»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer wich­ti­gen Per­son, weil er die Leu­te vor ein Pro­blem stell­te. Er wuss­te ein­fach nicht, was er mit sich anfan­gen soll­te. Er war attrak­tiv, intel­li­gent, sym­pa­thisch und zeig­te bei fast allem, was er mach­te, auch Talent. Er konn­te gut Gitar­re spie­len, obwohl er kein Inter­es­se an einem musi­schen Beruf hat­te. Er konn­te gut foto­gra­fie­ren, konn­te gut zeich­nen, er spiel­te die Haupt­rol­le in einer Thea­ter­auf­füh­rung sei­ner Schu­le, er schrieb unter­halt­sa­me Geschich­ten, aber auch pro­vo­zie­ren­de Auf­sät­ze, aber er woll­te weder Foto­graf noch Künst­ler, Schau­spie­ler oder Schrift­stel­ler wer­den. Er brach­te in jeder Klas­se gute Leis­tun­gen, aber er woll­te weder Leh­rer noch Geis­tes­wis­sen­schaft­ler wer­den. Er war auch nicht dar­an inter­es­siert, in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters zu tre­ten oder auf dem Gebiet der Juris­te­rei, der Natur­wis­sen­schaft, der Mathe­ma­tik, der Wirt­schaft oder der Poli­tik tätig zu wer­den. Er fühl­te sich zwar zu spi­ri­tu­el­len Din­gen hin­ge­zo­gen, ging gele­gent­lich auch in die Kir­che, aber es kam ihm nicht in den Sinn, Theo­lo­ge oder Geist­li­cher zu wer­den. Trotz alle­dem schien er sozi­al gut ange­passt, wie man es nennt. Er wur­de weder von nen­nens­wer­ten Ängs­ten und Depres­sio­nen noch von Neu­ro­sen geplagt. Er hat­te in Bezug auf sei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung kei­nen Zwei­fel. Er stell­te sich vor, dass er sich eines Tages ein Haus bau­en und hei­ra­ten wür­de, aber erst, wenn er sei­nem Leben einen Sinn gege­ben hatte.

Jef­freys Freun­de wur­den nie müde, ihm Vor­schlä­ge zu machen, wie er sein Leben gestal­ten soll­te. Wür­de es ihm kei­nen Spaß machen, in der Lokal­zei­tung Fil­me zu bespre­chen? Hat­te er je dar­an gedacht, sich aufs Elfen­bein­schnit­zen oder das Gold­schmie­den zu ver­le­gen? Die Kunst­schrei­ne­rei wur­de ihm als etwas über­aus Befrie­di­gen­des ans Herz gelegt. Wie wäre es mit der Fos­si­li­en­su­che? Gour­met­kü­che? Viel­leicht soll­te er For­scher wer­den? Wür­de es ihm nicht Spaß machen, mit auf eine archäo­lo­gi­sche Expe­di­ti­on zu gehen? Jef­freys Vater hat­te gro­ßes Ver­ständ­nis dafür, dass sein Sohn offen­sicht­lich nicht imstan­de war, etwas zu fin­den, was ihn begeis­ter­te. Er unter­stütz­te ihn bereit­wil­lig bei allem, was es sei­nem Sohn wenigs­tens wert schien, aus­pro­biert zu wer­den. Wenn eine Welt­rei­se irgend­ei­nen Reiz für ihn hat­te, dann wür­de man eine Rei­se­agen­tur beauf­tra­gen, eine ent­spre­chen­de Rou­te zusam­men­zu­stel­len. Wenn er aus­pro­bie­ren woll­te, wie es sich in der frei­en Natur leb­te, wür­de man ihm gern die nöti­ge Aus­rüs­tung zur Ver­fü­gung stel­len. Wenn er zur See woll­te, wür­de man ihm ein pas­sen­des Boot bereit­stel­len. Wenn er sich ent­schlie­ßen soll­te, Töp­fer zu wer­den, wür­de schon ein Brenn­ofen auf ihn war­ten. Selbst wenn er ein­fach nur in den Tag hin­ein­le­ben hät­te wol­len, wäre das in Ord­nung gewe­sen. Jef­frey jedoch tat dies alles mit einem höf­li­chen Ach­sel­zu­cken ab, pein­lich berührt, weil sich sei­net­we­gen alle sol­che Gedan­ken machten.

Ich will hier nicht den Ein­druck erwe­cken, dass Jef­frey faul oder ver­zo­gen gewe­sen wäre. Er war im Stu­di­um immer bei den Bes­ten, jobb­te neben­her, leb­te in einer gewöhn­li­chen Stu­den­ten­bu­de, besaß kein Auto. Er betrach­te­te ein­fach die Welt, die sich ihm dar­bot, und konn­te nichts ent­de­cken, das zu besit­zen ihm etwas wert gewe­sen wäre. Sei­ne Freun­de sag­ten stän­dig zu ihm: ›Schau, so kannst du doch nicht wei­ter­ma­chen. Du ver­zet­telst dich. Du musst dir ein Ziel suchen. Du musst irgend­et­was fin­den, was du mit dei­nem Leben anfan­gen willst!‹

Jef­frey mach­te sei­nen Abschluss mit Aus­zeich­nung, aber ohne sich für eine bestimm­te Rich­tung ent­schie­den zu haben. Nach­dem er den Som­mer im Hau­se sei­nes Vaters ver­bracht hat­te, besuch­te er zwei Freun­de aus dem Col­lege, die gera­de gehei­ra­tet hat­ten. Er nahm sei­nen Ruck­sack mit, sei­ne Gitar­re, sein Tage­buch. Nach ein paar Wochen ver­ab­schie­de­te er sich von ihnen, um ande­re Freun­de zu besu­chen und fuhr per Anhal­ter wei­ter. Er hat­te es nicht eilig. Er mach­te auf sei­nem Weg immer wie­der halt, half ein paar Leu­ten dabei, einen Schup­pen zu bau­en, ver­dien­te genug Geld, um sich über Was­ser zu hal­ten, und erreich­te schließ­lich sein nächs­tes Rei­se­ziel. Bald stand der Win­ter vor der Tür, und er mach­te sich wie­der auf den Heim­weg. Er und sein Vater führ­ten lan­ge Gesprä­che, spiel­ten Rom­me, Pool­bil­lard und Ten­nis, sahen sich Foot­ball an, tran­ken Bier, lasen Bücher, gin­gen ins Kino.

