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Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben

Wenn ein Duft gefällt, so versucht man ihn festzuhalten, ihn wiederzufinden; man läßt sich nicht vollständig von ihm berauschen, um ihn analysieren zu können und ihn allmählich in sich aufzunehmen, bis sich der Sinneseindruck durch die bloße Erinnerung wiederherstellen läßt; wenn der Duft wiederkommt, atmet man ihn langsamer, vorsichtiger ein, um auch die feinsten Nuancen zu erfassen. Eine starke Duftwolke steigt einem zu Kopf, hinterläßt jedoch das aufreizende Gefühl von etwas Unfertigem, Unvollendetem. Oder sie läßt einem auf unangenehme Weise den Atem stocken, man möchte sie loswerden, um wieder frei zu atmen, oder aber es ist ein heftiger, zu schnell wieder vergangener Rausch, weil nur das Nervensystem berührt worden ist. Es ist Glück, überwältigt zu werden und nichts mehr zu wissen. Doch noch ein Eckchen Bewußtsein zu haben, das immer weiß, was geschieht, und das durch dieses Wissen dem gesamten intellektuellen, vernünftigen Wesen erlaubt, in jeder Sekunde an dem gegenwärtigen Glück teilzuhaben, dieses Eckchen Bewußtsein zu haben, das die Entwicklung der Freude langsam nachvollzieht, das ihr bis an die äußersten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eckchen, das nicht mitschwingt, doch dieses Eckchen bleibt Zeuge der erlebten Freude – das, was sich erinnert und sagen kann: Ich bin glücklich gewesen und ich weiß warum. Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreifen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntnis des abdankenden Bewußtseins soweit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.
Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine

Ein Baum im Wind

Ich habe letzte Nacht von dir geträumt, von uns, von den Wegen, die wir gemeinsam hätten gehen, den Geheimnisse, die wir alle hätten teilen können, von dem, was wir einst waren, und von dem, was wir noch alles hätten sein können. Die Träume sind der letzte Ort, an dem ich dir noch nah sein kann. Es ist vorbei, habe ich gedacht, und ich käme damit klar. Nun aber verbringe ich meine Tage im Bett, manchmal achtzehn Stunden und mehr, weil doch mit dir der letzte Grund zum Aufstehen schwand. Schlafen jedoch kann ich kaum, und ob ich wach bin oder nicht, meine Gedanken drehen sich um dich, um das, was von dir noch immer in mir übrig ist. Du bist in mir eingezogen, damals, als wir uns kennenlernten, und als du gegangen bist, hast du deine Sachen einfach in mir zurückgelassen. Sie stehen in meinen Räumen herum und erinnern mich an dich, sie belegen so viel Platz in meinen Kammern, dass mir zum Leben keiner bleibt. Mein Appetit hat mir den Rücken zugekehrt, genau wie du, doch ohne Nahrung kann ich überleben, bloß ohne dich fällt mir das reichlich schwer.

Mit Tränen gehe ich in jede Nacht und meine Augen sind am nächsten Tag so schwer wie rot. Morgens treibt mich nur die Hoffnung an, du könntest dich heute bei mir melden. Abends bange ich dann vor dem Schlafengehen, vielleicht ja meldest du dich morgen. Was zwischen diesen Punkten liegt, ist jene Zeit, in welcher ich ein Leben simuliere, frech und selbstbewusst, das sorglose Mädchen; diese Zeit, in der ich hoffnungslos versuchen muss, mit Kopf und Herz nicht jeden Augenblick bei dir zu sein. Ohne ein Zeichen von dir sind meine Tage leer.

Wann immer ich in letzter Zeit durch diese Stadt schlenderte, in der dein Leben das meine zum ersten Mal betrat, fühlte ich die Aura deiner Anwesenheit. Hier lebst du, arbeitest du, verbringst du deine Tage. Hier lachten wir, sprachen wir, teilten wir ein Dasein miteinander. Es ist deine Stadt, das war sie schon, als wir uns kennenlernten, und sie liegt vor mir wie ein Mahnmal, wie ein Tor zu einer besseren Zeit. Hinter jeder Ecke könntest du hervorkommen, auf jeder Straße könntest du spazieren, und tatsächlich wartest du auf mich an jedem Ort. Nicht du, nicht als Person, aber als Erinnerung, als Gespenst meiner Vergangenheit, unserer Vergangenheit, das mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Du hast die Stadt für mich unbenutzbar gemacht, denn über allem liegt der Schleier deines Wesens. Keinen Meter kann ich gehen, ohne dass du mir erscheinst. So wie du mich im Schlaf in jeder Nacht verfolgst, verfolgst du mich bei jedem Schritt.

Du weißt, es beschränkt sich nicht auf eine leere Metapher, wenn ich dir sage, dass du für mich die Welt gewesen bist. Alles hier erinnert mich an dich. Die Stadt, sie schmeckt nach dir, sie riecht nach dir, der Wind verbreitet deinen Duft, die Häuser erzählen Geschichten über dich, die Brunnen speien dein Wasser. Straßen, Gebäude und Menschen erschöpfen sich in ihrer Relation zu dir, ich nehme sie wahr als Kulissen und Komparsen unseres vergangenen, gemeinsamen Lebens. Ich bewegte mich wie auf Schienen mit dir, war durch dich Zug geworden, der seine Gleise immer mit sich führt, was links und rechts von uns geschah, war mir egal, denn Augen hatte ich doch bloß für dich. Mit dir war alles schön, schon weil du da warst. Heute aber sind die Weichen umgestellt, die alten Trassen am Verrotten.

Mit bebendem Herzen kreuze ich in diesen Tagen dann und wann den weiten Platz, auf dem der kleine Brunnen steht, an dem wir uns so viele Nächte um die Ohren schlugen, bis das Morgenlicht uns unterbrach. Fast jeden Tag betrete ich den menschenleeren Bahnsteig, an dessen Ende du so oft auf mich gewartet hast. Wenn ich irgendwo bloß einen Zug vorüberrauschen sehe, fahre ich im Traum zu dir. Mit mattem Blick verfolge ich die Straßenbahn, die auch zu deiner Straße führt. An jeder Haltestelle suche ich nach dir. Manchmal schlendere ich durch den Park, in dem wir auf der Wiese saßen, um uns die Sterne anzusehen, doch wenn ich heute in den Himmel blicke, zeigt jedes Sternenbild bloß dein Gesicht. Wie Splitter der Vergangenheit sind all die Kneipen, Clubs und Restaurants, in denen wir zusammen saßen, tanzten und lachten, lose über diese Stadt verstreut. Wenn ich dort heute etwas trinken gehe, trinke ich dabei auf dich, und wenn ich hier und da ein wenig Nahrung zu mir nehme, hungere ich dabei nach dir.

Wie gern wir beide im Theater waren, wie oft wir Lesungen besuchten, das hat sich eingebrannt in meinen Kopf und geht dort niemals wieder raus. Bei jeder Vorstellung, bei jedem Wort, bei jedem Kunstwerk und bei jedem Exponat bist du im Geist noch immer neben mir und darum meide ich das alles nun fast ganz, aus Furcht, du könntest in der Menge sein. Manchmal lese ich in deinen Briefen, die du mir geschrieben hast, und wenn ich heute Post empfange, hoffe ich, sie ist von dir. All die Bands, die du so mochtest, sind mir keine Freude mehr, und in den Büchern, über die ich mit dir sprach, wohnst du auf ewig zwischen allen Zeilen. Alles Schöne, das ich neu für mich entdecke, jedes Buch, in dem ich mich verlieren kann, jeden Film, der mich begeistert, alles will ich weiterhin so gerne mit dir teilen – und dann denke ich mit tiefem Seufzen: ja, das würde dir gefallen.

Selbst meine Wohnung ist nicht länger mein Zuhause, die Dinge sprechen alle nur von dir. Ich bin hier niemals mehr allein. Jedes Klingeln führt mich hoffnungsfroh an meine Tür, doch hat sie mich noch allemal enttäuscht. Ich warte auf E-Mails, die nicht kommen, starre auf Telefone, die nicht klingeln. In meiner Küche stand ich nicht, seit wir gemeinsam dort zugange waren, und liege ich in meinem Bett, erdrückt mich deine Abwesenheit. Es fühlt sich leer an, denn du fehlst, nicht nur in meinem Bett, vor allem in meinem Leben.

