Aug 9 2011

Legitimierter Schwindel

Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu verschaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als WillkĂŒr verkennen zu lassen. (…) Die sozialen Akteure und auch die Beherrschten selbst sind in der sozialen Welt (selbst der abstoßendsten und empörendsten) durch eine Beziehung hingenommener Komplizenschaft verbunden, die bewirkt, daß bestimmte Aspekte dieser Welt stets jenseits oder diesseits kritischer Infragestellung stehen.

Was ist schließlich ein Papst, ein PrĂ€sident oder ein GeneralsekretĂ€r anderes als jemand, der sich fĂŒr einen Papst oder einen GeneralsekretĂ€r oder genauer: fĂŒr die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hĂ€lt? Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom GrĂ¶ĂŸenwahnsinnigen unterscheidet, ist, daß man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von »legitimem Schwindel«, wie Austin sagt, zuerkennt. Glauben Sie mir, die Welt so betrachtet, d.h. so wie sie ist, ist ziemlich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komische und das Tragische sich berĂŒhren.
(Pierre Bourdieu – Die verborgenen Mechanismen der Macht enthĂŒllen, in: Die verborgenen Mechanismen der Macht)


Aug 7 2011

NormalitÀt

Noch die inhumansten Arbeits- und Lebensbedingungen können als sinnhaft und attraktiv erlebt werden durch das stillschweigende EinverstÀndnis von Menschen, die durch inhumane Existenzbedingungen darauf vorbereitet worden sind, sie zu akzeptieren.
(Margarete SteinrĂŒcke, in: Pierre Bourdieu - Der Tote packt den Lebenden)


Jul 13 2011

Schule als Ideologie

Betrachtet man die Entwicklungsdynamik von Bildungssystemen, dann drĂ€ngt sich die Vermutung auf, dass die Schule selbst sozial selektiv auf die Sozialisationspraktiken einwirkt und systematisch die Praktiken bestimmter Bevölkerungsgruppen abwertet. Sie entwickelt formale Leistungskriterien, die sich als unfĂ€hig erweisen, die Differenz milieuspezifischer Erfahrungen und BefĂ€higungen zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil einer unflexiblen und notwendig diskriminierenden Defizitlogik verhaftet bleiben. Gemessen wird daher nicht das Können, sondern die Abweichung des Könnens von den politisch gesetzten Leistungsstandards. Eine solche Bewertungslogik dient nicht der Bildung des einzelnen, sondern allein der Selektion Heranwachsender. Diese Bewertungslogik entfaltet ihre verheerende Wirkung auf die Betroffenen nicht nur dadurch, dass sie den Heranwachsenden bestimmte Optionen der Entwicklung bzw. der Entfaltung ihrer Persönlichkeit vorenthĂ€lt. Mehr noch: Die SchĂŒler werden im Hinblick auf ihre je eigene LeistungsfĂ€higkeit und in der WertschĂ€tzung ihrer Person systematisch abgewertet, degradiert und damit zu quasi-pathologischen FĂ€llen einer Gesellschaft, die am Wohlergehen ihrer Kinder oftmals nur dann ein Interesse zu haben scheint, wenn diese aus „gutem“ Hause kommen.
(Matthias Grundmann – HandlungsbefĂ€higung und Milieu)


Jul 11 2011

Der Wahnsinn der NormalitÀt

Was Psychiatrie und Psychologie als Geisteskrankheit vorfĂŒhren, ist an die Vorstellung gebunden, daß es sich dabei um zunehmenden RealitĂ€tsverlust handelt. Mehr oder weniger RealitĂ€tsbezug – danach wird alles menschliche Verhalten klassifiziert. »RealitĂ€t« wird dabei ausschließlich als Ă€ußere RealitĂ€t verstanden.
In der Tat ist der RealitĂ€tsbezug – sein Fehlen oder der Grad der Ergebenheit an die Ă€ußere RealitĂ€t – ein Raster, in das man Menschen einordnen kann und das uns ermöglicht, eine Klassifizierung vorzunehmen vom psychotischen Verhalten ĂŒber die Neurose zur NormalitĂ€t. Doch ein solches Schema verdeckt, daß es auch noch eine andere Art von Krankheit gibt, die viel gefĂ€hrlicher ist als die, die vom Verlust des RealitĂ€tsbezugs gekennzeichnet ist.
Diese andere Art von Krankheit zu sehen erfordert einen Wechsel der Blickrichtung und eine Abkehr von den herkömmlichen Kategorien. Dann wird man sehen, daß sich hinter der Orientierung an der »RealitĂ€t«, die gemeinhin das Kriterium fĂŒr Gesundheit ist, eine tiefere und weniger augenfĂ€llige Pathologie verbirgt: die des »normalen« Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der NormalitĂ€t)


Mai 17 2011

Ehrlichkeit der Sprache

Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwĂŒrdigen Menschen ĂŒberhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trĂ€gt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c’est l’homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hĂŒllenlos offen.
(Victor Klemperer – LTI)