Als der Früh­ling kam, kauf­te sich Jef­frey einen Gebraucht­wa­gen und fuhr wie­der los, um Freun­de zu besu­chen, dies­mal in die ande­re Rich­tung. Man nahm ihn gern auf, wo immer er hin­kam. Die Leu­te moch­ten ihn, und er tat ihnen leid, weil er so wur­zel­los, so unfä­hig, so unkon­zen­triert war. Aber sie gaben ihn nicht auf. Jemand woll­te ihm eine Video­ka­me­ra kau­fen, damit er einen Film über sei­ne Wan­de­run­gen dre­hen konn­te. Jef­frey war nicht inter­es­siert dar­an. Jemand anders erbot sich, sei­ne Gedich­te bei ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten ein­zu­sen­den, um zu sehen, ob nicht eines ver­öf­fent­licht wer­den wür­de. Jef­frey mein­te, dass er das nett fän­de, dass es ihm per­sön­lich jedoch egal wäre, was dabei her­aus­kä­me. Nach­dem er den Som­mer über in einem Pfad­fin­der­la­ger gear­bei­tet hat­te, bat man ihn, als stän­di­ger Betreu­er dort zu blei­ben, aber auch das reiz­te ihn nicht.

Als es Win­ter wur­de, über­re­de­te ihn sein Vater dazu, einen Psy­cho­the­ra­peu­ten auf­zu­su­chen, den er per­sön­lich kann­te und dem er ver­trau­te. Jef­frey ging den gan­zen Win­ter über drei Mal wöchent­lich zur The­ra­pie, am Ende muss­te der The­ra­peut jedoch zuge­ben, dass sei­nem Pati­en­ten psy­chisch rein gar nichts fehl­te, abge­se­hen davon, dass er ihm ein wenig unreif vor­kam. Auf die Fra­ge, was ›ein wenig unreif‹ bedeu­te­te, erklär­te der The­ra­peut, Jef­frey sei unmo­ti­viert, unkon­zen­triert und hät­te kei­ne Zie­le, was jedoch bereits hin­läng­lich bekannt war. ›In ein oder zwei Jah­ren wird er bestimmt etwas fin­den‹, pro­phe­zei­te der The­ra­peut. ›Und höchst­wahr­schein­lich wird es etwas ganz Nahe­lie­gen­des sein. Ich bin sicher, es befin­det sich im Augen­blick schon direkt vor sei­ner Nase, und er sieht es ein­fach nur nicht.‹ Als der Früh­ling kam, ging Jef­frey wie­der auf Rei­sen, und falls sich tat­säch­lich etwas direkt vor sei­ner Nase befand, so sah er es jeden­falls nicht.

So ver­gin­gen Jah­re. Jef­frey sah zu, wie sei­ne alten Freun­de hei­ra­te­ten, Kin­der beka­men, an ihrer beruf­li­chen Kar­rie­re bas­tel­ten, Unter­neh­men grün­de­ten, hier zu ein wenig Ruhm gelang­ten, dort zu ein wenig Ver­mö­gen, wäh­rend er wei­ter Gitar­re spiel­te, hier und da ein Gedicht ver­fass­te und ein Tage­buch nach dem ande­ren voll schrieb. Letz­ten Früh­ling fei­er­te er mit Freun­den zusam­men in einem Feri­en­haus am Lake Wis­con­sin sei­nen ein­und­drei­ßigs­ten Geburts­tag. Am nächs­ten Mor­gen ging er ans Ufer hin­un­ter, schrieb ein paar Zei­len in sein Tage­buch, wate­te dann in den See und ertränk­te sich.«

»Trau­ri­ge Sache«, sag­te ich nach einer Wei­le, außer­stan­de, etwas Intel­li­gen­te­res von mir zu geben.

»Es ist eine all­täg­li­che Geschich­te, Julie, bis auf eine Tat­sa­che – die Tat­sa­che, dass Jef­freys Vater es sei­nem Sohn ermög­lich­te, sich trei­ben zu las­sen. Dass er ihn dabei sogar unter­stütz­te, wäh­rend die­ser zehn Jah­re nichts zu tun, dass er ihn nicht unter Druck setz­te und ihm nicht erklär­te, er sol­le sich zusam­men­rei­ßen und ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Mensch wer­den. Das ist es, was Jef­frey von Mil­lio­nen ande­rer jun­ger Leu­te in dei­ner Kul­tur unter­schied, die im Grun­de genau­so wenig Moti­va­ti­on besit­zen wie er. Oder bist du der Ansicht, dass ich mich da täusche?«

»Mir ist noch nicht klar, was du genau meinst, des­halb kann ich auch noch nicht sagen, ob ich dir zustim­men kann.«

»Wenn du an dei­ne Freun­de oder Klas­sen­ka­me­ra­den denkst – bren­nen sie dar­auf, Rechts­an­walt, Ban­ker, Inge­nieur, Koch, Fri­seur, Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Bus­fah­rer zu werden?«

