Schlagwortarchiv für: Chancengleichheit

Ange­sichts der ernüch­tern­den Ergeb­nis­se der unter den gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den durch­ge­führ­ten Bemü­hun­gen, die sozia­len Chan­cen­un­gleich­hei­ten im Bil­dungs­sys­tem abzu­bau­en, ist der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wel­che Funk­ti­on das Schul­sys­tem inner­halb die­ser gesell­schaft­li­chen Umstän­de ein­nimmt und ob die­se Funk­ti­on einen Abbau sozia­ler Ungleich­hei­ten prin­zi­pi­ell über­haupt för­dern kann oder soll.

Zunächst steht der Behaup­tung, Kin­der und Jugend­li­che bedürf­ten einer ein­heit­lich regu­lier­ten Insti­tu­ti­on, um am gesell­schaft­li­chen Leben erfolg­reich teil­zu­neh­men sowie die kul­tu­rel­len Umgangs­for­men und Errun­gen­schaf­ten zu erler­nen oder zu inkor­po­rie­ren, die empi­ri­sche Aus­sa­ge­kraft von knapp ein­hun­dert­tau­send Jah­ren mensch­li­cher Kul­tur­ge­schich­te ent­ge­gen (vgl. Bock, 2008; zur radi­ka­len Schul­kri­tik exem­pla­risch Holt, 1976; Illich, 1995), sodass als ein­zig genui­ne Legi­ti­ma­ti­on des Bestehens einer Insti­tu­ti­on Schu­le nur die Selek­ti­ons­funk­ti­on in Hin­blick auf die Ver­wert­bar­keit ihrer Schü­ler am Arbeits­markt bestehen bleibt[1] – zusätz­lich zur Funk­ti­on der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit, die als zu über­win­den­des Defi­zit ver­schlei­ert ist, womit deren sys­tem­im­ma­nen­ter Cha­rak­ter über­spielt wird. Insti­tu­tio­na­li­sier­te, for­ma­li­sier­te, stan­dar­di­sier­te Bil­dung war seit ihrer Ent­ste­hung immer ein Herr­schafts­in­stru­ment, das das Exklu­die­ren und Fest­le­gen von Regeln erlaubt und zu einer kul­tu­rel­len wie Bil­dungs­se­lek­ti­on führt, „die dem eigent­li­chen Ziel von ‚Bil­dung‘, näm­lich für das Leben zu ler­nen, ent­ge­gen­steht“ (Bitt­ling­may­er & Grund­mann, 2006, S. 94):

„Wenn wir auf allen Gebie­ten das Ver­lan­gen nach der Ein­füh­rung von gere­gel­ten Bil­dungs­gän­gen und Fach­prü­fun­gen laut wer­den hören, so ist selbst­ver­ständ­lich nicht ein plötz­lich erwa­chen­der ‚Bil­dungs­drang‘, son­dern das Stre­ben nach Beschrän­kung des Ange­bots für die Stel­lun­gen und deren Mono­po­li­sie­rung zuguns­ten der Besit­zer von Bil­dungs­pa­ten­ten der Grund“ (Weber, 1980, S. 577).

Schu­li­sche Bil­dungs­pro­zes­se legen weni­ger Wert auf Bil­dung an sich, als viel­mehr auf Bil­dungs­zer­ti­fi­ka­te, die „über herr­schafts­ab­hän­gi­ge Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­zes­se“ (Sol­ga, 2005, S. 28) erwor­ben wer­den müs­sen. Das Schul­sys­tem bezieht sich folg­lich in ers­ter Linie auf einen sys­tem­funk­tio­na­len Bil­dungs­be­griff und weni­ger auf eine indi­vi­du­ell-lebens­welt­li­che und gesamt­ge­sell­schaft­lich-eman­zi­pa­ti­ve Ebe­ne, fun­giert mit sei­ner „bedarfs­an­ge­mes­se­nen Begren­zung höhe­rer Bil­dung“ (Büch­ner, 2003, S. 9) somit „als Akteur der Pro­duk­ti­on der Pro­du­zen­ten“ (Hepp, 2009, S. 30). Was inner­halb des Schul­sys­tems statt­fin­det, ori­en­tiert sich nur vor­der­grün­dig an den Bedürf­nis­sen der Schü­ler und stellt viel­mehr „dem Aus­bil­dungs- und Arbeits­markt für die Zuord­nung von Per­so­nen zu Posi­tio­nen Qua­li­fi­ka­ti­ons- bzw. Kom­pe­tenz­si­gna­le zur Ver­fü­gung“ (Sol­ga, 2005, S. 27; vgl. Huis­ken, 2005). Die­se sys­tem­funk­tio­na­le, dem Pri­mat des Arbeits­markts unter­wor­fe­ne Per­spek­ti­ve, die die Ver­wert­bar­keit von Bil­dung in den Fokus rückt, nicht die All­tags­re­le­vanz, wird von einem Groß­teil der Erzie­hungs- und Bil­dungs­for­schung über­nom­men, die damit ihrer­seits – bewusst oder unbe­wusst – zur Repro­duk­ti­on sozia­ler (Bildungs-)Ungleichheiten beiträgt:

„In den meis­ten Arbei­ten zur Bil­dungs­un­gleich­heit wird das leis­tungs­fi­xiert hier­ar­chi­sie­ren­de Bil­dungs­sys­tem nicht in Fra­ge gestellt, obwohl es selbst in einem ver­gleichs­wei­se ega­li­tär aus­ge­rich­te­ten sozia­len Gefü­ge not­wen­dig Bil­dungs­hier­ar­chien erzeugt“ (Grund­mann, Dra­ven­au, & Bitt­ling­may­er, 2006, S. 250; vgl. Grund­mann, 2011).

