Man kann einem Menschen nichts Schlimmeres antun, als ihm zu sagen, man habe sich in ihn verliebt. Das gilt natürlich nur, wenn die Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit allem anderen davonkommt, bloß nicht mit dem schlimmsten aller möglichen Geständnisse, dem Geständnis der Liebe.

Ich habe Freunde beleidigt und einigen Menschen die hässlichsten Wörter an den Kopf geworfen, die man sich nur vorstellen kann, ich habe sie verletzt, vernachlässigt, verraten, enttäuscht und angeschwärzt, aber es brauchte nur ein wenig Zeit, eine Entschuldigung, ein gutes Wort, das andere für mich einlegten, oder eine Art der Wiedergutmachung, damit sie mir meine Taten schließlich doch wieder verziehen.

Alles wurde mir vergeben, keine Beleidigung war zu groß, keine Enttäuschung zu hart, um letzten Endes nicht darüber hinwegsehen zu können. Ich war ein Lügner, ein Betrüger, ein Schläger. Einmal wäre ich sogar fast zum Mörder geworden. Ich ging fremd, ich war ein lausiger Freund und ich habe Menschen um ihr Geld gebracht, doch alle meine bösen Taten, so schlimm sie auch waren, konnte ich irgendwie wieder geradebiegen. Es blieb kein ernsthafter Schaden zwischen mir und diesen Leuten zurück. Im schlimmsten Fall ging man auf separaten Pfaden seiner Wege, ohne sich aber im Bösen voneinander zu trennen, ohne den Anderen von nun an nicht länger im eigenen Leben wissen zu wollen.

Mit allem kam ich durch, nur nicht mit dem einen. Gestehe jemandem deine Liebe und er wird dich fortan meiden, er wird mit dir nicht mehr reden wollen, er wird sich weiter und weiter von dir distanzieren und deine Anwesenheit wird ihm Unwohlsein bereiten. Eine Liebeserklärung besitzt mehr destruktives Potential als alle bösartigen Verhaltensweisen, denn keine von ihnen verfügt über die geballte Zerstörungskraft einer emotionalen Zuwendung.

Was soll man davon halten, wenn das eigentlich Gute so viel Schlechtes mit sich bringt, während das Böse keine nennenswerten Folgen nach sich zieht, weil es von denjenigen, auf die es zielt, offenbar leichter zu verkraften ist. Es heißt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Ist eine Liebes- somit eine Kriegserklärung? Vielleicht also sollte ich einfach aufhören, andere Menschen zu lieben, und sie stattdessen bloß noch wie Dreck behandeln. Damit kommen sie zurecht. Nur nicht mit der Liebe.

