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Ein Baum im Wind

Ich habe letzte Nacht von dir geträumt, von uns, von den Wegen, die wir gemeinsam hätten gehen, den Geheimnisse, die wir alle hätten teilen können, von dem, was wir einst waren, und von dem, was wir noch alles hätten sein können. Die Träume sind der letzte Ort, an dem ich dir noch nah sein kann. Es ist vorbei, habe ich gedacht, und ich käme damit klar. Nun aber verbringe ich meine Tage im Bett, manchmal achtzehn Stunden und mehr, weil doch mit dir der letzte Grund zum Aufstehen schwand. Schlafen jedoch kann ich kaum, und ob ich wach bin oder nicht, meine Gedanken drehen sich um dich, um das, was von dir noch immer in mir übrig ist. Du bist in mir eingezogen, damals, als wir uns kennenlernten, und als du gegangen bist, hast du deine Sachen einfach in mir zurückgelassen. Sie stehen in meinen Räumen herum und erinnern mich an dich, sie belegen so viel Platz in meinen Kammern, dass mir zum Leben keiner bleibt. Mein Appetit hat mir den Rücken zugekehrt, genau wie du, doch ohne Nahrung kann ich überleben, bloß ohne dich fällt mir das reichlich schwer.

Mit Tränen gehe ich in jede Nacht und meine Augen sind am nächsten Tag so schwer wie rot. Morgens treibt mich nur die Hoffnung an, du könntest dich heute bei mir melden. Abends bange ich dann vor dem Schlafengehen, vielleicht ja meldest du dich morgen. Was zwischen diesen Punkten liegt, ist jene Zeit, in welcher ich ein Leben simuliere, frech und selbstbewusst, das sorglose Mädchen; diese Zeit, in der ich hoffnungslos versuchen muss, mit Kopf und Herz nicht jeden Augenblick bei dir zu sein. Ohne ein Zeichen von dir sind meine Tage leer.

Wann immer ich in letzter Zeit durch diese Stadt schlenderte, in der dein Leben das meine zum ersten Mal betrat, fühlte ich die Aura deiner Anwesenheit. Hier lebst du, arbeitest du, verbringst du deine Tage. Hier lachten wir, sprachen wir, teilten wir ein Dasein miteinander. Es ist deine Stadt, das war sie schon, als wir uns kennenlernten, und sie liegt vor mir wie ein Mahnmal, wie ein Tor zu einer besseren Zeit. Hinter jeder Ecke könntest du hervorkommen, auf jeder Straße könntest du spazieren, und tatsächlich wartest du auf mich an jedem Ort. Nicht du, nicht als Person, aber als Erinnerung, als Gespenst meiner Vergangenheit, unserer Vergangenheit, das mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Du hast die Stadt für mich unbenutzbar gemacht, denn über allem liegt der Schleier deines Wesens. Keinen Meter kann ich gehen, ohne dass du mir erscheinst. So wie du mich im Schlaf in jeder Nacht verfolgst, verfolgst du mich bei jedem Schritt.

Du weißt, es beschränkt sich nicht auf eine leere Metapher, wenn ich dir sage, dass du für mich die Welt gewesen bist. Alles hier erinnert mich an dich. Die Stadt, sie schmeckt nach dir, sie riecht nach dir, der Wind verbreitet deinen Duft, die Häuser erzählen Geschichten über dich, die Brunnen speien dein Wasser. Straßen, Gebäude und Menschen erschöpfen sich in ihrer Relation zu dir, ich nehme sie wahr als Kulissen und Komparsen unseres vergangenen, gemeinsamen Lebens. Ich bewegte mich wie auf Schienen mit dir, war durch dich Zug geworden, der seine Gleise immer mit sich führt, was links und rechts von uns geschah, war mir egal, denn Augen hatte ich doch bloß für dich. Mit dir war alles schön, schon weil du da warst. Heute aber sind die Weichen umgestellt, die alten Trassen am Verrotten.

Mit bebendem Herzen kreuze ich in diesen Tagen dann und wann den weiten Platz, auf dem der kleine Brunnen steht, an dem wir uns so viele Nächte um die Ohren schlugen, bis das Morgenlicht uns unterbrach. Fast jeden Tag betrete ich den menschenleeren Bahnsteig, an dessen Ende du so oft auf mich gewartet hast. Wenn ich irgendwo bloß einen Zug vorüberrauschen sehe, fahre ich im Traum zu dir. Mit mattem Blick verfolge ich die Straßenbahn, die auch zu deiner Straße führt. An jeder Haltestelle suche ich nach dir. Manchmal schlendere ich durch den Park, in dem wir auf der Wiese saßen, um uns die Sterne anzusehen, doch wenn ich heute in den Himmel blicke, zeigt jedes Sternenbild bloß dein Gesicht. Wie Splitter der Vergangenheit sind all die Kneipen, Clubs und Restaurants, in denen wir zusammen saßen, tanzten und lachten, lose über diese Stadt verstreut. Wenn ich dort heute etwas trinken gehe, trinke ich dabei auf dich, und wenn ich hier und da ein wenig Nahrung zu mir nehme, hungere ich dabei nach dir.

Wie gern wir beide im Theater waren, wie oft wir Lesungen besuchten, das hat sich eingebrannt in meinen Kopf und geht dort niemals wieder raus. Bei jeder Vorstellung, bei jedem Wort, bei jedem Kunstwerk und bei jedem Exponat bist du im Geist noch immer neben mir und darum meide ich das alles nun fast ganz, aus Furcht, du könntest in der Menge sein. Manchmal lese ich in deinen Briefen, die du mir geschrieben hast, und wenn ich heute Post empfange, hoffe ich, sie ist von dir. All die Bands, die du so mochtest, sind mir keine Freude mehr, und in den Büchern, über die ich mit dir sprach, wohnst du auf ewig zwischen allen Zeilen. Alles Schöne, das ich neu für mich entdecke, jedes Buch, in dem ich mich verlieren kann, jeden Film, der mich begeistert, alles will ich weiterhin so gerne mit dir teilen – und dann denke ich mit tiefem Seufzen: ja, das würde dir gefallen.

Selbst meine Wohnung ist nicht länger mein Zuhause, die Dinge sprechen alle nur von dir. Ich bin hier niemals mehr allein. Jedes Klingeln führt mich hoffnungsfroh an meine Tür, doch hat sie mich noch allemal enttäuscht. Ich warte auf E-Mails, die nicht kommen, starre auf Telefone, die nicht klingeln. In meiner Küche stand ich nicht, seit wir gemeinsam dort zugange waren, und liege ich in meinem Bett, erdrückt mich deine Abwesenheit. Es fühlt sich leer an, denn du fehlst, nicht nur in meinem Bett, vor allem in meinem Leben.

Ich werde diese Stadt nicht länger ertragen können. An jeder Ecke treffe ich auf dich, ohne dich je berühren zu können; allerorts erscheinst du mir, an jeder Wand, in jeder Spiegelung auf einer Scheibe, auf dem Asphalt und in der Luft, ohne wirklich bei mir zu sein. Überall verstecken sich Gespenster. Bei jedem Menschen, der dir ähnelt, beginnt es schnell in mir zu pochen, bis die Hoffnung still verwelkt. Wie Fata Morganas schreiten deine Erscheinungen durch diese Stadt und blenden mich, doch keine davon stillt den Durst.

Nicht bloß die Stadt verkommt für mich zur Krypta unserer Vergangenheit. Bald wird er losgehen, der ungelenke Tanz durchs Minenfeld meiner Freunde, die sich zweifellos an dich erinnern werden, weil ich ihnen von dir vorliebte, ihnen alles über dich erzählte, mit einer Verve, wie das nur jemand kann, der dir von Kopf bis Fuß verfallen ist. Erzählt man etwas, dann verfestigt es sich mit jedem noch so kleinen Wort als Realität, und wenn es schiefgeht, dann wird es zur Hölle. Sie werden sich nach dir erkundigen, sie werden wissen wollen, was du machst und wie es dir so geht. Wie war noch gleich sein Name, werden sie mich beiläufig fragen, und während ich genau weiß, von wem die Rede ist, weil ich dich niemals vergessen kann, werde ich doch nichts anderes hervorbringen als: Wen meinst du? Wenn aber jemand deinen Namen ausspricht, kann man für einen kurzen Moment in meinen Augen sicher Welten aufblitzen sehen, ganze Galaxien, bevor sie kurz darauf als Schatten unbemerkt vergehen.