Die Ana­ly­se der Bil­dungs­pro­zes­se und ‑ungleich­hei­ten, selbst die kri­ti­sche, ori­en­tiert sich häu­fig ergo zu sehr an den hege­mo­nia­len nor­ma­ti­ven Grund­an­nah­men und den fak­ti­schen Gege­ben­hei­ten, ohne die­se in Fra­ge zu stel­len, was aber gera­de kri­ti­sche Wis­sen­schaft aus­zeich­nen wür­de[2]. Da Schu­le als sol­che unhin­ter­fragt über­nom­men wird und sich die Bil­dungs­for­schung an ihr ori­en­tiert, „kom­men nur die­je­ni­gen indi­vi­du­el­len Kom­pe­tenz­ent­wick­lun­gen in den Blick, die in gewis­ser Hin­sicht schul­bil­dungs­kon­form sind“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Edel­stein, 2006, S. 16; vgl. Grund­mann, Dra­ven­au, & Bitt­ling­may­er, 2006), d.h. „alle nicht schul­kon­for­men Wis­sens­be­stän­de [wer­den] bil­dungs­so­zio­lo­gisch abge­wer­tet“ (Bitt­ling­may­er, 2006, S. 53). Solan­ge die das Schul­sys­tem rah­men­den gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se, die Arbeits­markt­ori­en­tie­rung und die kul­tu­rel­le Hier­ar­chi­sie­rung an sich nicht in Fra­ge gestellt wer­den, „darf auch der Suche nach neu­en, den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen ange­pass­ten Erzie­hungs­idea­len eine gesun­de Skep­sis ent­ge­gen­ge­bracht wer­den“ (Grund­mann, 2011, S. 82). Gera­de die deut­sche PISA-Dis­kus­si­on belegt die ana­ly­ti­sche Kurz­sich­tig­keit wei­ter Tei­le von Poli­tik und Bil­dungs­for­schung, da – den öko­no­misch-funk­tio­na­lis­ti­schen, defi­zit­ori­en­tier­ten Bil­dungs­be­griff der OECD über­neh­mend, der zuguns­ten eines Bil­dungs­ver­ständ­nis­ses der ‚Qua­li­fi­ka­tio­nen‘ die unter­schied­li­chen sozia­len Bil­dungs­be­din­gun­gen ver­nach­läs­sigt (vgl. Otto & Schröd­ter, 2010; Raidt, 2009) – grö­ße­rer Fokus auf die unter­durch­schnitt­li­che Leis­tung deut­scher Schul­kin­der als auf sozia­le Ungleich­heit gelegt wur­de (vgl. Sol­ga, 2005, S. 30) und in der Fol­ge­zeit eine ver­stärk­te Aus­rich­tung der Schu­le an wirt­schaft­li­chen Maß­stä­ben (vgl. Ball & You­dell, 2008; Roh­lfs, 2011; Raidt, 2009) gefor­dert und auch umge­setzt wur­de. Bil­dung und Bil­dungs­er­folg wer­den in die­sem Kon­text redu­ziert auf eine Stei­ge­rung der Kon­kur­renz­fä­hig­keit, sowohl auf indi­vi­du­el­ler sowie auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne: „Ins­ge­samt wird deut­lich, dass PISA ein nor­ma­ti­ves und funk­tio­na­les Bil­dungs­ver­ständ­nis trans­por­tiert, das auf die effi­zi­en­te Aus­bil­dung von Human­res­sour­cen aus­ge­rich­tet ist“ (Raidt, 2009, S. 205).

Ange­sichts die­ser Funk­ti­on des Schul­sys­tems und der ein­ge­schränk­ten kri­ti­schen Debat­te, die dar­über geführt wird, ist frag­lich, ob eine umfas­sen­de Reform des Bil­dungs­sys­tems zur Redu­zie­rung sozia­ler Bil­dungs­un­gleich­hei­ten unter die­sen Vor­zei­chen über­haupt mög­lich ist – selbst eine ratio­na­le Päd­ago­gik (vgl. Bour­dieu 2001) bei­spiels­wei­se dürf­te mit ihrer an den indi­vi­du­el­len Bil­dungs­be­dürf­nis­sen ori­en­tier­ten Per­spek­ti­ve recht schnell in Wider­spruch zur arbeits­markt­ori­en­tier­ten Per­spek­ti­ve tre­ten, wenn­gleich das Gros bis­he­ri­ger Unter­su­chun­gen zur Bil­dungs­un­gleich­heit doch gezeigt hat, dass weni­ger die von PISA bewer­te­ten ‚Qua­li­fi­ka­tio­nen‘, son­dern viel­mehr mate­ri­el­le Mit­tel, kul­tu­rel­les Kapi­tal und ent­spre­chen­de Habi­tus Vor­aus­set­zun­gen für schu­li­schen Erfolg sind.


[1] Damit sol­len die posi­ti­ven Effek­te der Schu­le nicht igno­riert wer­den, nur sind die­se auch ohne der­ar­ti­ge Insti­tu­ti­on rea­li­sier­bar, wäh­rend die Selek­ti­ons- und Legi­ti­ma­ti­ons­funk­tio­nen dem Schul­we­sen eigen sind.

[2] Die­ser ein­ge­schränk­te sozio­lo­gi­sche Blick ist zum Teil sicher auch dem Umstand geschul­det, im Rah­men des poli­tisch Gewünsch­ten blei­ben zu wol­len, um über­haupt poli­ti­sches Gehör zu finden.


