Gedan­ken & Soziologie

Die Sozio­lo­gie wäre nicht eine Stun­de Mühe wert, wenn sie ein für Exper­ten reser­vier­tes Wis­sen von Exper­ten wäre. (Pierre Bourdieu)

Neu­es­te Einträge

Was ist bloß mit mir los?

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»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer…
Eine Hand hält einen positiven Covid-Schnelltest. Im Hintergrund liegt die Packung des Tests.Meda­kit Ltd via Unsplash

Covid gibt es nicht – war­um alle immer nur erkäl­tet sind

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Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein…

Wohin mit den gan­zen Wörtern?

Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast? Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für…

Sozia­le Medi­en als Eindringling

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Vor etwas mehr als acht Mona­ten fand ich dank Twit­ter die tolls­te Frau der Welt. Alles begann mit zwei belang­lo­sen Tweets, auf die der jeweils ande­re reagier­te. Aus Rep­lys wur­den bald Direkt­nach­rich­ten und schließ­lich der Gedan­ke an ein Tref­fen.…

Die Maschi­ne­rie des Staates

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Die moder­ne Geschich­te hat, den­ke ich, hin­rei­chend bewie­sen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen das tut, was man ihm sagt; und, ver­zeiht mir, die Wahr­schein­lich­keit ist gering, dass ihr die Aus­nah­me seid – so…

Schu­le – eine kri­ti­sche Funktionsbetrachtung

Ange­sichts der ernüch­tern­den Ergeb­nis­se der unter den gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den durch­ge­führ­ten Bemü­hun­gen, die sozia­len Chan­cen­un­gleich­hei­ten im Bil­dungs­sys­tem abzu­bau­en, ist der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wel­che Funk­ti­on das Schul­sys­tem…

Bil­dungs­ent­schei­dun­gen als Habitus-Handlungen

„In der Regel feh­len denen, die über Bil­dungs­ka­pi­tal in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ver­fü­gen, die ›rich­ti­gen‹ Infor­ma­tio­nen für eine in die höchs­ten Posi­tio­nen füh­ren­de Bil­dungs­in­ves­ti­ti­on, es fehlt ihnen die Ver­traut­heit mit den Struk­tu­ren…

Bil­dung bekämpft Armut?

„Kin­der aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en gehö­ren zwar zu den größ­ten Bildungsverlierer(inne)n, ihre Armut basiert jedoch sel­ten auf fal­schen oder feh­len­den Schul­ab­schlüs­sen, denn die Letz­te­ren sind höchs­tens Aus­lö­ser und Ver­stär­ker,…
Das Bild besteht aus zwei Panels, die nebeneinander stehen. In beiden Szenen versuchen drei Personen unterschiedlicher Körpergröße, über einen Holzzaun ein Baseballspiel zu verfolgen. Linkes Panel "Equality" (Gleichheit): Die Situation: Jede der drei Personen steht auf genau einer Holzkiste. Die große Person steht weit über dem Zaun und hat eine perfekte Sicht. Die mittelgroße Person kann gerade so über den Zaun schauen. Die kleine Person starrt direkt gegen die Bretter des Zauns und kann nichts vom Spiel sehen. Rechtes Panel "Equity" (Gerechtigkeit ): Die Kisten wurden basierend auf dem individuellen Bedarf verteilt. Die große Person benötigt keine Hilfe und steht nun ohne Kiste auf dem Boden (sie kann immer noch alles sehen). Die mittelgroße Person steht weiterhin auf einer Kiste. Die kleine Person hat nun zwei Kisten übereinander gestapelt bekommen. Alle drei Personen befinden sich nun auf der gleichen Augenhöhe über der Oberkante des Zauns. Jeder kann das Spiel gleichermaßen genießen.Inter­ac­tion Insti­tu­te for Social Chan­ge | Artist: Angus Maguire

Das Mär­chen von der Leistungsgesellschaft

Leis­tungs­ge­sell­schaft oder Meri­to­kra­tie bedeu­tet sinn­ge­mäß eine „Herr­schafts­ord­nung nach Maß­ga­be von Bega­bung und Leis­tungs­fä­hig­keit des Ein­zel­nen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39), wonach sozia­le Unter­schie­de nicht per se als unge­recht…

Bil­dung – mehr als nur Schulbildung

Wäh­rend Bil­dung „im tra­di­tio­nel­len Sin­ne (…) als die erar­bei­ten­de und aneig­nen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt schlecht­hin und Inbe­griff der Selbst­ver­wirk­li­chung des Mensch­li­chen im Men­schen“ (Büch­ner, 2003, S. 7) ver­stan­den wird,…

Öko­no­mi­sches, kul­tu­rel­les und sozia­les Kapital

Im Kon­text des Habi­tus­kon­zepts und der Bour­dieu­schen Milieu­for­schung ist von öko­no­mi­schem, kul­tu­rel­lem sowie sozia­lem Kapi­tal die Rede. Um die­se ver­schie­de­nen For­men des Kapi­tals, die bei Bour­dieu zur Spra­che kom­men, zu betrach­ten, ist es zunächst…

Habi­tus, Her­kunft und Bildungserfolg

(Re-)Produktion und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­heit durch das Bil­dungs­sys­tem Obwohl es sich bei Bil­dungs­un­gleich­heit um eines der kon­ti­nu­ier­lich behan­del­ten The­men der sozio­lo­gi­schen For­schung han­delt, fris­te­te es im öffent­li­chen Bewusst­sein…

Die kom­men­den Tage (2)

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Vor etwas mehr als einem hal­ben Jahr habe ich im Bei­trag »Die kom­men­den Tage« die sozia­len Fol­gen der anhal­ten­den Kri­se sowie die auf­kei­men­den Pro­tes­te der Occu­py- als auch ande­rer Bewe­gun­gen skiz­ziert und ver­sucht, deren wei­te­re Ent­wick­lung…

Kri­tik macht einsam

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Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Sys­tem und sei­ner Pro­pa­gan­da macht ein­sam. Denn in aller Regel zieht ja das sozia­le Umfeld (Kol­le­gen, Fami­lie, Freun­de, Part­ner etc.) nicht mit, wenn einer anfängt, herr­schen­de Ideo­lo­gien in Fra­ge zu stel­len.…

Die kom­men­den Tage

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Wir leben in tur­bu­len­ten Zei­ten. Der Kapi­ta­lis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, fin­det sein Ende – auf die eine oder auf die ande­re Art. Anstatt die Kri­se aber als Bedro­hung und das Schei­tern des Kapi­ta­lis­mus als Unter­gang der Welt wahr­zu­neh­men,…

Was die Leh­rer für Leis­tung halten

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Die Zeit bis zum Schul­jah­res-Ende ver­geht. Ich bil­de mir ein, ich leis­te in die­ser Zeit etwas. Aber mit Leis­tung kann einer dies und der ande­re das mei­nen. Ich bin der Mei­nung, ich leis­te etwas, was die Leh­rer für Leis­tung hal­ten. Für mei­nen…

Sym­bo­li­sche Gewalt (2)

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Die [gesell­schaft­lich] glei­cher­ma­ßen erfahr­ba­ren For­men struk­tu­rel­ler und sym­bo­li­scher Gewalt wer­den für die Deklas­sier­ten und Dequa­li­fi­zier­ten umso leid­vol­ler und ent­waff­nen­der, als sie unter den Vor­zei­chen und Ver­hei­ßun­gen einer an indi­vi­du­el­ler…

Arbeit ver­höhnt Freiheit

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Arbeit ver­höhnt die Frei­heit. Offi­zi­ell kön­nen wir uns glück­lich schät­zen, von Rechts­staat und Demo­kra­tie umge­ben zu sein. Ande­re arme Unglück­li­che, die nicht so frei sind wie wir, müs­sen in Poli­zei­staa­ten leben. Die­se Opfer fol­gen Befeh­len,…

Mehr des­sel­ben

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Unter einer Stra­ßen­la­ter­ne steht ein Betrun­ke­ner und sucht und sucht. Ein Poli­zist kommt daher, fragt ihn, was er ver­lo­ren habe, und der Mann ant­wor­tet: »Mei­nen Schlüs­sel«. Nun suchen bei­de. Schließ­lich will der Poli­zist wis­sen, ob der…

Sozia­ler Raum und sozia­le Felder

Zen­tral für das Kon­zept des sozia­len Raums und der sozia­len Fel­der ist das Begrei­fen der sozia­len Wirk­lich­keit als einer rela­tio­na­len. Jeder Akteur inner­halb der sozia­len Wirk­lich­keit fin­det sich an einem Punkt die­ses sozia­len Rau­mes wie­der,…

Habi­tus – Ent­ste­hung und Abgren­zung zum Kon­zept der sozia­len Rolle

Der Begriff des Habi­tus selbst ist bereits weit­aus älter als Bour­dieus Aus­ar­bei­tung des hier im Fokus ste­hen­den Kon­zepts. Ein kon­kre­ter Zeit­punkt der Ent­ste­hung des Bour­dieu­schen Habi­tus-Kon­zepts ist aller­dings nicht benenn­bar, führt er den…

Habi­tus und Komplizenschaft

„Als Ver­mitt­lungs­glied zwi­schen der Posi­ti­on oder Stel­lung inner­halb des sozia­len Rau­mes und spe­zi­fi­schen Prak­ti­ken, Vor­lie­ben, usw. fun­giert das, was ich »Habi­tus« nen­ne, das ist eine all­ge­mei­ne Grund­hal­tung, eine Dis­po­si­ti­on gegen­über…

Legi­ti­mier­ter Schwindel

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Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in…

Nor­ma­li­tät

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Noch die inhu­mans­ten Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen kön­nen als sinn­haft und attrak­tiv erlebt wer­den durch das still­schwei­gen­de Ein­ver­ständ­nis von Men­schen, die durch inhu­ma­ne Exis­tenz­be­din­gun­gen dar­auf vor­be­rei­tet wor­den sind, sie zu akzep­tie­ren. (Mar­ga­re­te…

Schu­le als Ideologie

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Betrach­tet man die Ent­wick­lungs­dy­na­mik von Bil­dungs­sys­te­men, dann drängt sich die Ver­mu­tung auf, dass die Schu­le selbst sozi­al selek­tiv auf die Sozia­li­sa­ti­ons­prak­ti­ken ein­wirkt und sys­te­ma­tisch die Prak­ti­ken bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen…

Sym­bo­li­sche Gewalt

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Das sym­bo­li­sche Kapi­tal besteht aus einem belie­bi­gen Merk­mal, Kör­per­kraft, Reich­tum, Kampf­erprobt­heit, das wie eine ech­te magi­sche Kraft sym­bo­li­sche Wir­kung ent­fal­tet, sobald es von sozia­len Akteu­ren wahr­ge­nom­men wird, die über die zum Wahr­neh­men,…

Was ist Klassenkampf?