„Was willst du überhaupt?“ raunte er genervt durch die Gegensprechanlage. Erst nach dem dritten Klingeln hatte er reagiert, und es vergingen weitere fünf Minuten, bis er ihr endlich die Tür öffnete. Sie war zu ihm gefahren, am Vormittag vor dem Abflug in den gemeinsamen Urlaub mit ihrem Verlobten, um etwas mit ihm zu bereden, das sie bedrückte, das sie in den Urlaub verfolgt hätte, wenn sie es nun nicht ansprach.
Seit Monaten verhielt er sich anders, irgendwie fremd, ungewohnt und merkwürdig. Ihr war es von all seinen Freunden als erste aufgefallen. Anfangs dachte sie, sie bilde sich das alles bloß ein, doch mit der Zeit wurden die Zeichen seiner Veränderung deutlicher und für alle offensichtlich. Er ging nicht mehr ans Telefon. Als er damit angefangen hatte, sprach sie ihm kurze Nachrichten auf den Anrufbeantworter und bat ihn um Rückruf. Die Rückrufe wurden immer seltener. Mit der Zeit kamen sie nur noch, wenn sie versicherte, es handele sich um einen Notfall. Die Notfälle wurden immer zahlreicher und er durchschaute, was sie tat. Er rief sie gar nicht mehr zurück. Es war nicht nur sie, zu der er den Kontakt auf diese Art schleifen ließ. Sogar ihr Verlobter bemerkte seine Veränderung, obwohl die beiden, seit sie sich kannten, nur wenig Kontakt miteinander gehabt hatten. Schließlich fiel es auch ihren gemeinsamen Freunden auf. Er rief niemanden zurück, er wollte niemanden sehen.
Man schrieb ihm SMS, die er per Email beantwortete, halbherzig und mit einigen Tagen Verspätung. Ihr regelmäßiger Kontakt, den er und sie einst gleichermaßen schätzten, wurde zäh. Zwar erwiderte er noch immer jede Email, die sie ihm schrieb, aber auch dies erst Tage später und mit Formulierungen, so knapp wie Notizen, die jegliche Ausschweifungen oder Details vermissen ließen. Wie gern hatte er immer Geschichten erzählt, stundenlang, die seine Freunde an ihm liebten. Er konnte Erlebnisse beschreiben wie kein Zweiter, sie ausmalen, sie dichten. Er hatte Problemen gelauscht und Ratschläge erteilt oder bei einem Bier über die Welt philosophiert. Das alles war vorbei und niemand wusste den Grund. Seine Reaktionen hatten den Charakter eines Interviews angenommen, nur auf direkte Fragen antwortete er überhaupt noch, und auch das tat er nicht immer. Diejenigen seiner Freunde, die ihn nicht aufgaben, versuchten seiner trüben Laune auf den Grund zu gehen. Während die einen ihm ihr Mitgefühl zeigten, um es ihm leichter zu machen, sich zu öffnen, stellten ihn andere direkt zur Rede. Er antwortete ihnen allen, es ginge ihm gut und sie bräuchten sich seinetwegen wirklich keine Sorgen zu machen. Diese Antwort allerdings beunruhigte seine Freunde noch mehr, denn es war so offensichtlich gelogen. Er hatte nicht nur den Kontakt zu anderen Menschen reduziert, auch körperlich ging es ihm schlecht. Sein Gesicht war eingefallen, das Resultat seiner andauernden Abmagerung. Wenn er sich überhaupt noch mit seinen Freunden traf, war er wortkarg und hatte eine Laune, als käme er von einer Beerdigung. Dunkelste Augenringe prägten sein Gesicht, Husten unterbrach fast jeden seiner Sätze. Schlaf fand er kaum. Die wenigen richtig guten Freunde, die er noch hatte, waren ratlos. Niemand kam an ihn heran. So stand nun also sie, seine beste Freundin, vor seiner Tür. Sie würde bleiben, bis er ihr endlich gesagt hätte, was mit ihm los sei.
Widerwillig bat er sie herein und bot ihr pflichtschuldig etwas Bier an, das sie freundlich ablehnte. Sie sagte, sie wolle gleich auf den Punkt kommen. Er habe sich verändert. Niemand wisse, was mit ihm los sei, aber man mache sich große Sorgen. Seine Freunde machten sich große Sorgen. Sie versicherte ihm, er habe noch immer Freunde, die ihm bereitwillig helfen würden, sollte er Probleme irgendeiner Art zu bewältigen haben. Sollte es um finanzielle Dinge gehen, wäre das schnell aus der Welt zu schaffen, ermutigte sie ihn. Er winkte ab und schüttelte den Kopf. Keine finanziellen Probleme. Er dankte für das Angebot. Auch sonst gäbe es keine Probleme, bei denen seine Freunde ihm behilflich sein könnten. Aber sein Verhalten sei doch nicht normal, beharrte sie. Irgendetwas müsse doch sein. Er wiegelte ab. Es ginge ihm gut, sie solle sich seinetwegen keine Sorgen machen. Das war ihr zu viel. Sie blaffte ihn an, er könne vielleicht andere belügen, dass sie als seine beste Freundin aber etwas mehr Ehrlichkeit von ihm erwarte. Immerhin sei sie mit den besten Absichten zu ihm gefahren, noch dazu so kurz vor ihrem Urlaub mit ihrem Verlobten.
