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Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast?

Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für zwi­schen­mensch­li­che Kon­tak­te, für Lächeln, oder eben für Wör­ter. So wie das jähr­li­che Bud­get für Stra­ßen­bau in mei­ner Hei­mat­stadt. Im Herbst wur­den an den unmög­lichs­ten Stel­len Ver­kehrs­in­seln und Brems­schwel­len gebaut, um im nächs­ten Jahr nicht etwa weni­ger Geld aus dem gro­ßen Topf zuge­wie­sen zu bekommen.

Wenn das per­sön­li­che Bud­get aus­ge­schöpft ist, dann hat man viel­leicht schon um 15 Uhr kein Lächeln mehr übrig und ist schon vom Atmen eines ande­ren Men­schen genervt, oder aber man hat noch was über, lächelt völ­lig unmo­ti­viert Brems­schwel­len und Ver­kehrs­in­seln in die Luft und wird in der Bahn weit­räu­mig umgan­gen, hat als ein­zi­ger noch einen Sitz­platz neben sich frei, weil Leu­te, die ohne erkenn­ba­ren Grund lächeln, unheim­lich sind.

Übrig­ge­blie­be­ne Wör­ter kann man viel­leicht durch Selbst­ge­sprä­che los­wer­den, oder durch sinn­lo­se Blog­bei­trä­ge wie die­sen, aber das ist ja doch bei­des nicht jeder­manns Sache. Ich emp­fin­de es schon als merk­wür­dig, mit den Kat­zen zu reden. Selbst­ge­sprä­che kom­men also für mich nicht in Fra­ge. Zumin­dest jetzt noch nicht. In 30 bis 40 Jah­ren, wenn ich eine bös­ar­ti­ge alte Frau gewor­den bin, so eine, vor der alle Kin­der in der Stra­ße Angst haben und bei der sie beim Mar­ti­ni­sin­gen nicht klin­geln, gehe ich vor mich hin brum­melnd umher und habe nie­mals mehr Wör­ter übrig, wenn ich ein­schla­fen will.

Es ist näm­lich so, des­sen bin ich mir sicher, dass man von die­sen Übrig­ge­blie­be­nen am Ende des Tages heim­ge­sucht wird. Dro­hend bal­len sie sich in den Ecken des Kop­fes zusam­men und tuscheln. Die­ses Tuscheln knapp über der Gren­ze, an der es gehört wer­den kann. Ein Cre­scen­do von Zisch­lau­ten, har­ten Ts und Ps (mit Spu­cke­tröpf­chen) und bedeu­tungs­schwan­ge­ren drei Punk­ten. Und dann kann man nicht oder nur schlecht schla­fen. Im Kopf setzt sich Staub ab. Du siehst, es ist alles sehr dramatisch.

Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein!
Mit drei Punk­ten wird es noch ernster:
Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein…

Um ver­ste­hen zu kön­nen, habe ich mich zer­stört. Ver­ste­hen heißt das Lie­ben ver­ges­sen. Ich ken­ne nichts, was zugleich fal­scher und bedeut­sa­mer wäre als der Aus­spruch Leo­nar­do da Vin­cis, dem­nach wir etwas nur lie­ben oder has­sen kön­nen, wenn wir es ver­stan­den haben.
Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr Men­schen anwe­send sein wer­den als ich für ange­nehm befin­de. Das liegt vor allem dar­an, dass jedes Tref­fen von mehr als vier Per­so­nen für mich schon eine Grup­pe dar­stellt und ich Grup­pen nicht beson­ders lei­den kann – beson­ders dann nicht, wenn dar­un­ter Men­schen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich ein­zel­ne dar­un­ter mag, des­to weni­ger möch­te ich sie zeit­gleich mit ande­ren in eine Grup­pe ste­cken. Es ist nicht unbe­dingt so, dass ich mich in einer Grup­pe unwohl füh­le, denn oft ver­spricht eine Grup­pe und ihre spe­zi­el­le Dyna­mik gro­ßen Spaß, doch ist es der Man­gel an Nähe und Exklu­si­vi­tät, der mich Grup­pen in der Regel eher mei­den lässt. Es geht mir hier­bei nicht um Nähe und Exklu­si­vi­tät, die ich von ande­ren erwar­ten, ein­for­dern oder gar ver­lan­gen wür­de, son­dern um Nähe und Exklu­si­vi­tät, die ich selbst ger­ne den­je­ni­gen Men­schen zukom­men las­sen möch­te, die ich mag. Ich möch­te mei­ne Auf­merk­sam­keit gegen­über die­sen Men­schen nicht hin und her sprin­gen las­sen müs­sen, will mein Inter­es­se nicht spal­ten und mei­ne Gedan­ken nicht het­zen, son­dern will mich auf ein Gegen­über kon­zen­trie­ren und für die­se eine Per­son in die­sem Augen­blick voll und ganz da sein, ein­zig und allein, abso­lut und ungeteilt.

Ein­mal saß ich mit fünf­zehn wei­te­ren Per­so­nen zum Abend­essen an einem lan­gen Tisch und fei­er­te den Geburts­tag einer Freun­din – nur eine von vie­len Situa­tio­nen, die aber exem­pla­risch ist für das, was ich zum Aus­druck brin­gen möch­te. Links von mir konn­te ich Gesprä­che ver­fol­gen, rechts von mir konn­te ich Gesprä­che ver­fol­gen, und ich selbst unter­hielt mich mit mei­nen Nach­barn über die­ses und über jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grö­ße­re Anzahl von Men­schen auf­ein­an­der­trifft: Man steigt aus Gesprä­chen aus und in ande­re ein, man wech­selt den Gesprächs­part­ner, wenn es lang­wei­lig zu wer­den droht, man teilt die Auf­merk­sam­keit. Man rast hin und her, zumin­dest in Gedan­ken, man ver­liert Fokus und Kon­zen­tra­ti­on, man frag­men­tiert die Anteil­nah­me. Alle Unter­hal­tun­gen sind gleich, indem sie unper­sön­lich blei­ben: Man begnügt sich mit Smalltalk.

Je mehr Men­schen sich zusam­men­fin­den, umso grö­ßer die Wahr­schein­lich­keit unglei­cher Freund­schafts­be­zie­hun­gen. Wenn wie in die­sem Bei­spiel sechs­zehn Per­so­nen an einem Tisch sit­zen, ist es recht unwahr­schein­lich, dass alle die­se Per­so­nen das glei­che Freund­schafts- und Ver­trau­ens­ver­hält­nis tei­len oder alle­samt unter­ein­an­der bes­te Freun­de sind. Viel­leicht sind eini­ge sich völ­lig fremd und noch nicht ein­mal sym­pa­thisch. In der­lei Kon­stel­la­tio­nen unter­hält man sich not­ge­drun­gen nicht über all­zu Per­sön­li­ches, weil Ohren anwe­send sind, die es ver­mut­lich nichts angeht. Was man dem bes­ten Freund oder der Freun­din erzählt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Aus­weg ist das ober­fläch­li­che Gespräch oder das seich­te Amü­se­ment. Bei­des gibt mir nichts, mit bei­dem kann ich nichts anfan­gen, bei­des ist für mich sozi­al ungenügend.

Das seich­te Amü­se­ment in der Grup­pe, der ober­fläch­li­che Spaß, das unbe­schwer­te Lachen für Zwi­schen­durch, wenn tie­fe Gesprä­che nicht zur Debat­te ste­hen und gro­ße Nähe nicht in Fra­ge kommt, ist in jenen Momen­ten, in denen es statt­fin­det, für mich so schön wie für jeden ande­ren Betei­lig­ten auch, doch neh­me ich dar­aus nichts mit. Ich habe mit Leu­ten eine schö­ne Zeit, ja, mit Freun­den gar, doch wenn ich dann nach Hau­se kom­me, bleibt in mir ein unbe­frie­di­gen­des Gefühl zurück, der Wunsch nach mehr – nicht an Quan­ti­tät, son­dern an Qualität.

