Mut zu nichts und Angst vor allem

Wir leben ein paar Augen­bli­cke und tun so rasend wich­tig. Der eine braucht den Aus­druck »Schwer­punkt­the­ma«, der and­re spricht von »musi­ka­li­scher Umrah­mung«, der drit­te sagt: »Anfor­de­rungs­pro­fil«, und sol­che Wör­ter tönen so, als wür­den die, die sie ver­wen­den, ewig leben, und ich kann nicht begrei­fen, war­um der Mund kein Scham­teil ist. Wir leben ein paar Augen­bli­cke und ach­ten doch auf Bügel­fal­ten, und ist ein wei­ches Ei zu hart, macht man Thea­ter. Hier fehlt ein Kom­ma! sagen wir. Und wenn der Hür­li­mann nicht end­lich sei­ne Büsche stutzt! Ich steh auf Küm­mel. Nicht mein Typ. Natur­schwamm oder Kunst­stoff­schwamm? Sie wer­den mich noch ken­nen­ler­nen. Ich zie­he Schrit­te in Erwä­gung, da man beim Schwei­zer Radio die vier­te Stro­phe vie­ler Jodel­lie­der meis­tens abklemmt. Du, ist der Mei­er schwul, er trägt ein selbst­ge­strick­tes Rosa-West­chen. Wir leben ein paar Augen­bli­cke und sind so falsch, so schwatz­haft, so him­mel­schrei­end ober­fläch­lich und tun die gan­ze Zeit die Pflicht, die Pflicht und wer­den dabei schlecht und dumm und grö­len in der Frei­zeit blöd her­um und vögeln rup­pig. Wir haben Mut zu nichts und Angst vor allem, wir ste­hen zei­tig auf und tun die Pflicht und schä­men uns, wenn wir mal lie­gen blei­ben, und wären froh um eine Grip­pe. Die Eska­pa­den­freu­dig­keit nimmt ab, man denkt schon vor der Sün­de an den Kat­zen­jam­mer, uns fehlt nicht nur die Lust, uns fehlt sogar die Lust zur Lust, schon sie gilt als obs­zön, nicht aber der Ver­zicht und nicht die Pflicht und nicht die pau­sen­lo­se fei­ge Füg- und Folg­sam­keit und ihre Fol­ge, die Verblödung.
(Mar­kus Wer­ner – Froschnacht)

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