Glauben kann ich es dir nicht, dass da bei dir nichts mehr war, kein Wunsch nach Zukunft, kein Gefühl, und ich denke nicht einmal, dass du dir selbst das alles glaubst. Wo wir nun stehen, wäre mir begreiflicher, wenn es nicht du gewesen wärst, der diesen Stein erst ins Rollen gebracht hatte, der mit mir flirtete, ganz offensiv, obwohl du sonst so schüchtern bist. Dein Strahlen jedes Mal, wenn wir uns irgendwie begegneten, erwärmte meine ganze Welt. Ich fühlte, du bist mein Zuhause, und ich wollte dir das deine sein. Mein Lächeln muss mich schon von Anfang an verraten haben, diese Maske einer hoffnungslos Hoffnungsvollen, dieses gutmütige Grinsen, weil ich gänzlich glücklich war, und du, du lächeltest zurück.

Immer warst du so bemüht, mich fasziniert auf unsere Gemeinsamkeiten hinzuweisen, auf alle noch so kleinen Zufälle, auf die gewöhnlichen Ereignisse, die nicht mehr so gewöhnlich waren, weil du sie gleich mit mir verbunden hast und ich sie wiederum mit dir. Zwischen uns gedieh eine Art geistiger Intimität und wir vervollständigten uns, als hätten wir das immer schon getan. Du warst fröhlich, wenn wir Dinge zeitgleich erledigten, ohne uns irgendwie abgesprochen zu haben, oder wenn uns ein und dasselbe völlig unabhängig voneinander gefiel. Es waren solche Banalitäten, die dich glücklich machten, selbst wenn die Welt dir gerade lästig war, und ich war glücklich, schon weil du es warst.

Du merktest dir so vieles, was ich dir erzählte, all die Dinge, die ich mag. Ich stand für dich im Licht, war Sammelstelle deiner Aufmerksamkeit und das zeigtest du mir deutlich, nur zugegeben hättest du es nie. Noch über die dümmsten meiner Witze hast du gelacht, wie das nur jemand kann, der nicht mehr ganz bei Trost oder ernsthaft verliebt sein muss, was unterm Strich ja irgendwie das Gleiche ist, mit einem herzlich schönen Lachen, dem ich im ersten Augenblick sofort verfiel.

Du hast dich einmal als einen Menschen bezeichnet, der zuallererst an sich denkt, und dennoch machtest du so viel für mich, du sorgtest dich um mich, du wolltest, dass ich mich bei dir wohlfühle. Für jemanden, der nur an sich denkt, hast du erstaunlich viel an mich gedacht. Ich nahm in deinem Leben einen so großen Raum ein, dass es mir schon beinahe unangenehm wurde. Am Ende unserer Treffen hast du mich kein einziges Mal einfach so fortgehen lassen, ohne mir zwischen Tür und Angel nicht noch Vorschläge für ein Wiedersehen ans Herz zu legen. Deine Phantasie überschlug sich bei dem hölzernen Versuch, neue Vorwände für ein Treffen zu erdenken, mit einer beiläufigen Art, die sicher deine Schüchternheit verbergen sollte, die du immer schon für unmännlich gehalten hast. Dir lag etwas daran, dass wir uns wiedersehen, das war es, was für mich von alldem hängenblieb. Du organisiertest deine Zeit um mich herum, um meine Manifestation in deinem Leben, während ich dich sachte in dem meinen verankerte, als bautest du in meinem Vorhof dein Quartier. Ich nahm mir meine Zeit für dich, ich nahm mir alle Zeit der Welt. Heute willst du sie nicht mehr.

Es spielt keine Rolle, was ich glaube und was tatsächlich deine Gründe waren, denn es bringt uns nicht wieder zusammen, macht aus den Trümmern nicht mehr eins.

Meine Briefe, in denen ich dir schrieb, wie viel du mir bedeutest, hast du leider nie beantwortet, und meine Vorschläge, was wir gemeinsam unternehmen könnten, schlägst du seitdem alle aus. Du warst mit einem Mal wie ausgewechselt, kamst mir vor wie ein Magnet, dessen Polarität sich schlagartig verändert hatte. Was mir gefiel, konntest du plötzlich nicht mehr ausstehen. Bei jeder Angelegenheit, in der wir immer einer Meinung gewesen waren, behauptetest du nun das Gegenteil. Wenn wir uns doch noch einmal trafen, brachtest du stets irgendwelche Freunde mit, Bekannte oder Arbeitskollegen. Mein Eindruck war, es hätten Unbekannte sein können, solange das für dich bedeutete, nicht mit mir allein zu sein, als sei ich über Nacht zu einer düsteren Bedrohung geworden, die nur als Gruppe überhaupt bezwungen werden kann.

Du wolltest es mir verwehren, dich auch weiterhin zu mögen, so wie jemand, der einem armen Bettler etwas Geld verwehrt, nicht weil er selbst ein böser Mensch ist, sondern um die Brieftasche nicht öffnen zu müssen. Es sticht schon höllisch in der Brust, wenn man ernüchtert feststellen muss, dass eine Liebe nicht erwidert wird, doch wenn die eigenen Gefühle noch als Zumutung empfunden werden, ist das wie Starkstrom mitten durch das Herz. Du hast keine Vorstellung davon, wie sehr es schmerzt, auf einmal so behandelt zu werden. Nun muss ich mir ansehen, wie austauschbar ich allem Anschein nach für dich geworden bin. Ich wollte bei dir ankommen, aber für dich war ich in deinem Leben nur zu Gast.

Du konntest nie richtig begreifen, wieso ich etwas an dir fand, weshalb ich etwas an dir mag. Womöglich war ich dir nicht überzeugend genug, aber musste wirklich ich dich überzeugen oder nicht viel eher du dich selbst von deiner Liebenswürdigkeit.

Menschen wie du und ich machen sich mit ihrer Nachdenklichkeit das Leben so unnötig schwer. Gemeinsam hätten wir leichter sein können, leicht genug zum Fliegen, doch abzuheben trautest du dich nie. Ich baute für dich Brücken, wo keine Flüsse, Häuser, wo keine Städte, Tunnel, wo keine Berge waren. Du warst mein Leuchtturm in der Nacht, der selbst noch strahlt und mir als Reisendem die Richtung weist, wenn alles Sonstige in Dunkelheit versinkt. Es hat vor dir schon Andere in meinem Herzen gegeben, doch ich machte dich zum Allerersten und du wirst für mich der Letzte bleiben. Welche Zukunft es mit dir gegeben hätte, weiß ich nicht. Ohne dich gibt es keine Zukunft. Nach dir kommt nichts. Es gibt keine Zukunft mehr, nicht einmal Gegenwart, bloß noch Vergangenheit.

Was ich noch an Hoffnung hatte, setzte ich auf dich und verlor sie ein für alle Mal. Mit wachsender Verzweiflung habe ich versucht, sie zu bewahren. Jedes deiner Worte, auch die ungesagten, drehte ich in meinem Kopf herum, bis ich schließlich einen Ansatz fand, eine Interpretation, die mir ein wenig Zuversicht versprach. Deine Worte waren meine Hypothek, auf deren Darlehen ich mein Leben errichtete. Jeden meiner Schritte machte ich auf einem Steg aus Hoffnung, den ich mir aus den Brettern deiner Worte gezimmert hatte, bis es jeden Tag etwas weniger wurde, an dem ich mich noch festhalten, auf das ich mich noch stützen, mit dem ich mir einen Weg nach vorne hätte bauen können. Du warst meine letzte große Hoffnung auf Zukunft.

Sein ganzes Leben ist der Mensch ein Baum im Wind. Er trotzt den Gewalten, die auf ihn einwirken, er stemmt sich ihnen entgegen, tagein und tagaus, doch wenn der Baum erst einmal angesägt ist, genügt ein leichter Stoß, um ihn zu Fall zu bringen. Gesägt haben an mir schon viele, aber erst du hast mir den Stoß versetzt. Nun bin ich am Boden, habe keine Energie mehr, keine Kraft, um wieder aufzustehen. Je näher man jemanden an sich heranlässt, desto kürzere Messer braucht er. Meine Rüstung, die ich mit mir durchs Leben trage, mein Panzer, der mich vor der Welt beschützt, er ist verbraucht und abgenutzt.

Es gibt keinen unbegrenzten Vorrat an Energie, den man in ein Leben stecken kann. Jede frische Verletzung zehrt an den Kräften, bis irgendwann die Kraft erlischt. Eines Tages wächst einfach keine Haut mehr, wo eine neue Wunde entsteht. Der innere und der äußere Tod sollten in einer idealen Welt zur gleichen Zeit vonstattengehen, doch bei den meisten Menschen ist das nicht der Fall, denn unsere Welt ist alles andere als ideal. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt, doch meint das Sprichwort wirklich deren Langlebigkeit, oder bedeutet es denn nicht viel mehr, dass nach dem Tod der Hoffnung nichts mehr bleibt, das dann noch sterben kann. Wie sehr rühmt sich die moderne Medizin, Menschen am Leben erhalten zu können, aber was hilft das, wenn man im Inneren schon lange nicht mehr lebt. Es gibt keine Maschinen, keine lebensverlängernden Maßnahmen, an die man die Hoffnung eines Menschen anschließen könnte. Der biologische Tod wird reduziert auf eine Formsache.

