Schnipsel
Zitate, Musik und Aufgeschnapptes
»Meine Wohltäterin Rachel Sokolow«, begann Ismael, »zählte im College einen jungen Mann namens Jeffrey zu ihren Freunden, dessen Vater ein reicher Chirurg war. Jeffrey wurde im Leben vieler Menschen damals und auch später zu einer wichtigen Person, weil er die Leute vor ein Problem stellte. Er wusste einfach nicht, was er mit sich anfangen sollte. Er war attraktiv, intelligent, sympathisch und zeigte bei fast allem, was er machte, auch Talent. Er konnte gut Gitarre spielen, obwohl er kein Interesse an einem musischen Beruf hatte. Er konnte gut fotografieren, konnte gut zeichnen, er spielte die Hauptrolle in einer Theateraufführung seiner Schule, er schrieb unterhaltsame Geschichten, aber auch provozierende Aufsätze, aber er wollte weder Fotograf noch Künstler, Schauspieler oder Schriftsteller werden. Er brachte in jeder Klasse gute Leistungen, aber er wollte weder Lehrer noch Geisteswissenschaftler werden. Er war auch nicht daran interessiert, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten oder auf dem Gebiet der Juristerei, der Naturwissenschaft, der Mathematik, der Wirtschaft oder der Politik tätig zu werden. Er fühlte sich zwar zu spirituellen Dingen hingezogen, ging gelegentlich auch in die Kirche, aber es kam ihm nicht in den Sinn, Theologe oder Geistlicher zu werden. Trotz alledem schien er sozial gut angepasst, wie man es nennt. Er wurde weder von nennenswerten Ängsten und Depressionen noch von Neurosen geplagt. Er hatte in Bezug auf seine sexuelle Orientierung keinen Zweifel. Er stellte sich vor, dass er sich eines Tages ein Haus bauen und heiraten würde, aber erst, wenn er seinem Leben einen Sinn gegeben hatte.
Jeffreys Freunde wurden nie müde, ihm Vorschläge zu machen, wie er sein Leben gestalten sollte. Würde es ihm keinen Spaß machen, in der Lokalzeitung Filme zu besprechen? Hatte er je daran gedacht, sich aufs Elfenbeinschnitzen oder das Goldschmieden zu verlegen? Die Kunstschreinerei wurde ihm als etwas überaus Befriedigendes ans Herz gelegt. Wie wäre es mit der Fossiliensuche? Gourmetküche? Vielleicht sollte er Forscher werden? Würde es ihm nicht Spaß machen, mit auf eine archäologische Expedition zu gehen? Jeffreys Vater hatte großes Verständnis dafür, dass sein Sohn offensichtlich nicht imstande war, etwas zu finden, was ihn begeisterte. Er unterstützte ihn bereitwillig bei allem, was es seinem Sohn wenigstens wert schien, ausprobiert zu werden. Wenn eine Weltreise irgendeinen Reiz für ihn hatte, dann würde man eine Reiseagentur beauftragen, eine entsprechende Route zusammenzustellen. Wenn er ausprobieren wollte, wie es sich in der freien Natur lebte, würde man ihm gern die nötige Ausrüstung zur Verfügung stellen. Wenn er zur See wollte, würde man ihm ein passendes Boot bereitstellen. Wenn er sich entschließen sollte, Töpfer zu werden, würde schon ein Brennofen auf ihn warten. Selbst wenn er einfach nur in den Tag hineinleben hätte wollen, wäre das in Ordnung gewesen. Jeffrey jedoch tat dies alles mit einem höflichen Achselzucken ab, peinlich berührt, weil sich seinetwegen alle solche Gedanken machten.
