»Meine Wohltäterin Rachel Sokolow«, begann Ismael, »zählte im College einen jungen Mann namens Jeffrey zu ihren Freunden, dessen Vater ein reicher Chirurg war. Jeffrey wurde im Leben vieler Menschen damals und auch später zu einer wichtigen Person, weil er die Leute vor ein Problem stellte. Er wusste einfach nicht, was er mit sich anfangen sollte. Er war attraktiv, intelligent, sympathisch und zeigte bei fast allem, was er machte, auch Talent. Er konnte gut Gitarre spielen, obwohl er kein Interesse an einem musischen Beruf hatte. Er konnte gut fotografieren, konnte gut zeichnen, er spielte die Hauptrolle in einer Theateraufführung seiner Schule, er schrieb unterhaltsame Geschichten, aber auch provozierende Aufsätze, aber er wollte weder Fotograf noch Künstler, Schauspieler oder Schriftsteller werden. Er brachte in jeder Klasse gute Leistungen, aber er wollte weder Lehrer noch Geisteswissenschaftler werden. Er war auch nicht daran interessiert, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten oder auf dem Gebiet der Juristerei, der Naturwissenschaft, der Mathematik, der Wirtschaft oder der Politik tätig zu werden. Er fühlte sich zwar zu spirituellen Dingen hingezogen, ging gelegentlich auch in die Kirche, aber es kam ihm nicht in den Sinn, Theologe oder Geistlicher zu werden. Trotz alledem schien er sozial gut angepasst, wie man es nennt. Er wurde weder von nennenswerten Ängsten und Depressionen noch von Neurosen geplagt. Er hatte in Bezug auf seine sexuelle Orientierung keinen Zweifel. Er stellte sich vor, dass er sich eines Tages ein Haus bauen und heiraten würde, aber erst, wenn er seinem Leben einen Sinn gegeben hatte.
Jeffreys Freunde wurden nie müde, ihm Vorschläge zu machen, wie er sein Leben gestalten sollte. Würde es ihm keinen Spaß machen, in der Lokalzeitung Filme zu besprechen? Hatte er je daran gedacht, sich aufs Elfenbeinschnitzen oder das Goldschmieden zu verlegen? Die Kunstschreinerei wurde ihm als etwas überaus Befriedigendes ans Herz gelegt. Wie wäre es mit der Fossiliensuche? Gourmetküche? Vielleicht sollte er Forscher werden? Würde es ihm nicht Spaß machen, mit auf eine archäologische Expedition zu gehen? Jeffreys Vater hatte großes Verständnis dafür, dass sein Sohn offensichtlich nicht imstande war, etwas zu finden, was ihn begeisterte. Er unterstützte ihn bereitwillig bei allem, was es seinem Sohn wenigstens wert schien, ausprobiert zu werden. Wenn eine Weltreise irgendeinen Reiz für ihn hatte, dann würde man eine Reiseagentur beauftragen, eine entsprechende Route zusammenzustellen. Wenn er ausprobieren wollte, wie es sich in der freien Natur lebte, würde man ihm gern die nötige Ausrüstung zur Verfügung stellen. Wenn er zur See wollte, würde man ihm ein passendes Boot bereitstellen. Wenn er sich entschließen sollte, Töpfer zu werden, würde schon ein Brennofen auf ihn warten. Selbst wenn er einfach nur in den Tag hineinleben hätte wollen, wäre das in Ordnung gewesen. Jeffrey jedoch tat dies alles mit einem höflichen Achselzucken ab, peinlich berührt, weil sich seinetwegen alle solche Gedanken machten.
Ich will hier nicht den Eindruck erwecken, dass Jeffrey faul oder verzogen gewesen wäre. Er war im Studium immer bei den Besten, jobbte nebenher, lebte in einer gewöhnlichen Studentenbude, besaß kein Auto. Er betrachtete einfach die Welt, die sich ihm darbot, und konnte nichts entdecken, das zu besitzen ihm etwas wert gewesen wäre. Seine Freunde sagten ständig zu ihm: ›Schau, so kannst du doch nicht weitermachen. Du verzettelst dich. Du musst dir ein Ziel suchen. Du musst irgendetwas finden, was du mit deinem Leben anfangen willst!‹
Jeffrey machte seinen Abschluss mit Auszeichnung, aber ohne sich für eine bestimmte Richtung entschieden zu haben. Nachdem er den Sommer im Hause seines Vaters verbracht hatte, besuchte er zwei Freunde aus dem College, die gerade geheiratet hatten. Er nahm seinen Rucksack mit, seine Gitarre, sein Tagebuch. Nach ein paar Wochen verabschiedete er sich von ihnen, um andere Freunde zu besuchen und fuhr per Anhalter weiter. Er hatte es nicht eilig. Er machte auf seinem Weg immer wieder halt, half ein paar Leuten dabei, einen Schuppen zu bauen, verdiente genug Geld, um sich über Wasser zu halten, und erreichte schließlich sein nächstes Reiseziel. Bald stand der Winter vor der Tür, und er machte sich wieder auf den Heimweg. Er und sein Vater führten lange Gespräche, spielten Romme, Poolbillard und Tennis, sahen sich Football an, tranken Bier, lasen Bücher, gingen ins Kino.