Mach dir nichts draus, das Leben geht weiter, sagen sie dir mit herablassendem Mitleid. Ja, es geht weiter, denn das Hinterhältige an gebrochenen Herzen ist, dass der andere seine Tat nicht vollendet, sie nicht konsequent zum Abschluss führt, weil er einen nie wirklich umbringt. Man ist leer, ausgelaugt, verbraucht, man blickt in ein Schwarzes Loch und überschreitet den Ereignishorizont, man wird hineinsogen und kommt nicht mehr heraus. Das Leben geht weiter, ja, aber man selbst lebt nicht weiter, man existiert bloß noch vor sich hin.

Auch ich füge mich ein ins Heer der wandelnden Toten. Erst verliert man die Hoffnung und dann sich selbst. Nichts hat für mich noch irgendeine Bedeutung. Ich kann nichts mehr fühlen, wenn es nicht mit der Vergangenheit verbunden ist, mit dir. Ich spüre keine Gegenwart, nicht einmal Schmerz, nicht einmal Wut, schon gar nicht Liebe. Wie das Archiv einer längst vergangenen Kultur verwalte ich die Sammlung meiner Emotionen, aber es kommen keine neuen mehr hinzu. Du hast den Menschen aus mir entfernt.

Es gibt so viele wie mich. Ich sehe sie jeden Tag, kann sie durchschauen, sie sind leer, und doch simulieren sie ein Leben, genau wie ich, sie gehen ihrer Arbeit nach, sie essen und schlafen wie jeder andere Mensch auch. Das Scheitern beginnt, wenn man nicht mehr fragt, was man will, sondern bloß noch, was man kann. Mein Schicksal ist es, tot zu sein und weiterleben zu müssen. Ich wollte dir alles geben, du hast mir alles genommen. Nicht aus böser Absicht, vermutlich nicht einmal bewusst, doch unterm Strich zählt letztlich nur, wie alles endet. Du sagtest mir zum Abschied noch, ich sei ein unglaublicher Mensch, wie du ihn nie zuvor getroffen hast, doch was bedeutet das schon, wenn du mich daraufhin kalt abservierst. Ich bin in meinem Leben eine Fremde geworden.

Andere würden sagen, ich hätte meine Zeit mit dir verschwendet, aber verschwendet war sie nie, denn sie hat mich, wenn auch nur vorübergehend, zu einem glücklichen Menschen gemacht.

Es gäbe noch so vieles, das ich dir gerne sagen würde, so viel Unausgesprochenes, das noch auszusprechen wäre, doch ich werde dir nie wieder schreiben, ich werde mit dir nie wieder reden, ich werde dich nicht mehr zum Lachen bringen und dir keine Nachrichten mehr auf der Mailbox hinterlassen Ich werde dir keine Fragen mehr stellen und mich nicht länger für dein Leben interessieren, weil ich die Antworten nicht ertragen würde. Du wirst kein Lebenszeichen von mir erhalten, weil es dieses Leben nicht mehr gibt, das auf sich aufmerksam machen könnte. Wie sagt man jemandem Lebewohl, ohne den man nicht leben kann.

In dieser Stadt ist kein Platz mehr für mich, genauso wenig wie in deinem Leben. Was mich hier noch hält, ist mir ein Rätsel. Ziellos streife ich durch die Straßen dieser Stadt und ich wünschte mir dabei, ich wäre Nero. Ich möchte dich nicht nur vergessen, dich in meinem Kopf nicht bloß verblassen sehen, ich möchte sämtliche Andenken an dich vollständig ausradieren, in mir wie in der Welt. Diese Stadt soll brennen, sie soll verglühen und in Rauch aufgehen, denn sie ist für mich unbegehbar geworden. Ich möchte Feuer legen, rasend alles niederreißen, ich möchte sie zerstören, noch bis hinunter auf den letzten Stein. Die ganze Welt kann untergehen, es wäre mir egal. All die von dir besetzten Gebäude und meine Erinnerung an dich sollen ein für alle Mal in Flammen aufgehen und zu Asche zerfallen, woraus ich als Phönix neu hervorgehen kann.

Vielleicht ja würde es in einigen hundert Jahren eine Gruppe von Archäologen zu den Trümmern dieses lieblosen Ortes führen und sie würden sich eventuell fragen, was hier wohl vorgefallen sein mag. Es wäre nur ein weiteres Puzzleteil in der unendlichen Geschichte der Morde, Kriege und Zerstörungen aus purer Verzweiflung an menschlicher Liebe. Sie ist die edelste aller Kräfte, die auf einen Menschen jemals wirken kann, aber auch die unbarmherzigste und vernichtendste. Wie viele Burgen und Festungen, wie viele Städte und Reiche, wie viele Machthaber und Imperien gingen bereits zugrunde, nur weil ein Mensch sein Herz verlor.

Auch ich habe dich belagert, wenn man es so ausdrücken möchte, aber deine Mauern waren zu stark, dein Bollwerk zu massiv, und dennoch rannte ich voll Freude mit dem Herz dagegen an. Du hast dich am Ende gegen mich entschieden, hast deine Zugbrücke hochgefahren, als ich noch auf ihr stand. Nur zu gerne wäre ich ein wütendes Inferno, das mich wie alles andere im Flammenmeer verschlingt, doch statt den Glaspalästen in der Innenstadt, die mit Getöse auseinanderbrechen, ist es bloß mein Glück. Die Welt bleibt kalt und unberührt, während mein Innerstes heimlich verbrennt.

Dann geht es weiter, das Leben, die dunklen Wolken ziehen aus dem Kopf, ich esse wieder auswärts und mache mein Haar, ich trinke Cocktails und gehe ins Büro, ich flirte und lache und bin normal und habe keine Angst vor dem nächsten Tod. Der nächste wird wieder der letzte sein. Ich bin drei Mal schon gestorben und immer habe ich mir eingeredet, diesmal sei es besonders schlimm, und ich glaube, das ist gut. Das Leiden gehört dazu, wenn es schiefgeht, es zeugt von Bedeutung, es zeugt von Gefühlen, es zeugt von mir. Schlimm ist es erst, wenn man nicht mehr stirbt.

Plan B

Es ist ein verregneter Samstagabend und ich sitze mit dir in einer kleinen Kneipe in Frankfurt Bockenheim. Du trägst Jeans und ein rotes Oberteil, dein Haar ist zu Zöpfen gebunden, du rauchst. Zuvor sind wir essen gewesen, beim Perser, ich habe dich eingeladen, du hast einen ehemaligen Mitbewohner getroffen, dann sind wir kurz durch die Nacht spaziert. Nun trinken wir Cocktails, wir unterhalten uns, wir werden kritisch, wir werden traurig, wir lachen und spinnen herum. Du bist jemand, bei dem ich sein kann, wer ich bin, ohne Unverständnis zu provozieren, ohne mich verstellen zu müssen, ohne Erwartungen zu begegnen, die mir so fremd sind wie eine außerirdische Kultur. Wir teilen eine Sicht auf die Welt, auf das, was uns stört, was wir mögen, und ich merke, ich mag vor allem dich.

Wir stehen uns politisch nahe, wenn man das so ausdrücken kann. Uns eint der Kampf gegen die Übel dieser Welt, doch Hoffnung treibt dich dabei nicht, eher sei es Rastlosigkeit, man könne eben etwas tun oder schweigend resignieren. Eigentlich aber möchtest du hier weg, sagst du, und mit hier meinst du Deutschland, nicht diesen Moment in dieser kleinen, gemütlichen Kneipe. Ein Häuschen, vielleicht ein Bauernhof, gemeinsam mit ein paar Freunden, das wäre das Richtige, erklärst du mir, und deine Augen funkeln ein wenig bei der Vorstellung daran. Du nennst es andächtig Utopia.

Es mangelt am Willen zur Umsetzung, antworte ich dir und es stimmt. Du bist nicht die erste, die mir von diesem Traum vorschwärmt, denn ich kenne viele, die vom Weggehen träumen, vom selbstbestimmten Leben, nur keinen, der es macht. Auch für dich sei es eher ein Plan B, eine Rückzugsmöglichkeit, gesellst du dich zu ihnen, für die Zeit, wenn dir das Leben hier in diesem Land nicht mehr angenehm erscheint.

