Jul 20 2010

Problembewusstsein

Mit Messern kann man sich verletzen, daher soll man sie vermeiden; Türklinken sind tatsächlich mit Bakterien bedeckt. Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert. Die folgende Geschichte zeigt, wie man das vermeiden kann:

Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tage ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete erneut zum Inspektor und beschwert sich: »Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!«

Man kann sich nun fragen: Was macht die Dame, wenn die kleinen Jungen nun endgültig außer Sichtweite sind? Vielleicht begibt sie sich jetzt auf lange Spaziergänge flußaufwärts, vielleicht genügt ihr die Sicherheit, daß irgendwo nackt gebadet wird. Eines scheint sicher: Die Idee wird sie weiterhin beschäftigen. Und das Wichtigste an einer so fest gehegten Idee ist, daß sie ihre eigene Wirklichkeit erschaffen kann.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)


Jul 1 2010

Humorkritik

Was hätten die Komik, die Satire und das Kabarett doch für Möglichkeiten; Möglichkeiten, die Masken von den Gesichtern zu reißen! Doch nichts dergleichen geschieht! Die Masken bleiben Tarnung, die Machthaber und ihre kruden Ideen, Vorhaben und Reformen scheinen unantastbar. Wie Weiß Ferdl tappen sie zaghaft an politischen Bekenntnissen vorbei, betreiben Albernheiten statt Komik, Beleidigungen statt entwaffnendes Narrenrecht, welches es erlauben würde, den Herrschenden jede Wahrheit an den Kopf zu werfen – und dabei sind sie auch noch wahre Publikumshelden. Bloß nicht mit denen anecken, die sich wehren können!, lautet deren Devise. Haut auf die Schwachen, verprügelt die Arbeitslosen, thematisiert Trivialitäten – und wenn es doch unbedingt politisch sein muß, dann witzelt über Frisuren und Brillengestelle, Sprachfehler und – sofern man ein Bad-Boy-Image zu pflegen hat – Behinderungen!

Es spricht mir aus dem Herzen, was im verlinkten Artikel über das Metier der Satire und des Kabaretts geschrieben steht. »Comedians« nennen sich die meisten der dort als Beispiele Genannten selbst, was schon aussagt, worin sie ihre Aufgabe sehen: Sie möchten lustig sein, mehr nicht, und sie möchten damit Erfolg haben. Für diejenigen mit Biss, die tatsächlich kritischen Verstand zur Sprache bringen, scheitert es an niedrigen Einschaltquoten, an mangelnder Massenkompatibilität oder an mehr oder minder direkten Sanktionen durch diejenigen, denen sie auf die Füße treten, was letztlich seinerseits als Erfolg zu werten ist, wenn auch von anderer Qualität, weil er eben nicht auf Quantität abzielt. Auch die von mir verehrte Titanic weist, so zumindest mein subjektiver Eindruck, in neuerer Zeit einen Verlust an Biss auf, der vielleicht stellvertretend für den Großteil der Zunft stehen kann. Das ist schade.

Für Twitter als Mikrobühne mag ich, erneut aus rein subjektiver Sicht, ähnliche Schlüsse ziehen, was Erfolg und Massenkompatibilität angeht, scheinen dort doch ebenfalls diejenigen der sich als solche inszenierenden Amateur-Humoristen (was nicht als Wertung, sondern rein als Abgrenzung zu tatsächlicher hauptberuflicher Tätigkeit verstanden werden soll) am erfolgreichsten zu sein, die “treffend und harmlos zugleich [sind], frei vom Geist der Negation, voll des aufbauenden und versöhnenden Humors“, der bestenfalls lustig, aber eben völlig harmlos ist. Vielleicht hinkt das Übertragen der im verlinkten Artikel dargelegten Beschreibungen, doch erlaubt der erweiterte Blick auf beispielsweise Twitter eine Erfassung viel breiterer Bevölkerungsgruppen als der Fokus auf professionelle Kabarettisten oder Comedians. Der Unterschied zu den professionellen Humoristen ist dann jedoch, dass der harmlose Spott der Amateure, dieser versöhnende Humor, der nichts kritisiert und niemandem auf die Füße tritt, der sich wehren könnte, nicht einmal mit ökonomischen Gründen erklärt und dem auch nicht die Erfüllung des Berufs vorgeschoben werden kann. Der harmlose, unkritische, teils affirmative Humor als Spiegelbild eines gesellschaftlichen oder zumindest im beobachteten Milieu vorherrschenden Klimas?


