. Immer hattest du die Furcht, ich würde dich verlassen, wären da nicht mehr die Geheimnisse an dir, die mich für alle Ewigkeit wie einen fanatischen Schatzsucher an dich binden. Hättest du dich wirklich auf mich eingelassen, hättest du verstanden, was denn wirklich Liebe ist, dann hättest du den Köder nicht gebraucht. Liebe braucht keine Geheimnisse. Liebe akzeptiert Geheimnisse, aber sie hat sie nicht nötig, weil es für Liebende ohnehin auf ewig Neues zu entdecken gibt, solange man einander liebt. Liebe sucht, entdeckt, erforscht, ohne dass du etwas wegschließen musst, weil der geliebte Mensch an sich doch das Geheimnis ist, das Liebende so gern ergründen, solange ihre Liebe währt. Noch heute hoffe ich für dich, dass du das irgendwann verstehst.


Mrz 20 2010

Der irreparable Mensch

Der irreparable Mensch ist der Mensch, der das Chaos hinter sich hat, und die Ordnung in der Marotte, in der Konvention, in den Tröstungen der Gewohnheit, im Tic, in der Routine, im Stil findet. Er wird nichts mehr. Kultivierte er früher vielleicht noch das aufklärerische Ideal, das Ich-Gebilde müsse stetig, plausibel, aus sich heraus entwickelt aufsteigen, so blamiert das Selbstbild im Knacks jede Vorstellung einer sich zielgerichtet entwickelnden Persönlichkeit. Am Ende erweist er sich als allenfalls amüsierbar.
(Roger Willemsen – Der Knacks)


Mrz 18 2010

Confusion

What if the water that came out of the shower was treated with a chemical that responded to a combination of things, like your heartbeat, and your body temperature, and your brain waves, so that your skin changed color according to your mood? If you were extremely excited your skin would turn green, and if you were angry you’d turn red, obviously, and if you felt like shiitake you’d turn brown, and if you were blue you’d turn blue.
Everyone could know what everyone else felt, and we could be more careful with each other, because you’d never want to tell a person whose skin was purple that you’re angry at her for being late, just like you would want to pat a pink person on the back and tell him, “Congratulations!”
Another reason it would be a good invention is that there are so many times when you know you’re feeling a lot of something, but you don’t know what the something is. Am I frustrated? Am I actually just panicky? And that confusion changes your mood, it becomes your mood, and you become a confused, gray person. But with the special water, you could look at your orange hand and think, I’m happy! That whole time I was actually happy! What a relief!
(Jonathan Safran Foer – Extremely Loud & Incredibly Close)


