Der [sozia­le] Raum, das sind hier die Spiel­re­geln, denen sich jeder Spie­ler beu­gen muß. Vor sich haben die Spie­ler ver­schie­den­far­bi­ge Chips auf­ge­sta­pelt, Aus­beu­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Run­den. Die unter­schied­lich gefärb­ten Chips stel­len unter­schied­li­che Arten von Kapi­tal dar: Es gibt Spie­ler mit viel öko­no­mi­schem Kapi­tal, wenig kul­tu­rel­lem und wenig sozia­lem Kapi­tal. Die sind in mei­nem Raum­sche­ma rechts ange­sie­delt, auf der herr­schen­den, öko­no­misch herr­schen­den Sei­te. Am ande­ren Ende sit­zen wel­che mit einem hohen Sta­pel kul­tu­rel­lem Kapi­tal, einem klei­nen oder mitt­le­ren Sta­pel öko­no­mi­schem Kapi­tal und gerin­gem sozia­len Kapi­tal: das sind die Intel­lek­tu­el­len. Und jeder spielt ent­spre­chend der Höhe sei­ner Chips. Wer einen gro­ßen Sta­pel hat, kann bluf­fen, kann gewag­ter spie­len, risi­ko­rei­cher. Mit ande­ren Wor­ten: Die Spiel­si­tua­ti­on ändert sich fort­wäh­rend, aber das Spiel bleibt bestehen, wie auch die Spiel­re­geln. Die Fra­ge ist nun: Gibt es Leu­te, die dar­an Inter­es­se haben, den Tisch umzu­wer­fen und damit dem Spiel ein Ende zu machen? Das kommt wohl sehr sel­ten vor. Ich fra­ge mich, ob das über­haupt jemals der Fall war. Was statt­fin­det, das sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­um, ob ein Chip »öko­no­mi­sches Kapi­tal« wirk­lich drei Chips »kul­tu­rel­les Kapi­tal« wert ist.
In mei­nen Augen sind vie­le Revo­lu­tio­nen aus­schließ­lich Revo­lu­tio­nen inner­halb der herr­schen­den Klas­se, d.h. in jenen Krei­sen, die Chips besit­zen und die auch mal auf die Bar­ri­ka­den stei­gen, damit ihre Chips an Wert gewinnen.
(Pierre Bour­dieu – Die fei­nen Unter­schie­de, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)

Den Kar­ren von mei­ner Hand in die sei­ne wech­selnd, erzähl­te er mir eine lus­ti­ge Geschich­te über den ers­ten Schub­kar­ren, den er je gese­hen. Das war in Sag Har­bor. Die Eig­ner des Schif­fes, so scheint es, hat­ten ihm einen gelie­hen, um sei­ne schwe­re Tasche in sein Logier­haus zu schaf­fen. Um, was die­ses Ding betrifft, nicht unwis­send zu erschei­nen – obgleich er, was die genaue Wei­se angeht, wie der Kar­ren zu hand­ha­ben sei, das in Wahr­heit voll­kom­men war -, packt Queequeg sei­ne Tasche dar­auf; ver­schnürt sie fes­te; und schul­tert dann die Kar­re und schrei­tet den Pier hin­auf. »Na«, sag­te ich, »Queequeg, das hät­test du bes­ser wis­sen kön­nen, soll­te man mei­nen. Haben die Leu­te nicht gelacht?«
Dar­auf­hin erzähl­te er mir eine wei­te­re Geschich­te. Die Leu­te sei­ner Insel Koko­vo­ko pres­sen, so scheint es, die wohl­rie­chen­de Flüs­sig­keit jun­ger Kokos­nüs­se in eine gro­ße gefärb­te Kale­bas­se, wie eine Punsch­bow­le; und die­se Punsch­bow­le bil­det auf der gefloch­te­nen Mat­te, wo das Fest abge­hal­ten wird, immer das gro­ße Schau­stück im Mit­tel­punkt. Nun kam ein­mal ein bestimm­tes statt­li­ches Han­dels­schiff in Koko­vo­ko an, und des­sen Kom­man­dant – soweit berich­tet wird, ein sehr vor­neh­mer, pin­ge­li­ger Herr, wenigs­tens für einen Kapi­tän zur See -, die­ser Kom­man­dant wur­de zum Hoch­zeits­fest von Queequegs Schwes­ter ein­ge­la­den, einer hüb­schen jun­gen Prin­zes­sin, die gera­de zehn gewor­den. Nun ja; als alle Hoch­zeits­gäs­te in der Bam­bus­hüt­te der Braut ver­sam­melt waren, mar­schiert die­ser Kapi­tän her­ein, und all­die­weil man ihm den Ehren­platz zuge­wie­sen, nimmt er Platz drü­ben, der Punsch­bow­le gegen­über, und zwi­schen dem Hohe­pries­ter und Sei­ner Majes­tät dem König, Queequegs Vater. Sobald das Tisch­ge­bet gespro­chen – denn auch die­se Leu­te haben ihr Tisch­ge­bet eben­so wie wir – obwohl Queequeg mir erzähl­te, daß im Gegen­satz zu uns, die wir bei sol­chen Gele­gen­hei­ten nie­der­bli­cken auf unse­re Ser­vier­plat­ten, sie ganz im Gegen­teil, es den Enten nach­ma­chend, auf­wärts bli­cken zu dem gro­ßen Spen­der aller Fes­te -, sobald, woll­te ich sagen, das Tisch­ge­bet gespro­chen, eröff­net der Hohe­pries­ter das Ban­kett mit der uralten Zere­mo­nie der Insel; das heißt, er tunkt sei­ne geweih­ten und wei­hen­den Fin­ger in die Bow­le, bevor das geseg­ne­te Getränk die Run­de macht. Wie er sich gleich neben dem Pries­ter pla­ciert sieht und der Zere­mo­nie folgt und sich – als Kapi­tän eines Schif­fes – im kla­ren Vor­recht gegen­über einem blo­ßen Insel­kö­nig dünkt, inson­der­heit in des Königs eige­nem Hau­se – macht er sich ganz kühl dar­an, sei­ne Hän­de in der Punsch­bow­le zu waschen; – die er, wie ich anneh­me, als eine rie­si­ge Fin­ger­scha­le ange­se­hen. »Nun«, sag­te Queequeg, »was du jetz denk? – Haben unse­re Leu­te nicht gelacht?«
(Her­man Mel­ville – Moby Dick)