Ich will hier nicht den Eindruck erwecken, dass Jeffrey faul oder verzogen gewesen wäre. Er war im Studium immer bei den Besten, jobbte nebenher, lebte in einer gewöhnlichen Studentenbude, besaß kein Auto. Er betrachtete einfach die Welt, die sich ihm darbot, und konnte nichts entdecken, das zu besitzen ihm etwas wert gewesen wäre. Seine Freunde sagten ständig zu ihm: ›Schau, so kannst du doch nicht weitermachen. Du verzettelst dich. Du musst dir ein Ziel suchen. Du musst irgendetwas finden, was du mit deinem Leben anfangen willst!‹
Jeffrey machte seinen Abschluss mit Auszeichnung, aber ohne sich für eine bestimmte Richtung entschieden zu haben. Nachdem er den Sommer im Hause seines Vaters verbracht hatte, besuchte er zwei Freunde aus dem College, die gerade geheiratet hatten. Er nahm seinen Rucksack mit, seine Gitarre, sein Tagebuch. Nach ein paar Wochen verabschiedete er sich von ihnen, um andere Freunde zu besuchen und fuhr per Anhalter weiter. Er hatte es nicht eilig. Er machte auf seinem Weg immer wieder halt, half ein paar Leuten dabei, einen Schuppen zu bauen, verdiente genug Geld, um sich über Wasser zu halten, und erreichte schließlich sein nächstes Reiseziel. Bald stand der Winter vor der Tür, und er machte sich wieder auf den Heimweg. Er und sein Vater führten lange Gespräche, spielten Romme, Poolbillard und Tennis, sahen sich Football an, tranken Bier, lasen Bücher, gingen ins Kino.
Als der Frühling kam, kaufte sich Jeffrey einen Gebrauchtwagen und fuhr wieder los, um Freunde zu besuchen, diesmal in die andere Richtung. Man nahm ihn gern auf, wo immer er hinkam. Die Leute mochten ihn, und er tat ihnen leid, weil er so wurzellos, so unfähig, so unkonzentriert war. Aber sie gaben ihn nicht auf. Jemand wollte ihm eine Videokamera kaufen, damit er einen Film über seine Wanderungen drehen konnte. Jeffrey war nicht interessiert daran. Jemand anders erbot sich, seine Gedichte bei verschiedenen Zeitschriften einzusenden, um zu sehen, ob nicht eines veröffentlicht werden würde. Jeffrey meinte, dass er das nett fände, dass es ihm persönlich jedoch egal wäre, was dabei herauskäme. Nachdem er den Sommer über in einem Pfadfinderlager gearbeitet hatte, bat man ihn, als ständiger Betreuer dort zu bleiben, aber auch das reizte ihn nicht.
Als es Winter wurde, überredete ihn sein Vater dazu, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, den er persönlich kannte und dem er vertraute. Jeffrey ging den ganzen Winter über drei Mal wöchentlich zur Therapie, am Ende musste der Therapeut jedoch zugeben, dass seinem Patienten psychisch rein gar nichts fehlte, abgesehen davon, dass er ihm ein wenig unreif vorkam. Auf die Frage, was ›ein wenig unreif‹ bedeutete, erklärte der Therapeut, Jeffrey sei unmotiviert, unkonzentriert und hätte keine Ziele, was jedoch bereits hinlänglich bekannt war. ›In ein oder zwei Jahren wird er bestimmt etwas finden‹, prophezeite der Therapeut. ›Und höchstwahrscheinlich wird es etwas ganz Naheliegendes sein. Ich bin sicher, es befindet sich im Augenblick schon direkt vor seiner Nase, und er sieht es einfach nur nicht.‹ Als der Frühling kam, ging Jeffrey wieder auf Reisen, und falls sich tatsächlich etwas direkt vor seiner Nase befand, so sah er es jedenfalls nicht.
So vergingen Jahre. Jeffrey sah zu, wie seine alten Freunde heirateten, Kinder bekamen, an ihrer beruflichen Karriere bastelten, Unternehmen gründeten, hier zu ein wenig Ruhm gelangten, dort zu ein wenig Vermögen, während er weiter Gitarre spielte, hier und da ein Gedicht verfasste und ein Tagebuch nach dem anderen voll schrieb. Letzten Frühling feierte er mit Freunden zusammen in einem Ferienhaus am Lake Wisconsin seinen einunddreißigsten Geburtstag. Am nächsten Morgen ging er ans Ufer hinunter, schrieb ein paar Zeilen in sein Tagebuch, watete dann in den See und ertränkte sich.«
»Traurige Sache«, sagte ich nach einer Weile, außerstande, etwas Intelligenteres von mir zu geben.
