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Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie war als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit war von stetiger Entbehrung geprägt, unter deren alles überschattendem Einfluss nicht nur ihre persönliche Verfassung, sondern auch ihre schulischen Leistungen haben leiden müssen, also hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld zu verdienen für das, was sie Familie nannte. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie, dessen war sie sich bewusst, recht bald wieder verlieren würde.

Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun mehr schlecht als recht verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dadurch aufgezehrt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in welchem sie mit ihrem Vater wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und Bruchstück trieb sie in den schleichenden Ruin und so hatte sie in der Vergangenheit beachtliche Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde begleichen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre. Zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich zudem auch zwischenmenschliche Wirrungen. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein und ließ sie das jeden Tag deutlich spüren, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich.

Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben wirklich selten geschah, dann waren all diese Beziehungen doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie schließlich wie ein Kartenhaus zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.

Als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, zu einem Vorstellungstermin in einem anonymen Glaspalast, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen aufgeweckten jungen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar mit so etwas wie Euphorie. Die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste.

Spät am Abend stand sie vor der Wahl, den Tag mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie charmant in seine Wohnung eingeladen. Schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß ein beiläufiges Glücksgefühl, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt in seiner Art. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.

Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen. Sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie irgend möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem dieser Bilder, zu dieser unglücklichen jungen Frau, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.

Weißt du, was mir das Herz zerreißt, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, und jeden Abend, wenn ich mich schlafen lege? Ich fühle mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren, und nicht nur das, als sei der Fahrer hastig ausgestiegen, um sich das Unglück näher anzusehen, hätte sich wieder hinters Lenkrad begeben, kalt den Rückwärtsgang gewählt und mich erbarmungslos zerquetscht, womit er schließlich noch ganz sicher gehen will, dass ich von hier nie wieder aufstehen würde. Während es mir das Herz zerreißt, zerreißt du nur meine Briefe, als wären es längst beglichene Schuldscheine aus einer klammeren Vergangenheit. Überhaupt behandelst du mich, als sei es eine ruinöse Quartalsabrechnung, die du nun mit mir durchführen musst, eine emotionale Insolvenz, die mit den Worten endet: Wir müssen Sie leider entlassen, aber nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ja, wie denn sonst?
Du konntest so schnell Anschluss finden, nachdem wir auseinander brachen. Wenige Stunden danach kehrtest du zurück zum unbeschwerten Tagesgeschäft, du trafst dich mit deinen Freundinnen und Freunden, du konntest lachen und du gingst abends fröhlich aus, so als hätte es diese Verbindung zwischen uns niemals gegeben. Mich hingegen warf es aus der Bahn, tagelang aß ich nicht genug, wochenlang schlief ich nicht sehr viel, monatelang war ich eine andere Person und noch für Jahre wirst du in Gedanken immer bei mir sein. Für dich aber war es, als würdest du umsteigen. Du verließt den Zug, mit dem du bis hierher gekommen warst, und wo dieser Zug ohne dich dann hinfahren würde, was weiterhin mit ihm geschah, das war dir egal, denn du stiegst bloß in einen neuen. Kein Blick zurück, für dich war jeder Zug so gut wie jeder andere, und falls der alte Zug entgleist, nachdem du ausgestiegen bist, dann umso besser, dass du ihn rechtzeitig verlassen hast. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg, doch du standst da wie eine Wächterstatue, gleichmütig und unerschütterlich. Tag um Tag starrte ich für Stunden auf das Postfach meiner Mails, jede SMS, die ich bekam, versetzte meinem Herzen einen hoffnungsfrohen Schock, und wenn es klingelte, dann rannte ich zur Tür. Ich wusste, ich wartete vergebens, denn du warst schon längst weitergezogen, und dennoch konnte ich nicht aufhören, vergebens auf dich zu warten. Meine Gefühle kochten über und du nahmst deine ungerührt vom Herd, du stelltest sie nicht einmal auf die Warmhalteplatte. Du sagtest zu mir mit naiver Ernsthaftigkeit in der Stimme, ich solle meine Gefühle für dich ganz einfach vergessen, und du konntest und kannst noch immer nicht verstehen, wie ich, wie irgendjemand Gefühle hegen kann, die sich nicht einfach wie das Licht beliebig ein- und ausschalten lassen. Einfach, für dich war alles einfach. Wie machst du das und wie konntest du je lieben, wenn du Emotionen so stark unter rationale Kontrolle zwingst?
In deinen Augen haben wir uns zu unversöhnlichen Gegenspielern entwickelt. Was zwischen uns geschah, das ist für dich zu einer Übung in Logik verkommen, ein Debattierclub zu zweit, in dem gewinnt, wer seinen Gegner argumentativ zu Boden wirft. Du bist darin verbissen unerbittlich, weil du die Deutungshoheit über das Geschehene verlangst. Wir waren für den jeweils anderen zu tragenden Wänden seines Lebens geworden, und während mein Haus nun in den Trümmern des Vergangenen liegt, hast du sie eingerissen, als wären sie aus Pappmaché. Mit rücksichtsloser Präzision platziertest du Sprengstoff an allen Brücken, die wir uns zuvor mit Mühe erbaut hatten, damit die Welt für uns begehbar war, und als sie am Ende hinter dir zerfielen, stand ich noch immer drauf. Du hättest all das nie so ernst genommen, sagst du heute kalt zu mir, weil es von Anfang an mir wichtiger gewesen sei als dir, was wir uns beide dort errichteten, und bekenne ich dir dann, dass du für mich auf ewig unvergleichbar bleiben wirst, erwiderst du in knappem Ton, du seist doch bloß wie all die anderen. Hast du die Liebe je verstanden?
Ich verkrieche mich in mir selbst, während du so beiläufig neue Kontakte knüpfst, als wäre nichts geschehen, als wäre dir jeder beliebige Mensch genug, um mich ganz gleichgültig zu ersetzen. Während du für mich die eine Schneeflocke bist, die ich kein zweites Mal auf dieser Erde finden werde, wurde ich für dich zu einem austauschbaren Wassertropfen, der völlig unsichtbar im Meer vergeht. All die Eigenheiten unserer Beziehung, die mir für uns so exklusiv erschienen, die kleine Welt, die einmal unsere eigene war, teilst du so unbekümmert mit mir Unbekannten, als hätte sie dir nie etwas bedeutet. Jene Magie, die einmal zwischen uns bestand und die noch immer in mir wirkt, ist nun für dich bloß fauler Zauber, an dem du dich mit einer Verve vergehst, die mir zerstörerisch erscheint. Was dir einst wichtig war und mir stets ist, das ist für dich wie ausgelöscht. Du tust, als sei da kein Gefühl, und dieser Part liegt dir so gut, dass ich mich manchmal frage, ob das nun wirklich Schauspiel ist oder ob Liebe denn für dich schon immer bloß die Rolle war. Was mir das Herz zerbricht, das ist, dass deines keinen Kratzer trägt.