Mai 4 2010

Ethnozentrismus

Den Karren von meiner Hand in die seine wechselnd, erzählte er mir eine lustige Geschichte über den ersten Schubkarren, den er je gesehen. Das war in Sag Harbor. Die Eigner des Schiffes, so scheint es, hatten ihm einen geliehen, um seine schwere Tasche in sein Logierhaus zu schaffen. Um, was dieses Ding betrifft, nicht unwissend zu erscheinen - obgleich er, was die genaue Weise angeht, wie der Karren zu handhaben sei, das in Wahrheit vollkommen war -, packt Queequeg seine Tasche darauf; verschnürt sie feste; und schultert dann die Karre und schreitet den Pier hinauf. »Na«, sagte ich, »Queequeg, das hättest du besser wissen können, sollte man meinen. Haben die Leute nicht gelacht?«
Daraufhin erzählte er mir eine weitere Geschichte. Die Leute seiner Insel Kokovoko pressen, so scheint es, die wohlriechende Flüssigkeit junger Kokosnüsse in eine große gefärbte Kalebasse, wie eine Punschbowle; und diese Punschbowle bildet auf der geflochtenen Matte, wo das Fest abgehalten wird, immer das große Schaustück im Mittelpunkt. Nun kam einmal ein bestimmtes stattliches Handelsschiff in Kokovoko an, und dessen Kommandant – soweit berichtet wird, ein sehr vornehmer, pingeliger Herr, wenigstens für einen Kapitän zur See -, dieser Kommandant wurde zum Hochzeitsfest von Queequegs Schwester eingeladen, einer hübschen jungen Prinzessin, die gerade zehn geworden. Nun ja; als alle Hochzeitsgäste in der Bambushütte der Braut versammelt waren, marschiert dieser Kapitän herein, und alldieweil man ihm den Ehrenplatz zugewiesen, nimmt er Platz drüben, der Punschbowle gegenüber, und zwischen dem Hohepriester und Seiner Majestät dem König, Queequegs Vater. Sobald das Tischgebet gesprochen – denn auch diese Leute haben ihr Tischgebet ebenso wie wir – obwohl Queequeg mir erzählte, daß im Gegensatz zu uns, die wir bei solchen Gelegenheiten niederblicken auf unsere Servierplatten, sie ganz im Gegenteil, es den Enten nachmachend, aufwärts blicken zu dem großen Spender aller Feste -, sobald, wollte ich sagen, das Tischgebet gesprochen, eröffnet der Hohepriester das Bankett mit der uralten Zeremonie der Insel; das heißt, er tunkt seine geweihten und weihenden Finger in die Bowle, bevor das gesegnete Getränk die Runde macht. Wie er sich gleich neben dem Priester placiert sieht und der Zeremonie folgt und sich – als Kapitän eines Schiffes – im klaren Vorrecht gegenüber einem bloßen Inselkönig dünkt, insonderheit in des Königs eigenem Hause – macht er sich ganz kühl daran, seine Hände in der Punschbowle zu waschen; – die er, wie ich annehme, als eine riesige Fingerschale angesehen. »Nun«, sagte Queequeg, »was du jetz denk? – Haben unsere Leute nicht gelacht?«
(Herman Melville – Moby Dick)