Ich finde es jetzt schon nicht mehr angenehm, gestehe ich dir, und du bist der erste Mensch, der bei diesen Worten nicht lacht, nicht mindestens schmunzelt oder mich fragend ansieht. Du nämlich schaust mich an, mit einem Blick, der mir sagt, dass du genau verstehst. Wir führen den Gedanken weiter, bis du mir erklärst, wie du dir das Ganze vorstellst, vielleicht in Griechenland, mit ein paar Tieren und Gemüse und was man eben braucht, um so autark zu sein, wie es die Umstände erlauben. Der Abend klingt aus und ich stoße mit dir darauf an, ihn umzusetzen, deinen Plan B, und du lachst und freust dich und sagst: Ja, das machen wir. Ich sehe Zukunft, wo ein Fragezeichen war. Wir sind Komplizen, die den Ausbruch wagen.

In den Tagen darauf rechne ich zusammen, was ich gespart habe, drucke Immobilienangebote aus, reise um die halbe Welt, um mir einen guten Eindruck von den interessantesten Objekten zu machen, lese Bestimmungen, plane voraus. Drei Wochen später treffen wir uns in deiner Wohnung, ich lege dir Fotos vor, ohne dir meinen Favoriten zu verraten, und deine Wahl fällt auf das gleiche Haus. Wir lachen, freuen uns, gehen Planungen durch, überschlagen Finanzen. Ganz die Realistin, die du bist, wirfst du ein, du fändest das alles wunderbar, nur könntest du nicht von heute auf morgen deine Wohnung aufgeben und deinen Job kündigen, da gäbe es Fristen, und dein Kater mache dir Sorgen, der habe doch sein Revier, und all das Rechtliche. Das macht nichts, beschwichtige ich, dann fahre ich alleine schon mal vor, richte alles her, ich kümmere mich um unser Haus, widme mich dem Bürokratischen, freue mich auf dich, und dem Kater wird es gefallen. Du nickst und dann umarmst du mich auf eine Art, dass ich mich fühle, als würde ich nach langer Odyssee zu Hause ankommen.

Am nächsten Tag plündere ich meine Konten, besteige ein Flugzeug und fliege einem neuen Leben entgegen. Ich kaufe ein Haus, das Haus, unser Haus, mit riesigem Grundstück und modrigem Holzzaun rundherum, die Mauern in einem Rotton, der dir gefallen wird, die Zimmer groß genug, falls wir Besuch oder mal Kinder haben wollen. Das Dach ist nicht ganz dicht, wie ich beim ersten Regen feststellen muss, aber wir sind es auch nicht. Ich renoviere, ich streiche, verlege Böden und lerne mauern, ich lege mich ins Zeug und fühle mich zum ersten Mal als freier Mensch. So verbringe ich Wochen, dann Monate. Mit der Begeisterung eines Kindes schicke ich dir immer wieder Fotos und selbstgedrehte Videos, und du sagst, du willst noch deine Promotion fertigstellen, dann kommst du. Ich freue mich wahnsinnig darauf, wenn du kommst, antworte ich dir.

Das Dach ist mittlerweile gut, das Haus bezugsfertig, was auszubessern war, habe ich ausgebessert. Die Renovierung kommt voran, wenn auch langsam, und zwischendrin versuche ich mich als Gärtner, lese mich schlau, pflanze an, gieße, verteile Dünger, hoffe und warte. Einiges gedeiht, manches nicht, und ich bin stolz, weil das für einen ersten Versuch gar nicht so schlecht ist. Du hast von uns beiden den grüneren Daumen, du wirst mich auslachen, wenn du kommst.

Zwei Monate später bekommst du ein Angebot für eine Stelle an der Uni, ein Einjahresvertrag, und du sagst, so lange solle ich mich noch gedulden, danach aber kämst du. Mir macht es nichts aus, die Renovierung braucht noch etwas Zeit, und ich sage, ich freue mich darauf, wenn du kommst, du wirst ein wunderschönes Haus vorfinden.

Draußen wird es langsam grün und ich filme auch das, schicke es dir, will dir zeigen, dass selbst unter meiner Regie pflanzliches Leben möglich ist. Du lachst so herzlich über meine angestrengten Gärtnerversuche, dass alle Kilometer zwischen uns vergessen sind. Kurz bevor du auflegst, seufzt du, denn du wärst so gerne hier, und ich spiele es herunter, es ist doch nicht mal mehr ein Jahr.

Vier Monate vergehen, in denen wir mailen, chatten, telefonieren, ich schicke dir weiterhin Bilder und Videos, hege Vorfreude, und dann schreibst du mir, du bist jetzt an einem Forschungsprojekt beteiligt, das du super interessant findest, und man erwägt, dich fest einzustellen, und wie großartig das ist und ob ich mich freue.

Drei Tage später antworte ich dir, schicke dir einen Link auf ein kleines regionales Nachrichtenportal, schreibe sonst nichts. Du rufst mich an, obwohl du nicht viel Zeit hast, wie du mir erklärst, du machst gerade Pause, gleich musst du zurück. Du bist verwirrt, sagst du, und ob das ein Scherz sei, aber es ist alles echt, versichere ich dir, das Feuer und der Totalschaden. Utopia ist abgebrannt.

Nur Ausstieg

Heute Morgen schloss ich eine Tür, obwohl ich wusste, sie wird sich nie wieder für mich öffnen. Manche Türen verschließen ein Zimmer, manche Türen verschließen ein Haus. Diese hier verschließt eine ganze Welt. Die Dielen knarzten, als ich in den Flur trat, ich schlich fast sanft darauf herum, sie sollten dich nicht wecken, auch wenn ein Teil von mir ganz heimlich hoffte, sie würden es doch, du stündest auf und alles wäre gut. Ich zog meine Jacke an und schaute in deine Richtung, ich ließ mir Zeit, blickte auf mein Handy, prüfte alle Taschen, legte meinen Schal um. Es war ein Abschied auf Raten, aber erst die Hand an der Tür ließ ihn wirklich offiziell werden, jener Moment, in dem sie hinter mir ins Schloss fiel, ein für alle Mal, quietschend und zäh, als würde sie es sich noch einmal überlegen. Wo bislang stets ein Durchgang gewesen ist, ein Tunnel zwischen den Welten, war nun bloß eine Fortsetzung der Wand. Als ich im Treppenhaus nach unten ging, war es der Abstieg vom Glück. Ich hätte dich zum Abschied gerne noch geküsst.

Letzte Nacht war ich dir so nah, und doch hättest du nicht unerreichbarer sein können. Das Mondlicht fiel fragend durch ein Fenster oder vielleicht waren es bloß die schimmernden Straßenlaternen vor deinem Haus, aber was immer es auch war, Erleuchtung brachte es nicht. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, zu schnell und mit grölender Musik, und dann war es für einen Augenblick dort draußen so laut wie in meinem Kopf. Wenn ich die Augen schloss, erschienst du mir, du tanztest quer durch meine Phantasie, nahmst jede Kammer meiner Welt, deine Stimme besetzte mein Ohr. Ich sprach mit dir zum allerletzten Mal, als du müde aus dem Badezimmer kamst, dein Kater saß schnurrend neben mir, da huschtest du lautlos an uns vorbei, du schautest mich nicht an, ich weiß nicht, warum. Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum, und wenn doch, dann träumte ich von dir.

Ich schloss die Tür und ging, nun stehe ich verloren in der U-Bahnstation. Eine Fastnachtskapelle stapft fröhlich die Treppen herunter und spielt das traurigste Lied der Welt, nicht weil es selbst traurig ist, sondern ich. Von rechts braust endlich der Zug ins Ungewisse heran, kommt mit Getöse zum Stehen, dann steige ich ein, wir rollen ins Nichts. Hinter mir im Wagen sitzt ein Mädchen und weint. Ich fahre mit der U-Bahn durch die Stadt, bestimmt ein paar Stunden; Menschen kommen und gehen, wie Landschaften ziehen sie vorbei, verwischt und unscharf, mein Fokus ruht immerfort auf dir. Irgendwann bin ich es leid, verlasse irgendwo den Zug und trotte in den Großstadtschluchten herum, apathisch und ziellos, hungernd nach Leben. Giganten aus Glas säumen meinen Weg und blicken unberührt auf mich herab. Eine Kioskverkäuferin sagt, es sei ein wunderschöner Tag, dabei lächelt sie mich an, sie meint es ernst. Auf dem Heimweg gerate ich in Schneeregen, der die Welt mit unschuldigem Weiß bedeckt, so als wäre alles gut, doch in mir ist es dunkel. Um die Sehnsucht zu übertönen, höre ich Musik, und der Zufall wählt ein Lied von Element of Crime – natürlich trägt es deinen Namen. Alles wirkt zunehmend surreal und ich verstehe, genau deswegen ist es Wirklichkeit.

