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»Ich wür­de sagen, die Men­ge an Lan­ge­wei­le, falls Lan­ge­wei­le meß­bar ist, ist heu­te viel grö­ßer als frü­her. Weil die dama­li­gen Beru­fe, jeden­falls zu einem gro­ßen Teil, nicht ohne eine lei­den­schaft­li­che Nei­gung denk­bar waren: die Bau­ern, die ihr Land lieb­ten; mein Groß­va­ter, der schö­ne Tische zau­ber­te; die Schus­ter, die die Füße aller Dorf­be­woh­ner aus­wen­dig kann­ten; die Förs­ter; die Gärt­ner; ich ver­mu­te, sogar die Sol­da­ten töte­ten damals mit Lei­den­schaft. Der Sinn des Lebens stand nicht in Fra­ge, er beglei­te­te sie, in ihren Werk­stät­ten, auf ihren Fel­dern. Jeder Beruf hat­te sei­ne eige­ne Men­ta­li­tät, sei­ne eige­ne Seins­wei­se geschaf­fen. Ein Arzt dach­te anders als ein Bau­er, ein Sol­dat ver­hielt sich anders als ein Leh­rer. Heu­te sind wir alle gleich, alle durch die gemein­sa­me Gleich­gül­tig­keit für unse­re Arbeit geeint. Die­se Gleich­gül­tig­keit ist eine Lei­den­schaft gewor­den. Die ein­zi­ge gro­ße kol­lek­ti­ve Lei­den­schaft unse­rer Zeit.«
Chan­tal sag­te: »Aber sag mir doch: du selbst, als du Ski­leh­rer warst, als du in Zeit­schrif­ten über Innen­ar­chi­tek­tur geschrie­ben hast oder spä­ter über Medi­zin, oder als du als Zeich­ner in einer Tisch­le­rei gear­bei­tet hast …«
»… ja, das habe ich am liebs­ten gemacht, aber es ist nicht gelaufen …«
»… oder als du arbeits­los warst und gar nichts getan hast, da hät­test du dich doch auch lang­wei­len müssen!«
»Alles hat sich ver­än­dert, als ich dich ken­nen­ge­lernt habe. Nicht, weil mei­ne klei­nen Arbei­ten span­nen­der gewor­den sind. Son­dern weil ich alles, was um mich her­um geschieht, in Stoff für unse­re Gesprä­che verwandle.«
»Wir könn­ten von etwas ande­rem sprechen!«
»Zwei Men­schen, die sich lie­ben, allein, von der Welt abge­schie­den, das ist sehr schön. Aber womit wür­den sie ihr Tête-à-Tête aus­fül­len? So ver­ächt­lich die Welt auch sein mag, sie brau­chen sie, um mit­ein­an­der reden zu können.«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

»Am Ende mei­nes Besuchs im Kran­ken­haus hat er ange­fan­gen, Erin­ne­run­gen zu erzäh­len. Er hat mir ins Gedächt­nis geru­fen, was ich mit sech­zehn gesagt haben muß. In dem Moment habe ich den ein­zi­gen Sinn von Freund­schaft, wie sie heu­te prak­ti­ziert wird, begrif­fen. Der Mensch ist auf sie ange­wie­sen, damit sein Gedächt­nis funk­tio­niert. Sich an sei­ne Ver­gan­gen­heit zu erin­nern, sie immer bei sich zu haben ist viel­leicht die not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung dafür, die Inte­gri­tät sei­nes Ichs zu wah­ren, wie man so sagt. Damit das Ich nicht schrumpft, damit es sein Volu­men behält, müs­sen die Erin­ne­run­gen begos­sen wer­den wie Topf­blu­men, und die­ses Gie­ßen erfor­dert den regel­mä­ßi­gen Kon­takt mit Zeu­gen der Ver­gan­gen­heit. Sie sind unser Spie­gel; unser Gedächt­nis; man ver­langt nichts von ihnen, außer daß sie von Zeit zu Zeit die­sen Spie­gel polie­ren, damit man sich dar­in