Lite­ra­tur:

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  2. Bitt­ling­may­er, U. H. (2006). Grund­zü­ge einer mehr­di­men­sio­na­len sozi­al­struk­tu­rel­len Sozia­li­sa­ti­ons­for­schung. In M. Grund­mann, D. Dra­ven­au, U. H. Bitt­ling­may­er, & W. Edel­stein, Hand­lungs­be­fä­hi­gung und Milieu. Zur Ana­ly­se milieu­spe­zi­fi­scher All­tags­prak­ti­ken und ihrer Ungleich­heits­re­le­vanz (S. 37–55). Ber­lin: LIT Verlag.
  3. Bitt­ling­may­er, U. H., & Grund­mann, M. (2006). Die Schu­le als (Mit-)Erzeugerin des sozia­len Raums. Zur Eta­blie­rung von Bil­dungs­mi­lieus im Zuge rapi­der Moder­ni­sie­rung. Das Bei­spiel Island. In M. Grund­mann, D. Dra­ven­au, U. H. Bitt­ling­may­er, & W. Edel­stein, Hand­lungs­be­fä­hi­gung und Milieu. Zur Ana­ly­se milieu­spe­zi­fi­scher All­tags­prak­ti­ken und ihrer Ungleich­heits­re­le­vanz (S. 75–95). Ber­lin: LIT Verlag.
  4. Bock, K. (2008). Ein­wür­fe zum Bil­dungs­be­griff. Fra­gen für die Kin­der- und Jugend­hil­fe­for­schung. In H.-U. Otto, & T. Rau­schen­bach (Hrsg.), Die ande­re Sei­te der Bil­dung. Zum Ver­hält­nis von for­mel­len und infor­mel­len Bil­dungs­pro­zes­sen (2. Auf­la­ge) (S. 91–105). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
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  6. Büch­ner, P. (2003). Stich­wort: Bil­dung und sozia­le Ungleich­heit. Zeit­schrift für Erzie­hungs­wis­sen­schaft, 6. Jahrg. (Heft 1/2003), S. 5–24.
  7. Grund­mann, M. (2011). Sozia­li­sa­ti­on – Erzie­hung – Bil­dung: Eine kri­ti­sche Begriffs­be­stim­mung. In R. Becker (Hrsg.), Lehr­buch der Bil­dungs­so­zio­lo­gie (2. Auf­la­ge) (S. 63–85). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  8. Grund­mann, M., Bitt­ling­may­er, U. H., Dra­ven­au, D., & Edel­stein, W. (2006). Bil­dungs­struk­tu­ren und sozi­al­struk­tu­rel­le Sozia­li­sa­ti­on. In M. Grund­mann, U. H. Bitt­ling­may­er, D. Dra­ven­au, & W. Edel­stein, Hand­lungs­be­fä­hi­gung und Milieu. Zur Ana­ly­se milieu­spe­zi­fi­scher All­tags­prak­ti­ken und ihrer Ungleich­heits­re­le­vanz (S. 13–35). Ber­lin: LIT Verlag.
  9. Grund­mann, M., Dra­ven­au, D., & Bitt­ling­may­er, U. H. (2006). Milieu­spe­zi­fi­sche Hand­lungs­be­fä­hi­gung an der Schnitt­stel­le zwi­schen Sozia­li­sa­ti­on, Ungleich­heit und Lebens­füh­rung? In M. Grund­mann, D. Dra­ven­au, U. H. Bitt­ling­may­er, & W. Edel­stein, Hand­lungs­be­fä­hi­gung und Milieu. Zur Ana­ly­se milieu­spe­zi­fi­scher All­tags­prak­ti­ken und ihrer Ungleich­heits­re­le­vanz (S. 237–251). Ber­lin: LIT Verlag.
  10. Hepp, R.-D. (2009). Das Feld der Bil­dung in der Sozio­lo­gie Pierre Bour­dieus: Sys­te­ma­ti­sche Vor­über­le­gun­gen. In B. Frie­berts­häu­ser, M. Rie­ger-Ladich, & L. Wig­ger (Hrsg.), Refle­xi­ve Erzie­hungs­wis­sen­schaft (2. Auf­la­ge) (S. 21–39). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  11. Holt, J. (1976). Ins­tead of Edu­ca­ti­on: Ways to Help Peo­p­le Do Things Bet­ter. New York: Dutton.
  12. Huis­ken, F. (2005). Der »PISA-Schock« und sei­ne Bewäl­ti­gung. Ham­burg: VSA-Verlag.
  13. Illich, I. (1995). Ent­schu­lung der Gesell­schaft. Mün­chen: Beck.
  14. Otto, H.-U., & Schröd­ter, M. (2010). „Kom­pe­ten­zen“ oder „Capa­bi­li­ties“ als Grund­be­griff einer kri­ti­schen Bil­dungs­for­schung und Bil­dungs­po­li­tik? In H.-H. Krü­ger, U. Rabe-Kle­berg, R.-T. Kra­mer, & J. Bud­de (Hrsg.), Bil­dungs­un­gleich­heit revi­si­ted (S. 163–183). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  15. Raidt, T. (2009). Bil­dungs­re­for­men nach PISA. Para­dig­men­wech­sel und Wer­te­wan­del (Diss.). Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf. Online ver­füg­bar unter: http://www.pisa-bildung.de/ (28.07.2012).
  16. Roh­lfs, C. (2011). Bil­dungs­ein­stel­lun­gen. Schu­le und for­ma­le Bil­dung aus der Per­spek­ti­ve von Schü­le­rin­nen und Schü­lern. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  17. Sol­ga, H. (2005). Meri­to­kra­tie – die moder­ne Legi­ti­ma­ti­on unglei­cher Bil­dungs­chan­cen. In P. A. Ber­ger, & H. Kah­lert (Hrsg.), Insti­tu­tio­na­li­sier­te Ungleich­hei­ten. Wie das Bil­dungs­we­sen Chan­cen blo­ckiert (S. 19–38). Wein­heim und Mün­chen: Juventa.
  18. Weber, M. (1980). Wirt­schaft und Gesell­schaft. Tübin­gen: Mohr (Sie­beck).

