Schlagwortarchiv für: B. Traven

Mög­lich, der Mann hat recht. Viel­leicht ist er gar nicht so ein Biest. War­um sol­len Men­schen denn Bies­ter sein? Ich glau­be bei­na­he, der Staat ist das Biest. Der Staat, der den Müt­tern die Söh­ne nimmt, um sie den Göt­zen vor­zu­wer­fen. Die­ser Mann ist der Die­ner des Bies­tes, wie der Hen­ker der Die­ner des Bies­tes ist. Alles, was der Mann sag­te, war aus­wen­dig gelernt. Das hat­te er jeden­falls ler­nen müs­sen, als er sei­ne Prü­fung ableg­te, um Kon­sul zu wer­den. Das ging klipp-klapp. Auf jede mei­ner Aus­sa­gen hat­te er eine pas­sen­de Ant­wort, die mir sofort das Maul stopf­te. Als er jedoch frag­te: »Haben Sie Hun­ger? Haben Sie schon geges­sen?«, da wur­de er plötz­lich Mensch und hör­te auf, Biest­die­ner zu sein. Hun­ger haben ist etwas Mensch­li­ches. Papie­re haben ist etwas Unmensch­li­ches, etwas Unna­tür­li­ches. Dar­um der Unter­schied. Und das ist die Ursa­che, war­um Men­schen immer mehr auf­hö­ren, Men­schen zu sein, und anfan­gen, Figu­ren aus Papier­ma­ché zu wer­den. Das Biest kann kei­ne Men­schen brau­chen; die machen zuviel Arbeit, Figu­ren aus Papier­ma­ché las­sen sich bes­ser in Reih und Glied stel­len und uni­for­mie­ren, damit die Die­ner des Bies­tes ein beque­me­res Leben füh­ren können.
B. Tra­ven – Das Totenschiff

Natür­lich kann ich hier arbei­ten. Da arbei­ten ja auch ande­re. Das sehe ich mit eig­nen Augen. Was ein and­rer kann, das kann ich auch. Der Nach­ah­mungs­trieb des Men­schen macht Hel­den und macht Skla­ven. Wenn der nicht an den Peit­schen­hie­ben stirbt, dann wer­de ich sie wohl auch über­le­ben kön­nen. […] Natür­lich kann ich das auch. So geht der Krieg vor­an, und so fah­ren die Toten­schif­fe, alles nach dem sel­ben Rezept. Die Men­schen haben nur eine Scha­blo­ne, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anzu­stren­gen brau­chen, um ein and­res Rezept aus­zu­den­ken. Man geht nichts lie­ber als aus­ge­tre­te­ne Pfa­de. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nach­ah­mungs­trieb ist schuld dar­an, daß die Mensch­heit inner­halb der letz­ten sechs­tau­send Jah­re kei­ne wah­ren Fort­schrit­te gemacht hat, son­dern trotz Radio und Flie­ge­rei in der sel­ben Bar­ba­rei lebt wie am Anfang der euro­päi­schen Peri­ode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nach­zu­ma­chen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotz­na­se, wohl erst recht gut genug sein. […] Allein das, was anders gemacht wur­de als bis­her, allein das, was unter Pro­test der Väter, Päps­te, Hei­li­gen und Ver­ant­wort­li­chen anders gedacht wur­de, hat der Mensch­heit neue Aus­bli­cke ver­schafft und ihr den Glau­ben gege­ben, daß eines fer­nen Tages viel­leicht doch ein Fort­schrei­ten wird beob­ach­tet wer­den kön­nen. Die­ser fer­ne Tag wird in Sicht sein, sobald die Men­schen nicht mehr an Insti­tu­tio­nen glau­ben, nicht an Auto­ri­tä­ten und nicht an eine Reli­gi­on, wel­chen Namen man ihr auch immer geben mag.
B. Tra­ven – Das Totenschiff