Sie entschuldigte sich bei ihm, nicht schon früher das Gespräch gesucht zu haben. Als er angefangen hatte, sich zu verändern, war sie bis zur Erschöpfung mit der eigenen Veränderung ihres Lebens beschäftigt gewesen und hatte keine passende Gelegenheit gefunden, um einmal in Ruhe mit ihm zu reden. Gewollt hätte sie, aber ihr fehlte die Zeit. Sie wusste, die meisten sagten das als Ausrede, weil man für solche Angelegenheiten eigentlich immer Zeit hatte, man konnte sie sich nehmen, gerade für gute Freunde. Aber sie war wirklich nicht dazu gekommen. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sie ein baufälliges Haus gekauft, kündigte ihre alte Wohnung, musste umziehen, renovieren. Als das Haus in einem einigermaßen guten Zustand war und der gröbste Stress allmählich nachließ, hielt ihr Freund, dann ihr Verlobter, um ihre Hand an. Nun hatte sie eine Hochzeit zu planen.
Er aber sagte bloß verständnisvoll, er wisse ja, dass sie mit Umzug und Hochzeitsvorbereitungen in letzter Zeit sicher schwer beschäftigt gewesen sein musste, er könne das verstehen. Überhaupt sei es nicht so wichtig, sei er nicht so wichtig, er nehme es ihr nicht übel. Sie fragte ihn, was er mit ‚nicht so wichtig‘ eigentlich meine. Ihm sei gar nichts mehr wichtig, so ihr Eindruck, gestand sie ihm, nicht einmal der Kontakt zu ihr, den er doch stets mit Freude gepflegte hatte. Als er daraufhin verschämt den Blick senkte, tat er ihr leid und sie hätte sich am liebsten geohrfeigt, ihm nun auch noch einen Vorwurf daraus zu machen. Aber vielleicht war das ja ein Weg, ihn aus der Reserve zu locken. Sie ließ es darauf ankommen. Wenn alles in Ordnung sei, bohrte sie, weshalb komme er dann kaum noch aus seiner Wohnung. Weshalb verweigere er beinahe jegliche Kommunikation. Weshalb vernachlässige er sich selbst, seine Freunde, sogar sie, die ihm immer wichtig gewesen sei. So etwas könne er nicht machen. Er könne nicht einfach alle Brücken abbrennen und erwarten, niemand würde sich um ihn sorgen. Und dann auch noch sein Job! In der Firma, für die er arbeitete, war auch ihr Verlobter beschäftigt und hatte ihr erzählt, er käme nur noch sehr sporadisch seiner Arbeit nach. In letzter Zeit komme er so selten und mit fadenscheinigen Ausreden, dass er kurz davor stünde, gefeuert zu werden und sein Einkommen zu verlieren. Er sagte bloß, das sei ihm egal. Sie wurde laut. Wie könne ihm das egal sein. Der Job sei seine existentielle Grundlage, ohne ihn könne er einpacken. Er zuckte die Schultern. Es wurde ihr zu viel. Wie könne er einfach so dasitzen, alles scheißegal finden, seinen Job, seine Freunde, die sich Sorgen um ihn machten, sogar sie. Er kam nicht aus der Reserve. Sie seufzte, war wütend, enttäuscht, sagte zu ihm, sie vermisse ihre gemeinsamen Gespräche, die regelmäßigen Telefonate, die Emails, aber das sei ihm wahrscheinlich auch egal. Er sähe aus, als wäre er kurz vorm Sterben, erklärte sie, er gehe kaum noch raus, und dann erzähle er allen, es ginge ihm gut. Für wie dumm halte er sie denn, alle wollten ihm doch bloß helfen, besonders sie. Die Kälte in seiner Stimme traf sie am meisten, als er ihr ins Gesicht sagte, ihre Hilfe könne sie sich sparen. Wenn das so ist, könne er sie einmal kreuzweise, entgegnete sie verletzt, denn eigentlich müsse sie ja Koffer packen, doch stattdessen sei sie hierher gefahren, zu ihm, um mit ihm zu sprechen, und er benehme sich wie ein Arschloch und lüge sie an. Daraufhin schmiss er sie raus. Er habe sie nicht darum gebeten, hierher zu kommen, sie solle mit ihrem tollen Verlobten in ihren blöden Urlaub fahren und einfach verschwinden. Sie fing an zu weinen, sie brüllte ihn beim Rausgehen an, was sein verdammtes Problem sei und was er überhaupt wolle. Er murmelte einen letzten Satz und schloss hinter ihr die Tür: „Alles, was ich wollte, warst du.“