„In der Regel feh­len denen, die über Bil­dungs­ka­pi­tal in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ver­fü­gen, die ›rich­ti­gen‹ Infor­ma­tio­nen für eine in die höchs­ten Posi­tio­nen füh­ren­de Bil­dungs­in­ves­ti­ti­on, es fehlt ihnen die Ver­traut­heit mit den Struk­tu­ren und Wer­ten der Schu­le, und wo die­se nicht fehlt, wie zum Bei­spiel in den Fami­li­en der Leh­rer oder der klei­nen Beam­ten, da feh­len ihnen die mate­ri­el­le Sicher­heit und auch die Sicher­heit des Habi­tus, die jene ris­kan­ten Bil­dungs­we­ge ermög­li­chen wür­den, die den höchs­ten Gewinn ver­spre­chen“ (Krais & Gebau­er, 2002, S. 41).

Zusätz­lich zu einer kul­tu­rel­len und habi­tu­el­len Pas­sung, die sich als pri­mä­rer Her­kunfts­ef­fekt auf die schu­li­schen Leis­tun­gen aus­wirkt, ist die Bil­dungs­lauf­bahn inner­halb des Schul­sys­tems von zahl­rei­chen sich kumu­lie­ren­den Ent­schei­dun­gen geprägt, die je nach sozia­ler Her­kunft unter­schied­lich aus­fal­len, von der Wahl der vor­schu­li­schen Betreu­ung und der Grund­schu­le, über die wei­ter­füh­ren­de Schul­form, die Auf­nah­me einer beruf­li­chen Aus­bil­dung oder eines Stu­di­ums bis hin zur Wahl des spe­zi­fi­schen Stu­di­en­fachs. Die­se Bil­dungs­ent­schei­dun­gen sind vor allem in den ers­ten Abschnit­ten des Bil­dungs­ver­laufs wie etwa beim Über­gang von der Grund- in die wei­ter­füh­ren­de Schu­le elter­li­che Ent­schei­dun­gen, wäh­rend spä­ter auch der Schü­ler selbst die Ent­schei­dun­gen beein­flus­sen kann[1].

In der Bil­dungs­for­schung domi­nie­ren ver­schie­de­ne, auf Boudons (1974) Modell ratio­na­ler Wahl­ent­schei­dun­gen fußen­de Kon­zep­te (für einen Über­blick sie­he Maaz, Hau­sen, McEl­va­ny, & Bau­mert, 2006; Becker R., 2011; Stocké, 2010) die Erklä­rung der her­kunfts­spe­zi­fi­schen Bil­dungs­ent­schei­dun­gen, wie etwa die Theo­rie ratio­na­ler Bil­dungs­ent­schei­dun­gen (vgl. Erik­son & Jons­son, 1996), der mikro­theo­re­ti­sche Ansatz (vgl. Breen & Gold­thor­pe, 1997) oder die Wert-Erwar­tungs-Theo­rie (vgl. Esser, 1999). Der Kern all die­ser Theo­rien „besteht in der Annah­me, dass Indi­vi­du­en bei der Ent­schei­dungs­fin­dung kal­ku­lie­ren, wel­che Erträ­ge sich aus dem Besuch eines bestimm­ten Bil­dungs­gangs erge­ben und wel­che Kos­ten damit ver­bun­den sind“ (Maaz, Hau­sen, McEl­va­ny, & Bau­mert, 2006, S. 303; vgl. Hill­mert, 2007), dem­zu­fol­ge es sich bei Bil­dungs­ent­schei­dun­gen um zukunfts­ori­en­tier­te, nut­zen­ma­xi­mie­ren­de, ziel­ge­rich­te­te ratio­na­le Abwä­gung als „Teil der Lebens­pla­nung“ (Becker R., 2011, S. 107) han­de­le. Ver­all­ge­mei­nernd wird hier­zu das Motiv des Sta­tus­er­halts unter­stellt (vgl. Maaz, 2006; Maaz, Hau­sen, McEl­va­ny, & Bau­mert, 2006; Becker R., 2007; Hill­mert, 2007; Becker R., 2011), das als allei­ni­ges Motiv aller­dings bereits zu kurz greift, da milieu­spe­zi­fi­sche Ein­stel­lungs­mus­ter und Bil­dungs­aspi­ra­tio­nen gegen­über der Schu­le exis­tie­ren, die sich in ent­spre­chen­den her­kunfts­spe­zi­fi­schen ‚Stra­te­gien‘ äußern, sei­en es je nach Milieu etwa Auf­stiegs- oder Ver­mei­dungs­stra­te­gien. Damit ver­bun­den ist zudem die Fra­ge, wes­sen Nut­zen eigent­lich gemeint ist, wenn von Nut­zen­ma­xi­mie­rung gespro­chen wird (vgl. Dit­ton, 2007, S. 251) – der der Fami­lie, der des Kin­des oder gar ein gänz­lich anderer.