Ich werde diese Stadt nicht länger ertragen können. An jeder Ecke treffe ich auf dich, ohne dich je berühren zu können; allerorts erscheinst du mir, an jeder Wand, in jeder Spiegelung auf einer Scheibe, auf dem Asphalt und in der Luft, ohne wirklich bei mir zu sein. Überall verstecken sich Gespenster. Bei jedem Menschen, der dir ähnelt, beginnt es schnell in mir zu pochen, bis die Hoffnung still verwelkt. Wie Fata Morganas schreiten deine Erscheinungen durch diese Stadt und blenden mich, doch keine davon stillt den Durst.

Nicht bloß die Stadt verkommt für mich zur Krypta unserer Vergangenheit. Bald wird er losgehen, der ungelenke Tanz durchs Minenfeld meiner Freunde, die sich zweifellos an dich erinnern werden, weil ich ihnen von dir vorliebte, ihnen alles über dich erzählte, mit einer Verve, wie das nur jemand kann, der dir von Kopf bis Fuß verfallen ist. Erzählt man etwas, dann verfestigt es sich mit jedem noch so kleinen Wort als Realität, und wenn es schiefgeht, dann wird es zur Hölle. Sie werden sich nach dir erkundigen, sie werden wissen wollen, was du machst und wie es dir so geht. Wie war noch gleich sein Name, werden sie mich beiläufig fragen, und während ich genau weiß, von wem die Rede ist, weil ich dich niemals vergessen kann, werde ich doch nichts anderes hervorbringen als: Wen meinst du? Wenn aber jemand deinen Namen ausspricht, kann man für einen kurzen Moment in meinen Augen sicher Welten aufblitzen sehen, ganze Galaxien, bevor sie kurz darauf als Schatten unbemerkt vergehen.

Glauben kann ich es dir nicht, dass da bei dir nichts mehr war, kein Wunsch nach Zukunft, kein Gefühl, und ich denke nicht einmal, dass du dir selbst das alles glaubst. Wo wir nun stehen, wäre mir begreiflicher, wenn es nicht du gewesen wärst, der diesen Stein erst ins Rollen gebracht hatte, der mit mir flirtete, ganz offensiv, obwohl du sonst so schüchtern bist. Dein Strahlen jedes Mal, wenn wir uns irgendwie begegneten, erwärmte meine ganze Welt. Ich fühlte, du bist mein Zuhause, und ich wollte dir das deine sein. Mein Lächeln muss mich schon von Anfang an verraten haben, diese Maske einer hoffnungslos Hoffnungsvollen, dieses gutmütige Grinsen, weil ich gänzlich glücklich war, und du, du lächeltest zurück.

Immer warst du so bemüht, mich fasziniert auf unsere Gemeinsamkeiten hinzuweisen, auf alle noch so kleinen Zufälle, auf die gewöhnlichen Ereignisse, die nicht mehr so gewöhnlich waren, weil du sie gleich mit mir verbunden hast und ich sie wiederum mit dir. Zwischen uns gedieh eine Art geistiger Intimität und wir vervollständigten uns, als hätten wir das immer schon getan. Du warst fröhlich, wenn wir Dinge zeitgleich erledigten, ohne uns irgendwie abgesprochen zu haben, oder wenn uns ein und dasselbe völlig unabhängig voneinander gefiel. Es waren solche Banalitäten, die dich glücklich machten, selbst wenn die Welt dir gerade lästig war, und ich war glücklich, schon weil du es warst.

Du merktest dir so vieles, was ich dir erzählte, all die Dinge, die ich mag. Ich stand für dich im Licht, war Sammelstelle deiner Aufmerksamkeit und das zeigtest du mir deutlich, nur zugegeben hättest du es nie. Noch über die dümmsten meiner Witze hast du gelacht, wie das nur jemand kann, der nicht mehr ganz bei Trost oder ernsthaft verliebt sein muss, was unterm Strich ja irgendwie das Gleiche ist, mit einem herzlich schönen Lachen, dem ich im ersten Augenblick sofort verfiel.

Du hast dich einmal als einen Menschen bezeichnet, der zuallererst an sich denkt, und dennoch machtest du so viel für mich, du sorgtest dich um mich, du wolltest, dass ich mich bei dir wohlfühle. Für jemanden, der nur an sich denkt, hast du erstaunlich viel an mich gedacht. Ich nahm in deinem Leben einen so großen Raum ein, dass es mir schon beinahe unangenehm wurde. Am Ende unserer Treffen hast du mich kein einziges Mal einfach so fortgehen lassen, ohne mir zwischen Tür und Angel nicht noch Vorschläge für ein Wiedersehen ans Herz zu legen. Deine Phantasie überschlug sich bei dem hölzernen Versuch, neue Vorwände für ein Treffen zu erdenken, mit einer beiläufigen Art, die sicher deine Schüchternheit verbergen sollte, die du immer schon für unmännlich gehalten hast. Dir lag etwas daran, dass wir uns wiedersehen, das war es, was für mich von alldem hängenblieb. Du organisiertest deine Zeit um mich herum, um meine Manifestation in deinem Leben, während ich dich sachte in dem meinen verankerte, als bautest du in meinem Vorhof dein Quartier. Ich nahm mir meine Zeit für dich, ich nahm mir alle Zeit der Welt. Heute willst du sie nicht mehr.

Es spielt keine Rolle, was ich glaube und was tatsächlich deine Gründe waren, denn es bringt uns nicht wieder zusammen, macht aus den Trümmern nicht mehr eins.

Meine Briefe, in denen ich dir schrieb, wie viel du mir bedeutest, hast du leider nie beantwortet, und meine Vorschläge, was wir gemeinsam unternehmen könnten, schlägst du seitdem alle aus. Du warst mit einem Mal wie ausgewechselt, kamst mir vor wie ein Magnet, dessen Polarität sich schlagartig verändert hatte. Was mir gefiel, konntest du plötzlich nicht mehr ausstehen. Bei jeder Angelegenheit, in der wir immer einer Meinung gewesen waren, behauptetest du nun das Gegenteil. Wenn wir uns doch noch einmal trafen, brachtest du stets irgendwelche Freunde mit, Bekannte oder Arbeitskollegen. Mein Eindruck war, es hätten Unbekannte sein können, solange das für dich bedeutete, nicht mit mir allein zu sein, als sei ich über Nacht zu einer düsteren Bedrohung geworden, die nur als Gruppe überhaupt bezwungen werden kann.

Du wolltest es mir verwehren, dich auch weiterhin zu mögen, so wie jemand, der einem armen Bettler etwas Geld verwehrt, nicht weil er selbst ein böser Mensch ist, sondern um die Brieftasche nicht öffnen zu müssen. Es sticht schon höllisch in der Brust, wenn man ernüchtert feststellen muss, dass eine Liebe nicht erwidert wird, doch wenn die eigenen Gefühle noch als Zumutung empfunden werden, ist das wie Starkstrom mitten durch das Herz. Du hast keine Vorstellung davon, wie sehr es schmerzt, auf einmal so behandelt zu werden. Nun muss ich mir ansehen, wie austauschbar ich allem Anschein nach für dich geworden bin. Ich wollte bei dir ankommen, aber für dich war ich in deinem Leben nur zu Gast.

Du konntest nie richtig begreifen, wieso ich etwas an dir fand, weshalb ich etwas an dir mag. Womöglich war ich dir nicht überzeugend genug, aber musste wirklich ich dich überzeugen oder nicht viel eher du dich selbst von deiner Liebenswürdigkeit.

Menschen wie du und ich machen sich mit ihrer Nachdenklichkeit das Leben so unnötig schwer. Gemeinsam hätten wir leichter sein können, leicht genug zum Fliegen, doch abzuheben trautest du dich nie. Ich baute für dich Brücken, wo keine Flüsse, Häuser, wo keine Städte, Tunnel, wo keine Berge waren. Du warst mein Leuchtturm in der Nacht, der selbst noch strahlt und mir als Reisendem die Richtung weist, wenn alles Sonstige in Dunkelheit versinkt. Es hat vor dir schon Andere in meinem Herzen gegeben, doch ich machte dich zum Allerersten und du wirst für mich der Letzte bleiben. Welche Zukunft es mit dir gegeben hätte, weiß ich nicht. Ohne dich gibt es keine Zukunft. Nach dir kommt nichts. Es gibt keine Zukunft mehr, nicht einmal Gegenwart, bloß noch Vergangenheit.