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Wenn vom Klas­sen­kampf die Rede ist, denkt man nie­mals an sei­ne ganz all­täg­li­chen For­men, an die rück­sichts­lo­se gegen­sei­ti­ge Ver­ächt­lich­ma­chung, an die Arro­ganz, an die erdrü­cken­den Prah­le­rei­en mit dem »Erfolg« der Kin­der, mit den Feri­en,…

Ent­hül­len und demaskieren

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Die Wahr­schein­lich­keit einer Hand­lung oder eines Phä­no­mens zu ken­nen, kann auch hei­ßen, die Chan­cen jener Aktio­nen zu ver­grö­ßern, die dar­auf abzie­len, die Rea­li­sie­rung eben die­ses Phä­no­mens zu ver­hin­dern. Aber das ist nicht alles. Vie­le…

Distink­ti­on

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Was »Distink­ti­on« ist, was »Unter­schied« ist, läßt sich, so mei­ne Ansicht, immer nur rela­tiv sagen, in Bezie­hung zu ande­rem. Im Grun­de heißt »distin­gu­iert« sein: »nicht popu­lär« sein – und sonst nichts. Per Defi­ni­ti­on sind die unte­ren…

Poli­ti­scher Aktivismus

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Der poli­ti­sche Akti­vist soll­te nicht jemand sein, der Pla­ka­te klebt oder vor­ge­form­te Paro­len ver­brei­tet. Es soll­te jemand sein, der sei­ne Spra­che spricht, um etwas zu sagen, und der dies dann auch sagt. Der sich aus­drückt und der sich dafür…

Pro­blem­be­wusst­sein

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Mit Mes­sern kann man sich ver­let­zen, daher soll man sie ver­mei­den; Tür­klin­ken sind tat­säch­lich mit Bak­te­ri­en bedeckt. Wer weiß, ob man mit­ten im Sym­pho­nie­kon­zert nicht doch plötz­lich auf die Toi­let­te muß, oder ob man das Schloß beim Nach­prü­fen…

Effi­zi­en­te Herrschaft

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In den Gesell­schaf­ten, die kei­nen »self-regu­la­ting mar­ket« (Karl Pol­anyi), kein Unter­richts­sys­tem und kei­nen juris­ti­schen oder staat­li­chen Appa­rat auf­wei­sen, kön­nen sich die Herr­schafts­be­zie­hun­gen, da sie nicht den objek­ti­ven Struk­tu­ren selbst…

War­um Frei­zeit nicht Frei­heit ist

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Das Gegen­teil von Arbeit ist nicht bloß Faul­heit. (…) So sehr ich das Ver­gnü­gen der Träg­heit schät­ze, ist sie doch wohl am loh­nends­ten, wenn sie ande­ren Genuß und Zeit­ver­treib unter­bricht. Genau­so­we­nig wer­be ich für das gelenk­te und…

Umfra­gen und Demokratie

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Vie­le Intel­lek­tu­el­le tun so, als wür­den sie glau­ben, oder glau­ben wirk­lich, daß ich gegen die Demo­kra­tie Posi­ti­on bezie­he, wenn ich sage, die öffent­li­che Mei­nung exis­tiert nicht, die Umfra­gen sind gefähr­lich. Weil, sagen sie, die Umfra­gen…

An die Lieblosen

Ihr seid die lieb­lo­ses­ten Men­schen, die ich ken­ne. Ihr schaut euch Sen­dun­gen an, in denen Ande­re, die in ihrem Leben noch nie eine ernst­haf­te Part­ner­schaft erlebt haben, ein­mal von der Lie­be spre­chen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr,…

Den Tisch umwerfen

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Der [sozia­le] Raum, das sind hier die Spiel­re­geln, denen sich jeder Spie­ler beu­gen muß. Vor sich haben die Spie­ler ver­schie­den­far­bi­ge Chips auf­ge­sta­pelt, Aus­beu­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Run­den. Die unter­schied­lich gefärb­ten Chips stel­len unter­schied­li­che…

Eth­no­zen­tris­mus

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Den Kar­ren von mei­ner Hand in die sei­ne wech­selnd, erzähl­te er mir eine lus­ti­ge Geschich­te über den ers­ten Schub­kar­ren, den er je gese­hen. Das war in Sag Har­bor. Die Eig­ner des Schif­fes, so scheint es, hat­ten ihm einen gelie­hen, um sei­ne schwe­re…

Weni­ger ist mehr

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr…

Beschleu­nig­tes Leben

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Im Bewusst­sein der Zeit­lich­keit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht iden­ti­fi­ziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwi­der­lau­fen­den Kräf­ten, etwa im Ver­such, sei­ner Arbeit mit einer Beschleu­ni­gung des Lebens­ge­fühls zu begeg­nen. Mach…

In der Wahr­heit leben

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Was heißt das, »in der Wahr­heit leben«? Eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on ist ein­fach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu ver­ste­cken, nichts zu ver­heim­li­chen. Seit Franz Sabi­na kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt sei­ner Frau von einem…

Wenn jeder täte, was er für wich­tig hielte

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Wo immer näm­lich die­se Gesell­schaft nicht funk­tio­niert, wo immer sie ver­sagt, wird ihr Ver­sa­gen an den Ärms­ten offen­bar. Jede Ver­än­de­rung im sozia­len Raum, jede Ver­schär­fung des Wett­be­werbs, jede Zunah­me an Gewalt im öffent­li­chen Leben,…

Wenn die Din­ge ihre Besit­zer besitzen

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Die ursprüng­li­che Bezie­hung zu der sozia­len Welt, durch die und für die man geschaf­fen ist, ist ein Besitz­ver­hält­nis, das den Besitz des Besit­zers durch sei­ne Besitz­tü­mer impli­ziert. Wenn das Erbe sich den Erben ange­eig­net hat, wie Marx…

Kampf der Kultur

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In jeder Hin­sicht ist Kul­tur Ergeb­nis eines Kamp­fes. Das ver­steht sich von selbst, weil mit der Idee der Kul­tur auch immer die mensch­li­che Wür­de auf dem Spiel steht. Das bedeu­tet, daß in einer Klas­sen­ge­sell­schaft die­je­ni­gen, die von der Kul­tur…

Deu­tungs­ho­heit

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Der ande­re Trick besteht dar­in, dem Part­ner eben­so hef­ti­ge wie nebel­haf­te Vor­wür­fe zu machen. Wenn er dann wis­sen will, was Sie eigent­lich mei­nen, kön­nen Sie die Fal­le mit dem zusätz­li­chen Hin­weis her­me­tisch schlie­ßen: »Wenn du nicht der…

Poli­tik und Medienmacht

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Der Jour­na­lis­mus ist tat­säch­lich einer der Orte, an dem die poli­ti­sche Magie ent­steht und bestä­tigt wird. Damit Magie ent­steht (…), braucht es eine Men­ge sozia­ler Vor­aus­set­zun­gen: Zau­be­rer, Assis­ten­ten, Publi­kum usf. Und auch die Welt der…

Dunk­le Empathie

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»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche…

Zwi­schen­mensch­li­che Effizienz

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In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effi­zi­enz. Ver­steht…

Regiert sein heißt…

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Regiert sein, das heißt unter poli­zei­li­cher Über­wa­chung ste­hen, inspi­ziert, spio­niert, diri­giert, mit Geset­zen über­schüt­tet, regle­men­tiert, ein­ge­pfercht, belehrt, bepre­digt, kon­trol­liert, ein­ge­schätzt, abge­schätzt, zen­siert, kom­man­diert…

Indi­vi­dua­li­sier­te Schuld

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nahm­eli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt.…

Die Abschaf­fung der Arbeit

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Nie­mand soll­te jemals arbei­ten. Arbeit ist die Ursa­che nahe­zu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenk­li­che Übel geht aufs Arbei­ten oder auf eine fürs Arbei­ten ein­ge­rich­te­te Welt zurück. Um das Lei­den zu been­den, müs­sen wir auf­hö­ren…

Da kann man nichts tun

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In einem sei­ner Fil­me, The Fatal Glass of Beer, zeigt ein Alt­meis­ter der ame­ri­ka­ni­schen Film­ko­mik, W. C. Fields, den erschröck­li­chen, unauf­halt­sa­men Nie­der­gang eines jun­gen Man­nes, der der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen kann, sein ers­tes Glas…

Die Ideo­lo­gie natür­li­cher Begabung

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Zu mei­nen, wenn man allen glei­che wirt­schaft­li­che Mit­tel bereit­stel­le, gäbe man auch allen, sofern sie die uner­läß­li­che „Bega­bung“ mit­bräch­ten, glei­che Chan­cen (…), hie­ße in der Ana­ly­se der Hin­der­nis­se auf hal­bem Wege ste­hen­blei­ben…

Wie das Bil­dungs­we­sen Macht verschleiert

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Will man sich davon über­zeu­gen, daß die ver­bor­gens­te und spe­zi­fischs­te Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems in der Tar­nung sei­ner objek­ti­ven Funk­ti­on, das heißt der objek­ti­ven Wahr­heit sei­ner Rela­ti­on zur Struk­tur der Klas­sen­be­zie­hun­gen steht, braucht…

Herr­schafts­ge­hil­fen

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Die erns­te Gefahr für unse­re Demo­kra­tie besteht nicht in der Exis­tenz tota­li­tä­rer frem­der Staa­ten. Sie besteht dar­in, daß in unse­ren eige­nen per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen und in unse­ren eige­nen Insti­tu­tio­nen Bedin­gun­gen herr­schen, die der Auto­ri­tät…

Was ist Soziologie?

