Schnip­sel

Zita­te, Musik und Aufgeschnapptes

Lese­dau­er: cir­ca 2 Minu­ten

»Ver­giß nicht, ich habe zwei Gesich­ter. Ich habe gelernt, eine gewis­se Freu­de dar­an zu haben, aber trotz­dem ist es nicht leicht, zwei Gesich­ter zu haben. Das erfor­dert Anstren­gung, das erfor­dert Dis­zi­plin! Du mußt ver­ste­hen, daß ich alles, was ich, gern oder ungern, tue, mit dem Ehr­geiz tue, es gut zu machen. Und sei es nur, um mei­ne Stel­le nicht zu ver­lie­ren. Es ist sehr schwer, per­fekt zu arbei­ten und die­se Arbeit gleich­zei­tig zu ver­ach­ten.«
»Oh, du kannst es, du bist dazu imstan­de, du bist geni­al«, sagt Jean-Marc.
»Ja, ich kann zwei Gesich­ter haben, aber ich kann sie nicht gleich­zei­tig haben. Bei dir habe ich das Gesicht, das sich lus­tig macht. Wenn ich im Büro bin, tra­ge ich das seriö­se Gesicht. Ich bekom­me die Unter­la­gen der Leu­te vor­ge­legt, die sich bei uns um eine Stel­le bewer­ben. Ich muß sie emp­feh­len oder ein nega­ti­ves Votum abge­ben. Man­che drü­cken sich in ihrem Brief in einer so per­fekt moder­nen Spra­che aus, mit all den Kli­schees, mit dem Jar­gon, mit dem gan­zen obli­ga­to­ri­schen Opti­mis­mus. Ich brau­che sie nicht zu sehen oder mit ihnen zu spre­chen, um sie zu ver­ab­scheu­en. Ich weiß aber, daß sie gut und eif­rig arbei­ten wer­den. Und dann gibt es jene, die sich unter ande­ren Umstän­den sicher­lich der Phi­lo­so­phie, der Kunst­ge­schich­te, dem Fran­zö­sisch­un­ter­richt gewid­met hät­ten, heu­te aber, in Erman­ge­lung von etwas Bes­se­rem, fast aus Ver­zweif­lung, suchen sie bei uns Arbeit. Ich weiß, daß sie die Stel­le, um die sie sich bewer­ben, ins­ge­heim ver­ach­ten und daß sie also mei­ne Brü­der sind. Und ich muß ent­schei­den.«
»Und wie ent­schei­dest du?«
»Ein­mal emp­feh­le ich den, der mir sym­pa­thisch ist, ein­mal den, der gut arbei­ten wird. Ich hand­le halb als Ver­rä­ter an mei­ner Fir­ma, halb als Ver­rä­ter an mir selbst. Ich bin ein dop­pel­ter Ver­rä­ter. Und die­sen dop­pel­ten Ver­rat betrach­te ich nicht als Nie­der­la­ge, son­dern als tol­le Leis­tung. Wie lan­ge denn wer­de ich noch in der Lage sein, mei­ne zwei Gesich­ter zu wah­ren? Das ist sehr anstren­gend. Der Tag wird kom­men, an dem ich nur ein ein­zi­ges Gesicht haben wer­de. Das schlech­te­re von bei­den natür­lich. Das seriö­se. Das zustim­men­de. Wirst du mich dann noch lieben?«
Milan Kun­de­ra – Die Identität