What if you had one day per­fect­ly healt­hy, I asked? What would you do?
„Twen­­ty-four hours?“
Twen­­ty-four hours.
„Let’s see… I’d get up in the mor­ning, do my exer­ci­s­es, have a love­ly break­fast of sweet rolls and tea, go for a swim, then have my fri­ends come over for a nice lunch. I’d have them come one or two at a time so we could talk about their fami­lies, their issues, talk about how much we mean to each other.
„Then I’d like to go for a walk, in a gar­den with some trees, watch their colors, watch the birds, take in the natu­re that I haven’t seen in so long now.
„In the evening, we’d all go tog­e­ther to a restau­rant with some gre­at pas­ta, may­be some duck – I love duck – and then we’d dance the rest of the night. I’d dance with all the won­derful dance part­ners out the­re, until I was exhaus­ted. And then I’d go home and have a deep, won­derful sleep.“
That’s it?
„That’s it.“
It was so simp­le. So avera­ge. I was actual­ly a litt­le dis­ap­poin­ted. I figu­red he’d fly to Ita­ly or have lunch with the Pre­si­dent or romp on the seashore or try every exo­tic thing he could think of. After all the­se months, lying the­re, unable to move a leg or a foot – how could he find per­fec­tion in such an avera­ge day?
Then I rea­li­zed this was the who­le point.
(Mitch Albom – Tues­days with Morrie)

Plötz­lich Angst und vie­le Trä­nen,
ging doch schnel­ler als erdacht:
Ist ihr Dasein schon am Ende?
Haben nie­mals mit­ge­macht.
Schau’n sich um, erken­nen trüb:
All die Zeit, da fehl­te was;
Arbeit, Auto und ein Haus:
Die­ses „Leben“ – war es das?

(2007)

Here was a man who, if he wan­ted, could spend every waking moment in self-pity, fee­ling his body for decay, coun­ting his breaths. So many peo­p­le with far smal­ler pro­blems are so self-absor­­bed, their eyes gla­ze over if you speak for more than thir­ty seconds. They alre­a­dy have some­thing else in mind – a fri­end to call, a fax to send, a lover they’­re day­d­re­a­ming about. They only snap back to full atten­ti­on when you finish tal­king, at which point they say „Uh-huh“ or „Yeah, real­ly“ and fake their way back to the moment. (…) We are gre­at at small talk: „What do you do?“ „Whe­re do you live?“ But real­ly lis­tening to someone – wit­hout try­ing to sell them some­thing, pick them up, recruit them, or get some kind of sta­tus in return – how often do we get this any­mo­re? I belie­ve many visi­tors in the last few months of Morrie’s life were drawn not becau­se of the atten­ti­on they wan­ted to pay to him but becau­se of the atten­ti­on he paid to them. Despi­te his per­so­nal pain and decay, this litt­le old man lis­ten­ed the way they always wan­ted someone to listen.
(Mitch Albom – Tues­days with Morrie)