Ein Mathe­ma­ti­ker, der eini­ge Sozio­lo­gie-Ver­an­stal­tun­gen besuch­te, resü­mier­te bei­des wie folgt: Wäh­rend ihm die Mathe­ma­tik mehr oder min­der ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten lie­fe­re, zumin­dest aber meist Ant­wor­ten, und ihm gleich­zei­tig als Bezugs­punkt…

Hedo­nis­mus der Not

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Gegen­über der ima­gi­nä­ren Anthro­po­lo­gie der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, die sich noch nie der For­mu­lie­rung uni­ver­sel­ler Geset­ze der »zeit­li­chen Prä­fe­renz« ent­schla­gen konn­te, ist dar­an zu erin­nern, daß die jewei­li­ge Geneigt­heit zur Unter­ord­nung…

Die Dop­­pel­stock­­wa­­gen-Gesel­l­­schaft

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In der Regio­nal­bahn, eine wah­re Bege­ben­heit. Zwei älte­re Her­ren betre­ten den Dop­pel­stock­wa­gen und suchen sich einen Sitz­platz im obe­ren Bereich: #1: Das sind doch schö­ne Plät­ze. Ich mag es hier oben. #2: Aber du weißt: Wenn man erst…

Refle­xi­on

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Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen,…

Men­schen ändern sich

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den. (Sokra­tes) In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit…

Die Welt so sehen, wie sie ist

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Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich…

For­ma­le Gleich­heit als Herrschaftsinstrument

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Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei…

Über­zeu­gungs­ar­beit

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Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesell­schafts-Talk­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on…

Arbeit­ge­ber­fil­ter

Viel liest man über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die es haben kann, füt­tert man sozia­le Netz­wer­ke, die eige­ne Home­page oder Blogs mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen. Wenn­gleich vie­les davon auch zutref­fend ist und die opti­mier­te Selbst­in­sze­nie­rung…

Stö­ren­des Hintergrundrauschen

Seit Jah­ren schon möch­te ich ein Buch über etwas schrei­ben, das mir sehr am Her­zen liegt. Oder wenigs­tens ein PDF mit vie­len Sei­ten. Der Ursprung die­ses Wun­sches liegt in mitt­ler­wei­le schon nicht mehr fass­ba­rer Ver­gan­gen­heit, doch einen ernst­haf­ten…

Spie­ßig­keit

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Man kann im Prenz­lau­er Berg ein­fach im lin­ken Habi­tus wei­ter­le­ben. Das ist ja das Schö­ne. Man kann sich tole­rant füh­len, weil Tole­ranz nicht auf die Pro­be gestellt wird. (…) Der Schrift­stel­ler Maxim Bil­ler nennt den Prenz­lau­er Berg mitt­ler­wei­le…

Selbst­ver­mark­tung mul­ti­pler Persönlichkeiten

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Sie haben sich immer über die bie­de­ren Schlips­trä­ger und Hosen­an­zug­trä­ge­rin­nen lus­tig gemacht, die bei Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen arbei­ten oder bei ande­ren, genau­so mie­fi­gen wie lang­wei­li­gen Fir­men unter­ge­kom­men sind…

Macht das glücklich?

Für einen Arbeits­platz, den sie has­sen, für eine Aus­bil­dung, die sie gar nicht wol­len, oder sogar nur für ein Prak­ti­kum, das wohl die nie­ders­te Form der Aus­beu­tung dar­stellt, tun sie alles. Sie leug­nen ihre eige­ne Mei­nung. Sie leug­nen…

Kei­ner trägt das Leben allein

Gut ist es, an andern sich zu hal­ten. Denn kei­ner trägt das Leben allein. (Fried­rich Höl­der­lin) Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­men­schen ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Das gilt vor allem, aber nicht exklu­siv, für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Freun­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on…

Irgend­ei­ne

Das Ende des Jah­res. Mit eini­gen Freun­den und Bekann­ten ging ich auf eine der vie­len Sil­ves­ter­par­tys in die­ser Nacht und die Stim­mung war super. Irgend­wann im Lau­fe des Abends saß ich mit eini­gen Leu­ten her­um und unter­hielt mich mit ihnen.…

Fach­spra­che als Abgrenzung

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Was ist die gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Fach­spra­che? Ich habe gesagt, ech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sei Gemein­sam­keit und Ver­än­de­rung. Die Fach­spra­che ist nicht unschul­dig. Der Mann, der sie spricht, der vor uns von Rol­len und auf der Basis von Wech­sel­be­zie­hun­gen…

Deschoo­ling

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Edu­ca­ti­on… now seems to me per­haps the most aut­ho­ri­ta­ri­an and dan­ge­rous of all the social inven­ti­ons of man­kind. It is the deepest foun­da­ti­on of the modern slave sta­te, in which most peo­p­le feel them­sel­ves to be not­hing but pro­du­cers, con­su­mers,…

Sei doch mal konstruktiv

Wenn man dir linier­tes Papier gibt, schrei­be quer über die Zei­len. (Juan Ramón Jimé­nez) Ich kann die­sen dum­men Spruch nicht mehr hören: Sei doch mal kon­struk­tiv! Wie­so näm­lich soll­te ich kon­struk­tiv sein, mich also irgend­wie an der…

Arbeit ist Scheiße!

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Arbeit ist Schei­ße! Bei die­ser Aus­sa­ge han­delt es sich um eine selbst­ver­ständ­li­che Tat­sa­che, und wäre spe­zi­ell die deut­sche Gesell­schaft nicht so ver­blö­det, müß­te man sich schä­men, eine sol­che Bana­li­tät zu Papier zu brin­gen. Wie fort­ge­schrit­ten…
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Was ist bloß mit mir los?

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»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer…
Eine Hand hält einen positiven Covid-Schnelltest. Im Hintergrund liegt die Packung des Tests.Meda­kit Ltd via Unsplash

Covid gibt es nicht – war­um alle immer nur erkäl­tet sind

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Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein…

Wohin mit den gan­zen Wörtern?

Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast? Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für…

Sozia­le Medi­en als Eindringling

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Vor etwas mehr als acht Mona­ten fand ich dank Twit­ter die tolls­te Frau der Welt. Alles begann mit zwei belang­lo­sen Tweets, auf die der jeweils ande­re reagier­te. Aus Rep­lys wur­den bald Direkt­nach­rich­ten und schließ­lich der Gedan­ke an ein Tref­fen.…

Die Maschi­ne­rie des Staates

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Die moder­ne Geschich­te hat, den­ke ich, hin­rei­chend bewie­sen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen das tut, was man ihm sagt; und, ver­zeiht mir, die Wahr­schein­lich­keit ist gering, dass ihr die Aus­nah­me seid – so…

Schu­le – eine kri­ti­sche Funktionsbetrachtung

Ange­sichts der ernüch­tern­den Ergeb­nis­se der unter den gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den durch­ge­führ­ten Bemü­hun­gen, die sozia­len Chan­cen­un­gleich­hei­ten im Bil­dungs­sys­tem abzu­bau­en, ist der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wel­che Funk­ti­on das Schul­sys­tem…

Bil­dungs­ent­schei­dun­gen als Habitus-Handlungen

„In der Regel feh­len denen, die über Bil­dungs­ka­pi­tal in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ver­fü­gen, die ›rich­ti­gen‹ Infor­ma­tio­nen für eine in die höchs­ten Posi­tio­nen füh­ren­de Bil­dungs­in­ves­ti­ti­on, es fehlt ihnen die Ver­traut­heit mit den Struk­tu­ren…

Bil­dung bekämpft Armut?

„Kin­der aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en gehö­ren zwar zu den größ­ten Bildungsverlierer(inne)n, ihre Armut basiert jedoch sel­ten auf fal­schen oder feh­len­den Schul­ab­schlüs­sen, denn die Letz­te­ren sind höchs­tens Aus­lö­ser und Ver­stär­ker,…
Das Bild besteht aus zwei Panels, die nebeneinander stehen. In beiden Szenen versuchen drei Personen unterschiedlicher Körpergröße, über einen Holzzaun ein Baseballspiel zu verfolgen. Linkes Panel "Equality" (Gleichheit): Die Situation: Jede der drei Personen steht auf genau einer Holzkiste. Die große Person steht weit über dem Zaun und hat eine perfekte Sicht. Die mittelgroße Person kann gerade so über den Zaun schauen. Die kleine Person starrt direkt gegen die Bretter des Zauns und kann nichts vom Spiel sehen. Rechtes Panel "Equity" (Gerechtigkeit ): Die Kisten wurden basierend auf dem individuellen Bedarf verteilt. Die große Person benötigt keine Hilfe und steht nun ohne Kiste auf dem Boden (sie kann immer noch alles sehen). Die mittelgroße Person steht weiterhin auf einer Kiste. Die kleine Person hat nun zwei Kisten übereinander gestapelt bekommen. Alle drei Personen befinden sich nun auf der gleichen Augenhöhe über der Oberkante des Zauns. Jeder kann das Spiel gleichermaßen genießen.Inter­ac­tion Insti­tu­te for Social Chan­ge | Artist: Angus Maguire

Das Mär­chen von der Leistungsgesellschaft

Leis­tungs­ge­sell­schaft oder Meri­to­kra­tie bedeu­tet sinn­ge­mäß eine „Herr­schafts­ord­nung nach Maß­ga­be von Bega­bung und Leis­tungs­fä­hig­keit des Ein­zel­nen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39), wonach sozia­le Unter­schie­de nicht per se als unge­recht…

Bil­dung – mehr als nur Schulbildung

Wäh­rend Bil­dung „im tra­di­tio­nel­len Sin­ne (…) als die erar­bei­ten­de und aneig­nen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt schlecht­hin und Inbe­griff der Selbst­ver­wirk­li­chung des Mensch­li­chen im Men­schen“ (Büch­ner, 2003, S. 7) ver­stan­den wird,…

Öko­no­mi­sches, kul­tu­rel­les und sozia­les Kapital

Im Kon­text des Habi­tus­kon­zepts und der Bour­dieu­schen Milieu­for­schung ist von öko­no­mi­schem, kul­tu­rel­lem sowie sozia­lem Kapi­tal die Rede. Um die­se ver­schie­de­nen For­men des Kapi­tals, die bei Bour­dieu zur Spra­che kom­men, zu betrach­ten, ist es zunächst…

Habi­tus, Her­kunft und Bildungserfolg

(Re-)Produktion und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­heit durch das Bil­dungs­sys­tem Obwohl es sich bei Bil­dungs­un­gleich­heit um eines der kon­ti­nu­ier­lich behan­del­ten The­men der sozio­lo­gi­schen For­schung han­delt, fris­te­te es im öffent­li­chen Bewusst­sein…

Die kom­men­den Tage (2)

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Vor etwas mehr als einem hal­ben Jahr habe ich im Bei­trag »Die kom­men­den Tage« die sozia­len Fol­gen der anhal­ten­den Kri­se sowie die auf­kei­men­den Pro­tes­te der Occu­py- als auch ande­rer Bewe­gun­gen skiz­ziert und ver­sucht, deren wei­te­re Ent­wick­lung…