Lese­dau­er: cir­ca 2 Minu­ten

Es stimmt, daß ich unge­schickt bin; ich kann kei­ne Gefüh­le aus­drü­cken; kaum habe ich ein paar Wor­te dazu gesagt, mache ich mich über mich sel­ber lus­tig, mache ich mich über den ande­ren lus­tig, zer­stö­re ich die gan­ze Wir­kung durch einen iro­ni­schen Satz. Es ist ein Miß­trau­en gegen mich selbst; ich stau­ne, mich mei­ne Emp­fin­dun­gen preis­ge­ben zu hören, wie alle ande­ren es tun. Ich höre mir zu, als wäre es jemand ande­res, der da spricht, und glau­be, nicht mehr auf­rich­tig zu sein; durch die Wor­te erschei­nen mir mei­ne Gefüh­le auf­ge­bla­sen und fremd. Ich mei­ne dann, man wird mich belä­cheln wie ein klei­nes Mäd­chen, das von Din­gen spricht, die es nicht kennt. Es ist nicht mög­lich, daß ich es bin, die sagt: Ich lie­be Sie. Wenn man mir nun glaub­te, und ich hät­te mich getäuscht! Also muß ich mei­ne Sät­ze immer mit einer Pirou­et­te been­den, die zu sagen scheint: «Sie lie­ben mich, da Sie es mir ja sagen; wenn ich jedoch lie­be, wie ich es tue, fürch­te ich, das ist so nicht rich­tig – gewiß kön­nen alle ande­ren bes­ser lie­ben und es bes­ser sagen als ich.» Ich habe Angst, eines Tages zu ent­de­cken, daß ich nicht lie­be, und las­se schon im vor­aus Zwei­fel an mei­nen Gefüh­len ent­ste­hen, da ich befürch­te, man könn­te mir am Ende Unauf­rich­tig­keit vor­wer­fen; also male ich mir tau­sen­der­lei Umstän­de aus, in denen mei­ne Lie­be ver­mut­lich nicht aus­rei­chen wür­de. Ich behaup­te, ich wür­de nicht treu sein, dabei ver­weh­re ich es jedem ande­ren, mich ins Thea­ter zu beglei­ten oder mir die Fin­ger­spit­zen zu küs­sen, um dem­je­ni­gen, dem ich gesagt habe, ich lieb­te ihn nicht, nicht zu miß­fal­len, und sei es nur in Gedan­ken. Indem ich also leug­ne, daß mein Herz liebt, bin­de ich mich stär­ker als der­je­ni­ge, der mir sagt: Ich lie­be dich.
Ich wünsch­te, man wür­de mich durch­schau­en; doch man sieht nur die Pirou­et­ten und die Ironie.
Mar­cel­le Sau­va­geot – Fast ganz die Deine

Lese­dau­er: cir­ca < 1 Minu­te

Um ver­ste­hen zu kön­nen, habe ich mich zer­stört. Ver­ste­hen heißt das Lie­ben ver­ges­sen. Ich ken­ne nichts, was zugleich fal­scher und bedeut­sa­mer wäre als der Aus­spruch Leo­nar­do da Vin­cis, dem­nach wir etwas nur lie­ben oder has­sen kön­nen, wenn wir es ver­stan­den haben.
Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe

Lese­dau­er: cir­ca < 1 Minu­te

Mög­lich, der Mann hat recht. Viel­leicht ist er gar nicht so ein Biest. War­um sol­len Men­schen denn Bies­ter sein? Ich glau­be bei­na­he, der Staat ist das Biest. Der Staat, der den Müt­tern die Söh­ne nimmt, um sie den Göt­zen vor­zu­wer­fen. Die­ser Mann ist der Die­ner des Bies­tes, wie der Hen­ker der Die­ner des Bies­tes ist. Alles, was der Mann sag­te, war aus­wen­dig gelernt. Das hat­te er jeden­falls ler­nen müs­sen, als er sei­ne Prü­fung ableg­te, um Kon­sul zu wer­den. Das ging klipp-klapp. Auf jede mei­ner Aus­sa­gen hat­te er eine pas­sen­de Ant­wort, die mir sofort das Maul stopf­te. Als er jedoch frag­te: »Haben Sie Hun­ger? Haben Sie schon geges­sen?«, da wur­de er plötz­lich Mensch und hör­te auf, Biestdie­ner zu sein. Hun­ger haben ist etwas Mensch­li­ches. Papie­re haben ist etwas Unmensch­li­ches, etwas Unna­tür­li­ches. Dar­um der Unter­schied. Und das ist die Ursa­che, war­um Men­schen immer mehr auf­hö­ren, Men­schen zu sein, und anfan­gen, Figu­ren aus Papier­ma­ché zu wer­den. Das Biest kann kei­ne Men­schen brau­chen; die machen zuviel Arbeit, Figu­ren aus Papier­ma­ché las­sen sich bes­ser in Reih und Glied stel­len und uni­for­mie­ren, damit die Die­ner des Bies­tes ein beque­me­res Leben füh­ren können.
B. Tra­ven – Das Totenschiff