anschau­en kann. Aber mich inter­es­siert nicht im gerings­ten, was ich auf dem Gym­na­si­um gemacht habe! Was ich mir seit mei­ner frü­hen Jugend, viel­leicht seit mei­ner Kind­heit immer gewünscht habe, war etwas ganz ande­res: die Freund­schaft als obers­ter Wert. Ich sage oft: vor die Wahl zwi­schen der Wahr­heit und dem Freund gestellt, wäh­le ich immer den Freund. Ich sag­te es, um zu pro­vo­zie­ren, aber ich mein­te es ernst. Heu­te weiß ich, daß die­se Maxi­me archa­isch ist. Sie moch­te für Achill gel­ten, den Freund des Patro­klos, für Alex­and­re Dumas’ Mus­ke­tie­re, sogar für San­cho, der trotz all ihrer Zwis­tig­kei­ten ein ech­ter Freund sei­nes Herrn war. Aber sie gilt nicht für uns. Ich gehe in mei­nem Pes­si­mis­mus so weit, daß ich heu­te bereit bin, die Wahr­heit der Freund­schaft vor­zu­zie­hen. (…) Die Freund­schaft war für mich der Beweis, daß es etwas Stär­ke­res gibt als die Ideo­lo­gie, als die Reli­gi­on, als die Nati­on. In Dumas’ Roman befin­den sich die Freun­de oft in geg­ne­ri­schen Lagern, so daß sie gezwun­gen sind, gegen­ein­an­der zu kämp­fen. Aber das ändert nichts an ihrer Freund­schaft. Sie hel­fen ein­an­der trotz­dem heim­lich, lis­tig und set­zen sich über die Wahr­heit ihres jewei­li­gen Lagers hin­weg. Sie haben die Freund­schaft über die Wahr­heit, die Sache, die Befeh­le von oben gestellt, über den König, über die Köni­gin, über alles.«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

»Ver­giß nicht, ich habe zwei Gesich­ter. Ich habe gelernt, eine gewis­se Freu­de dar­an zu haben, aber trotz­dem ist es nicht leicht, zwei Gesich­ter zu haben. Das erfor­dert Anstren­gung, das erfor­dert Dis­zi­plin! Du mußt ver­ste­hen, daß ich alles, was ich, gern oder ungern, tue, mit dem Ehr­geiz tue, es gut zu machen. Und sei es nur, um mei­ne Stel­le nicht zu ver­lie­ren. Es ist sehr schwer, per­fekt zu arbei­ten und die­se Arbeit gleich­zei­tig zu verachten.«
»Oh, du kannst es, du bist dazu imstan­de, du bist geni­al«, sagt Jean-Marc.
»Ja, ich kann zwei Gesich­ter haben, aber ich kann sie nicht gleich­zei­tig haben. Bei dir habe ich das Gesicht, das sich lus­tig macht. Wenn ich im Büro bin, tra­ge ich das seriö­se Gesicht. Ich bekom­me die Unter­la­gen der Leu­te vor­ge­legt, die sich bei uns um eine Stel­le bewer­ben. Ich muß sie emp­feh­len oder ein nega­ti­ves Votum abge­ben. Man­che drü­cken sich in ihrem Brief in einer so per­fekt moder­nen Spra­che aus, mit all den Kli­schees, mit dem Jar­gon, mit dem gan­zen obli­ga­to­ri­schen Opti­mis­mus. Ich brau­che sie nicht zu sehen oder mit ihnen zu spre­chen, um sie zu ver­ab­scheu­en. Ich weiß aber, daß sie gut und eif­rig arbei­ten wer­den. Und dann gibt es jene, die sich unter ande­ren Umstän­den sicher­lich der Phi­lo­so­phie, der Kunst­ge­schich­te, dem Fran­zö­sisch­un­ter­richt gewid­met hät­ten, heu­te aber, in Erman­ge­lung von etwas Bes­se­rem, fast aus Ver­zweif­lung, suchen sie bei uns Arbeit. Ich weiß, daß sie die Stel­le, um die sie sich bewer­ben, ins­ge­heim ver­ach­ten und daß sie also mei­ne Brü­der sind. Und ich muß entscheiden.«