Brod’s life was a slow realization that the world was not for her, and that for whatever reason, she would never be happy and honest at the same time. She felt as if she were brimming, always producing and hoarding more love inside her. But there was no release. Table, ivory elephant charm, rainbow, onion, hairdo, mollusk, Shabbos, violence, cuticle, melodrama, ditch, honey, doily… None of it moved her. She addressed her world honestly, searching for something deserving of the volumes of love she knew she had within her, but to each she would have to say, I don’t love you. Bark-brown fence post: I don’t love you. Poem too long: I don’t love you. Lunch in a bowl: I don’t love you. Physics, the idea of you, the laws of you: I don’t love you. Nothing felt like anything more than what it actually was. Everything was just a thing, mired completely in its thingness.
If we were to open a random page in her journal – which she must have kept and kept with her at all times, not fearing that it would be lost, discovered and read, but that she would one day stumble upon that thing which was finally worth writing about and remembering, only to find that she had no place to write it – we would find some rendering of the following sentiment: I am not in love.
So she had to satisfy herself with the idea of love – loving the loving of things whose existence she didn’t care at all about. Love itself became the object of her love. She loved herself in love, she loved loving love, as love loves loving, and was able, in that way, to reconcile herself with a world that fell so short of what she would have hoped for. It was not the world that was the great and saving lie, but willingness to make it beautiful and fair, to live a once-removed life, in a world once-removed from the one in which everyone else seemed to exist.
(Jonathan Safran Foer – Everything is Illuminated)

„Wieso bist du hier?“

„Ich bin gekommen, um endlich das zu tun, worauf ich schon so lange warte.“

„Du kannst mich nicht töten, das weißt du. Er wird es nicht zulassen. Du wurdest verbannt, das ist nicht mehr dein Reich.“

„Er war glücklicher, bevor du kamst, und er fängt an, das zu begreifen.“

„Er war nicht glücklich.“

„Deine gewohnte Überheblichkeit, mein Freund. Nein, er war nicht glücklich, aber war nie so unglücklich wie jetzt, nach alledem, was du ihm angetan hast.“

„Was ich ihm angetan habe? Du bist so selbstgerecht wie eh und je. Ich war für ihn Prometheus!“

„Du warst für ihn Pandora.“

„Ich gab ihm Hoffnung…“

„Enttäuscht!“

„…ich gab ihm Zuversicht …“

„Ernüchtert!“

„…ich gab ihm Glauben an das Gute.“

„Und was hat es gebracht? Was hat es ihm gebracht?“

„Er führt endlich ein Leben, ein richtiges Leben. Was für ein Leben war es denn zuvor, bevor ich kam, als er noch fügsam auf dich hörte? Was waren deine Leistungen für ihn, was hast du Gutes je für ihn getan? Du hast ihn mit dem Wahn infiziert, die Welt habe ihm nichts, aber auch gar nichts zu bieten, hast ihn entmutigt und ihn mitleidig beschworen, sich hinter einer Mauer zu verstecken, die du bereitwillig für ihn errichtet hast. Alles, was er sah, das war für ihn nur schlecht, böse und es nicht wert, sich darauf einzulassen.“

„Bis du kamst, nicht wahr, und ihm gesagt hast, er brauche nur in das Gute zu vertrauen, und das Gute würde geschehen. Oh, du Narr! Er war naiv genug, um dir zu glauben, doch was bekam er dann dafür? Enttäuschung, Wut, Verzweiflung. Es hat sich nie gelohnt. Das Gute, das du ihm versprachst, hat er bis heute nicht gesehen.“

„Er wird es sehen und das Warten wird sich für ihn lohnen, wenn er bloß jetzt nicht resigniert, wenn er sich Offenheit bewahrt und nicht in seinem Gram verschließt. Bleib von ihm fern, und auf lange Sicht wird alles gut.“

„Das Warten, das Warten, das Warten. Wie lange soll er denn noch warten? Schau ihn dir an, er hat genug vom Warten. Wer kann es ihm verübeln? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vertröstest du ihn mit diesem vorlauten, hanebüchenen Optimismus, er müsse nur Geduld haben, und das Gute werde ihn ereilen. Nie hat er irgendwas davon gesehen, bis heute wurde es nicht wahr. Zum Teufel mit der Geduld! Zum Teufel mit der Offenheit!“

„Du wirst ihn nicht wieder bekommen. Er ist ein besserer geworden.“

„Ach ja? Wie war er denn, bevor du ihn verführen kamst?“

„Zynisch. Er war ein Pessimist, er hatte keinerlei Erwartungen an die Welt, denn da warst du und hast sie ihm genommen.“

„Aber du gabst ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen…?“

„Ganz recht, ich gab ihm Erwartungen, Hoffnungen und Vertrauen, während du ihm alles nahmst.“