Apr 25 2010

Beschleunigtes Leben

Im Bewusstsein der Zeitlichkeit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht identifiziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwiderlaufenden Kräften, etwa im Versuch, seiner Arbeit mit einer Beschleunigung des Lebensgefühls zu begegnen. Mach schnell, und du wirst ihn mit bloßem Auge, mit bloßem inneren Auge, nicht mehr wahrnehmen. Die Geschwindigkeit wird den Knacks dahinraffen.
Hat die Sprache diese Beschleunigung mit vollzogen? Und ob: In den Siebzigern beantwortete man die Frage »How are you« mit »good«, in den Achtzigern antwortete man auf die gleiche Frage mit »busy«.
Was war geschehen? Die Beschleunigung verriet sich in Komparativen. Der Schnellzug verschwand, er war nicht schnell genug; der Eilbrief verschwand, denn schon das Eilen selbst klingt gemächlich: Altmodische Vokabeln, sie erinnern an die langsame Art, schnell zu sein.
Stattdessen wurden die Indizien der Beschleunigung moralisch: was schnell war, war gut. Es war gut, »auf der Überholspur« zu leben, es war »in«, Fast Food zu mögen, aber Fast Food ist eigentlich Fast Eat, und es erreichte rasch das eigene Heim. Mit der 5-Minuten-Terrine erreicht die Küche ohne Koch und ohne Ritual die Haushalte. Alles beschleunigt: Schnellrasur, Schnellimbiss, Schnelllifting, Schnelltankstelle, Schnellrestaurant, Schnellreinigung wie juristische Schnellverfahren. Es geht schneller: Die einzige Musiksendung auf der Höhe der Zeit hieß »Fast Forward«, die Droge der urbanen Jugend »Speed«. Dies alles arbeitet an der Fiktion des gewonnenen Lebens, es sagt, wenn du schneller bist, schneller reist, Zeit sparst, wirst du am Ende mehr davon haben.
(…)
Wir haben keine Zeit. Wir haben alle keine Zeit. Wir haben sie schon deshalb nicht, damit wir uns nicht zu gut fühlen. Bruch, Knacks, Ermüdung, Scheitern, Kollaps: Unsere ruinösen Ich-Reste sollen nicht erscheinen, nicht aufbrechen, nicht mitsprechen.
(Roger Willemsen – Der Knacks)


Mrz 29 2010

In der Wahrheit leben

Was heißt das, »in der Wahrheit leben«? Eine negative Definition ist einfach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu verstecken, nichts zu verheimlichen. Seit Franz Sabina kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt seiner Frau von einem Kongreß in Amsterdam, der nie stattgefunden, von Vorlesungen in Madrid, die er nie gehalten hat, und er hat Angst, mit Sabina in den Straßen von Genf spazierenzugehen. Es amüsiert ihn, zu lügen und sich zu verstecken, denn er hat es sonst nie getan. Er ist dabei angenehm aufgeregt, wie ein Klassenprimus, der beschließt, endlich einmal die Schule zu schwänzen.
Für Sabina ist »in der Wahrheit leben«, weder sich selbst noch andere zu belügen, nur unter der Voraussetzung möglich, daß man ohne Publikum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unserem Tun zuschaut, passen wir uns wohl oder übel den Augen an, die uns beobachten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publikum zu haben, an ein Publikum zu denken, heißt, in der Lüge zu leben. Sabina verachtet die Literatur, in der ein Autor alle Intimitäten über sich und seine Freunde verrät. Wer seine Intimität verliert, der hat alles verloren, denkt Sabina. Und wer freiwillig darauf verzichtet, der ist ein Monstrum. Darum leidet Sabina nicht im geringsten darunter, daß sie ihre Liebe verheimlichen muß. Im Gegenteil, nur so kann sie »in der Wahrheit leben«.
Franz dagegen ist überzeugt, daß in der Trennung des Lebens in eine private und eine öffentliche Sphäre die Quelle aller Lügen liegt: Man ist ein anderer im Privatleben als in der Öffentlichkeit. »In der Wahrheit leben« bedeutet für ihn, die Barriere zwischen Privat und Öffentlichkeit niederzureißen. Er zitiert gern den Satz von André Breton, der besagt, daß er gern »in einem Glashaus« gelebt hätte, »wo es keine Geheimnisse gibt und das allen Blicken offensteht«.
(Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)