»Und wie ent­schei­dest du?«
»Ein­mal emp­feh­le ich den, der mir sym­pa­thisch ist, ein­mal den, der gut arbei­ten wird. Ich hand­le halb als Ver­rä­ter an mei­ner Fir­ma, halb als Ver­rä­ter an mir selbst. Ich bin ein dop­pel­ter Ver­rä­ter. Und die­sen dop­pel­ten Ver­rat betrach­te ich nicht als Nie­der­la­ge, son­dern als tol­le Leis­tung. Wie lan­ge denn wer­de ich noch in der Lage sein, mei­ne zwei Gesich­ter zu wah­ren? Das ist sehr anstren­gend. Der Tag wird kom­men, an dem ich nur ein ein­zi­ges Gesicht haben wer­de. Das schlech­te­re von bei­den natür­lich. Das seriö­se. Das zustim­men­de. Wirst du mich dann noch lieben?«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

Die Ewi­ge Wie­der­kehr ist ein geheim­nis­vol­ler Gedan­ke, und Nietz­sche hat damit man­chen Phi­lo­so­phen in Ver­le­gen­heit gebracht: alles wird sich irgend­wann so wie­der­ho­len, wie man es schon ein­mal erlebt hat, und auch die­se Wie­der­ho­lung wird sich unend­lich wiederholen!
(…)
Wenn sich jede Sekun­de unse­res Lebens unend­li­che Male wie­der­holt, sind wir an die Ewig­keit gena­gelt wie Jesus Chris­tus ans Kreuz. Eine schreck­li­che Vor­stel­lung. In der Welt der Ewi­gen Wie­der­kehr las­tet auf jeder Ges­te die Schwe­re einer uner­träg­li­chen Ver­ant­wor­tung. Aus die­sem Grund hat Nietz­sche den Gedan­ken der Ewi­gen Wie­der­kehr »das schwers­te Gewicht« genannt.
Wenn die Ewi­ge Wie­der­kehr das schwers­te Gewicht ist, kann unser Leben vor die­sem Hin­ter­grund in sei­ner gan­zen herr­li­chen Leicht­heit erscheinen.
Ist aber das Schwe­re wirk­lich schreck­lich und das Leich­te herrlich?
Das schwers­te Gewicht beugt uns nie­der, erdrückt uns, preßt uns zu Boden. In der Lie­bes­ly­rik aller Zei­ten aber sehnt sich die Frau nach der Schwe­re des männ­li­chen Kör­pers. Das schwers­te Gewicht ist also gleich­zei­tig ein Bild inten­sivs­ter Lebens­er­fül­lung. Je schwe­rer das Gewicht, des­to näher ist unser Leben der Erde, des­to wirk­li­cher und wah­rer ist es.
Im Gegen­satz dazu bewirkt die völ­li­ge Abwe­sen­heit von Gewicht, daß der Mensch leich­ter wird als Luft, daß er empor­schwebt und sich von der Erde, vom irdi­schen Sein ent­fernt, daß er nur noch zur Hälf­te wirk­lich ist und sei­ne Bewe­gun­gen eben­so frei wie bedeu­tungs­los sind.
Was also soll man wäh­len? Das Schwe­re oder das Leichte?
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)

Als ich klein war und mir das für Kin­der nach­er­zähl­te Alte Tes­ta­ment anschau­te, das mit Radie­run­gen von Gust­ave Doré illus­triert war, sah ich den lie­ben Gott auf einer Wol­ke sit­zen. Er war ein alter Mann, hat­te Augen, eine Nase und einen lan­gen Bart, und ich sag­te mir, wenn er einen Mund hat, muß er auch essen. Und wenn er ißt, muß er auch Där­me haben. Die­ser Gedan­ke jedoch hat mich erschreckt, denn ich fühl­te, obwohl ich aus einer eher ungläu­bi­gen Fami­lie stamm­te, daß die Vor­stel­lung von gött­li­chen Där­men Blas­phe­mie ist.