Als der Frühling kam, kaufte sich Jeffrey einen Gebrauchtwagen und fuhr wieder los, um Freunde zu besuchen, diesmal in die andere Richtung. Man nahm ihn gern auf, wo immer er hinkam. Die Leute mochten ihn, und er tat ihnen leid, weil er so wurzellos, so unfähig, so unkonzentriert war. Aber sie gaben ihn nicht auf. Jemand wollte ihm eine Videokamera kaufen, damit er einen Film über seine Wanderungen drehen konnte. Jeffrey war nicht interessiert daran. Jemand anders erbot sich, seine Gedichte bei verschiedenen Zeitschriften einzusenden, um zu sehen, ob nicht eines veröffentlicht werden würde. Jeffrey meinte, dass er das nett fände, dass es ihm persönlich jedoch egal wäre, was dabei herauskäme. Nachdem er den Sommer über in einem Pfadfinderlager gearbeitet hatte, bat man ihn, als ständiger Betreuer dort zu bleiben, aber auch das reizte ihn nicht.
Als es Winter wurde, überredete ihn sein Vater dazu, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, den er persönlich kannte und dem er vertraute. Jeffrey ging den ganzen Winter über drei Mal wöchentlich zur Therapie, am Ende musste der Therapeut jedoch zugeben, dass seinem Patienten psychisch rein gar nichts fehlte, abgesehen davon, dass er ihm ein wenig unreif vorkam. Auf die Frage, was ›ein wenig unreif‹ bedeutete, erklärte der Therapeut, Jeffrey sei unmotiviert, unkonzentriert und hätte keine Ziele, was jedoch bereits hinlänglich bekannt war. ›In ein oder zwei Jahren wird er bestimmt etwas finden‹, prophezeite der Therapeut. ›Und höchstwahrscheinlich wird es etwas ganz Naheliegendes sein. Ich bin sicher, es befindet sich im Augenblick schon direkt vor seiner Nase, und er sieht es einfach nur nicht.‹ Als der Frühling kam, ging Jeffrey wieder auf Reisen, und falls sich tatsächlich etwas direkt vor seiner Nase befand, so sah er es jedenfalls nicht.
So vergingen Jahre. Jeffrey sah zu, wie seine alten Freunde heirateten, Kinder bekamen, an ihrer beruflichen Karriere bastelten, Unternehmen gründeten, hier zu ein wenig Ruhm gelangten, dort zu ein wenig Vermögen, während er weiter Gitarre spielte, hier und da ein Gedicht verfasste und ein Tagebuch nach dem anderen voll schrieb. Letzten Frühling feierte er mit Freunden zusammen in einem Ferienhaus am Lake Wisconsin seinen einunddreißigsten Geburtstag. Am nächsten Morgen ging er ans Ufer hinunter, schrieb ein paar Zeilen in sein Tagebuch, watete dann in den See und ertränkte sich.«
»Traurige Sache«, sagte ich nach einer Weile, außerstande, etwas Intelligenteres von mir zu geben.