Kri­tik macht einsam

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Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Sys­tem und sei­ner Pro­pa­gan­da macht ein­sam. Denn in aller Regel zieht ja das sozia­le Umfeld (Kol­le­gen, Fami­lie, Freun­de, Part­ner etc.) nicht mit, wenn einer anfängt, herr­schen­de Ideo­lo­gien in Fra­ge zu stel­len.…

Die kom­men­den Tage

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Wir leben in tur­bu­len­ten Zei­ten. Der Kapi­ta­lis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, fin­det sein Ende – auf die eine oder auf die ande­re Art. Anstatt die Kri­se aber als Bedro­hung und das Schei­tern des Kapi­ta­lis­mus als Unter­gang der Welt wahr­zu­neh­men,…

Was die Leh­rer für Leis­tung halten

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Die Zeit bis zum Schul­jah­res-Ende ver­geht. Ich bil­de mir ein, ich leis­te in die­ser Zeit etwas. Aber mit Leis­tung kann einer dies und der ande­re das mei­nen. Ich bin der Mei­nung, ich leis­te etwas, was die Leh­rer für Leis­tung hal­ten. Für mei­nen…

Sym­bo­li­sche Gewalt (2)

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Die [gesell­schaft­lich] glei­cher­ma­ßen erfahr­ba­ren For­men struk­tu­rel­ler und sym­bo­li­scher Gewalt wer­den für die Deklas­sier­ten und Dequa­li­fi­zier­ten umso leid­vol­ler und ent­waff­nen­der, als sie unter den Vor­zei­chen und Ver­hei­ßun­gen einer an indi­vi­du­el­ler…

Arbeit ver­höhnt Freiheit

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Arbeit ver­höhnt die Frei­heit. Offi­zi­ell kön­nen wir uns glück­lich schät­zen, von Rechts­staat und Demo­kra­tie umge­ben zu sein. Ande­re arme Unglück­li­che, die nicht so frei sind wie wir, müs­sen in Poli­zei­staa­ten leben. Die­se Opfer fol­gen Befeh­len,…

Mehr des­sel­ben

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Unter einer Stra­ßen­la­ter­ne steht ein Betrun­ke­ner und sucht und sucht. Ein Poli­zist kommt daher, fragt ihn, was er ver­lo­ren habe, und der Mann ant­wor­tet: »Mei­nen Schlüs­sel«. Nun suchen bei­de. Schließ­lich will der Poli­zist wis­sen, ob der…

Sozia­ler Raum und sozia­le Felder

Zen­tral für das Kon­zept des sozia­len Raums und der sozia­len Fel­der ist das Begrei­fen der sozia­len Wirk­lich­keit als einer rela­tio­na­len. Jeder Akteur inner­halb der sozia­len Wirk­lich­keit fin­det sich an einem Punkt die­ses sozia­len Rau­mes wie­der,…

Habi­tus – Ent­ste­hung und Abgren­zung zum Kon­zept der sozia­len Rolle

Der Begriff des Habi­tus selbst ist bereits weit­aus älter als Bour­dieus Aus­ar­bei­tung des hier im Fokus ste­hen­den Kon­zepts. Ein kon­kre­ter Zeit­punkt der Ent­ste­hung des Bour­dieu­schen Habi­tus-Kon­zepts ist aller­dings nicht benenn­bar, führt er den…

Habi­tus und Komplizenschaft

„Als Ver­mitt­lungs­glied zwi­schen der Posi­ti­on oder Stel­lung inner­halb des sozia­len Rau­mes und spe­zi­fi­schen Prak­ti­ken, Vor­lie­ben, usw. fun­giert das, was ich »Habi­tus« nen­ne, das ist eine all­ge­mei­ne Grund­hal­tung, eine Dis­po­si­ti­on gegen­über…

Legi­ti­mier­ter Schwindel

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Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in…

Nor­ma­li­tät

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Noch die inhu­mans­ten Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen kön­nen als sinn­haft und attrak­tiv erlebt wer­den durch das still­schwei­gen­de Ein­ver­ständ­nis von Men­schen, die durch inhu­ma­ne Exis­tenz­be­din­gun­gen dar­auf vor­be­rei­tet wor­den sind, sie zu akzep­tie­ren. (Mar­ga­re­te…

Schu­le als Ideologie

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Betrach­tet man die Ent­wick­lungs­dy­na­mik von Bil­dungs­sys­te­men, dann drängt sich die Ver­mu­tung auf, dass die Schu­le selbst sozi­al selek­tiv auf die Sozia­li­sa­ti­ons­prak­ti­ken ein­wirkt und sys­te­ma­tisch die Prak­ti­ken bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen…

Sym­bo­li­sche Gewalt

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Das sym­bo­li­sche Kapi­tal besteht aus einem belie­bi­gen Merk­mal, Kör­per­kraft, Reich­tum, Kampf­erprobt­heit, das wie eine ech­te magi­sche Kraft sym­bo­li­sche Wir­kung ent­fal­tet, sobald es von sozia­len Akteu­ren wahr­ge­nom­men wird, die über die zum Wahr­neh­men,…

Was ist Klassenkampf?

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Wenn vom Klas­sen­kampf die Rede ist, denkt man nie­mals an sei­ne ganz all­täg­li­chen For­men, an die rück­sichts­lo­se gegen­sei­ti­ge Ver­ächt­lich­ma­chung, an die Arro­ganz, an die erdrü­cken­den Prah­le­rei­en mit dem »Erfolg« der Kin­der, mit den Feri­en,…

Ent­hül­len und demaskieren

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Die Wahr­schein­lich­keit einer Hand­lung oder eines Phä­no­mens zu ken­nen, kann auch hei­ßen, die Chan­cen jener Aktio­nen zu ver­grö­ßern, die dar­auf abzie­len, die Rea­li­sie­rung eben die­ses Phä­no­mens zu ver­hin­dern. Aber das ist nicht alles. Vie­le…

Distink­ti­on

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Was »Distink­ti­on« ist, was »Unter­schied« ist, läßt sich, so mei­ne Ansicht, immer nur rela­tiv sagen, in Bezie­hung zu ande­rem. Im Grun­de heißt »distin­gu­iert« sein: »nicht popu­lär« sein – und sonst nichts. Per Defi­ni­ti­on sind die unte­ren…

Poli­ti­scher Aktivismus

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Der poli­ti­sche Akti­vist soll­te nicht jemand sein, der Pla­ka­te klebt oder vor­ge­form­te Paro­len ver­brei­tet. Es soll­te jemand sein, der sei­ne Spra­che spricht, um etwas zu sagen, und der dies dann auch sagt. Der sich aus­drückt und der sich dafür…

Pro­blem­be­wusst­sein

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Mit Mes­sern kann man sich ver­let­zen, daher soll man sie ver­mei­den; Tür­klin­ken sind tat­säch­lich mit Bak­te­ri­en bedeckt. Wer weiß, ob man mit­ten im Sym­pho­nie­kon­zert nicht doch plötz­lich auf die Toi­let­te muß, oder ob man das Schloß beim Nach­prü­fen…

Effi­zi­en­te Herrschaft

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In den Gesell­schaf­ten, die kei­nen »self-regu­la­ting mar­ket« (Karl Pol­anyi), kein Unter­richts­sys­tem und kei­nen juris­ti­schen oder staat­li­chen Appa­rat auf­wei­sen, kön­nen sich die Herr­schafts­be­zie­hun­gen, da sie nicht den objek­ti­ven Struk­tu­ren selbst…

War­um Frei­zeit nicht Frei­heit ist

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Das Gegen­teil von Arbeit ist nicht bloß Faul­heit. (…) So sehr ich das Ver­gnü­gen der Träg­heit schät­ze, ist sie doch wohl am loh­nends­ten, wenn sie ande­ren Genuß und Zeit­ver­treib unter­bricht. Genau­so­we­nig wer­be ich für das gelenk­te und…

Umfra­gen und Demokratie

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Vie­le Intel­lek­tu­el­le tun so, als wür­den sie glau­ben, oder glau­ben wirk­lich, daß ich gegen die Demo­kra­tie Posi­ti­on bezie­he, wenn ich sage, die öffent­li­che Mei­nung exis­tiert nicht, die Umfra­gen sind gefähr­lich. Weil, sagen sie, die Umfra­gen…

An die Lieblosen

Ihr seid die lieb­lo­ses­ten Men­schen, die ich ken­ne. Ihr schaut euch Sen­dun­gen an, in denen Ande­re, die in ihrem Leben noch nie eine ernst­haf­te Part­ner­schaft erlebt haben, ein­mal von der Lie­be spre­chen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr,…

Den Tisch umwerfen

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Der [sozia­le] Raum, das sind hier die Spiel­re­geln, denen sich jeder Spie­ler beu­gen muß. Vor sich haben die Spie­ler ver­schie­den­far­bi­ge Chips auf­ge­sta­pelt, Aus­beu­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Run­den. Die unter­schied­lich gefärb­ten Chips stel­len unter­schied­li­che…

Eth­no­zen­tris­mus

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Den Kar­ren von mei­ner Hand in die sei­ne wech­selnd, erzähl­te er mir eine lus­ti­ge Geschich­te über den ers­ten Schub­kar­ren, den er je gese­hen. Das war in Sag Har­bor. Die Eig­ner des Schif­fes, so scheint es, hat­ten ihm einen gelie­hen, um sei­ne schwe­re…

Weni­ger ist mehr

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr…

Beschleu­nig­tes Leben

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Im Bewusst­sein der Zeit­lich­keit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht iden­ti­fi­ziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwi­der­lau­fen­den Kräf­ten, etwa im Ver­such, sei­ner Arbeit mit einer Beschleu­ni­gung des Lebens­ge­fühls zu begeg­nen. Mach…

In der Wahr­heit leben

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Was heißt das, »in der Wahr­heit leben«? Eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on ist ein­fach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu ver­ste­cken, nichts zu ver­heim­li­chen. Seit Franz Sabi­na kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt sei­ner Frau von einem…

Wenn jeder täte, was er für wich­tig hielte

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Wo immer näm­lich die­se Gesell­schaft nicht funk­tio­niert, wo immer sie ver­sagt, wird ihr Ver­sa­gen an den Ärms­ten offen­bar. Jede Ver­än­de­rung im sozia­len Raum, jede Ver­schär­fung des Wett­be­werbs, jede Zunah­me an Gewalt im öffent­li­chen Leben,…

Wenn die Din­ge ihre Besit­zer besitzen

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Die ursprüng­li­che Bezie­hung zu der sozia­len Welt, durch die und für die man geschaf­fen ist, ist ein Besitz­ver­hält­nis, das den Besitz des Besit­zers durch sei­ne Besitz­tü­mer impli­ziert. Wenn das Erbe sich den Erben ange­eig­net hat, wie Marx…