Ohne jeg­li­che theo­lo­gi­sche Vor­bil­dung habe ich schon als Kind ganz spon­tan die Unver­ein­bar­keit von Schei­ße und Gott begrif­fen und folg­lich auch die Frag­wür­dig­keit der Grund­the­se christ­li­cher Anthro­po­lo­gie, nach der der Mensch als Eben­bild Got­tes geschaf­fen wur­de. Ent­we­der oder: ent­we­der wur­de der Mensch als Eben­bild Got­tes geschaf­fen und dann hat Gott Där­me, oder aber Gott hat kei­ne Där­me und der Mensch gleicht ihm nicht.
Die alten Gnos­ti­ker haben das genau­so klar gese­hen wie ich mit mei­nen fünf Jah­ren: um die­ses ver­zwick­te Pro­blem end­gül­tig zu lösen, hat Valen­tin, ein gro­ßer Meis­ter der Gno­sis im zwei­ten Jahr­hun­dert, behaup­tet: »Jesus hat geges­sen und getrun­ken, nicht aber defäkiert.«
Die Schei­ße ist ein schwie­ri­ge­res theo­lo­gi­sches Pro­blem als das Böse. Gott hat dem Men­schen die Frei­heit gege­ben, und so kann man anneh­men, daß er nicht für die Ver­bre­chen der Mensch­heit ver­ant­wort­lich ist. Doch die Ver­ant­wor­tung für die Schei­ße trägt ein­zig und allein der­je­ni­ge, der den Men­schen geschaf­fen hat.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)

Musik. Für Franz ist sie die Kunst, die der dio­ny­si­schen Schön­heit, die als Rausch ver­stan­den wird, am nächs­ten kommt. Man kann sich schlecht von einem Roman oder einem Bild berau­schen las­sen, wohl aber von Beet­ho­vens Neun­ter, Bar­tóks Sona­te für zwei Kla­vie­re und Schlag­in­stru­men­te oder den Songs der Beat­les. Franz unter­schei­det nicht zwi­schen erns­ter Musik und Unter­hal­tungs­mu­sik. Die­se Unter­schei­dung kommt ihm alt­mo­disch und ver­lo­gen vor. Er mag Rock­mu­sik genau­so wie Mozart.
Für ihn ist Musik Befrei­ung, sie befreit ihn von der Ein­sam­keit, der Abge­schie­den­heit und dem Bücher­staub, sie öff­net in sei­nem Kör­per Türen, durch die sei­ne See­le in die Welt hin­aus­ge­hen kann, um sich zu ver­brü­dern. Er tanzt gern und bedau­ert, daß Sabi­na die­se Lei­den­schaft nicht mit ihm teilt.
Sie sit­zen in einem Restau­rant, und zum Essen ertönt aus dem Laut­spre­cher lau­te, rhyth­mi­sche Musik.
Sabi­na sagt: »Das ist ein Teu­fels­kreis. Die Leu­te wer­den schwer­hö­rig, weil sie immer lau­te­re Musik hören. Und weil sie schwer­hö­rig sind, bleibt ihnen nichts ande­res übrig als noch lau­ter aufzudrehen.«
»Du magst kei­ne Musik?« fragt Franz.
»Nein«, sagt Sabi­na. Und dann fügt sie hin­zu: »Viel­leicht, wenn ich in einer ande­ren Zeit gelebt hät­te…«, und sie denkt an die Epo­che von Johann Sebas­ti­an Bach, als die Musik einer Rose glich, die blüh­te im unend­li­chen Schnee­feld der Stille.
Der als Musik getarn­te Lärm ver­folgt sie seit frü­hes­ter Jugend. Wie alle Stu­den­ten muß­te sie die Feri­en in einer soge­nann­ten Jugend-Bau­bri­ga­de ver­brin­gen. Man wohn­te in Gemein­schafts­un­ter­künf­ten und bau­te Hüt­ten­wer­ke. Von fünf Uhr früh bis neun Uhr abends dröhn­te Musik aus den Laut­spre­chern. Ihr war zum Wei­nen zumu­te, aber die Musik klang fröh­lich, und es gab kei­ne Mög­lich­keit, ihr zu ent­rin­nen, weder auf der Toi­let­te noch unter der Bett­de­cke, über­all waren Laut­spre­cher. Die Musik war wie eine Meu­te von Jagd­hun­den, die man auf sie los­ge­hetzt hatte.