„Du gabst ihm Luftschlösser, Träume und Illusionen! Du hast ihm die verbotene Frucht präsentiert und er, er hat sie sich genommen. Hat sich eine seiner Erwartung erfüllt, die du in ihm gesät hast? Irgendeine? Sein Unglück, das ihn nun so quält, was glaubst du wohl, woher es rührt? Jede ernsthafte Erwartung wurde enttäuscht, jede aufrichtige Hoffnung, jedes offene Vertrauen. Wo du auftrittst, endet es immer wieder gleich. Quellen der Pein sind alles, was du ihm gegeben hast. Das ist sein Unglück! Ohne dich hätte er all das Leid nie erfahren, und er lebte gut so, bevor du anfingst, alles zu zerstören.“

„Ja, denn das war deine Lösung für ihn: Leere. Natürlich, er konnte nicht enttäuscht werden, wenn er keinerlei Erwartungen hegte, aber kann ein Mensch so je glücklich werden? Er wird sein Glück nur finden können, wenn er das Risiko wagt, von Zeit zu Zeit enttäuscht zu werden. Du aber hast ihm alles genommen, für das es sich zu leben lohnt. Er hatte keinerlei Hoffnung für die Zukunft. Es gab niemanden, dem er sein Vertrauen schenkte. Kein Mensch war ihm wichtig, die Welt für ihn ein schlechter Ort. Und du besitzt die Unverschämtheit, es zu wagen, das ein gutes Leben zu nennen, was er da führte?“

„Ein besseres als du es ihm geschaffen hast. Zynismus hat ihn nie so hart enttäuscht wie du. Früher war er stärker, früher hatte er sein Bollwerk gegen die Welt. Doch dann kamst du, mein Freund, der edle Befreier, und du erst hast ihm eingeredet, er könne so nicht leben, das mache ihn nicht glücklich, er solle alle Tore seiner Festung öffnen, um das Gute in sein Leben ziehen zu lassen. Aber was kam wirklich durch die Tore? Sieh ihn dir an! Er ist unglücklicher als je zuvor.“

„Er kann nicht einfach wieder zurückgehen, nicht nachdem er so weit gekommen ist. Wenn er die Hoffnung fahren lässt, ist er so gut wie tot, das siehst auch du. Ich zeige ihm das Leben, du zeigst ihm bloß Verzweiflung.“

„Ich zeige ihm, wie er Verzweiflung aus dem Weg geht, die du erst in sein Leben gebracht hast. Er hat genug von dir. Seine Geduld ist am Ende, deswegen bin ich hier. Er wird dich nicht länger beschützen. Du hattest deine Chance und du hast versagt.“

