Jun 12 2008

Angewandte Spießigkeit

Vor zwei Wochen war ich mit einer Freundin auf dem Darmstädter Schloßgrabenfest. An einem Abend, als wir gegen Ende des offiziellen Programms auf der Suche nach einem geeigneten Ort waren, um die noch junge Nacht etwas ausklingen zu lassen, trafen wir einen Kommilitonen, dessen politische und gesellschaftliche Verortung wohl treffend mit links-alternativ beschrieben werden kann. Im Zuge seiner weitläufigen Erklärungen, wo man um diese Uhrzeit idealerweise hingehen könne, warnte er uns vor einigen Clubs, die nur etwas für Leute seien, “die Hemden tragen”.

Gestern, auf dem Weg zur Demo gegen Studiengebühren in Frankfurt, wurde ich von einem geschätzten Kommilitonen auf mein Outfit angesprochen, das anscheinend nicht dem angebrachten entsprach, so als ob das jegliche politische oder gesellschaftliche Aktivität von vornherein negieren würde: Ich selbst hatte es gewagt, ausnahmsweise mit einem Hemd anstelle der üblichen T-Shirts zur Demo zu gehen (was sich, nebenbei bemerkt, in Sachen Polizeikette noch als vorteilhaft herausstellen sollte und zu schönen Fotos hinter “feindlichen Linien” führte).

Dass nun in beiden Fällen Hemden als vordergründiges Beispiel auftreten, ist amüsant, aber irrelevant. Was mir dabei auffiel, ist vielmehr die jeweils dahinterstehende Kleinkariertheit (der Menschen, nicht der Hemden), Engstirnigkeit, um nicht zu sagen Spießigkeit, die sich hier gerade bei Menschen zeigt, die sich selbst in Sphären verorten, die sich als tolerant und weltoffen präsentieren. Nun sind die genannten Beispiele zwar äußerst harmlos und verglichen mit anderen Ausprägungen der Intoleranz geradezu lächerlich, doch ist die dahinter stehende Weltsicht nichtsdestotrotz eine der latenten Spießigkeit, die umso mehr überrascht, wenn man betrachtet, wer sie zur Schau trägt.

Es sind diese scheinbar unspießigen Spießer, die mit der in einem früheren Eintrag zitierten Charakterisierung des Prenzlauer Bergs so treffend beschrieben werden: “Man kann sich tolerant fühlen, weil die Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird”. Man igelt sich in sein eigenes Milieu ein, umgibt sich nur mit denen, die genau so ticken wie man selbst, orientiert sich mehr an oberflächlichen Symbolen denn an Inhalten, blickt verächtlich auf die Außenstehenden, ohne sie verstehen zu wollen, doch präsentiert sich gleichzeitig als weltoffener Mensch. Eine Weltoffenheit, die leider allzu oft am Rande der eigenen Welt endet – und damit nicht weniger spießig ist als die Weltoffenheit desjenigen, der sich zum Beispiel über Punks in der Fußgängerzone ärgert.

So bleibt als Fazit nur eine Adaption der zitierten Kritik am Prenzlauer Berg: Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere an den genannten Beispielen aber ist, dass diese Menschen nicht wahrhaben wollen, dass sie ganz anders sind, als sie zu sein glauben.

Dies ist ein Update zu: Spießigkeit.


Nov 12 2007

Spießigkeit

Via annalist wurde ich auf einen sehr interessanten und soziologisch spannenden Artikel bei der ZEIT aufmerksam, der sich anhand des Berliner Prenzlauer Bergs mit dem Thema Gentrifizierung beschäftigt, aber vor allem auch die Spießigkeit selbsternannter Anti-Spießer aufzeigt:

Man kann im Prenzlauer Berg einfach im linken Habitus weiterleben. Das ist ja das Schöne. Man kann sich tolerant fühlen, weil Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird. (…) Der Schriftsteller Maxim Biller nennt den Prenzlauer Berg mittlerweile ironisch eine »national befreite Zone«.

Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.

Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen – das Besondere am Prenzlauer Berg aber ist, dass er nicht wahrhaben will, dass er ganz anders ist, als er zu sein glaubt.

Wie Christian Ulmen so treffend auf den Punkt gebracht hat:

Die Definition von Spießigkeit ist für mich, sobald jemand nicht in der Lage ist, über seinen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn jemand intolerant ist und anderes nicht zulässt, ist er ein Spießer. Das ist der Hausmeister, der nicht will, dass man draußen Fußball gegen die Garagentore spielt, weil es so laut ist. Oder die Oma, die sich wahnsinnig darüber aufregt, weil ein Punker einen Irokesenhaarschnitt hat, weil sich das nicht anschickt. Das Leben der anderen nicht zu akzeptieren – das ist spießig, meine ich.