Wenn ich auch traurig bin, gibst du mir doch Kraft, da ich nun weiß, dass du dort draußen bist und lebst und lachst und dafür einstehst, woran du glaubst, mit großem Herzen und so unbeirrt wie Sisyphos am Hang. Mein ganzes Leben habe ich nach dir gesucht, dich vermisst, das wurde mir mit voller Wucht bewusst, als ich langsam aus der Wohnung trat. Jemanden wie dich findet man nur ein Mal oder nie. Die großen Träume blieben hinter deiner Tür zurück, sie dringen bloß noch als Gespenster durch die Wand. Mein Kopf lebt immer noch bei dir, wenn du ihn findest, stell ihn bitte vor die Tür, der Rest ging irgendwo verloren. Die Zukunft wird Vergangenheit, die Gegenwart verfliegt. Nichts ist so vergänglich wie das Wunderbare, lebendig wäre alles nur mit dir.

Du weißt das nicht, weil ich am Morgen durch die Tür gegangen bin, als du noch tief und fest geschlafen hast.

Das große Glück

Jedes Mal, wenn sich ein Jahr seinem Ende entgegenneigt, machen sich unzählige Menschen gut gemeinte Gedanken zum Ablauf des bald darauf anbrechenden Jahres und nennen ihre Pläne, die daraus hervorgehen, gute Vorsätze. Raucher wollen Nichtraucher werden, Sportmuffel zu Freizeitathleten, Faulenzer zu Arbeitstieren. Diese guten Vorsätze sind in der Regel noch vor Februar wieder vergessen.

Wenn es etwas gab, das sie in dieser Zeit des Jahres am meisten hasste, dann waren es die guten Vorsätze anderer Menschen und deren aufdringliche Art, diese Vorsätze jedem Interessierten und Desinteressierten gleichermaßen unter die Nase zu reiben. Auch sie hatte sich Gedanken zum Ablauf des kommenden Jahres gemacht, war dabei allerdings auf eine andere Idee gekommen, die ihr wesentlich sympathischer erschien. Sie hatte sich vorgenommen, ab Neujahr täglich in einem kleinen schwarzen Büchlein zu notieren, was ihr an jedem einzelnen Tag Schönes widerfahren würde. Es musste nichts Großes sein, nichts Überwältigendes, einfach etwas Schönes, etwas Gutes, etwas Positives, das ihr den Tag und damit auch das Leben ein wenig aufgeheitert oder erhellt, das ihr vielleicht sogar einen Blick auf dieses so genannte Glück ermöglicht hatte.

Das alles begann vor einem Jahr. Nun, dreihundertzweiundsechzig Tage später, saß sie bei Nacht in ihrem Zimmer und blätterte durch das Notizbuch, das sie mit ihren Erlebnissen gefüttert hatte, um sich so kurz vor Silvester die vergangenen zwölf Monate noch einmal Tag für Tag durch den Kopf gehen zu lassen, die angenehmen wie die bedrückenden Zeiten. Sie hatte ein gutes Gefühl dabei, denn das letzte Jahr war schnell vergangen, fast schon zu schnell, und wenn etwas schnell vergeht, ja zu schnell gar, dann ist das in der Regel doch ein Zeichen dafür, dass man eine gute Zeit verbracht hatte. Die guten Zeiten vergehen immer wie im Flug, das ist das Traurige an ihnen und der Grund, weshalb sie so selten das Gewicht der schweren Zeiten aufwiegen können, die sich ihrerseits wie Fußketten an das Leben binden, sodass man sich fühlt, als würde man durch ein Moor waten und nicht vorankommen. Zwar waren in diesem Jahr nicht alle ihre Wünsche in Erfüllung gegangen, aber wer konnte das schon von sich behaupten.

Als sie anfing, die ersten Seiten durchzublättern und dabei die täglichen Einträge zu studieren, musste sie schmunzeln. Sie ging in die Küche, öffnete sich eine Flasche Wein und widmete sich der weiteren Lektüre. Was sie las, stimmte sie zufrieden. Es waren Kleinigkeiten, aber es waren teils süße, teils herzerwärmende, teils völlig in Vergessenheit geratene Geschehnisse, die sie dort sah, und es waren Dinge, die sie auch heute noch fröhlich gemacht hätten, würden sie ihr erneut passieren. Sie las die Einträge des gesamten Januars und dann die Notizen des folgenden Februars. Ihr fiel auf, dass sich einige Erlebnisse bereits wiederholten, doch das störte sie nicht weiter. Ganz im Gegenteil, entwickelte sich beim Lesen eine gewisse Spannung, denn da Januar und Februar recht ruhig verlaufen waren, fieberte sie innerlich dem ersten außergewöhnlichen, dem ersten auffälligen, dem ersten bedeutenden Eintrag entgegen, was nun wiederum nicht hieß, dass die bisherigen Einträge für sie unbedeutend gewesen wären, nur waren es Banalitäten, alltägliche Geschehnisse, die sicherlich jedem zuteilwurden und sich jederzeit wieder ereignen könnten, wenn sie einfach nur einen völlig normalen Tag verbringen oder durch die Fußgängerzone schlendern würde.

Sie setzte ihre Hoffnungen in den März, denn endlich, ja endlich musste doch etwas Aufregendes geschehen sein. Beim Lesen offenbarte sich ihr dann allerdings das gewohnte Bild, das Januar und Februar ihr bereits zur Genüge präsentiert hatten. Langsam wurde sie ungeduldig. Vielleicht ist es doch eine blöde Idee gewesen, dieses Büchlein zu führen, dachte sie sich und blätterte nun ganz zufällig durch die Seiten, bis sie einen Tag im Juni aufschlug, immer noch auf der Suche nach spannenden, irgendwie berührenden Ereignissen. „Fünf Euro auf dem Weg zur Arbeit gefunden“ las sie da und lachte. Nein, das war nun wirklich weder spannend noch berührend. Der folgende Tag war demgegenüber schon etwas besser, denn dort hatte sie notiert: „Im Regen spazieren gegangen“. Sie liebte es, im Regen durch die Straßen der Stadt spazieren zu gehen, insofern war dies nun für sie zwar ein irgendwie berührender, aber kein sonderlich hervorstechender, kein außergewöhnlicher, kein befriedigender Eintrag. Sie blätterte weiterhin wahllos im Juni herum, las „Von einem Kollegen ein Stück Kuchen bekommen“ oder „Jemandem den Weg erklärt“, fand „Eine Frau hat mir lächelnd die Tür der Straßenbahn aufgehalten“ und „Himmlisch geschlafen“, aber rein gar nichts, von dem sie sagen konnte, es sei etwas Besonderes gewesen, das ihr ein Stück vom Glück dargeboten hätte. Das müssen ziemlich schlechte Tage gewesen sein, dachte sie und blätterte weiter, doch was sie auf den Seiten der darauffolgenden Wochen lesen konnte, kam ihr noch banaler, noch unwichtiger, jedenfalls keineswegs erfüllend oder einfach bloß gut vor, sondern irgendwie leer. Sie fühlte sich wie jemand, der in der Lotterie gewinnt und dann aber feststellen muss, dass alle anderen ebenfalls gewonnen haben. Nun, dann sind es eben keine schlechten Tage gewesen, schlechte Wochen müssen es gewesen sein. Sie suchte weiter. Es waren keine schlechten Tage gewesen, musste sie feststellen, auch keine schlechten Wochen, es waren die besten Tage im ganzen Monat gewesen, sogar in zwei Monaten, und der Rest des Jahres war, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nicht viel besser.

Konnte das wirklich die Wahrheit sein? Sie hatte für jeden Tag des Jahres jeweils nur das eine, das allerbeste Erlebnis notiert, das ihr widerfahren war, die beste Handlung, die sie vollbracht, oder das schönste Gefühl, das sie an diesem Tag empfunden hatte – und diese Dinge, die sie da lesen musste, diese Banalitäten, diese Nichtigkeiten, diese lieblosen leeren Worte, die sie kaum zu lesen wagte, die waren genau das, alles erschöpfte sich in diesen Belanglosigkeiten? Diese Einträge voller unbedeutender Alltäglichkeiten waren alles, was ihr Leben in diesem einen Jahr ausgemacht hatte? Das war das Beste, was die Welt ihr in diesen Wochen und Monaten geboten hatte? Mehr war da nicht?

Was sie außerdem beunruhigte, waren Einträge wie der folgende: „Netter Kassierer hat mir zugezwinkert“. Das ganze letzte Jahr hatte sie allein verbracht, genau wie auch das Jahr zuvor. Sie fand viele weitere Einträge, die Ähnliches festgehalten hatten, ob es sich dabei nun um Kassierer, Jogger, U-Bahn-Fahrgäste oder irgendwelche Callcenter-Mitarbeiter gehandelt hatte. Sie las diese Einträge und sah darin den Unterton, mit dem sie sie wahrscheinlich auch geschrieben hatte: Jemand findet mich gut, jemand mag mich, ich bin etwas wert. War sie so verzweifelt nach menschlicher Nähe, nach dem Gefühl, jemandem – irgendjemandem – zu gefallen? Ihre Zufriedenheit begann zu bröckeln.