Mrz 25 2010

Wenn jeder täte, was er für wichtig hielte

Wo immer nämlich diese Gesellschaft nicht funktioniert, wo immer sie versagt, wird ihr Versagen an den Ärmsten offenbar.
Jede Veränderung im sozialen Raum, jede Verschärfung des Wettbewerbs, jede Zunahme an Gewalt im öffentlichen Leben, jede Kontaminierung billigen Essens hinterlässt in der Lebenserfahrung von Armen ihre Spuren. Auch wie Gesellschaft sich verändert, in ihren Klassen- und Geschlechtsverhältnissen ebenso wie in ihrer Mitmenschlichkeit, das erfahren die Armen zuerst. Sie werden deshalb eben nicht nur materiell und gesundheitlich, sie werden auch psychologisch und moralisch am empfindlichsten von den Einbußen der Gesellschaft getroffen.
In der Armut wird das Selbstbild der Gesellschaft gekränkt und bestätigt: gekränkt, weil sie ihre idealen Bilder ohne Rückstände produzieren möchte, bestätigt, weil sie diese Armut ja selbst herstellt, die Produktion von Armut also genau so forciert wie ihr Pendant, den Wohlstand.
In dieser Kultur, und das heißt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander, hat sich der Wert der Verkäuflichkeit und Käuflichkeit derart verselbständigt, dass Menschen schon degradiert werden, weil sie nicht am Warenverkehr teilnehmen können oder wollen. Jede Gesinnung, jedes Phänomen, jede Erscheinung, jede menschliche Hervorbringung, jede Leistung wird auf optimale Verkäuflichkeit untersucht und abgerichtet. Unvorstellbar, welche Kultur sich entwickeln könnte, wenn nicht jede Lebensregung an ihrer Markttauglichkeit gemessen, wenn Zugang zur Öffentlichkeit nicht nur Dingen verschafft würde, die sich verkaufen lassen, wenn, mit einem Wort, jeder täte, was er gesellschaftlich für wichtig, und nicht, was er für profitabel hielte. Eine Utopie mehr.
(Roger Willemsen – Der Knacks)


Jan 17 2010

Deutungshoheit

Der andere Trick besteht darin, dem Partner ebenso heftige wie nebelhafte Vorwürfe zu machen. Wenn er dann wissen will, was Sie eigentlich meinen, können Sie die Falle mit dem zusätzlichen Hinweis hermetisch schließen: »Wenn du nicht der Mensch wärest, der du bist, müßtest du mich nicht erst noch fragen. Der Umstand, daß du nicht einmal weißt, wovon ich spreche, zeigt klar, welch’ Geistes Kind du bist.« Und a propos Geist: Im Umgang mit sogenannten Geisteskranken wird diese Methode seit längster Zeit mit großem Erfolg angewendet. In den seltenen Fällen nämlich, in denen der Betreffende es wagt, klipp und klar darüber Auskunft zu verlangen, worin in der Sicht der anderen seine Verrücktheit denn bestehe, läßt sich diese Frage als weiterer Beweis für seine Geistesgestörtheit hinstellen: »Wenn du nicht verrückt wärest, wüßtest du, was wir meinen.« Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich – denn hinter einer Antwort dieser Art steht Genialität: Der Versuch, Klarheit zu schaffen, wird flugs ins Gegenteil umgedeutet. Der andere gilt also für verrückt, solange er die Beziehungsdefinition »Wir sind normal, du bist verrückt« stillschweigend hinnimmt, und für verrückt, wenn er sie in Frage stellt. Nach diesem erfolglosen Exkurs in die menschliche Umwelt kann er entweder sich in hilfloser Wut die Haare ausraufen, oder in Schweigen zurückfallen. Aber auch damit beweist er nur zusätzlich, wie verrückt er ist, und wie recht die anderen schon immer hatten. (…) In den Etablissements, die sich für die Behandlung solcher Zustände für kompetent halten, läßt sich diese Taktik mit Erfolg anwenden. Man stellt es dem sogenannten Patienten zum Beispiel frei, nach eigenem Ermessen zu entscheiden, ob er an den Gruppensitzungen teilnehmen will oder nicht. Lehnt er dankend ab, so wird er hilfreich-ernsthaft aufgefordert, seine Gründe anzugeben. Was er dann sagt, ist ziemlich gleichgültig, denn es ist auf jeden Fall eine Manifestation seines Widerstandes und daher krankhaft. Die einzige ihm offenstehende Alternative ist also die Teilnahme an der Gruppentherapie, doch darf er nicht anmerken lassen, daß ihm ja nichts anderes übrigbleibt, denn seine eigene Lage so zu sehen, bedeutete immer noch Widerstand und Einsichtslosigkeit. Er muß also »spontan« teilnehmen wollen, gibt aber gleichzeitig mit seiner Teilnahme zu, daß er krank ist und Therapie braucht. In großen Gesellschaftssystemen mit Irrenhauscharakter ist diese Methode unter dem respektlos-reaktionären Namen Gehirnwäsche bekannt.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)