»Es ist eine alltägliche Geschichte, Julie, bis auf eine Tatsache – die Tatsache, dass Jeffreys Vater es seinem Sohn ermöglichte, sich treiben zu lassen. Dass er ihn dabei sogar unterstützte, während dieser zehn Jahre nichts zu tun, dass er ihn nicht unter Druck setzte und ihm nicht erklärte, er solle sich zusammenreißen und ein verantwortungsvoller Mensch werden. Das ist es, was Jeffrey von Millionen anderer junger Leute in deiner Kultur unterschied, die im Grunde genauso wenig Motivation besitzen wie er. Oder bist du der Ansicht, dass ich mich da täusche?«
»Mir ist noch nicht klar, was du genau meinst, deshalb kann ich auch noch nicht sagen, ob ich dir zustimmen kann.«
»Wenn du an deine Freunde oder Klassenkameraden denkst – brennen sie darauf, Rechtsanwalt, Banker, Ingenieur, Koch, Friseur, Versicherungsvertreter oder Busfahrer zu werden?«
»Einige von ihnen, ja. Sie wollen zwar nicht unbedingt das werden, was du gerade aufgezählt hast, Friseure und Busfahrer, aber irgendetwas schon. Einige meiner Freunde hätten sicher nichts dagegen, Filmstar oder Profisportler zu werden.«
»Und wie stehen, realistisch gesehen, ihre Chancen, das auch zu schaffen?«
»Eins zu einer Million vermutlich.«
»Glaubst du, dass es da draußen Achtzehnjährige gibt, die davon träumen, Taxifahrer, Zahntechniker oder Straßenarbeiter zu werden?«
»Nein.«
»Glaubst du, es gibt viele Achtzehnjährige wie Jeffrey, die keine der Tätigkeiten in der Arbeitswelt der Nehmer reizvoll finden? Die froh wären, wenn sie sich das Ganze schenken könnten, vorausgesetzt, jemand würde ihnen jährlich zwanzig- oder dreißigtausend Dollar überweisen?«
»Himmel, ja, wenn du es so formulierst, dann bin ich mir sicher, dass es da einige gibt. Ach was, Millionen!«
»Aber wenn sie die Arbeitswelt der Nehmer nicht interessiert, warum werden sie dann ein Teil dieser Welt? Warum nehmen sie Jobs an, die ihnen wie allen anderen auch völlig sinnlos erscheinen?«
»Sie arbeiten, weil sie es müssen. Ihre Eltern setzen sie irgendwann vor die Tür. Sie müssen sich entweder einen Job suchen oder verhungern.«
»Das ist richtig. Aber natürlich sind in jeder Abschlussklasse ein paar, die dann lieber verhungern würden. Früher nannte man sie Vagabunden, Gammler oder Landstreicher. Heute bezeichnen sie sich selbst als obdachlos, was heißen soll, dass sie auf der Straße leben, weil sie dazu gezwungen werden. Es sind Ausreißer, Herumtreiber, Gelegenheitsdiebe und ‑prostituierte, Straßenräuber und Stadtstreicher. Sie organisieren sich auf die eine oder andere Weise ihren Lebensunterhalt. Die Nahrung mag zwar unter Verschluss gehalten werden, aber sie haben die Ritzen in der Wand der Stahlkammer gefunden. Sie filzen Betrunkene und sammeln Aludosen. Sie betteln, wühlen in den Abfalltonnen von Restaurants und begehen Bagatelldiebstähle. Es ist kein leichtes Leben, aber sie leben lieber so, als dass sie einen sinnlosen Job annehmen und wie die große Masse der Armen in der Stadt leben. Sie bilden eine sehr große Subkultur, Julie.«
»Ja, jetzt wo du es sagst, wird es mir klar. Ich habe tatsächlich Freunde, die sagen, dass sie lieber auf der Straße leben wollen. Sie sprechen davon, in bestimmte Städte zu gehen, wo es bereits viele gibt, die das tun. Eine dieser Städte ist Seattle.«
»Dieses Phänomen hängt eng mit dem Phänomen der Jugendbanden und Jugendsekten zusammen. Wenn diese Straßenkinder sich charismatischen Kriegsherren anschließen, werden sie als Gang wahrgenommen. Wenn sie sich charismatischen Gurus anschließen, nimmt man sie als Sekte wahr. Kinder, die auf der Straße leben, haben nur eine sehr geringe Lebenserwartung, und es dauert nicht lange, dann wissen sie das auch. Sie sehen, wie ihre Freunde als Teenager oder mit Anfang Zwanzig sterben, und sie wissen, dass sie dasselbe Schicksal erwartet. Trotzdem können sie sich nicht dazu überwinden, sich irgendeine Bruchbude zu mieten, ein paar anständige Kleidungsstücke zu besorgen und sich irgendeinen idiotischen Mindestlohnjob zu suchen, den sie hassen. Verstehst du, was ich damit sagen will, Julie? Jeffrey ist genau wie sie. Nur kommt er aus der Oberschicht. Denen, die den unteren Schichten der Gesellschaft entstammen, ist das Privileg verwehrt, sich in einem netten sauberen See in Wisconsin zu ertränken. Doch das, was sie tun, läuft so ziemlich auf dasselbe hinaus. Sie sterben lieber, als sich in das Heer der Armen der Stadt einzureihen. Und im Allgemeinen sind sie dann auch bald tot.«
»Das leuchtet mir alles ein«, sagte ich zu ihm. »Was mir aber nicht einleuchtet, ist, worauf du hinauswillst.«