Was ich noch an Hoffnung hatte, setzte ich auf dich und verlor sie ein für alle Mal. Mit wachsender Verzweiflung habe ich versucht, sie zu bewahren. Jedes deiner Worte, auch die ungesagten, drehte ich in meinem Kopf herum, bis ich schließlich einen Ansatz fand, eine Interpretation, die mir ein wenig Zuversicht versprach. Deine Worte waren meine Hypothek, auf deren Darlehen ich mein Leben errichtete. Jeden meiner Schritte machte ich auf einem Steg aus Hoffnung, den ich mir aus den Brettern deiner Worte gezimmert hatte, bis es jeden Tag etwas weniger wurde, an dem ich mich noch festhalten, auf das ich mich noch stützen, mit dem ich mir einen Weg nach vorne hätte bauen können. Du warst meine letzte große Hoffnung auf Zukunft.

Sein ganzes Leben ist der Mensch ein Baum im Wind. Er trotzt den Gewalten, die auf ihn einwirken, er stemmt sich ihnen entgegen, tagein und tagaus, doch wenn der Baum erst einmal angesägt ist, genügt ein leichter Stoß, um ihn zu Fall zu bringen. Gesägt haben an mir schon viele, aber erst du hast mir den Stoß versetzt. Nun bin ich am Boden, habe keine Energie mehr, keine Kraft, um wieder aufzustehen. Je näher man jemanden an sich heranlässt, desto kürzere Messer braucht er. Meine Rüstung, die ich mit mir durchs Leben trage, mein Panzer, der mich vor der Welt beschützt, er ist verbraucht und abgenutzt.

Es gibt keinen unbegrenzten Vorrat an Energie, den man in ein Leben stecken kann. Jede frische Verletzung zehrt an den Kräften, bis irgendwann die Kraft erlischt. Eines Tages wächst einfach keine Haut mehr, wo eine neue Wunde entsteht. Der innere und der äußere Tod sollten in einer idealen Welt zur gleichen Zeit vonstattengehen, doch bei den meisten Menschen ist das nicht der Fall, denn unsere Welt ist alles andere als ideal. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt, doch meint das Sprichwort wirklich deren Langlebigkeit, oder bedeutet es denn nicht viel mehr, dass nach dem Tod der Hoffnung nichts mehr bleibt, das dann noch sterben kann. Wie sehr rühmt sich die moderne Medizin, Menschen am Leben erhalten zu können, aber was hilft das, wenn man im Inneren schon lange nicht mehr lebt. Es gibt keine Maschinen, keine lebensverlängernden Maßnahmen, an die man die Hoffnung eines Menschen anschließen könnte. Der biologische Tod wird reduziert auf eine Formsache.

Mach dir nichts draus, das Leben geht weiter, sagen sie dir mit herablassendem Mitleid. Ja, es geht weiter, denn das Hinterhältige an gebrochenen Herzen ist, dass der andere seine Tat nicht vollendet, sie nicht konsequent zum Abschluss führt, weil er einen nie wirklich umbringt. Man ist leer, ausgelaugt, verbraucht, man blickt in ein Schwarzes Loch und überschreitet den Ereignishorizont, man wird hineinsogen und kommt nicht mehr heraus. Das Leben geht weiter, ja, aber man selbst lebt nicht weiter, man existiert bloß noch vor sich hin.

Auch ich füge mich ein ins Heer der wandelnden Toten. Erst verliert man die Hoffnung und dann sich selbst. Nichts hat für mich noch irgendeine Bedeutung. Ich kann nichts mehr fühlen, wenn es nicht mit der Vergangenheit verbunden ist, mit dir. Ich spüre keine Gegenwart, nicht einmal Schmerz, nicht einmal Wut, schon gar nicht Liebe. Wie das Archiv einer längst vergangenen Kultur verwalte ich die Sammlung meiner Emotionen, aber es kommen keine neuen mehr hinzu. Du hast den Menschen aus mir entfernt.

Es gibt so viele wie mich. Ich sehe sie jeden Tag, kann sie durchschauen, sie sind leer, und doch simulieren sie ein Leben, genau wie ich, sie gehen ihrer Arbeit nach, sie essen und schlafen wie jeder andere Mensch auch. Das Scheitern beginnt, wenn man nicht mehr fragt, was man will, sondern bloß noch, was man kann. Mein Schicksal ist es, tot zu sein und weiterleben zu müssen. Ich wollte dir alles geben, du hast mir alles genommen. Nicht aus böser Absicht, vermutlich nicht einmal bewusst, doch unterm Strich zählt letztlich nur, wie alles endet. Du sagtest mir zum Abschied noch, ich sei ein unglaublicher Mensch, wie du ihn nie zuvor getroffen hast, doch was bedeutet das schon, wenn du mich daraufhin kalt abservierst. Ich bin in meinem Leben eine Fremde geworden.

Andere würden sagen, ich hätte meine Zeit mit dir verschwendet, aber verschwendet war sie nie, denn sie hat mich, wenn auch nur vorübergehend, zu einem glücklichen Menschen gemacht.

Es gäbe noch so vieles, das ich dir gerne sagen würde, so viel Unausgesprochenes, das noch auszusprechen wäre, doch ich werde dir nie wieder schreiben, ich werde mit dir nie wieder reden, ich werde dich nicht mehr zum Lachen bringen und dir keine Nachrichten mehr auf der Mailbox hinterlassen Ich werde dir keine Fragen mehr stellen und mich nicht länger für dein Leben interessieren, weil ich die Antworten nicht ertragen würde. Du wirst kein Lebenszeichen von mir erhalten, weil es dieses Leben nicht mehr gibt, das auf sich aufmerksam machen könnte. Wie sagt man jemandem Lebewohl, ohne den man nicht leben kann.

In dieser Stadt ist kein Platz mehr für mich, genauso wenig wie in deinem Leben. Was mich hier noch hält, ist mir ein Rätsel. Ziellos streife ich durch die Straßen dieser Stadt und ich wünschte mir dabei, ich wäre Nero. Ich möchte dich nicht nur vergessen, dich in meinem Kopf nicht bloß verblassen sehen, ich möchte sämtliche Andenken an dich vollständig ausradieren, in mir wie in der Welt. Diese Stadt soll brennen, sie soll verglühen und in Rauch aufgehen, denn sie ist für mich unbegehbar geworden. Ich möchte Feuer legen, rasend alles niederreißen, ich möchte sie zerstören, noch bis hinunter auf den letzten Stein. Die ganze Welt kann untergehen, es wäre mir egal. All die von dir besetzten Gebäude und meine Erinnerung an dich sollen ein für alle Mal in Flammen aufgehen und zu Asche zerfallen, woraus ich als Phönix neu hervorgehen kann.

Vielleicht ja würde es in einigen hundert Jahren eine Gruppe von Archäologen zu den Trümmern dieses lieblosen Ortes führen und sie würden sich eventuell fragen, was hier wohl vorgefallen sein mag. Es wäre nur ein weiteres Puzzleteil in der unendlichen Geschichte der Morde, Kriege und Zerstörungen aus purer Verzweiflung an menschlicher Liebe. Sie ist die edelste aller Kräfte, die auf einen Menschen jemals wirken kann, aber auch die unbarmherzigste und vernichtendste. Wie viele Burgen und Festungen, wie viele Städte und Reiche, wie viele Machthaber und Imperien gingen bereits zugrunde, nur weil ein Mensch sein Herz verlor.

Auch ich habe dich belagert, wenn man es so ausdrücken möchte, aber deine Mauern waren zu stark, dein Bollwerk zu massiv, und dennoch rannte ich voll Freude mit dem Herz dagegen an. Du hast dich am Ende gegen mich entschieden, hast deine Zugbrücke hochgefahren, als ich noch auf ihr stand. Nur zu gerne wäre ich ein wütendes Inferno, das mich wie alles andere im Flammenmeer verschlingt, doch statt den Glaspalästen in der Innenstadt, die mit Getöse auseinanderbrechen, ist es bloß mein Glück. Die Welt bleibt kalt und unberührt, während mein Innerstes heimlich verbrennt.

Dann geht es weiter, das Leben, die dunklen Wolken ziehen aus dem Kopf, ich esse wieder auswärts und mache mein Haar, ich trinke Cocktails und gehe ins Büro, ich flirte und lache und bin normal und habe keine Angst vor dem nächsten Tod. Der nächste wird wieder der letzte sein. Ich bin drei Mal schon gestorben und immer habe ich mir eingeredet, diesmal sei es besonders schlimm, und ich glaube, das ist gut. Das Leiden gehört dazu, wenn es schiefgeht, es zeugt von Bedeutung, es zeugt von Gefühlen, es zeugt von mir. Schlimm ist es erst, wenn man nicht mehr stirbt.