I want someone who is fierce and will love me until death and know that love is as strong as death, and be on my side for ever and ever. I want someone who will destroy and be destroyed by me. There are many forms of love and affection, some people can spend their whole lives together without knowing each other’s names. Naming is a difficult and time-consuming process; it concerns essences, and it means power. But on wild nights who can call you home? Only the one who knows your name. Romantic love has been diluted into paperback form and has sold thousands and millions of copies. Somewhere it is still in the original, written on tablets of stone. I would cross seas and suffer sunstroke and give away all I have, but not for a man, because they want to be the destroyer and never be destroyed. That is why they are unfit for romantic love. There are exceptions and I hope they are happy.
(Jeanette Winterson – Oranges Are Not The Only Fruit)

Liebe soll bekanntlich Berge versetzen können, doch manchmal scheitert sie bereits an einem Kieselstein. Seit knapp sechs Monaten waren sie ein Paar. Sie hatten sich in einem Bistro kennengelernt, die Nummern getauscht und bald darauf einige Dates gehabt. Es war ihr Lachen, in das er sich zuerst verliebt hat, und ihr gefiel, wie er sich gab. An einem kühlen Dienstag im Dezember, kurz vor ihrem halbjährigen Jubiläum, sagte er zu ihr: „Du bist die, nach der ich gesucht habe“. Dann ging er zur Arbeit. Auf dem Nachhauseweg würde er ihr Blumen mitbringen, einfach so, weil er wusste, wie sehr sie sich doch jedes Mal darüber freute. Sie war die Frau, mit der er alt werden, eine Familie gründen wollte, und er liebte sie von ganzem Herzen.

Sie hingegen saß noch eine Weile am Küchentisch seiner Wohnung, in der sie übernachtet hatte, und dachte über seine Worte nach. Was wollte er ihr damit sagen? Er hatte sie gesucht. Woher wollte er das wissen? Wenn sie beide in einem Jahr nicht mehr zusammen wären, so wäre sie für ihn wohl nicht mehr die Gesuchte. Nie gewesen. Dann wäre es eine neue. Suchte er also immer, was er gerade gefunden hatte? Was für eine bequeme Lebensphilosophie! Sucht man nach Gold und findet bloß Eisen, so deklariert man diese Suche einfach um. Schon immer habe man nach Eisen gesucht, sagt man dann. Etwas anderes als Eisen wolle man gar nicht haben, behauptet man mit ernster Miene. Das Eisen würde sich geschmeichelt fühlen, wäre es zu Emotionen in der Lage, und es würde nie infrage stellen, ob die Suche wirklich ihm galt. Eine angenehme Illusion mit einer harten Wahrheit auf die Probe stellen? Nein!