Kampf der Kultur

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In jeder Hin­sicht ist Kul­tur Ergeb­nis eines Kamp­fes. Das ver­steht sich von selbst, weil mit der Idee der Kul­tur auch immer die mensch­li­che Wür­de auf dem Spiel steht. Das bedeu­tet, daß in einer Klas­sen­ge­sell­schaft die­je­ni­gen, die von der Kul­tur…

Deu­tungs­ho­heit

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Der ande­re Trick besteht dar­in, dem Part­ner eben­so hef­ti­ge wie nebel­haf­te Vor­wür­fe zu machen. Wenn er dann wis­sen will, was Sie eigent­lich mei­nen, kön­nen Sie die Fal­le mit dem zusätz­li­chen Hin­weis her­me­tisch schlie­ßen: »Wenn du nicht der…

Poli­tik und Medienmacht

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Der Jour­na­lis­mus ist tat­säch­lich einer der Orte, an dem die poli­ti­sche Magie ent­steht und bestä­tigt wird. Damit Magie ent­steht (…), braucht es eine Men­ge sozia­ler Vor­aus­set­zun­gen: Zau­be­rer, Assis­ten­ten, Publi­kum usf. Und auch die Welt der…

Dunk­le Empathie

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»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche…

Zwi­schen­mensch­li­che Effizienz

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In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effi­zi­enz. Ver­steht…

Regiert sein heißt…

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Regiert sein, das heißt unter poli­zei­li­cher Über­wa­chung ste­hen, inspi­ziert, spio­niert, diri­giert, mit Geset­zen über­schüt­tet, regle­men­tiert, ein­ge­pfercht, belehrt, bepre­digt, kon­trol­liert, ein­ge­schätzt, abge­schätzt, zen­siert, kom­man­diert…

Indi­vi­dua­li­sier­te Schuld

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nahm­eli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt.…

Die Abschaf­fung der Arbeit

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Nie­mand soll­te jemals arbei­ten. Arbeit ist die Ursa­che nahe­zu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenk­li­che Übel geht aufs Arbei­ten oder auf eine fürs Arbei­ten ein­ge­rich­te­te Welt zurück. Um das Lei­den zu been­den, müs­sen wir auf­hö­ren…

Da kann man nichts tun

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In einem sei­ner Fil­me, The Fatal Glass of Beer, zeigt ein Alt­meis­ter der ame­ri­ka­ni­schen Film­ko­mik, W. C. Fields, den erschröck­li­chen, unauf­halt­sa­men Nie­der­gang eines jun­gen Man­nes, der der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen kann, sein ers­tes Glas…

Die Ideo­lo­gie natür­li­cher Begabung

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Zu mei­nen, wenn man allen glei­che wirt­schaft­li­che Mit­tel bereit­stel­le, gäbe man auch allen, sofern sie die uner­läß­li­che „Bega­bung“ mit­bräch­ten, glei­che Chan­cen (…), hie­ße in der Ana­ly­se der Hin­der­nis­se auf hal­bem Wege ste­hen­blei­ben…

Wie das Bil­dungs­we­sen Macht verschleiert

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Will man sich davon über­zeu­gen, daß die ver­bor­gens­te und spe­zi­fischs­te Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems in der Tar­nung sei­ner objek­ti­ven Funk­ti­on, das heißt der objek­ti­ven Wahr­heit sei­ner Rela­ti­on zur Struk­tur der Klas­sen­be­zie­hun­gen steht, braucht…

Herr­schafts­ge­hil­fen

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Die erns­te Gefahr für unse­re Demo­kra­tie besteht nicht in der Exis­tenz tota­li­tä­rer frem­der Staa­ten. Sie besteht dar­in, daß in unse­ren eige­nen per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen und in unse­ren eige­nen Insti­tu­tio­nen Bedin­gun­gen herr­schen, die der Auto­ri­tät…

Was ist Soziologie?

Ein Mathe­ma­ti­ker, der eini­ge Sozio­lo­gie-Ver­an­stal­tun­gen besuch­te, resü­mier­te bei­des wie folgt: Wäh­rend ihm die Mathe­ma­tik mehr oder min­der ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten lie­fe­re, zumin­dest aber meist Ant­wor­ten, und ihm gleich­zei­tig als Bezugs­punkt…

Hedo­nis­mus der Not

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Gegen­über der ima­gi­nä­ren Anthro­po­lo­gie der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, die sich noch nie der For­mu­lie­rung uni­ver­sel­ler Geset­ze der »zeit­li­chen Prä­fe­renz« ent­schla­gen konn­te, ist dar­an zu erin­nern, daß die jewei­li­ge Geneigt­heit zur Unter­ord­nung…

Die Dop­­pel­stock­­wa­­gen-Gesel­l­­schaft

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In der Regio­nal­bahn, eine wah­re Bege­ben­heit. Zwei älte­re Her­ren betre­ten den Dop­pel­stock­wa­gen und suchen sich einen Sitz­platz im obe­ren Bereich: #1: Das sind doch schö­ne Plät­ze. Ich mag es hier oben. #2: Aber du weißt: Wenn man erst…

Refle­xi­on

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Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen,…

Men­schen ändern sich

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den. (Sokra­tes) In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit…

Die Welt so sehen, wie sie ist

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Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich…

For­ma­le Gleich­heit als Herrschaftsinstrument

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Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei…

Über­zeu­gungs­ar­beit

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Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesell­schafts-Talk­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on…

Arbeit­ge­ber­fil­ter

Viel liest man über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die es haben kann, füt­tert man sozia­le Netz­wer­ke, die eige­ne Home­page oder Blogs mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen. Wenn­gleich vie­les davon auch zutref­fend ist und die opti­mier­te Selbst­in­sze­nie­rung…

Stö­ren­des Hintergrundrauschen

Seit Jah­ren schon möch­te ich ein Buch über etwas schrei­ben, das mir sehr am Her­zen liegt. Oder wenigs­tens ein PDF mit vie­len Sei­ten. Der Ursprung die­ses Wun­sches liegt in mitt­ler­wei­le schon nicht mehr fass­ba­rer Ver­gan­gen­heit, doch einen ernst­haf­ten…

Spie­ßig­keit

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Man kann im Prenz­lau­er Berg ein­fach im lin­ken Habi­tus wei­ter­le­ben. Das ist ja das Schö­ne. Man kann sich tole­rant füh­len, weil Tole­ranz nicht auf die Pro­be gestellt wird. (…) Der Schrift­stel­ler Maxim Bil­ler nennt den Prenz­lau­er Berg mitt­ler­wei­le…

Selbst­ver­mark­tung mul­ti­pler Persönlichkeiten

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Sie haben sich immer über die bie­de­ren Schlips­trä­ger und Hosen­an­zug­trä­ge­rin­nen lus­tig gemacht, die bei Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen arbei­ten oder bei ande­ren, genau­so mie­fi­gen wie lang­wei­li­gen Fir­men unter­ge­kom­men sind…

Macht das glücklich?

Für einen Arbeits­platz, den sie has­sen, für eine Aus­bil­dung, die sie gar nicht wol­len, oder sogar nur für ein Prak­ti­kum, das wohl die nie­ders­te Form der Aus­beu­tung dar­stellt, tun sie alles. Sie leug­nen ihre eige­ne Mei­nung. Sie leug­nen…

Kei­ner trägt das Leben allein

Gut ist es, an andern sich zu hal­ten. Denn kei­ner trägt das Leben allein. (Fried­rich Höl­der­lin) Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­men­schen ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Das gilt vor allem, aber nicht exklu­siv, für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Freun­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on…

Irgend­ei­ne

Das Ende des Jah­res. Mit eini­gen Freun­den und Bekann­ten ging ich auf eine der vie­len Sil­ves­ter­par­tys in die­ser Nacht und die Stim­mung war super. Irgend­wann im Lau­fe des Abends saß ich mit eini­gen Leu­ten her­um und unter­hielt mich mit ihnen.…

Fach­spra­che als Abgrenzung

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Was ist die gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Fach­spra­che? Ich habe gesagt, ech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sei Gemein­sam­keit und Ver­än­de­rung. Die Fach­spra­che ist nicht unschul­dig. Der Mann, der sie spricht, der vor uns von Rol­len und auf der Basis von Wech­sel­be­zie­hun­gen…

Deschoo­ling

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Edu­ca­ti­on… now seems to me per­haps the most aut­ho­ri­ta­ri­an and dan­ge­rous of all the social inven­ti­ons of man­kind. It is the deepest foun­da­ti­on of the modern slave sta­te, in which most peo­p­le feel them­sel­ves to be not­hing but pro­du­cers, con­su­mers,…

Sei doch mal konstruktiv

Wenn man dir linier­tes Papier gibt, schrei­be quer über die Zei­len. (Juan Ramón Jimé­nez) Ich kann die­sen dum­men Spruch nicht mehr hören: Sei doch mal kon­struk­tiv! Wie­so näm­lich soll­te ich kon­struk­tiv sein, mich also irgend­wie an der…

Arbeit ist Scheiße!

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Arbeit ist Schei­ße! Bei die­ser Aus­sa­ge han­delt es sich um eine selbst­ver­ständ­li­che Tat­sa­che, und wäre spe­zi­ell die deut­sche Gesell­schaft nicht so ver­blö­det, müß­te man sich schä­men, eine sol­che Bana­li­tät zu Papier zu brin­gen. Wie fort­ge­schrit­ten…
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Alle Ein­trä­ge

Lese­dau­er: cir­ca 11 Minu­ten

»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer wich­ti­gen Per­son, weil er die Leu­te vor ein Pro­blem stell­te. Er wuss­te ein­fach nicht, was er mit sich anfan­gen soll­te. Er war attrak­tiv, intel­li­gent, sym­pa­thisch und zeig­te bei fast allem, was er mach­te, auch Talent. Er konn­te gut Gitar­re spie­len, obwohl er kein Inter­es­se an einem musi­schen Beruf hat­te. Er konn­te gut foto­gra­fie­ren, konn­te gut zeich­nen, er spiel­te die Haupt­rol­le in einer Thea­ter­auf­füh­rung sei­ner Schu­le, er schrieb unter­halt­sa­me Geschich­ten, aber auch pro­vo­zie­ren­de Auf­sät­ze, aber er woll­te weder Foto­graf noch Künst­ler, Schau­spie­ler oder Schrift­stel­ler wer­den. Er brach­te in jeder Klas­se gute Leis­tun­gen, aber er woll­te weder Leh­rer noch Geis­tes­wis­sen­schaft­ler wer­den. Er war auch nicht dar­an inter­es­siert, in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters zu tre­ten oder auf dem Gebiet der Juris­te­rei, der Natur­wis­sen­schaft, der Mathe­ma­tik, der Wirt­schaft oder der Poli­tik tätig zu wer­den. Er fühl­te sich zwar zu spi­ri­tu­el­len Din­gen hin­ge­zo­gen, ging gele­gent­lich auch in die Kir­che, aber es kam ihm nicht in den Sinn, Theo­lo­ge oder Geist­li­cher zu wer­den. Trotz alle­dem schien er sozi­al gut ange­passt, wie man es nennt. Er wur­de weder von nen­nens­wer­ten Ängs­ten und Depres­sio­nen noch von Neu­ro­sen geplagt. Er hat­te in Bezug auf sei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung kei­nen Zwei­fel. Er stell­te sich vor, dass er sich eines Tages ein Haus bau­en und hei­ra­ten wür­de, aber erst, wenn er sei­nem Leben einen Sinn gege­ben hatte.