Die unglei­chen, her­kunfts­spe­zi­fi­schen Bil­dungs­ent­schei­dun­gen wer­den in die­sem Kon­text mit einer je nach sozia­ler Her­kunft unter­schied­lich aus­fal­len­den Ein­schät­zung und Bewer­tung der eige­nen Leis­tun­gen, des poten­ti­el­len Stu­di­en­erfolgs und des Kos­ten­ri­si­kos erklärt (vgl. Becker & Lau­ter­bach, 2007; Becker R., 2010), d.h. „[d]ie Ratio­na­li­tät der Bil­dungs­ent­schei­dung ergibt sich daher aus der (ver­nünf­ti­gen) Beach­tung von Mög­lich­kei­ten und Zwän­gen der Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, die wie­der­um mit der sozia­len Posi­ti­on der Fami­lie und ihren Res­sour­cen gege­ben sind“ (Becker R., 2007, S. 165). Wenn­gleich dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass der­ar­ti­ge „Eva­lua­tions- und Aus­wahl­pro­zes­se (…) nicht zwangs­läu­fig bewusst vor­ge­nom­men wer­den“ (Becker R., 2011, S. 127) müs­sen, wird doch immer wie­der betont, der­ar­ti­ge Bil­dungs­ent­schei­dun­gen basier­ten auf „kom­ple­xen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen, denen in der Regel mehr oder weni­ger umfas­sen­de Infor­ma­ti­ons­su­chen, selek­ti­ve Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tun­gen und dar­auf basie­ren­de Abwä­gungs­pro­zes­se vor­aus­ge­hen“ (ebd., S. 107) – hier wird ent­we­der ein Wider­spruch offen­bar, oder es han­delt sich um eine Ein­schrän­kung der latent ratio­na­lis­ti­schen Sicht­wei­se zuguns­ten ande­rer Erklä­rungs­an­sät­ze wie etwa unter Zuhil­fe­nah­me des Habi­tus­kon­zepts. Für letz­te­res spricht, dass zugleich ‚frames‘ und ‚habits‘ ange­führt wer­den, die zu siche­ren und ‚auto­ma­ti­schen Ent­schei­dun­gen‘ füh­ren sol­len, da sie „sich in der Ver­gan­gen­heit immer bewährt haben“ (ebd., S. 127) und es die „Unbe­stimmt­heit der kon­kre­ten Hand­lungs­si­tua­ti­on (…) mög­li­cher­wei­se struk­tu­rell unmög­lich [macht], i.e.S. ‚ratio­nal’ zu han­deln“ (Hill­mert, 2007, S. 92), wes­we­gen auf bewähr­te, erfah­rungs­mä­ßi­ge (und eher unbe­wuss­te) Hand­lungs­me­cha­nis­men zurück­ge­grif­fen wer­den muss.

In die­sem Sin­ne soll das Kon­zept der ratio­na­len Wahl mit jenem des Habi­tus ver­bun­den wer­den, da „ratio­na­le Ent­schei­dun­gen übli­cher­wei­se mit den inkor­po­rier­ten Sche­ma­ta des Habi­tus weit­ge­hend zusam­men­fal­len“ (Lan­ge-Ves­ter & Tei­wes-Küg­ler, 2006, S. 60; vgl. Ves­ter, 2006; Grund­mann, 2006), was nichts ande­res bedeu­tet, als dass ein Indi­vi­du­um die objek­ti­ven Per­spek­ti­ven, Chan­cen und Wahr­schein­lich­kei­ten habi­tu­ell ver­in­ner­licht hat, die somit zur Grund­la­ge der eige­nen, sub­jek­ti­ven her­kunfts­spe­zi­fi­schen Ratio­na­li­tät gewor­den sind, sodass objek­ti­ve Mög­lich­kei­ten und sub­jek­ti­ve Ent­schei­dun­gen in einer Art Wahl der wahr­schein­lichs­ten Zukunft – ver­mit­telt über die impli­zi­te Kom­pli­zen­schaft des Habi­tus mit den ihn erzeu­gen­den Struk­tu­ren – in der Regel über­ein­stim­men, da der Habi­tus und der mit ihm ein­her­ge­hen­de prak­ti­sche Sinn als „Natur gewor­de­ne, in moto­ri­sche Sche­ma­ta und auto­ma­ti­sche Kör­per­re­ak­tio­nen ver­wan­del­te gesell­schaft­li­che Not­wen­dig­keit“ (Bour­dieu, 1987b, S. 127; vgl. Krais & Gebau­er, 2002) eine Ratio­na­li­tät erzeugt, die den erfah­re­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den am bes­ten ange­passt ist: „Ob die Wahl eines Stu­di­ums oder die Ent­schei­dung für einen Lehr­be­ruf eher ratio­nal kal­ku­lie­rend oder eher ohne spe­zi­fi­sche Kal­ku­la­ti­on erfolgt, lässt sich des­halb oft gar nicht unter­schei­den, weil bei­de Logi­ken des Han­delns zu über­ein­stim­men­den Ergeb­nis­sen füh­ren“ (Lan­ge-Ves­ter & Tei­wes-Küg­ler, 2006, S. 60) und „Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen dem Wil­len der Akteu­re und den Len­kun­gen des Bil­dungs­sys­tems die Regel sind“ (Lan­ge-Ves­ter, 2009, S. 273). Wenn also eine ratio­na­le Wahl per Beob­ach­tung kon­stru­iert wird, heißt das nicht zwangs­läu­fig, dass der Akteur die­se auch bewusst als ratio­na­le Wahl erfah­ren bzw. voll­zo­gen hat, da „bewuss­tes und kal­ku­lie­ren­des Han­deln im All­tag von Men­schen einen Son­der­fall, kei­nes­wegs den ‚Nor­mal­mo­dus‘ des Han­delns dar­stellt“ (Bitt­ling­may­er, 2006, S. 45; vgl. Ves­ter, 2004), sind doch die „ein­träg­lichs­ten Stra­te­gien (…) meist die, wel­che außer­halb jeder Berech­nung (…) erzeugt wer­den“ (Bour­dieu, 1987a, S. 116), wes­halb zwar „eine sehr enge Kor­re­la­ti­on zwi­schen wis­sen­schaft­lich kon­stru­ier­ten objek­ti­ven Wahr­schein­lich­kei­ten (…) und sub­jek­ti­ven Erwar­tun­gen“ (ebd., S. 100) fest­ge­stellt wer­den kann, die aber nicht als Beleg für bewusst-kal­ku­lie­ren­des Han­deln miss­ver­stan­den wer­den soll­te (vgl. ebd.; Krais & Gebau­er, 2002; Wig­ger, 2009; Bour­dieu & Wac­quant, 1996).