»Eini­ge von ihnen, ja. Sie wol­len zwar nicht unbe­dingt das wer­den, was du gera­de auf­ge­zählt hast, Fri­seu­re und Bus­fah­rer, aber irgend­et­was schon. Eini­ge mei­ner Freun­de hät­ten sicher nichts dage­gen, Film­star oder Pro­fi­sport­ler zu werden.«

»Und wie ste­hen, rea­lis­tisch gese­hen, ihre Chan­cen, das auch zu schaffen?«

»Eins zu einer Mil­li­on vermutlich.«

»Glaubst du, dass es da drau­ßen Acht­zehn­jäh­ri­ge gibt, die davon träu­men, Taxi­fah­rer, Zahn­tech­ni­ker oder Stra­ßen­ar­bei­ter zu werden?«

»Nein.«

»Glaubst du, es gibt vie­le Acht­zehn­jäh­ri­ge wie Jef­frey, die kei­ne der Tätig­kei­ten in der Arbeits­welt der Neh­mer reiz­voll fin­den? Die froh wären, wenn sie sich das Gan­ze schen­ken könn­ten, vor­aus­ge­setzt, jemand wür­de ihnen jähr­lich zwan­­zig- oder drei­ßig­tau­send Dol­lar überweisen?«

»Him­mel, ja, wenn du es so for­mu­lierst, dann bin ich mir sicher, dass es da eini­ge gibt. Ach was, Millionen!«

»Aber wenn sie die Arbeits­welt der Neh­mer nicht inter­es­siert, war­um wer­den sie dann ein Teil die­ser Welt? War­um neh­men sie Jobs an, die ihnen wie allen ande­ren auch völ­lig sinn­los erscheinen?«

»Sie arbei­ten, weil sie es müs­sen. Ihre Eltern set­zen sie irgend­wann vor die Tür. Sie müs­sen sich ent­we­der einen Job suchen oder verhungern.«

»Das ist rich­tig. Aber natür­lich sind in jeder Abschluss­klas­se ein paar, die dann lie­ber ver­hun­gern wür­den. Frü­her nann­te man sie Vaga­bun­den, Gamm­ler oder Land­strei­cher. Heu­te bezeich­nen sie sich selbst als obdach­los, was hei­ßen soll, dass sie auf der Stra­ße leben, weil sie dazu gezwun­gen wer­den. Es sind Aus­rei­ßer, Her­um­trei­ber, Gele­gen­heits­die­be und ‑pro­sti­tu­ier­te, Stra­ßen­räu­ber und Stadt­strei­cher. Sie orga­ni­sie­ren sich auf die eine oder ande­re Wei­se ihren Lebens­un­ter­halt. Die Nah­rung mag zwar unter Ver­schluss gehal­ten wer­den, aber sie haben die Rit­zen in der Wand der Stahl­kam­mer gefun­den. Sie fil­zen Betrun­ke­ne und sam­meln Alu­do­sen. Sie bet­teln, wüh­len in den Abfall­ton­nen von Restau­rants und bege­hen Baga­tell­dieb­stäh­le. Es ist kein leich­tes Leben, aber sie leben lie­ber so, als dass sie einen sinn­lo­sen Job anneh­men und wie die gro­ße Mas­se der Armen in der Stadt leben. Sie bil­den eine sehr gro­ße Sub­kul­tur, Julie.«

»Ja, jetzt wo du es sagst, wird es mir klar. Ich habe tat­säch­lich Freun­de, die sagen, dass sie lie­ber auf der Stra­ße leben wol­len. Sie spre­chen davon, in bestimm­te Städ­te zu gehen, wo es bereits vie­le gibt, die das tun. Eine die­ser Städ­te ist Seattle.«

»Die­ses Phä­no­men hängt eng mit dem Phä­no­men der Jugend­ban­den und Jugend­sek­ten zusam­men. Wenn die­se Stra­ßen­kin­der sich cha­ris­ma­ti­schen Kriegs­her­ren anschlie­ßen, wer­den sie als Gang wahr­ge­nom­men. Wenn sie sich cha­ris­ma­ti­schen Gurus anschlie­ßen, nimmt man sie als Sek­te wahr. Kin­der, die auf der Stra­ße leben, haben nur eine sehr gerin­ge Lebens­er­war­tung, und es dau­ert nicht lan­ge, dann wis­sen sie das auch. Sie sehen, wie ihre Freun­de als Teen­ager oder mit Anfang Zwan­zig ster­ben, und sie wis­sen, dass sie das­sel­be Schick­sal erwar­tet. Trotz­dem kön­nen sie sich nicht dazu über­win­den, sich irgend­ei­ne Bruch­bu­de zu mie­ten, ein paar anstän­di­ge Klei­dungs­stü­cke zu besor­gen und sich irgend­ei­nen idio­ti­schen Min­dest­lohn­job zu suchen, den sie has­sen. Ver­stehst du, was ich damit sagen will, Julie? Jef­frey ist genau wie sie. Nur kommt er aus der Ober­schicht. Denen, die den unte­ren Schich­ten der Gesell­schaft ent­stam­men, ist das Pri­vi­leg ver­wehrt, sich in einem net­ten sau­be­ren See in Wis­con­sin zu erträn­ken. Doch das, was sie tun, läuft so ziem­lich auf das­sel­be hin­aus. Sie ster­ben lie­ber, als sich in das Heer der Armen der Stadt ein­zu­rei­hen. Und im All­ge­mei­nen sind sie dann auch bald tot.«

»Das leuch­tet mir alles ein«, sag­te ich zu ihm. »Was mir aber nicht ein­leuch­tet, ist, wor­auf du hinauswillst.«

