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Wenn die Pflichterfüllung durch den sozialen Druck zur dauernden Antriebsfeder wird, verstärkt sich fortwährend die Bereitschaft, sich dem Willen eines anderen zu unterwerfen. Außerdem wird immer weiter beschnitten, was noch vom Gefühl der Eigenverantwortlichkeit – und der Fähigkeit zum Mitgefühl – übriggeblieben ist. Pflichterfüllung wird ein willkommener Weg, auf dem man der persönlichen Verantwortung, die durch Mitgefühl erwachen könnte, entkommen kann. Hat man sich für die Pflichterfüllung entschieden, so entgeht man auch dem Schmerz, der von dem eigenen Mitgefühl hervorgerufen werden könnte. Ein so von der Pflicht besessener Mensch ist sogar dazu bereit, in treuer Pflichterfüllung zu sterben – und diese abstrakte Idee hält er für Verantwortlichkeit.

Gehorsam wird dann zum eigentlichen Sinn des Lebens. Es sei an die Kriegsverbrecher erinnert, die diese Entschuldigung oft vorbringen. Sie sollten uns endlich die Augen öffnen für die wahre Bedeutung jeder Art von Gehorsam. Unter dem Deckmantel des Befehls geschahen alle Arten von Grausamkeiten und Mordtaten, ohne daß einer die Verantwortung dafür hat übernehmen müssen. In einem gewissen Sinn ist diese Entschuldigung sogar richtig: Die eigene Seele hatte nichts damit zu tun, sie wurde außer Reichweite dessen gehalten, dem man gehorsam war. Dieser trug schließlich die Verantwortung. Unter dieser Voraussetzung fällt es solchen Menschen auch nicht schwer, die Herren zu wechseln.
Nicht selbst die Verantwortung zu tragen ist Bestandteil der Grundlüge. Sie verdeckt, was die ursprüngliche Entscheidung – die Lebensentscheidung – war: nämlich sich mit der Unterwerfung abzufinden und sein inneres Leben aufzugeben, um an der Macht zu partizipieren. An genau diesem Punkt fällt die Entscheidung darüber, ob ein Mensch Selbstverantwortung und die Verantwortung anderen gegenüber entwickelt.

Am 27. März 1979 wurde während einer politischen Demonstration in der Schweiz ein Schriftsteller von zwei Polizisten festgenommen und zusammengeschlagen. Einer der Polizisten sagte bei der späteren Gerichtsverhandlung: »Was wollen Sie denn von mir? Ich habe mein Leben lang gehorcht, als Kind, als Schüler, in der Ausbildung, als Soldat und nun als Polizist. Ich habe nur meine Befehle ausgeführt.«
Hier interessiert nicht so sehr die Tatsache, daß der Polizist dann vor Gericht für sich in Anspruch nahm, »auf Befehl« gehandelt zu haben, sondern daß er die Entwicklungsgeschichte des Gehorsams vorführte: Man wächst damit auf, daß man gehorsam sein muß, nicht aber damit, daß man selbst – und für sich selbst – denken und fühlen kann. Und es bleibt verborgen, daß diese Einübung genau das hervorruft, wovor die Gesellschaft Angst hat: nämlich Destruktivität – vor der sie sich vergeblich durch die Einübung in Gehorsam zu schützen versucht.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der Normalität)