»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer wich­ti­gen Per­son, weil er die Leu­te vor ein Pro­blem stell­te. Er wuss­te ein­fach nicht, was er mit sich anfan­gen soll­te. Er war attrak­tiv, intel­li­gent, sym­pa­thisch und zeig­te bei fast allem, was er mach­te, auch Talent. Er konn­te gut Gitar­re spie­len, obwohl er kein Inter­es­se an einem musi­schen Beruf hat­te. Er konn­te gut foto­gra­fie­ren, konn­te gut zeich­nen, er spiel­te die Haupt­rol­le in einer Thea­ter­auf­füh­rung sei­ner Schu­le, er schrieb unter­halt­sa­me Geschich­ten, aber auch pro­vo­zie­ren­de Auf­sät­ze, aber er woll­te weder Foto­graf noch Künst­ler, Schau­spie­ler oder Schrift­stel­ler wer­den. Er brach­te in jeder Klas­se gute Leis­tun­gen, aber er woll­te weder Leh­rer noch Geis­tes­wis­sen­schaft­ler wer­den. Er war auch nicht dar­an inter­es­siert, in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters zu tre­ten oder auf dem Gebiet der Juris­te­rei, der Natur­wis­sen­schaft, der Mathe­ma­tik, der Wirt­schaft oder der Poli­tik tätig zu wer­den. Er fühl­te sich zwar zu spi­ri­tu­el­len Din­gen hin­ge­zo­gen, ging gele­gent­lich auch in die Kir­che, aber es kam ihm nicht in den Sinn, Theo­lo­ge oder Geist­li­cher zu wer­den. Trotz alle­dem schien er sozi­al gut ange­passt, wie man es nennt. Er wur­de weder von nen­nens­wer­ten Ängs­ten und Depres­sio­nen noch von Neu­ro­sen geplagt. Er hat­te in Bezug auf sei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung kei­nen Zwei­fel. Er stell­te sich vor, dass er sich eines Tages ein Haus bau­en und hei­ra­ten wür­de, aber erst, wenn er sei­nem Leben einen Sinn gege­ben hatte.

Jef­freys Freun­de wur­den nie müde, ihm Vor­schlä­ge zu machen, wie er sein Leben gestal­ten soll­te. Wür­de es ihm kei­nen Spaß machen, in der Lokal­zei­tung Fil­me zu bespre­chen? Hat­te er je dar­an gedacht, sich aufs Elfen­bein­schnit­zen oder das Gold­schmie­den zu ver­le­gen? Die Kunst­schrei­ne­rei wur­de ihm als etwas über­aus Befrie­di­gen­des ans Herz gelegt. Wie wäre es mit der Fos­si­li­en­su­che? Gour­met­kü­che? Viel­leicht soll­te er For­scher wer­den? Wür­de es ihm nicht Spaß machen, mit auf eine archäo­lo­gi­sche Expe­di­ti­on zu gehen? Jef­freys Vater hat­te gro­ßes Ver­ständ­nis dafür, dass sein Sohn offen­sicht­lich nicht imstan­de war, etwas zu fin­den, was ihn begeis­ter­te. Er unter­stütz­te ihn bereit­wil­lig bei allem, was es sei­nem Sohn wenigs­tens wert schien, aus­pro­biert zu wer­den. Wenn eine Welt­rei­se irgend­ei­nen Reiz für ihn hat­te, dann wür­de man eine Rei­se­agen­tur beauf­tra­gen, eine ent­spre­chen­de Rou­te zusam­men­zu­stel­len. Wenn er aus­pro­bie­ren woll­te, wie es sich in der frei­en Natur leb­te, wür­de man ihm gern die nöti­ge Aus­rüs­tung zur Ver­fü­gung stel­len. Wenn er zur See woll­te, wür­de man ihm ein pas­sen­des Boot bereit­stel­len. Wenn er sich ent­schlie­ßen soll­te, Töp­fer zu wer­den, wür­de schon ein Brenn­ofen auf ihn war­ten. Selbst wenn er ein­fach nur in den Tag hin­ein­le­ben hät­te wol­len, wäre das in Ord­nung gewe­sen. Jef­frey jedoch tat dies alles mit einem höf­li­chen Ach­sel­zu­cken ab, pein­lich berührt, weil sich sei­net­we­gen alle sol­che Gedan­ken machten.

Ich will hier nicht den Ein­druck erwe­cken, dass Jef­frey faul oder ver­zo­gen gewe­sen wäre. Er war im Stu­di­um immer bei den Bes­ten, jobb­te neben­her, leb­te in einer gewöhn­li­chen Stu­den­ten­bu­de, besaß kein Auto. Er betrach­te­te ein­fach die Welt, die sich ihm dar­bot, und konn­te nichts ent­de­cken, das zu besit­zen ihm etwas wert gewe­sen wäre. Sei­ne Freun­de sag­ten stän­dig zu ihm: ›Schau, so kannst du doch nicht wei­ter­ma­chen. Du ver­zet­telst dich. Du musst dir ein Ziel suchen. Du musst irgend­et­was fin­den, was du mit dei­nem Leben anfan­gen willst!‹

Jef­frey mach­te sei­nen Abschluss mit Aus­zeich­nung, aber ohne sich für eine bestimm­te Rich­tung ent­schie­den zu haben. Nach­dem er den Som­mer im Hau­se sei­nes Vaters ver­bracht hat­te, besuch­te er zwei Freun­de aus dem Col­lege, die gera­de gehei­ra­tet hat­ten. Er nahm sei­nen Ruck­sack mit, sei­ne Gitar­re, sein Tage­buch. Nach ein paar Wochen ver­ab­schie­de­te er sich von ihnen, um ande­re Freun­de zu besu­chen und fuhr per Anhal­ter wei­ter. Er hat­te es nicht eilig. Er mach­te auf sei­nem Weg immer wie­der halt, half ein paar Leu­ten dabei, einen Schup­pen zu bau­en, ver­dien­te genug Geld, um sich über Was­ser zu hal­ten, und erreich­te schließ­lich sein nächs­tes Rei­se­ziel. Bald stand der Win­ter vor der Tür, und er mach­te sich wie­der auf den Heim­weg. Er und sein Vater führ­ten lan­ge Gesprä­che, spiel­ten Rom­me, Pool­bil­lard und Ten­nis, sahen sich Foot­ball an, tran­ken Bier, lasen Bücher, gin­gen ins Kino.