Damals hat­te sie geglaubt, die­se Bar­ba­rei der Musik herr­sche nur in der kom­mu­nis­ti­schen Welt. Im Aus­land stell­te sie dann fest, daß die Ver­wand­lung von Musik in Lärm ein welt­wei­ter Pro­zeß war, der die Mensch­heit in die his­to­ri­sche Pha­se der tota­len Häß­lich­keit ein­tre­ten ließ. Die Tota­li­tät der Häß­lich­keit äußer­te sich zunächst als all­ge­gen­wär­ti­ge akus­ti­sche Häß­lich­keit: Autos, Motor­rä­der, elek­tri­sche Gitar­ren, Preß­luft­boh­rer, Laut­spre­cher, Sire­nen. Die All­ge­gen­wart der visu­el­len Häß­lich­keit wür­de bald folgen.
Sie aßen, gin­gen auf ihr Zim­mer und lieb­ten sich. Franz’ Gedan­ken ver­schwam­men an der Schwel­le zum Schlaf. Er erin­ner­te sich an die lau­te Musik wäh­rend des Abend­essens und sag­te sich: der Lärm hat einen Vor­teil. Man kann kei­ne Wör­ter mehr hören. Es wur­de ihm klar, daß er seit sei­ner Jugend nichts ande­res tat als Reden, Schrei­ben, und Vor­le­sun­gen hal­ten, Sät­ze bil­den, nach For­mu­lie­run­gen suchen und sie ver­bes­sern, so daß ihm zum Schluß kein Wort mehr prä­zis vor­kam und der Sinn ver­schwamm; die Wör­ter ver­lo­ren ihren Inhalt und wur­den zu Krü­meln, Spreu und Staub, zu Sand, der durch sein Gehirn stob, ihm Kopf­schmer­zen und Schlaf­lo­sig­keit ver­ur­sach­te, sei­ne Krank­heit war. Da sehn­te er sich unwi­der­steh­lich, wenn auch unbe­stimmt, nach einer gewal­ti­gen Musik, nach einem rie­si­gen Lärm, einem schö­nen und fröh­li­chen Krach, der alles umarm­te, über­flu­te­te und betäub­te, in dem der Schmerz, die Eitel­keit und die Nich­tig­keit der Wör­ter für immer unter­gin­gen. Musik war die Nega­ti­on der Sät­ze, Musik war das Anti-Wort! Er sehn­te sich danach, unend­lich lan­ge mit Sabi­na umarmt dazu­lie­gen, zu schwei­gen, nie wie­der einen ein­zi­gen Satz zu sagen und das Gefühl der Lust mit dem orgi­as­ti­schen Getö­se der Musik zusam­men­flie­ßen zu las­sen. Mit die­sem glück­se­li­gen Lärm im Kopf schlief er ein.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)

Was heißt das, »in der Wahr­heit leben«? Eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on ist ein­fach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu ver­ste­cken, nichts zu ver­heim­li­chen. Seit Franz Sabi­na kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt sei­ner Frau von einem Kon­greß in Ams­ter­dam, der nie statt­ge­fun­den, von Vor­le­sun­gen in Madrid, die er nie gehal­ten hat, und er hat Angst, mit Sabi­na in den Stra­ßen von Genf spa­zie­ren­zu­ge­hen. Es amü­siert ihn, zu lügen und sich zu ver­ste­cken, denn er hat es sonst nie getan. Er ist dabei ange­nehm auf­ge­regt, wie ein Klas­sen­pri­mus, der beschließt, end­lich ein­mal die Schu­le zu schwänzen.
Für Sabi­na ist »in der Wahr­heit leben«, weder sich selbst noch ande­re zu belü­gen, nur unter der Vor­aus­set­zung mög­lich, daß man ohne Publi­kum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unse­rem Tun zuschaut, pas­sen wir uns wohl oder übel den Augen an, die uns beob­ach­ten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publi­kum zu haben, an ein Publi­kum zu den­ken, heißt, in der Lüge zu leben. Sabi­na ver­ach­tet die Lite­ra­tur, in der ein Autor alle Inti­mi­tä­ten über sich und sei­ne Freun­de ver­rät. Wer sei­ne Inti­mi­tät ver­liert, der hat alles ver­lo­ren, denkt Sabi­na. Und wer frei­wil­lig dar­auf ver­zich­tet, der ist ein Mons­trum. Dar­um lei­det Sabi­na nicht im gerings­ten dar­un­ter, daß sie ihre Lie­be ver­heim­li­chen muß. Im Gegen­teil, nur so kann sie »in der Wahr­heit leben«.