Es kommt mir wie Ver­schwen­dung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich ger­ne in die Tie­fe abtau­chen wür­de, aber es nicht kann, weil wir in einer Grup­pe gefan­gen sind, die auf der Ober­flä­che des größ­ten gemein­sa­men Tei­lers treibt. Es erscheint mir wie Ver­geu­dung von Freund­schaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Ent­schei­dend ist das »bloß«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, son­dern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduk­ti­on auf eine Dimen­si­on, wo doch so vie­le sind, wo doch so vie­le sein soll­ten. Auf die Spit­ze getrie­ben: Für Spaß allein, da rei­chen schon Bekann­te, ja sicher­lich schon Unbe­kann­te, denn es steckt Unver­bind­lich­keit und Aus­tausch­bar­keit dar­in. Die ober­fläch­li­che „gute Zeit“, der spa­ßi­ge Abend, die kurz­wei­li­ge Unter­hal­tung ver­hält sich zur wirk­li­chen guten Zeit wie die Pro­sti­tu­ier­te zur gro­ßen Lie­be, da die­se „gute Zeit“ so ein­fach, so belie­big, so auf­wands­los zu haben ist, wäh­rend die ech­te gute Zeit, die nicht in Anfüh­rungs­zei­chen steht, für mich ganz ande­re Qua­li­tä­ten hat, die Nähe, Offen­heit und Exklu­si­vi­tät vereint.

Auf der ande­ren Sei­te bleibt als Mög­lich­keit nur das ober­fläch­li­che Gespräch, das sich am Level des Freund­schafts­ver­hält­nis­ses ori­en­tiert, den die gesam­te Grup­pe gemein hat und der folg­lich meist recht klein ist. Es mün­det letzt­lich in Small­talk. Was jemand macht, was er am Tag geges­sen hat, wel­che Möbel er erwarb, wie viel Geld er ver­dient oder wel­ches Auto er fährt, das alles inter­es­siert mich nicht. Ich stel­le die­se Fra­gen nicht, weil mich die Ant­wor­ten nicht küm­mern. Gesprä­che die­ser Art beläs­ti­gen mich nicht, doch hal­te ich mich dann zurück und gebe den Beob­ach­ter, neh­me alles in mich auf und zie­he mei­ne Schlüs­se, möch­te aber nicht mitreden.

Was mich wirk­lich inter­es­siert, das ist die Per­son, wer jemand ist, und wie es dem­je­ni­gen gera­de geht. Über­haupt: Die Fra­ge, wie es jeman­dem geht – wer beant­wor­tet sie denn schon ehr­lich? Die meis­ten erzäh­len dar­auf­hin, wie sie mit ihrer Arbeit zurecht­kom­men, was das Finanz­amt von ihnen ver­langt oder dass sie sich schon wie­der einen neu­en Fern­se­her gekauft haben. Ant­wor­ten auf Fra­gen, die gar nicht gestellt wur­den, wäh­rend die gestell­ten völ­lig unbe­ant­wor­tet blei­ben. Auf die­se Fra­gen bekommt man sel­ten eine wah­re Ant­wort, noch sel­te­ner so unter Vie­len, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von Gespräch, die ich füh­ren möch­te, denn nichts ist so befrie­di­gend, erkennt­nis­reich, offen, ein­fühl­sam und ver­bin­dend wie die­se. Jedes Mal ist es für mich daher sehr ent­täu­schend, wenn jemand, mit dem ich mich ver­ab­re­det habe, plötz­lich unge­fragt noch irgend­wel­che Drit­te hin­zu­holt. Nicht bloß ist es unhöf­lich, es war auch nicht abge­macht, und hät­te ich es im Vor­aus gewusst, ich hät­te ver­mut­lich abge­sagt, nicht weil ich die Freun­de mei­ner Freun­de nicht mag, son­dern weil es die Grund­la­gen des Tref­fens maß­geb­lich ver­än­dert, denn es gewinnt dadurch an Belie­big­keit und ver­liert an poten­ti­el­ler Tie­fe, büßt Nähe ein zuguns­ten einer grö­ße­ren Teil­neh­mer­zahl und zer­stört die Zwei­sam­keit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fürs Roman­ti­sche so wich­tig ist.

Wenn ich mich mit jeman­dem tref­fen oder gene­rell unter­hal­ten möch­te, dann tue ich das in der Regel, um den Men­schen, die ich mag, im dop­pel­ten Wort­sinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vie­len ist.

»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche Ein­stel­lung und sei­ne intui­tiv berech­nen­de Art von Anfang an nicht aus­ste­hen. Wenn man mich frag­te, was mich genau an ihm stör­te, müß­te ich pas­sen. Ich wüß­te kein Bei­spiel. Ich weiß nur, daß ich ihn durch­schau­te. Ich konn­te die­se Ego­zen­trik und Über­heb­lich­keit, die er aus­strahl­te, instink­tiv nicht ertra­gen. Wie bei jeman­dem, des­sen Kör­per­ge­ruch man phy­sisch nicht erträgt. Aber Aoki war klug und ver­stand es, die­sen Geruch geschickt zu ver­ber­gen. Die meis­ten mei­ner Klas­se hiel­ten ihn für gerecht, beschei­den und freund­lich. Das zu hören empör­te mich – doch ich sag­te natür­lich nichts.«
(…)
Im Gegen­satz [zu mir] stand Aoki mit allem, was er tat, im Mit­tel­punkt – wie ein wei­ßer Schwan auf einem dunk­len See. Er war der Star der Klas­se, der, auf den alle hör­ten. Er war klug, das muß­te auch ich zuge­ben. Er war schnell. Er wuß­te im vor­aus, was der ande­re woll­te oder dach­te, und ver­stand es, dem­entspre­chend zu reagie­ren. Alle bewun­der­ten ihn. Aber ich war nicht beein­druckt. Mir war Aoki zu ober­fläch­lich. Wenn er ein klu­ger Kopf war, mach­te es mir nichts, kein klu­ger Kopf zu sein. Er war scharf­sin­nig, aber er besaß kei­ne Per­sön­lich­keit. Er hat­te nichts mit­zu­tei­len. Wenn alle ihn bestä­tig­ten, war Aoki glück­lich. Er war hin­ge­ris­sen von sei­nen eige­nen Fähig­kei­ten. Er dreh­te sich immer nach dem Wind. Er hat­te kei­ne Sub­stanz. Aber nie­mand erkann­te das.
(…)
»Es sind nicht Men­schen wie Aoki, vor denen ich Angst habe. Sol­che Men­schen gibt es über­all. Was das angeht, habe ich resi­gniert. Wenn ich ihnen begeg­ne, ver­su­che ich mög­lichst nichts mit ihnen zu tun zu haben. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Das ist nicht beson­ders schwer. Ich erken­ne sie sofort. Zugleich bewun­de­re ich Leu­te wie Aoki aber auch. Nicht jeder besitzt die Fähig­keit, so lan­ge still­zu­hal­ten, bis die Gele­gen­heit sich ergibt, und sie dann sicher zu ergrei­fen; die Fähig­keit, sich geschickt der Gefüh­le ande­rer zu bemäch­ti­gen und sie gegen jeman­den auf­zu­het­zen. Ich has­se die­se Cha­rak­ter­zü­ge zwar so sehr, daß ich kot­zen könn­te, den­noch sind es Fähig­kei­ten. Das muß ich anerkennen.
Wovor ich aber wirk­lich Angst habe, sind Leu­te, die Typen wie Aoki alles blind glau­ben. Die­se Leu­te, die selbst nichts zuwe­ge brin­gen, nichts ver­ste­hen, die sich von den beque­men und leicht über­nehm­ba­ren Mei­nun­gen ande­rer lei­ten las­sen und nur in Grup­pen auf­tre­ten. Die­se Leu­te, die nie auf die Idee kämen, daß sie viel­leicht irgend etwas falsch machen könn­ten. Denen nie­mals auf­fällt, daß sie einen ande­ren sinn­los und bru­tal ver­let­zen könn­ten. Sie über­neh­men kei­ne Ver­ant­wor­tung für das, was sie tun. Vor sol­chen Leu­ten habe ich wirk­lich Angst. Und wenn ich nachts träu­me, dann von ihnen. In Träu­men ist nur das Schwei­gen. Die Leu­te in mei­nen Träu­men haben kei­ne Gesich­ter. Wie eisi­ges Was­ser dringt das Schwei­gen über­all ein.«
(Haru­ki Mura­ka­mi – Das Schweigen)