Als der Früh­ling kam, kauf­te sich Jef­frey einen Gebraucht­wa­gen und fuhr wie­der los, um Freun­de zu besu­chen, dies­mal in die ande­re Rich­tung. Man nahm ihn gern auf, wo immer er hin­kam. Die Leu­te moch­ten ihn, und er tat ihnen leid, weil er so wur­zel­los, so unfä­hig, so unkon­zen­triert war. Aber sie gaben ihn nicht auf. Jemand woll­te ihm eine Video­ka­me­ra kau­fen, damit er einen Film über sei­ne Wan­de­run­gen dre­hen konn­te. Jef­frey war nicht inter­es­siert dar­an. Jemand anders erbot sich, sei­ne Gedich­te bei ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten ein­zu­sen­den, um zu sehen, ob nicht eines ver­öf­fent­licht wer­den wür­de. Jef­frey mein­te, dass er das nett fän­de, dass es ihm per­sön­lich jedoch egal wäre, was dabei her­aus­kä­me. Nach­dem er den Som­mer über in einem Pfad­fin­der­la­ger gear­bei­tet hat­te, bat man ihn, als stän­di­ger Betreu­er dort zu blei­ben, aber auch das reiz­te ihn nicht.

Als es Win­ter wur­de, über­re­de­te ihn sein Vater dazu, einen Psy­cho­the­ra­peu­ten auf­zu­su­chen, den er per­sön­lich kann­te und dem er ver­trau­te. Jef­frey ging den gan­zen Win­ter über drei Mal wöchent­lich zur The­ra­pie, am Ende muss­te der The­ra­peut jedoch zuge­ben, dass sei­nem Pati­en­ten psy­chisch rein gar nichts fehl­te, abge­se­hen davon, dass er ihm ein wenig unreif vor­kam. Auf die Fra­ge, was ›ein wenig unreif‹ bedeu­te­te, erklär­te der The­ra­peut, Jef­frey sei unmo­ti­viert, unkon­zen­triert und hät­te kei­ne Zie­le, was jedoch bereits hin­läng­lich bekannt war. ›In ein oder zwei Jah­ren wird er bestimmt etwas fin­den‹, pro­phe­zei­te der The­ra­peut. ›Und höchst­wahr­schein­lich wird es etwas ganz Nahe­lie­gen­des sein. Ich bin sicher, es befin­det sich im Augen­blick schon direkt vor sei­ner Nase, und er sieht es ein­fach nur nicht.‹ Als der Früh­ling kam, ging Jef­frey wie­der auf Rei­sen, und falls sich tat­säch­lich etwas direkt vor sei­ner Nase befand, so sah er es jeden­falls nicht.

So ver­gin­gen Jah­re. Jef­frey sah zu, wie sei­ne alten Freun­de hei­ra­te­ten, Kin­der beka­men, an ihrer beruf­li­chen Kar­rie­re bas­tel­ten, Unter­neh­men grün­de­ten, hier zu ein wenig Ruhm gelang­ten, dort zu ein wenig Ver­mö­gen, wäh­rend er wei­ter Gitar­re spiel­te, hier und da ein Gedicht ver­fass­te und ein Tage­buch nach dem ande­ren voll schrieb. Letz­ten Früh­ling fei­er­te er mit Freun­den zusam­men in einem Feri­en­haus am Lake Wis­con­sin sei­nen ein­und­drei­ßigs­ten Geburts­tag. Am nächs­ten Mor­gen ging er ans Ufer hin­un­ter, schrieb ein paar Zei­len in sein Tage­buch, wate­te dann in den See und ertränk­te sich.«

»Trau­ri­ge Sache«, sag­te ich nach einer Wei­le, außer­stan­de, etwas Intel­li­gen­te­res von mir zu geben.

»Es ist eine all­täg­li­che Geschich­te, Julie, bis auf eine Tat­sa­che – die Tat­sa­che, dass Jef­freys Vater es sei­nem Sohn ermög­lich­te, sich trei­ben zu las­sen. Dass er ihn dabei sogar unter­stütz­te, wäh­rend die­ser zehn Jah­re nichts zu tun, dass er ihn nicht unter Druck setz­te und ihm nicht erklär­te, er sol­le sich zusam­men­rei­ßen und ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Mensch wer­den. Das ist es, was Jef­frey von Mil­lio­nen ande­rer jun­ger Leu­te in dei­ner Kul­tur unter­schied, die im Grun­de genau­so wenig Moti­va­ti­on besit­zen wie er. Oder bist du der Ansicht, dass ich mich da täusche?«

»Mir ist noch nicht klar, was du genau meinst, des­halb kann ich auch noch nicht sagen, ob ich dir zustim­men kann.«

»Wenn du an dei­ne Freun­de oder Klas­sen­ka­me­ra­den denkst – bren­nen sie dar­auf, Rechts­an­walt, Ban­ker, Inge­nieur, Koch, Fri­seur, Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter oder Bus­fah­rer zu werden?«

»Eini­ge von ihnen, ja. Sie wol­len zwar nicht unbe­dingt das wer­den, was du gera­de auf­ge­zählt hast, Fri­seu­re und Bus­fah­rer, aber irgend­et­was schon. Eini­ge mei­ner Freun­de hät­ten sicher nichts dage­gen, Film­star oder Pro­fi­sport­ler zu werden.«

»Und wie ste­hen, rea­lis­tisch gese­hen, ihre Chan­cen, das auch zu schaffen?«

»Eins zu einer Mil­li­on vermutlich.«

»Glaubst du, dass es da drau­ßen Acht­zehn­jäh­ri­ge gibt, die davon träu­men, Taxi­fah­rer, Zahn­tech­ni­ker oder Stra­ßen­ar­bei­ter zu werden?«

»Nein.«

»Glaubst du, es gibt vie­le Acht­zehn­jäh­ri­ge wie Jef­frey, die kei­ne der Tätig­kei­ten in der Arbeits­welt der Neh­mer reiz­voll fin­den? Die froh wären, wenn sie sich das Gan­ze schen­ken könn­ten, vor­aus­ge­setzt, jemand wür­de ihnen jähr­lich zwan­zig- oder drei­ßig­tau­send Dol­lar überweisen?«

»Him­mel, ja, wenn du es so for­mu­lierst, dann bin ich mir sicher, dass es da eini­ge gibt. Ach was, Millionen!«

»Aber wenn sie die Arbeits­welt der Neh­mer nicht inter­es­siert, war­um wer­den sie dann ein Teil die­ser Welt? War­um neh­men sie Jobs an, die ihnen wie allen ande­ren auch völ­lig sinn­los erscheinen?«

»Sie arbei­ten, weil sie es müs­sen. Ihre Eltern set­zen sie irgend­wann vor die Tür. Sie müs­sen sich ent­we­der einen Job suchen oder verhungern.«

»Das ist rich­tig. Aber natür­lich sind in jeder Abschluss­klas­se ein paar, die dann lie­ber ver­hun­gern wür­den. Frü­her nann­te man sie Vaga­bun­den, Gamm­ler oder Land­strei­cher. Heu­te bezeich­nen sie sich selbst als obdach­los, was hei­ßen soll, dass sie auf der Stra­ße leben, weil sie dazu gezwun­gen wer­den. Es sind Aus­rei­ßer, Her­um­trei­ber, Gele­gen­heits­die­be und ‑pro­sti­tu­ier­te, Stra­ßen­räu­ber und Stadt­strei­cher. Sie orga­ni­sie­ren sich auf die eine oder ande­re Wei­se ihren Lebens­un­ter­halt. Die Nah­rung mag zwar unter Ver­schluss gehal­ten wer­den, aber sie haben die Rit­zen in der Wand der Stahl­kam­mer gefun­den. Sie fil­zen Betrun­ke­ne und sam­meln Alu­do­sen. Sie bet­teln, wüh­len in den Abfall­ton­nen von Restau­rants und bege­hen Baga­tell­dieb­stäh­le. Es ist kein leich­tes Leben, aber sie leben lie­ber so, als dass sie einen sinn­lo­sen Job anneh­men und wie die gro­ße Mas­se der Armen in der Stadt leben. Sie bil­den eine sehr gro­ße Sub­kul­tur, Julie.«

»Ja, jetzt wo du es sagst, wird es mir klar. Ich habe tat­säch­lich Freun­de, die sagen, dass sie lie­ber auf der Stra­ße leben wol­len. Sie spre­chen davon, in bestimm­te Städ­te zu gehen, wo es bereits vie­le gibt, die das tun. Eine die­ser Städ­te ist Seattle.«

»Die­ses Phä­no­men hängt eng mit dem Phä­no­men der Jugend­ban­den und Jugend­sek­ten zusam­men. Wenn die­se Stra­ßen­kin­der sich cha­ris­ma­ti­schen Kriegs­her­ren anschlie­ßen, wer­den sie als Gang wahr­ge­nom­men. Wenn sie sich cha­ris­ma­ti­schen Gurus anschlie­ßen, nimmt man sie als Sek­te wahr. Kin­der, die auf der Stra­ße leben, haben nur eine sehr gerin­ge Lebens­er­war­tung, und es dau­ert nicht lan­ge, dann wis­sen sie das auch. Sie sehen, wie ihre Freun­de als Teen­ager oder mit Anfang Zwan­zig ster­ben, und sie wis­sen, dass sie das­sel­be Schick­sal erwar­tet. Trotz­dem kön­nen sie sich nicht dazu über­win­den, sich irgend­ei­ne Bruch­bu­de zu mie­ten, ein paar anstän­di­ge Klei­dungs­stü­cke zu besor­gen und sich irgend­ei­nen idio­ti­schen Min­dest­lohn­job zu suchen, den sie has­sen. Ver­stehst du, was ich damit sagen will, Julie? Jef­frey ist genau wie sie. Nur kommt er aus der Ober­schicht. Denen, die den unte­ren Schich­ten der Gesell­schaft ent­stam­men, ist das Pri­vi­leg ver­wehrt, sich in einem net­ten sau­be­ren See in Wis­con­sin zu erträn­ken. Doch das, was sie tun, läuft so ziem­lich auf das­sel­be hin­aus. Sie ster­ben lie­ber, als sich in das Heer der Armen der Stadt ein­zu­rei­hen. Und im All­ge­mei­nen sind sie dann auch bald tot.«

»Das leuch­tet mir alles ein«, sag­te ich zu ihm. »Was mir aber nicht ein­leuch­tet, ist, wor­auf du hinauswillst.«

»Ich will noch gar nicht auf etwas Bestimm­tes hin­aus, Julie. Ich len­ke dei­ne Auf­merk­sam­keit auf etwas, was die Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur für völ­lig unbe­deu­tend hal­ten. Jef­freys Geschich­te ist schreck­lich trau­rig – aber er ist ein Ein­zel­fall, nicht wahr? Wenn Tau­sen­de von Jef­freys ins Was­ser gin­gen, wärt ihr mög­li­cher­wei­se beun­ru­higt. Aber die ver­wahr­los­ten Kids, die zu Tau­sen­den auf euren Stra­ßen ster­ben, sind etwas, was ihr getrost igno­rie­ren könnt.«