Sie nannte es ein Leben, was sie da geführt hatte, nun aber fragte sie sich, ob es denn wirklich mehr war als eine unbedeutende Existenz. Verzweifelt suchte sie nach einem Eintrag, der herausstach, der besonders war, der es wert war, das Beste eines Tages, eines Monats, eines Jahres zu sein. Sie fand absolut nichts, was sie überzeugt, was sie beeindruckt oder was ihr das Gefühl gegeben hätte, ein gutes Jahr hinter sich zu haben. Sie vermisste das große Glück.

Eines Tages blickt man in den Spiegel und begreift, dass man niemals mehr sein wird als das, was man dort sieht. Mit dieser Erkenntnis kann man weiterleben und sie akzeptieren, man kann sich umbringen, um allem zu entgehen, oder man blickt nie wieder in einen Spiegel.

Es war wenige Tage vor Silvester, als sie zum letzten Mal eine leere Seite in ihrem schwarzen Büchlein aufschlug und mit zittrigen Fingern lediglich das Wort „Ende“ hineinschrieb.

Nichts zu verlieren

Es dauerte zwei ganze Tage, bis mir so langsam klar wurde, was er wirklich zu mir gesagt hatte. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, doch es sähe nicht gut aus, hatte der Arzt mit einem kurzen Kopfschütteln gemeint, jedoch gleich noch hinzugefügt, wahrscheinlich um der Aussage etwas von ihrer Bedrohlichkeit zu nehmen, ein endgültiges Ergebnis könne er mir erst in einigen Tagen mitteilen. Wie schlimm denn „nicht gut“ sei, hatte ich gefragt, und er antwortete bloß knapp, im schlimmsten Fall stünden die Chancen nicht sehr gut, dass ich das Ende des Jahres noch erleben würde, sollte die genaue Untersuchung seine Vermutung denn bestätigen. Vielleicht war er etwas vorschnell, doch ich schätzte seine Aufrichtigkeit, denn die meisten Ärzte hätten sich davor gedrückt, solch eine Vermutung offen auszusprechen, solange sie nicht über eine definitive Diagnose verfügten, um, wie sie sagen würden, ihre Patienten nicht unnötig zu verängstigen. Zwei Tage später saß ich in einem Bus, es war Nachmittag, und erst da begriff ich plötzlich, wie meine Perspektiven sich verändert hatten. Ich würde vielleicht sterben, und zwar sehr bald.
Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit meinen Eltern. Wieso auch? Noch stand das Ergebnis gar nicht fest und ich wollte niemanden unnötig beunruhigen, also verhielt ich mich wie jene Ärzte, die ihre Patienten erst einmal im Dunkeln lassen. Ich hätte es nicht ertragen, von Freunden oder denjenigen Menschen, die sich dafür hielten, mitleidige Blicke und wohlmeinenden Zuspruch zu erhalten, der bestenfalls gut gemeint und im schlimmsten Fall einfach nur lächerlich ist. Nein, ich behielt es für mich, denn es handelte sich ja um eine höchst private Angelegenheit, die zuallererst bloß mich etwas anging. Und wie sie mich etwas anging!
Was in mir geschah, nachdem ich erst einmal begriffen hatte, wie meine Chancen standen und dass ich vielleicht bald sterben würde, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es war jedoch nicht wirklich schlecht, was in mir vorging, so wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der dem Tod ins Auge blickt, denn genau das tat ich ja, mehr oder weniger. Ich verfiel nicht in tiefe Depression, ich wurde weder apathisch und hoffnungslos, noch begann ich plötzlich, mich für Extremsport zu interessieren, um auf die letzten Tage noch möglichst viele Kicks zu bekommen. Ich blieb, wenn man das so sagen kann, oberflächlich betrachtet ziemlich normal.
Unter der Oberfläche jedoch vollzog sich ein Wandel, der zwar nicht besonders spektakulär erschien, aber meinem Leben eine gewisse neue Richtung geben sollte. Bislang hatte ich ein Leben geführt, das sich in der Regel daran orientierte, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und möglichst wenig aufzufallen, weil Auffallen in der Regel bedeutete, ziemlich schnell in Situationen zu geraten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Ich war der Mann, der immer da, aber nie dabei sein wollte, der immer anwesend, aber nie beteiligt war. Das sollte sich ändern.
Es gab da eine Frau. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich in sie verliebt gewesen sei. Ein wenig vielleicht. Mehr wollte ich mir nicht erlauben, weil es zu Problemen hätte führen können. Wir gingen einige Male aus, ja, aber nur unter Vorwänden, nur mit Begleitung, und nie fiel das Wort Date, geschweige denn ein Kuss. An schlechten Tage fühlte ich mich feige und hasste mich dafür, nicht den Mut aufzubringen, sie einfach zu küssen, doch an guten Tagen klopfte ich mir auf die Schulter, die Sache nicht noch weiter zu vertiefen, würde sie doch sowieso in einer Katastrophe oder auf eine andere peinliche Art enden, aber jedenfalls enden. Es gab Menschen in meinem Leben, zu denen ich freundlich war, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte. Mein Chef zum Beispiel, um ein Klischee zu erfüllen, denn wer mag schon seinen Chef, aber auch Leute in meinem Freundeskreis, Freunde von Freunden, irgendwelche Bekannte sowie natürlich diejenigen, von denen man sich erhofft, für die gespielte Freundlichkeit irgendwann einmal etwas zurückzubekommen. Ich war ordentlich und brav, könnte man sagen, denn ich erfüllte Aufgaben, die mir zugetragen wurden, in der Regel ohne zu murren, befolgte die Regeln, auch wenn sie mir noch so unsinnig erschienen, wagte nichts und ordnete mich unter, wo es nur ging, weil alles andere nur wieder zu Problemen geführt hätte. Es war kein unangenehmes Leben, doch es war ein Leben, das mich auch nicht wirklich befriedigte. Ich ließ mich treiben.
Nach den Worten des Arztes jedoch war alles anders. Meine Perspektive, meine Rolle in der Welt und auch meine Selbstbetrachtung hatten sich verändert. Ich würde vielleicht bald sterben. Haben wir nicht alle diesen Gedanken in uns, schlicht und einfach das zu tun, was uns wirklich glücklich macht, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten. Wenn es für mich auch nicht ein einzelner sein sollte, so schienen meine Tage doch gezählt. Wie lange hätte ich noch gehabt? Sechs Monate? Ein Jahr? Was ist in einem solchen Fall schon der Unterschied zwischen einem Tag und einem Jahr? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Tag und einem Leben? Wieso tragen wir diese Vorstellung mit uns herum, wir würden plötzlich alles ganz anders leben und erleben, wenn wir wüssten, es wäre unser letzter Tag? Wenn ich morgen ganz unspektakulär in der Dusche ausrutschen sollte, wäre mein letzter Tag dann nicht der heutige, also beliebig? Immer und nie zugleich? Warum ändern so viele Menschen ihr Leben, wenn sie ein mehr oder weniger vages Datum für ihren Tod erfahren? Verbringen wir unsere Leben vielleicht so unglücklich, so unbefriedigend, so leer, weil wir glauben, wir lebten für immer, wir könnten alles noch irgendwann nachholen, was wir versäumen – und erst das baldige Ende, dieser Gedanke an Endlichkeit bringt uns dazu, unser Leben wahrhaft zu genießen, wenn es dafür schon fast zu spät ist? Ich weiß es nicht.
Was ich jedoch wusste, war, mein Leben sollte anders werden. Ich wollte die wenige Zeit, die mir vielleicht noch blieb, sinnvoll nutzen, sinnvoller als bisher. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen sollte. Zuallererst würde ich sie anrufen und um ein Date bitten, ein klares, eindeutiges Date, um dem vorsichtigen Antasten endlich ein Ende zu bereiten. Es wäre riskant, natürlich, so wie jede Liebeserklärung, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren. Vor meinem Chef würde ich nicht länger kriechen, wenn er mich für seine eigene Inkompetenz bestraft. Anstatt zu heucheln, würde ich immer meine ehrliche Meinung zum Ausdruck bringen, auch wenn sie einigen Menschen vielleicht nicht gefallen mag. Ich würde diejenigen meiden, die mir nicht guttun, und würde mir Zeit für Menschen und Dinge nehmen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich würde ein besserer Freund sein, ein besserer Sohn, ein besserer Liebhaber, ein besserer Mensch. Das war es, was ich mir vorstellte, was in mir brannte. Ich würde, wenigstens auf meine letzten Tage, endlich das Leben führen, das ich schon die ganze Zeit hätte führen sollen.
Drei Tage später erhielt ich die Ergebnisse. Der Arzt sagte zu mir, ich hätte riesiges Glück, und was er damit meinte, war wohl, ich bekäme mein ewiges, undatiertes Leben zurück. Ich ging nach Hause, setzte mich auf meine Couch und verarbeitete, was eben geschehen war. Ich dachte an die Frau, mit der ich schon seit langer Zeit so gerne ausgehen würde, und verteufelte mich dafür, sie noch immer nicht angerufen zu haben. Dann endlich nahm ich das Telefon in die Hand, wählte die Nummer meiner Eltern, erzählte ihnen die gute Nachricht, und führte mein Leben weiterhin wie zuvor.