»Ich will noch gar nicht auf etwas Bestimmtes hinaus, Julie. Ich lenke deine Aufmerksamkeit auf etwas, was die Angehörigen deiner Kultur für völlig unbedeutend halten. Jeffreys Geschichte ist schrecklich traurig – aber er ist ein Einzelfall, nicht wahr? Wenn Tausende von Jeffreys ins Wasser gingen, wärt ihr möglicherweise beunruhigt. Aber die verwahrlosten Kids, die zu Tausenden auf euren Straßen sterben, sind etwas, was ihr getrost ignorieren könnt.«
»Ja, das ist wahr.«
»Ich betrachte gerade etwas, das den Angehörigen deiner Kultur nicht beachtenswert scheint. Schließlich handelt es sich ja nur um Drogenabhängige, Verlierer, Gangster, Gesindel. Die Einstellung der Erwachsenen dazu lautet: Wenn sie wie Tiere leben wollen, dann lasst sie doch. Wenn sie sich umbringen wollen, dann lasst sie doch. Es sind Kranke, Soziopathen und Außenseiter, und es ist gut, wenn wir sie los sind.«
»Ja, genau das denken die meisten Erwachsenen wohl.«
»Sie befinden sich im Zustand des Verleugnens, Julie, und was ist es, das sie verleugnen?«
»Sie verleugnen, dass das ihre eigenen Kinder sind. Für sie sind das die Kinder von jemand anderem.«
»Richtig. Dass ein Jeffrey sich in einem See ertränkt oder eine Susie an einer Überdosis in der Gosse stirbt, ist euch egal. Dass sich jährlich Zehntausende umbringen, einfach verschwinden und nichts hinterlassen, sagt euch nichts. Es enthält keine Botschaft. Es ist wie das Rauschen im Radio, etwas, das man ignoriert, und je mehr ihr es ignoriert, desto deutlicher hört ihr die Musik.«
»Sehr wahr. Aber ich versuche immer noch herauszufinden, worauf du hinauswillst. «
»Niemandem von euch fiele ein, sich zu fragen: Was brauchen diese Kinder?«
»Himmel, nein. Wen kümmert es schon, was sie brauchen?«
»Aber du kannst dich das doch fragen, nicht wahr? Kannst du dich dazu durchringen, Julie? Kannst du das ertragen?«
Ich saß eine Minute da, starrte ins Leere, und plötzlich passierte etwas Dummes: Ich brach in Tränen aus. Explodierte förmlich in Tränen. Ich saß da, von großen, riesigen Schluchzern geschüttelt, die nicht aufhören wollten, bis ich langsam glaubte, ich würde bis an mein Lebensende in diesem Sessel sitzen und schluchzen.
Als ich mich endlich wieder gefangen hatte, stand ich auf und erklärte Ismael, dass ich gleich wieder zurückkommen würde. Dann machte ich einen Spaziergang um den Block – genauer gesagt, um ein paar Blöcke.
Als ich zurückkam gestand ich, nicht zu wissen, wie ich das Ganze in Worte fassen sollte.
»Du kannst Gefühle nicht in Worte fassen, Julie. Das weißt du. Du hast sie mit diesem Schluchzen ausgedrückt. Es gibt keine Worte, die dem gleichkämen. Aber es gibt andere Dinge, die du sehr wohl mit Worten ausdrücken kannst.«
»Ja, vermutlich.«
»Du hattest eine Art Vision von dem ungeheuren Verlust, der dich und die andern jungen Menschen, von denen wir gesprochen haben, gleichermaßen betrifft.«
»Ja. Ich hatte vorher keine Ahnung, dass es auch mich betrifft. Ich wusste nicht, dass ich überhaupt irgendetwas mit ihnen gemeinsam habe.«
»Bei deinem ersten Besuch bei mir hast du erzählt, du würdest ständig denken: Ich muss hier raus, ich muss hier raus. Du meintest, das würde bedeuten: Lauf um dein Leben!«
»Ja, und genau das habe ich vorhin empfunden, als ich hier saß und weinte: Bitte! Bitte lasst mich um mein Leben laufen! Bitte lasst mich hier raus! Bitte lasst mich gehen! Bitte haltet mich hier nicht für den Rest meines Lebens fest! Ich muss laufen! Ich halte das nicht mehr aus!«
»Aber das sind Gedanken, die du deinen Klassenkameraden nicht anvertrauen würdest?«
»Das sind Gedanken, die ich mir vor zwei Wochen nicht einmal selbst eingestanden hätte.«
»Du hättest es nicht gewagt, dich mit all dem auseinanderzusetzen?«
»Nein, wenn ich das getan hätte, dann hätte ich gesagt: Was ist denn mit dir los? Irgendetwas stimmt mit dir nicht. Du musst krank sein!«
»Das ist genau das, was Jeffrey immer wieder in sein Tagebuch geschrieben hat. ›Was ist bloß mit mir los? Was ist mit mir los? Es muss mit mir etwas ganz schrecklich nicht stimmen, dass ich nicht imstande bin, Freude an irgendeinem Job zu finden.‹ Immer wieder schrieb er: ›Was ist los mit mir, was ist los mit mir, was ist los mit mir?‹ Natürlich sagten ihm auch alle seine Freunde immer wieder: ›Was ist mit dir los, was ist mit dir los, was ist mit dir los, dass du mit diesem wunderbaren Programm nicht klarkommst?‹ Vielleicht begreifst du nun zum ersten Mal, dass meine Aufgabe darin besteht, dir die phantastische Einsicht zu vermitteln, dass bei dir alles in Ordnung ist. Du bist es nicht, mit der etwas nicht stimmt. Und ich denke, in deinem Schluchzen lag zum Teil auch dieses Begreifen: An mir liegt es ja überhaupt nicht!«
(Daniel Quinn – Ismaels Geheimnis)
Meinen Eltern war es seit Pandemiebeginn gelungen, sich von Corona fernzuhalten, denn sie waren sehr vorsichtig. Sie trugen Masken, sie testeten sich regelmäßig, sie mieden größere Veranstaltungen und schafften es auf diese Art, sich kein einziges Mal mit Covid zu infizieren.