»Ja, das ist wahr.«

»Ich betrach­te gera­de etwas, das den Ange­hö­ri­gen dei­ner Kul­tur nicht beach­tens­wert scheint. Schließ­lich han­delt es sich ja nur um Dro­gen­ab­hän­gi­ge, Ver­lie­rer, Gangs­ter, Gesin­del. Die Ein­stel­lung der Erwach­se­nen dazu lau­tet: Wenn sie wie Tie­re leben wol­len, dann lasst sie doch. Wenn sie sich umbrin­gen wol­len, dann lasst sie doch. Es sind Kran­ke, Sozio­pa­then und Außen­sei­ter, und es ist gut, wenn wir sie los sind.«

»Ja, genau das den­ken die meis­ten Erwach­se­nen wohl.«

»Sie befin­den sich im Zustand des Ver­leug­nens, Julie, und was ist es, das sie verleugnen?«

»Sie ver­leug­nen, dass das ihre eige­nen Kin­der sind. Für sie sind das die Kin­der von jemand anderem.«

»Rich­tig. Dass ein Jef­frey sich in einem See ertränkt oder eine Susie an einer Über­do­sis in der Gos­se stirbt, ist euch egal. Dass sich jähr­lich Zehn­tau­sen­de umbrin­gen, ein­fach ver­schwin­den und nichts hin­ter­las­sen, sagt euch nichts. Es ent­hält kei­ne Bot­schaft. Es ist wie das Rau­schen im Radio, etwas, das man igno­riert, und je mehr ihr es igno­riert, des­to deut­li­cher hört ihr die Musik.«

»Sehr wahr. Aber ich ver­su­che immer noch her­aus­zu­fin­den, wor­auf du hinauswillst. «

»Nie­man­dem von euch fie­le ein, sich zu fra­gen: Was brau­chen die­se Kinder?«

»Him­mel, nein. Wen küm­mert es schon, was sie brauchen?«

»Aber du kannst dich das doch fra­gen, nicht wahr? Kannst du dich dazu durch­rin­gen, Julie? Kannst du das ertragen?«

Ich saß eine Minu­te da, starr­te ins Lee­re, und plötz­lich pas­sier­te etwas Dum­mes: Ich brach in Trä­nen aus. Explo­dier­te förm­lich in Trä­nen. Ich saß da, von gro­ßen, rie­si­gen Schluch­zern geschüt­telt, die nicht auf­hö­ren woll­ten, bis ich lang­sam glaub­te, ich wür­de bis an mein Lebens­en­de in die­sem Ses­sel sit­zen und schluchzen.

Als ich mich end­lich wie­der gefan­gen hat­te, stand ich auf und erklär­te Isma­el, dass ich gleich wie­der zurück­kom­men wür­de. Dann mach­te ich einen Spa­zier­gang um den Block – genau­er gesagt, um ein paar Blöcke.

Als ich zurück­kam gestand ich, nicht zu wis­sen, wie ich das Gan­ze in Wor­te fas­sen sollte.

»Du kannst Gefüh­le nicht in Wor­te fas­sen, Julie. Das weißt du. Du hast sie mit die­sem Schluch­zen aus­ge­drückt. Es gibt kei­ne Wor­te, die dem gleich­kä­men. Aber es gibt ande­re Din­ge, die du sehr wohl mit Wor­ten aus­drü­cken kannst.«

»Ja, ver­mut­lich.«

»Du hat­test eine Art Visi­on von dem unge­heu­ren Ver­lust, der dich und die andern jun­gen Men­schen, von denen wir gespro­chen haben, glei­cher­ma­ßen betrifft.«

»Ja. Ich hat­te vor­her kei­ne Ahnung, dass es auch mich betrifft. Ich wuss­te nicht, dass ich über­haupt irgend­et­was mit ihnen gemein­sam habe.«

»Bei dei­nem ers­ten Besuch bei mir hast du erzählt, du wür­dest stän­dig den­ken: Ich muss hier raus, ich muss hier raus. Du mein­test, das wür­de bedeu­ten: Lauf um dein Leben!«

»Ja, und genau das habe ich vor­hin emp­fun­den, als ich hier saß und wein­te: Bit­te! Bit­te lasst mich um mein Leben lau­fen! Bit­te lasst mich hier raus! Bit­te lasst mich gehen! Bit­te hal­tet mich hier nicht für den Rest mei­nes Lebens fest! Ich muss lau­fen! Ich hal­te das nicht mehr aus!«

»Aber das sind Gedan­ken, die du dei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den nicht anver­trau­en würdest?«

»Das sind Gedan­ken, die ich mir vor zwei Wochen nicht ein­mal selbst ein­ge­stan­den hätte.«

»Du hät­test es nicht gewagt, dich mit all dem auseinanderzusetzen?«

»Nein, wenn ich das getan hät­te, dann hät­te ich gesagt: Was ist denn mit dir los? Irgend­et­was stimmt mit dir nicht. Du musst krank sein!«

»Das ist genau das, was Jef­frey immer wie­der in sein Tage­buch geschrie­ben hat. ›Was ist bloß mit mir los? Was ist mit mir los? Es muss mit mir etwas ganz schreck­lich nicht stim­men, dass ich nicht imstan­de bin, Freu­de an irgend­ei­nem Job zu fin­den.‹ Immer wie­der schrieb er: ›Was ist los mit mir, was ist los mit mir, was ist los mit mir?‹ Natür­lich sag­ten ihm auch alle sei­ne Freun­de immer wie­der: ›Was ist mit dir los, was ist mit dir los, was ist mit dir los, dass du mit die­sem wun­der­ba­ren Pro­gramm nicht klar­kommst?‹ Viel­leicht begreifst du nun zum ers­ten Mal, dass mei­ne Auf­ga­be dar­in besteht, dir die phan­tas­ti­sche Ein­sicht zu ver­mit­teln, dass bei dir alles in Ord­nung ist. Du bist es nicht, mit der etwas nicht stimmt. Und ich den­ke, in dei­nem Schluch­zen lag zum Teil auch die­ses Begrei­fen: An mir liegt es ja über­haupt nicht!«