Lese­dau­er: cir­ca < 1 Minu­te

Jeman­dem zu begeg­nen bedeu­tet, sich zu ver­wi­ckeln. Es wird ein unsicht­ba­rer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lau­ter Fäden. Kreuz und quer. Jeman­dem zu begeg­nen bedeu­tet, Teil sei­nes Gewe­bes zu werden.
Mile­na Michi­ko Flašar

Lese­dau­er: cir­ca < 1 Minu­te

Wenn du mit einem rea­len Men­schen zusam­men­sein und des­sen Wesens­kern spü­ren willst, mußt du mit ihm allein sein. Jedes wei­te­re Paar Augen und Ohren ver­wäs­sert nur die­sen Wesens­kern. Wenn du mit zwei dei­ner bes­ten Freun­de essen gehst, wirst du nicht mit zwei voll­stän­di­gen Per­so­nen unter­wegs sein, und sie wer­den sich nicht so offen beneh­men, wie sie es täten, wenn sie mit dir allein wären. Bist du mit einem Freund oder einer Freun­din auf einer gro­ßen Par­ty, erlebst du nur einen Bruch­teil sei­ner oder ihrer wah­ren Per­sön­lich­keit. Über­tra­ge die­sen Gedan­ken auf natio­na­le, glo­ba­le oder sogar evo­lu­tio­nä­re Zusam­men­hän­ge, und schon ergibt viel­leicht alles, was je gesche­hen ist, mehr Sinn.
Joey Goe­bel – Freaks

Lese­dau­er: cir­ca 2 Minu­ten

Ich ent­zie­he einer Gesell­schaft das Ver­trau­en, die aus Men­schen besteht und trotz­dem auf der Angst vor dem Mensch­li­chen grün­det. Ich ent­zie­he einer Zivi­li­sa­ti­on das Ver­trau­en, die den Geist an den Kör­per ver­ra­ten hat. Ich ent­zie­he einem Kör­per das Ver­trau­en, der nicht mein eige­nes Fleisch und Blut, son­dern eine kol­lek­ti­ve Visi­on vom Nor­mal­kör­per dar­stel­len soll. Ich ent­zie­he einer Nor­ma­li­tät das Ver­trau­en, die sich selbst als Gesund­heit defi­niert. Ich ent­zie­he einer Gesund­heit das Ver­trau­en, die sich selbst als Nor­ma­li­tät defi­niert. Ich ent­zie­he einem Herr­schafts­sys­tem das Ver­trau­en, das sich auf Zir­kel­schlüs­se stützt. Ich ent­zie­he einer Sicher­heit das Ver­trau­en, die eine letzt­mög­li­che Ant­wort sein will, ohne zu ver­ra­ten, wie die Fra­ge lau­tet. Ich ent­zie­he einer Phi­lo­so­phie das Ver­trau­en, die vor­gibt, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit exis­ten­ti­el­len Pro­ble­men been­det sei. Ich ent­zie­he einer Moral das Ver­trau­en, die zu faul ist, sich dem Para­do­xon von Gut und Böse zu stel­len und sich lie­ber an »funk­tio­niert« oder »funk­tio­niert nicht« hält. Ich ent­zie­he einem Recht das Ver­trau­en, das sei­ne Erfol­ge einer voll­stän­di­gen Kon­trol­le des Bür­gers ver­dankt. Ich ent­zie­he einem Volk das Ver­trau­en, das glaubt, tota­le Durch­leuch­tung scha­de nur dem, der etwas zu ver­ber­gen hat. Ich ent­zie­he einer METHO­DE das Ver­trau­en, die lie­ber der DNA eines Men­schen als sei­nen Wor­ten glaubt. Ich ent­zie­he dem all­ge­mei­nen Wohl das Ver­trau­en, weil es Selbst­be­stimmt­heit als untrag­ba­ren Kos­ten­fak­tor sieht. Ich ent­zie­he dem per­sön­li­chen Wohl das Ver­trau­en, solan­ge es nichts wei­ter als eine Varia­ti­on auf den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner ist. Ich ent­zie­he einer Poli­tik das Ver­trau­en, die ihre Popu­la­ri­tät allein auf das Ver­spre­chen eines risi­ko­frei­en Lebens stützt. Ich ent­zie­he einer Wis­sen­schaft das Ver­trau­en, die behaup­tet, dass es kei­nen frei­en Wil­len gebe. Ich ent­zie­he einer Lie­be das Ver­trau­en, die sich für das Pro­dukt eines immu­no­lo­gi­schen Opti­mie­rungs­vor­gangs hält. Ich ent­zie­he Eltern das Ver­trau­en, die ein Baum­haus »Ver­let­zungs­ge­fahr« und ein Haus­tier »Anste­ckungs­ri­si­ko« nen­nen. Ich ent­zie­he einem Staat das Ver­trau­en, der bes­ser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich ent­zie­he jenem Idio­ten das Ver­trau­en, der das Schild am Ein­gang unse­rer Welt abmon­tiert hat, auf dem stand: »Vor­sicht! Leben kann zum Tode führen.«
Juli Zeh – Cor­pus Delicti