Dez 24 2009

Zwischenmenschliche Effizienz

In all den Diskussionen um die Vor- und Nachteile sowie die angeblichen Gefahren sozialer Internet-Dienste vermisse ich bisher einen Aspekt, den ich für sehr zentral und für mit weitreichenden Folgen verbunden halte: Effizienz.

Versteht man beispielsweise formspring.me, bei dem User anonym oder auch unter ihrem Alias Fragen an andere User stellen und diese öffentlich beantworten können, als konsequente Weiterentwicklung der Web-2.0-Dienste, für die hier stellvertretend auch noch Twitter und Facebook genannt sein sollen, bedeutet dies, die 1:1-Relationen in der Kommunikation zwischen Freunden oder „Freunden“ werden mittels dieser Dienste wesentlich leichter, wesentlich öfter zu 1:n-Relationen. Für formspring.me bedeutet dies konkret: Hat einer der User eine Frage an einen UserX gestellt, brauchen die anderen User dieselbe Frage diesem UserX nicht noch einmal zu stellen. Im Gegenteil: Oft ist zu beobachten, dass es die Antwortenden in der Regel nervt, wenn ein Fragender eine bereits beantwortete Frage noch einmal stellt.

Wenn nun beispielsweise ein User in seiner formspring-Karriere ungefähr 5000 Fragen beantwortet hat, brauchen alle anderen, die das gelesen haben, diese 5000 Fragen und zig Millionen andere Fragen, die zu ähnlichen Antworten geführt hätten, nicht mehr stellen und werden möglicherweise vom Antwortenden sogar darauf hingewiesen, er wolle diese Frage nicht noch einmal beantworten, denn das habe er ja bereits. Schon bei Blogs oder Facebook ist bisweilen Ähnliches zu beobachten, sodass es dann mitunter zu Dialogen kommt, die wie folgt verlaufen: „Hab ich dir schon Dings erzählt?“ „Nee, aber ich hab’s in deinem Blog/auf Facebook gelesen.“ „Ach so.“

Das bedeutet, die Kommunikation verschiebt sich aufgrund der neuen Einfachheit, die diese sozialen Dienste bieten, vom Schwerpunkt ein wenig weg von direkter 1:1-Kommunikation (diese verschwindet aber natürlich nicht) hin zu breiteren 1:n-Kommunikationskanälen, sprich man kann via Facebook, Twitter aber eben auch formspring viele Menschen gleichzeitig über seine Aktivitäten, Gedanken, Meinungen, und so weiter informieren. Eine Kommilitonin fand StudiVZ gerade deswegen so praktisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freunden separat (1:1) von Neuerungen in ihrem Leben erzählen müsse, sondern das einfach nur noch ins StudiVZ zu schreiben habe (1:n). Das ist zwar nun in diesem Beispiel ein Extremfall, wenn auch wahr, dennoch würde ich die allgemeine Tendenz all dieser Dienste damit beschreiben, dass sie objektiv ein Mittel zur Effizienzsteigerung der Kontaktverwaltung darstellen und Redundanz abbauen. Wenn man fünf Freunden oder „Freunden“ nicht mehr separat erzählen muss, was man gestern gemacht hat, sondern das lediglich ein einziges Mal auf einem Blog schreiben oder auf Facebook veröffentlichen muss, wo es alle fünf dann jederzeit nachlesen können, dann habe ich den Umgang mit meinen Freunden optimiert und dessen Effizienz gesteigert (all diese Begriffe bitte als möglichst neutrale Analyseterminologie betrachten). Gleichzeitig erleichtert das den Aufbau eines wesentlich größeren „Freundes“-Kreises und erhöht das eigene »soziale Kapital« (Bourdieu), auf das man zugreifen kann. Zudem erstellt man gewissermaßen sein eigenes Dossier, das man Interessenten an der eigenen Person nur noch in die Hand zu drücken braucht – auch das Kennenlernen oder vielmehr das, was man dann für Kennenlernen hält, wird dadurch optimiert, beschleunigt, vereinfacht und letztlich effizienter. Das Soziale wird zunächst auf Daten reduziert.