Franz dage­gen ist über­zeugt, daß in der Tren­nung des Lebens in eine pri­va­te und eine öffent­li­che Sphä­re die Quel­le aller Lügen liegt: Man ist ein ande­rer im Pri­vat­le­ben als in der Öffent­lich­keit. »In der Wahr­heit leben« bedeu­tet für ihn, die Bar­rie­re zwi­schen Pri­vat und Öffent­lich­keit nie­der­zu­rei­ßen. Er zitiert gern den Satz von André Bre­ton, der besagt, daß er gern »in einem Glas­haus« gelebt hät­te, »wo es kei­ne Geheim­nis­se gibt und das allen Bli­cken offensteht«.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)

Unser All­tag wird von Zufäl­len bom­bar­diert, genau­er gesagt, von zufäl­li­gen Begeg­nun­gen zwi­schen Men­schen und Ereig­nis­sen, die man Koin­zi­den­zen nennt. Man spricht von Ko-inzi­denz, wenn zwei uner­war­te­te Ereig­nis­se gleich­zei­tig statt­fin­den, wenn sie auf­ein­an­der­tref­fen: Tomas taucht in dem Moment im Lokal auf, als im Radio Beet­ho­ven gesen­det wird. Sol­che Koin­zi­den­zen sind so häu­fig, daß man sie oft nicht wahr­nimmt. Hät­te der Metz­ger von neben­an am Wirts­haus­tisch geses­sen und nicht Tomas, so wäre Tere­sa nicht auf­ge­fal­len, daß im Radio Beet­ho­ven gespielt wur­de (obwohl die Begeg­nung zwi­schen Beet­ho­ven und einem Metz­ger auch eine inter­es­san­te Koin­zi­denz ist). Aber die kei­men­de Lie­be hat in Tere­sa den Sinn für das Schö­ne geschärft, und sie wird die­se Musik nie ver­ges­sen. Jedes­mal, wenn sie sie hören wird, wird sie ergrif­fen sein. Alles, was in die­sem Augen­blick um sie her­um vor sich gehen wird, wird ihr im Glanz die­ser Musik erschei­nen und schön sein.
Am Anfang jenes Romans, den sie unter dem Arm trug, als sie zu Tomas kam, begeg­nen sich Anna und Wron­ski unter eigen­ar­ti­gen Umstän­den. Sie ste­hen auf einem Bahn­steig, wo gera­de jemand unter den Zug gefal­len ist. Am Ende des Romans stürzt sich Anna unter den Zug. Die­se sym­me­tri­sche Kom­po­si­ti­on, in der das­sel­be Motiv am Anfang und am Ende erscheint, mag Ihnen sehr ›roman­haft‹ vor­kom­men. Ja, ich gebe es zu, aber nur unter der Vor­aus­set­zung, daß Sie das Wort ›roman­haft‹ auf kei­nen Fall ver­ste­hen als ›erfun­den‹, ›künst­lich‹ oder ›lebens­fremd‹. Denn genau­so ist das mensch­li­che Leben komponiert.
Es ist kom­po­niert wie ein Musik­stück. Der Mensch, der vom Schön­heits­sinn gelei­tet ist, ver­wan­delt ein zufäl­li­ges Ereig­nis (eine Musik von Beet­ho­ven, einen Tod auf einem Bahn­hof) in ein Motiv, das er der Par­ti­tur sei­nes Lebens ein­be­schreibt. Er nimmt es wie­der auf, wie­der­holt es, vari­iert und ent­wi­ckelt es wei­ter, wie ein Kom­po­nist die The­men sei­ner Sona­te trans­po­niert. Anna hät­te sich das Leben auch anders neh­men kön­nen. Doch das Motiv von Bahn­hof und Tod, die­ses unver­geß­li­che, mit der Geburt ihrer Lie­be ver­bun­de­ne Motiv, zog sie im Moment der Ver­zweif­lung durch sei­ne dunk­le Schön­heit an. Ohne es zu wis­sen, kom­po­niert der Mensch sein Leben nach den Geset­zen der Schön­heit, sogar in Momen­ten tiefs­ter Hoffnungslosigkeit.
