Nov
23
2005
Es war einmal ein junger König, der über das kleine Königreich Seminarien herrschte. Die Bevölkerung Seminariens war nicht sehr groß, doch kamen in Seminarien seit Anbeginn der Zeit die verschiedensten Menschen harmonisch miteinander aus.
Eines Tages stellte der junge König seinen Untertanen eine folgenschwere Frage. Er wandte sich ernst an sein Volk und fragte: “Untertanen, habt ihr die Schriftstücke, die euch zu lesen aufgetragen waren, gewissenhaft rezipiert?”
Seine Untertanen, stets brave und ehrliche Leute, antworteten größtenteils mit einem wahrheitsgemäßen Nein. Da wurde der junge König sehr wütend und sprach: “Das Boot ist voll, wir sind hier in Seminarien, und in Seminarien wollen wir nur solche Leute haben, die auch ordentlich arbeiten! Der Rest von euch wird sogleich abgeschoben. Wache!”
Der junge König zog nicht in Betracht, dass ein Teil seiner bis dahin treuen Untertanen nur aus dem Grund nach Seminarien gekommen war, um sich auf die groß-kaiserliche Vordiplomsprüfung vorzubereiten. Sie wollten durch Anwesenheit in Seminarien lediglich ihr Wissen auffrischen und verzichteten daher darauf, die Schriftstücke wie gewünscht zu rezipieren.
Ein anderer Teil seiner Untertanen hatte das groß-kaiserliche Prüfungssystem durchschaut und beabsichtigte nun, es durch Anwesenheit in Seminarien mit seinen eigenen Waffen zu schlagen - doch das Durchschauen, Austricksen und mit-den-eigenen-Waffen-Schlagen war in Seminarien verboten!
So kam es, dass nach des Königs barschen Worten die Bevölkerung Seminariens auf ein Drittel ihrer Größe zusammenschrumpfte. Der König hatte durch seine Prinzipienreiterei sein eigenes Reich ruiniert. Von diesem Augenblick an fanden sich lediglich diejenigen in Seminarien zusammen, die entweder gelogen oder die Schriftstücke tatsächlich rezipiert hatten.
Und die Moral von der Geschicht’: Ehrlich ist man… besser nicht.
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Okt
27
2005
Es geht hier nicht ums Auswendiglernen, sondern ums Verstehen.
Ach so. Das ist sympathisch. Dann darf ich doch sicherlich die Bücher mit in die Prüfungen nehmen, wo es doch tatsächlich vernünftigerweise ums Verstehen geht, und muss mein Denkvermögen nicht unter einem Berg von unnützen Informationen begraben, die als information overkill den Blick auf alles Restliche versperren, denn das macht irgendwann blöd im Kopf.
Was? Ach: Darf ich nicht? Huch. Geht es also doch ums Auswendiglernen. Verstehe. Nicht mehr sympathisch. Ich dachte, solchen Sinnloskram hätte ich mit dem Abitur hinter mir gelassen. Man wird aber auch überall enttäuscht.
Mir dünkt, es handelt sich dabei um grobes Unverständnis gegenüber Büchern. Das Schöne an Büchern ist schließlich, dass sie sich durchaus einige Tage halten. Häufig länger als einzelne Menschen. Man muss also nicht aus großer Angst, das Buch könnte sich über Nacht heimlich auflösen und spurlos verschwinden, den Inhalt völlig stupide auswendiglernen und das dann idiotischerweise als “Verstehen” verkaufen, sondern kann – eine wahrlich große Errungenschaft der Menschheit – darin nachschlagen, wann immer und so oft man möchte. Weltoffene Menschen werden den Begriff “Nachschlagewerk” vielleicht schon einmal kennengelernt haben.
Ein Prinzip, das so einfach ist, dass es jeder verstehen dürfte: Was gebraucht wird, was tatsächlich konkrete Anwendung findet, das wird sich auch gemerkt. Ganz automatisch, denn so funktioniert das Gehirn nun einmal. Was nicht, das nicht. Simpel.
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