Der Begriff „objektiv“ ist hier ganz wichtig. Meine beschreibenden Worte möchten nicht ausdrücken, dass dieser Effekt die subjektive Intention der Nutzer ist, aber er ist dennoch das objektive Resultat, so wie auch niemand mit der subjektiven Intention einkaufen geht, das Wirtschaftssystem erhalten oder den Staat mittels Steuern unterstützen zu wollen, während all diese Dinge jedoch gleichzeitig objektives Ergebnis des Einkaufens sind, ganz egal was die subjektive Intention sein mag.

Viele gesellschaftliche oder individuelle Entwicklungen haben (teilweise verheerende) Nebenfolgen, die uns in den seltensten Fällen bewusst klar sind und die wir keineswegs als Intention dieses Handelns anführen würden. Niemand beginnt mit dem Rauchen, weil es so schön gesundheitsgefährdend ist, und auch wenn das nicht subjektive Intention des Rauchens ist, so ist es doch objektiver Effekt. Das gleiche trifft auf Umweltzerstörung zu: Niemand (oder zumindest fast niemand) zerstört die Umwelt, weil das seine Intention ist, sondern weil es häufig der mehr oder weniger unbewusste Nebeneffekt als völlig selbstverständlich erachteter Handlungsweisen ist, der nur dann überhaupt als Problem begriffen und beseitigt werden kann, wenn man sich diesen Nebeneffekt tatsächlich bewusst macht.

Bei all den Vorteilen, die solche Social-Media-Dienste bieten, ist dies, dieser gesellschaftlich sanktionierte bis bedingte, unter anderem durch prekäre Arbeitsverhältnisse und der Forderung nach zunehmender Mobilität und Flexibilität befeuerte und in Form dieser Dienste recht transparent auftretende Effizienzgesichtspunkt in zwischenmenschlichen Beziehungen, einer dieser unbewussten Nebeneffekte, über den etwas mehr Reflexion vielleicht angebracht wäre, um den Umgang mit diesen Diensten entsprechend bewusster zu gestalten. Letztlich stellt sich nämlich zumindest mir die Frage, in welchem Maße eine solche Effizienzsteigerung des Zwischenmenschlichen überhaupt wünschenswert erscheint.


Dez 13 2008

Herrschaftsgehilfen

Die ernste Gefahr für unsere Demokratie besteht nicht in der Existenz totalitärer fremder Staaten. Sie besteht darin, daß in unseren eigenen persönlichen Einstellungen und in unseren eigenen Institutionen Bedingungen herrschen, die der Autorität von außen, der Disziplin, der Uniformität und Abhängigkeit vom Führer in diesen Ländern zum Sieg verhelfen. Demnach befindet sich das Schlachtfeld hier – in uns selbst und in unseren Institutionen.
(John Dewey, 1939)


Nov 20 2008

Was ist Soziologie?

Ein Mathematiker, der einige Soziologie-Veranstaltungen besuchte, resümierte beides wie folgt:

Während ihm die Mathematik mehr oder minder eindeutige Antworten liefere, zumindest aber meist Antworten, und ihm gleichzeitig als Bezugspunkt etwas biete, auf das er sich mit einer zumindest gewissen Sicherheit berufen könne – ein Axiom, eine Formel oder ähnliches -, fördere die Soziologie beim Versuch der Beantwortung einer Frage stets eine Vielzahl neuer Fragen zutage, ohne dabei aber die eigentliche Frage wirklich zu beantworten.

Diese Einschätzung meinte er dabei keineswegs negativ, sondern bezeichnete die Soziologie als die “Wissenschaft der guten Fragen“.