Furcht vor dem Glück

It is easiest to accept happiness when it is brought about through things that one can control, that one has achieved after much effort and reason. But the happiness I had reached with Chloe had not come as a result of any personal achievement or effort. It was simply the outcome of having, by a miracle of divine intervention, found a person whose company was more valuable to me than that of anyone else in the world. Such happiness was dangerous precisely because it was so lacking in self-sufficient permanence. Had I after months of steady labor produced a scientific formula that had rocked the world of molecular biology, I would have had no qualms about accepting the happiness that had ensued from such a discovery. The difficulty of accepting the happiness Chloe represented came from my absence in the causal process leading to it, and hence my lack of control over the happiness-inducing element in my life. It seemed to have been arranged by the gods, and was hence accompanied by all the primitive fear of divine retribution.

„All of man’s unhappiness comes from an inability to stay in his room alone,“ said Pascal, advocating a need for man to build up his own resources over and against a debilitating dependence on the social sphere. But how could this possibly be achieved in love? Proust tells the story of Mohammed II, who, sensing that he was falling in love with one of the wives in his harem, at once had her killed because he did not wish to live in spiritual bondage to another. Short of this approach, I had long ago given up hope of achieving self-sufficiency. I had gone out of my room, and begun to love another – thereby taking on the risk inseparable from basing one’s life around another human being.
(Alain de Botton – On Love)

Erleuchtung

„Ich verstehe das alles nicht. Was ist bloß mit mir los?“

„Bitte?“

„Was stimmt nicht mit mir? Ich habe letzte Nacht kein Auge zugetan. Für mehr als sechs Stunden lag ich wach, sechs volle Stunden, und die ganze Zeit habe ich fast ausschließlich an sie gedacht und die gesamte Situation, in der ich mich befinde. Nichts ergibt irgendeinen Sinn.“

„Ich verstehe nicht so recht, worum es geht.“

„Das Erste, woran ich denke, wenn ich morgens aufwache, ist ihr Gesicht, ihr Lächeln. Ohne zu zögern möchte ich sie anrufen, ihr einen Brief schreiben oder mich einfach irgendwie mit ihr treffen. Als ich das letzte Mal mit ihr zusammensaß, ertappte ich mich dabei, auf ihre Hände, auf ihre Handgelenke zu starren und bloß den einen Gedanken im Kopf zu haben, wie wunderschön sie sind und wie gerne ich sie berühren würde, nicht mit sexuellem Hintergedanken oder so, einfach nur… eine Berührung, um ihre Hände zu halten, um ihre Haut zu spüren.“

„Ich fange an zu verstehen.“

„Einmal erwähnte sie mir gegenüber irgendeinen unbedeutenden Typen, den sie getroffen hatte, ein namenloser Kerl, und ich fürchte, ich wurde eifersüchtig…“

„Warum?“

„Genau! Warum? Ich habe keine Ahnung, warum. Es gibt gar keinen Grund für mich, eifersüchtig zu sein.“

„Das heißt?“

„Es ist völlig hirnrissig.“

„Was?“

„Ich liebe sie nicht. Gott, ich habe nicht mal irgendwelche Gefühle für sie. Dennoch… verwirrt mich das alles sehr.“

„Alles? Was alles?“

„Ich sehe Gespenster.“

„Gespenster?“

„Ja. Ständig sehe ich Menschen, die so aussehen wie sie, die mich an sie erinnern, die sie in meinem Kopf lebendig werden lassen. In den Straßen der Stadt, im Zug, in irgendwelchen Bars, eigentlich überall. Selbst wenn ich ganz genau weiß, sie kann es nicht sein, die in diesem Moment genau da ist, wo ich auch bin, weil sie beispielsweise auf der Arbeit ist, spüre ich doch jedes Mal so ein Gefühl, so eine Hoffnung, dass es ja doch tatsächlich sie sein könnte, die ich da vor mir sehe. Ich fühle den Drang, einfach hinzugehen und sie anzusprechen, diese Gespenster anzusprechen, die ich sehe, obwohl ich doch genau weiß, wie sinnlos das wäre. Wenn jemand nur vage Ähnlichkeit mit ihr hat, geht das schon los und ich verhalte mich so fremd, fühle diesen Drang. Klinge ich wie ein Idiot? Bin ich verrückt?“

„Ich denke, wir kennen alle diese spezielle Form von Verrücktheit.“

„Sobald mein Telefon klingelt oder ich bloß eine Email bekomme, erwacht in mir sofort die Hoffnung und der Wunsch, es könnte vielleicht sie sein, und jedes Mal bin ich dann regelrecht enttäuscht, wenn sie es nicht ist. Am Anfang habe ich über all das gar nicht nachgedacht, ja ich habe es nicht einmal wirklich bemerkt, wie seltsam ich mich verhalte, aber in letzter Zeit kann ich es nicht mehr übersehen, nicht mehr ignorieren, und… es treibt mich in den Wahnsinn. Es ist, als blickte ich in einen Spiegel und sähe dort mein Spiegelbild irgendwelche Dinge tun, die ich selbst nie tun würde, doch zur gleichen Zeit weiß ich ganz genau, dass es niemand anderes ist als ich höchstpersönlich, den ich da im Spiegel sehe. Heute Morgen wollte ich einem meiner Kollegen eine Email schreiben, und als ich seine Emailadresse ins Empfängerfeld hätte eintragen müssen, stellte ich fest, dass ich schon ihre eingegeben hatte, ohne darüber nachzudenken. Es ist verrückt, oder? Das bin nicht mehr ich.“

„Du bist ein Entdecker in einem Wunderland. Gewöhn dich besser daran.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möchte. Aber warte, da ist noch mehr. Als ich heute im Laufe des Tages an ihrer Wohnung vorbeifuhr, musste ich kurz an einer roten Ampel anhalten, und als ich da so wartete, das habe ich mir zunächst nicht eingestanden, hoffte ich, sie käme aus ihrer Tür heraus und geradewegs auf mich zu. Ich wusste, sie war nicht zuhause, dennoch habe ich genau das gehofft. Aber weißt du was?“

„Was?“

„Wenn sie tatsächlich aus ihrer Tür herausspaziert wäre, hätte ich nicht die geringste Idee gehabt, wie ich mit dieser Situation umgehen oder was ich zu ihr hätte sagen sollen. Es ist jedes Mal so, wenn ich sie sehe, ich fühle mich berauscht und unbehaglich zugleich, und ich verstehe nicht, wieso das so ist.“

„Aber du bist dennoch glücklich dabei?“

„Letzte Woche bin ich durch das halbe Land gereist, nur um einen einzigen Abend mit ihr zu verbringen…“

„Nur ein Abend?“

„Nur ein Abend. Ich habe eine Ewigkeit gebraucht, um zu ihr zu kommen, und es kostete mich ein Vermögen, aber es hätte mir nicht gleichgültiger sein können, denn alles, was mir in diesem Augenblick etwas bedeutete, war der Umstand, sie zu sehen, ihr nahe zu sein, Zeit mit ihr verbringen zu können. Oh Mann, ich kann immer noch nicht richtig glauben, dass ich das wirklich getan habe. Das entwickelt sich alles in die falsche Richtung.“

„Um ehrlich zu sein, klingst du sehr danach, als würdest du dir etwas vormachen, die Wahrheit verleugnen, und glaub mir, damit kenne ich mich aus, ich weiß, wovon ich rede.“

„Langsam bezweifle ich, dass es eine gute Idee war, das mit dir zu diskutieren…“

„Es zu ignorieren ist sicher keine bessere.“

„Hör zu, es gibt nichts zu verleugnen, aber selbst wenn dem so wäre, rein hypothetisch gedacht, wäre ich sicher der Einzige, der in dieser Sache emotional involviert ist, also muss ich darüber gar nicht erst nachdenken.“

„Und dennoch tust du es. Es spielt außerdem überhaupt keine Rolle, weißt du.“

„Was spielt keine Rolle?“

„Es spielt keine Rolle, ob sie ebenfalls emotional involviert ist, wie du es so hochtrabend ausgedrückt hast. Was immer sie für dich fühlt oder angeblich nicht fühlt, ändert rein gar nichts an dem, was du für sie empfindest. Du hast also Unrecht. Es hat durchaus Sinn, über all das nachzudenken. Du denkst über all das nach, du denkst über sie nach, du denkst an sie.“