Feb 5 2010

Mit Einsamkeit allein

Sie ist ein Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint. Man sieht sie selten schlecht gelaunt, sie ist so klug wie wunderhübsch, sie ist beliebt und diese Welt liegt ihr zu Füßen, denn wo sie weilt, wird sie verehrt. Ohne dass sie je ein Wort verlieren muss, werden ihr in Straßenbahnen Plätze angeboten, Männer halten ihr die Türen auf, wo immer sie auch geht, und jede Party scheint sich irgendwann um sie zu drehen. Sie ist nicht extrovertiert, aber auch nicht schüchtern, und es gelingt ihr mit einer beiläufigen Leichtigkeit, Kontakt zu neuen Menschen herzustellen. Die ganze Welt liegt ihr zu Füßen, doch was hilft ihr das, wenn diese Welt sie nicht versteht?
Es gibt Menschen, die sind gerne allein. Niemand ist gerne einsam. Wenn du in einem Bahnhof stehst, umringt von all den Reisenden, wenn du durch eine Großstadt gehst, belebt und laut und voll, wenn du auf einer Party tanzt, die alle froh zu machen scheint, dann kannst du trotzdem einsam sein. Wenn du für dich zuhause sitzt, Gesellschaft nur ein Buch, wenn du spät nachts im Wald spazierst, kein Mensch ist weit und breit, wenn du als Astronaut im Weltraum schwebst, so weit von anderen entfernt wie keine zwei auf dieser Welt, dann musst du gar nicht einsam sein, bloß weil du just alleine bist. Die gern am Rand und etwas abseits stehen, die man gemein für einsam hält, die sind doch häufig nur allein, und die, die keck zu einer Gruppe gehen, aus der sie niemand flüchtig kennt, die plagt nicht selten Einsamkeit. Ein Paar, das uns an manchem trüben Tag wie Zwillinge erscheinen mag, hier das Alleinsein, dort die Einsamkeit, und doch sind beide nicht verwandt. Du kannst allein und dennoch gar nicht einsam sein, so wie du dich vor dem Alleinsein fürchten kannst, weil deine Einsamkeit dich quält, und sogar Pärchen finden sich zusammen, nur um der Angst vor dem Alleinsein zu entgehen, und bleiben dann gemeinsam einsam.
Ein Mensch, der in der Großstadt wohnt, braucht bloß durch seine Wohnungstür hinauszugehen, um dann nicht mehr allein zu sein. Einsamkeit kennt keine solchen Türen. Einsamkeit ist eine Mauer ohne Tür, ein Wall, den in uns niederzureißen nur wenige Menschen wirklich imstande sind. Die Einsamsten, das sind nicht zwingend jene, die ihre Zeit allein mit einem Buch verbringen, die freitagabends meist zuhause sind oder die selten nur auf Partys gehen. Die Einsamsten, das sind wohl die, die ständig in Gesellschaft sind, um nie mit sich allein zu sein, als würde ihre Einsamkeit dadurch getilgt, die beim Versuch sich unablässig ruinieren, die Einsamkeit zu überspielen, als würden sie mit ihren Armen schlagen, weil diese Hoffnung sie verführt, sich dadurch in die Luft zu schwingen. Die Einsamsten sind manchmal die, die du im Morgengrauen ganz unbeschwert beim Tanzen siehst, die auf den Partys gutgelaunt im Zentrum stehen, die auf dich wirken, als sei die Welt ihr treuer Untertan.
Sie ist eine von ihnen. Nie steht sie am Rand, stets ist sie Mittelpunkt. Nur selten ist allein zu sein der Grund für wahre Einsamkeit. Gesellschaft aber, also gerade nicht allein zu sein, das ist für sie genug, um ihre Einsamkeit zu spüren, weil die, wenn sie alleine bleibt, von ihr kaum wahrgenommen wird. Solange sie im Dunkeln steht, kann sie die Spinne gar nicht sehen, die vor ihr auf dem Boden sitzt, erst wenn das Licht den Raum erhellt, verfällt sie ihrer Panik. Der stete Rat an all die Einsamen auf dieser Welt, doch einfach öfter auszugehen, verfehlt den Kern des wirklichen Problems noch um die Größe eines Kontinents, denn diese Lösung ist ein Netz, das das Alleinsein zwar noch trägt, doch unter Einsamkeit zerreißt. Sie jedoch glaubt daran wie an ein Heilsversprechen, wie ein Märtyrer an die Seligkeit. Obwohl die Einsamkeit ihr jedes Mal am quälendsten erscheint, nachdem sie unter Menschen geht, verfolgt sie diese Strategie; sie möchte nicht alleine sein, weil sie allein zu sein als Auslöser der Einsamkeit versteht.
Tag um Tag geht sie nun aus, sie feiert, tanzt und trinkt, als sei sie völlig unbeschwert, sie baut aus Menschen einen Kokon, der sie beschützen, wärmen soll, sie zwingt ihr Leben in die Nacht. Ihre Bemühungen werden zahlreicher, ihre Bemühungen werden verbissener, sie fällt in Richtung Erde und rudert immer schneller mit den Armen, doch ihr Problem bleibt stur bestehen. Wenn sie auf einer Party lacht und sich ganz eifrig unterhält, wenn sie in eine Disco geht, wo sie noch bis zum Morgen tanzt, wenn sie in angefüllten Sälen sitzt und plötzlich merkt, dass nichts davon sie je berührt, wenn sie im Stillen dann für sich begreift, dass sie im Augenblick zwar nicht alleine ist, sich jedoch völlig fremd vorkommt, dann scheint es ihr, in einer Welt für sich Gefangene zu sein. Wie in einer Schneekugel ist sie von allem Äußeren getrennt und sie muss feststellen, dass sie nicht ausbrechen, nicht fliegen kann, wie heftig sie auch mit den Armen zu schlagen versucht, doch spornt der Misserfolg sie bloß noch mehr an. All ihre Energie vergeudet sie in diesen sinnlosen Schlachten, sie führt Stellvertreterkriege gegen das Alleinsein und sie reibt sich dabei auf, sodass für die Momente, in denen Einsamkeit sie überkommt, von ihrer Kraft nichts mehr vorhanden ist. Schutzlos steht sie diesen bedrückenden Augenblicken gegenüber, die in ihr das bittere Gefühl erwecken, der einsamste Mensch auf dieser Welt zu sein. Also erhöht sie ihre Bemühungen, opfert weiterhin Energie, solange sie diese Momente noch spüren kann, in denen sie sich einsam fühlt, sie möchte diese störenden Gefühle unter einem Teppich der Unterhaltung und guten Laune begraben, will jede einzelne Sekunde ihrer Tage in Gesellschaft verbringen, denn sie möchte nicht an ihre Einsamkeit erinnert werden können, sie möchte nicht mit ihrer Einsamkeit alleine sein. Rastlos wird sie und scheint unbeschwert, denn sie ist überall präsent, hat stets ein Lächeln im Gesicht, sie ist für alle bloß das Mädchen, das keine Sorgen zu haben scheint, und ist dabei zwar nie allein, doch bleibt sie allzeit einsam.