»Ich will noch gar nicht auf etwas Bestimm­tes hin­aus, Julie. Ich len­ke dei­ne Auf­merk­sam­keit auf etwas, was die Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur für völ­lig unbe­deu­tend hal­ten. Jef­freys Geschich­te ist schreck­lich trau­rig – aber er ist ein Ein­zel­fall, nicht wahr? Wenn Tau­sen­de von Jef­freys ins Was­ser gin­gen, wärt ihr mög­li­cher­wei­se beun­ru­higt. Aber die ver­wahr­los­ten Kids, die zu Tau­sen­den auf euren Stra­ßen ster­ben, sind etwas, was ihr getrost igno­rie­ren könnt.«

»Ja, das ist wahr.«

»Ich betrach­te gera­de etwas, das den Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur nicht beach­tens­wert scheint. Schließ­lich han­delt es sich ja nur um Dro­gen­ab­hän­gi­ge, Ver­lie­rer, Gangs­ter, Gesin­del. Die Ein­stel­lung der Erwach­se­nen dazu lau­tet: Wenn sie wie Tie­re leben wol­len, dann lasst sie doch. Wenn sie sich umbrin­gen wol­len, dann lasst sie doch. Es sind Kran­ke, Sozio­pa­then und Außen­sei­ter, und es ist gut, wenn wir sie los sind.«

»Ja, genau das den­ken die meis­ten Erwach­se­nen wohl.«

»Sie befin­den sich im Zustand des Ver­leug­nens, Julie, und was ist es, das sie verleugnen?«

»Sie ver­leug­nen, dass das ihre eige­nen Kin­der sind. Für sie sind das die Kin­der von jemand anderem.«

»Rich­tig. Dass ein Jef­frey sich in einem See ertränkt oder eine Susie an einer Über­do­sis in der Gos­se stirbt, ist euch egal. Dass sich jähr­lich Zehn­tau­sen­de umbrin­gen, ein­fach ver­schwin­den und nichts hin­ter­las­sen, sagt euch nichts. Es ent­hält kei­ne Bot­schaft. Es ist wie das Rau­schen im Radio, etwas, das man igno­riert, und je mehr ihr es igno­riert, des­to deut­li­cher hört ihr die Musik.«

»Sehr wahr. Aber ich ver­su­che immer noch her­aus­zu­fin­den, wor­auf du hinauswillst. «

»Nie­man­dem von euch fie­le ein, sich zu fra­gen: Was brau­chen die­se Kinder?«

»Him­mel, nein. Wen küm­mert es schon, was sie brauchen?«

»Aber du kannst dich das doch fra­gen, nicht wahr? Kannst du dich dazu durch­rin­gen, Julie? Kannst du das ertragen?«

Ich saß eine Minu­te da, starr­te ins Lee­re, und plötz­lich pas­sier­te etwas Dum­mes: Ich brach in Trä­nen aus. Explo­dier­te förm­lich in Trä­nen. Ich saß da, von gro­ßen, rie­si­gen Schluch­zern geschüt­telt, die nicht auf­hö­ren woll­ten, bis ich lang­sam glaub­te, ich wür­de bis an mein Lebens­en­de in die­sem Ses­sel sit­zen und schluchzen.

Als ich mich end­lich wie­der gefan­gen hat­te, stand ich auf und erklär­te Isma­el, dass ich gleich wie­der zurück­kom­men wür­de. Dann mach­te ich einen Spa­zier­gang um den Block – genau­er gesagt, um ein paar Blöcke.

Als ich zurück­kam gestand ich, nicht zu wis­sen, wie ich das Gan­ze in Wor­te fas­sen sollte.

»Du kannst Gefüh­le nicht in Wor­te fas­sen, Julie. Das weißt du. Du hast sie mit die­sem Schluch­zen aus­ge­drückt. Es gibt kei­ne Wor­te, die dem gleich­kä­men. Aber es gibt ande­re Din­ge, die du sehr wohl mit Wor­ten aus­drü­cken kannst.«

»Ja, ver­mut­lich.«

»Du hat­test eine Art Visi­on von dem unge­heu­ren Ver­lust, der dich und die andern jun­gen Men­schen, von denen wir gespro­chen haben, glei­cher­ma­ßen betrifft.«

»Ja. Ich hat­te vor­her kei­ne Ahnung, dass es auch mich betrifft. Ich wuss­te nicht, dass ich über­haupt irgend­et­was mit ihnen gemein­sam habe.«

»Bei dei­nem ers­ten Besuch bei mir hast du erzählt, du wür­dest stän­dig den­ken: Ich muss hier raus, ich muss hier raus. Du mein­test, das wür­de bedeu­ten: Lauf um dein Leben!«

»Ja, und genau das habe ich vor­hin emp­fun­den, als ich hier saß und wein­te: Bit­te! Bit­te lasst mich um mein Leben lau­fen! Bit­te lasst mich hier raus! Bit­te lasst mich gehen! Bit­te hal­tet mich hier nicht für den Rest mei­nes Lebens fest! Ich muss lau­fen! Ich hal­te das nicht mehr aus!«

»Aber das sind Gedan­ken, die du dei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den nicht anver­trau­en würdest?«

»Das sind Gedan­ken, die ich mir vor zwei Wochen nicht ein­mal selbst ein­ge­stan­den hätte.«

»Du hät­test es nicht gewagt, dich mit all dem auseinanderzusetzen?«

»Nein, wenn ich das getan hät­te, dann hät­te ich gesagt: Was ist denn mit dir los? Irgend­et­was stimmt mit dir nicht. Du musst krank sein!«