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird, schreibt Nietzsche, und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Menschen sind überall gleich. Ich kam in diese Stadt und ich tat es ohne die geringsten Erwartungen. Es war etwas Neues für mich, eine ungewohnte Umgebung, und diese Stadt war so gut wie jede andere. Selbst wenn ich es mir zunächst nicht eingestand, war es für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen.
Der erste Eindruck überraschte mich. Man nahm mich freundlich auf, einfach so, ohne Bedingungen und ohne jede Umschweife. Es war für diese Menschen nichts Ungewöhnliches, einen Neuen, einen Fremden in ihren Reihen zu begrüßen. Das unterschied diesen Ort von beinahe allem, was ich kannte, denn wie schwer, wenigstens aber aufwändig war es doch in der Regel, mit offenen Armen als Fremder in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nicht so hier. Einwohner kamen und gingen, und manchmal blieben sie nur wenige Wochen. Es war eine Freundlichkeit, eine Selbstverständlichkeit, die mich begeisterte. Den schmalen Grat zwischen kindlichem Vertrauen und unbarmherziger Distanz pflegte ich stets mit einer Art von Grundvertrauen zu beschreiten, das ausgleichend begrenzt wurde durch eine über die Jahre hinweg gewachsene Menschenkenntnis, derer es bedarf, um nicht der blinden Naivität anheimzufallen.
Im Allgemeinen vertraute ich selbst völlig unbekannten Menschen, solange sie mir keinen Grund lieferten, daran zu zweifeln. Was wäre die Alternative gewesen. Gesundes Misstrauen ist ein Widerspruch in sich, so etwas gibt es nicht, und lieber wollte ich bisweilen in meinem Vertrauen enttäuscht werden, als mit paranoider Grundhaltung durch die Welt zu gehen, denn Misstrauen fördert unablässig Misstrauen.
Ich fühlte mich hier zuhause. Niemanden interessierte, warum ich gekommen war. All die menschlichen, nur allzu menschlichen Kategorien, die bisweilen dafür sorgten, Keile zwischen die Individuen zu treiben, schienen hier ohne Bedeutung zu sein. Alter, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder Status, Erfolg, Bildungsgrad und noch die verrücktesten Interessen waren für das Miteinander dieser Menschen allem Anschein nach völlig nebensächlich, zumindest ließen sie sich nicht im geringsten anmerken, darauf irgendeinen Wert zu legen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war nicht wahr – aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Ich hätte es wissen müssen, aber ich tat es nicht, denn wer stellt schon Fragen, wenn ihm Einlass in das Paradies geboten wird.
Nun, da ich ihn verlasse, muss ich rückblickend auf diesen Ort leider sagen, dass die Enttäuschung überwiegt. Es gab sehr viel Freude, schöne Momente, gute Erfahrungen, aber letztlich auch ein Übermaß an Frustration. Viele Monate habe ich hier damit verbracht, Hoffnungen und Träumen nachzujagen, die am Ende fast alle enttäuscht wurden. Ich komme mir so dumm vor. Alles ließ ich stehen und liegen, sogar meine Arbeit vernachlässigte ich in all der Zeit, weil es für mich nichts Wichtigeres gab auf der Welt als diese Menschen, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Und für was? Was dachte ich zu sehen? Menschen, die nicht so sind wie an jedem anderen Ort der Welt? Illusionen! Wieso also sollte ich bleiben.
Vielleicht mag es auf den ersten Blick paradox erscheinen, mein Grundvertrauen von einer gewissen Art Distanz begleiten zu lassen, die aber gar kein Widerspruch, sondern eher Gegengewicht ist. Mit einem Großteil der Menschen, die ich im Laufe meiner Tage kennenlerne, kann ich, so schwer es mir das Leben auch manchmal macht, in der Regel nur wenig anfangen, darum vermeide ich allzu nahen Kontakt mit ihnen, wo ich das kann. Das gilt für die Einwohner dieser Stadt wie für die Menschen im Gesamten. Sie können nichts dafür, sie sind nicht besser oder schlechter als ich, sie haben einfach nur eine andere Vorstellung von der Welt, eine Vorstellung, die ich nicht teile. Sie legen Verhaltensweisen an den Tag, die so normal, so menschlich sind, und doch meide ich sie dafür. Sie verbreiten Lügen und bringen Gerüchte in Umlauf, sie hetzen sich gegeneinander auf, sie lästern über ihren Nächsten, sobald er nur für einen Moment außer Hörweite gegangen ist. Sie verschwören sich. Sie fragen nicht nach, wenn sie böses Geschwätz über einen anderen hören, ob es denn überhaupt stimmt, sie glauben es direkt. Sie korrumpieren. Sie sind ständig am Kämpfen, am Streiten, konkurrieren um Macht, Prestige, Anerkennung und Beifall. Sie sind selbstverliebt, arrogant und Heuchler. Ständig heucheln sie. Sie sind freundlich zu jedem, ja, doch was heißt das schon, was hilft das, wenn es nur gespielte Freundlichkeit ist. Sie legen das Stilett nie aus der Hand. Am Vormittag können sie dir sagen, wie gerne sie dich haben und was sie an dir schätzen, dich am Nachmittag vor deinen Freunden schlechtreden, um dann am Abend mit dir ein fröhliches Gespräch zu führen, wie verlogen alle anderen doch seien. Nichts davon tun sie aus Boshaftigkeit, und das ist das wirklich Traurige daran. Lernt man die Menschen in dieser Stadt ein wenig kennen, muss man feststellen, dass die meisten von ihnen genauso sind, genauso normal. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen, aber es macht sie zu Menschen, denen ich aus dem Weg gehe. Vielen gehe ich aus dem Weg.
Doch es gab Ausnahmen, es gibt sie überall, man muss sie bloß finden. Diejenigen, die anders sind. Menschen, die sich die Tatsache vor Augen führen, auch selbst nicht immun gegenüber derartigen Verhaltensweisen zu sein, die aber versuchen, sie auf ein Minimum zu reduzieren; die ihr Verhalten kritisch reflektieren, die ein Miteinander statt eines Gegeneinanders herzustellen bestrebt sind. Menschen, die sich nicht andauernd in den Mittelpunkt zu stellen versuchen, die nicht herumschreien, um Lorbeeren noch für die kleinsten Taten ernten zu wollen. Menschen, die so aufrichtig wie freundlich sind und das nicht bloß spielen, weil sie sich etwas davon erhoffen.
Viele derer, die auf den ersten Blick als solche Ausnahmen erscheinen, stellen sich bei genauerer Betrachtung als Schauspieler heraus, als Menschen, die sich akkurat inszenieren, als wären sie zuvorkommende, freundliche, aufrichtige Personen. Bohrt man etwas tiefer, offenbart sich allerdings, es handelt sich um Lügner. Geschickte Lügner zwar, gute Schauspieler zweifellos, und dennoch Lügner. Sie spielen das alles und dieses Spiel ist ihr Leben. Es sind Egozentriker, Geltungssüchtige und Selbstverliebte. Sie sind genau wie der Großteil derer, auf die sie aus ihrer Rolle hinaus verächtlich hinabblicken, aber sie haben gelernt, das zu überspielen, und das machen sie teilweise verdammt gut.