»Es ist eine alltägliche Geschichte, Julie, bis auf eine Tatsache – die Tatsache, dass Jeffreys Vater es seinem Sohn ermöglichte, sich treiben zu lassen. Dass er ihn dabei sogar unterstützte, während dieser zehn Jahre nichts zu tun, dass er ihn nicht unter Druck setzte und ihm nicht erklärte, er solle sich zusammenreißen und ein verantwortungsvoller Mensch werden. Das ist es, was Jeffrey von Millionen anderer junger Leute in deiner Kultur unterschied, die im Grunde genauso wenig Motivation besitzen wie er. Oder bist du der Ansicht, dass ich mich da täusche?«
»Mir ist noch nicht klar, was du genau meinst, deshalb kann ich auch noch nicht sagen, ob ich dir zustimmen kann.«
»Wenn du an deine Freunde oder Klassenkameraden denkst – brennen sie darauf, Rechtsanwalt, Banker, Ingenieur, Koch, Friseur, Versicherungsvertreter oder Busfahrer zu werden?«
»Einige von ihnen, ja. Sie wollen zwar nicht unbedingt das werden, was du gerade aufgezählt hast, Friseure und Busfahrer, aber irgendetwas schon. Einige meiner Freunde hätten sicher nichts dagegen, Filmstar oder Profisportler zu werden.«
»Und wie stehen, realistisch gesehen, ihre Chancen, das auch zu schaffen?«
»Eins zu einer Million vermutlich.«
»Glaubst du, dass es da draußen Achtzehnjährige gibt, die davon träumen, Taxifahrer, Zahntechniker oder Straßenarbeiter zu werden?«
»Nein.«
»Glaubst du, es gibt viele Achtzehnjährige wie Jeffrey, die keine der Tätigkeiten in der Arbeitswelt der Nehmer reizvoll finden? Die froh wären, wenn sie sich das Ganze schenken könnten, vorausgesetzt, jemand würde ihnen jährlich zwanzig- oder dreißigtausend Dollar überweisen?«
»Himmel, ja, wenn du es so formulierst, dann bin ich mir sicher, dass es da einige gibt. Ach was, Millionen!«
»Aber wenn sie die Arbeitswelt der Nehmer nicht interessiert, warum werden sie dann ein Teil dieser Welt? Warum nehmen sie Jobs an, die ihnen wie allen anderen auch völlig sinnlos erscheinen?«
»Sie arbeiten, weil sie es müssen. Ihre Eltern setzen sie irgendwann vor die Tür. Sie müssen sich entweder einen Job suchen oder verhungern.«
»Das ist richtig. Aber natürlich sind in jeder Abschlussklasse ein paar, die dann lieber verhungern würden. Früher nannte man sie Vagabunden, Gammler oder Landstreicher. Heute bezeichnen sie sich selbst als obdachlos, was heißen soll, dass sie auf der Straße leben, weil sie dazu gezwungen werden. Es sind Ausreißer, Herumtreiber, Gelegenheitsdiebe und ‑prostituierte, Straßenräuber und Stadtstreicher. Sie organisieren sich auf die eine oder andere Weise ihren Lebensunterhalt. Die Nahrung mag zwar unter Verschluss gehalten werden, aber sie haben die Ritzen in der Wand der Stahlkammer gefunden. Sie filzen Betrunkene und sammeln Aludosen. Sie betteln, wühlen in den Abfalltonnen von Restaurants und begehen Bagatelldiebstähle. Es ist kein leichtes Leben, aber sie leben lieber so, als dass sie einen sinnlosen Job annehmen und wie die große Masse der Armen in der Stadt leben. Sie bilden eine sehr große Subkultur, Julie.«
»Ja, jetzt wo du es sagst, wird es mir klar. Ich habe tatsächlich Freunde, die sagen, dass sie lieber auf der Straße leben wollen. Sie sprechen davon, in bestimmte Städte zu gehen, wo es bereits viele gibt, die das tun. Eine dieser Städte ist Seattle.«