War sie etwa sein Eisen? Er hatte sie gefunden, das stand außer Frage, aber hatte er sie auch gesucht? Sie? Wirklich sie? Sie begann zu zweifeln. Er hatte ihr nie erzählt, wie seine Freundinnen vor ihr gewesen sind. Passte sie in ein Muster, fragte sie sich. Dann hatte er vielleicht wirklich nach ihr gesucht und alle Frauen vor ihr waren fehlgeschlagene Versuche in einer Art von Annäherungsverfahren. Bloß woher sollte sie dann wissen, wirklich am Ende dieser Suche zu stehen. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass auch sie nur eine Annäherung an die Frau war, die er wirklich suchte? Sie hatte Eigenschaften, die er nicht mochte. Was sollte ihr das bedeuten? War sie von dieser Frau, die er suchte, so weit entfernt? Er nahm sie hin, diese Eigenschaften, sehr geduldig sogar, aber tat er das vielleicht nicht nur, weil es besser ist, anstelle gar keiner wenigstens eine halbe Version der Frau zu haben, die man sucht? War sie eine Kompromisslösung, ein Zwischenschritt in der Evolution seiner Beziehungen?

Was wäre wiederum, wenn sie und die Frauen seiner früheren Beziehungen nicht in ein solches Muster passten? Dann wäre seine Auswahl doch recht beliebig. Sie wäre nicht einmal ein evolutionärer Zwischenschritt auf dem Weg zu der von ihm gesuchten Frau, sondern austauschbar. Völlig austauschbar. Wenn er wirklich sie gesucht hätte, warum wäre er dann mit Frauen zusammen gewesen, die ihr so unähnlich waren? Da gab es keine Linie, keine Annäherung, nur austauschbare Partner. Jede hatte er gefunden. Hatte er auch jede gesucht? Hatte er überhaupt eine von ihnen gesucht?

Was sollte das überhaupt heißen, sie sei die, nach der er gesucht habe? Er sprach in der Vergangenheit. Wenn es also stimmen sollte, hieße es dann, er suchte sie gar nicht mehr? Glaubte er, er hatte sie gefunden? Einmal, und dann für immer und ewig? Wenn man etwas findet, hört man auf, danach zu suchen, dachte sie. Wenn man weiß, wo etwas liegt, beachtet man es kaum, es liegt dort schließlich immer. Nahm er sie also für selbstverständlich? Er hatte sie gefunden und nun war die Suche vorbei. Sie war für ihn nichts mehr, das er erkunden wollte. Konnte das sein? War das nicht gerade das Gegenteil von Liebe, jemanden einmal zu finden und dann aufzuhören, in ihm zu suchen – nach ihm selbst. „Ich habe dich gefunden“ reduzierte doch die Liebe auf „Ich möchte, dass du für immer so bleibst“. Das war keine Liebe. Jemanden zu finden, ein für alle Mal, das ist unmöglich, so wie es doch unmöglich ist, sich jemals selbst zu finden, ohne sich dabei zu verlieren. In der Suche steckt die Liebe und in der Suche steckt die Selbsterkenntnis. Wer findet, der hat nichts mehr zu entdecken, mit dem Finden stirbt das Leben, das Streben und die Liebe. Wie also konnte er allen Ernstes behaupten, er habe sie gefunden? Sie kannten sich doch gerade erst ein halbes Jahr! Wie vermessen es war, bereits nach dieser kurzen Zeit nichts mehr an ihr entdecken zu wollen. Er war fertig mit ihr, dachte sie. Schade.

Sie packte alles ein, was ihr gehörte, und verließ seine Wohnung. Diesmal würde er sie suchen, ja, aber finden würde er sie nicht mehr.

Es war einmal ein Junge, der bekam zu seinem vierzehnten Geburtstag ein Pferd, und alle im Dorf sagen: „Oh, wie wunderbar! Der Junge hat ein Pferd!“, und der Zen-Meister sagt: „Man wird sehen.“

Zwei Jahre später fällt der Junge vom Pferd, bricht sich das Bein, und alle im Dorf schreien: „Wie grauenvoll!“ Der Zen-Meister sagt: „Man wird sehen.“

Dann bricht Krieg aus und alle jungen Männer müssen in den Kampf, bis auf ihn, wegen seines kaputten Beins, und alle im Dorf sagen: „Wie wunderbar!“, und der Zen-Meister sagt: „Man wird sehen.“
(Der Krieg des Charlie Wilson)

In all den Diskussionen um die Vor- und Nachteile sowie die realen oder nur projizierten Gefahren sozialer Internet-Dienste vermisse ich bislang einen Aspekt, den ich für sehr zentral und für mit weitreichenden Folgen verbunden halte: Effizienz.