(Dani­el Quinn – Isma­els Geheimnis)

Den­ken heißt zer­stö­ren. Der Denk­vor­gang opfert den Gedan­ken, denn Den­ken heißt aus­ein­an­der­neh­men. Könn­ten die Men­schen das Geheim­nis des Lebens sin­nend erfah­ren, könn­ten sie die tau­send Ver­stri­ckun­gen erah­nen, die der See­le bei der gerings­ten Regung dro­hen, sie wür­den nicht einen Fin­ger rüh­ren, geschwei­ge­denn leben. Sie wür­den vor Schreck ver­ge­hen, wie all jene, die Selbst­mord bege­hen, um nicht anderen­tags unter der Guil­lo­ti­ne zu enden.
(Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe)

Dei­ne Schwä­chen gehö­ren mir. Ich habe Dich uner­müd­lich beob­ach­tet und sie nach und nach ent­deckt. Ich lei­de dar­un­ter, daß Du sie hast, aber ich wür­de nicht wol­len, daß Du Dich änderst. Ich erwäh­ne sie Dir gegen­über manch­mal mit einem Lächeln. Ich möch­te Dich nicht krän­ken, Dir auch kei­ne Rat­schlä­ge geben. Ich möch­te, daß Du weißt, was ich weiß; und ich wünsch­te, statt zu ver­su­chen, Dich anders zu geben, als Du bist, wür­dest Du mir all Dei­ne klei­nen Häß­lich­kei­ten zei­gen. Ich wür­de sie lie­ben, denn sie wären ganz mein. Die ande­ren wür­den sie nicht ken­nen, und dadurch wären wir außer­halb der Welt ver­bun­den. Nichts ist lie­bens­wer­ter als die Schwä­chen und Feh­ler: Durch sie dringt man zur See­le des gelieb­ten Men­schen vor, der See­le, die sich in dem Wunsch, wie alle ande­ren zu erschei­nen, stän­dig ver­birgt. Es ist wie bei einem Gesicht. Die ande­ren sehen nur ein Gesicht; doch man selbst weiß, an wel­cher Stel­le genau die Kur­ve der Nase, statt ihre idea­le Linie fort­zu­set­zen, unmerk­lich bricht, um eine gewöhn­li­che Nase zu bil­den; man weiß, daß die Poren der Haut aus der Nähe grob und schwarz sind; man hat den Fleck in den Augen gefun­den, der mit­un­ter den Blick erlö­schen läßt, und den Mil­li­me­ter zuviel, den die Lip­pe auf­weist, um noch vor­nehm zu sein. Die­se klei­nen Makel möch­te man lie­ber küs­sen als das Voll­kom­me­ne, weil sie so arm sind und gera­de sie es aus­ma­chen, daß die­ses Gesicht nicht das eines ande­ren ist.
Mar­cel­le Sau­va­geot – Fast ganz die Deine

Die moder­ne Geschich­te hat, den­ke ich, hin­rei­chend bewie­sen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen das tut, was man ihm sagt; und, ver­zeiht mir, die Wahr­schein­lich­keit ist gering, dass ihr die Aus­nah­me seid – so wenig wie ich. Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit gebo­ren seid, wo nicht nur nie­mand kommt, um eure Frau und eure Kin­der zu töten, son­dern auch nie­mand, um von euch zu ver­lan­gen, dass ihr die Frau­en und Kin­der ande­rer tötet, dann dan­ket Gott und zie­het hin in Frie­den. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt viel­leicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht bes­ser. Denn soll­tet ihr so ver­mes­sen sein, euch dafür zu hal­ten, seid ihr bereits in Gefahr. Gern stel­len wir dem Staat – ob er tota­li­tär ist oder nicht – den gewöhn­li­chen Men­schen gegen­über, die Laus oder das klei­ne Licht. Dabei ver­ges­sen wir jedoch, dass der Staat aus Men­schen besteht, mehr oder weni­ger gewöhn­li­chen Men­schen, ein jeder mit sei­nem Leben, sei­ner Geschich­te, jeder mit sei­ner Ver­ket­tung von Zufäl­len, die dafür gesorgt haben, dass er sich eines Tages auf der rich­ti­gen Sei­te des Gewehrs oder Doku­ments wie­der­fin­det, wäh­rend ande­re auf der fal­schen ste­hen. Die­ser Gang der Ereig­nis­se ist in den sel­tens­ten Fäl­len das Ergeb­nis einer Ent­schei­dung oder gar einer cha­rak­ter­li­chen Ver­an­la­gung. Und die Opfer sind in der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le nicht des­halb gefol­tert oder getö­tet wor­den, weil sie gut waren, eben­so wenig wie ihre Pei­ni­ger sie aus Bos­heit gequält haben. Das zu glau­ben wäre reich­lich naiv; man braucht sich nur in einer belie­bi­gen Büro­kra­tie umzu­se­hen, und sei es die des Roten Kreu­zes, um sich davon zu über­zeu­gen. (…) Die Maschi­ne­rie des Staa­tes nun ist aus dem glei­chen Sand geba­cken wie das, was sie Korn für Korn zu Staub zer­mahlt. Es gibt sie, weil alle damit ein­ver­stan­den sind, dass es sie gibt, sogar – und häu­fig bis zum letz­ten Atem­zug – ihre Opfer. Ohne die Höß, Eich­manns, Goglid­zes, Wysch­in­skis, aber auch ohne die Wei­chen­stel­ler, die Beton­fa­bri­kan­ten und die Buch­hal­ter in den Minis­te­ri­en wäre ein Sta­lin oder ein Hit­ler nur einer jener von Hass und ohn­mäch­ti­gen Gewalt­fan­ta­sien auf­ge­bläh­ten Säcke gewesen.
Jona­than Lit­tell – Die Wohlgesinnten