»Dieses Phänomen hängt eng mit dem Phänomen der Jugendbanden und Jugendsekten zusammen. Wenn diese Straßenkinder sich charismatischen Kriegsherren anschließen, werden sie als Gang wahrgenommen. Wenn sie sich charismatischen Gurus anschließen, nimmt man sie als Sekte wahr. Kinder, die auf der Straße leben, haben nur eine sehr geringe Lebenserwartung, und es dauert nicht lange, dann wissen sie das auch. Sie sehen, wie ihre Freunde als Teenager oder mit Anfang Zwanzig sterben, und sie wissen, dass sie dasselbe Schicksal erwartet. Trotzdem können sie sich nicht dazu überwinden, sich irgendeine Bruchbude zu mieten, ein paar anständige Kleidungsstücke zu besorgen und sich irgendeinen idiotischen Mindestlohnjob zu suchen, den sie hassen. Verstehst du, was ich damit sagen will, Julie? Jeffrey ist genau wie sie. Nur kommt er aus der Oberschicht. Denen, die den unteren Schichten der Gesellschaft entstammen, ist das Privileg verwehrt, sich in einem netten sauberen See in Wisconsin zu ertränken. Doch das, was sie tun, läuft so ziemlich auf dasselbe hinaus. Sie sterben lieber, als sich in das Heer der Armen der Stadt einzureihen. Und im Allgemeinen sind sie dann auch bald tot.«
»Das leuchtet mir alles ein«, sagte ich zu ihm. »Was mir aber nicht einleuchtet, ist, worauf du hinauswillst.«
»Ich will noch gar nicht auf etwas Bestimmtes hinaus, Julie. Ich lenke deine Aufmerksamkeit auf etwas, was die Angehörigen deiner Kultur für völlig unbedeutend halten. Jeffreys Geschichte ist schrecklich traurig – aber er ist ein Einzelfall, nicht wahr? Wenn Tausende von Jeffreys ins Wasser gingen, wärt ihr möglicherweise beunruhigt. Aber die verwahrlosten Kids, die zu Tausenden auf euren Straßen sterben, sind etwas, was ihr getrost ignorieren könnt.«
»Ja, das ist wahr.«
»Ich betrachte gerade etwas, das den Angehörigen deiner Kultur nicht beachtenswert scheint. Schließlich handelt es sich ja nur um Drogenabhängige, Verlierer, Gangster, Gesindel. Die Einstellung der Erwachsenen dazu lautet: Wenn sie wie Tiere leben wollen, dann lasst sie doch. Wenn sie sich umbringen wollen, dann lasst sie doch. Es sind Kranke, Soziopathen und Außenseiter, und es ist gut, wenn wir sie los sind.«
»Ja, genau das denken die meisten Erwachsenen wohl.«
»Sie befinden sich im Zustand des Verleugnens, Julie, und was ist es, das sie verleugnen?«
»Sie verleugnen, dass das ihre eigenen Kinder sind. Für sie sind das die Kinder von jemand anderem.«
»Richtig. Dass ein Jeffrey sich in einem See ertränkt oder eine Susie an einer Überdosis in der Gosse stirbt, ist euch egal. Dass sich jährlich Zehntausende umbringen, einfach verschwinden und nichts hinterlassen, sagt euch nichts. Es enthält keine Botschaft. Es ist wie das Rauschen im Radio, etwas, das man ignoriert, und je mehr ihr es ignoriert, desto deutlicher hört ihr die Musik.«
»Sehr wahr. Aber ich versuche immer noch herauszufinden, worauf du hinauswillst. «
»Niemandem von euch fiele ein, sich zu fragen: Was brauchen diese Kinder?«
»Himmel, nein. Wen kümmert es schon, was sie brauchen?«
»Aber du kannst dich das doch fragen, nicht wahr? Kannst du dich dazu durchringen, Julie? Kannst du das ertragen?«
Ich saß eine Minute da, starrte ins Leere, und plötzlich passierte etwas Dummes: Ich brach in Tränen aus. Explodierte förmlich in Tränen. Ich saß da, von großen, riesigen Schluchzern geschüttelt, die nicht aufhören wollten, bis ich langsam glaubte, ich würde bis an mein Lebensende in diesem Sessel sitzen und schluchzen.
Als ich mich endlich wieder gefangen hatte, stand ich auf und erklärte Ismael, dass ich gleich wieder zurückkommen würde. Dann machte ich einen Spaziergang um den Block – genauer gesagt, um ein paar Blöcke.
Als ich zurückkam gestand ich, nicht zu wissen, wie ich das Ganze in Worte fassen sollte.