War­um der Arbeit nach­lau­fen? Da steht man vor dem, der die Arbeit zu ver­ge­ben hat, und wird behan­delt wie ein zudring­li­cher Bett­ler. »Ich habe jetzt kei­ne Zeit, kom­men Sie spä­ter wie­der.« Wenn der Arbei­ter aber ein­mal sagt: »Ich habe jetzt kei­ne Zeit oder kei­ne Lust, für Sie zu arbei­ten«, dann ist es Revo­lu­ti­on, Streik, Rüt­te­lung an den Fun­da­men­ten des Gemein­wohls, und die Poli­zei kommt, und gan­ze Regi­men­ter von Miliz rücken an und stel­len Maschi­nen­ge­weh­re auf. Für­wahr, es ist manch­mal weni­ger beschä­mend, um Brot zu bet­teln, als um Arbeit zu fra­gen. Aber kann der Skip­per sei­nen Eimer allein fah­ren, ohne den Arbei­ter? Kann der Inge­nieur sei­ne Loko­mo­ti­ven allein bau­en, ohne den Arbei­ter? Aber der Arbei­ter hat mit dem Hute in der Hand um Arbeit zu bet­teln, muß daste­hen wie ein Hund, der geprü­gelt wer­den soll, muß zu dem blö­den Witz, den der Arbeit­ver­ge­ben­de macht, lachen, obgleich ihm gar nicht zum Lachen zumu­te ist, nur um den Skip­per oder den Inge­nieur oder den Meis­ter oder den Vor­ar­bei­ter oder wer immer das Macht­wort ›Sie wer­den ein­ge­stellt!‹ zu sagen die Befug­nis hat, bei guter Lau­ne zu halten.
Wenn ich so unter­tä­nig um Arbeit bet­teln muß, um sie zu erhal­ten, kann ich auch um übrig­ge­blie­be­nes Mit­tag­essen in einem Gast­hof bet­teln. Der Hotel­koch behan­delt mich nicht so weg­wer­fend, wie mich schon Leu­te behan­delt haben, bei denen ich um Arbeit nachfragte.
B. Tra­ven – Das Totenschiff

Wenn ich fünf­und­zwan­zig Jah­re lang kei­nen Cent aus­gä­be, jede Monats­heu­er sorg­fäl­tig auf die and­re leg­te, wäh­rend der gan­zen Zeit nie ohne Arbeit wäre, dann könn­te ich nach Ablauf jener fünf­und­zwan­zig Jah­re uner­müd­li­chen Arbei­tens und Spa­rens mich zwar nicht zur Ruhe set­zen, könn­te aber nach wei­te­ren fünf­und­zwan­zig Jah­ren Arbei­tens und Spa­rens mich mit eini­gem Stolz zur unters­ten Schicht der Mit­tel­klas­se zäh­len. Zu jener Schicht, die sagen darf: Gott sei gelobt, ich habe einen klei­nen Not­pfen­nig auf die Sei­te gelegt für Regen­ta­ge. Und da die­se Volks­schicht jene geprie­se­ne Schicht ist, die den Staat in sei­nen Fun­da­men­ten erhält, so wür­de ich dann ein wert­vol­les Mit­glied der mensch­li­chen Gesell­schaft genannt wer­den kön­nen. Die­ses Ziel errei­chen zu kön­nen, ist fünf­zig Jah­re Spa­rens und Arbei­tens wert. Das Jen­seits hat man sich dann gesi­chert und das Dies­seits für andre.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)

Unser­ei­ner muß ja immer war­ten, wohin er auch kommt. Denn wer kein Geld besitzt, von dem nimmt man an, daß er wenigs­tens uner­meß­lich viel Zeit hat. Wer Geld besitzt, kann es mit Geld abma­chen; wer kein Geld zum Hin­le­gen hat, muß es mit sei­ner Zeit bezah­len und mit sei­ner Geduld. Denn wird man gar auf­säs­sig oder äußert man sei­ne Unge­duld in einer Wei­se, die unbe­liebt ist, so weiß der Beam­te so vie­le Wege zu gehen, daß man vier­mal mehr an Zeit bezah­len muß. So beläßt man es bei der Zeit­stra­fe, die einem auf­er­legt wird.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)

Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt kei­ne Moral. Er mor­det, wenn er es für gut befin­det, er stiehlt, wenn er es für gut befin­det; er raubt die Kin­der von den Müt­tern, wenn er es für gut befin­det; er zer­bricht die Ehen, wenn er es für gut befin­det. Er tut, was er will. Für ihn gibt es kei­nen Gott im Him­mel, an den zu glau­ben er den Men­schen bei Leib- und Lebens­stra­fe zwingt, für ihn gibt es kei­ne Gebo­te Got­tes, die er den Kin­dern mit dem Knüp­pel ein­bleu­en läßt. Er macht sich sei­ne Gebo­te selbst, denn er ist der All­mäch­ti­ge und der All­wis­sen­de und der All­ge­gen­wär­ti­ge. Er macht sich die Gebo­te selbst, und wenn sie ihm eine Stun­de dar­auf nicht mehr zusa­gen, über­tritt er sie selbst. Kei­nen Rich­ter hat er über sich, der ihn zur Rechen­schaft zieht, und wenn der Mensch anfängt, miß­trau­isch zu wer­den, dann fuch­telt er ihm mit der Flag­ge Rot-Weiß-Blau-Hur­ra-Hur­ra-Hur­ra vor den Augen her­um, daß der Mensch ganz duse­lig wird, und er brüllt ihm ins Ohr: »Haus und Herd – Weib und Kind« und bläst ihm in die Nasen­lö­cher den Rauch: Blick auf dei­ne ruhm­rei­che Ver­gan­gen­heit. Und dann plap­pern die Men­schen alles nach, weil der All­mäch­ti­ge sie in aus­dau­ern­der Arbeit zu Maschi­nen und Auto­ma­ten her­un­ter­ge­würgt hat, die ihre Arme, Bei­ne, Augen, Lip­pen, Her­zen und Gehirn­zel­len genau­so bewe­gen, wie es der all­mäch­ti­ge Göt­ze Staat haben will. Das hat nicht ein­mal der all­mäch­ti­ge Gott zuwe­ge gebracht, und der konn­te doch auch etwas. Aber die­sem Unge­heu­er gegen­über ist er nur ein armer Stüm­per. Sei­ne Men­schen han­del­ten ganz selb­stän­dig, sobald sie erst ein­mal ihre Arme und Bei­ne bewe­gen konn­ten. Sie lie­fen ihm davon, ach­te­ten sei­ne Gebo­te nicht, sün­dig­ten ver­gnügt wie toll und setz­ten ihn end­lich ab. Bei dem neu­en all­mäch­ti­gen Gott haben sie es schwe­rer, weil er noch zu jung ist und weil sie noch nicht wagen, ihm auf die Füße zu tre­ten und den Apfel vom Bau­me zu reißen.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)