Doch dann war meine Mutter im Laufe des Jahres 2023 wegen einer völlig anderen Erkrankung in einer Reha-Klinik und erlebte dort ein „Best of Kafka meets Loriot“.
In der Reha-Klinik trug selbstverständlich niemand mehr Maske, es gab keinerlei Covid-Tests, keine Luftfilter und die Hälfte der Patient*innen litt an einer mysteriösen Erkältung.
Nach ein paar Tagen bekam meine Mutter völlig überraschend auch Erkältungssymptome. Da sie Corona ernst nahm und nimmt, bat sie bei einer Pflegekraft um einen Schnelltest, um sich zu testen. Hustenbonbons könne sie bekommen, aber einen Schnelltest nicht, meinte die Pflegerin. Es würden ja auch gar keine Covid-Tests mehr durchgeführt, wurde meine Mutter belehrt, was sie denn mit einem Test bezwecke und dass das doch auch gar keinen Unterschied mache, ob sie nun Covid habe oder eine Erkältung.
Meine Mutter blieb stur und verlangte nach einem Test. Der Test hätte ja nicht einmal durch Klinikpersonal durchgeführt werden sollen, sondern sie wollte nur mit ihren eigenen Händen einen beschissenen Schnelltest machen. Mehr nicht. Nein, das geht nicht so einfach, da muss die Pflegerin erst den Arzt fragen. Aha.
Als der Arzt sich dann erbarmte, sie anzuhören, leierte er dasselbe Programm herunter: „Warum wollen Sie den Test machen?“, „Was bringt das?“, „Es ändert sich ja nix!“, „Es ist doch eine Erkältung!“. Meine Mutter insistierte weiter, bis der Arzt schließlich irgendwann kapitulierte und sie zum hauseigenen Covid-Test schickte.
Die Pflegerin, die den Test durchführen sollte, war ein bisschen pissig, denn es war dieselbe, die den Covid-Test zunächst verwehrt hatte. Auf Anweisung des Arztes musste sie den Test nun durchführen und zeigte dabei ihre beste passiv-aggressive Seite. Widerwillig vollzog sie Nasen- und Rachenabstrich und kurz darauf waren beide Tests meiner Mutter zu absolut niemandes Überraschung positiv.
Die erste Reaktion der Pflegerin auf die positiven Covid-Tests war nur ein hämisches: „Sehen Sie, hätten Sie den Test mal lieber nicht gemacht!“
An dieser Stelle fragen wir uns kurz, warum das besser gewesen wäre, wenn es doch angeblich nichts ändert.
Doch siehe da, obwohl Corona angeblich ja nur eine Erkältung ist und sich für keinen was ändert, musste meine Mutter nun in Isolation und durfte an den Reha-Maßnahmen nicht mehr teilnehmen. War es jetzt etwa doch keine Erkältung mehr?
Die Pflegerin erklärte schadenfroh, meine Mutter habe sich nun selbst ein Bein gestellt mit der Isolation – hätte sie keinen Test gemacht, dürfte sie weiter ohne Maske an allen Maßnahmen teilnehmen, so wie alle anderen, die „erkältet“ sind. Wäre das nicht viel schöner?
Seitdem trugen alle Pflegekräfte und Ärzt*innen, die mit meiner Mutter in Kontakt kamen, mysteriöserweise immer eine Maske und der behandelnde Arzt kommentierte dieses Phänomen mit: „Na ja, ich will natürlich kein Covid bekommen“. Aber wieso das denn, wenn es nur eine harmlose Erkältung ist?