Über den Habi­tus wer­den in der Regel „die unwahr­schein­lichs­ten Prak­ti­ken (…) durch eine Sofort­un­ter­wer­fung unter die Ord­nung, die aus der Not gern eine Tugend macht, also Abge­lehn­tes ver­wirft und Unver­meid­li­ches will, als undenk­ba­re aus­ge­schie­den“ (Bour­dieu, 1987a, S. 100), bevor über­haupt eine bewusst-kal­ku­lie­ren­de Abwä­gung statt­fin­den kann; so zum Bei­spiel im Fall des schul­ab­leh­nen­den Ver­hal­tens unter Kin­dern aus schul­bil­dungs­fer­nen Milieus, denn hier­bei wer­den die Spiel­re­geln von vorn­her­ein abge­lehnt, das Spiel nicht aner­kannt, weil die ohne­hin gerin­gen objek­ti­ven Erfolgs­chan­cen bereits habi­tu­ell ver­in­ner­licht wor­den sind. Bil­dungs­stra­te­gien und ratio­na­le Bil­dungs­ent­schei­dun­gen kön­nen somit nicht anders begrif­fen wer­den denn als „eine (impli­zi­te) Ver­nünf­tig­keit der Hand­lungs­plä­ne, wie sie sich aus dem Habi­tus des Indi­vi­du­ums bzw. der Fami­lie und aus der jewei­li­gen Posi­ti­on im sozia­len Raum ergibt“ (Bra­ke & Büch­ner, 2009, S. 69), dem­entspre­chend die­se Ver­nünf­tig­keit mit den jeweils milieu­spe­zi­fi­schen All­tags­prak­ti­ken, deren Zusam­men­wir­ken mit dem Hand­lungs­feld Schu­le, der unter­schied­li­chen Schul­nä­he und der Wert­schät­zung der Schu­le als auch der von der Schu­le erfah­re­nen Wert­schät­zung vari­iert (vgl. Lan­ge-Ves­ter & Tei­wes-Küg­ler, 2006; Grund­mann, 2006) und nicht objek­tiv fass­bar, son­dern nur anhand der sub­jek­ti­ven Dis­po­si­tio­nen erklär­bar ist.

Jeder ratio­na­lis­ti­sche Erklä­rungs­an­satz der Bil­dungs­ent­schei­dun­gen ist folg­lich „intel­lek­tu­ello­zen­trisch“ (Bour­dieu & Wac­quant, 1996, S. 153) und begeht daher den Feh­ler, objek­tiv fest­stell­ba­re Stra­te­gien als sub­jek­ti­ve Stra­te­gien zu inter­pre­tie­ren und dahin­ge­hend umzu­deu­ten (vgl. Bour­dieu, 1998, S. 207 & 210; Bour­dieu & Wac­quant, 1996, S. 100; Krais & Gebau­er, 2002, S. 23), womit er einer retro­spek­ti­ven Illu­si­on auf­liegt, indem „die objek­tiv fina­li­sier­te Akti­on des Habi­tus als das Ergeb­nis einer bewuss­ten und kal­ku­lier­ten (…) Stra­te­gie auf­ge­fasst wird und nicht als eine objek­ti­ve Stra­te­gie, die ihren Erfolg viel­fach nur ihrer Unbe­wusst­heit (…) ver­dankt“ (Bour­dieu, 2011, S. 25), zumal es tri­vi­al bis tau­to­lo­gisch anmu­tet zu kon­sta­tie­ren, Akteu­re ent­schie­den sich in einem ratio­na­len Pro­zess für die­je­ni­ge Alter­na­ti­ve, die bei ratio­na­ler Abwä­gung am sinn­volls­ten sei.

Hin­zu kom­men Kon­flikt­ver­hält­nis­se zwi­schen All­tags­pra­xis und schu­li­scher Pra­xis, die maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die jeweils ver­folg­ten Bil­dungs­stra­te­gien aus­üben. In den unte­ren, schulbildungsferne(re)n Milieus pro­vo­ziert die Schu­le einen „kon­flikt­haf­te Gegen­satz, der hier zwi­schen lebens­welt­lich rele­van­ter und insti­tu­tio­nell gefor­der­ter Bil­dung besteht“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2007, S. 48; vgl. Bitt­ling­may­er & Grund­mann, 2006; Dra­ven­au & Groh-Sam­berg, 2005), der letz­ten Endes eine die sozia­le Iden­ti­tät mas­siv beein­träch­ti­gen­de Bil­dungs­ent­schei­dung her­vor­ruft, die zuguns­ten der Schu­le und gegen das Her­kunfts­mi­lieu oder zuguns­ten des Her­kunfts­mi­lieus und gegen die Schu­le aus­fällt, denn jene „Hand­lungs­be­fä­hi­gun­gen und Kom­pe­ten­zen, die in der einen Welt zäh­len, sind in der jeweils ande­ren nichts wert“ (ebd., S. 49). Spä­tes­tens an die­ser Stel­le soll­te deut­lich wer­den, dass eine rein auf Nut­zen­ma­xi­mie­rung und ratio­na­le Abwä­gung fokus­sier­te Ana­ly­se der­ar­ti­ge iden­ti­täts­stif­ten­de oder ‑bedro­hen­de Ein­flüs­se und poten­ti­el­le Ent­frem­dungs­pro­zes­se größ­ten­teils igno­riert und nur eine lücken­haf­te Erklä­rung leis­ten kann, die der Akteurs­per­spek­ti­ve kaum gerecht wird, da auch die zu erwar­ten­de Ent­frem­dung und Ent­beh­rung und die damit ein­her­ge­hen­den Zumu­tun­gen in die Bil­dungs­ent­schei­dun­gen ein­ge­hen (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Edel­stein, 2006). Die vor allem bei Fami­li­en mit nied­ri­gem Bil­dungs­sta­tus zu beob­ach­ten­de Selbst­eli­mi­nie­rung aus dem Schul­sys­tem, d.h. die Wahl wenig ertrag­rei­cher Bil­dungs­lauf­bah­nen, der Abbruch der­sel­ben oder die Ent­wick­lung von Gegen­wel­ten kann dar­um als Selbst­schutz ver­stan­den wer­den, um „der wei­te­ren Kon­fron­ta­ti­on mit den lebens­welt­lich inkom­men­sur­a­blen Impe­ra­ti­ven schu­li­scher Bil­dung aus dem Weg [zu] gehen“ (Grund­mann, Groh-Sam­berg, Bitt­ling­may­er, & Bau­er, 2003, S. 39; vgl. Dit­ton, 2010; Dra­ven­au, 2006).

Unzu­rei­chen­de ana­ly­ti­sche Schär­fe wei­sen die Ratio­nal-Choice-Theo­rien auch hin­sicht­lich des her­kunfts­spe­zi­fi­schen Zeit­ho­ri­zonts bei der Bil­dungs­pla­nung auf (vgl. Becker R., 2010; Becker R., 2011; Dit­ton, 2007), der von der mate­ri­el­len und kul­tu­rel­len Situa­ti­on der Fami­lie abhän­gig ist. Die Vor­stel­lung im Kon­text der Theo­rien ratio­na­ler Wahl lau­tet ver­ein­facht aus­ge­drückt: Auf­grund der mate­ri­el­len Situa­ti­on und weil die Aus­bil­dungs­we­ge unter­schied­li­che Kos­ten und Nut­zen auf­wei­sen, wird von den Akteu­ren in einem mehr oder weni­ger ratio­na­len Pro­zess der bewuss­te Zeit­ho­ri­zont ange­passt, der für Pla­nun­gen zur Ver­fü­gung steht. Die­se Vor­stel­lung ist erneut als ratio­na­lis­tisch zurück­zu­wei­sen, da sich der her­kunfts­spe­zi­fi­sche Zeit­ho­ri­zont nicht nur in ratio­na­ler Betrach­tung und dem Maß der kal­ku­lie­ren­den Vor­aus­pla­nung äußert, son­dern auch im Den­ken, der Wahr­neh­mung und somit dem Habi­tus an sich (vgl. Bour­dieu, 2000; Gar­ham­mer, 2002; Levi­ne, 1999). Da unte­re, schul­bil­dungs­fer­ne Milieus über kaum mate­ri­el­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal ver­fü­gen und „lebens­welt­lich gera­de dar­auf ange­wie­sen sind, nur gerin­ge Erwar­tun­gen an ihre Zukunft, an die Plan­bar­keit ihres Lebens und an län­ger­fris­ti­ge Zie­le und bio­gra­fi­sche ‚Pro­jek­te‘ zu stel­len“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2007, S. 56), ent­wi­ckeln sie einen Habi­tus der Not, der als ein­zi­ge lebens­welt­lich prak­ti­ka­ble Stra­te­gie auf Hedo­nis­mus und das Genie­ßen des im Augen­blick Gege­be­nen setzt (vgl. Bour­dieu, 1982, S. 297) und damit den Zeit­ho­ri­zont stark ein­schränkt – dies aller­dings nicht als Ergeb­nis bewuss­ter Pro­zes­se, son­dern im Sin­ne einer habi­tu­el­len Anpas­sung an die lebens­welt­li­chen Erfor­der­nis­se. Dies bedeu­tet, für ris­kan­te­re Aus­bil­dungs­gän­ge und umfas­sen­de Bil­dungs­pla­nun­gen kön­nen sich haupt­säch­lich sol­che Akteu­re ent­schei­den, die über einen ent­spre­chen­den habi­tu­el­len Zeit­ho­ri­zont und die die­sem zugrun­de­lie­gen­de öko­no­mi­sche Grund­la­ge ver­fü­gen, wohin­ge­gen in „unbe­re­chen­ba­ren Lebens­ver­hält­nis­sen (…) das Ethos plan­mä­ßi­ger Lebens­füh­rung wenig [nutzt]“ (Ves­ter, 2004, S. 46), da es mit den all­täg­li­chen Pra­xen, die zum (Über-)Leben im Her­kunfts­mi­lieu not­wen­dig sind, kollidiert.