Lese­dau­er: cir­ca < 1 Minu­te

»Weil das Leben so sinn­los ist«, sagt Mia, »und man es trotz­dem irgend­wie aus­hal­ten muss, bekom­me ich manch­mal Lust, Kup­fer­roh­re belie­big mit­ein­an­der zu ver­schwei­ßen. Bis sie viel­leicht einem Kra­nich ähneln. Oder ein­fach nur inein­an­der­ge­wi­ckelt sind wie ein Nest aus Wür­mern. Dann wür­de ich das Gebil­de auf einen Sockel mon­tie­ren und ihm einen Namen geben.« (…) »Nur, damit etwas bleibt«, sagt Mia. »Um etwas Zweck­lo­ses zu schaf­fen. Alles, was einen Zweck hat, erfüllt ihn eines Tages und ist damit verbraucht.«
Juli Zeh – Cor­pus Delicti

Lese­dau­er: cir­ca 2 Minu­ten

Natür­lich kann ich hier arbei­ten. Da arbei­ten ja auch ande­re. Das sehe ich mit eig­nen Augen. Was ein and­rer kann, das kann ich auch. Der Nach­ah­mungs­trieb des Men­schen macht Hel­den und macht Skla­ven. Wenn der nicht an den Peit­schen­hie­ben stirbt, dann wer­de ich sie wohl auch über­le­ben kön­nen. […] Natür­lich kann ich das auch. So geht der Krieg vor­an, und so fah­ren die Toten­schif­fe, alles nach dem sel­ben Rezept. Die Men­schen haben nur eine Scha­blo­ne, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anzu­stren­gen brau­chen, um ein and­res Rezept aus­zu­den­ken. Man geht nichts lie­ber als aus­ge­tre­te­ne Pfa­de. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nach­ah­mungs­trieb ist schuld dar­an, daß die Mensch­heit inner­halb der letz­ten sechs­tau­send Jah­re kei­ne wah­ren Fort­schrit­te gemacht hat, son­dern trotz Radio und Flie­ge­rei in der sel­ben Bar­ba­rei lebt wie am Anfang der euro­päi­schen Peri­ode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nach­zu­ma­chen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotz­na­se, wohl erst recht gut genug sein. […] Allein das, was anders gemacht wur­de als bis­her, allein das, was unter Pro­test der Väter, Päps­te, Hei­li­gen und Ver­ant­wort­li­chen anders gedacht wur­de, hat der Mensch­heit neue Aus­bli­cke ver­schafft und ihr den Glau­ben gege­ben, daß eines fer­nen Tages viel­leicht doch ein Fort­schrei­ten wird beob­ach­tet wer­den kön­nen. Die­ser fer­ne Tag wird in Sicht sein, sobald die Men­schen nicht mehr an Insti­tu­tio­nen glau­ben, nicht an Auto­ri­tä­ten und nicht an eine Reli­gi­on, wel­chen Namen man ihr auch immer geben mag.
B. Tra­ven – Das Totenschiff

© Mischa Mandl