Haru­ki Mura­ka­mis “Das Schwei­gen” hat mich fas­zi­niert. Aus ver­letz­tem Stolz macht dar­in Aoki, ein schein­bar umgäng­li­cher, freund­li­cher, cle­ve­rer Schü­ler, mit­hil­fe sei­ner Mit­schü­ler, die der char­man­te Aoki um den Fin­ger gewi­ckelt hat, das Leben des Erzäh­lers zur Höl­le. Die Geschich­te hat mich fas­zi­niert, weil ich Men­schen wie Aoki ken­ne, immer wie­der tref­fe, im Off­line-Leben wie auch im Inter­net, wo es teil­wei­se noch viel ein­fa­cher ist, die­se Fähig­kei­ten erfolg­reich zum Ein­satz zu brin­gen und sich dar­zu­stel­len. Es hat mich gefes­selt, weil es mir manch­mal nicht viel anders geht als dem Erzäh­ler, wenn ich Men­schen tref­fe, bei denen ich recht schnell durch­schaue, dass all ihre Beschei­den­heit, Gerech­tig­keit und Freund­lich­keit bloß auf­ge­setzt sind, dass sich dahin­ter berech­nen­de Ego­zen­tri­ker ver­ste­cken, Bestä­ti­gungs­süch­ti­ge, die zur Stil­lung ihrer Sucht auch Scha­den ande­rer Men­schen in Kauf neh­men, manch­mal sogar gezielt her­bei­füh­ren. Die es schaf­fen, so gut den net­ten, freund­li­chen, gerech­ten, herz­li­chen Men­schen zu spie­len, dass ihre Umwelt ihnen die­se Mas­ke größ­ten­teils unhin­ter­fragt abkauft und die­sen Men­schen bereit­wil­lig alles glaubt, von der trü­ge­ri­schen Selbst­in­sze­nie­rung bis hin zu geziel­ten Lügen, um ande­re zu diskreditieren.

Auch ich muss zuge­ben, von die­ser Fähig­keit auf eine sehr absto­ßen­de Art beein­druckt zu sein. Men­schen, die für ihren Lebens­un­ter­halt lügen und betrü­gen, stüt­zen sich auf die­se Fähig­keit. Wer­bung und Mar­ke­ting nut­zen sie eben­falls, genau wie Dem­ago­gen und Hei­rats­schwind­ler. Eine Fähig­keit, die ich in Anleh­nung an die Vor­stel­lung von “dunk­ler Magie” als “dunk­le Empa­thie” bezeich­nen möch­te. Über Empa­thie als sol­che ver­fü­gen die­se Men­schen ohne Zwei­fel, denn sonst wären sie nicht so gut in dem, was sie tun, in ihrer täu­schen­den Selbst­dar­stel­lung und dem Knüp­fen emo­tio­na­ler Bin­dun­gen mit ande­ren Men­schen. Aber es ist Empa­thie, die ein­zig dazu dient, die Gefüh­le ande­rer zum eige­nen Nut­zen zu manipulieren.

Genau wie dem Erzäh­ler machen mir die­se Men­schen selbst kei­ne Angst. Ich kann ihnen aus dem Weg gehen oder kann ver­su­chen, ihre Mas­kie­rung in Fra­ge zu stel­len und ihr Büh­nen­bild zum Wackeln zu brin­gen. Aber auch ich habe Angst vor denen, die dar­auf her­ein­fal­len, die sich emo­tio­nal ver­zau­bern und (ver)führen las­sen, die sol­chen Men­schen bereit­wil­lig alles glau­ben, ihre Mei­nun­gen über­neh­men und sich mit­un­ter sogar instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, ohne irgend­et­was zu hin­ter­fra­gen, womit sie gro­ßen Scha­den anrich­ten können.

In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effizienz.

Ver­steht man bei­spiels­wei­se Twit­ter, Face­book oder Form­spring als cha­rak­te­ris­ti­sche Stell­ver­tre­ter der Social-Media-Diens­te, bedeu­tet dies unterm Strich, die 1:1‑Relationen in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Freun­den oder „Freun­den“ wer­den mit­tels die­ser Diens­te wesent­lich leich­ter, wesent­lich öfter in 1:n‑Relationen umgewandelt.

Für einen Dienst wie Form­spring, bei dem User ande­ren Usern Fra­gen stel­len kön­nen, auch anonym, die dann inklu­si­ve der dazu­ge­hö­ri­gen Ant­wor­ten allen ande­ren Usern zum Lesen zur Ver­fü­gung ste­hen, bedeu­tet dies kon­kret: Hat nur ein ein­zi­ger der User eine Fra­ge an einen bestimm­ten User gestellt, brau­chen sämt­li­che ande­ren User die­sel­be Fra­ge die­sem bestimm­ten User nicht noch ein­mal zu stel­len. Im Gegen­teil: Oft ist zu beob­ach­ten, dass es die Ant­wor­ten­den in der Regel nervt, wenn ein Fra­gen­der eine bereits beant­wor­te­te Fra­ge noch ein­mal stellt. Wenn nun bei­spiels­wei­se ein User in sei­ner form­spring-Kar­rie­re unge­fähr 500 Fra­gen beant­wor­tet hat, brau­chen alle ande­ren, die jene Fra­gen und deren Ant­wor­ten gele­sen haben, die­se 500 Fra­gen und zig Mil­lio­nen ande­re Fra­gen, die zu ähn­li­chen Ant­wor­ten geführt hät­ten, nicht mehr stel­len und wer­den mög­li­cher­wei­se vom Ant­wor­ten­den sogar dar­auf hin­ge­wie­sen, er wol­le die­se Fra­ge nicht noch ein­mal beant­wor­ten, denn das habe er ja bereits. Schon beim Umgang mit Blogs, Twit­ter oder Face­book ist bis­wei­len Ähn­li­ches zu beob­ach­ten, sodass es dann mit­un­ter zu Dia­lo­gen kommt, die wie folgt ver­lau­fen: „Hab ich dir schon das Neu­es­te erzählt?“ „Nein, aber ich hab’s in dei­nem Blog/in dei­nem Tweet/auf Face­book gele­sen.“ „Ach so.“

Es ist nicht mehr nötig, jedem der eige­nen Freun­de die neu­en Urlaubs­fo­tos zu zei­gen, wenn man sie ein­fach auf Face­book stel­len kann, wo sie jeder bequem anse­hen kann, wann immer es beliebt. Die Gesprä­che mit Freun­den über den neu­en Part­ner wer­den ersetzt durch eine Ände­rung des Bezie­hungs­sta­tus, der sofort von allen Freun­den zur Kennt­nis genom­men wer­den kann, ohne mit jedem von ihnen ein­zeln dar­über spre­chen zu müs­sen. Direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on weicht der Ver­öf­fent­li­chung von Infor­ma­tio­nen für ein Publi­kum, so als gebe man eine Pres­se­kon­fe­renz über die eige­ne Person.