Selbstverständlich liefen alle anderen „erkälteten“ Patient*innen sowie das Klinikpersonal ansonsten, wenn sie nicht gerade Kontakt mit meiner Mutter hatten, weiterhin ohne Maske herum und steckten einander fröhlich an. Der behandelnde Arzt jedoch glaubte nicht daran, dass meine Mutter sich in der Klinik angesteckt habe – woher die Infektion dann gekommen sein soll, blieb sein Geheimnis. Vielleicht unbefleckte Empfängnis?
COVID-19 ist und bleibt eine meldepflichtige Infektionskrankheit und systemische Gefäßkrankheit, die unter anderem schwere und langfristige Gefäßschäden, Herzschäden, Hirnschäden, Long-Covid bzw. ME/CFS und andere Folgen nach sich ziehen kann (siehe exemplarisch hier, hier, hier oder hier), vor der es aber auch einfache und effektive Schutzmöglichkeiten wie etwa Masketragen und Lufthygiene (z.B. durch Luftfilter) gibt – oder gäbe.
Aber wenn niemand testet und alle nur „erkältet“ sind, muss kein Arzt und keine Einrichtung irgendetwas melden, niemand trägt Verantwortung, Covid gibt es nicht und alles ist gut.
Fragst Du Dich auch manchmal, was mit den ganzen Wörtern passiert, die Du im Laufe des Tages nicht gesprochen oder geschrieben hast?
Ich stelle mir gerne vor, dass ich für manches ein tägliches oder wöchentliches Kontingent habe, z.B. für zwischenmenschliche Kontakte, für Lächeln, oder eben für Wörter. So wie das jährliche Budget für Straßenbau in meiner Heimatstadt. Im Herbst wurden an den unmöglichsten Stellen Verkehrsinseln und Bremsschwellen gebaut, um im nächsten Jahr nicht etwa weniger Geld aus dem großen Topf zugewiesen zu bekommen.
Wenn das persönliche Budget ausgeschöpft ist, dann hat man vielleicht schon um 15 Uhr kein Lächeln mehr übrig und ist schon vom Atmen eines anderen Menschen genervt, oder aber man hat noch was über, lächelt völlig unmotiviert Bremsschwellen und Verkehrsinseln in die Luft und wird in der Bahn weiträumig umgangen, hat als einziger noch einen Sitzplatz neben sich frei, weil Leute, die ohne erkennbaren Grund lächeln, unheimlich sind.
Übriggebliebene Wörter kann man vielleicht durch Selbstgespräche loswerden, oder durch sinnlose Blogbeiträge wie diesen, aber das ist ja doch beides nicht jedermanns Sache. Ich empfinde es schon als merkwürdig, mit den Katzen zu reden. Selbstgespräche kommen also für mich nicht in Frage. Zumindest jetzt noch nicht. In 30 bis 40 Jahren, wenn ich eine bösartige alte Frau geworden bin, so eine, vor der alle Kinder in der Straße Angst haben und bei der sie beim Martinisingen nicht klingeln, gehe ich vor mich hin brummelnd umher und habe niemals mehr Wörter übrig, wenn ich einschlafen will.
Es ist nämlich so, dessen bin ich mir sicher, dass man von diesen Übriggebliebenen am Ende des Tages heimgesucht wird. Drohend ballen sie sich in den Ecken des Kopfes zusammen und tuscheln. Dieses Tuscheln knapp über der Grenze, an der es gehört werden kann. Ein Crescendo von Zischlauten, harten Ts und Ps (mit Spucketröpfchen) und bedeutungsschwangeren drei Punkten. Und dann kann man nicht oder nur schlecht schlafen. Im Kopf setzt sich Staub ab. Du siehst, es ist alles sehr dramatisch.
Wochenenden und Urlaube können besonders gefährlich sein!
Mit drei Punkten wird es noch ernster:
Wochenenden und Urlaube können besonders gefährlich sein…
Denken heißt zerstören. Der Denkvorgang opfert den Gedanken, denn Denken heißt auseinandernehmen. Könnten die Menschen das Geheimnis des Lebens sinnend erfahren, könnten sie die tausend Verstrickungen erahnen, die der Seele bei der geringsten Regung drohen, sie würden nicht einen Finger rühren, geschweigedenn leben. Sie würden vor Schreck vergehen, wie all jene, die Selbstmord begehen, um nicht anderentags unter der Guillotine zu enden.
(Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe)
Dein Seufzen treibt eine Weile auf dem Wasser. Erste Sonnenstrahlen umhüllen es mit rosa-goldenem Licht, bevor es in den Wellen des Flusses versinkt.
Wir sitzen auf einem Steg am Leineufer. Ein paar Enten schwimmen vor dem Steg herum. Jede von ihnen trägt einen kleinen Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen, eine Zigarre im Schnabelwinkel und hält in den Flügeln eine Zeitung mit diskreten Löchern zum Durchgucken.