„Aber ich empfinde doch gar nichts für sie!“

„Jaja, ist klar, wie auch immer. Lass mich kurz zusammenfassen, was du mir bis hierhin erzählt hast: Jeden Morgen ist sie das Allererste, woran du denkst, wenn du aufwachst, und du setzt Himmel und Hölle in Bewegung, nur um sie für eine kurze Zeit zu sehen, nur um ihr vorübergehend nah zu sein. Du bist nervös, wenn sie in deiner Nähe ist und du vermisst sie, wenn sie das nicht ist, darum siehst du deine so genannten Gespenster. Offensichtlich geht sie dir nicht mehr aus dem Kopf, und anscheinend geht sie dir auch nicht mehr aus dem Herzen. Du bist mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit gerade der dümmste Mensch auf diesem Planeten.“

„Warum sollte ich das sein und wer denkst du, dass du bist, um das zu beurteilen?“

„Oh, ich existiere nur in deinem Kopf, mein Freund. Das ist dir aber klar, oder? Dessen ungeachtet unterhältst du dich bereits seit einer knappen halben Stunde mit mir – nun, mit dir selbst eigentlich – darüber, wie du ja so gar keine Gefühle für sie hast, während sie gleichzeitig ganz offensichtlich das ist, was dich am meisten beschäftigt und dir am allerwichtigsten ist. Willst du mich verarschen? Soll das ein beschissener Scherz sein?“

„Bitte was?“

„Pass auf, ich werde dir keine definitive Antwort auf deine ursprüngliche Frage geben, aber wenn wir uns einmal ansehen, welche Hinweise und Anhaltspunkte du dir selbst gegeben hast, bin ich mir verdammt sicher, du wirst das Rätsel lösen. Ich hoffe für dich, du wirst es tun, andernfalls bist du ein riesiger Idiot. Ich habe erledigt, wofür ich kam. Viel Glück!“

An die Lieblosen

Ihr seid die lieblosesten Menschen, die ich kenne. Ihr schaut euch Sendungen an, in denen Andere, die in ihrem Leben noch nie eine ernsthafte Partnerschaft erlebt haben, einmal von der Liebe sprechen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch lustig über sie, weil sie in euren Augen so unglaublich peinlich sind. Sie mögen peinlich sein, doch noch viel peinlicher seid letztlich ihr, die ihr euch hämisch über das kleine und große Glück anderer Menschen amüsiert, auf sie herabblickt, um ihre Vorstellung von Liebe und Geborgenheit mit zynischer Aufgeblasenheit in den Dreck zu ziehen und das bisschen Glück, das ein Mensch für sich findet, erst auf den Boden zu werfen und dann mit Füßen zu treten, bis jeder Ansatz von Zufriedenheit verstirbt.

Ihr wendet euch angeekelt ab, wenn sich zwei Menschen liebevoll küssen und ihr das unmittelbar beobachten müsst. Ihr verabscheut jegliches Verhalten, das anderen zeigt, dass man ein Pärchen ist. Ihr würdet sie am liebsten allesamt trennen, wollt ihrem Glück so schnell es geht ein Ende bereiten, denn für euch ist das kein Glück, was ihr da seht, also kann es das für andere doch auch nicht sein. Ihr seid Gefühlsspießer – wenn ihr nicht könnt, sollen alle anderen auch nicht dürfen.

Ihr wollt sie nicht, die Liebe, sagt ihr dann und wiederholt das wie ein Mantra. Wen wollt ihr damit überzeugen, den Rest der Welt oder am Ende bloß euch selbst? Anstatt sie als Geschenk anzunehmen, wollt ihr die Quittung sehen oder blockt sie ab, zerredet sie und macht sie klein. Wer immer euch mal liebt, den stoßt ihr eiskalt weg. Das Übel, sagt ihr, wollt ihr an der Wurzel ausradieren. Hört ihr euch eigentlich manchmal selbst beim Reden zu?

Ihr verschanzt euch hinter beißendem Zynismus, der bequem ist, hinter Traumgebilden, die naiv sind, oder hinter dem, was ihr Vernunft nennt, was doch in Wahrheit dann bloß Angst in listiger Verkleidung ist. Ihr findet so viele gute Gründe, euch nicht auf jemanden einzulassen, so viele schlaue Rationalisierungen, die ihr euch zurechtbiegt, aber nicht einen einzigen Grund dafür. Ihr begreift nicht, dass ihr umsonst sucht, denn es gibt gar keinen Grund dafür, weil das Dafür doch eines Grundes nicht bedarf: „Ich liebe dich, weil…“, das sagt kein Mensch, der wahrhaft liebt. Auf der anderen Seite verstecken sich Millionen Gründe dagegen und ihr, ihr findet sie alle. Ihr wollt sie unbedingt finden, ihr wollt Vorwände, Ausflüchte, Notausgänge. Dann wägt ihr ab: Kein Grund dafür, so viele dagegen, ihr zieht Bilanz und rechnet aus, als ob es um den Einkauf geht. Und ihr, die ihr so lieblos sprecht, ihr wagt es dann, ganz lauthals über jene herzuziehen, die glücklich in Gefühlen baden?

Wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick ist, die euch umhaut, die von euch Besitz ergreift, dann wollt ihr sie nicht haben. Seid ehrlich zu euch selbst: Wie oft habt ihr das schon erlebt? Für euch verhält sich Liebe wie die magische Bohne, aus der ganz plötzlich eine Ranke bis zum Himmel wächst. Dass es auch anders geht, dass Liebe auch als zartes Pflänzchen reifen kann, das reichlich Zeit zum Wachsen braucht, das kommt euch gar nicht in den Sinn, denn wenn dann doch mal etwas keimt, stürmt ihr gleich mit der Sichel an.

Ihr seid so abgebrüht. Ihr wollt Pärchen im Park vergiften und amüsiert euch übers Glück der anderen. Wie kann man da Respekt vor euch haben? Ihr seid umgeben von Liebe, sie klopft sogar von Zeit zu Zeit an eure Tür, und alles, was ihr dafür übrig habt, ist Hohn aus eurer Burg. Wenn unerwartet Liebe zu euch kommt, dann schlagt und tretet ihr sie, bis sie stirbt, weil ihr doch lieber weiterhin in eurer kalten Festung wohnt. Ist es da ein Wunder, wenn die Liebe euch nichts gibt?

Ihr informiert euch über bio-chemische Prozesse, ihr theoretisiert und analysiert das Gefühl, doch Theorie wird euch nicht küssen, nie umarmen oder Wärme spenden können. Ihr phantasiert so gern von riesigen Gefühlen, jagt Schimären hinterher, die ihr aus Liebesfilmen kennt, ihr lest in Büchern über sie, von denen ihr in Wahrheit keine Ahnung habt, weil ihr noch nicht einmal die kleinen schätzt. Ihr lehnt sie ab, ihr macht sie schlecht, stets wollt ihr sie zerstören, ihr untergrabt und ihr verschandelt sie, wo immer ihr sie seht, ihr gönnt den anderen kein Glück.

Sind eure Abgebrühtheit, euer Hass, die zynische Verbitterung, die ihr mit eisgekühlter Brust dem Rest der Welt entgegenstellt, die ganze Missgunst und das kalte Herz denn nicht bloß Ausdruck eigener Enttäuschung? Wie wollt ihr jemals glücklich sein, wenn ihr den Schmerz so konserviert?

Wärmesucher

Such dir Ziele, keine Träume;
Sehnsucht erntet Spott und Hohn;
morgen, da wird alles besser,
gestern war das heute schon.

(2006)

Für die Ewigkeit

Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte. Sie war als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, da ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit war von stetiger Entbehrung geprägt, unter deren alles überschattendem Einfluss nicht nur ihre persönliche Verfassung, sondern auch ihre schulischen Leistungen haben leiden müssen, also hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld zu verdienen für das, was sie Familie nannte. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie, dessen war sie sich bewusst, recht bald wieder verlieren würde.

Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun mehr schlecht als recht verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dadurch aufgezehrt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in welchem sie mit ihrem Vater wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und Bruchstück trieb sie in den schleichenden Ruin und so hatte sie in der Vergangenheit beachtliche Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde begleichen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre. Zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich zudem auch zwischenmenschliche Wirrungen. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein und ließ sie das jeden Tag deutlich spüren, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich.

Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben wirklich selten geschah, dann waren all diese Beziehungen doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie schließlich wie ein Kartenhaus zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.

Als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, zu einem Vorstellungstermin in einem anonymen Glaspalast, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen aufgeweckten jungen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar mit so etwas wie Euphorie. Die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste.

Spät am Abend stand sie vor der Wahl, den Tag mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie charmant in seine Wohnung eingeladen. Schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß ein beiläufiges Glücksgefühl, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt in seiner Art. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.

Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen. Sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie irgend möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem dieser Bilder, zu dieser unglücklichen jungen Frau, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.