Versteht man beispielsweise Twitter, Facebook oder Formspring als charakteristische Stellvertreter der Social-Media-Dienste, bedeutet dies unterm Strich, die 1:1-Relationen in der Kommunikation zwischen Freunden oder „Freunden“ werden mittels dieser Dienste wesentlich leichter, wesentlich öfter in 1:n-Relationen umgewandelt.

Für einen Dienst wie Formspring, bei dem User anderen Usern Fragen stellen können, auch anonym, die dann inklusive der dazugehörigen Antworten allen anderen Usern zum Lesen zur Verfügung stehen, bedeutet dies konkret: Hat nur ein einziger der User eine Frage an einen bestimmten User gestellt, brauchen sämtliche anderen User dieselbe Frage diesem bestimmten User nicht noch einmal zu stellen. Im Gegenteil: Oft ist zu beobachten, dass es die Antwortenden in der Regel nervt, wenn ein Fragender eine bereits beantwortete Frage noch einmal stellt. Wenn nun beispielsweise ein User in seiner formspring-Karriere ungefähr 500 Fragen beantwortet hat, brauchen alle anderen, die jene Fragen und deren Antworten gelesen haben, diese 500 Fragen und zig Millionen andere Fragen, die zu ähnlichen Antworten geführt hätten, nicht mehr stellen und werden möglicherweise vom Antwortenden sogar darauf hingewiesen, er wolle diese Frage nicht noch einmal beantworten, denn das habe er ja bereits. Schon beim Umgang mit Blogs, Twitter oder Facebook ist bisweilen Ähnliches zu beobachten, sodass es dann mitunter zu Dialogen kommt, die wie folgt verlaufen: „Hab ich dir schon das Neueste erzählt?“ „Nein, aber ich hab’s in deinem Blog/in deinem Tweet/auf Facebook gelesen.“ „Ach so.“

Es ist nicht mehr nötig, jedem der eigenen Freunde die neuen Urlaubsfotos zu zeigen, wenn man sie einfach auf Facebook stellen kann, wo sie jeder bequem ansehen kann, wann immer es beliebt. Die Gespräche mit Freunden über den neuen Partner werden ersetzt durch eine Änderung des Beziehungsstatus, der sofort von allen Freunden zur Kenntnis genommen werden kann, ohne mit jedem von ihnen einzeln darüber sprechen zu müssen. Direkte Kommunikation weicht der Veröffentlichung von Informationen für ein Publikum, so als gebe man eine Pressekonferenz über die eigene Person.

All das bedeutet trotz bewusster Überzeichnung, die Kommunikation verschiebt sich aufgrund der neuen Einfachheit, die diese sozialen Dienste bieten, vom Schwerpunkt ein wenig weg von direkter 1:1-Kommunikation, die aber natürlich nicht verschwindet, hin zu breiteren 1:n-Kommunikationskanälen, was bedeutet, dass es möglich wird, via Facebook, Twitter oder auch Formspring viele Menschen gleichzeitig über seine Aktivitäten, Gedanken, Meinungen und so weiter zu informieren.

Eine ehemalige Kommilitonin hielt StudiVZ gerade deswegen für so praktisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freunden separat (1:1) von Neuerungen in ihrem Leben erzählen müsse, sondern das einfach nur noch ins StudiVZ zu schreiben habe (1:n). Das ist zwar nun in diesem Beispiel ein Extremfall, wenn auch wahr, dennoch lässt sich die allgemeine Tendenz all dieser Dienste damit beschreiben, dass sie objektiv ein Mittel zur Effizienzsteigerung der Kontaktverwaltung darstellen und Redundanz abbauen.