„Ihre Beschattungstechnik ist nicht mehr sehr zeitgemäß“, flüstere ich verschwörerisch.
Du schaust mich verständnislos an und ich begreife, dass das stundenlange Gespräch in der endgültigen Trennung mündet, denn früher hättest Du verstanden und gelacht, jetzt siehst Du nur noch einige der allgegenwärtigen Enten.
„Es gilt, sehr schnell zu sein, bevor das Verständnis und der Wille zur Nachsicht in eine Schlammschlacht ausarten. Es ist der Trick, sich das vorher einzugestehen, die Idealvorstellung einer freundschaftlichen Trennung zu demaskieren und dem neugewonnenen Gegner einen Schritt voraus zu sein.“
So hätte es Macchiavelli in seiner Brigitte-Kolumne geschrieben.
Ich atme die aprikosenfarbene Luft ein und starre auf die verschwimmenden Buchstaben des Leibnitz-Zitats an der Mauer des historischen Museums. Mit zusammengekniffenen Augen kann ich gerade noch die Turmuhr der Marktkirche erkennen. Schon halb fünf.
Keiner von uns sagt etwas. Die Stille hat die Konsistenz einer der zähen Rindsrouladen, die meine Mutter früher auf den Tisch brachte, wenn die Familie gegen malayischen Linseneintopf mit Bananen oder Grünkernauflauf das Veto einlegte. Auf denen konnte man auch stundenlang rumkauen wie auf einem Kaugummi. War der Geschmack verbraucht, blieb der faserige, graubraune Klumpen zurück, den wir alle mit Todesverachtung schluckten. Ich frage mich, ob meine Mutter wirklich glaubte, uns würden die Rouladen schmecken.
„Jetzt, wo wir getrennte Leute sind, ist gegenseitiges Verständnis im Prinzip obsolet. Trotzdem möchte ich Dir eine Geschichte erzählen. Und zwar die von den Russen:
Als ich nach der Arbeit nach Hause komme, sitzen zwei Männer im Esszimmer. Einfach so. Mit der Selbstverständlichkeit von Familienmitgliedern. Beide haben Senfkristall vor sich stehen und eine große Flasche Wodka. Der eine ist bestimmt schon Anfang 50, sein Gesicht sieht aus wie von einem geschickten Künstler in rotem Lehm modelliert, etwas blasser, aber im gleichen Farbton. Selbst die Falten und Kerben haben etwas Mineralisches an sich, sogar sein Haar, wie das einer billigen Perücke, passt farblich ganz Ton in Ton zum Rest. Jemand sollte ihm mal sagen, dass Ton in Ton out ist. Die hellblauen Augen schwimmen in wässriger Gleichgültigkeit. Gleichzeitig ist er eine einzige Forderung, immerzu bereit, aufzuspringen und die ihm zugedachten Gaben des Lebens an sich zu reißen.
Der andere macht einen eher empfindsamen Eindruck, mit feineren Gesichtszügen, feinem schwarzen Haar und Augen, die man nur als seelenvoll bezeichnen kann. Ich stelle ihn mir sofort mit pomadisiertem Haar, in Frack und blankgeputzten Lackschuhen in einem Rauchzimmer vor, auf dem Tischchen neben ihm ein Kristallglas mit Likör. Mit feinen Herrschaften philosophische und soziale Probleme der Jahrhundertwende diskutierend. Albern, was einem während der Sekunden des ersten Ansehens durch den Kopf schießt. Mein Vater ist im ganzen Haus nicht zu finden und ich bin unsicher, was ich mit diesen beiden Männern anfangen soll.
Ich rufe Gerda an. Das Gespräch mit ihr ist eine Art Tauziehen mit Gummiseilen, aber immerhin weiß ich danach, dass die beiden Herren Juri und Michail heißen, zwei Deutschrussen und Musiker sind, die nun bei uns wohnen. Im Zimmer neben meinem. Sie seien wertvolle Künstler im Stil verfolgter Dissidenten. Nahezu Kleinodien.
Ich versuche, mich über diese Bereicherung zu freuen und gehe zurück um mich zumindest vorzustellen. Danach will ich eigentlich nur Ruhe. Stattdessen bekomme ich ein Glas Wodka aufgenötigt und Zigaretten angeboten.