»Du kannst Gefühle nicht in Worte fassen, Julie. Das weißt du. Du hast sie mit diesem Schluchzen ausgedrückt. Es gibt keine Worte, die dem gleichkämen. Aber es gibt andere Dinge, die du sehr wohl mit Worten ausdrücken kannst.«
»Ja, vermutlich.«
»Du hattest eine Art Vision von dem ungeheuren Verlust, der dich und die andern jungen Menschen, von denen wir gesprochen haben, gleichermaßen betrifft.«
»Ja. Ich hatte vorher keine Ahnung, dass es auch mich betrifft. Ich wusste nicht, dass ich überhaupt irgendetwas mit ihnen gemeinsam habe.«
»Bei deinem ersten Besuch bei mir hast du erzählt, du würdest ständig denken: Ich muss hier raus, ich muss hier raus. Du meintest, das würde bedeuten: Lauf um dein Leben!«
»Ja, und genau das habe ich vorhin empfunden, als ich hier saß und weinte: Bitte! Bitte lasst mich um mein Leben laufen! Bitte lasst mich hier raus! Bitte lasst mich gehen! Bitte haltet mich hier nicht für den Rest meines Lebens fest! Ich muss laufen! Ich halte das nicht mehr aus!«
»Aber das sind Gedanken, die du deinen Klassenkameraden nicht anvertrauen würdest?«
»Das sind Gedanken, die ich mir vor zwei Wochen nicht einmal selbst eingestanden hätte.«
»Du hättest es nicht gewagt, dich mit all dem auseinanderzusetzen?«
»Nein, wenn ich das getan hätte, dann hätte ich gesagt: Was ist denn mit dir los? Irgendetwas stimmt mit dir nicht. Du musst krank sein!«
»Das ist genau das, was Jeffrey immer wieder in sein Tagebuch geschrieben hat. ›Was ist bloß mit mir los? Was ist mit mir los? Es muss mit mir etwas ganz schrecklich nicht stimmen, dass ich nicht imstande bin, Freude an irgendeinem Job zu finden.‹ Immer wieder schrieb er: ›Was ist los mit mir, was ist los mit mir, was ist los mit mir?‹ Natürlich sagten ihm auch alle seine Freunde immer wieder: ›Was ist mit dir los, was ist mit dir los, was ist mit dir los, dass du mit diesem wunderbaren Programm nicht klarkommst?‹ Vielleicht begreifst du nun zum ersten Mal, dass meine Aufgabe darin besteht, dir die phantastische Einsicht zu vermitteln, dass bei dir alles in Ordnung ist. Du bist es nicht, mit der etwas nicht stimmt. Und ich denke, in deinem Schluchzen lag zum Teil auch dieses Begreifen: An mir liegt es ja überhaupt nicht!«
(Daniel Quinn – Ismaels Geheimnis)
Denken heißt zerstören. Der Denkvorgang opfert den Gedanken, denn Denken heißt auseinandernehmen. Könnten die Menschen das Geheimnis des Lebens sinnend erfahren, könnten sie die tausend Verstrickungen erahnen, die der Seele bei der geringsten Regung drohen, sie würden nicht einen Finger rühren, geschweigedenn leben. Sie würden vor Schreck vergehen, wie all jene, die Selbstmord begehen, um nicht anderentags unter der Guillotine zu enden.
(Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe)
Deine Schwächen gehören mir. Ich habe Dich unermüdlich beobachtet und sie nach und nach entdeckt. Ich leide darunter, daß Du sie hast, aber ich würde nicht wollen, daß Du Dich änderst. Ich erwähne sie Dir gegenüber manchmal mit einem Lächeln. Ich möchte Dich nicht kränken, Dir auch keine Ratschläge geben. Ich möchte, daß Du weißt, was ich weiß; und ich wünschte, statt zu versuchen, Dich anders zu geben, als Du bist, würdest Du mir all Deine kleinen Häßlichkeiten zeigen. Ich würde sie lieben, denn sie wären ganz mein. Die anderen würden sie nicht kennen, und dadurch wären wir außerhalb der Welt verbunden. Nichts ist liebenswerter als die Schwächen und Fehler: Durch sie dringt man zur Seele des geliebten Menschen vor, der Seele, die sich in dem Wunsch, wie alle anderen zu erscheinen, ständig verbirgt. Es ist wie bei einem Gesicht. Die anderen sehen nur ein Gesicht; doch man selbst weiß, an welcher Stelle genau die Kurve der Nase, statt ihre ideale Linie fortzusetzen, unmerklich bricht, um eine gewöhnliche Nase zu bilden; man weiß, daß die Poren der Haut aus der Nähe grob und schwarz sind; man hat den Fleck in den Augen gefunden, der mitunter den Blick erlöschen läßt, und den Millimeter zuviel, den die Lippe aufweist, um noch vornehm zu sein. Diese kleinen Makel möchte man lieber küssen als das Vollkommene, weil sie so arm sind und gerade sie es ausmachen, daß dieses Gesicht nicht das eines anderen ist.
Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine
Die moderne Geschichte hat, denke ich, hinreichend bewiesen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewissen Voraussetzungen das tut, was man ihm sagt; und, verzeiht mir, die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass ihr die Ausnahme seid – so wenig wie ich. Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser. Denn solltet ihr so vermessen sein, euch dafür zu halten, seid ihr bereits in Gefahr. Gern stellen wir dem Staat – ob er totalitär ist oder nicht – den gewöhnlichen Menschen gegenüber, die Laus oder das kleine Licht. Dabei vergessen wir jedoch, dass der Staat aus Menschen besteht, mehr oder weniger gewöhnlichen Menschen, ein jeder mit seinem Leben, seiner Geschichte, jeder mit seiner Verkettung von Zufällen, die dafür gesorgt haben, dass er sich eines Tages auf der richtigen Seite des Gewehrs oder Dokuments wiederfindet, während andere auf der falschen stehen. Dieser Gang der Ereignisse ist in den seltensten Fällen das Ergebnis einer Entscheidung oder gar einer charakterlichen Veranlagung. Und die Opfer sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht deshalb gefoltert oder getötet worden, weil sie gut waren, ebenso wenig wie ihre Peiniger sie aus Bosheit gequält haben. Das zu glauben wäre reichlich naiv; man braucht sich nur in einer beliebigen Bürokratie umzusehen, und sei es die des Roten Kreuzes, um sich davon zu überzeugen. (…) Die Maschinerie des Staates nun ist aus dem gleichen Sand gebacken wie das, was sie Korn für Korn zu Staub zermahlt. Es gibt sie, weil alle damit einverstanden sind, dass es sie gibt, sogar – und häufig bis zum letzten Atemzug – ihre Opfer. Ohne die Höß, Eichmanns, Goglidzes, Wyschinskis, aber auch ohne die Weichensteller, die Betonfabrikanten und die Buchhalter in den Ministerien wäre ein Stalin oder ein Hitler nur einer jener von Hass und ohnmächtigen Gewaltfantasien aufgeblähten Säcke gewesen.
Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten
Man kann jahrelang in nervöser Hast in der Stadt leben, es ruiniert zwar die Nerven, aber man kann es lange Zeit durchhalten. Doch kein Mensch kann länger als ein paar Monate in nervöser Hast bergsteigen, Erdäpfel einlegen, holzhacken oder mähen. Das erste Jahr, in dem ich mich noch nicht angepaßt hatte, war weit über meine Kräfte gegangen, und ich werde mich von diesen Arbeitsexzessen nie ganz erholen. Unsinnigerweise hatte ich mir auf jeden derartigen Rekord auch noch etwas eingebildet. Heute gehe ich sogar vom Haus zum Stall in einem geruhsamen Wäldlertrab. Der Körper bleibt entspannt, und die Augen haben Zeit zu schauen. Einer, der rennt, kann nicht schauen. In meinem früheren Leben führte mich mein Weg jahrelang an einem Platz vorbei, auf dem eine alte Frau die Tauben fütterte. Ich mochte Tiere immer gern, und jenen, heute längst versteinerten Tauben gehörte mein ganzes Wohlwollen, und doch kann ich nicht eine von ihnen beschreiben. Ich weiß nicht einmal, welche Farbe ihre Augen und ihre Schnäbel hatten. Ich weiß es einfach nicht, und ich glaube, das sagt genug darüber aus, wie ich mich durch die Stadt zu bewegen pflegte. Seit ich langsamer geworden bin, ist der Wald um mich erst lebendig geworden. Ich möchte nicht sagen, daß dies die einzige Art zu leben ist, für mich ist sie aber gewiß die angemessene. Und was mußte alles geschehen, ehe ich zu ihr finden konnte. Früher war ich immer irgendwohin unterwegs, immer in großer Eile und erfüllt von einer rasenden Ungeduld, denn überall, wo ich anlangte, mußte ich erst einmal lange warten. Ich hätte ebensogut den ganzen Weg dahinschleichen können. Manchmal erkannte ich meinen Zustand und den Zustand unserer Welt ganz klar, aber ich war nicht fähig, aus diesem unguten Leben auszubrechen. Die Langeweile, unter der ich oft litt, war die Langeweile eines biederen Rosenzüchters auf einem Kongreß der Autofabrikanten. Fast mein ganzes Leben lang befand ich mich auf einem derartigen Kongreß, und es wundert mich, daß ich nicht eines Tages vor Überdruß tot umgefallen bin.