Es ist so uner­hört lächer­lich, daß alle die Län­der, die von sich behaup­te­ten, sie sei­en die frei­es­ten Län­der, in Wahr­heit ihren Bewoh­nern die gerings­te Frei­heit gewäh­ren und sie das gan­ze Leben hin­durch unter Vor­mund­schaft hal­ten. Ver­däch­tig ist jedes Land, wo soviel von Frei­heit gere­det wird, die angeb­lich inner­halb sei­ner Gren­zen zu fin­den sei. Und wenn ich bei einer Ein­fahrt in den Hafen eines gro­ßen Lan­des eine Rie­sen­sta­tue der Frei­heit sehe, so braucht mir nie­mand zu erzäh­len, was hin­ter der Sta­tue los ist. Wo man so laut schrei­en muß: Wir sind ein Volk von frei­en Men­schen!, da will man nur die Tat­sa­che ver­de­cken, daß die Frei­heit vor die Hun­de gegan­gen ist oder daß sie von Hun­dert­tau­sen­den von Geset­zen, Ver­ord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen, Anwei­sun­gen, Rege­lun­gen und Poli­zei­knüp­peln so abge­nagt wor­den ist, daß nur noch das Geschrei, das Fan­fa­ren­ge­schmet­ter und die Frei­heits­göt­tin­nen übrig­ge­blie­ben sind.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)

Und nie­mand ver­steht bes­ser anzu­trei­ben, nie­mand ver­steht höh­ni­scher zu sagen: »Schlap­per Hund! Soll­test mich mal sehen!« als der Mit-Tote, als der Mit-Pro­let, als der Mit-Hun­gern­de, als der Mit-Gepeitsch­te. Selbst die Galee­ren­skla­ven haben ihren Stolz und ihr Ehr­ge­fühl, sie haben den Stolz, gute Galee­ren­skla­ven zu sein und ›nun ein­mal zu zei­gen‹, was sie kön­nen. Wenn das Auge des Kom­man­do­ru­fers, der mit der Peit­sche die Rei­hen ent­lang­geht, wohl­ge­fäl­lig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hät­te ihm ein Kai­ser per­sön­lich einen Orden an die Brust geheftet.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)

So tief kann kein Mensch sin­ken, als daß er nicht immer noch tie­fer sin­ken könn­te, so Schwe­res kann kein Mensch erdul­den, als daß er nicht noch Schwe­re­res ertra­gen könn­te. Hier ist es, wo der Geist des Men­schen, der ihn angeb­lich über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier ernied­rigt. Ich habe Pack­zü­ge von Kame­len, von Lamas, von Eseln und von Maul­tie­ren getrie­ben. Ich habe Dut­zen­de unter die­sen Tie­ren gese­hen, die sich hin­leg­ten, wenn sie nur mit drei Kilo­gramm über­la­den waren, die sich hin­leg­ten, wenn sie sich schlecht behan­delt glaub­ten, und die sich klag­los hät­ten zu Tode peit­schen las­sen – und auch das habe ich gese­hen -, als auf­zu­ste­hen, die Last zu über­neh­men oder die schlech­te Behand­lung wei­ter zu erdul­den. Ich habe Esel gese­hen, die zu Leu­ten ver­kauft wor­den waren, die Tie­re schänd­lich pei­nig­ten, und die Esel hör­ten auf zu fres­sen und star­ben weg. Nicht ein­mal Mais ver­moch­te ihren Ent­schluß zu ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöp­fung? Er liebt es, Skla­ve zu sein, er ist stolz, Sol­dat sein zu dür­fen und nie­der­kar­tätscht zu wer­den, er liebt es, gepeitscht und gemar­tert zu wer­den. War­um? Weil er den­ken kann. Weil er sich Hoff­nung den­ken kann. Weil er hofft, daß es auch wie­der bes­serge­hen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen.
(B. Tra­ven – Das Totenschiff)