Plan B

Es ist ein verregneter Samstagabend und ich sitze mit dir in einer kleinen Kneipe in Frankfurt Bockenheim. Du trägst Jeans und ein rotes Oberteil, dein Haar ist zu Zöpfen gebunden, du rauchst. Zuvor sind wir essen gewesen, beim Perser, ich habe dich eingeladen, du hast einen ehemaligen Mitbewohner getroffen, dann sind wir kurz durch die Nacht spaziert. Nun trinken wir Cocktails, wir unterhalten uns, wir werden kritisch, wir werden traurig, wir lachen und spinnen herum. Du bist jemand, bei dem ich sein kann, wer ich bin, ohne Unverständnis zu provozieren, ohne mich verstellen zu müssen, ohne Erwartungen zu begegnen, die mir so fremd sind wie eine außerirdische Kultur. Wir teilen eine Sicht auf die Welt, auf das, was uns stört, was wir mögen, und ich merke, ich mag vor allem dich.

Wir stehen uns politisch nahe, wenn man das so ausdrücken kann. Uns eint der Kampf gegen die Übel dieser Welt, doch Hoffnung treibt dich dabei nicht, eher sei es Rastlosigkeit, man könne eben etwas tun oder schweigend resignieren. Eigentlich aber möchtest du hier weg, sagst du, und mit hier meinst du Deutschland, nicht diesen Moment in dieser kleinen, gemütlichen Kneipe. Ein Häuschen, vielleicht ein Bauernhof, gemeinsam mit ein paar Freunden, das wäre das Richtige, erklärst du mir, und deine Augen funkeln ein wenig bei der Vorstellung daran. Du nennst es andächtig Utopia.

Es mangelt am Willen zur Umsetzung, antworte ich dir und es stimmt. Du bist nicht die erste, die mir von diesem Traum vorschwärmt, denn ich kenne viele, die vom Weggehen träumen, vom selbstbestimmten Leben, nur keinen, der es macht. Auch für dich sei es eher ein Plan B, eine Rückzugsmöglichkeit, gesellst du dich zu ihnen, für die Zeit, wenn dir das Leben hier in diesem Land nicht mehr angenehm erscheint.

Ich finde es jetzt schon nicht mehr angenehm, gestehe ich dir, und du bist der erste Mensch, der bei diesen Worten nicht lacht, nicht mindestens schmunzelt oder mich fragend ansieht. Du nämlich schaust mich an, mit einem Blick, der mir sagt, dass du genau verstehst. Wir führen den Gedanken weiter, bis du mir erklärst, wie du dir das Ganze vorstellst, vielleicht in Griechenland, mit ein paar Tieren und Gemüse und was man eben braucht, um so autark zu sein, wie es die Umstände erlauben. Der Abend klingt aus und ich stoße mit dir darauf an, ihn umzusetzen, deinen Plan B, und du lachst und freust dich und sagst: Ja, das machen wir. Ich sehe Zukunft, wo ein Fragezeichen war. Wir sind Komplizen, die den Ausbruch wagen.

In den Tagen darauf rechne ich zusammen, was ich gespart habe, drucke Immobilienangebote aus, reise um die halbe Welt, um mir einen guten Eindruck von den interessantesten Objekten zu machen, lese Bestimmungen, plane voraus. Drei Wochen später treffen wir uns in deiner Wohnung, ich lege dir Fotos vor, ohne dir meinen Favoriten zu verraten, und deine Wahl fällt auf das gleiche Haus. Wir lachen, freuen uns, gehen Planungen durch, überschlagen Finanzen. Ganz die Realistin, die du bist, wirfst du ein, du fändest das alles wunderbar, nur könntest du nicht von heute auf morgen deine Wohnung aufgeben und deinen Job kündigen, da gäbe es Fristen, und dein Kater mache dir Sorgen, der habe doch sein Revier, und all das Rechtliche. Das macht nichts, beschwichtige ich, dann fahre ich alleine schon mal vor, richte alles her, ich kümmere mich um unser Haus, widme mich dem Bürokratischen, freue mich auf dich, und dem Kater wird es gefallen. Du nickst und dann umarmst du mich auf eine Art, dass ich mich fühle, als würde ich nach langer Odyssee zu Hause ankommen.

Am nächsten Tag plündere ich meine Konten, besteige ein Flugzeug und fliege einem neuen Leben entgegen. Ich kaufe ein Haus, das Haus, unser Haus, mit riesigem Grundstück und modrigem Holzzaun rundherum, die Mauern in einem Rotton, der dir gefallen wird, die Zimmer groß genug, falls wir Besuch oder mal Kinder haben wollen. Das Dach ist nicht ganz dicht, wie ich beim ersten Regen feststellen muss, aber wir sind es auch nicht. Ich renoviere, ich streiche, verlege Böden und lerne mauern, ich lege mich ins Zeug und fühle mich zum ersten Mal als freier Mensch. So verbringe ich Wochen, dann Monate. Mit der Begeisterung eines Kindes schicke ich dir immer wieder Fotos und selbstgedrehte Videos, und du sagst, du willst noch deine Promotion fertigstellen, dann kommst du. Ich freue mich wahnsinnig darauf, wenn du kommst, antworte ich dir.

Das Dach ist mittlerweile gut, das Haus bezugsfertig, was auszubessern war, habe ich ausgebessert. Die Renovierung kommt voran, wenn auch langsam, und zwischendrin versuche ich mich als Gärtner, lese mich schlau, pflanze an, gieße, verteile Dünger, hoffe und warte. Einiges gedeiht, manches nicht, und ich bin stolz, weil das für einen ersten Versuch gar nicht so schlecht ist. Du hast von uns beiden den grüneren Daumen, du wirst mich auslachen, wenn du kommst.

Zwei Monate später bekommst du ein Angebot für eine Stelle an der Uni, ein Einjahresvertrag, und du sagst, so lange solle ich mich noch gedulden, danach aber kämst du. Mir macht es nichts aus, die Renovierung braucht noch etwas Zeit, und ich sage, ich freue mich darauf, wenn du kommst, du wirst ein wunderschönes Haus vorfinden.

Draußen wird es langsam grün und ich filme auch das, schicke es dir, will dir zeigen, dass selbst unter meiner Regie pflanzliches Leben möglich ist. Du lachst so herzlich über meine angestrengten Gärtnerversuche, dass alle Kilometer zwischen uns vergessen sind. Kurz bevor du auflegst, seufzt du, denn du wärst so gerne hier, und ich spiele es herunter, es ist doch nicht mal mehr ein Jahr.

Vier Monate vergehen, in denen wir mailen, chatten, telefonieren, ich schicke dir weiterhin Bilder und Videos, hege Vorfreude, und dann schreibst du mir, du bist jetzt an einem Forschungsprojekt beteiligt, das du super interessant findest, und man erwägt, dich fest einzustellen, und wie großartig das ist und ob ich mich freue.

Drei Tage später antworte ich dir, schicke dir einen Link auf ein kleines regionales Nachrichtenportal, schreibe sonst nichts. Du rufst mich an, obwohl du nicht viel Zeit hast, wie du mir erklärst, du machst gerade Pause, gleich musst du zurück. Du bist verwirrt, sagst du, und ob das ein Scherz sei, aber es ist alles echt, versichere ich dir, das Feuer und der Totalschaden. Utopia ist abgebrannt.

The Greatest Speech Ever Made

One of the most inspirational speeches in recorded history was given by a comedian by the name of Charlie Chaplin:

 

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Das große Glück

Jedes Mal, wenn sich ein Jahr seinem Ende entgegenneigt, machen sich unzählige Menschen gut gemeinte Gedanken zum Ablauf des bald darauf anbrechenden Jahres und nennen ihre Pläne, die daraus hervorgehen, gute Vorsätze. Raucher wollen Nichtraucher werden, Sportmuffel zu Freizeitathleten, Faulenzer zu Arbeitstieren. Diese guten Vorsätze sind in der Regel noch vor Februar wieder vergessen.

Wenn es etwas gab, das sie in dieser Zeit des Jahres am meisten hasste, dann waren es die guten Vorsätze anderer Menschen und deren aufdringliche Art, diese Vorsätze jedem Interessierten und Desinteressierten gleichermaßen unter die Nase zu reiben. Auch sie hatte sich Gedanken zum Ablauf des kommenden Jahres gemacht, war dabei allerdings auf eine andere Idee gekommen, die ihr wesentlich sympathischer erschien. Sie hatte sich vorgenommen, ab Neujahr täglich in einem kleinen schwarzen Büchlein zu notieren, was ihr an jedem einzelnen Tag Schönes widerfahren würde. Es musste nichts Großes sein, nichts Überwältigendes, einfach etwas Schönes, etwas Gutes, etwas Positives, das ihr den Tag und damit auch das Leben ein wenig aufgeheitert oder erhellt, das ihr vielleicht sogar einen Blick auf dieses so genannte Glück ermöglicht hatte.

Das alles begann vor einem Jahr. Nun, dreihundertzweiundsechzig Tage später, saß sie bei Nacht in ihrem Zimmer und blätterte durch das Notizbuch, das sie mit ihren Erlebnissen gefüttert hatte, um sich so kurz vor Silvester die vergangenen zwölf Monate noch einmal Tag für Tag durch den Kopf gehen zu lassen, die angenehmen wie die bedrückenden Zeiten. Sie hatte ein gutes Gefühl dabei, denn das letzte Jahr war schnell vergangen, fast schon zu schnell, und wenn etwas schnell vergeht, ja zu schnell gar, dann ist das in der Regel doch ein Zeichen dafür, dass man eine gute Zeit verbracht hatte. Die guten Zeiten vergehen immer wie im Flug, das ist das Traurige an ihnen und der Grund, weshalb sie so selten das Gewicht der schweren Zeiten aufwiegen können, die sich ihrerseits wie Fußketten an das Leben binden, sodass man sich fühlt, als würde man durch ein Moor waten und nicht vorankommen. Zwar waren in diesem Jahr nicht alle ihre Wünsche in Erfüllung gegangen, aber wer konnte das schon von sich behaupten.

Als sie anfing, die ersten Seiten durchzublättern und dabei die täglichen Einträge zu studieren, musste sie schmunzeln. Sie ging in die Küche, öffnete sich eine Flasche Wein und widmete sich der weiteren Lektüre. Was sie las, stimmte sie zufrieden. Es waren Kleinigkeiten, aber es waren teils süße, teils herzerwärmende, teils völlig in Vergessenheit geratene Geschehnisse, die sie dort sah, und es waren Dinge, die sie auch heute noch fröhlich gemacht hätten, würden sie ihr erneut passieren. Sie las die Einträge des gesamten Januars und dann die Notizen des folgenden Februars. Ihr fiel auf, dass sich einige Erlebnisse bereits wiederholten, doch das störte sie nicht weiter. Ganz im Gegenteil, entwickelte sich beim Lesen eine gewisse Spannung, denn da Januar und Februar recht ruhig verlaufen waren, fieberte sie innerlich dem ersten außergewöhnlichen, dem ersten auffälligen, dem ersten bedeutenden Eintrag entgegen, was nun wiederum nicht hieß, dass die bisherigen Einträge für sie unbedeutend gewesen wären, nur waren es Banalitäten, alltägliche Geschehnisse, die sicherlich jedem zuteilwurden und sich jederzeit wieder ereignen könnten, wenn sie einfach nur einen völlig normalen Tag verbringen oder durch die Fußgängerzone schlendern würde.

Sie setzte ihre Hoffnungen in den März, denn endlich, ja endlich musste doch etwas Aufregendes geschehen sein. Beim Lesen offenbarte sich ihr dann allerdings das gewohnte Bild, das Januar und Februar ihr bereits zur Genüge präsentiert hatten. Langsam wurde sie ungeduldig. Vielleicht ist es doch eine blöde Idee gewesen, dieses Büchlein zu führen, dachte sie sich und blätterte nun ganz zufällig durch die Seiten, bis sie einen Tag im Juni aufschlug, immer noch auf der Suche nach spannenden, irgendwie berührenden Ereignissen. „Fünf Euro auf dem Weg zur Arbeit gefunden“ las sie da und lachte. Nein, das war nun wirklich weder spannend noch berührend. Der folgende Tag war demgegenüber schon etwas besser, denn dort hatte sie notiert: „Im Regen spazieren gegangen“. Sie liebte es, im Regen durch die Straßen der Stadt spazieren zu gehen, insofern war dies nun für sie zwar ein irgendwie berührender, aber kein sonderlich hervorstechender, kein außergewöhnlicher, kein befriedigender Eintrag. Sie blätterte weiterhin wahllos im Juni herum, las „Von einem Kollegen ein Stück Kuchen bekommen“ oder „Jemandem den Weg erklärt“, fand „Eine Frau hat mir lächelnd die Tür der Straßenbahn aufgehalten“ und „Himmlisch geschlafen“, aber rein gar nichts, von dem sie sagen konnte, es sei etwas Besonderes gewesen, das ihr ein Stück vom Glück dargeboten hätte. Das müssen ziemlich schlechte Tage gewesen sein, dachte sie und blätterte weiter, doch was sie auf den Seiten der darauffolgenden Wochen lesen konnte, kam ihr noch banaler, noch unwichtiger, jedenfalls keineswegs erfüllend oder einfach bloß gut vor, sondern irgendwie leer. Sie fühlte sich wie jemand, der in der Lotterie gewinnt und dann aber feststellen muss, dass alle anderen ebenfalls gewonnen haben. Nun, dann sind es eben keine schlechten Tage gewesen, schlechte Wochen müssen es gewesen sein. Sie suchte weiter. Es waren keine schlechten Tage gewesen, musste sie feststellen, auch keine schlechten Wochen, es waren die besten Tage im ganzen Monat gewesen, sogar in zwei Monaten, und der Rest des Jahres war, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nicht viel besser.

Konnte das wirklich die Wahrheit sein? Sie hatte für jeden Tag des Jahres jeweils nur das eine, das allerbeste Erlebnis notiert, das ihr widerfahren war, die beste Handlung, die sie vollbracht, oder das schönste Gefühl, das sie an diesem Tag empfunden hatte – und diese Dinge, die sie da lesen musste, diese Banalitäten, diese Nichtigkeiten, diese lieblosen leeren Worte, die sie kaum zu lesen wagte, die waren genau das, alles erschöpfte sich in diesen Belanglosigkeiten? Diese Einträge voller unbedeutender Alltäglichkeiten waren alles, was ihr Leben in diesem einen Jahr ausgemacht hatte? Das war das Beste, was die Welt ihr in diesen Wochen und Monaten geboten hatte? Mehr war da nicht?

Was sie außerdem beunruhigte, waren Einträge wie der folgende: „Netter Kassierer hat mir zugezwinkert“. Das ganze letzte Jahr hatte sie allein verbracht, genau wie auch das Jahr zuvor. Sie fand viele weitere Einträge, die Ähnliches festgehalten hatten, ob es sich dabei nun um Kassierer, Jogger, U-Bahn-Fahrgäste oder irgendwelche Callcenter-Mitarbeiter gehandelt hatte. Sie las diese Einträge und sah darin den Unterton, mit dem sie sie wahrscheinlich auch geschrieben hatte: Jemand findet mich gut, jemand mag mich, ich bin etwas wert. War sie so verzweifelt nach menschlicher Nähe, nach dem Gefühl, jemandem – irgendjemandem – zu gefallen? Ihre Zufriedenheit begann zu bröckeln.

Sie nannte es ein Leben, was sie da geführt hatte, nun aber fragte sie sich, ob es denn wirklich mehr war als eine unbedeutende Existenz. Verzweifelt suchte sie nach einem Eintrag, der herausstach, der besonders war, der es wert war, das Beste eines Tages, eines Monats, eines Jahres zu sein. Sie fand absolut nichts, was sie überzeugt, was sie beeindruckt oder was ihr das Gefühl gegeben hätte, ein gutes Jahr hinter sich zu haben. Sie vermisste das große Glück.

Eines Tages blickt man in den Spiegel und begreift, dass man niemals mehr sein wird als das, was man dort sieht. Mit dieser Erkenntnis kann man weiterleben und sie akzeptieren, man kann sich umbringen, um allem zu entgehen, oder man blickt nie wieder in einen Spiegel.

Es war wenige Tage vor Silvester, als sie zum letzten Mal eine leere Seite in ihrem schwarzen Büchlein aufschlug und mit zittrigen Fingern lediglich das Wort „Ende“ hineinschrieb.

Wo war die Liebe?

Vierter Anklagepunkt [im Prozess gegen das Leben]: Wo war die Liebe?