Jef­freys Freun­de wur­den nie müde, ihm Vor­schlä­ge zu machen, wie er sein Leben gestal­ten soll­te. Wür­de es ihm kei­nen Spaß machen, in der Lokal­zei­tung Fil­me zu bespre­chen? Hat­te er je dar­an gedacht, sich aufs Elfen­bein­schnit­zen oder das Gold­schmie­den zu ver­le­gen? Die Kunst­schrei­ne­rei wur­de ihm als etwas über­aus Befrie­di­gen­des ans Herz gelegt. Wie wäre es mit der Fos­si­li­en­su­che? Gour­met­kü­che? Viel­leicht soll­te er For­scher wer­den? Wür­de es ihm nicht Spaß machen, mit auf eine archäo­lo­gi­sche Expe­di­ti­on zu gehen? Jef­freys Vater hat­te gro­ßes Ver­ständ­nis dafür, dass sein Sohn offen­sicht­lich nicht imstan­de war, etwas zu fin­den, was ihn begeis­ter­te. Er unter­stütz­te ihn bereit­wil­lig bei allem, was es sei­nem Sohn wenigs­tens wert schien, aus­pro­biert zu wer­den. Wenn eine Welt­rei­se irgend­ei­nen Reiz für ihn hat­te, dann wür­de man eine Rei­se­agen­tur beauf­tra­gen, eine ent­spre­chen­de Rou­te zusam­men­zu­stel­len. Wenn er aus­pro­bie­ren woll­te, wie es sich in der frei­en Natur leb­te, wür­de man ihm gern die nöti­ge Aus­rüs­tung zur Ver­fü­gung stel­len. Wenn er zur See woll­te, wür­de man ihm ein pas­sen­des Boot bereit­stel­len. Wenn er sich ent­schlie­ßen soll­te, Töp­fer zu wer­den, wür­de schon ein Brenn­ofen auf ihn war­ten. Selbst wenn er ein­fach nur in den Tag hin­ein­le­ben hät­te wol­len, wäre das in Ord­nung gewe­sen. Jef­frey jedoch tat dies alles mit einem höf­li­chen Ach­sel­zu­cken ab, pein­lich berührt, weil sich sei­net­we­gen alle sol­che Gedan­ken machten.

Ich will hier nicht den Ein­druck erwe­cken, dass Jef­frey faul oder ver­zo­gen gewe­sen wäre. Er war im Stu­di­um immer bei den Bes­ten, jobb­te neben­her, leb­te in einer gewöhn­li­chen Stu­den­ten­bu­de, besaß kein Auto. Er betrach­te­te ein­fach die Welt, die sich ihm dar­bot, und konn­te nichts ent­de­cken, das zu besit­zen ihm etwas wert gewe­sen wäre. Sei­ne Freun­de sag­ten stän­dig zu ihm: ›Schau, so kannst du doch nicht wei­ter­ma­chen. Du ver­zet­telst dich. Du musst dir ein Ziel suchen. Du musst irgend­et­was fin­den, was du mit dei­nem Leben anfan­gen willst!‹

Jef­frey mach­te sei­nen Abschluss mit Aus­zeich­nung, aber ohne sich für eine bestimm­te Rich­tung ent­schie­den zu haben. Nach­dem er den Som­mer im Hau­se sei­nes Vaters ver­bracht hat­te, besuch­te er zwei Freun­de aus dem Col­lege, die gera­de gehei­ra­tet hat­ten. Er nahm sei­nen Ruck­sack mit, sei­ne Gitar­re, sein Tage­buch. Nach ein paar Wochen ver­ab­schie­de­te er sich von ihnen, um ande­re Freun­de zu besu­chen und fuhr per Anhal­ter wei­ter. Er hat­te es nicht eilig. Er mach­te auf sei­nem Weg immer wie­der halt, half ein paar Leu­ten dabei, einen Schup­pen zu bau­en, ver­dien­te genug Geld, um sich über Was­ser zu hal­ten, und erreich­te schließ­lich sein nächs­tes Rei­se­ziel. Bald stand der Win­ter vor der Tür, und er mach­te sich wie­der auf den Heim­weg. Er und sein Vater führ­ten lan­ge Gesprä­che, spiel­ten Rom­me, Pool­bil­lard und Ten­nis, sahen sich Foot­ball an, tran­ken Bier, lasen Bücher, gin­gen ins Kino.

Als der Früh­ling kam, kauf­te sich Jef­frey einen Gebraucht­wa­gen und fuhr wie­der los, um Freun­de zu besu­chen, dies­mal in die ande­re Rich­tung. Man nahm ihn gern auf, wo immer er hin­kam. Die Leu­te moch­ten ihn, und er tat ihnen leid, weil er so wur­zel­los, so unfä­hig, so unkon­zen­triert war. Aber sie gaben ihn nicht auf. Jemand woll­te ihm eine Video­ka­me­ra kau­fen, damit er einen Film über sei­ne Wan­de­run­gen dre­hen konn­te. Jef­frey war nicht inter­es­siert dar­an. Jemand anders erbot sich, sei­ne Gedich­te bei ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten ein­zu­sen­den, um zu sehen, ob nicht eines ver­öf­fent­licht wer­den wür­de. Jef­frey mein­te, dass er das nett fän­de, dass es ihm per­sön­lich jedoch egal wäre, was dabei her­aus­kä­me. Nach­dem er den Som­mer über in einem Pfad­fin­der­la­ger gear­bei­tet hat­te, bat man ihn, als stän­di­ger Betreu­er dort zu blei­ben, aber auch das reiz­te ihn nicht.

Als es Win­ter wur­de, über­re­de­te ihn sein Vater dazu, einen Psy­cho­the­ra­peu­ten auf­zu­su­chen, den er per­sön­lich kann­te und dem er ver­trau­te. Jef­frey ging den gan­zen Win­ter über drei Mal wöchent­lich zur The­ra­pie, am Ende muss­te der The­ra­peut jedoch zuge­ben, dass sei­nem Pati­en­ten psy­chisch rein gar nichts fehl­te, abge­se­hen davon, dass er ihm ein wenig unreif vor­kam. Auf die Fra­ge, was ›ein wenig unreif‹ bedeu­te­te, erklär­te der The­ra­peut, Jef­frey sei unmo­ti­viert, unkon­zen­triert und hät­te kei­ne Zie­le, was jedoch bereits hin­läng­lich bekannt war. ›In ein oder zwei Jah­ren wird er bestimmt etwas fin­den‹, pro­phe­zei­te der The­ra­peut. ›Und höchst­wahr­schein­lich wird es etwas ganz Nahe­lie­gen­des sein. Ich bin sicher, es befin­det sich im Augen­blick schon direkt vor sei­ner Nase, und er sieht es ein­fach nur nicht.‹ Als der Früh­ling kam, ging Jef­frey wie­der auf Rei­sen, und falls sich tat­säch­lich etwas direkt vor sei­ner Nase befand, so sah er es jeden­falls nicht.

So ver­gin­gen Jah­re. Jef­frey sah zu, wie sei­ne alten Freun­de hei­ra­te­ten, Kin­der beka­men, an ihrer beruf­li­chen Kar­rie­re bas­tel­ten, Unter­neh­men grün­de­ten, hier zu ein wenig Ruhm gelang­ten, dort zu ein wenig Ver­mö­gen, wäh­rend er wei­ter Gitar­re spiel­te, hier und da ein Gedicht ver­fass­te und ein Tage­buch nach dem ande­ren voll schrieb. Letz­ten Früh­ling fei­er­te er mit Freun­den zusam­men in einem Feri­en­haus am Lake Wis­con­sin sei­nen ein­und­drei­ßigs­ten Geburts­tag. Am nächs­ten Mor­gen ging er ans Ufer hin­un­ter, schrieb ein paar Zei­len in sein Tage­buch, wate­te dann in den See und ertränk­te sich.«

»Trau­ri­ge Sache«, sag­te ich nach einer Wei­le, außer­stan­de, etwas Intel­li­gen­te­res von mir zu geben.