All das bedeu­tet trotz bewuss­ter Über­zeich­nung, die Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­schiebt sich auf­grund der neu­en Ein­fach­heit, die die­se sozia­len Diens­te bie­ten, vom Schwer­punkt ein wenig weg von direk­ter 1:1‑Kommunikation, die aber natür­lich nicht ver­schwin­det, hin zu brei­te­ren 1:n‑Kommunikationskanälen, was bedeu­tet, dass es mög­lich wird, via Face­book, Twit­ter oder auch Form­spring vie­le Men­schen gleich­zei­tig über sei­ne Akti­vi­tä­ten, Gedan­ken, Mei­nun­gen und so wei­ter zu informieren.

Eine ehe­ma­li­ge Kom­mi­li­to­nin hielt Stu­diVZ gera­de des­we­gen für so prak­tisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freun­den sepa­rat (1:1) von Neue­run­gen in ihrem Leben erzäh­len müs­se, son­dern das ein­fach nur noch ins Stu­diVZ zu schrei­ben habe (1:n). Das ist zwar nun in die­sem Bei­spiel ein Extrem­fall, wenn auch wahr, den­noch lässt sich die all­ge­mei­ne Ten­denz all die­ser Diens­te damit beschrei­ben, dass sie objek­tiv ein Mit­tel zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung der Kon­takt­ver­wal­tung dar­stel­len und Red­un­danz abbauen.

Wenn man fünf Freun­den oder „Freun­den“ nicht mehr sepa­rat erzäh­len muss, was man ges­tern gemacht, wen man ken­nen­ge­lernt, was man gekauft oder gese­hen hat, son­dern das ledig­lich ein ein­zi­ges Mal auf einem Blog schrei­ben oder auf Face­book ver­öf­fent­li­chen muss, wo es alle fünf dann jeder­zeit nach­le­sen kön­nen, dann habe ich den Umgang mit mei­nen Freun­den opti­miert und des­sen Effi­zi­enz gestei­gert, weil ich Red­un­dan­zen abge­baut habe. Gleich­zei­tig erleich­tert das den Auf­bau eines wesent­lich grö­ße­ren „Freundes“-Kreises und erhöht das eige­ne »sozia­le Kapi­tal« (Bour­dieu), auf das man zugrei­fen kann. Zudem erstellt man gewis­ser­ma­ßen sein eige­nes Dos­sier, das man Inter­es­sen­ten an der eige­nen Per­son nur noch in die Hand zu drü­cken braucht – auch das Ken­nen­ler­nen oder viel­mehr das, was man dann für Ken­nen­ler­nen hält, wird dadurch opti­miert, beschleu­nigt, ver­ein­facht und letzt­lich effi­zi­en­ter. Das Sozia­le wird zunächst auf Daten reduziert.

Der Begriff der Objek­ti­vi­tät ist hier von gro­ßer Rele­vanz. Mei­ne beschrei­ben­den Wor­te möch­ten nicht aus­drü­cken, dass die­ser Effekt der Effi­zi­enz­stei­ge­rung in jedem Fall die sub­jek­ti­ve Inten­ti­on der Nut­zer ist, aber er ist den­noch das objek­ti­ve Resul­tat, so wie auch nie­mand mit der sub­jek­ti­ven Inten­ti­on ein­kau­fen geht, das Wirt­schafts­sys­tem zu erhal­ten oder den Staat mit­tels Steu­ern unter­stüt­zen zu wol­len, wäh­rend all die­se Din­ge jedoch gleich­zei­tig objek­ti­ves Ergeb­nis des Ein­kau­fens sind, ganz egal was die sub­jek­ti­ve Inten­ti­on sein mag.

Vie­le gesell­schaft­li­che oder indi­vi­du­el­le Ent­wick­lun­gen haben teil­wei­se ver­hee­ren­de Neben­fol­gen, die uns in den sel­tens­ten Fäl­len wirk­lich bewusst sind und die wir kei­nes­wegs als Inten­ti­on die­ses Han­delns anfüh­ren wür­den. Nie­mand beginnt mit dem Rau­chen, weil es so schön gesund­heits­ge­fähr­dend ist, und auch wenn das nicht sub­jek­ti­ve Inten­ti­on des Rau­chens ist, so ist es doch objek­ti­ver Effekt. Das glei­che trifft auf Umwelt­zer­stö­rung zu, da nie­mand (oder zumin­dest fast nie­mand) mor­gens mit dem Vor­ha­ben auf­steht, heu­te bewusst die Umwelt zu zer­stö­ren, son­dern weil es häu­fig der mehr oder weni­ger unbe­wuss­te Neben­ef­fekt vie­ler als völ­lig selbst­ver­ständ­lich erach­te­ter Hand­lungs­wei­sen ist, der nur dann über­haupt als Pro­blem begrif­fen und besei­tigt wer­den kann, wenn man sich die­ses Neben­ef­fekts tat­säch­lich bewusst wird.

Bei all den Vor­tei­len, die sol­che Social-Media-Diens­te bie­ten, ist dies, die­ser gesell­schaft­lich sank­tio­nier­te bis beding­te, unter ande­rem durch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se und der For­de­rung nach zuneh­men­der Mobi­li­tät und Fle­xi­bi­li­tät befeu­er­te und in Form die­ser Diens­te recht trans­pa­rent auf­tre­ten­de Effi­zi­enz­ge­sichts­punkt in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, einer die­ser unbe­wuss­ten Neben­ef­fek­te, über den etwas mehr Refle­xi­on viel­leicht ange­bracht wäre, um den Umgang mit die­sen Diens­ten ent­spre­chend bewuss­ter zu gestal­ten. Letzt­lich stellt sich näm­lich zumin­dest mir die Fra­ge, in wel­chem Maße eine sol­che Effi­zi­enz­stei­ge­rung des Zwi­schen­mensch­li­chen über­haupt wün­schens­wert erscheint und ob größt­mög­li­che Quan­ti­tät sowie der Gesichts­punkt der Effi­zi­enz dem Kon­zept ernst­haf­ter Freund­schaft nicht dia­me­tral widersprechen.

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nah­meli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt. Man erscheint immer wie­der, ob in der Schu­le oder am Arbeits­platz, ob auf direk­ten Befehl oder indi­rek­ten Druck – weil man soll. Obwohl man weiß, dass man auch an die­sem Abend mit Kopf­schmer­zen zu Hau­se ankom­men wird; obwohl man weiß, dass man von dem gan­zen Kram, der einem im Lau­fe des Tages abge­for­dert wird, schon seit lan­ger Zeit genug hat, weil es ein­fach zu viel, zu ner­vig, zu belas­tend ist; obwohl man weiß, man wird noch nicht ein­mal Gele­gen­heit haben, um über das nach­zu­den­ken, was man mit­ge­nom­men, was man erfah­ren, was man über­stan­den hat. Über­for­de­rung, Erschöp­fung, Kol­laps, Kapi­tu­la­ti­on und Schei­tern – die Dia­gno­se, sei sie nun von außen her­an­ge­tra­gen oder bereits ver­in­ner­licht, läuft in der Regel auf per­sön­li­che Defi­zi­te hin­aus, auf eige­ne Unzu­läng­lich­keit, weil man mit den Anfor­de­run­gen nicht klar­ge­kom­men ist.

Man setzt sich abends auf das hei­mi­sche Sofa, schal­tet den Fern­se­her ein und sieht einen Wer­be­spot für Kopf­schmerz­ta­blet­ten, der exem­pla­risch das Prin­zip der Schuld­zu­schrei­bung ver­deut­licht: Wer durch die äuße­ren Umstän­de Kopf­schmer­zen bekommt, durch Über­for­de­rung, durch Über­an­stren­gung oder Stress, der nimmt eine Kopf­schmerz­ta­blet­te und funk­tio­niert danach wie­der wie zuvor. Das Pro­blem ist folg­lich die man­geln­de per­sön­li­che Funk­ti­ons- und Belas­tungs­fä­hig­keit, nicht die äuße­ren Umstän­de, die über­haupt erst die Kopf­schmer­zen ver­ur­sacht haben. Man hört die Bot­schaft ganz deut­lich, sie schwingt im Hin­ter­grund stets mit wie ein Flüs­tern, zu lei­se, um sie wirk­lich zu fas­sen, aber laut genug, um sie die gan­ze Zeit zu füh­len: Du bist schuld.

Egal, wor­um es geht – Arbeits­platz­ver­lust, psy­chi­sche wie phy­si­sche Beschwer­den, schlech­te Schul­no­ten oder erdrü­cken­de Arbeits­an­for­de­run­gen –, die Ant­wort ist immer gleich: Du bist schuld!

Es ist indi­vi­dua­li­sier­te Schuld, denn es liegt immer an den jewei­li­gen Men­schen selbst, wenn sie beim schu­li­schen Ler­nen ein­fach nicht mit­kom­men, kei­nen Job fin­den oder in irgend­ei­ner Wei­se ihre Unzu­frie­den­heit zum Aus­druck brin­gen. Man ist selbst schuld, wenn man mit die­ser wun­der­ba­ren Welt nicht klar­kommt, denn mit der Welt an sich, mit ihren Zustän­den, Zwän­gen und Anfor­de­run­gen, ist alles in Ord­nung, so die sug­ges­ti­ve Dia­gno­se, deren Ein­fach­heit ver­lo­ckend ist; sie zer­stört jeg­li­chen Wider­stand und jeg­li­che Kri­tik, damit man sich den Lebens­um­stän­den ein­fach ergibt, wie immer sie auch aus­se­hen mögen, denn ein Kri­ti­ker ist bloß ein Nie­mand, der den Umstän­den nicht gewach­sen ist, ein Schwäch­ling, ein Versager.

Wer für einen Job nicht umzie­hen möch­te, weil das die Auf­ga­be von Freun­des­kreis, Umfeld und Milieu bedeu­ten wür­de, wer nicht bereit ist, mini­ma­le Löh­ne anzu­neh­men, von denen er nicht leben kann, der gilt als Ver­ur­sa­cher sei­nes eige­nen Elends, der trägt die Schuld. Wer zwei­hun­dert Kilo­gramm auf den Rücken gebun­den bekommt und unter die­ser Last zusam­men­bricht, der hat sich ein­fach nicht genug ange­strengt, der ist nicht koope­ra­tiv, der ist faul oder ein Tau­ge­nichts, aber in jedem Fall ist es sei­ne, ganz allein sei­ne indi­vi­du­el­le Schuld. Dass die Umstän­de an sich besorg­nis­er­re­gend sind, dass die Last erdrü­ckend ist, dass es nicht am Indi­vi­du­um liegt, wenn es den Anfor­de­run­gen nicht genü­gen kann oder sich ihnen nicht beu­gen will, wird gar nicht in Betracht gezogen.

Wer die Zustän­de für unzu­mut­bar hält und so tap­fer ist, die­se Mei­nung aus­zu­drü­cken, wer im Extrem­fall an die­sen Zustän­den zer­bricht, des­sen Ver­hal­ten wird psy­cho­lo­gi­siert, es liegt also an Kind­heit, am Ver­hält­nis zu den Eltern, an Pro­ble­men mit der Lie­be oder an ande­ren hin­ein­pro­ji­zier­ten Moti­ven, oder es wird patho­lo­gi­siert, der­je­ni­ge ist also depres­siv und krank oder sui­zi­dal, womit das Unbe­ha­gen über die Zustän­de der Welt gleich­ge­setzt wird mit einem gene­rel­len Schei­tern am Leben, denn wer die Welt in ihrer bestehen­den Ord­nung ablehnt, der ver­zweif­le am Leben an sich.

Das nor­ma­le Ver­hal­ten, das ein­ge­for­dert wird bis zur Selbst­er­schöp­fung, ist ein nor­ma­ti­ves Ver­hal­ten, denn wer mit die­sem nor­ma­len Ver­hal­ten nichts anfan­gen kann, der muss nor­ma­li­siert wer­den, also sein abnor­ma­les Ver­hal­ten auf­ge­ben, sei­nen Wider­stand gegen die Zustän­de, die ihn erdrü­cken, ein­stel­len, um die äuße­re Nor­ma­li­tät anzu­er­ken­nen, die auf ihn wirkt und über­haupt erst in die­se Lage gebracht hat.

Richard Sen­nett hat den fle­xi­blen Men­schen, der sich läs­sig bis zum Umfal­len sämt­li­che Anfor­de­run­gen einer sozi­al und tech­nisch hoch­ver­schal­te­ten Lebens­welt auf­bu­ckelt, als Mythos des noma­di­schen Tur­bo-Kapi­ta­lis­mus dis­kre­di­tiert. Der fle­xi­ble Mensch […] ist jener Robot, der sei­ne eige­ne Über­for­de­rung noch als Selbst­ver­wirk­li­chung ver­kauft, wäh­rend die Siche­run­gen durchbrennen.
(Goe­dart Palm bei Tele­po­lis)

So schleift man sich jeden Tag zurück, macht, was ver­langt wird, und behan­delt die Sym­pto­me – bei­spiels­wei­se mit­hil­fe von Kopf­schmerz­ta­blet­ten. Man macht sich kaputt, nimmt alles auf sich, ist maso­chis­tisch, aber es ist okay, denn man will kein Ver­sa­ger sein. Man bekommt Hil­fe, die man freu­dig ent­ge­gen­nimmt, wird gestützt und auf­ge­baut, um bloß nicht umzu­fal­len. Man glaubt, was im Hin­ter­grund lei­se rauscht: Du bist schuld!

Aber viel­leicht sind es ja gar nicht die so genann­ten Ver­sa­ger, mit denen etwas nicht stimmt. Wer die Welt, wie sie ist, nicht aus­ste­hen kann, der ist kein Fall für psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung oder die Lebens­be­ra­tung, son­dern kann pri­mär ein­fach nur die Welt nicht aus­ste­hen, so wie sie ist. Wer die Zustän­de zum Kot­zen fin­det, wer sich ihnen wider­setzt oder sie nicht aner­kennt, weil er viel­leicht sogar dar­an zer­bricht, der hat ein berech­tig­tes Anlie­gen – ein Anlie­gen, das mit per­sön­li­chen Defi­zi­ten nichts zu tun hat.

Freie Zeit gilt hier als Plage,
birgt sie Raum doch für Gedanken,
die sind stö­rend, gar verachtet,
brin­gen Welt­bil­der ins Wanken.

(2009)

Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen, Tra­di­tio­nen oder Hand­lungs­wei­sen begeg­net, die auf den ers­ten Blick plau­si­bel und ein­leuch­tend erschei­nen, fasst fol­gen­de Aus­sa­ge recht prä­gnant zusammen:

I’m try­ing to break you of the habit of auto­ma­ti­cal­ly say­ing, “Yes, this makes sen­se. I’ll accept it.” I’m try­ing to train you to pau­se and say, “Yes, this seems to make sen­se. But does it?”
(Dani­el Quinn – If They Give You Lined Paper, Wri­te Sideways)

Wir sind es gewohnt, ein der­art skep­ti­sches Ver­hal­ten an den Tag zu legen, wenn uns etwas ein wenig merk­wür­dig, zwei­fel­haft oder gar falsch vor­kommt. Weit­aus span­nen­der, weil grö­ße­ren Erkennt­nis­ge­winn ver­spre­chend, ist es aller­dings, die­ses Ver­hal­ten auch und gera­de bei den­je­ni­gen Phä­no­me­nen und Mecha­nis­men anzu­wen­den, die uns auf den ers­ten Blick, aus Gewohn­heit oder auf­grund des gesun­den Men­schen­ver­stands als durch­aus ver­nünf­tig erschei­nen – weil sie es näm­lich oft gar nicht sind, son­dern bloß so erschei­nen, da sie nie in Fra­ge gestellt werden.

Die ers­te Hand­lung des For­schers ist, die Fra­gen des gesun­den Men­schen­ver­stands (…) zu destru­ie­ren, sie völ­lig anders neu zu stellen.
(Pierre Bour­dieu – Was anfan­gen mit der Sozio­lo­gie?, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu werden.
(Sokra­tes)

In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit auf. Nen­nen wir die­se Per­son hier ein­fach ein­mal Peter. Peters Ver­hal­ten führ­te mit­un­ter so weit, dass es den gesam­ten Fort­schritt des Pro­jekts erheb­lich ver­zö­ger­te und zeit­wei­se sogar das Pro­jekt als Gan­zes gefährdete.

Wenn Peter vom Rest des Teams zur Rede gestellt wur­de, gelang es ihm meist, auf­grund sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Aus­strah­lung alle ande­ren Mit­glie­der mit­tels Aus­re­den zu besänf­ti­gen und auf die Zukunft zu vertrösten.

Ein­mal aller­dings, nach unzäh­li­gen sol­cher Ver­zö­ge­run­gen und Unzu­ver­läs­sig­kei­ten, kam es dann schließ­lich doch zu einer erns­ten Aus­spra­che, in der sich das Team recht ver­nünf­tig, wie mir schien, mit dem Pro­blem aus­ein­an­der­setz­te und Peter recht freund­lich, aber doch deut­lich klar mach­te, wes­halb ein sol­ches Ver­hal­ten nicht nur das Pro­jekt gefähr­de, son­dern auch zwi­schen­mensch­lich im all­ge­mei­nen recht ent­täu­schend sei. Danach bes­ser­te sich sein Ver­hal­ten vor­über­ge­hend ein wenig, doch gelöst wur­de das Pro­blem im End­ef­fekt nur, indem Peter schlicht weni­ger Auf­ga­ben zuge­teilt wur­den, die für das Pro­jekt wich­tig waren. Gelernt hat­te er aus dem Gespräch anschei­nend nichts.

Ein hal­bes Jahr spä­ter unge­fähr unter­hielt ich mich mit zwei ande­ren Team­mit­glie­dern noch ein­mal über das Pro­jekt im All­ge­mei­nen sowie über das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hal­ten Peters im Spe­zi­el­len. Einer der bei­den besuch­te auch in der Zeit nach Pro­jekt­ab­schluss noch diver­se Kur­se, an denen auch Peter teil­nahm, und konn­te uns somit von ein paar zusätz­li­chen Ein­drü­cken erzäh­len. Wir frag­ten uns, ob Peter lang­fris­tig aus sei­nen Feh­lern und unse­ren Dis­kus­sio­nen irgend­et­was gelernt hatte.

Die Ant­wort, die wir uns gaben, fiel recht ernüch­ternd aus und wur­de von einem der bei­den, mit denen ich mich unter­hielt, prä­gnant zusam­men­ge­fasst, indem er (nen­nen wir ihn Max) einen Satz zitier­te, den Peter in der dama­li­gen Dis­kus­si­on zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­ge­bracht hat­te: „Es ist bei mir halt so, dass ich den Kopf in den Sand ste­cke, wenn es Pro­ble­me gibt“.

Das Pro­ble­ma­ti­sche an die­sem einen Satz war nun nicht das Kopf-in-den-Sand-Ste­cken, son­dern das unschein­ba­re „es ist bei mir halt so“. Max erklär­te, es gebe sei­nes Erach­tens zwei Typen von Men­schen, näm­lich zum einen die­je­ni­gen, die glau­ben, Men­schen könn­ten sich nicht ändern, und die ande­ren. Die­ser eine Satz drück­te laut Max in weni­gen Wor­ten alles über Peter aus, was hin­sicht­lich die­ser zwei Typen von Bedeu­tung war: Peter gehört(e) zu ersteren.

Peter wird, dar­in waren wir uns einig, die glei­chen Feh­ler wie­der und immer wie­der machen, denn er lernt nichts aus die­sen Feh­lern, will gar nichts dar­aus ler­nen, weil er näm­lich glaubt, er sei „halt so“ – und nicht anders. Er nahm die Kri­tik zwar auf, zog dar­aus aber kei­ne per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen, weil das bedeu­tet hät­te, sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, etwas falsch gemacht zu haben, und weil das zugleich bedeu­ten wür­de, Enga­ge­ment und Gedan­ken in die eige­ne Ver­än­de­rung oder Wei­ter­ent­wick­lung ste­cken zu müs­sen, wäh­rend die ande­re Lösung, die gewähl­te Lösung, doch so viel ein­fa­cher ist: Ich bin halt so – da kann man nichts machen.

Doch man kann, denn nie­mand ist „halt so“. „Ich bin halt so“ ist Schwach­sinn. Es gibt kein fer­ti­ges Sein, kei­ne abge­schlos­se­ne Per­sön­lich­keit. „Ich bin halt so“ ist eine Aus­re­de und gleich­zei­tig eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung. Nur die­je­ni­gen, die die­sen Glau­ben tei­len, wer­den genau so blei­ben. Wer sich selbst davon über­zeugt, er sei „halt so“, wird sich auch immer wie­der gleich ver­hal­ten, immer wie­der die glei­chen Feh­ler machen und die­se Feh­ler als Bestä­ti­gung sehen, „halt so“ zu sein, anstatt dar­aus für die Zukunft irgend­et­was zu lernen.

Eine ande­re Per­son ver­band die­se mit beharr­li­cher Kon­se­quenz ver­tre­te­ne Über­zeu­gung, „halt so“ zu sein, mit noch einem ande­ren Dog­ma. Als ich sie ein­mal frag­te, wel­che Ent­schei­dun­gen sie bereue oder in wel­chen Fäl­len sie sich, im Nach­hin­ein betrach­tet, ein­mal falsch ent­schie­den hät­te oder sich heu­te anders ent­schei­den wür­de, ant­wor­te­te sie mir, es gebe in ihrem Leben bis­her kei­ne sol­chen Ent­schei­dun­gen. Zunächst glaub­te ich noch, das sei nur ein Aus­wei­chen, um der Beant­wor­tung der Fra­ge zu ent­ge­hen, doch was sie sag­te, mein­te sie tat­säch­lich voll­kom­men ernst, wie sich in der fol­gen­den Zeit noch herausstellte.

Im End­ef­fekt bedeu­tet das, was sie damit aus­drück­te, dass sie von sich selbst und für sich selbst glaubt, noch nie wirk­lich einen Feh­ler gemacht zu haben – nichts ande­res sind Ent­schei­dun­gen, die man bereut. Kann es einen sol­chen Men­schen über­haupt geben? Ist das schlicht posi­ti­ves Den­ken in einer absur­den, sei­ner auf die Spit­ze getrie­be­nen Form? Oder Arro­ganz? Kei­ne Ent­schei­dun­gen zu bereu­en heißt eben auch: Nie­mals um Ver­zei­hung zu bit­ten, wenn man ande­ren auf die Füße tritt.

Um ihre Ant­wort zu erklä­ren, argu­men­tier­te sie, dass sie nur dann wie­der genau der sel­be Mensch wer­den wür­de, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen, also auch Feh­ler, die uns präg­ten, erneut genau­so tref­fen wür­de, wie sie sie tat­säch­lich getrof­fen hat. Wür­de sie sich an irgend­ei­ner Stel­le anders ent­schei­den, wür­de sie damit zugleich eine ande­re Per­sön­lich­keit wer­den – dies wür­de sie ger­ne ver­mei­den, weil es das Schick­sal eben so gewollt hät­te und sie damit recht zufrie­den sei.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist so rich­tig wie tri­vi­al. Natür­lich hat­te sie Recht: Sie ist heu­te, wer sie ist, eben weil sie sich so ent­schie­den hat, wie sie sich ent­schie­den hat, und sie wür­de nur wie­der genau der sel­be Mensch wer­den, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen erneut genau­so trä­fe. Bloß: Was sagt einem das? Alles und nichts.