»Das ist genau das, was Jef­frey immer wie­der in sein Tage­buch geschrie­ben hat. ›Was ist bloß mit mir los? Was ist mit mir los? Es muss mit mir etwas ganz schreck­lich nicht stim­men, dass ich nicht imstan­de bin, Freu­de an irgend­ei­nem Job zu fin­den.‹ Immer wie­der schrieb er: ›Was ist los mit mir, was ist los mit mir, was ist los mit mir?‹ Natür­lich sag­ten ihm auch alle sei­ne Freun­de immer wie­der: ›Was ist mit dir los, was ist mit dir los, was ist mit dir los, dass du mit die­sem wun­der­ba­ren Pro­gramm nicht klar­kommst?‹ Viel­leicht begreifst du nun zum ers­ten Mal, dass mei­ne Auf­ga­be dar­in besteht, dir die phan­tas­ti­sche Ein­sicht zu ver­mit­teln, dass bei dir alles in Ord­nung ist. Du bist es nicht, mit der etwas nicht stimmt. Und ich den­ke, in dei­nem Schluch­zen lag zum Teil auch die­ses Begrei­fen: An mir liegt es ja über­haupt nicht!«

(Dani­el Quinn – Isma­els Geheimnis)

Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein ein­zi­ges Mal mit Covid zu infizieren.

Doch dann war mei­ne Mut­ter im Lau­fe des Jah­res 2023 wegen einer völ­lig ande­ren Erkran­kung in einer Reha-Kli­­nik und erleb­te dort ein „Best of Kaf­ka meets Loriot“. 

In der Reha-Kli­­nik trug selbst­ver­ständ­lich nie­mand mehr Mas­ke, es gab kei­ner­lei Covid-Tests, kei­ne Luft­fil­ter und die Hälf­te der Patient*innen litt an einer mys­te­riö­sen Erkältung.

Nach ein paar Tagen bekam mei­ne Mut­ter völ­lig über­ra­schend auch Erkäl­tungs­sym­pto­me. Da sie Coro­na ernst nahm und nimmt, bat sie bei einer Pfle­ge­kraft um einen Schnell­test, um sich zu tes­ten. Hus­ten­bon­bons kön­ne sie bekom­men, aber einen Schnell­test nicht, mein­te die Pfle­ge­rin. Es wür­den ja auch gar kei­ne Covid-Tests mehr durch­ge­führt, wur­de mei­ne Mut­ter belehrt, was sie denn mit einem Test bezwe­cke und dass das doch auch gar kei­nen Unter­schied mache, ob sie nun Covid habe oder eine Erkältung.

Mei­ne Mut­ter blieb stur und ver­lang­te nach einem Test. Der Test hät­te ja nicht ein­mal durch Kli­nik­per­so­nal durch­ge­führt wer­den sol­len, son­dern sie woll­te nur mit ihren eige­nen Hän­den einen beschis­se­nen Schnell­test machen. Mehr nicht. Nein, das geht nicht so ein­fach, da muss die Pfle­ge­rin erst den Arzt fra­gen. Aha.

Als der Arzt sich dann erbarm­te, sie anzu­hö­ren, lei­er­te er das­sel­be Pro­gramm her­un­ter: „War­um wol­len Sie den Test machen?“, „Was bringt das?“, „Es ändert sich ja nix!“, „Es ist doch eine Erkäl­tung!“. Mei­ne Mut­ter insis­tier­te wei­ter, bis der Arzt schließ­lich irgend­wann kapi­tu­lier­te und sie zum haus­ei­ge­nen Covid-Test schickte.

Die Pfle­ge­rin, die den Test durch­füh­ren soll­te, war ein biss­chen pis­sig, denn es war die­sel­be, die den Covid-Test zunächst ver­wehrt hat­te. Auf Anwei­sung des Arz­tes muss­te sie den Test nun durch­füh­ren und zeig­te dabei ihre bes­te pas­­siv-aggres­­si­­ve Sei­te. Wider­wil­lig voll­zog sie Nasen- und Rachen­ab­strich und kurz dar­auf waren bei­de Tests mei­ner Mut­ter zu abso­lut nie­man­des Über­ra­schung positiv.

Die ers­te Reak­ti­on der Pfle­ge­rin auf die posi­ti­ven Covid-Tests war nur ein hämi­sches: „Sehen Sie, hät­ten Sie den Test mal lie­ber nicht gemacht!“

An die­ser Stel­le fra­gen wir uns kurz, war­um das bes­ser gewe­sen wäre, wenn es doch angeb­lich nichts ändert.

Doch sie­he da, obwohl Coro­na angeb­lich ja nur eine Erkäl­tung ist und sich für kei­nen was ändert, muss­te mei­ne Mut­ter nun in Iso­la­ti­on und durf­te an den Reha-Maß­­nah­­men nicht mehr teil­neh­men. War es jetzt etwa doch kei­ne Erkäl­tung mehr?

Die Pfle­ge­rin erklär­te scha­den­froh, mei­ne Mut­ter habe sich nun selbst ein Bein gestellt mit der Iso­la­ti­on – hät­te sie kei­nen Test gemacht, dürf­te sie wei­ter ohne Mas­ke an allen Maß­nah­men teil­neh­men, so wie alle ande­ren, die „erkäl­tet“ sind. Wäre das nicht viel schöner?

Seit­dem tru­gen alle Pfle­ge­kräf­te und Ärzt*innen, die mit mei­ner Mut­ter in Kon­takt kamen, mys­te­riö­ser­wei­se immer eine Mas­ke und der behan­deln­de Arzt kom­men­tier­te die­ses Phä­no­men mit: „Na ja, ich will natür­lich kein Covid bekom­men“. Aber wie­so das denn, wenn es nur eine harm­lo­se Erkäl­tung ist?