Man kann dem Roman also nicht vor­wer­fen, vom geheim­nis­vol­len Zusam­men­tref­fen der Zufäl­le fas­zi­niert zu sein (wie etwa dem Zusam­men­tref­fen von Wron­ski, Anna, Bahn­steig und Tod oder dem Zusam­men­tref­fen von Beet­ho­ven, Tomas, Tere­sa und Cognac), dem Men­schen aber kann man zu Recht vor­wer­fen, daß er im All­tag sol­chen Zufäl­len gegen­über blind sei und dem Leben so die Dimen­si­on der Schön­heit nehme.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)

Alle aus dem Latei­ni­schen her­vor­ge­gan­ge­nen Spra­chen bil­den das Wort Mit­ge­fühl aus der Vor­sil­be com- und dem Wort, das ursprüng­lich ›Lei­den‹ bedeu­te­te: pas­sio. Ande­re Spra­chen, so das Tsche­chi­sche, das Pol­ni­sche und das Schwe­di­sche, drü­cken die­sen Begriff durch ein Sub­stan­tiv aus, das aus der Vor­sil­be Mit- und dem Wort ›Gefühl‹ besteht (tsche­chisch sou-cit, pol­nisch wspol-uczu­cie, schwe­disch med-känsla).
In den aus dem Latei­ni­schen her­vor­ge­gan­ge­nen Spra­chen bedeu­tet das Wort com­pas­sio: wir kön­nen nicht herz­los den Lei­den eines ande­ren zuschau­en; oder: wir neh­men Anteil am Leid des ande­ren. Aus einem ande­ren Wort mit unge­fähr der­sel­ben Bedeu­tung (fran­zö­sisch pitié, eng­lisch pity, ita­lie­nisch pie­tà usw.) schwingt sogar unter­schwel­lig so etwas wie Nach­sicht dem Lei­den­den gegen­über mit: »Avoir de la pitié pour une femme« heißt, daß wir bes­ser dran sind als die­se Frau, uns zu ihr hin­ab­nei­gen, uns herablassen.
Aus die­sem Grund erweckt das Wort Mit­leid Miß­trau­en: es bezeich­net ein schlech­tes Gefühl, das als zweit­ran­gig emp­fun­den wird und nicht viel mit Lie­be zu tun hat. Jeman­den aus Mit­leid zu lie­ben heißt, ihn nicht wirk­lich zu lieben.
In den Spra­chen, die das Wort nicht aus der Wur­zel ›Lei­den‹, son­dern aus dem Sub­stan­tiv ›Gefühl‹ bil­den, wird es unge­fähr in dem­sel­ben Sinn gebraucht; man kann aber nicht behaup­ten, es bezeich­ne ein zweit­ran­gi­ges, schlech­tes Gefühl. Die gehei­me Macht sei­ner Ety­mo­lo­gie läßt das Wort in einem ande­ren Licht erschei­nen, gibt ihm eine umfas­sen­de­re Bedeu­tung: Mit-Gefühl haben bedeu­tet, das Unglück des ande­ren mit­zu­er­le­ben, genau­so­gut aber jedes ande­re Gefühl mit­emp­fin­den zu kön­nen: Freu­de, Angst, Glück und Schmerz. Die­ses Mit­ge­fühl (im Sin­ne von sou­cit, wspo­luc­zu­cie, med­käns­la) bezeich­net also den höchs­ten Grad der gefühls­mä­ßi­gen Vor­stel­lungs­kraft, die Kunst der Gefühl­s­te­le­pa­thie; in der Hier­ar­chie der Gefüh­le ist es das höchs­te aller Gefühle.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)