»Es ist eine all­täg­li­che Geschich­te, Julie, bis auf eine Tat­sa­che – die Tat­sa­che, dass Jef­freys Vater es sei­nem Sohn ermög­lich­te, sich trei­ben zu las­sen. Dass er ihn dabei sogar unter­stütz­te, wäh­rend die­ser zehn Jah­re nichts zu tun, dass er ihn nicht unter Druck setz­te und ihm nicht erklär­te, er sol­le sich zusam­men­rei­ßen und ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Mensch wer­den. Das ist es, was Jef­frey von Mil­lio­nen ande­rer jun­ger Leu­te in dei­ner Kul­tur unter­schied, die im Grun­de genau­so wenig Moti­va­ti­on besit­zen wie er. Oder bist du der Ansicht, dass ich mich da täusche?«

»Mir ist noch nicht klar, was du genau meinst, des­halb kann ich auch noch nicht sagen, ob ich dir zustim­men kann.«

»Wenn du an dei­ne Freun­de oder Klas­sen­ka­me­ra­den denkst – bren­nen sie dar­auf, Rechts­an­walt, Ban­ker, Inge­nieur, Koch, Fri­seur, Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Bus­fah­rer zu werden?«

»Eini­ge von ihnen, ja. Sie wol­len zwar nicht unbe­dingt das wer­den, was du gera­de auf­ge­zählt hast, Fri­seu­re und Bus­fah­rer, aber irgend­et­was schon. Eini­ge mei­ner Freun­de hät­ten sicher nichts dage­gen, Film­star oder Pro­fi­sport­ler zu werden.«

»Und wie ste­hen, rea­lis­tisch gese­hen, ihre Chan­cen, das auch zu schaffen?«

»Eins zu einer Mil­li­on vermutlich.«

»Glaubst du, dass es da drau­ßen Acht­zehn­jäh­ri­ge gibt, die davon träu­men, Taxi­fah­rer, Zahn­tech­ni­ker oder Stra­ßen­ar­bei­ter zu werden?«

»Nein.«

»Glaubst du, es gibt vie­le Acht­zehn­jäh­ri­ge wie Jef­frey, die kei­ne der Tätig­kei­ten in der Arbeits­welt der Neh­mer reiz­voll fin­den? Die froh wären, wenn sie sich das Gan­ze schen­ken könn­ten, vor­aus­ge­setzt, jemand wür­de ihnen jähr­lich zwan­­zig- oder drei­ßig­tau­send Dol­lar überweisen?«

»Him­mel, ja, wenn du es so for­mu­lierst, dann bin ich mir sicher, dass es da eini­ge gibt. Ach was, Millionen!«

»Aber wenn sie die Arbeits­welt der Neh­mer nicht inter­es­siert, war­um wer­den sie dann ein Teil die­ser Welt? War­um neh­men sie Jobs an, die ihnen wie allen ande­ren auch völ­lig sinn­los erscheinen?«

»Sie arbei­ten, weil sie es müs­sen. Ihre Eltern set­zen sie irgend­wann vor die Tür. Sie müs­sen sich ent­we­der einen Job suchen oder verhungern.«

»Das ist rich­tig. Aber natür­lich sind in jeder Abschluss­klas­se ein paar, die dann lie­ber ver­hun­gern wür­den. Frü­her nann­te man sie Vaga­bun­den, Gamm­ler oder Land­strei­cher. Heu­te bezeich­nen sie sich selbst als obdach­los, was hei­ßen soll, dass sie auf der Stra­ße leben, weil sie dazu gezwun­gen wer­den. Es sind Aus­rei­ßer, Her­um­trei­ber, Gele­gen­heits­die­be und ‑pro­sti­tu­ier­te, Stra­ßen­räu­ber und Stadt­strei­cher. Sie orga­ni­sie­ren sich auf die eine oder ande­re Wei­se ihren Lebens­un­ter­halt. Die Nah­rung mag zwar unter Ver­schluss gehal­ten wer­den, aber sie haben die Rit­zen in der Wand der Stahl­kam­mer gefun­den. Sie fil­zen Betrun­ke­ne und sam­meln Alu­do­sen. Sie bet­teln, wüh­len in den Abfall­ton­nen von Restau­rants und bege­hen Baga­tell­dieb­stäh­le. Es ist kein leich­tes Leben, aber sie leben lie­ber so, als dass sie einen sinn­lo­sen Job anneh­men und wie die gro­ße Mas­se der Armen in der Stadt leben. Sie bil­den eine sehr gro­ße Sub­kul­tur, Julie.«

»Ja, jetzt wo du es sagst, wird es mir klar. Ich habe tat­säch­lich Freun­de, die sagen, dass sie lie­ber auf der Stra­ße leben wol­len. Sie spre­chen davon, in bestimm­te Städ­te zu gehen, wo es bereits vie­le gibt, die das tun. Eine die­ser Städ­te ist Seattle.«

»Die­ses Phä­no­men hängt eng mit dem Phä­no­men der Jugend­ban­den und Jugend­sek­ten zusam­men. Wenn die­se Stra­ßen­kin­der sich cha­ris­ma­ti­schen Kriegs­her­ren anschlie­ßen, wer­den sie als Gang wahr­ge­nom­men. Wenn sie sich cha­ris­ma­ti­schen Gurus anschlie­ßen, nimmt man sie als Sek­te wahr. Kin­der, die auf der Stra­ße leben, haben nur eine sehr gerin­ge Lebens­er­war­tung, und es dau­ert nicht lan­ge, dann wis­sen sie das auch. Sie sehen, wie ihre Freun­de als Teen­ager oder mit Anfang Zwan­zig ster­ben, und sie wis­sen, dass sie das­sel­be Schick­sal erwar­tet. Trotz­dem kön­nen sie sich nicht dazu über­win­den, sich irgend­ei­ne Bruch­bu­de zu mie­ten, ein paar anstän­di­ge Klei­dungs­stü­cke zu besor­gen und sich irgend­ei­nen idio­ti­schen Min­dest­lohn­job zu suchen, den sie has­sen. Ver­stehst du, was ich damit sagen will, Julie? Jef­frey ist genau wie sie. Nur kommt er aus der Ober­schicht. Denen, die den unte­ren Schich­ten der Gesell­schaft ent­stam­men, ist das Pri­vi­leg ver­wehrt, sich in einem net­ten sau­be­ren See in Wis­con­sin zu erträn­ken. Doch das, was sie tun, läuft so ziem­lich auf das­sel­be hin­aus. Sie ster­ben lie­ber, als sich in das Heer der Armen der Stadt ein­zu­rei­hen. Und im All­ge­mei­nen sind sie dann auch bald tot.«

»Das leuch­tet mir alles ein«, sag­te ich zu ihm. »Was mir aber nicht ein­leuch­tet, ist, wor­auf du hinauswillst.«

»Ich will noch gar nicht auf etwas Bestimm­tes hin­aus, Julie. Ich len­ke dei­ne Auf­merk­sam­keit auf etwas, was die Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur für völ­lig unbe­deu­tend hal­ten. Jef­freys Geschich­te ist schreck­lich trau­rig – aber er ist ein Ein­zel­fall, nicht wahr? Wenn Tau­sen­de von Jef­freys ins Was­ser gin­gen, wärt ihr mög­li­cher­wei­se beun­ru­higt. Aber die ver­wahr­los­ten Kids, die zu Tau­sen­den auf euren Stra­ßen ster­ben, sind etwas, was ihr getrost igno­rie­ren könnt.«

»Ja, das ist wahr.«

»Ich betrach­te gera­de etwas, das den Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur nicht beach­tens­wert scheint. Schließ­lich han­delt es sich ja nur um Dro­gen­ab­hän­gi­ge, Ver­lie­rer, Gangs­ter, Gesin­del. Die Ein­stel­lung der Erwach­se­nen dazu lau­tet: Wenn sie wie Tie­re leben wol­len, dann lasst sie doch. Wenn sie sich umbrin­gen wol­len, dann lasst sie doch. Es sind Kran­ke, Sozio­pa­then und Außen­sei­ter, und es ist gut, wenn wir sie los sind.«

»Ja, genau das den­ken die meis­ten Erwach­se­nen wohl.«

»Sie befin­den sich im Zustand des Ver­leug­nens, Julie, und was ist es, das sie verleugnen?«

»Sie ver­leug­nen, dass das ihre eige­nen Kin­der sind. Für sie sind das die Kin­der von jemand anderem.«

»Rich­tig. Dass ein Jef­frey sich in einem See ertränkt oder eine Susie an einer Über­do­sis in der Gos­se stirbt, ist euch egal. Dass sich jähr­lich Zehn­tau­sen­de umbrin­gen, ein­fach ver­schwin­den und nichts hin­ter­las­sen, sagt euch nichts. Es ent­hält kei­ne Bot­schaft. Es ist wie das Rau­schen im Radio, etwas, das man igno­riert, und je mehr ihr es igno­riert, des­to deut­li­cher hört ihr die Musik.«

»Sehr wahr. Aber ich ver­su­che immer noch her­aus­zu­fin­den, wor­auf du hinauswillst. «

»Nie­man­dem von euch fie­le ein, sich zu fra­gen: Was brau­chen die­se Kinder?«

»Him­mel, nein. Wen küm­mert es schon, was sie brauchen?«

»Aber du kannst dich das doch fra­gen, nicht wahr? Kannst du dich dazu durch­rin­gen, Julie? Kannst du das ertragen?«

Ich saß eine Minu­te da, starr­te ins Lee­re, und plötz­lich pas­sier­te etwas Dum­mes: Ich brach in Trä­nen aus. Explo­dier­te förm­lich in Trä­nen. Ich saß da, von gro­ßen, rie­si­gen Schluch­zern geschüt­telt, die nicht auf­hö­ren woll­ten, bis ich lang­sam glaub­te, ich wür­de bis an mein Lebens­en­de in die­sem Ses­sel sit­zen und schluchzen.

Als ich mich end­lich wie­der gefan­gen hat­te, stand ich auf und erklär­te Isma­el, dass ich gleich wie­der zurück­kom­men wür­de. Dann mach­te ich einen Spa­zier­gang um den Block – genau­er gesagt, um ein paar Blöcke.

Als ich zurück­kam gestand ich, nicht zu wis­sen, wie ich das Gan­ze in Wor­te fas­sen sollte.

»Du kannst Gefüh­le nicht in Wor­te fas­sen, Julie. Das weißt du. Du hast sie mit die­sem Schluch­zen aus­ge­drückt. Es gibt kei­ne Wor­te, die dem gleich­kä­men. Aber es gibt ande­re Din­ge, die du sehr wohl mit Wor­ten aus­drü­cken kannst.«

»Ja, ver­mut­lich.«

»Du hat­test eine Art Visi­on von dem unge­heu­ren Ver­lust, der dich und die andern jun­gen Men­schen, von denen wir gespro­chen haben, glei­cher­ma­ßen betrifft.«

»Ja. Ich hat­te vor­her kei­ne Ahnung, dass es auch mich betrifft. Ich wuss­te nicht, dass ich über­haupt irgend­et­was mit ihnen gemein­sam habe.«

»Bei dei­nem ers­ten Besuch bei mir hast du erzählt, du wür­dest stän­dig den­ken: Ich muss hier raus, ich muss hier raus. Du mein­test, das wür­de bedeu­ten: Lauf um dein Leben!«

»Ja, und genau das habe ich vor­hin emp­fun­den, als ich hier saß und wein­te: Bit­te! Bit­te lasst mich um mein Leben lau­fen! Bit­te lasst mich hier raus! Bit­te lasst mich gehen! Bit­te hal­tet mich hier nicht für den Rest mei­nes Lebens fest! Ich muss lau­fen! Ich hal­te das nicht mehr aus!«

»Aber das sind Gedan­ken, die du dei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den nicht anver­trau­en würdest?«

»Das sind Gedan­ken, die ich mir vor zwei Wochen nicht ein­mal selbst ein­ge­stan­den hätte.«