Man kann jah­re­lang in ner­vö­ser Hast in der Stadt leben, es rui­niert zwar die Ner­ven, aber man kann es lan­ge Zeit durch­hal­ten. Doch kein Mensch kann län­ger als ein paar Mona­te in ner­vö­ser Hast berg­stei­gen, Erd­äp­fel ein­le­gen, holz­ha­cken oder mähen. Das ers­te Jahr, in dem ich mich noch nicht ange­paßt hat­te, war weit über mei­ne Kräf­te gegan­gen, und ich wer­de mich von die­sen Arbeits­exzes­sen nie ganz erho­len. Unsin­ni­ger­wei­se hat­te ich mir auf jeden der­ar­ti­gen Rekord auch noch etwas ein­ge­bil­det. Heu­te gehe ich sogar vom Haus zum Stall in einem geruh­sa­men Wäld­ler­trab. Der Kör­per bleibt ent­spannt, und die Augen haben Zeit zu schau­en. Einer, der rennt, kann nicht schau­en. In mei­nem frü­he­ren Leben führ­te mich mein Weg jah­re­lang an einem Platz vor­bei, auf dem eine alte Frau die Tau­ben füt­ter­te. Ich moch­te Tie­re immer gern, und jenen, heu­te längst ver­stei­ner­ten Tau­ben gehör­te mein gan­zes Wohl­wol­len, und doch kann ich nicht eine von ihnen beschrei­ben. Ich weiß nicht ein­mal, wel­che Far­be ihre Augen und ihre Schnä­bel hat­ten. Ich weiß es ein­fach nicht, und ich glau­be, das sagt genug dar­über aus, wie ich mich durch die Stadt zu bewe­gen pfleg­te. Seit ich lang­sa­mer gewor­den bin, ist der Wald um mich erst leben­dig gewor­den. Ich möch­te nicht sagen, daß dies die ein­zi­ge Art zu leben ist, für mich ist sie aber gewiß die ange­mes­se­ne. Und was muß­te alles gesche­hen, ehe ich zu ihr fin­den konn­te. Frü­her war ich immer irgend­wo­hin unter­wegs, immer in gro­ßer Eile und erfüllt von einer rasen­den Unge­duld, denn über­all, wo ich anlang­te, muß­te ich erst ein­mal lan­ge war­ten. Ich hät­te eben­so­gut den gan­zen Weg dahin­schlei­chen kön­nen. Manch­mal erkann­te ich mei­nen Zustand und den Zustand unse­rer Welt ganz klar, aber ich war nicht fähig, aus die­sem ungu­ten Leben aus­zu­bre­chen. Die Lan­ge­wei­le, unter der ich oft litt, war die Lan­ge­wei­le eines bie­de­ren Rosen­züch­ters auf einem Kon­greß der Auto­fa­bri­kan­ten. Fast mein gan­zes Leben lang befand ich mich auf einem der­ar­ti­gen Kon­greß, und es wun­dert mich, daß ich nicht eines Tages vor Über­druß tot umge­fal­len bin.
Hier, im Wald, bin ich eigent­lich auf dem mir ange­mes­se­nen Platz. Ich tra­ge den Auto­fa­bri­kan­ten nichts nach, sie sind ja längst nicht mehr inter­es­sant. Aber wie sie mich alle gequält haben mit Din­gen, die mir zuwi­der waren. Ich hat­te nur die­ses eine klei­ne Leben, und sie lie­ßen es mich nicht in Frie­den leben.
Mar­len Haus­ho­fer – Die Wand

Wir bre­chen in den Kos­mos auf, wir sind auf alles vor­be­rei­tet, das heißt, auf die Ein­sam­keit, auf den Kampf, auf Mar­ty­ri­um und Tod. Aus Beschei­den­heit spre­chen wir es nicht laut aus, aber wir den­ken uns manch­mal, daß wir groß­ar­tig sind. Indes­sen, indes­sen ist das nicht alles, und unse­re Bereit­schaft erweist sich als Thea­ter. Wir wol­len gar nicht den Kos­mos erobern, wir wol­len nur die Erde bis an sei­ne Gren­zen erwei­tern. Die einen Pla­ne­ten haben voll Wüs­te zu sein, wie die Saha­ra, die ande­ren eisig wie der Pol oder tro­pisch wie der bra­si­lia­ni­sche Urwald. Wir sind huma­ni­tär und edel, wir wol­len die ande­ren Ras­sen nicht unter­wer­fen, wir wol­len ihnen nur unse­re Wer­te über­mit­teln und, als Gegen­ga­be, ihrer aller Erbe anneh­men. Wir hal­ten uns für die Rit­ter vom hei­li­gen Kon­takt. Das ist die zwei­te Lüge. Men­schen suchen wir, nie­man­den sonst. Wir brau­chen kei­ne ande­ren Wel­ten. Wir brau­chen Spie­gel. Mit ande­ren Wel­ten wis­sen wir nichts anzu­fan­gen. Es genügt unse­re eine, und schon ersti­cken wir an ihr. Wir wol­len das eige­ne idea­li­sier­te Bild fin­den; die­se Glo­ben, die­se Zivi­li­sa­tio­nen haben voll­kom­me­ner zu sein als die unse­re, in ande­ren wie­der­um hof­fen wir das Abbild unse­rer pri­mi­ti­ven Ver­gan­gen­heit zu fin­den. Indes­sen ist auf der ande­ren Sei­te etwas, was wir nicht akzep­tie­ren, woge­gen wir uns weh­ren, und schließ­lich haben wir von der Erde nicht nur das pure Destil­lat aus lau­ter Tugen­den mit­ge­bracht, das heroi­sche Stand­bild des Men­schen! Wir sind so hier­her­ge­flo­gen, wie wir wirk­lich sind, und wenn die ande­re Sei­te uns die­se Wahr­heit zeigt, die­sen Teil von ihr, den wir ver­schwei­gen, – dann kön­nen wir das nicht hinnehmen!
Sta­nis­law Lem – Solaris