(…) Diese Antwort interessierte mich sehr. Liebe, ja, was hatte das Leben mit der Liebe getan? Verscheucht, vergruselt, entfernt, mich nicht gelassen, mir nehmend, nie gebend. Das Leben wollte nicht, dass ich geliebt werde, legte mir Mutlosigkeit und Angst in den Weg, nahm mir mein Selbstwertgefühl, schubste mich zu Boden. Saukerl! Das hatte ich nicht verdient. Ich hatte darum gebeten, glücklich zu sein, lieben zu dürfen, doch ständig mischte es sich ein, mein größter Gegner, mein Feind, dieses Leben, von dem andere sagen, es sei schön, liebenswert und mache Spaß. Welch eine Lüge, damit wäre nach diesem Prozess Schluss. Für immer. Die Wahrheit musste auf den Tisch, die Menschen mussten erkennen, dass sie es nicht verdient hatten, dass das Leben ihnen einen Strich durch die Rechnung macht. Warum hatte ich so wenig gelacht, hatte so wenig Freude, wurde nicht geliebt, und immer, wenn ich lieben wollte, wurde mir wieder ein Stein hingeschmissen? Los, sprich, schnell, ich hol dich sonst hinter dem Vorhang vor, du elender Gauner, du Dieb meiner Liebe. Schämst du dich endlich, du Leben, das ich nicht wollte? Los, komm endlich raus!

Was hast du erwartet?

Liebe!

Warum hast du es nicht zugelassen?

Weil du mich nicht gelassen hast!

Warum warst du so feige?

Weil du mir den Mut nicht gabst!

Wieso hast du ihn dir nicht einfach genommen?
(Mia Bernstein – Erdbeerflecken)

Anthemoessa

Er erwachte völlig entkräftet in einem Krankenhausbett und konnte sich weder daran erinnern wie noch warum er hierhergekommen war. Hatte er einen Unfall gehabt, war er einfach bloß umgekippt oder hatte er vielleicht einen Schlaganfall erlitten? Seine Arme und seine Beine schmerzten ihn, und als er versuchte, sie mehr als ein paar Zentimeter zu bewegen, gab er nach kurzer Zeit erschöpft auf. Seine Augen vernahmen eine menschliche Silhouette neben dem Bett, doch noch erkannte er darin kein Gesicht. Verwirrt und ohne diesen Schatten direkt anzusprechen, stammelte er bloß: „Wo… wo bin ich hier? Was ist mit mir passiert?“
„Pssst“, flüsterte eine Frauenstimme zärtlich. „Sei unbesorgt, mein Schatz, alles wird wieder gut. Hab keine Angst. Du bist hier in den besten Händen. “
Er erkannte diese Stimme sofort. Sie gehörte seiner Freundin, genaugenommen seiner ehemaligen Freundin, dieser Frau aus vergangenen Zeiten, die ihn, wie er es ausdrücken würde, vor drei elend langen Jahren aus Gründen verlassen hat, die er nie verstehen wird, nachdem sie beide für fünf gute Jahre eine Beziehung miteinander geführt hatten. Als es zum Ende kam, ging sie fort und warf nie einen Blick zurück, doch er kam niemals über sie hinweg. Er dachte immer noch an sie und er vermisste sie an jedem Morgen, wenn er aufwachte, an jedem Abend, wenn er einschlief, in jedem Bett, in dem er lag. Am Anfang glaubte er, das ginge bald vorbei, er würde das Vermissen hinter dem Alltag leicht verbergen können, und wäre erst etwas Zeit vergangen, dann würde er sie irgendwann vergessen, doch es verstrich erst ein Jahr, dann zwei Jahre und schließlich drei, ohne dass es ihm gelang, sie aus seinen Gedanken und vor allem aus seinen Gefühlen zu verbannen. Mehrmals hatte er in dieser Zeit versucht, eine Beziehung mit einer anderen Frau aufzubauen, also weiterzumachen, die Wunden der Vergangenheit wenn schon nicht zu heilen, dann doch wenigstens zu verbinden, aber keinem dieser Versuche war letzten Endes ein langer Bestand gegönnt. Er musste sich irgendwann eingestehen, dass keine dieser Beziehungen einen Wert für sich hatte, sondern sie in Wahrheit nur ein unbewusster und verzweifelter Versuch waren, seine ehemalige Freundin zu ersetzen, die für ihn so unersetzbar war. Keine dieser Ersatzbeziehungen konnte er für allzu lange Zeit aufrechterhalten, keine dieser Frauen konnte ihn verzaubern, denn jede von ihnen verglich er mit ihr und keine war für ihn so gut wie sie, keine genügte seinem Vergleich, keine war ein Duplikat seiner einzigen großen Liebe.
„Du? Wieso bist du hier? Und… du nennst mich Schatz? Warum? Wir sind… schon so lange nicht mehr zusammen.“
„Ich dachte, es würde dir gefallen. Ich weiß, wie sehr du mich vermisst.“
„Was weißt du schon“, seufzte er.
„Ich kann es dir nicht verübeln“, ergänzte sie kokett, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte in sein Ohr: „Ich war das Beste, das dir je passiert ist, und ich werde es für immer sein.“
„Warum bist du hier?“ wiederholte er seine Frage.
„Freust du dich denn nicht? Ich weiß, dass du bis heute ständig an mich denkst, selbst nach all den Jahren. Ich weiß, wie sehr du mich brauchst, jetzt noch mehr denn je, und dass du mich nicht loslassen kannst, selbst wenn du wolltest. Du vermisst mich, du hast dich in deiner Sehnsucht eingemauert und du kommst dort nicht heraus. Kann es einen größeren Liebesbeweis geben als jenen, welchen du mit dir herumträgst? Ich bin hier, weil ich das weiß, und weil ich schätzen gelernt habe, wie sehr du wirklich an mir hängst.“
Unter großer Anstrengung drehte er sich in seinem Bett von ihr weg und verbarg sein Gesicht, damit sie darin nicht sehen konnte, wie sehr sie ihn mit diesen Worten erwischt hatte.
„Entschuldige, mein Schatz, ich lass dich erst einmal allein. Du bist noch sehr schwach und sicher auch sehr müde. Wir reden später. Nimm die hier, die helfen dir“, sagte sie und zeigte auf zwei Pillen und ein Glas mit Wasser, das direkt daneben stand. Dann ging sie zur Tür, drehte sich noch einmal um, pustete ihm einen Luftkuss zu und verließ den Raum.
In den darauffolgenden Tagen verbesserte sich sein Zustand ein wenig, doch fiel es ihm noch immer schwer, Arme und Beine zu bewegen, sodass an Aufstehen noch lange nicht zu denken war. Das Zimmer, in dem er sich befand, war relativ klein, er sah zwei Schränke, ein Fenster und einen bescheidenen Tisch mit einem Stuhl. Jeden Tag besuchte ihn seine ehemalige Freundin und umsorgte ihn liebevoll. Sie brachte ihm Bücher, Zeitschriften und Mahlzeiten, sie unterhielt sich mit ihm über die alten, gemeinsamen Zeiten, erzählte ihm von den neuesten Ereignissen und versorgte ihn mit neuen Medikamenten. Er fühlte sich in ihren Händen geborgen und konnte bei weitem nicht verhehlen, sich über ihre Anwesenheit mehr als nur zu freuen. Die Zeit verging jedoch, ohne dass sich sein Zustand wesentlich verbessert hätte, doch was ihn viel mehr verwunderte, war die merkwürdige Tatsache, dass er während seines Aufenthalts bislang kein Pflegepersonal oder einen Arzt zu Gesicht bekommen hatte. Selbst als er den kleinen Knopf drückte, um jemanden an sein Bett zu rufen, kam niemand, es geschah nichts. Einzig seine Ex-Freundin erschien mit einer gewissen Regelmäßigkeit, also sprach er sie darauf an:
„Ich habe hier noch nie eine Schwester gesehen, geschweige denn einen Arzt.“
„Sei unbesorgt, mein Schatz, man kümmert sich sehr gut um dich. Ich habe dem Personal klargemacht, dass ich mich, soweit es geht, alleine um dich kümmern werde und man dein Zimmer wirklich nur im Notfall zu betreten hat. Ich will keine Leute hier um dich herum, die dich ständig stören oder mit irgendwas belästigen, wenn du dich doch schonen musst.“
„Aber nicht einmal ein Arzt war hier…“
„Doch, doch“, beruhigte sie ihn, „der Arzt war gestern Abend bei dir, als du schon tief und fest geschlafen hast. Ich war dabei. Du hast geschlafen wie ein Stein, aber deinen Schlaf hast du auch bitter nötig. Der Arzt wollte dich aufwecken, aber ich hab ihn angefaucht, er soll dich bloß in Ruhe lassen, solange es kein Notfall ist. Da ist er gegangen.“ Sie fing an zu lachen. „Du weißt, ich kann sehr überzeugend sein.“
Als sie nach ein wenig Plauderei schließlich ging, nahm er sich vor, an diesem Abend einfach so lange es ihm möglich sein würde wach zu bleiben, sollte der Arzt erneut nach seinem Zustand sehen wollen. Er rang mit der Müdigkeit, aber er ließ sich von ihr nicht übermannen, und so wartete er bis in die frühen Morgenstunden. Es erschien weder ein Arzt noch sonst irgendjemand. Schließlich schlief er ein und wurde einige Stunden später von seiner einzigen, treuen Besucherin geweckt, die ihm sein Frühstück ans Bett servierte.
An diesem Morgen jedoch war er aufgrund des wenigen Schlafs völlig ausgelaugt, und als er die Pillen zu sich nehmen wollte, die schon seit dem ersten Tag jede seiner Mahlzeiten begleiteten, verlor er sie aus den Fingern. Sie schienen unter sein Bett zu rollen, aber so genau konnte er das nicht beobachten. Seine ehemalige Freundin stand währenddessen am Fenster und bekam von alledem nichts mit, also beließ er es dabei. In den folgenden Stunden bemerkte er, dass das Gefühl in seinen Armen und Beinen mehr und mehr zurückkehrte und es ihm zunehmend leichter fiel, sie zu bewegen. Er wusste nicht, ob er das als Zufall abtun oder auf das Auslassen der Medikamente zurückführen sollte, also sprach er diese Frage am Abend an:
„Was sind das eigentlich für Pillen, die du mir jedes Mal mitbringst?“
„Die sind für deine Schmerzen, mein Schatz“, entgegnete sie mit einem Lächeln auf den Lippen, in das er sich damals sofort verliebt hatte, „die sollen dich beruhigen.“
Unter Schmerzen jedoch litt er nur, wenn er diese Mittel zu sich nahm, doch dass er zu dieser Erkenntnis gekommen war, wollte er ihr nicht mitteilen. Er entschloss sich dazu, die Pillen in Zukunft heimlich zu meiden. Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte er bei sich, erst sah er weit und breit kein Personal und nun dieser… Zufall.
Am nächsten Morgen fühlte er sich wesentlich besser, sehr zu seiner Verwunderung. Arme und Beine konnte er nun frei bewegen, so als sei niemals irgendwas geschehen. War denn je irgendwas geschehen? Er richtete sich zunächst im Bett auf, schwang dann die Beine heraus und stand schließlich auf, ohne jene Gliederschmerzen zu verspüren, die ihn seit seinem Aufwachen ans Bett gefesselt hatten. Nach kurzem Zögern ging er zur Tür, doch als er die Klinke herunterdrückte, geschah gar nichts. Sie ließ sich nicht öffnen. Und da verstand er. Die Pillen sollten ihm nicht helfen, sie sollten ihn im Bett halten. Sie wollte ihn nicht gehen lassen.
Sein Blick fiel auf das Fenster, das der einzige Ausweg zu sein schien. Er zog den Vorhang zur Seite, öffnete es und musste feststellen, dass er sich hier wohl im vierten oder fünften Stock befand. Ein Sprung würde wahrscheinlich tödlich enden, und irgendetwas, an dem er sich hätte festhalten, an dem er nach unten hätte klettern können, konnte er nicht sehen. Er war gefangen. Plötzlich hörte er ein Geräusch an der Tür, und bevor er sich zurück ins Bett legen konnte, stand sie schon im Raum und warf ihm einen überraschten Blick zu.
„Dein Zustand hat sich endlich gebessert“, sagte sie und versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. „Ich bin so glücklich, ich dachte schon, du würdest für immer dort liegen bleiben.“
„Die Tür war abgesperrt“, bemerkte er knapp. „Warum?“
„Ach, mein Schatz, das ist nur zu deinem Besten.“
„Erklär mir das! Wie zum Teufel soll das denn zu meinem Besten sein?“
„Vertraust du mir nicht mehr?“
„Es fällt mir zunehmend schwer, jemandem zu vertrauen, der mich einsperrt und mit irgendwelchem Zeug vollpumpt, das mir jede Handlung unmöglich macht.“
„Reg dich bitte nicht auf.“
„Bring mir einen Arzt!“
„Es gibt hier keine Ärzte. Ich kümmere mich um dich, nur ich.“
„Du bist verrückt!“
„Leg dich wieder hin, mach es dir gemütlich und lass dich einfach von mir versorgen. Ich habe dich in den letzten drei Jahren im Stich gelassen, das tut mir leid, aber alles kann wieder so werden, wie du es dir wünschst. Wir bleiben zusammen, nur wir beide. Du brauchst sonst niemanden. Niemanden!“
Er sah sie an und blickte dann zum Fenster, das immer noch geöffnet war. Ihr überraschtes Gesicht wich einem Ausdruck der Verzweiflung, dann purer Wut. Als sie einige Schritte auf ihn zuging, stieg er in das Fenster, hielt sich am Rahmen fest und sprach zu ihr, sie solle zurückbleiben, sie solle ihn nicht anrühren, sonst würde er springen. Sie blieb stehen und setzte wieder ihr berauschendes Lächeln auf.
„Ich weiß, du vermisst mich an jedem einzelnen Tag, seitdem ich dich verlassen habe.“ Ihre Stimme war süß und gleichzeitig voller Erotik, so als wolle sie ihn verführen. „Ich weiß, du liebst mich heute noch genau wie vor drei Jahren, und ich weiß, dass du auch immer noch die Hoffnung hegst, mit mir dein ganzes Leben zu verbringen. Wir könnten zusammen noch einmal anfangen, das hast du dir doch all die Jahre gewünscht. Nur du und ich, für immer. Bleib bei mir, mein Schatz. Willst du dein Leben denn einfach wegschmeißen, wenn du loslässt und springst?“
„Du bist nicht mein Leben!“, schrie er sie an, blickte in ihre Augen, löste die Finger vom Rahmen und ließ sich aus dem Fenster fallen. „Du warst es viel zu lang.“
Völlig benommen wachte er in einem Krankenhausbett auf und konnte sich weder daran erinnern wie noch warum er hierhergekommen war. Neben dem Bett erkannte er eine menschliche Silhouette, die irgendetwas zu irgendjemandem sagte, den er nicht sehen konnte. Plötzlich erschien eine zweite Gestalt, die sich ihm als Arzt vorstellte und ihm erklärte, es habe lange Zeit nicht gut für ihn ausgesehen: „Sie waren für einige Zeit im Koma, aber nun haben Sie ja doch noch den Sprung zurück ins Leben geschafft.“

