Nachahmungstrieb

Natürlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andere. Das sehe ich mit eignen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der Nachahmungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der nicht an den Peitschenhieben stirbt, dann werde ich sie wohl auch überleben können. […] Natürlich kann ich das auch. So geht der Krieg voran, und so fahren die Totenschiffe, alles nach dem selben Rezept. Die Menschen haben nur eine Schablone, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anzustrengen brauchen, um ein andres Rezept auszudenken. Man geht nichts lieber als ausgetretene Pfade. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nachahmungstrieb ist schuld daran, daß die Menschheit innerhalb der letzten sechstausend Jahre keine wahren Fortschritte gemacht hat, sondern trotz Radio und Fliegerei in der selben Barbarei lebt wie am Anfang der europäischen Periode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nachzumachen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotznase, wohl erst recht gut genug sein. […] Allein das, was anders gemacht wurde als bisher, allein das, was unter Protest der Väter, Päpste, Heiligen und Verantwortlichen anders gedacht wurde, hat der Menschheit neue Ausblicke verschafft und ihr den Glauben gegeben, daß eines fernen Tages vielleicht doch ein Fortschreiten wird beobachtet werden können. Dieser ferne Tag wird in Sicht sein, sobald die Menschen nicht mehr an Institutionen glauben, nicht an Autoritäten und nicht an eine Religion, welchen Namen man ihr auch immer geben mag.
B. Traven – Das Totenschiff