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Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahr­heit als Macht, als Gewalt, als Will­kür ver­ken­nen zu las­sen. (…) Die sozia­len Akteu­re und auch die Beherrsch­ten selbst sind in der sozia­len Welt (selbst der absto­ßends­ten und empö­rends­ten) durch eine Bezie­hung hin­ge­nom­me­ner Kom­pli­zen­schaft ver­bun­den, die bewirkt, daß bestimm­te Aspek­te die­ser Welt stets jen­seits oder dies­seits kri­ti­scher Infra­ge­stel­lung stehen.

Was ist schließ­lich ein Papst, ein Prä­si­dent oder ein Gene­ral­se­kre­tär ande­res als jemand, der sich für einen Papst oder einen Gene­ral­se­kre­tär oder genau­er: für die Kir­che, den Staat, die Par­tei oder die Nati­on hält? Das ein­zi­ge, was ihn von der Figur in der Komö­die oder vom Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen unter­schei­det, ist, daß man ihn im all­ge­mei­nen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf die­se Art von »legi­ti­mem Schwin­del«, wie Aus­tin sagt, zuer­kennt. Glau­ben Sie mir, die Welt so betrach­tet, d.h. so wie sie ist, ist ziem­lich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komi­sche und das Tra­gi­sche sich berühren.
(Pierre Bour­dieu – Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht ent­hül­len, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)

Als ich klein war und mir das für Kin­der nach­er­zähl­te Alte Tes­ta­ment anschau­te, das mit Radie­run­gen von Gust­ave Doré illus­triert war, sah ich den lie­ben Gott auf einer Wol­ke sit­zen. Er war ein alter Mann, hat­te Augen, eine Nase und einen lan­gen Bart, und ich sag­te mir, wenn er einen Mund hat, muß er auch essen. Und wenn er ißt, muß er auch Där­me haben. Die­ser Gedan­ke jedoch hat mich erschreckt, denn ich fühl­te, obwohl ich aus einer eher ungläu­bi­gen Fami­lie stamm­te, daß die Vor­stel­lung von gött­li­chen Där­men Blas­phe­mie ist.
Ohne jeg­li­che theo­lo­gi­sche Vor­bil­dung habe ich schon als Kind ganz spon­tan die Unver­ein­bar­keit von Schei­ße und Gott begrif­fen und folg­lich auch die Frag­wür­dig­keit der Grund­the­se christ­li­cher Anthro­po­lo­gie, nach der der Mensch als Eben­bild Got­tes geschaf­fen wur­de. Ent­we­der oder: ent­we­der wur­de der Mensch als Eben­bild Got­tes geschaf­fen und dann hat Gott Där­me, oder aber Gott hat kei­ne Där­me und der Mensch gleicht ihm nicht.
Die alten Gnos­ti­ker haben das genau­so klar gese­hen wie ich mit mei­nen fünf Jah­ren: um die­ses ver­zwick­te Pro­blem end­gül­tig zu lösen, hat Valen­tin, ein gro­ßer Meis­ter der Gno­sis im zwei­ten Jahr­hun­dert, behaup­tet: »Jesus hat geges­sen und getrun­ken, nicht aber defäkiert.«
Die Schei­ße ist ein schwie­ri­ge­res theo­lo­gi­sches Pro­blem als das Böse. Gott hat dem Men­schen die Frei­heit gege­ben, und so kann man anneh­men, daß er nicht für die Ver­bre­chen der Mensch­heit ver­ant­wort­lich ist. Doch die Ver­ant­wor­tung für die Schei­ße trägt ein­zig und allein der­je­ni­ge, der den Men­schen geschaf­fen hat.
(Milan Kun­de­ra – Die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins)