Schlagwortarchiv für: Max Frisch

Unse­re Mei­nung, dass wir das ande­re ken­nen, ist das Ende der Lie­be, jedes­mal, aber Ursa­che und Wir­kung lie­gen viel­leicht anders, als wir anzu­neh­men ver­sucht sind – nicht weil wir das ande­re ken­nen, geht unse­re Lie­be zu Ende, son­dern umge­kehrt: weil unse­re Lie­be zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, dar­um ist der Mensch fer­tig für uns. Er muß es sein. Wir kön­nen nicht mehr! Wir kün­di­gen ihm die Bereit­schaft, auf wei­te­re Ver­wand­lun­gen ein­zu­ge­hen. Wir ver­wei­gern ihm den Anspruch alles Leben­di­gen, das unfaß­bar bleibt, und zugleich sind wir ver­wun­dert und ent­täuscht, dass unser Ver­hält­nis nicht mehr leben­dig sei. „Du bist nicht“, sagt der Ent­täusch­te oder die Ent­täusch­te, „wofür ich dich gehal­ten habe“. Und wofür hat man sich denn gehal­ten? Für ein Geheim­nis, das der Mensch ja immer­hin ist, ein erre­gen­des Rät­sel, das aus­zu­hal­ten wir müde gewor­den sind. Man macht sich ein Bild­nis. Das ist das Lieb­lo­se, der Verrat.
(Max Frisch – Tage­buch 1946–1949)

Vie­le erken­nen sich selbst, nur weni­ge kom­men dazu, sich auch selbst anzu­neh­men. Wie­viel Selbst­er­kennt­nis erschöpft sich dar­in, den andern mit einer noch etwas prä­zi­se­ren und genaue­ren Beschrei­bung unse­rer Schwä­chen zuvor­zu­kom­men, also in Koket­te­rie! Aber auch die ech­te Selbst­er­kennt­nis, die eher stumm bleibt und sich wesent­lich nur im Ver­hal­ten aus­drückt, genügt noch nicht, sie ist ein ers­ter, zwar uner­läß­li­cher und müh­sa­mer, aber kei­nes­wegs hin­rei­chen­der Schritt. Selbst­er­kennt­nis als lebens­läng­li­che Melan­cho­lie, als geist­rei­cher Umgang mit unse­rer frü­he­ren Resi­gna­ti­on ist sehr häu­fig, und Men­schen die­ser Art sind für uns zuwei­len die net­tes­ten Tisch­ge­nos­sen; aber was ist es für sie? Sie sind aus einer fal­schen Rol­le aus­ge­tre­ten, und das ist schon etwas, gewiß, aber es führt sie noch nicht ins Leben zurück… Daß die Selbst­an­nah­me mit dem Alter von sel­ber kom­me, ist nicht wahr. Dem Älte­ren erschei­nen die frü­he­ren Zie­le zwar frag­wür­di­ger, das Lächeln über unse­ren jugend­li­chen Ehr­geiz wird leich­ter, bil­li­ger, schmerz­lo­ser; doch ist damit noch kei­ner­lei Selbst­an­nah­me geleis­tet. In gewis­ser Hin­sicht wird es mit dem Alter sogar schwie­ri­ger. Immer mehr Leu­te, zu denen wir in Bewun­de­rung empor­schau­en, sind jün­ger als wir, unse­re Frist wird kür­zer und kür­zer, eine Resi­gna­ti­on immer leich­ter in Anbe­tracht einer doch ehren­vol­len Kar­rie­re, noch leich­ter für jene, die über­haupt kei­ne Kar­rie­re mach­ten und sich mit der Arg­list der Umwelt trös­ten, sich abfin­den kön­nen als ver­kann­te Genies… Es braucht die höchs­te Lebens­kraft, um sich selbst anzu­neh­men… In der For­de­rung, man sol­le sei­nen Nächs­ten lie­ben wie sich selbst, ist es als Selbst­ver­ständ­lich­keit ent­hal­ten, daß einer sich selbst lie­be, sich selbst annimmt, so wie er (…) ist. Allein auch mit der Selbst­an­nah­me ist es noch nicht getan! Solan­ge ich die Umwelt über­zeu­gen will, daß ich nie­mand anders als ich selbst bin, habe ich not­wen­di­ger­wei­se Angst vor Miß­deu­tung, blei­be ihr Gefan­ge­ner kraft die­ser Angst…
(Max Frisch – Stiller)

Wer sich nicht mit Poli­tik befaßt, hat die poli­ti­sche Par­tei­nah­me, die er sich spa­ren möch­te, bereits voll­zo­gen: er dient der herr­schen­den Partei.
(Max Frisch)

Nach etwa einem hal­ben Jahr hat­te sie das bit­te­re Gefühl, alle Men­schen ent­täuscht zu haben. Sie hat­te ein Büch­lein voll Adres­sen, aber wag­te nie­mand mehr anzu­ru­fen. Womit hat­te sie alle die­se freund­li­chen Freun­de ent­täuscht? Sie wuß­te es nicht, sie erfuhr es nicht. Es bedrück­te sie ernst­haft. Indes­sen, und dies ver­wirr­te Sibyl­le noch mehr, hat­te sie über­haupt nichts ver­scherzt, ganz und gar nicht; traf man sich zufäl­lig, tön­te es genau wie beim ers­ten­mal: Hal­lo Sibyl­le! und auf der andern Sei­te war kei­ne Spur von Ent­täu­schung. All die­se offe­nen und so selbst­ver­ständ­li­chen Leu­te, schien es, erwar­te­ten nicht mehr von einer mensch­li­chen Bezie­hung; sie brauch­te nicht wei­ter­zu­wach­sen, die­se so freund­li­che Bezie­hung. Und das war für Sibyl­le wohl das Trau­ri­ge; nach zwan­zig Minu­ten ist man mit die­sen Men­schen so weit wie nach einem hal­ben Jahr, wie nach vie­len Jah­ren, es kommt nichts mehr hin­zu. Es bleibt bei dem offen­her­zi­gen Wunsch, daß es dem andern wohl­erge­he. Man ist befreun­det, um es in irgend­ei­ner Wei­se nett zu haben, und im übri­gen gibt es ja Psych­ia­ter, so etwas wie Gara­gis­ten für Innen­le­ben, wenn einer Defek­te hat und nicht sel­ber fli­cken kann. Jeden­falls soll man nicht sei­ne Freun­de mit einer trau­ri­gen Geschich­te belas­ten; sie haben dann auch, in der Tat, nichts zu lie­fern als einen eben­so all­ge­mei­nen wie unver­bind­li­chen Optimismus.
(Max Frisch – Stiller)

Es gibt aller­lei Arten, einen Men­schen zu mor­den oder wenigs­tens sei­ne See­le, und das merkt kei­ne Poli­zei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offen­heit im rech­ten Augen­blick. Dazu genügt ein Lächeln. Ich möch­te den Men­schen sehen, der nicht durch Lächeln umzu­brin­gen ist oder durch Schwei­gen. Alle die­se Mor­de, ver­steht sich, voll­zie­hen sich lang­sam. Haben Sie sich nie über­legt (…), war­um die aller­meis­ten Leu­te so viel Inter­es­se haben an einem rich­ti­gen Mord, an einem sicht­ba­ren und nach­weis­ba­ren Mord? Das ist doch ganz klar: weil wir für gewöhn­lich unse­re täg­li­chen Mor­de nicht sehen. Da ist es doch eine Erleich­te­rung, wenn es ein­mal knallt, wenn Blut rinnt oder wenn einer an rich­ti­gem Gift ver­en­det, nicht bloß am Schwei­gen sei­ner Frau. Das ist ja das Groß­ar­ti­ge an frü­he­ren Zeit­al­tern, bei­spiels­wei­se an der Renais­sance, daß die mensch­li­chen Cha­rak­te­re sich noch in Hand­lung offen­bar­ten; heut­zu­ta­ge ist alles verinnerlicht…
(Max Frisch – Stiller)

Kann man schrei­ben, ohne eine Rol­le zu spie­len? Man will sich selbst ein Frem­der sein. Nicht in der Rol­le, wohl aber in der unbe­wuß­ten Ent­schei­dung, wel­che Art von Rol­le ich mir zuschrei­be, liegt mei­ne Wirk­lich­keit. Zuwei­len habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschrie­be­nen her­vor wie eine Schlan­ge aus ihrer Haut. Das ist es; man kann sich nicht nie­der­schrei­ben, man kann sich nur häu­ten. Aber wen soll die­se tote Haut noch inter­es­sie­ren! Die immer wie­der ein­mal auf­tau­chen­de Fra­ge, ob denn der Leser jemals etwas ande­res zu lesen ver­mö­ge als sich selbst, erüb­rigt sich: Schrei­ben ist nicht Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Lesern, auch nicht Kom­mu­ni­ka­ti­on mit sich selbst, son­dern Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Unaus­sprech­li­chen. Je genau­er man sich aus­zu­spre­chen ver­möch­te, um so rei­ner erschie­ne das Unaus­sprech­li­che, das heißt die Wirk­lich­keit, die den Schrei­ber bedrängt und bewegt. Wir haben die Spra­che, um stumm zu wer­den. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht ein­mal eine Ahnung, wer er nicht ist.
(Max Frisch – Stiller)

Er lebt stets in Erwar­tun­gen. Er liebt es, alles in der Schwe­be zu las­sen. Er gehört zu den Men­schen, denen über­all, wo sie sich befin­den, zwang­haft ein­fällt, wie schön es jetzt auch anders­wo sein möch­te. Er flieht das Hier-und-Jetzt zumin­dest inner­lich. Er mag den Som­mer nicht, über­haupt kei­nen Zustand der Gegen­wär­tig­keit, liebt den Herbst, die Däm­me­rung, die Melan­cho­lie, Ver­gäng­lich­keit ist sein Ele­ment. Frau­en haben bei ihm leicht das Gefühl, ver­stan­den zu wer­den. Er hat wenig Freun­de unter Män­nern. Unter Män­nern kommt er sich nicht als Mann vor. Aber in sei­ner Grund­angst, nicht zu genü­gen, hat er eigent­lich auch Angst vor den Frau­en. Er erobert mehr, als er zu hal­ten ver­mag, und wenn die Part­ne­rin ein­mal sei­ne Gren­ze erspürt hat, ver­liert er jeden Mut; er ist nicht bereit, nicht imstan­de, geliebt zu wer­den als der Mensch, der er ist, und daher ver­nach­läs­sigt er unwill­kür­lich jede Frau, die ihn wahr­haft liebt, denn näh­me er ihre Lie­be wirk­lich ernst, so wäre er ja genö­tigt, infol­ge­des­sen sich selbst anzunehmen.
(Max Frisch – Stiller)

»Ich habe einen Mann gekannt«, sage ich, »einen andern, der nicht ins Irren­haus kam«, sage ich, »obschon er ganz und gar in sei­ner Ein­bil­dung leb­te.« Ich rau­che. »Er bil­de­te sich ein, ein Pech­vo­gel zu sein, ein red­li­cher, aber von kei­nem Glück begüns­tig­ter Mann. Wir alle hat­ten Mit­leid mit ihm. Kaum hat­te er etwas erspart, kam die Abwer­tung. Und so ging’s immer. Kein Zie­gel fiel vom Dach, wenn er nicht vor­bei­ging. Die Erfin­dung, ein Pech­vo­gel zu sein, ist eine der belieb­tes­ten, denn sie ist bequem. Kein Monat ver­ging für die­sen Mann, ohne daß er Grund hat­te zu kla­gen, kei­ne Woche, kaum ein Tag. Wer ihn eini­ger­ma­ßen kann­te, hat­te Angst zu fra­gen: Wie geht’s? Dabei klag­te er nicht eigent­lich, lächel­te bloß über sein sagen­haf­tes Pech. Und in der Tat, es stieß ihm immer etwas zu, was den andern erspart bleibt. Ein­fach Pech, es war nicht zu leug­nen, im gro­ßen wie im klei­nen. Dabei trug er’s tap­fer«, sage ich und rau­che, »- bis das Wun­der geschah.« Ich rau­che und war­te, bis der Bar­mann, haupt­säch­lich mit sei­nen Glä­sern beschäf­tigt, sich bei­läu­fig nach der Art des Wun­ders erkun­digt hat. »Es war ein Schlag für ihn«, sage ich, »ein rich­ti­ger Schlag, als die­ser Mann das Gro­ße Los gewann. Es stand in der Zei­tung, und so konn­te er’s nicht leug­nen. Als ich ihn auf der Stra­ße traf, war er bleich, fas­sungs­los, er zwei­fel­te nicht an sei­ner Erfin­dung, ein Pech­vo­gel zu sein, son­dern an der Lot­te­rie, ja, an der Welt über­haupt. Es war nicht zum Lachen, man muß­te ihn gera­de­zu trös­ten. Ver­geb­lich. Er konn­te es nicht fas­sen, daß er kein Pech­vo­gel sei, woll­te es nicht fas­sen und war so ver­wirrt, daß er, als er von der Bank kam, tat­säch­lich sei­ne Brief­ta­sche ver­lor. Und ich glau­be, es war ihm lie­ber so«, sage ich, »andern­falls hät­te er sich ja ein ande­res Ich erfin­den müs­sen, der Gute, er könn­te sich nicht mehr als Pech­vo­gel sehen. Ein ande­res Ich, das ist kost­spie­li­ger als der Ver­lust einer vol­len Brief­ta­sche, ver­steht sich, er müß­te die gan­ze Geschich­te sei­nes Lebens auf­ge­ben, alle Vor­komm­nis­se noch ein­mal erle­ben, und zwar anders, da sie nicht mehr zu sei­nem Ich pas­sen -« Ich trin­ke. »Kurz dar­auf betrog ihn auch noch sei­ne Frau«, sage ich, »der Mann tat mir leid, er war wirk­lich ein Pechvogel.«
(Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein)