Problembewusstsein

Mit Messern kann man sich verletzen, daher soll man sie vermeiden; Türklinken sind tatsächlich mit Bakterien bedeckt. Wer weiß, ob man mitten im Symphoniekonzert nicht doch plötzlich auf die Toilette muß, oder ob man das Schloß beim Nachprüfen nicht irrtümlich aufgeschlossen hat? Der Vernünftige vermeidet daher scharfe Messer, öffnet Türen mit dem Ellbogen, geht nicht ins Konzert und überzeugt sich fünfmal, daß die Tür wirklich abgesperrt ist. Voraussetzung ist allerdings, daß man das Problem nicht langsam aus den Augen verliert. Die folgende Geschichte zeigt, wie man das vermeiden kann:

Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tage ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete erneut zum Inspektor und beschwert sich: »Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!«

Man kann sich nun fragen: Was macht die Dame, wenn die kleinen Jungen nun endgültig außer Sichtweite sind? Vielleicht begibt sie sich jetzt auf lange Spaziergänge flußaufwärts, vielleicht genügt ihr die Sicherheit, daß irgendwo nackt gebadet wird. Eines scheint sicher: Die Idee wird sie weiterhin beschäftigen. Und das Wichtigste an einer so fest gehegten Idee ist, daß sie ihre eigene Wirklichkeit erschaffen kann.
(Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein)