Feb 3 2010

Selbstannahme

Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich auch selbst anzunehmen. Wieviel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den andern mit einer noch etwas präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie! Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich wesentlich nur im Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein erster, zwar unerläßlicher und mühsamer, aber keineswegs hinreichender Schritt. Selbsterkenntnis als lebenslängliche Melancholie, als geistreicher Umgang mit unserer früheren Resignation ist sehr häufig, und Menschen dieser Art sind für uns zuweilen die nettesten Tischgenossen; aber was ist es für sie? Sie sind aus einer falschen Rolle ausgetreten, und das ist schon etwas, gewiß, aber es führt sie noch nicht ins Leben zurück… Daß die Selbstannahme mit dem Alter von selber komme, ist nicht wahr. Dem Älteren erscheinen die früheren Ziele zwar fragwürdiger, das Lächeln über unseren jugendlichen Ehrgeiz wird leichter, billiger, schmerzloser; doch ist damit noch keinerlei Selbstannahme geleistet. In gewisser Hinsicht wird es mit dem Alter sogar schwieriger. Immer mehr Leute, zu denen wir in Bewunderung emporschauen, sind jünger als wir, unsere Frist wird kürzer und kürzer, eine Resignation immer leichter in Anbetracht einer doch ehrenvollen Karriere, noch leichter für jene, die überhaupt keine Karriere machten und sich mit der Arglist der Umwelt trösten, sich abfinden können als verkannte Genies… Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen… In der Forderung, man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst, ist es als Selbstverständlichkeit enthalten, daß einer sich selbst liebe, sich selbst annimmt, so wie er (…) ist. Allein auch mit der Selbstannahme ist es noch nicht getan! Solange ich die Umwelt überzeugen will, daß ich niemand anders als ich selbst bin, habe ich notwendigerweise Angst vor Mißdeutung, bleibe ihr Gefangener kraft dieser Angst…
(Max Frisch – Stiller)