Unser Bewusst­sein hat sich im Lau­fe eini­ger Jahr­hun­der­te sehr ver­än­dert, unser Gefühls­le­ben sehr viel weni­ger. Daher eine Dis­kre­panz zwi­schen unse­rem intel­lek­tu­el­len und unse­rem emo­tio­na­len Niveau. Die meis­ten von uns haben so ein Paket mit fleisch­far­be­nem Stoff, näm­lich Gefüh­le, die sie von ihrem intel­lek­tu­el­len Niveau aus nicht wahr­ha­ben wol­len. Es gibt zwei Aus­we­ge, die zu nichts füh­ren; wir töten unse­re pri­mi­ti­ven und also unwür­di­gen Gefüh­le ab, soweit als mög­lich, auf die Gefahr hin, daß dadurch das Gefühls­le­ben über­haupt abge­tö­tet wird, oder wir geben unse­ren unwür­di­gen Gefüh­len ein­fach einen ande­ren Namen. Wir lügen sie um. Wir eti­ket­tie­ren sie nach dem Wunsch unse­res Bewusst­seins. Je wen­di­ger unser Bewusst­sein, je bele­se­ner, um so zahl­rei­cher und um so nobler unse­re Hin­ter­tü­ren, um so geist­vol­ler die Selbst­be­lü­gung! Man kann sich ein Leben lang damit unter­hal­ten, und zwar vor­treff­lich, nur kommt man damit nicht zum Leben, son­dern unwei­ger­lich in die Selbst­ent­frem­dung. (…) Es ist merk­wür­dig, was sich uns, sobald wir in der Selbst­über­for­de­rung und damit in der Selbst­ent­frem­dung sind, nicht alles als Gewis­sen anbie­tet. Die inne­re Stim­me, die berühm­te, ist oft genug nur die koket­te Stim­me eines Pseu­do-Ich, das nicht dul­det, daß ich es end­lich auf­ge­be, daß ich mich selbst erken­ne, und es mit allen Lis­ten der Eitel­keit, nöti­gen­falls sogar mit Falsch­mel­dun­gen aus dem Him­mel ver­sucht, mich an mei­ne töd­li­che Selbst­über­for­de­rung zu fes­seln. Wir sehen wohl unse­re Nie­der­la­ge, aber begrei­fen sie nicht als Signa­le, als Kon­se­quen­zen eines ver­kehr­ten Stre­bens, eines Stre­bens weg von unse­rem Selbst.
(Max Frisch – Stiller)

Über­haupt fürch­ten sie sich vor jeder offe­nen Fra­ge; sie den­ken immer gera­de so weit, wie sie die Ant­wort schon in der Tasche haben, eine prak­ti­sche Ant­wort, eine Ant­wort, die ihnen nütz­lich ist. Und inso­fern den­ken sie über­haupt nicht; sie recht­fer­ti­gen nur. Sie wagen es unter kei­nen Umstän­den, sich selbst in Zwei­fel zu zie­hen. Ist das nicht gera­de das Zei­chen geis­ti­ger Unfreiheit?
(Max Frisch – Stiller)