Wenn ein Duft gefällt, so ver­sucht man ihn fest­zu­hal­ten, ihn wie­der­zu­fin­den; man läßt sich nicht voll­stän­dig von ihm berau­schen, um ihn ana­ly­sie­ren zu kön­nen und ihn all­mäh­lich in sich auf­zu­neh­men, bis sich der Sin­nes­ein­druck durch die blo­ße Erin­ne­rung wie­der­her­stel­len läßt; wenn der Duft wie­der­kommt, atmet man ihn lang­sa­mer, vor­sich­ti­ger ein, um auch die feins­ten Nuan­cen zu erfas­sen. Eine star­ke Duft­wol­ke steigt einem zu Kopf, hin­ter­läßt jedoch das auf­rei­zen­de Gefühl von etwas Unfer­ti­gem, Unvoll­ende­tem. Oder sie läßt einem auf unan­ge­neh­me Wei­se den Atem sto­cken, man möch­te sie los­wer­den, um wie­der frei zu atmen, oder aber es ist ein hef­ti­ger, zu schnell wie­der ver­gan­ge­ner Rausch, weil nur das Ner­ven­sys­tem berührt wor­den ist. Es ist Glück, über­wäl­tigt zu wer­den und nichts mehr zu wis­sen. Doch noch ein Eck­chen Bewußt­sein zu haben, das immer weiß, was geschieht, und das durch die­ses Wis­sen dem gesam­ten intel­lek­tu­el­len, ver­nünf­ti­gen Wesen erlaubt, in jeder Sekun­de an dem gegen­wär­ti­gen Glück teil­zu­ha­ben, die­ses Eck­chen Bewußt­sein zu haben, das die Ent­wick­lung der Freu­de lang­sam nach­voll­zieht, das ihr bis an die äußers­ten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eck­chen, das nicht mit­schwingt, doch die­ses Eck­chen bleibt Zeu­ge der erleb­ten Freu­de – das, was sich erin­nert und sagen kann: Ich bin glück­lich gewe­sen und ich weiß war­um. Ich will ger­ne den Kopf ver­lie­ren, aber ich will den Augen­blick begrei­fen, da ich den Kopf ver­lie­re, und die Erkennt­nis des abdan­ken­den Bewußt­seins soweit wie mög­lich trei­ben. Man soll sein Glück nicht in Abwe­sen­heit erleben.
Mar­cel­le Sau­va­geot – Fast ganz die Deine

»Ich wür­de sagen, die Men­ge an Lan­ge­wei­le, falls Lan­ge­wei­le meß­bar ist, ist heu­te viel grö­ßer als frü­her. Weil die dama­li­gen Beru­fe, jeden­falls zu einem gro­ßen Teil, nicht ohne eine lei­den­schaft­li­che Nei­gung denk­bar waren: die Bau­ern, die ihr Land lieb­ten; mein Groß­va­ter, der schö­ne Tische zau­ber­te; die Schus­ter, die die Füße aller Dorf­be­woh­ner aus­wen­dig kann­ten; die Förs­ter; die Gärt­ner; ich ver­mu­te, sogar die Sol­da­ten töte­ten damals mit Lei­den­schaft. Der Sinn des Lebens stand nicht in Fra­ge, er beglei­te­te sie, in ihren Werk­stät­ten, auf ihren Fel­dern. Jeder Beruf hat­te sei­ne eige­ne Men­ta­li­tät, sei­ne eige­ne Seins­wei­se geschaf­fen. Ein Arzt dach­te anders als ein Bau­er, ein Sol­dat ver­hielt sich anders als ein Leh­rer. Heu­te sind wir alle gleich, alle durch die gemein­sa­me Gleich­gül­tig­keit für unse­re Arbeit geeint. Die­se Gleich­gül­tig­keit ist eine Lei­den­schaft gewor­den. Die ein­zi­ge gro­ße kol­lek­ti­ve Lei­den­schaft unse­rer Zeit.«
Chan­tal sag­te: »Aber sag mir doch: du selbst, als du Ski­leh­rer warst, als du in Zeit­schrif­ten über Innen­ar­chi­tek­tur geschrie­ben hast oder spä­ter über Medi­zin, oder als du als Zeich­ner in einer Tisch­le­rei gear­bei­tet hast …«
»… ja, das habe ich am liebs­ten gemacht, aber es ist nicht gelaufen …«
»… oder als du arbeits­los warst und gar nichts getan hast, da hät­test du dich doch auch lang­wei­len müssen!«
»Alles hat sich ver­än­dert, als ich dich ken­nen­ge­lernt habe. Nicht, weil mei­ne klei­nen Arbei­ten span­nen­der gewor­den sind. Son­dern weil ich alles, was um mich her­um geschieht, in Stoff für unse­re Gesprä­che verwandle.«
»Wir könn­ten von etwas ande­rem sprechen!«
»Zwei Men­schen, die sich lie­ben, allein, von der Welt abge­schie­den, das ist sehr schön. Aber womit wür­den sie ihr Tête-à-Tête aus­fül­len? So ver­ächt­lich die Welt auch sein mag, sie brau­chen sie, um mit­ein­an­der reden zu können.«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