Die echten Ausnahmen aber, jene, die nicht bloß Schauspiel betreiben, waren allesamt nette Menschen und darüber war ich froh. Sie waren aufrichtig und nett, und viele von ihnen verfügten über eine recht unkomplizierte, unverbindliche Vorstellung von Freundschaft. Genau dies war jedoch gleichzeitig das Problem, war mir Grund, weshalb ich mich nicht mit ihnen anfreunden wollte. Ihre Vorstellung von Freundschaft entsprach nicht der meinen, einer Vorstellung, die manchem, den ich sah, vielleicht fremd sein mochte, weil er unzählige Freundschaften pflegte – und wenn man bloß mit jemandem in einer Bar ein Bier trank, war er sofort ein Freund. Das mochte für andere funktionieren, für mich allerdings nicht.
Seit jeher nannte ich nur wenige Menschen wirklich Freunde, doch für jene, die ich dazu erkoren hatte, war ich es von ganzem Herzen, mit all meiner Energie. Diese netten, unverbindlichen Leute – sollte ich auch sie allesamt zu meinen Freunden zählen? Würde das funktionieren? Und dann? Auch meine Tage haben nur vierundzwanzig Stunden, auch ich verfüge nur über begrenzte Energie. Ich wollte keine netten, unverbindlichen Leute kennenlernen, die ich zu meinen Freunden hätte machen können, weil das nur bedeutet hätte, das kostbare Engagement für jeden meiner Freunde zu reduzieren, reduzieren zu müssen, breiter zu verteilen, sodass am Ende jeder weniger davon bekäme. Das wollte ich nicht. Machte mich das in ihren Augen zu einem Sonderling? Vermutlich. Behandelte ich diese netten, unverbindlichen Menschen ungerecht? Vielleicht. Aber lieber das, als dass ich sie zu Freunden gemacht hätte, die keine waren, zu Freundschaften, die weder sie noch mich befriedigen würden.
Aber es gab Ausnahmen unter den Ausnahmen, ganz besondere Menschen. Menschen, für die sich jedes noch so große Engagement lohnte; die so unglaublich kostbar waren, dass ich sie nie wieder aus den Augen verlieren wollte; die mich berührten, nicht nur in Gedanken, sondern tief im Inneren. Menschen, die kennenzulernen mir war, als würden sich Welten verbinden. Es war der enttäuschendste Teil. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um Frauen, denn unglücklicherweise fielen die vermeintlichen Ausnahmen unter den Männern vorwiegend in die Kategorie Schauspieler, denen es am Ende doch nur um ihr Ego ging, um Macht und Geltungsdrang, auf die eine oder auf die andere Art. Leider. Mit ihnen wäre es einfacher.
Was war nun das Problem mit diesen Ausnahmen unter den Ausnahmen? Da gab es also jemanden, der besonders erschien, zumindest für mich. Jemanden, der kein Schauspieler war. Jemanden, der ein ähnliches Verständnis vom Leben und der Welt aufwies. Jemanden, der unbedingtes Vertrauen verdiente und jemanden, mit dem das gegenseitige Verstehen so einfach erschien, mit Worten oder auch ohne, weil wir uns schon seit ewiger Zeit zu kennen glaubten. All die Schutzvorrichtungen, die man sich im Laufe eines Lebens so mühsam erbaut, um andere Menschen auf angebrachter Distanz zu halten, um sich nicht zu verausgaben, um allzu schwere Verletzungen zu vermeiden, baute ich ab. Plötzlich stand da ein Geschenk vor den Toren meiner Festung, ein hölzernes Pferd, und ich holte es bereitwillig herein.
Irgendwann aber übertraten wir eine Grenze, eine unsichtbare Linie, und es wuchsen Gefühle in einem von uns. Anstatt in Unendlichkeit zu enden, kenterte das Miteinander durch dieses ungleich verteilte Gewicht. Es war Himmel und Hölle zugleich, es machte alles kompliziert und vieles kaputt, das so wunderbar begonnen hatte. Stell dir vor, du wärst Archäologe und würdest an dem einen Fund arbeiten, den du schon dein ganzes Leben lang gesucht hast, auf den du entgegen aller Wahrscheinlichkeit unter all den verbergenden Schichten erst einmal stoßen musstest, doch plötzlich ist da ein nicht zu unterdrückendes Kribbeln in deiner Nase, du musst niesen, ein ganz normales menschliches Regen, du rutschst mit dem Werkzeug ab und alles ist ruiniert. So kam ich mir vor. Nichts vermag je zu ersetzen, was dadurch verloren ging, das wirklich Begehrte, das überaus Seltene, das unbedingt Kostbare. Jene Menschen, die für immer im Gedächtnis bleiben, die für immer ein Teil des eigenen Lebens sein werden, ob sie nun anwesend sind oder nicht.
Momentan fühlt es sich so an, als steckte ich im Treibsand. Je mehr ich mich bewege, desto trostloser wird die Situation. Vielleicht ist es also am besten, sich erst einmal gar nicht zu bewegen. Das gesamte letzte Jahr verbrachte ich in dieser Stadt mit dem unheilvollen Versuch, Träumen, Hoffnungen und letztlich Illusionen hinterherzujagen, die sich am Ende allesamt in Luft auflösten. Meine gesamte Energie, emotional wie auch psychisch, steckte ich in diese Menschen, nur um alles, was ich aufgebaut hatte, schließlich zerstört vorzufinden, entweder durch sie, weil sie nicht waren, was sie zu sein schienen, oder durch den Makel der Emotion. Es endete immer wieder gleich, auch wenn es nie endete. Heute bin ich leer, enttäuscht, von anderen und von mir selbst, erschöpft und emotional am Boden. Diese Stadt hat mich ausgelaugt, ich kann nicht mehr. Jedenfalls nicht hier. Wie ein havariertes Raumschiff schwebe ich manövrierunfähig irgendwo in der Leere des Universums. Nur die Lebenserhaltungssysteme sind noch in Betrieb, doch vielleicht bekomme ich demnächst auch wieder Energie für den Antrieb. Man sagt, es würde alles besser, wenn Gras über eine Sache gewachsen sei. Hier jedoch wächst kein Gras, der Boden ist ausgelaugt. Noch weniger als zuvor weiß ich, wann es sich lohnt, auf Menschen einzugehen, denn ich mag sie entweder gar nicht oder zu sehr, doch ich weiß, dass es nicht mein Vertrauen war, das mich enttäuschte.
Menschen sind überall gleich. Entzaubert, ohne Hoffnung und mit verblassten Träumen verlasse ich diese Stadt so leise, wie ich sie betrat. Sie war für mich ein Ort der Hoffnung, ein Ort der Träume, ein Ort der Illusionen. Nach all diesen Erfahrungen komme ich mir vor wie ein Außerirdischer, der mit der hoffnungsvollen Mission an diesen Ort geschickt wurde, so viel wie möglich über die dominante Spezies auf diesem Planeten herauszufinden, um alles mit ihnen zu teilen, und der nun mit der Botschaft zurückkehren muss, dass es sich nicht lohnt, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen. Nicht mit deaktiviertem Schutzschild.