»Du hät­test es nicht gewagt, dich mit all dem auseinanderzusetzen?«

»Nein, wenn ich das getan hät­te, dann hät­te ich gesagt: Was ist denn mit dir los? Irgend­et­was stimmt mit dir nicht. Du musst krank sein!«

»Das ist genau das, was Jef­frey immer wie­der in sein Tage­buch geschrie­ben hat. ›Was ist bloß mit mir los? Was ist mit mir los? Es muss mit mir etwas ganz schreck­lich nicht stim­men, dass ich nicht imstan­de bin, Freu­de an irgend­ei­nem Job zu fin­den.‹ Immer wie­der schrieb er: ›Was ist los mit mir, was ist los mit mir, was ist los mit mir?‹ Natür­lich sag­ten ihm auch alle sei­ne Freun­de immer wie­der: ›Was ist mit dir los, was ist mit dir los, was ist mit dir los, dass du mit die­sem wun­der­ba­ren Pro­gramm nicht klar­kommst?‹ Viel­leicht begreifst du nun zum ers­ten Mal, dass mei­ne Auf­ga­be dar­in besteht, dir die phan­tas­ti­sche Ein­sicht zu ver­mit­teln, dass bei dir alles in Ord­nung ist. Du bist es nicht, mit der etwas nicht stimmt. Und ich den­ke, in dei­nem Schluch­zen lag zum Teil auch die­ses Begrei­fen: An mir liegt es ja über­haupt nicht!«

(Dani­el Quinn – Isma­els Geheimnis)

Lese­dau­er: cir­ca 3 Minu­ten

Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein ein­zi­ges Mal mit Covid zu infizieren.

Doch dann war mei­ne Mut­ter im Lau­fe des Jah­res 2023 wegen einer völ­lig ande­ren Erkran­kung in einer Reha-Kli­­nik und erleb­te dort ein „Best of Kaf­ka meets Loriot“. 

In der Reha-Kli­­nik trug selbst­ver­ständ­lich nie­mand mehr Mas­ke, es gab kei­ner­lei Covid-Tests, kei­ne Luft­fil­ter und die Hälf­te der Patient*innen litt an einer mys­te­riö­sen Erkältung.

Nach ein paar Tagen bekam mei­ne Mut­ter völ­lig über­ra­schend auch Erkäl­tungs­sym­pto­me. Da sie Coro­na ernst nahm und nimmt, bat sie bei einer Pfle­ge­kraft um einen Schnell­test, um sich zu tes­ten. Hus­ten­bon­bons kön­ne sie bekom­men, aber einen Schnell­test nicht, mein­te die Pfle­ge­rin. Es wür­den ja auch gar kei­ne Covid-Tests mehr durch­ge­führt, wur­de mei­ne Mut­ter belehrt, was sie denn mit einem Test bezwe­cke und dass das doch auch gar kei­nen Unter­schied mache, ob sie nun Covid habe oder eine Erkältung.

Mei­ne Mut­ter blieb stur und ver­lang­te nach einem Test. Der Test hät­te ja nicht ein­mal durch Kli­nik­per­so­nal durch­ge­führt wer­den sol­len, son­dern sie woll­te nur mit ihren eige­nen Hän­den einen beschis­se­nen Schnell­test machen. Mehr nicht. Nein, das geht nicht so ein­fach, da muss die Pfle­ge­rin erst den Arzt fra­gen. Aha.

Als der Arzt sich dann erbarm­te, sie anzu­hö­ren, lei­er­te er das­sel­be Pro­gramm her­un­ter: „War­um wol­len Sie den Test machen?“, „Was bringt das?“, „Es ändert sich ja nix!“, „Es ist doch eine Erkäl­tung!“. Mei­ne Mut­ter insis­tier­te wei­ter, bis der Arzt schließ­lich irgend­wann kapi­tu­lier­te und sie zum haus­ei­ge­nen Covid-Test schickte.

Die Pfle­ge­rin, die den Test durch­füh­ren soll­te, war ein biss­chen pis­sig, denn es war die­sel­be, die den Covid-Test zunächst ver­wehrt hat­te. Auf Anwei­sung des Arz­tes muss­te sie den Test nun durch­füh­ren und zeig­te dabei ihre bes­te pas­­siv-aggres­­si­­ve Sei­te. Wider­wil­lig voll­zog sie Nasen- und Rachen­ab­strich und kurz dar­auf waren bei­de Tests mei­ner Mut­ter zu abso­lut nie­man­des Über­ra­schung positiv.

Die ers­te Reak­ti­on der Pfle­ge­rin auf die posi­ti­ven Covid-Tests war nur ein hämi­sches: „Sehen Sie, hät­ten Sie den Test mal lie­ber nicht gemacht!“

An die­ser Stel­le fra­gen wir uns kurz, war­um das bes­ser gewe­sen wäre, wenn es doch angeb­lich nichts ändert.

Doch sie­he da, obwohl Coro­na angeb­lich ja nur eine Erkäl­tung ist und sich für kei­nen was ändert, muss­te mei­ne Mut­ter nun in Iso­la­ti­on und durf­te an den Reha-Maß­­nah­­men nicht mehr teil­neh­men. War es jetzt etwa doch kei­ne Erkäl­tung mehr?

Die Pfle­ge­rin erklär­te scha­den­froh, mei­ne Mut­ter habe sich nun selbst ein Bein gestellt mit der Iso­la­ti­on – hät­te sie kei­nen Test gemacht, dürf­te sie wei­ter ohne Mas­ke an allen Maß­nah­men teil­neh­men, so wie alle ande­ren, die „erkäl­tet“ sind. Wäre das nicht viel schöner?

Seit­dem tru­gen alle Pfle­ge­kräf­te und Ärzt*innen, die mit mei­ner Mut­ter in Kon­takt kamen, mys­te­riö­ser­wei­se immer eine Mas­ke und der behan­deln­de Arzt kom­men­tier­te die­ses Phä­no­men mit: „Na ja, ich will natür­lich kein Covid bekom­men“. Aber wie­so das denn, wenn es nur eine harm­lo­se Erkäl­tung ist?

Selbst­ver­ständ­lich lie­fen alle ande­ren „erkäl­te­ten“ Patient*innen sowie das Kli­nik­per­so­nal ansons­ten, wenn sie nicht gera­de Kon­takt mit mei­ner Mut­ter hat­ten, wei­ter­hin ohne Mas­ke her­um und steck­ten ein­an­der fröh­lich an. Der behan­deln­de Arzt jedoch glaub­te nicht dar­an, dass mei­ne Mut­ter sich in der Kli­nik ange­steckt habe – woher die Infek­ti­on dann gekom­men sein soll, blieb sein Geheim­nis. Viel­leicht unbe­fleck­te Empfängnis?

COVID-19 ist und bleibt eine mel­de­pflich­ti­ge Infek­ti­ons­krank­heit und sys­te­mi­sche Gefäß­krank­heit, die unter ande­rem schwe­re und lang­fris­ti­ge Gefäß­schä­den, Herz­schä­den, Hirn­schä­den, Long-Covid bzw. ME/CFS und ande­re Fol­gen nach sich zie­hen kann (sie­he exem­pla­risch hier, hier, hier oder hier), vor der es aber auch ein­fa­che und effek­ti­ve Schutz­mög­lich­kei­ten wie etwa Mas­ket­ra­gen und Luft­hy­gie­ne (z.B. durch Luft­fil­ter) gibt – oder gäbe.

Aber wenn nie­mand tes­tet und alle nur „erkäl­tet“ sind, muss kein Arzt und kei­ne Ein­rich­tung irgend­et­was mel­den, nie­mand trägt Ver­ant­wor­tung, Covid gibt es nicht und alles ist gut.

Lese­dau­er: cir­ca 2 Minu­tenFragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast?

Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für zwi­schen­mensch­li­che Kon­tak­te, für Lächeln, oder eben für Wör­ter. So wie das jähr­li­che Bud­get für Stra­ßen­bau in mei­ner Hei­mat­stadt. Im Herbst wur­den an den unmög­lichs­ten Stel­len Ver­kehrs­in­seln und Brems­schwel­len gebaut, um im nächs­ten Jahr nicht etwa weni­ger Geld aus dem gro­ßen Topf zuge­wie­sen zu bekommen.

Wenn das per­sön­li­che Bud­get aus­ge­schöpft ist, dann hat man viel­leicht schon um 15 Uhr kein Lächeln mehr übrig und ist schon vom Atmen eines ande­ren Men­schen genervt, oder aber man hat noch was über, lächelt völ­lig unmo­ti­viert Brems­schwel­len und Ver­kehrs­in­seln in die Luft und wird in der Bahn weit­räu­mig umgan­gen, hat als ein­zi­ger noch einen Sitz­platz neben sich frei, weil Leu­te, die ohne erkenn­ba­ren Grund lächeln, unheim­lich sind.

Übrig­ge­blie­be­ne Wör­ter kann man viel­leicht durch Selbst­ge­sprä­che los­wer­den, oder durch sinn­lo­se Blog­bei­trä­ge wie die­sen, aber das ist ja doch bei­des nicht jeder­manns Sache. Ich emp­fin­de es schon als merk­wür­dig, mit den Kat­zen zu reden. Selbst­ge­sprä­che kom­men also für mich nicht in Fra­ge. Zumin­dest jetzt noch nicht. In 30 bis 40 Jah­ren, wenn ich eine bös­ar­ti­ge alte Frau gewor­den bin, so eine, vor der alle Kin­der in der Stra­ße Angst haben und bei der sie beim Mar­ti­ni­s­in­gen nicht klin­geln, gehe ich vor mich hin brum­melnd umher und habe nie­mals mehr Wör­ter übrig, wenn ich ein­schla­fen will.

Es ist näm­lich so, des­sen bin ich mir sicher, dass man von die­sen Übrig­ge­blie­be­nen am Ende des Tages heim­ge­sucht wird. Dro­hend bal­len sie sich in den Ecken des Kop­fes zusam­men und tuscheln. Die­ses Tuscheln knapp über der Gren­ze, an der es gehört wer­den kann. Ein Cre­scen­do von Zisch­lau­ten, har­ten Ts und Ps (mit Spu­cke­t­röpf­chen) und bedeu­tungs­schwan­ge­ren drei Punk­ten. Und dann kann man nicht oder nur schlecht schla­fen. Im Kopf setzt sich Staub ab. Du siehst, es ist alles sehr dramatisch.

Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein!
Mit drei Punk­ten wird es noch erns­ter:
Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein…