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Kritik macht einsam

Kritische Auseinandersetzung mit dem System und seiner Propaganda macht einsam. Denn in aller Regel zieht ja das soziale Umfeld (Kollegen, Familie, Freunde, Partner etc.) nicht mit, wenn einer anfängt, herrschende Ideologien in Frage zu stellen. Die Folgen reichen von Spott und Distanzierung bis hin zu sozialer Isolierung. Es muss einer schon ein gehöriges Maß an Autonomie und Kraft (im Sinne von Ichstärke) mitbringen, um sich von solchen Mechanismen nicht kleinkriegen zu lassen, d.h. sich diesem Gruppendruck nicht anzupassen und die aus einer kritischen Geisteshaltung notwendig resultierende Vereinsamung zu ertragen.
(Mrs. Mop in den Kommentaren dieses Beitrags)

Schneckenhaus

Der Mensch will nur,
dass man versteht,
was in ihm drin
so vor sich geht.
Er will das freilich
ohne Mühe,
mag nicht reden,
sich erklären,
will nicht
aus dem Häuschen kommen,
zu viel Welt
macht ihn beklommen;
öffnet keinem
seine Pforte,
zäunt sich ein,
verliert kaum Worte;
und klopft doch mal einer an,
verschließt er sich,
so gut er kann,
dann brüllt er:
Keiner soll es wagen,
durch ein Fenster reinzuspähn! –
und jammert stets
tagein, tagaus:
Ach, wenn es da nur jemand‘ gäbe,
der versucht‘,
mich zu verstehn.

(2010)