Wenn sich ein Mensch tat­säch­lich die Fra­ge stel­len kann: „Wür­de ich alles, was ich in mei­nem Leben je getan habe, in der glei­chen Situa­ti­on wie­der genau­so machen?“, um dies dann mit Ja zu beant­wor­ten, hal­te ich das, egal bei wem, für Selbst­be­trug. Etwas beim zwei­ten Mal anders zu machen, eine Ent­schei­dung im Nach­hin­ein zu revi­die­ren, zeugt mei­nes Erach­tens kei­nes­wegs davon, eine ande­re Per­son sein zu wol­len oder mit der eige­nen Per­sön­lich­keit unzu­frie­den zu sein. Es heißt nur, dass man aus Feh­lern ler­nen kann, dass man nicht per­fekt ist und sich auch nicht dafür hält. Völ­lig zu Recht sag­te sie: Feh­ler prä­gen uns. Doch gera­de aus die­sem Grund hal­te ich es für ver­mes­sen, im Nach­hin­ein – die­ser rück­bli­cken­den Argu­men­ta­ti­on fol­gend – mit Kennt­nis des Feh­lers den­sel­ben noch ein­mal bege­hen zu wollen.

Zufrie­den­sein und Ent­schei­dun­gen zu bereu­en schließt sich nicht aus. Im Gegen­teil: Man kann mit sich selbst zufrie­den sein und trotz­dem Ent­schei­dun­gen bereu­en; man kann sogar mit sich selbst zufrie­den sein, gera­de weil man Ent­schei­dun­gen bereut.

Ein zuge­spitz­tes Bei­spiel soll das Gan­ze ver­deut­li­chen: Wenn ich weiß, dass eine mei­ner Ent­schei­dun­gen einen Men­schen das Leben kos­te­te, wel­chen Grund soll­te ich haben, die­se Ent­schei­dung noch ein­mal genau­so zu tref­fen? Viel­leicht hat sie für mich per­sön­lich im End­ef­fekt dazu geführt, dass ich in Zukunft vor­sich­ti­ger bin, war für mich also alles in allem posi­tiv, aber ermu­tigt oder ent­schul­digt das, sie noch ein­mal genau so zu tref­fen, um wie­der genau der zu wer­den, der ich jetzt bin? Über meta­pho­ri­sche Lei­chen zu gehen und Feh­ler zu wie­der­ho­len, bloß um erneut der­je­ni­ge zu wer­den, der man jetzt ist, zeugt viel­leicht weni­ger von Selbst­zu­frie­den­heit als von Selbst­ge­fäl­lig­keit und einem ego­zen­tri­schen Welt­bild. Da scheint es wie­der durch: Ich bin halt so – und nicht anders.

Ein wenig ähnelt die­se Argu­men­ta­ti­on im Grun­de Vol­taires naiv-opti­mis­ti­schem Can­d­i­de, der glaubt, alles sei gut und gesche­he zu Recht, auch Krieg, Leid und Armut, da er sich in der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten wähnt und folg­lich den jet­zi­gen Zustand als den bes­ten aller mög­li­chen begreift. Somit ist alles gut, was geschieht und bis hier­hin geschah. Pangloss, der Leh­rer Can­d­i­des, der ihm die Leh­re der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten ursprüng­lich nahe­ge­bracht hat­te, sieht in allem Schlech­ten, das geschieht, etwas Gutes und recht­fer­tigt des­sen Exis­tenz, sei es Syphi­lis oder Krieg, aus einem rela­ti­vie­ren­den, aner­ken­nen­den Blick­win­kel, anstatt es als Schlech­tes wahr­zu­neh­men und dar­an zu arbei­ten, es zu ändern. Selbst als Can­d­i­de am Ende, lan­ge aus sei­nem Para­dies ver­trie­ben, soviel Leid erfah­ren und durch­lebt hat, ver­sucht Pangloss noch immer, alles Schlech­te schön­zu­re­den, was selbst Can­d­i­de mitt­ler­wei­le nicht mehr ernst neh­men kann:

„Jeg­li­che Bege­ben­heit im mensch­li­chen Leben gehört in die Ket­te der Din­ge. Denn wären Sie nicht Baro­neß Kun­e­gun­dens hal­ber mit der­ben Fuß­trit­ten aus dem schöns­ten aller Schlös­ser gejagt, von der Inqui­si­ti­on nicht ein­ge­zo­gen wor­den, hät­ten Sie nicht Ame­ri­ka zu Fuße durch­wan­dert, dem Herrn Baron nicht einen tüch­ti­gen Stoß mit dem Degen ver­setzt, nicht all’ ihre Ham­mel aus dem guten Lan­de Eldo­ra­do ein­ge­büßt, so wür­den Sie jetzt nicht hier ein­ge­mach­ten Zedrat und Pis­ta­zi­en essen.“

Wird die­se Argu­men­ta­ti­on kon­se­quent wei­ter­ge­führt und dra­ma­ti­siert, lässt sich damit von der Ent­schei­dung zwi­schen Döner oder Piz­za über Mob­bing bis hin zu Mord alles schön­re­den, was zum heu­ti­gen Zustand führ­te. Ihr liegt der Glau­be zugrun­de, der Zustand, wie er ist, recht­fer­ti­ge alles, was zu ihm führ­te, adle jedes Gesche­hen, gebe allem einen posi­ti­ven Sinn, mache alles Schlech­te gut. Nicht bloß ist das naiv und ego­zen­trisch, son­dern auch gefähr­lich, ob hin­sicht­lich des Zustands der Welt oder dem der eige­nen Person.

Rück­bli­ckend betrach­tet glau­be ich, dass dies ledig­lich eine Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie ist, sich die lang­jäh­rig kul­ti­vier­te „ich bin halt so“-Überzeugung mit einem Zir­kel­schluss makel­los schön­zu­re­den: Wenn ich „halt so bin“, wie ich bin, und alles, was hier­hin führ­te, gut ist, dann bin ich so, wie ich „halt bin“, per­fekt. Kein Grund, das eige­ne Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, in Fra­ge zu stel­len oder gar zu ändern. Wenn ich durch mei­ne Unzu­ver­läs­sig­keit bei­spiels­wei­se ver­ges­se, ande­ren Leu­ten einen Ter­min abzu­sa­gen, für den sie extra 500km fah­ren müs­sen, dann ist das gar kein Feh­ler, denn so kom­men die ande­ren wenigs­tens mal raus. So ein­fach kann das Leben sein. Was als flap­si­ger Spruch noch lus­tig ist, ver­kommt zu Selbst­be­trug und Respekt­lo­sig­keit ande­ren gegen­über, sobald es jemand wirk­lich ernst meint.

In Wahr­heit aller­dings ist nie­mand von uns per­fekt. Feh­ler, die ein Mensch macht und sich selbst ein­ge­steht, sind nor­mal und ver­zeih­bar. Doch wenn ein Mensch, wie die­se Bei­spie­len zei­gen, nicht bloß Feh­ler macht, son­dern noch dazu sei­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die zu gera­de die­sen Feh­lern führ­ten, als „halt so“ und damit als unver­än­der­lich begreift oder die Feh­ler als sol­che nicht ein­mal in Erwä­gung zieht, son­dern statt­des­sen sich selbst und sei­ner Umwelt ein­re­det, kei­ne feh­ler­haf­ten Ent­schei­dun­gen getrof­fen zu haben, wird solch ein Mensch auf lan­ge Zeit unaus­steh­lich und sei­ne Feh­ler unver­zeih­lich. Sie gesche­hen dann auch tat­säch­lich immer wieder. 