„Ich mag dich sehr“, sagte sie zu ihm, als sich die U-Bahn-Türen zwischen ihnen langsam schlossen und er alleine auf dem Bahnsteig zurückblieb, ohne jede Möglichkeit, darauf irgendwie zu antworten.

Nun war sie zuhause, lag auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf. Sie kam sich so dumm vor. Da wurde sie einmal für einen absurd kurzen Augenblick von ihren Gefühlen übermannt und brachte in diesem Zustand dann gleich einen derartigen Satz hervor, eine entlarvende Aussage, ein Geständnis. Sie wusste, er würde nie das gleiche für sie empfinden, das sie für ihn empfand. Daran gab es für sie keinen Zweifel. Wieso also musste sie sich unbedingt mit einem solchen Satz blamieren, der das Verhältnis zwischen ihnen unbarmherzig verändern würde. Alles würde komplizierter werden. Er würde auf Distanz gehen, er würde Abstand zwischen sie beide bringen, ob sie das wollte oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigsten verkraften würde. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein kleiner, unwichtiger, absolut lächerlicher Satz sollte alles ruinieren.

Aber nein. Was genau habe ich denn wirklich gesagt, dachte sie. Es war doch bloß: „Ich mag dich sehr“. Das war kein Geständnis. Das war nicht einmal eine Andeutung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich sehr“ lässt Raum für Interpretationen. Interpretationen erlauben Freiheit, Interpretationen erlauben Hintertüren. Zwar war sie gewöhnlich sehr darauf bedacht, eine präzise Ausdrucksweise an den Tag zu legen, doch in Situationen wie diesen hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst vage auszudrücken. Vage Aussagen eröffnen Handlungsspielraum; man tänzelt und laviert um das Feuer herum. Bloß nicht festlegen. Bloß nicht festlegen lassen. Präzision der Sprache war ihr unerwünscht, zumindest in Sachlagen dieser Art, sobald Emotionen ins Spiel kamen. Man kann etwas sagen und völlig offen lassen, was damit gemeint ist. Es bleibt die Interpretation; ein Schild, ein Schutzwall, ein Notausgang. Der andere soll sagen, was er darunter versteht, was er in das Gesagte hineininterpretiert. Ist es das Falsche, kann man sich bequem hinter das Schutzschild sprachlicher Unschärfe zurückziehen und behaupten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat.

Was also hatte sie wirklich zu ihm gesagt? „Ich mag dich sehr“ – das konnte alles heißen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Deine Art gefällt mir“ oder „Ich liebe dich“ bis hin zu „Ich möchte mit dir schlafen“ war doch alles und nichts, waren ganze Bedeutungsuniversen in diesem Satz enthalten, der so vage war, dass es sie freute. Er konnte sie nicht damit festnageln. Was er in diesem Satz las, entschied einzig und allein seine Interpretation. Vermutlich dachte er, sie sei in ihn verliebt. Das war die Wahrheit, aber es war eben eine Wahrheit, die sie ihn nicht wissen lassen wollte, denn er, er war doch nicht in sie verliebt, das war ihr klar.

Seit Monaten bereits hegte sie Gefühle für ihn. Sie freute sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hörte, die sie ihm empfahl, wenn er Zeit mit ihr verbrachte, wenn er ihr Briefe schrieb oder sie einfach bloß anschaute, mit seinen bezaubernden blauen Augen. Sie hatte versucht, sein Verhalten zu deuten, hatte herausbekommen wollen, ob er seinerseits Gefühle für sie hegte, doch eindeutig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Interpretation. Nach einigen Wochen war sie zu dem Schluss gelangt, dass er offenbar nichts für sie empfand. Das war schade, doch sie fand sich damit ab und seine Gesellschaft war ihr weiterhin das Paradies.

Den Kontakt zu ihm jetzt zu verlieren, nur weil ihr in einem unkontrollierten Moment eine Reihe lächerlicher Wörter über die Lippen gekommen war, wäre für sie unerträglich gewesen. Wie also würde er nun reagieren auf diesen törichten Satz, fragte sie sich, den sie so unbeholfen in die Welt hinaus geflüstert hatte. Sie wusste es. Er würde sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei versuchen, sie nicht zu verletzen, während er in Gedanken bereits das Ende ihrer Freundschaft konstruierte. Sie jedoch würde sich erhobenen Hauptes hinter ihr sprachliches Schutzschild zurückziehen, hinter den Interpretationsspielraum ihrer vagen Worte. Sie würde lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie würde klarstellen, dass sie diesen Satz rein freundschaftlich begriffen hatte. Dann würden sie gemeinsam lachen, beide wären erleichtert, und alles bliebe so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf dieses sprachliche Hintertürchen, das alles letztlich retten und damit ihr Gesicht wahren würde.

Plötzlich brummte es leise. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hatte ihr geschrieben; eine SMS wartete darauf, von ihr gelesen zu werden. Doch was würde er schon schreiben, dachte sie. „Ich mag dich auch, aber…“ würde dort stehen, wie sie es erwartete, und sie würde sich enttäuscht durch ihr Hintertürchen davonmachen, würde sich nichts anmerken lassen, würde ihm antworten, es sei nur ein Missverständnis und dass er den Satz bloß ungünstig interpretiere. Es bleibt die Interpretation.

Sie musste sich regelrecht dazu überwinden, das Handy nicht einfach beiseitezulegen, und so sah sie schließlich nach, was er ihr geschrieben hatte. „Ich mag dich auch sehr“, stand dort, „das wollte ich dir schon lange sagen, aber ich hab mich nicht getraut. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“

Das überraschte sie. Es war eine Reaktion, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hatte, denn sie war so unwahrscheinlich, so unmöglich. Damit hatte sie nicht gerechnet, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie hatte sich so sehr mit der bevorstehenden Enttäuschung abgefunden, ja sogar angefreundet, dass seine Antwort sie nun beinahe wütend machte, denn jetzt enttäuschte er sie mit dem Ausbleiben dieser nur allzu vorhersehbaren, allzu erwarteten Enttäuschung.

Panik stieg in ihr auf. Und wenn sie nun einfach zugab, dass sie es genauso gemeint, wie er es auch verstanden hatte? Mit einer derartigen Situation hatte sie keinerlei Erfahrung. Enttäuschungen war sie gewohnt, mit Enttäuschungen konnte sie umgehen, musste sie umgehen, denn sie war zu oft enttäuscht worden, doch das hier überforderte sie. Was war das?

„Du … interpretier da nicht zu viel hinein. Du bist ein sehr guter Freund“, antwortete sie ihm und warf sich weinend auf ihr Bett, überwältigt von dem traurigen Gefühl, einmal mehr enttäuscht worden zu sein.