Nach einem gefühlten Liter Schnaps kommt die Gleichgültigkeit. Juris Hand auf meinem Bein ist mir egal. Juris Hand an meinen Brüsten ist mir egal. Wäre ich nüchtern, täte ich aus Anstand etwas geziert, wäre aber trotzdem gleichgültig. Mein Körper ist etwas, das eben an mir und meinen Gedanken dranhängt. Stecken kaum Empfindungen drin. Im Laufe des Abends haben sich die beiden wohl geeinigt, denn Juri schleppt mich ganz selbstverständlich in mein Bett, zieht mich aus und fasst mich an. Kein Streicheln, eher ein lustloses Reiben, als müsse das eben sein, bevor man weitermachen kann. Wäre ich nüchtern, ich täte so, als gefiele mir das. Stöhnte etwas, bewegte das Becken, wie ich das sonst tat, wenn ich mit jemandem mitging. Jetzt liege ich aber einfach da. Er zieht erst meine Hosen runter, dann seine eigenen. Keinen Ton gibt er von sich, als er vehement in mich eindringt, nicht mal ein Ächzen oder Grunzen. Als bringe er eine Pflichtübung hinter sich. Sein Körpergeruch überwältigt meinen eigenen Dunst in einer resignierten feindlichen Übernahme. Es dauert überraschend lange, bis er seinen Prügel aus mir herauszieht und sich, immer noch geräuschlos, anzieht und das Zimmer verlässt. Auf dem Max Ernst Druck an der Wand neben mir entdecke ich Details, die mir bisher verborgen gewesen waren, obwohl der weiße Schleier des Moskitonetzes darüber liegt. Die Wolke links oben im Bild sieht fast aus wie ein Pandagesicht. Ein Comicpanda. Ich mag Max Ernst lieber als H.R. Giger. Die Bilder sind auf eine weniger plakative Art düster und beklemmend. Wenn man will, kann man eine Ahnung von Hoffnung daraus zusammensuchen, muss aber nicht.
Sperma läuft aus mir heraus, es fühlt sich an, als mache ich ins Bett. Irgendwie ist es auch genauso. Ich mache stellvertretend für den Mineralischen in mein Bett. Besudle es. Die große Eule schaut mir wohlwollend mit plüschig umrahmten Glasaugen dabei zu.
Ich krieche durch die Löcher in der grünen Höhle, das Licht draußen verliert sich, die Pandawolke ist jetzt ein Rochen, oder eine Schlange. Sobald man in dem Bild drin ist, kann man sie nicht mehr sehen, doch die Wolken müssen sich verändern und weiterziehen, denn mit mir in der Szene muss zwangsläufig Zeit vergehen, Dynamik entstehen.
Das Moos, das die Höhleneingänge weich aufpolstert und den Boden zu einer ersten Ruhestätte macht, drücke ich mit Knien und Händen platt. Wo ich länger verharre, richtet es sich nicht wieder auf und an anderen Stellen kann ich hören, wie es aufatmet, weil meine Last fort ist. Ich bin schon so weit in den Berg vorgedrungen, dass das Klopfen und Öffnen meiner Zimmertür kaum noch zu hören ist. Jemand setzt sich neben mich auf die Bettkante. Der Boden aus weichem Gestein knarrt leise und gibt unter dem zusätzlichen Gewicht nach. Eine Feder streicht über mein Haar und die Wangen. Sie scheinen ganz feucht zu sein. Das Dunkel verkrampft sich, etwas nähert sich. Etwas Süßliches, Dumpfes. Zwei weiche Kissen legen sich auf meine Stirn, die Feder streicht über meinen Bauch. Ich ziehe die Beine an und drehe den Kopf und den Rest von mir weg, wieder dem Bild und der Wand zu. Die Höhle hat mich in das faulige Bett ausgespuckt. Gänsehaut dringt auch dort hin, wo mich noch das eine Hosenbein bedeckt. Mehr geht nicht, nur wegdrehen mit letzter Kraft. Die Feder löst sich nicht mit einem Puff in Luft auf, vielmehr bohrt sie sich penetrant sanft hinein. Nicht in den Körper, sondern in mich. Es ist angenehm und abstoßend gleichzeitig, wie Obst kurz vor dem Verfaulen. Wie an Stefanies Geburtstag auf dem Schoß ihres Stiefvaters. Michail gibt fortwährend Schhhs von sich, wie ein Zug. Er soll aus mir verschwinden. Niemand darf in mich hinein.“
Die Frau starrt blicklos in meine Richtung. Ihre Augen wogen selbstständig auf und ab mit den Wellen des Flusswassers. Vorhin hat sie mich noch angesehen, als hätte sie mich erkannt und es war dieser Blick, der mich bewog, den beiden eine der kostbaren, unendlichen Minuten für ihre Trennung zu schenken. Jetzt ist ihre Präsenz ein Loch in der Luft. Der Mann legt den Arm um sie und ich schwimme mit den anderen Enten am Ufer entlang auf eine alte Dame zu, die Brotstücke ins Wasser wirft. Auf dem Uhrenturm der Marktkirche schubst ein spielzeuggroßer Mensch den Zeiger an.


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