Wenn man fünf Freunden oder „Freunden“ nicht mehr separat erzählen muss, was man gestern gemacht, wen man kennengelernt, was man gekauft oder gesehen hat, sondern das lediglich ein einziges Mal auf einem Blog schreiben oder auf Facebook veröffentlichen muss, wo es alle fünf dann jederzeit nachlesen können, dann habe ich den Umgang mit meinen Freunden optimiert und dessen Effizienz gesteigert, weil ich Redundanzen abgebaut habe. Gleichzeitig erleichtert das den Aufbau eines wesentlich größeren „Freundes“-Kreises und erhöht das eigene »soziale Kapital« (Bourdieu), auf das man zugreifen kann. Zudem erstellt man gewissermaßen sein eigenes Dossier, das man Interessenten an der eigenen Person nur noch in die Hand zu drücken braucht – auch das Kennenlernen oder vielmehr das, was man dann für Kennenlernen hält, wird dadurch optimiert, beschleunigt, vereinfacht und letztlich effizienter. Das Soziale wird zunächst auf Daten reduziert.

Der Begriff der Objektivität ist hier von großer Relevanz. Meine beschreibenden Worte möchten nicht ausdrücken, dass dieser Effekt der Effizienzsteigerung in jedem Fall die subjektive Intention der Nutzer ist, aber er ist dennoch das objektive Resultat, so wie auch niemand mit der subjektiven Intention einkaufen geht, das Wirtschaftssystem zu erhalten oder den Staat mittels Steuern unterstützen zu wollen, während all diese Dinge jedoch gleichzeitig objektives Ergebnis des Einkaufens sind, ganz egal was die subjektive Intention sein mag.

Viele gesellschaftliche oder individuelle Entwicklungen haben teilweise verheerende Nebenfolgen, die uns in den seltensten Fällen wirklich bewusst sind und die wir keineswegs als Intention dieses Handelns anführen würden. Niemand beginnt mit dem Rauchen, weil es so schön gesundheitsgefährdend ist, und auch wenn das nicht subjektive Intention des Rauchens ist, so ist es doch objektiver Effekt. Das gleiche trifft auf Umweltzerstörung zu, da niemand (oder zumindest fast niemand) morgens mit dem Vorhaben aufsteht, heute bewusst die Umwelt zu zerstören, sondern weil es häufig der mehr oder weniger unbewusste Nebeneffekt vieler als völlig selbstverständlich erachteter Handlungsweisen ist, der nur dann überhaupt als Problem begriffen und beseitigt werden kann, wenn man sich dieses Nebeneffekts tatsächlich bewusst wird.

Bei all den Vorteilen, die solche Social-Media-Dienste bieten, ist dies, dieser gesellschaftlich sanktionierte bis bedingte, unter anderem durch prekäre Arbeitsverhältnisse und der Forderung nach zunehmender Mobilität und Flexibilität befeuerte und in Form dieser Dienste recht transparent auftretende Effizienzgesichtspunkt in zwischenmenschlichen Beziehungen, einer dieser unbewussten Nebeneffekte, über den etwas mehr Reflexion vielleicht angebracht wäre, um den Umgang mit diesen Diensten entsprechend bewusster zu gestalten. Letztlich stellt sich nämlich zumindest mir die Frage, in welchem Maße eine solche Effizienzsteigerung des Zwischenmenschlichen überhaupt wünschenswert erscheint und ob größtmögliche Quantität sowie der Gesichtspunkt der Effizienz dem Konzept ernsthafter Freundschaft nicht diametral widersprechen.

My shoes are too tight.

– Excuse me?

Something my father said. He was old, very old at the time. I went into his room, and he was sitting alone in the dark, crying. So I asked him what was wrong, and he said, „My shoes are too tight, but it doesn’t matter, because I have forgotten how to dance.“ I never understood what that meant until now. My shoes are too tight, and I have forgotten how to dance.
(Babylon 5)