Nichts zu verlieren

Es dauerte zwei ganze Tage, bis mir so langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem kurzen Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, wahrscheinlich um der Aussage etwas von ihrer Bedrohlichkeit zu nehmen, ein endgültiges Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. Wie schlimm denn „nicht gut“ sei, hatte ich gefragt, und er antwortete bloß knapp, im schlimmsten Fall stünden die Chancen nicht sehr gut, dass ich das Ende des Jahres noch erleben würde, sollte die genaue Untersuchung seine Vermutung denn bestätigen. Vielleicht war er etwas vorschnell, doch ich schätzte seine Aufrichtigkeit, denn die meisten Ärzte hätten sich davor gedrückt, solch eine Vermutung offen auszusprechen, solange sie nicht über eine definitive Diagnose verfügten, um, wie sie sagen würden, ihre Patienten nicht unnötig zu verängstigen. Zwei Tage später saß ich in einem Bus, es war Nachmittag, und erst da begriff ich plötzlich, wie meine Perspektiven sich verändert hatten. Ich würde vielleicht sterben, und zwar sehr bald.
Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinen Eltern. Wieso auch? Noch stand das Ergebnis gar nicht fest und ich wollte niemanden unnötig beunruhigen, also verhielt ich mich wie jene Ärzte, die ihre Patienten erst einmal im Dunkeln lassen. Ich hätte es nicht ertragen, von Freunden oder denjenigen Menschen, die sich dafür hielten, mitleidige Blicke und wohlmeinenden Zuspruch zu erhalten, der bestenfalls gut gemeint und im schlimmsten Fall einfach nur lächerlich ist. Nein, ich behielt es für mich, denn es handelte sich ja um eine höchst private Angelegenheit, die zuallererst bloß mich etwas anging. Und wie sie mich etwas anging!
Was in mir geschah, nachdem ich erst einmal begriffen hatte, wie meine Chancen standen und dass ich vielleicht bald sterben würde, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es war jedoch nicht wirklich schlecht, was in mir vorging, so wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der dem Tod ins Auge blickt, denn genau das tat ich ja, mehr oder weniger. Ich verfiel nicht in tiefe Depression, ich wurde weder apathisch und hoffnungslos, noch begann ich plötzlich, mich für Extremsport zu interessieren, um auf die letzten Tage noch möglichst viele Kicks zu bekommen. Ich blieb, wenn man das so sagen kann, oberflächlich betrachtet ziemlich normal.
Unter der Oberfläche jedoch vollzog sich ein Wandel, der zwar nicht besonders spektakulär erschien, aber meinem Leben eine gewisse neue Richtung geben sollte. Bislang hatte ich ein Leben geführt, das sich in der Regel daran orientierte, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und möglichst wenig aufzufallen, weil Auffallen in der Regel bedeutete, ziemlich schnell in Situationen zu geraten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Ich war der Mann, der immer da, aber nie dabei sein wollte, der immer anwesend, aber nie beteiligt war. Das sollte sich ändern.
Es gab da eine Frau. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich in sie verliebt gewesen sei. Ein wenig vielleicht. Mehr wollte ich mir nicht erlauben, weil es zu Problemen hätte führen können. Wir gingen einige Male aus, ja, aber nur unter Vorwänden, nur mit Begleitung, und nie fiel das Wort Date, geschweige denn ein Kuss. An schlechten Tage fühlte ich mich feige und hasste mich dafür, nicht den Mut aufzubringen, sie einfach zu küssen, doch an guten Tagen klopfte ich mir auf die Schulter, die Sache nicht noch weiter zu vertiefen, würde sie doch sowieso in einer Katastrophe oder auf eine andere peinliche Art enden, aber jedenfalls enden. Es gab Menschen in meinem Leben, zu denen ich freundlich war, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte. Mein Chef zum Beispiel, um ein Klischee zu erfüllen, denn wer mag schon seinen Chef, aber auch Leute in meinem Freundeskreis, Freunde von Freunden, irgendwelche Bekannte sowie natürlich diejenigen, von denen man sich erhofft, für die gespielte Freundlichkeit irgendwann einmal etwas zurückzubekommen. Ich war ordentlich und brav, könnte man sagen, denn ich erfüllte Aufgaben, die mir zugetragen wurden, in der Regel ohne zu murren, befolgte die Regeln, auch wenn sie mir noch so unsinnig erschienen, wagte nichts und ordnete mich unter, wo es nur ging, weil alles andere nur wieder zu Problemen geführt hätte. Es war kein unangenehmes Leben, doch es war ein Leben, das mich auch nicht wirklich befriedigte. Ich ließ mich treiben.
Nach den Worten des Arztes jedoch war alles anders. Meine Perspektive, meine Rolle in der Welt und auch meine Selbstbetrachtung hatten sich verändert. Ich würde vielleicht bald sterben. Haben wir nicht alle diesen Gedanken in uns, schlicht und einfach das zu tun, was uns wirklich glücklich macht, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten. Wenn es für mich auch nicht ein einzelner sein sollte, so schienen meine Tage doch gezählt. Wie lange hätte ich noch gehabt? Sechs Monate? Ein Jahr? Was ist in einem solchen Fall schon der Unterschied zwischen einem Tag und einem Jahr? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Tag und einem Leben? Wieso tragen wir diese Vorstellung mit uns herum, wir würden plötzlich alles ganz anders leben und erleben, wenn wir wüssten, es wäre unser letzter Tag? Wenn ich morgen ganz unspektakulär in der Dusche ausrutschen sollte, wäre mein letzter Tag dann nicht der heutige, also beliebig? Immer und nie zugleich? Warum ändern so viele Menschen ihr Leben, wenn sie ein mehr oder weniger vages Datum für ihren Tod erfahren? Verbringen wir unsere Leben vielleicht so unglücklich, so unbefriedigend, so leer, weil wir glauben, wir lebten für immer, wir könnten alles noch irgendwann nachholen, was wir versäumen – und erst das baldige Ende, dieser Gedanke an Endlichkeit bringt uns dazu, unser Leben wahrhaft zu genießen, wenn es dafür schon fast zu spät ist? Ich weiß es nicht.
Was ich jedoch wusste, war, mein Leben sollte anders werden. Ich wollte die wenige Zeit, die mir vielleicht noch blieb, sinnvoll nutzen, sinnvoller als bisher. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen sollte. Zuallererst würde ich sie anrufen und um ein Date bitten, ein klares, eindeutiges Date, um dem vorsichtigen Antasten endlich ein Ende zu bereiten. Es wäre riskant, natürlich, so wie jede Liebeserklärung, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor meinem Chef würde ich nicht länger kriechen, wenn er mich für seine eigene Inkompetenz bestraft. Anstatt zu heucheln, würde ich immer meine ehrliche Meinung zum Ausdruck bringen, auch wenn sie einigen Menschen vielleicht nicht gefallen mag. Ich würde diejenigen meiden, die mir nicht guttun, und würde mir Zeit für Menschen und Dinge nehmen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich würde ein besserer Freund sein, ein besserer Sohn, ein besserer Liebhaber, ein besserer Mensch. Das war es, was ich mir vorstellte, was in mir brannte. Ich würde, wenigstens auf meine letzten Tage, endlich das Leben führen, das ich schon die ganze Zeit hätte führen sollen.
Drei Tage später erhielt ich die Ergebnisse. Der Arzt sagte zu mir, ich hätte riesiges Glück, und was er damit meinte, war wohl, ich bekäme mein ewiges, undatiertes Leben zurück. Ich ging nach Hause, setzte mich auf meine Couch und verarbeitete, was eben geschehen war. Ich dachte an die Frau, mit der ich schon seit langer Zeit so gerne ausgehen würde, und verteufelte mich dafür, sie noch immer nicht angerufen zu haben. Dann endlich nahm ich das Telefon in die Hand, wählte die Nummer meiner Eltern, erzählte ihnen die gute Nachricht, und führte mein Leben weiterhin wie zuvor.

Furcht vor dem Glück

It is easiest to accept happiness when it is brought about through things that one can control, that one has achieved after much effort and reason. But the happiness I had reached with Chloe had not come as a result of any personal achievement or effort. It was simply the outcome of having, by a miracle of divine intervention, found a person whose company was more valuable to me than that of anyone else in the world. Such happiness was dangerous precisely because it was so lacking in self-sufficient permanence. Had I after months of steady labor produced a scientific formula that had rocked the world of molecular biology, I would have had no qualms about accepting the happiness that had ensued from such a discovery. The difficulty of accepting the happiness Chloe represented came from my absence in the causal process leading to it, and hence my lack of control over the happiness-inducing element in my life. It seemed to have been arranged by the gods, and was hence accompanied by all the primitive fear of divine retribution.

„All of man’s unhappiness comes from an inability to stay in his room alone,“ said Pascal, advocating a need for man to build up his own resources over and against a debilitating dependence on the social sphere. But how could this possibly be achieved in love? Proust tells the story of Mohammed II, who, sensing that he was falling in love with one of the wives in his harem, at once had her killed because he did not wish to live in spiritual bondage to another. Short of this approach, I had long ago given up hope of achieving self-sufficiency. I had gone out of my room, and begun to love another – thereby taking on the risk inseparable from basing one’s life around another human being.
(Alain de Botton – On Love)