„Was willst du überhaupt?“ raunte er genervt durch die Gegensprechanlage. Erst nach dem dritten Klingeln hatte er reagiert, und es vergingen weitere fünf Minuten, bis er ihr endlich die Tür öffnete. Sie war zu ihm gefahren, am Vormittag vor dem Abflug in den gemeinsamen Urlaub mit ihrem Verlobten, um etwas mit ihm zu bereden, das sie bedrückte, das sie in den Urlaub verfolgt hätte, wenn sie es nun nicht ansprach.
Seit Monaten verhielt er sich anders, irgendwie fremd, ungewohnt und merkwürdig. Ihr war es von all seinen Freunden als erste aufgefallen. Anfangs dachte sie, sie bilde sich das alles bloß ein, doch mit der Zeit wurden die Zeichen seiner Veränderung deutlicher und für alle offensichtlich. Er ging nicht mehr ans Telefon. Als er damit angefangen hatte, sprach sie ihm kurze Nachrichten auf den Anrufbeantworter und bat ihn um Rückruf. Die Rückrufe wurden immer seltener. Mit der Zeit kamen sie nur noch, wenn sie versicherte, es handele sich um einen Notfall. Die Notfälle wurden immer zahlreicher und er durchschaute, was sie tat. Er rief sie gar nicht mehr zurück. Es war nicht nur sie, zu der er den Kontakt auf diese Art schleifen ließ. Sogar ihr Verlobter bemerkte seine Veränderung, obwohl die beiden, seit sie sich kannten, nur wenig Kontakt miteinander gehabt hatten. Schließlich fiel es auch ihren gemeinsamen Freunden auf. Er rief niemanden zurück, er wollte niemanden sehen.
Man schrieb ihm SMS, die er per Email beantwortete, halbherzig und mit einigen Tagen Verspätung. Ihr regelmäßiger Kontakt, den er und sie einst gleichermaßen schätzten, wurde zäh. Zwar erwiderte er noch immer jede Email, die sie ihm schrieb, aber auch dies erst Tage später und mit Formulierungen, so knapp wie Notizen, die jegliche Ausschweifungen oder Details vermissen ließen. Wie gern hatte er immer Geschichten erzählt, stundenlang, die seine Freunde an ihm liebten. Er konnte Erlebnisse beschreiben wie kein Zweiter, sie ausmalen, sie dichten. Er hatte Problemen gelauscht und Ratschläge erteilt oder bei einem Bier über die Welt philosophiert. Das alles war vorbei und niemand wusste den Grund. Seine Reaktionen hatten den Charakter eines Interviews angenommen, nur auf direkte Fragen antwortete er überhaupt noch, und auch das tat er nicht immer. Diejenigen seiner Freunde, die ihn nicht aufgaben, versuchten seiner trüben Laune auf den Grund zu gehen. Während die einen ihm ihr Mitgefühl zeigten, um es ihm leichter zu machen, sich zu öffnen, stellten ihn andere direkt zur Rede. Er antwortete ihnen allen, es ginge ihm gut und sie bräuchten sich seinetwegen wirklich keine Sorgen zu machen. Diese Antwort allerdings beunruhigte seine Freunde noch mehr, denn es war so offensichtlich gelogen. Er hatte nicht nur den Kontakt zu anderen Menschen reduziert, auch körperlich ging es ihm schlecht. Sein Gesicht war eingefallen, das Resultat seiner andauernden Abmagerung. Wenn er sich überhaupt noch mit seinen Freunden traf, war er wortkarg und hatte eine Laune, als käme er von einer Beerdigung. Dunkelste Augenringe prägten sein Gesicht, Husten unterbrach fast jeden seiner Sätze. Schlaf fand er kaum. Die wenigen richtig guten Freunde, die er noch hatte, waren ratlos. Niemand kam an ihn heran. So stand nun also sie, seine beste Freundin, vor seiner Tür. Sie würde bleiben, bis er ihr endlich gesagt hätte, was mit ihm los sei.
Widerwillig bat er sie herein und bot ihr pflichtschuldig etwas Bier an, das sie freundlich ablehnte. Sie sagte, sie wolle gleich auf den Punkt kommen. Er habe sich verändert. Niemand wisse, was mit ihm los sei, aber man mache sich große Sorgen. Seine Freunde machten sich große Sorgen. Sie versicherte ihm, er habe noch immer Freunde, die ihm bereitwillig helfen würden, sollte er Probleme irgendeiner Art zu bewältigen haben. Sollte es um finanzielle Dinge gehen, wäre das schnell aus der Welt zu schaffen, ermutigte sie ihn. Er winkte ab und schüttelte den Kopf. Keine finanziellen Probleme. Er dankte für das Angebot. Auch sonst gäbe es keine Probleme, bei denen seine Freunde ihm behilflich sein könnten. Aber sein Verhalten sei doch nicht normal, beharrte sie. Irgendetwas müsse doch sein. Er wiegelte ab. Es ginge ihm gut, sie solle sich seinetwegen keine Sorgen machen. Das war ihr zu viel. Sie blaffte ihn an, er könne vielleicht andere belügen, dass sie als seine beste Freundin aber etwas mehr Ehrlichkeit von ihm erwarte. Immerhin sei sie mit den besten Absichten zu ihm gefahren, noch dazu so kurz vor ihrem Urlaub mit ihrem Verlobten.
Sie entschuldigte sich bei ihm, nicht schon früher das Gespräch gesucht zu haben. Als er angefangen hatte, sich zu verändern, war sie bis zur Erschöpfung mit der eigenen Veränderung ihres Lebens beschäftigt gewesen und hatte keine passende Gelegenheit gefunden, um einmal in Ruhe mit ihm zu reden. Gewollt hätte sie, aber ihr fehlte die Zeit. Sie wusste, die meisten sagten das als Ausrede, weil man für solche Angelegenheiten eigentlich immer Zeit hatte, man konnte sie sich nehmen, gerade für gute Freunde. Aber sie war wirklich nicht dazu gekommen. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sie ein baufälliges Haus gekauft, kündigte ihre alte Wohnung, musste umziehen, renovieren. Als das Haus in einem einigermaßen guten Zustand war und der gröbste Stress allmählich nachließ, hielt ihr Freund, dann ihr Verlobter, um ihre Hand an. Nun hatte sie eine Hochzeit zu planen.
Er aber sagte bloß verständnisvoll, er wisse ja, dass sie mit Umzug und Hochzeitsvorbereitungen in letzter Zeit sicher schwer beschäftigt gewesen sein musste, er könne das verstehen. Überhaupt sei es nicht so wichtig, sei er nicht so wichtig, er nehme es ihr nicht übel. Sie fragte ihn, was er mit ‚nicht so wichtig‘ eigentlich meine. Ihm sei gar nichts mehr wichtig, so ihr Eindruck, gestand sie ihm, nicht einmal der Kontakt zu ihr, den er doch stets mit Freude gepflegte hatte. Als er daraufhin verschämt den Blick senkte, tat er ihr leid und sie hätte sich am liebsten geohrfeigt, ihm nun auch noch einen Vorwurf daraus zu machen. Aber vielleicht war das ja ein Weg, ihn aus der Reserve zu locken. Sie ließ es darauf ankommen. Wenn alles in Ordnung sei, bohrte sie, weshalb komme er dann kaum noch aus seiner Wohnung. Weshalb verweigere er beinahe jegliche Kommunikation. Weshalb vernachlässige er sich selbst, seine Freunde, sogar sie, die ihm immer wichtig gewesen sei. So etwas könne er nicht machen. Er könne nicht einfach alle Brücken abbrennen und erwarten, niemand würde sich um ihn sorgen. Und dann auch noch sein Job! In der Firma, für die er arbeitete, war auch ihr Verlobter beschäftigt und hatte ihr erzählt, er käme nur noch sehr sporadisch seiner Arbeit nach. In letzter Zeit komme er so selten und mit fadenscheinigen Ausreden, dass er kurz davor stünde, gefeuert zu werden und sein Einkommen zu verlieren. Er sagte bloß, das sei ihm egal. Sie wurde laut. Wie könne ihm das egal sein. Der Job sei seine existentielle Grundlage, ohne ihn könne er einpacken. Er zuckte die Schultern. Es wurde ihr zu viel. Wie könne er einfach so dasitzen, alles scheißegal finden, seinen Job, seine Freunde, die sich Sorgen um ihn machten, sogar sie. Er kam nicht aus der Reserve. Sie seufzte, war wütend, enttäuscht, sagte zu ihm, sie vermisse ihre gemeinsamen Gespräche, die regelmäßigen Telefonate, die Emails, aber das sei ihm wahrscheinlich auch egal. Er sähe aus, als wäre er kurz vorm Sterben, erklärte sie, er gehe kaum noch raus, und dann erzähle er allen, es ginge ihm gut. Für wie dumm halte er sie denn, alle wollten ihm doch bloß helfen, besonders sie. Die Kälte in seiner Stimme traf sie am meisten, als er ihr ins Gesicht sagte, ihre Hilfe könne sie sich sparen. Wenn das so ist, könne er sie einmal kreuzweise, entgegnete sie verletzt, denn eigentlich müsse sie ja Koffer packen, doch stattdessen sei sie hierher gefahren, zu ihm, um mit ihm zu sprechen, und er benehme sich wie ein Arschloch und lüge sie an. Daraufhin schmiss er sie raus. Er habe sie nicht darum gebeten, hierher zu kommen, sie solle mit ihrem tollen Verlobten in ihren blöden Urlaub fahren und einfach verschwinden. Sie fing an zu weinen, sie brüllte ihn beim Rausgehen an, was sein verdammtes Problem sei und was er überhaupt wolle. Er murmelte einen letzten Satz und schloss hinter ihr die Tür: „Alles, was ich wollte, warst du.“

Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dazu genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen. Alle diese Morde, versteht sich, vollziehen sich langsam. Haben Sie sich nie überlegt (…), warum die allermeisten Leute so viel Interesse haben an einem richtigen Mord, an einem sichtbaren und nachweisbaren Mord? Das ist doch ganz klar: weil wir für gewöhnlich unsere täglichen Morde nicht sehen. Da ist es doch eine Erleichterung, wenn es einmal knallt, wenn Blut rinnt oder wenn einer an richtigem Gift verendet, nicht bloß am Schweigen seiner Frau. Das ist ja das Großartige an früheren Zeitaltern, beispielsweise an der Renaissance, daß die menschlichen Charaktere sich noch in Handlung offenbarten; heutzutage ist alles verinnerlicht…
(Max Frisch – Stiller)

Sie hatte jetzt Arbeit, sie hatte eine Wohnung, sie hatte, in gewisser Weise, ein Leben. Sie hatte sich ein Leben für sich entworfen. Zwar war es nicht so, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte. Als sie auf ihren Abschluss hinarbeitete an der tollen Universität, die jede als zukünftige Weltherrscherin verlassen wollte, hätte sie sich nie träumen lassen, dass sie einmal so enden würde (…). Aber vermutlich entwickelt sich das Leben nie so, wie man es geplant hat; vermutlich sieht man deshalb auf den Straßen von Großstädten so viele Leute mit diesem verwirrten und verärgerten Gesichtsausdruck, als wollten sie sagen: Wer hätte gedacht, dass mir das passieren würde? All die Ballett-Tänzerinnen, die in der Verwaltung landeten, die Feuerwehrmänner, die Personalchefs wurden, die Entdecker, die in Call-Centern saßen, die Modeschöpferinnen und Opernsängerinnen, Gitarristen, Bühnen-Lieblinge und Szene-Diven, die am Ende von der großen Tretmühle zermalmt wurden. All das spricht aus diesen Blicken: Wie bin ich bloß hier gelandet?
(Tania Kindersley – Und morgen geht das Leben weiter)