In deinem Bunker

Wer von Geheimnissen lebt, verschreibt sein Dasein der ständigen Angst vor Offenbarung. Heute weiß ich, du hattest eine selbstzerstörerische Vorstellung, die jeden Zug deines Handelns bestimmte und der du treu warst wie einem Dogma. Du warst so sehr von diesem Grundsatz überzeugt, den du dir aus Gründen kultiviert hattest, die mir für immer verborgen bleiben werden, dass für dich die Konsequenzen deiner Überzeugung weder überschaubar waren noch beachtenswert erschienen.
Jede ernsthafte Verbindung zwischen zwei Menschen könne nur Bestand haben, so predigtest du mir und jedem anderen, der das Unglück hatte, dieses Thema einmal anzuschneiden, wenn man die Impulse und Geheimnisse des Anderen nicht hinterfrage. Was du mit diesem Satz zum Ausdruck brachtest, das hieß in letzter Konsequenz, dem Anderen auf ewig ein Fremder zu bleiben, den Abstand niemals zu verlieren, der zwischen jenen steht, die sich nicht kennen. Aber was waren deine Geheimnisse? Es war vor allem Angst, muss ich rückblickend heute sagen. Du hattest Angst, ich könnte alles über dich erfahren, so als gäbe es ein festes Kontingent an Informationen über eine lebende Person. Du hattest Angst, ich könnte das Interesse an dir schnell wieder verlieren, wenn du mir nicht länger ein Mysterium offerierst, als wäre eine solche Geheimnislosigkeit zwischen zwei Menschen jemals möglich.
Da waren keine bestürzenden Sünden, keine gefährlichen Geheimnisse, die du vor mir verbargst, die du aus Scham hinter einer Nebelwand hättest verstecken müssen, sondern nur dieses eine: Deine tief verwurzelte Angst, ohne streng gehütete Geheimnisse, ohne den Schleier des Mysteriösen für einen anderen, für mich, auf einmal völlig uninteressant zu erscheinen. Du hattest Angst, du würdest dann berechenbar, du hattest Angst, du wärst durchschaut, wärst für mich fertig, ich würde dann an dir nichts mehr entdecken wollen und auch gar nichts mehr entdecken können.
Bei jeder Gelegenheit, bei jeder noch so banalen Meinungsverschiedenheit hast du mich immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dir deine verborgenen Geheimnisse sind, und du machtest mir wildeste Szenen, wenn ich es jemals wagte, eine deiner Handlungen auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Es war für dich bequem. Du führtest dich auf wie eine Regierung unter Paranoia, die jede Anfrage mit einem schnippischen Verweis auf nationale Sicherheit verwehrt, weil ihre lästige Bevölkerung das alles gar nicht wissen muss. Wolltest du etwas nicht erklären – vielleicht konntest du es dir selbst gar nicht erklären -, dann deklariertest du es als Geheimnis, dein Geheimnis, und ich durfte es nicht hinterfragen, weil das in deiner Logik doch bedeutet hätte, ich würde dich nicht lieben. Das war dein Vorwurf, noch jedes Mal, wenn du deine Geheimnisse in Gefahr geraten sahst. „Du musst das nicht verstehen“, sagtest du anlässlich jeder Irritation, wenn mir deine Handlungen ein Rätsel aufgaben, und genau das freute dich daran, denn es war ein weiteres Geheimnis, das ich nicht ergründen konnte, das ich nicht ergründen durfte.
Du öffnetest dich nur in kleinen, penibel abgegrenzten Stücken, du teiltest mir nur mit, was du mir mitteilen wolltest, all die guten Dinge, die schönen Seiten, all das, von dem du dachtest, es würde dich am besten präsentieren. Das war deine Vorstellung von Kommunikation. Stets hieltst du etwas vor mir zurück, umgingst die offene Diskussion, ja jede Konfrontation, weil dies für dich zugleich bedeutete, sich einer möglichen Verletzung zu offenbaren, die dir so unvermeidlich schien, wenn du aus deinem Geheimnisbunker gekrochen wärst. Du hattest so viel Angst vor diesen Chimären, so viel Furcht vor Fraktur, dass du die wirklichen Verletzungen gar nicht wahrgenommen hast, die deine Geheimniskrämerei uns mehr und mehr zugefügt hat.
Aber wer von uns war es nun, der nicht liebte? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, so sagt man, und was du für dich aus diesem Sprichwort mitnahmst, das war die Vorstellung, bei Liebe handele es sich um eine Art von Krieg. Jedes Geheimnis, das du mir offenbartest, stellte für dich ein kapitulierendes Eingeständnis dar, eine verlorene Schlacht, eine schleichende Verschiebung der Front hin zu dir, was am Ende zu deiner Niederlage in diesem Krieg führen würde und führen müsste, denn es war ja Liebe, und Liebe war Krieg, und Krieg bedeutete, dass einer am Ende der Verlierer sein muss. Du warst nicht gewillt, dich wirklich auf einen anderen Menschen einzulassen, sonst hättest du gewusst, dass du dein Spiel mit den Geheimnissen gar nicht brauchst; du machtest dich durch sie bloß künstlich interessant. Alles an dir verstecktest du in einem Panzerschrank, den du mit Kerberos‘ Verbissenheit bewachtest, weil in dir die Befürchtung wuchs, ich würde dich ganz unbarmherzig ausplündern und zurücklassen, wenn ich denn erst den Code zu deinem Leben wüsste, wenn ich Zugang zu deinem Inneren bekäme.
Du hegtest nie den Wunsch, von mir verstanden zu werden, du wolltest dich nie öffnen, nie unsere Welten miteinander teilen. Immer hattest du die Furcht, ich würde dich verlassen, wären da nicht die Geheimnisse an dir, die mich für alle Ewigkeit wie einen Schatzsucher an dich binden sollten. Hättest du dich wirklich auf mich eingelassen, dann hättest du den Köder nicht gebraucht. Liebe bedarf keiner Geheimnisse. Liebe akzeptiert Geheimnisse, aber sie hat sie nicht nötig, weil es für Liebende ohnehin auf ewig Neues zu entdecken gibt. Liebe sucht, entdeckt, erforscht, ohne dass du etwas wegschließen musst, weil der geliebte Mensch an sich doch das Geheimnis ist, das Liebende so gern ergründen, solange ihre Liebe währt. Noch heute hoffe ich für dich, du wirst das irgendwann verstehen.

Der chronisch Verbitterte

Der chronisch Verbitterte bemerkte seine Krankheit nur einmal in der Woche: am Sonntagnachmittag. Dann, wenn weder seine Arbeit noch die Routine ihm halfen, die Symptome zu lindern, bemerkte er, daß irgend etwas nicht stimmte. Denn der Frieden dieser Nachmittage war die reinste Hölle, die Zeit verging nicht, und er war ständig gereizt. Doch dann wurde es wieder Montag, und der Verbitterte vergaß seine Symptome, auch wenn er schimpfte, daß er niemals Zeit hätte, sich auszuruhen, und sich darüber beklagte, daß die Wochenenden immer so schnell vergingen. Diese Krankheit hatte jedoch einen Vorteil. Sie war gesellschaftlich gesehen bereits zur Regel geworden. Der größte Teil der Verbitterten konnte draußen weiterleben, ohne die Gesellschaft zu bedrohen, da sie wegen der Mauern, die sie um sich errichtet hatten, vollkommen isoliert waren, obwohl es so aussah, als nähmen sie am sozialen Leben teil.
(Paulo Coelho – Veronika beschließt zu sterben)