Hier, im Wald, bin ich eigentlich auf dem mir angemessenen Platz. Ich trage den Autofabrikanten nichts nach, sie sind ja längst nicht mehr interessant. Aber wie sie mich alle gequält haben mit Dingen, die mir zuwider waren. Ich hatte nur dieses eine kleine Leben, und sie ließen es mich nicht in Frieden leben.
Marlen Haushofer – Die Wand
Wir brechen in den Kosmos auf, wir sind auf alles vorbereitet, das heißt, auf die Einsamkeit, auf den Kampf, auf Martyrium und Tod. Aus Bescheidenheit sprechen wir es nicht laut aus, aber wir denken uns manchmal, daß wir großartig sind. Indessen, indessen ist das nicht alles, und unsere Bereitschaft erweist sich als Theater. Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern. Die einen Planeten haben voll Wüste zu sein, wie die Sahara, die anderen eisig wie der Pol oder tropisch wie der brasilianische Urwald. Wir sind humanitär und edel, wir wollen die anderen Rassen nicht unterwerfen, wir wollen ihnen nur unsere Werte übermitteln und, als Gegengabe, ihrer aller Erbe annehmen. Wir halten uns für die Ritter vom heiligen Kontakt. Das ist die zweite Lüge. Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr. Wir wollen das eigene idealisierte Bild finden; diese Globen, diese Zivilisationen haben vollkommener zu sein als die unsere, in anderen wiederum hoffen wir das Abbild unserer primitiven Vergangenheit zu finden. Indessen ist auf der anderen Seite etwas, was wir nicht akzeptieren, wogegen wir uns wehren, und schließlich haben wir von der Erde nicht nur das pure Destillat aus lauter Tugenden mitgebracht, das heroische Standbild des Menschen! Wir sind so hierhergeflogen, wie wir wirklich sind, und wenn die andere Seite uns diese Wahrheit zeigt, diesen Teil von ihr, den wir verschweigen, – dann können wir das nicht hinnehmen!
Stanislaw Lem – Solaris
Wenn ein Duft gefällt, so versucht man ihn festzuhalten, ihn wiederzufinden; man läßt sich nicht vollständig von ihm berauschen, um ihn analysieren zu können und ihn allmählich in sich aufzunehmen, bis sich der Sinneseindruck durch die bloße Erinnerung wiederherstellen läßt; wenn der Duft wiederkommt, atmet man ihn langsamer, vorsichtiger ein, um auch die feinsten Nuancen zu erfassen. Eine starke Duftwolke steigt einem zu Kopf, hinterläßt jedoch das aufreizende Gefühl von etwas Unfertigem, Unvollendetem. Oder sie läßt einem auf unangenehme Weise den Atem stocken, man möchte sie loswerden, um wieder frei zu atmen, oder aber es ist ein heftiger, zu schnell wieder vergangener Rausch, weil nur das Nervensystem berührt worden ist. Es ist Glück, überwältigt zu werden und nichts mehr zu wissen. Doch noch ein Eckchen Bewußtsein zu haben, das immer weiß, was geschieht, und das durch dieses Wissen dem gesamten intellektuellen, vernünftigen Wesen erlaubt, in jeder Sekunde an dem gegenwärtigen Glück teilzuhaben, dieses Eckchen Bewußtsein zu haben, das die Entwicklung der Freude langsam nachvollzieht, das ihr bis an die äußersten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eckchen, das nicht mitschwingt, doch dieses Eckchen bleibt Zeuge der erlebten Freude – das, was sich erinnert und sagen kann: Ich bin glücklich gewesen und ich weiß warum. Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreifen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntnis des abdankenden Bewußtseins soweit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.
Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine
»Ich würde sagen, die Menge an Langeweile, falls Langeweile meßbar ist, ist heute viel größer als früher. Weil die damaligen Berufe, jedenfalls zu einem großen Teil, nicht ohne eine leidenschaftliche Neigung denkbar waren: die Bauern, die ihr Land liebten; mein Großvater, der schöne Tische zauberte; die Schuster, die die Füße aller Dorfbewohner auswendig kannten; die Förster; die Gärtner; ich vermute, sogar die Soldaten töteten damals mit Leidenschaft. Der Sinn des Lebens stand nicht in Frage, er begleitete sie, in ihren Werkstätten, auf ihren Feldern. Jeder Beruf hatte seine eigene Mentalität, seine eigene Seinsweise geschaffen. Ein Arzt dachte anders als ein Bauer, ein Soldat verhielt sich anders als ein Lehrer. Heute sind wir alle gleich, alle durch die gemeinsame Gleichgültigkeit für unsere Arbeit geeint. Diese Gleichgültigkeit ist eine Leidenschaft geworden. Die einzige große kollektive Leidenschaft unserer Zeit.«
Chantal sagte: »Aber sag mir doch: du selbst, als du Skilehrer warst, als du in Zeitschriften über Innenarchitektur geschrieben hast oder später über Medizin, oder als du als Zeichner in einer Tischlerei gearbeitet hast …«
»… ja, das habe ich am liebsten gemacht, aber es ist nicht gelaufen …«
»… oder als du arbeitslos warst und gar nichts getan hast, da hättest du dich doch auch langweilen müssen!«
»Alles hat sich verändert, als ich dich kennengelernt habe. Nicht, weil meine kleinen Arbeiten spannender geworden sind. Sondern weil ich alles, was um mich herum geschieht, in Stoff für unsere Gespräche verwandle.«
»Wir könnten von etwas anderem sprechen!«
»Zwei Menschen, die sich lieben, allein, von der Welt abgeschieden, das ist sehr schön. Aber womit würden sie ihr Tête-à-Tête ausfüllen? So verächtlich die Welt auch sein mag, sie brauchen sie, um miteinander reden zu können.«
Milan Kundera – Die Identität
»Am Ende meines Besuchs im Krankenhaus hat er angefangen, Erinnerungen zu erzählen. Er hat mir ins Gedächtnis gerufen, was ich mit sechzehn gesagt haben muß. In dem Moment habe ich den einzigen Sinn von Freundschaft, wie sie heute praktiziert wird, begriffen. Der Mensch ist auf sie angewiesen, damit sein Gedächtnis funktioniert. Sich an seine Vergangenheit zu erinnern, sie immer bei sich zu haben ist vielleicht die notwendige Voraussetzung dafür, die Integrität seines Ichs zu wahren, wie man so sagt. Damit das Ich nicht schrumpft, damit es sein Volumen behält, müssen die Erinnerungen begossen werden wie Topfblumen, und dieses Gießen erfordert den regelmäßigen Kontakt mit Zeugen der Vergangenheit. Sie sind unser Spiegel; unser Gedächtnis; man verlangt nichts von ihnen, außer daß sie von Zeit zu Zeit diesen Spiegel polieren, damit man sich darin anschauen kann. Aber mich interessiert nicht im geringsten, was ich auf dem Gymnasium gemacht habe! Was ich mir seit meiner frühen Jugend, vielleicht seit meiner Kindheit immer gewünscht habe, war etwas ganz anderes: die Freundschaft als oberster Wert. Ich sage oft: vor die Wahl zwischen der Wahrheit und dem Freund gestellt, wähle ich immer den Freund. Ich sagte es, um zu provozieren, aber ich meinte es ernst. Heute weiß ich, daß diese Maxime archaisch ist. Sie mochte für Achill gelten, den Freund des Patroklos, für Alexandre Dumas‘ Musketiere, sogar für Sancho, der trotz all ihrer Zwistigkeiten ein echter Freund seines Herrn war. Aber sie gilt nicht für uns. Ich gehe in meinem Pessimismus so weit, daß ich heute bereit bin, die Wahrheit der Freundschaft vorzuziehen. (…) Die Freundschaft war für mich der Beweis, daß es etwas Stärkeres gibt als die Ideologie, als die Religion, als die Nation. In Dumas‘ Roman befinden sich die Freunde oft in gegnerischen Lagern, so daß sie gezwungen sind, gegeneinander zu kämpfen. Aber das ändert nichts an ihrer Freundschaft. Sie helfen einander trotzdem heimlich, listig und setzen sich über die Wahrheit ihres jeweiligen Lagers hinweg. Sie haben die Freundschaft über die Wahrheit, die Sache, die Befehle von oben gestellt, über den König, über die Königin, über alles.«
Milan Kundera – Die Identität
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