Selbst­ver­ständ­lich lie­fen alle ande­ren „erkäl­te­ten“ Patient*innen sowie das Kli­nik­per­so­nal ansons­ten, wenn sie nicht gera­de Kon­takt mit mei­ner Mut­ter hat­ten, wei­ter­hin ohne Mas­ke her­um und steck­ten ein­an­der fröh­lich an. Der behan­deln­de Arzt jedoch glaub­te nicht dar­an, dass mei­ne Mut­ter sich in der Kli­nik ange­steckt habe – woher die Infek­ti­on dann gekom­men sein soll, blieb sein Geheim­nis. Viel­leicht unbe­fleck­te Empfängnis?

COVID-19 ist und bleibt eine mel­de­pflich­ti­ge Infek­ti­ons­krank­heit und sys­te­mi­sche Gefäß­krank­heit, die unter ande­rem schwe­re und lang­fris­ti­ge Gefäß­schä­den, Herz­schä­den, Hirn­schä­den, Long-Covid bzw. ME/CFS und ande­re Fol­gen nach sich zie­hen kann (sie­he exem­pla­risch hier, hier, hier oder hier), vor der es aber auch ein­fa­che und effek­ti­ve Schutz­mög­lich­kei­ten wie etwa Mas­ket­ra­gen und Luft­hy­gie­ne (z.B. durch Luft­fil­ter) gibt – oder gäbe.

Aber wenn nie­mand tes­tet und alle nur „erkäl­tet“ sind, muss kein Arzt und kei­ne Ein­rich­tung irgend­et­was mel­den, nie­mand trägt Ver­ant­wor­tung, Covid gibt es nicht und alles ist gut.

Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast?

Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für zwi­schen­mensch­li­che Kon­tak­te, für Lächeln, oder eben für Wör­ter. So wie das jähr­li­che Bud­get für Stra­ßen­bau in mei­ner Hei­mat­stadt. Im Herbst wur­den an den unmög­lichs­ten Stel­len Ver­kehrs­in­seln und Brems­schwel­len gebaut, um im nächs­ten Jahr nicht etwa weni­ger Geld aus dem gro­ßen Topf zuge­wie­sen zu bekommen.

Wenn das per­sön­li­che Bud­get aus­ge­schöpft ist, dann hat man viel­leicht schon um 15 Uhr kein Lächeln mehr übrig und ist schon vom Atmen eines ande­ren Men­schen genervt, oder aber man hat noch was über, lächelt völ­lig unmo­ti­viert Brems­schwel­len und Ver­kehrs­in­seln in die Luft und wird in der Bahn weit­räu­mig umgan­gen, hat als ein­zi­ger noch einen Sitz­platz neben sich frei, weil Leu­te, die ohne erkenn­ba­ren Grund lächeln, unheim­lich sind.

Übrig­ge­blie­be­ne Wör­ter kann man viel­leicht durch Selbst­ge­sprä­che los­wer­den, oder durch sinn­lo­se Blog­bei­trä­ge wie die­sen, aber das ist ja doch bei­des nicht jeder­manns Sache. Ich emp­fin­de es schon als merk­wür­dig, mit den Kat­zen zu reden. Selbst­ge­sprä­che kom­men also für mich nicht in Fra­ge. Zumin­dest jetzt noch nicht. In 30 bis 40 Jah­ren, wenn ich eine bös­ar­ti­ge alte Frau gewor­den bin, so eine, vor der alle Kin­der in der Stra­ße Angst haben und bei der sie beim Mar­ti­ni­s­in­gen nicht klin­geln, gehe ich vor mich hin brum­melnd umher und habe nie­mals mehr Wör­ter übrig, wenn ich ein­schla­fen will.

Es ist näm­lich so, des­sen bin ich mir sicher, dass man von die­sen Übrig­ge­blie­be­nen am Ende des Tages heim­ge­sucht wird. Dro­hend bal­len sie sich in den Ecken des Kop­fes zusam­men und tuscheln. Die­ses Tuscheln knapp über der Gren­ze, an der es gehört wer­den kann. Ein Cre­scen­do von Zisch­lau­ten, har­ten Ts und Ps (mit Spu­cke­t­röpf­chen) und bedeu­tungs­schwan­ge­ren drei Punk­ten. Und dann kann man nicht oder nur schlecht schla­fen. Im Kopf setzt sich Staub ab. Du siehst, es ist alles sehr dramatisch.

Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein!
Mit drei Punk­ten wird es noch erns­ter:
Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein…

Den­ken heißt zer­stö­ren. Der Denk­vor­gang opfert den Gedan­ken, denn Den­ken heißt aus­ein­an­der­neh­men. Könn­ten die Men­schen das Geheim­nis des Lebens sin­nend erfah­ren, könn­ten sie die tau­send Ver­stri­ckun­gen erah­nen, die der See­le bei der gerings­ten Regung dro­hen, sie wür­den nicht einen Fin­ger rüh­ren, geschwei­ge­denn leben. Sie wür­den vor Schreck ver­ge­hen, wie all jene, die Selbst­mord bege­hen, um nicht anderen­tags unter der Guil­lo­ti­ne zu enden.
(Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe)

Dein Seuf­zen treibt eine Wei­le auf dem Was­ser. Ers­te Son­nen­strah­len umhül­len es mit rosa-gol­­de­­nem Licht, bevor es in den Wel­len des Flus­ses versinkt.

Wir sit­zen auf einem Steg am Leine­ufer. Ein paar Enten schwim­men vor dem Steg her­um. Jede von ihnen trägt einen klei­nen Trench­coat mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen, eine Zigar­re im Schna­bel­win­kel und hält in den Flü­geln eine Zei­tung mit dis­kre­ten Löchern zum Durchgucken.

„Ihre Beschat­tungs­tech­nik ist nicht mehr sehr zeit­ge­mäß“, flüs­te­re ich verschwörerisch.