»Am Ende mei­nes Besuchs im Kran­ken­haus hat er ange­fan­gen, Erin­ne­run­gen zu erzäh­len. Er hat mir ins Gedächt­nis geru­fen, was ich mit sech­zehn gesagt haben muß. In dem Moment habe ich den ein­zi­gen Sinn von Freund­schaft, wie sie heu­te prak­ti­ziert wird, begrif­fen. Der Mensch ist auf sie ange­wie­sen, damit sein Gedächt­nis funk­tio­niert. Sich an sei­ne Ver­gan­gen­heit zu erin­nern, sie immer bei sich zu haben ist viel­leicht die not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung dafür, die Inte­gri­tät sei­nes Ichs zu wah­ren, wie man so sagt. Damit das Ich nicht schrumpft, damit es sein Volu­men behält, müs­sen die Erin­ne­run­gen begos­sen wer­den wie Topf­blu­men, und die­ses Gie­ßen erfor­dert den regel­mä­ßi­gen Kon­takt mit Zeu­gen der Ver­gan­gen­heit. Sie sind unser Spie­gel; unser Gedächt­nis; man ver­langt nichts von ihnen, außer daß sie von Zeit zu Zeit die­sen Spie­gel polie­ren, damit man sich dar­in anschau­en kann. Aber mich inter­es­siert nicht im gerings­ten, was ich auf dem Gym­na­si­um gemacht habe! Was ich mir seit mei­ner frü­hen Jugend, viel­leicht seit mei­ner Kind­heit immer gewünscht habe, war etwas ganz ande­res: die Freund­schaft als obers­ter Wert. Ich sage oft: vor die Wahl zwi­schen der Wahr­heit und dem Freund gestellt, wäh­le ich immer den Freund. Ich sag­te es, um zu pro­vo­zie­ren, aber ich mein­te es ernst. Heu­te weiß ich, daß die­se Maxi­me archa­isch ist. Sie moch­te für Achill gel­ten, den Freund des Patro­klos, für Alex­and­re Dumas‘ Mus­ke­tie­re, sogar für Sancho, der trotz all ihrer Zwis­tig­kei­ten ein ech­ter Freund sei­nes Herrn war. Aber sie gilt nicht für uns. Ich gehe in mei­nem Pes­si­mis­mus so weit, daß ich heu­te bereit bin, die Wahr­heit der Freund­schaft vor­zu­zie­hen. (…) Die Freund­schaft war für mich der Beweis, daß es etwas Stär­ke­res gibt als die Ideo­lo­gie, als die Reli­gi­on, als die Nati­on. In Dumas‘ Roman befin­den sich die Freun­de oft in geg­ne­ri­schen Lagern, so daß sie gezwun­gen sind, gegen­ein­an­der zu kämp­fen. Aber das ändert nichts an ihrer Freund­schaft. Sie hel­fen ein­an­der trotz­dem heim­lich, lis­tig und set­zen sich über die Wahr­heit ihres jewei­li­gen Lagers hin­weg. Sie haben die Freund­schaft über die Wahr­heit, die Sache, die Befeh­le von oben gestellt, über den König, über die Köni­gin, über alles.«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

»Ver­giß nicht, ich habe zwei Gesich­ter. Ich habe gelernt, eine gewis­se Freu­de dar­an zu haben, aber trotz­dem ist es nicht leicht, zwei Gesich­ter zu haben. Das erfor­dert Anstren­gung, das erfor­dert Dis­zi­plin! Du mußt ver­ste­hen, daß ich alles, was ich, gern oder ungern, tue, mit dem Ehr­geiz tue, es gut zu machen. Und sei es nur, um mei­ne Stel­le nicht zu ver­lie­ren. Es ist sehr schwer, per­fekt zu arbei­ten und die­se Arbeit gleich­zei­tig zu verachten.«
»Oh, du kannst es, du bist dazu imstan­de, du bist geni­al«, sagt Jean-Marc.
»Ja, ich kann zwei Gesich­ter haben, aber ich kann sie nicht gleich­zei­tig haben. Bei dir habe ich das Gesicht, das sich lus­tig macht. Wenn ich im Büro bin, tra­ge ich das seriö­se Gesicht. Ich bekom­me die Unter­la­gen der Leu­te vor­ge­legt, die sich bei uns um eine Stel­le bewer­ben. Ich muß sie emp­feh­len oder ein nega­ti­ves Votum abge­ben. Man­che drü­cken sich in ihrem Brief in einer so per­fekt moder­nen Spra­che aus, mit all den Kli­schees, mit dem Jar­gon, mit dem gan­zen obli­ga­to­ri­schen Opti­mis­mus. Ich brau­che sie nicht zu sehen oder mit ihnen zu spre­chen, um sie zu ver­ab­scheu­en. Ich weiß aber, daß sie gut und eif­rig arbei­ten wer­den. Und dann gibt es jene, die sich unter ande­ren Umstän­den sicher­lich der Phi­lo­so­phie, der Kunst­ge­schich­te, dem Fran­zö­sisch­un­ter­richt gewid­met hät­ten, heu­te aber, in Erman­ge­lung von etwas Bes­se­rem, fast aus Ver­zweif­lung, suchen sie bei uns Arbeit. Ich weiß, daß sie die Stel­le, um die sie sich bewer­ben, ins­ge­heim ver­ach­ten und daß sie also mei­ne Brü­der sind. Und ich muß entscheiden.«
»Und wie ent­schei­dest du?«
»Ein­mal emp­feh­le ich den, der mir sym­pa­thisch ist, ein­mal den, der gut arbei­ten wird. Ich hand­le halb als Ver­rä­ter an mei­ner Fir­ma, halb als Ver­rä­ter an mir selbst. Ich bin ein dop­pel­ter Ver­rä­ter. Und die­sen dop­pel­ten Ver­rat betrach­te ich nicht als Nie­der­la­ge, son­dern als tol­le Leis­tung. Wie lan­ge denn wer­de ich noch in der Lage sein, mei­ne zwei Gesich­ter zu wah­ren? Das ist sehr anstren­gend. Der Tag wird kom­men, an dem ich nur ein ein­zi­ges Gesicht haben wer­de. Das schlech­te­re von bei­den natür­lich. Das seriö­se. Das zustim­men­de. Wirst du mich dann noch lieben?«
Milan Kun­de­ra – Die Identität