Men­schen ändern sich – wenn sie es wollen.

Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesell­schafts-Talk­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on sich dabei um poli­ti­sche, um gesell­schaft­li­che oder um per­sön­li­che The­men dreht und ob ich mich mit einer Sei­te der Dis­kus­si­on iden­ti­fi­zie­ren kann oder nicht. Was mich auf­regt, ist der jewei­li­ge Drang, alle ande­ren mit mis­sio­na­ri­schem Eifer von der eige­nen Posi­ti­on und der eige­nen Art zu leben über­zeu­gen zu wol­len. Vege­ta­ri­er wol­len Fleisch­esser zu Vege­ta­ri­ern kon­ver­tie­ren, Fau­len­zer wol­len Kar­rie­re­men­schen zum locke­ren Leben erzie­hen, Opern­gän­ger dif­fa­mie­ren DSDS-Gucker ob ihrer Kul­tur­lo­sig­keit und jeweils ent­spre­chend umge­kehrt. War­um eigentlich?

Ich strei­te ger­ne mit ande­ren Leu­ten über The­men, bei denen wir uns nicht einig sind. Es macht Spaß und erwei­tert den eige­nen Hori­zont. Von außen ist das, was ich tue, für einen objek­ti­ven Beob­ach­ter wahr­schein­lich nur schwer von Über­zeu­gungs­ar­beit zu unter­schei­den (und viel­leicht tue ich des­we­gen den beschrie­be­nen Per­so­nen teil­wei­se unrecht), doch mei­ne eige­ne Moti­va­ti­on dazu ist kei­nes­wegs das mis­sio­na­ri­sche Bestre­ben, den ande­ren von mei­ner indi­vi­du­el­len Posi­ti­on zu über­zeu­gen und das Gan­ze ideo­lo­gisch womög­lich noch mit der ver­meint­li­chen Erzie­hung zu einer bes­se­ren Welt auf­zu­la­den, wie es so oft prak­ti­ziert wird, son­dern eine weit­aus egoistischere:

Ich möch­te für mich selbst – und zwar nur für mich selbst – die bes­te Art zu leben fin­den, die ich ger­ne guten Gewis­sens lebe und die mir sowohl Spaß als auch ein befrie­di­gen­des Leben ermög­licht, so schwam­mig und banal das nun auch klin­gen mag. Außer­dem hilft es mir, mei­ne Mit­men­schen und ihre eige­ne Art zu leben bes­ser zu verstehen.

Es gibt kei­nen einen rich­ti­gen Weg zu leben, der für alle Men­schen all­ge­mein­gül­tig ist. Alle ande­ren von mei­ner Art zu leben, mei­nen Stand­punk­ten und mei­nen Mei­nun­gen über­zeu­gen zu wol­len, spricht für mich recht deut­lich von einer into­le­ran­ten Grund­hal­tung und über­schät­zen­der Ver­herr­li­chung der eige­nen Positionen.

Des­we­gen lie­be ich es, mit Men­schen zu dis­ku­tie­ren, die eine völ­lig ande­re Mei­nung ver­tre­ten als ich selbst. Ich dis­ku­tie­re ger­ne mit Par­tei­mit­glie­dern jeg­li­cher Art, mit Vega­nern, mit fun­da­men­ta­lis­ti­schen Gen­tech­nik­geg­nern oder ‑befür­wor­tern, mit Gläu­bi­gen und mit Anhän­gern eines völ­lig frei­en Mark­tes, mit Befür­wor­tern von Stu­di­en­ge­büh­ren und mit unbeug­sa­men Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern genau­so wie mit den Advo­ka­ten glo­ba­ler Aus­beu­tung, weil ich mit jeder die­ser Dis­kus­sio­nen her­aus­fin­den möch­te, wel­che Argu­men­te der ande­re vor­brin­gen kann, über wel­che Erfah­run­gen er ver­fügt, wie er zu sei­ner Mei­nung gekom­men ist und wie kon­se­quent er sie ver­tre­ten kann. Letzt­lich also, um her­aus­zu­fin­den, wie über­zeu­gend er ist. Nicht pri­mär, weil ich ihn über­zeu­gen möch­te, son­dern weil er viel­leicht Argu­men­te her­vor­bringt, die ich nach­voll­zie­hen kann, die mir sinn­voll und stich­hal­tig erschei­nen oder mich wenigs­tens ins Grü­beln brin­gen, die mir letzt­end­lich also hel­fen, mei­ne eige­nen Posi­tio­nen, Mei­nun­gen und Über­zeu­gun­gen fun­diert zu unter­mau­ern oder zu hin­ter­fra­gen und damit schließ­lich dazu bei­tra­gen, mei­nen eige­nen, für mich – und nur für mich – bes­ten Weg zu finden.

Wenn ich allei­ne etwas dar­aus mit­neh­me, ist das bereits gut, doch wenn idea­ler­wei­se alle betei­lig­ten Dis­ku­tan­ten im Zuge als auch in Fol­ge der Dis­kus­si­on ihre Posi­tio­nen kri­tisch reflek­tie­ren, ist das ein vol­ler Erfolg, denn nicht mehr und nicht weni­ger ist dabei mein vor­nehm­li­ches Ziel. Wenn einer oder meh­re­re der Betei­lig­ten, das beinhal­tet selbst­ver­ständ­lich auch mich selbst, infol­ge­des­sen ihre Mei­nung ändern, ist das ein will­kom­me­ner Effekt, denn wir alle ler­nen stän­dig dazu, aber nicht wesent­li­cher Antrieb und soll­te das auch nicht sein.

Der Unter­schied klingt ent­we­der tri­vi­al oder höchst kom­plex, denn es geht dar­um, poten­ti­ell über­zeu­gend zu sein, also die eige­ne Mei­nung kon­sis­tent, fun­diert, kon­se­quent und über­zeugt zu ver­tre­ten, ohne über­zeu­gen, ohne mis­sio­nie­ren zu wol­len, dabei aber immer offen für eige­ne Über­zeu­gung durch neue Argu­men­te zu sein.

Über­zeu­gungs­ar­beit ist immer Macht­durch­set­zung. Wer behaup­tet, DSDS-Gucker ver­füg­ten über kein Ver­ständ­nis für Kul­tur und Fau­len­zer wür­den ihr Leben ver­schwen­den, übt damit Macht aus, indem er die Deu­tungs­ho­heit anstrebt und durch­zu­set­zen ver­sucht, was unter legi­ti­mer Kul­tur und Lebens­füh­rung zu ver­ste­hen sei. Alle, die nicht die­sen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen, wer­den dadurch im- oder gar expli­zit für fehl­ge­lei­tet und ihre Lebens­wei­se für falsch erklärt, wohin­ge­gen die eige­ne stets die rich­ti­ge – die angeb­lich eine rich­ti­ge – ist. Wie so vie­les dreht sich hier­bei alles um Macht und weni­ger um Fra­gen per­sön­li­cher Vor­lie­ben, als die es kaschiert wird, denn gin­ge es ledig­lich um per­sön­li­che Vor­lie­ben, bestün­de nicht das Bestre­ben, ande­re von eben die­sen über­zeu­gen zu wollen.

Das ein­zi­ge – und hier wird es para­dox -, wovon ich ande­re über­zeu­gen möch­te, ist auf der einen Sei­te, dass es ein unver­nünf­ti­ges, weil ten­den­zi­ell tota­li­tä­res Unter­fan­gen ist, ande­re ver­bis­sen von der eige­nen Art zu leben über­zeu­gen zu wol­len, sowie auf der ande­ren Sei­te, offen für Über­zeu­gung durch Argu­men­te zu blei­ben, denn sonst ver­rennt man sich in Fundamentalismus.