Du schaust mich ver­ständ­nis­los an und ich begrei­fe, dass das stun­den­lan­ge Gespräch in der end­gül­ti­gen Tren­nung mün­det, denn frü­her hät­test Du ver­stan­den und gelacht, jetzt siehst Du nur noch eini­ge der all­ge­gen­wär­ti­gen Enten.

Es gilt, sehr schnell zu sein, bevor das Ver­ständ­nis und der Wil­le zur Nach­sicht in eine Schlamm­schlacht aus­ar­ten. Es ist der Trick, sich das vor­her ein­zu­ge­ste­hen, die Ide­al­vor­stel­lung einer freund­schaft­li­chen Tren­nung zu demas­kie­ren und dem neu­ge­won­ne­nen Geg­ner einen Schritt vor­aus zu sein.“

So hät­te es Mac­chia­vel­li in sei­ner Bri­­gi­t­­te-Kolum­­ne geschrieben.

Ich atme die apri­ko­sen­far­be­ne Luft ein und star­re auf die ver­schwim­men­den Buch­sta­ben des Lei­b­­nitz-Zitats an der Mau­er des his­to­ri­schen Muse­ums. Mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen kann ich gera­de noch die Turm­uhr der Markt­kir­che erken­nen. Schon halb fünf.

Kei­ner von uns sagt etwas. Die Stil­le hat die Kon­sis­tenz einer der zähen Rinds­rou­la­den, die mei­ne Mut­ter frü­her auf den Tisch brach­te, wenn die Fami­lie gegen malay­ischen Lin­sen­ein­topf mit Bana­nen oder Grün­kern­auf­lauf das Veto ein­leg­te. Auf denen konn­te man auch stun­den­lang rum­kau­en wie auf einem Kau­gum­mi. War der Geschmack ver­braucht, blieb der fase­ri­ge, grau­brau­ne Klum­pen zurück, den wir alle mit Todes­ver­ach­tung schluck­ten. Ich fra­ge mich, ob mei­ne Mut­ter wirk­lich glaub­te, uns wür­den die Rou­la­den schmecken.

„Jetzt, wo wir getrenn­te Leu­te sind, ist gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis im Prin­zip obso­let. Trotz­dem möch­te ich Dir eine Geschich­te erzäh­len. Und zwar die von den Russen:

Als ich nach der Arbeit nach Hau­se kom­me, sit­zen zwei Män­ner im Ess­zim­mer. Ein­fach so. Mit der Selbst­ver­ständ­lich­keit von Fami­li­en­mit­glie­dern. Bei­de haben Senf­kris­tall vor sich ste­hen und eine gro­ße Fla­sche Wod­ka. Der eine ist bestimmt schon Anfang 50, sein Gesicht sieht aus wie von einem geschick­ten Künst­ler in rotem Lehm model­liert, etwas blas­ser, aber im glei­chen Farb­ton. Selbst die Fal­ten und Ker­ben haben etwas Mine­ra­li­sches an sich, sogar sein Haar, wie das einer bil­li­gen Perü­cke, passt farb­lich ganz Ton in Ton zum Rest. Jemand soll­te ihm mal sagen, dass Ton in Ton out ist. Die hell­blau­en Augen schwim­men in wäss­ri­ger Gleich­gül­tig­keit. Gleich­zei­tig ist er eine ein­zi­ge For­de­rung, immer­zu bereit, auf­zu­sprin­gen und die ihm zuge­dach­ten Gaben des Lebens an sich zu reißen.

Der ande­re macht einen eher emp­find­sa­men Ein­druck, mit fei­ne­ren Gesichts­zü­gen, fei­nem schwar­zen Haar und Augen, die man nur als see­len­voll bezeich­nen kann. Ich stel­le ihn mir sofort mit poma­di­sier­tem Haar, in Frack und blank­ge­putz­ten Lack­schu­hen in einem Rauch­zim­mer vor, auf dem Tisch­chen neben ihm ein Kris­tall­glas mit Likör. Mit fei­nen Herr­schaf­ten phi­lo­so­phi­sche und sozia­le Pro­ble­me der Jahr­hun­dert­wen­de dis­ku­tie­rend. Albern, was einem wäh­rend der Sekun­den des ers­ten Anse­hens durch den Kopf schießt. Mein Vater ist im gan­zen Haus nicht zu fin­den und ich bin unsi­cher, was ich mit die­sen bei­den Män­nern anfan­gen soll.

Ich rufe Ger­da an. Das Gespräch mit ihr ist eine Art Tau­zie­hen mit Gum­mi­sei­len, aber immer­hin weiß ich danach, dass die bei­den Her­ren Juri und Michail hei­ßen, zwei Deutsch­rus­sen und Musi­ker sind, die nun bei uns woh­nen. Im Zim­mer neben mei­nem. Sie sei­en wert­vol­le Künst­ler im Stil ver­folg­ter Dis­si­den­ten. Nahe­zu Kleinodien.

Ich ver­su­che, mich über die­se Berei­che­rung zu freu­en und gehe zurück um mich zumin­dest vor­zu­stel­len. Danach will ich eigent­lich nur Ruhe. Statt­des­sen bekom­me ich ein Glas Wod­ka auf­ge­nö­tigt und Ziga­ret­ten angeboten.

Nach einem gefühl­ten Liter Schnaps kommt die Gleich­gül­tig­keit. Juris Hand auf mei­nem Bein ist mir egal. Juris Hand an mei­nen Brüs­ten ist mir egal. Wäre ich nüch­tern, täte ich aus Anstand etwas geziert, wäre aber trotz­dem gleich­gül­tig. Mein Kör­per ist etwas, das eben an mir und mei­nen Gedan­ken dran­hängt. Ste­cken kaum Emp­fin­dun­gen drin. Im Lau­fe des Abends haben sich die bei­den wohl geei­nigt, denn Juri schleppt mich ganz selbst­ver­ständ­lich in mein Bett, zieht mich aus und fasst mich an. Kein Strei­cheln, eher ein lust­lo­ses Rei­ben, als müs­se das eben sein, bevor man wei­ter­ma­chen kann. Wäre ich nüch­tern, ich täte so, als gefie­le mir das. Stöhn­te etwas, beweg­te das Becken, wie ich das sonst tat, wenn ich mit jeman­dem mit­ging. Jetzt lie­ge ich aber ein­fach da. Er zieht erst mei­ne Hosen run­ter, dann sei­ne eige­nen. Kei­nen Ton gibt er von sich, als er vehe­ment in mich ein­dringt, nicht mal ein Äch­zen oder Grun­zen. Als brin­ge er eine Pflicht­übung hin­ter sich. Sein Kör­per­ge­ruch über­wäl­tigt mei­nen eige­nen Dunst in einer resi­gnier­ten feind­li­chen Über­nah­me. Es dau­ert über­ra­schend lan­ge, bis er sei­nen Prü­gel aus mir her­aus­zieht und sich, immer noch geräusch­los, anzieht und das Zim­mer ver­lässt. Auf dem Max Ernst Druck an der Wand neben mir ent­de­cke ich Details, die mir bis­her ver­bor­gen gewe­sen waren, obwohl der wei­ße Schlei­er des Mos­ki­to­net­zes dar­über liegt. Die Wol­ke links oben im Bild sieht fast aus wie ein Pan­da­ge­sicht. Ein Comic­pan­da. Ich mag Max Ernst lie­ber als H.R. Giger. Die Bil­der sind auf eine weni­ger pla­ka­ti­ve Art düs­ter und beklem­mend. Wenn man will, kann man eine Ahnung von Hoff­nung dar­aus zusam­men­su­chen, muss aber nicht.

Sper­ma läuft aus mir her­aus, es fühlt sich an, als mache ich ins Bett. Irgend­wie ist es auch genau­so. Ich mache stell­ver­tre­tend für den Mine­ra­li­schen in mein Bett. Besud­le es. Die gro­ße Eule schaut mir wohl­wol­lend mit plü­schig umrahm­ten Glas­au­gen dabei zu.

Ich krie­che durch die Löcher in der grü­nen Höh­le, das Licht drau­ßen ver­liert sich, die Pan­da­wol­ke ist jetzt ein Rochen, oder eine Schlan­ge. Sobald man in dem Bild drin ist, kann man sie nicht mehr sehen, doch die Wol­ken müs­sen sich ver­än­dern und wei­ter­zie­hen, denn mit mir in der Sze­ne muss zwangs­läu­fig Zeit ver­ge­hen, Dyna­mik entstehen.

Das Moos, das die Höh­len­ein­gän­ge weich auf­pols­tert und den Boden zu einer ers­ten Ruhe­stät­te macht, drü­cke ich mit Knien und Hän­den platt. Wo ich län­ger ver­har­re, rich­tet es sich nicht wie­der auf und an ande­ren Stel­len kann ich hören, wie es auf­at­met, weil mei­ne Last fort ist. Ich bin schon so weit in den Berg vor­ge­drun­gen, dass das Klop­fen und Öff­nen mei­ner Zim­mer­tür kaum noch zu hören ist. Jemand setzt sich neben mich auf die Bett­kan­te. Der Boden aus wei­chem Gestein knarrt lei­se und gibt unter dem zusätz­li­chen Gewicht nach. Eine Feder streicht über mein Haar und die Wan­gen. Sie schei­nen ganz feucht zu sein. Das Dun­kel ver­krampft sich, etwas nähert sich. Etwas Süß­li­ches, Dump­fes. Zwei wei­che Kis­sen legen sich auf mei­ne Stirn, die Feder streicht über mei­nen Bauch. Ich zie­he die Bei­ne an und dre­he den Kopf und den Rest von mir weg, wie­der dem Bild und der Wand zu. Die Höh­le hat mich in das fau­li­ge Bett aus­ge­spuckt. Gän­se­haut dringt auch dort hin, wo mich noch das eine Hosen­bein bedeckt. Mehr geht nicht, nur weg­dre­hen mit letz­ter Kraft. Die Feder löst sich nicht mit einem Puff in Luft auf, viel­mehr bohrt sie sich pene­trant sanft hin­ein. Nicht in den Kör­per, son­dern in mich. Es ist ange­nehm und absto­ßend gleich­zei­tig, wie Obst kurz vor dem Ver­fau­len. Wie an Ste­fa­nies Geburts­tag auf dem Schoß ihres Stief­va­ters. Michail gibt fort­wäh­rend Schhhs von sich, wie ein Zug. Er soll aus mir ver­schwin­den. Nie­mand darf in mich hinein.“

Die Frau starrt blick­los in mei­ne Rich­tung. Ihre Augen wogen selbst­stän­dig auf und ab mit den Wel­len des Fluss­was­sers. Vor­hin hat sie mich noch ange­se­hen, als hät­te sie mich erkannt und es war die­ser Blick, der mich bewog, den bei­den eine der kost­ba­ren, unend­li­chen Minu­ten für ihre Tren­nung zu schen­ken. Jetzt ist ihre Prä­senz ein Loch in der Luft. Der Mann legt den Arm um sie und ich schwim­me mit den ande­ren Enten am Ufer ent­lang auf eine alte Dame zu, die Brot­stü­cke ins Was­ser wirft. Auf dem Uhren­turm der Markt­kir­che schubst ein spiel­zeug­gro­ßer Mensch den Zei­ger an.