Ver­meint­lich irra­tio­na­le Bil­dungs­ent­schei­dun­gen, wie etwa die Wahl der Real­schu­le statt des Gym­na­si­ums oder der Abbruch eines Stu­di­ums, sind folg­lich nicht als irra­tio­nal im eigent­li­chen Sin­ne zu begrei­fen, da dies die jeweils her­kunfts­spe­zi­fi­sche Ratio­na­li­tät ver­ken­nen wür­de, auf der die Ent­schei­dun­gen basie­ren, ohne dabei zwin­gend Aus­druck sub­jek­tiv ratio­na­ler Ent­schei­dun­gen zu sein, „son­dern sie kön­nen im jewei­li­gen sozia­len Kon­text funk­tio­nal sein“ (Hill­mert, 2007, S. 91; vgl. Bitt­ling­may­er, 2006; Dra­ven­au, 2006; Grund­mann, 2006) und ledig­lich unter­schied­li­che Anschluss­fä­hig­keit an die Anfor­de­run­gen des insti­tu­tio­na­li­sier­ten Bil­dungs­we­sens aufweisen:

„Jede Ein­zel­ent­schei­dung, durch die sich ein Kind vom wei­te­ren Bil­dungs­auf­stieg aus­schließt oder in einen aus­sicht­lo­sen Zweig rele­gie­ren läßt, resul­tiert, selbst wenn sie durch den Druck inne­rer Beru­fung oder die Fest­stel­lung unzu­rei­chen­der Befä­hi­gung erzwun­gen scheint, aus der Gesamt­heit der objek­ti­ven Rela­tio­nen zwi­schen sozia­ler Klas­se und Bil­dungs­sys­tem“ (Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971, S. 178).

Am Bei­spiel des Stu­di­ums lässt sich das Dar­ge­leg­te exem­pla­risch ver­deut­li­chen. Selbst bei ver­gleich­ba­ren schu­li­schen Leis­tun­gen wei­sen Kin­der aus Fami­li­en mit hoher for­ma­ler Bil­dung eine deut­lich stär­ke­re Stu­di­en­in­ten­ti­on auf als Kin­der aus schul­bil­dungs­fer­nen Milieus (vgl. Maaz, 2006; Reemts­ma Begab­ten­för­de­rungs­werk, 2009; Autoren­grup­pe Bil­dungs­be­richt­erstat­tung, 2010) und neh­men auch dann eher ein Stu­di­um auf, wenn sie sich selbst schlech­te Leis­tun­gen attes­tie­ren und nied­ri­ge Erfolgs­er­war­tun­gen haben (vgl. Becker R., 2010). Stu­den­ten aus unte­ren Milieus den­ken außer­dem häu­fi­ger an Stu­di­en­ab­bruch (vgl. Lan­ge-Ves­ter & Tei­wes-Küg­ler, 2004) – nicht sel­ten, weil sie einen stär­ke­ren Pra­xis­be­zug ver­mis­sen (vgl. Reemts­ma Begab­ten­för­de­rungs­werk, 2009, S. 29), was die sozia­le Distanz zu abs­trak­ter Bil­dung ver­deut­licht – und geben als Aus­druck des schul­bil­dungs­fer­nen Habi­tus einen gene­rell höhe­ren Bera­tungs­be­darf an (vgl. Isser­stedt, Mid­den­dorff, Kan­dul­la, Bor­chert, & Leszc­zen­sky, 2010, S. 35 & 461).

Ent­frem­dung, insti­tu­tio­nel­le Steue­rung und man­geln­de Pas­sungs­ver­hält­nis­se erwe­cken den Anschein, als sei­en es die Indi­vi­du­en selbst, die ihre Bil­dungs­we­ge wäh­len, sich durch­set­zen oder eli­mi­nie­ren las­sen, obwohl viel­mehr unter­schied­li­che Bil­dungs­stra­te­gien, diver­gie­ren­de Zeit­ho­ri­zon­te, impli­zi­te und expli­zi­te Zwän­ge und sym­bo­li­sche Gewalt, letzt­lich also Habi­tus­un­ter­schie­de und die in der Her­kunfts­fa­mi­lie vor­lie­gen­de Kapi­tal­aus­stat­tung für die Selbst­eli­mi­nie­run­gen aus dem Bil­dungs­sys­tem ver­ant­wort­lich sind (vgl. Ves­ter, 2004; Lan­ge-Ves­ter, 2009).


[1] Gemeint ist hier­mit die geziel­te, bewuss­te Beein­flus­sung der kon­kre­ten Bil­dungs­ent­schei­dung – die schu­li­schen Leis­tun­gen eines Schü­lers tra­gen ohne­hin zur Ent­schei­dungs­fin­dung bei, sei es als limi­tie­ren­der Fak­tor oder als Zugangsberechtigung.


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Leis­tungs­ge­sell­schaft oder Meri­to­kra­tie bedeu­tet sinn­ge­mäß eine „Herr­schafts­ord­nung nach Maß­ga­be von Bega­bung und Leis­tungs­fä­hig­keit des Ein­zel­nen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39), wonach sozia­le Unter­schie­de nicht per se als unge­recht ange­se­hen wer­den, solan­ge sie das Ergeb­nis indi­vi­du­el­ler Leis­tungs­un­ter­schie­de sind (vgl. Hill­mert, 2007). Her­vor­ge­ho­ben wird von einem libe­ra­len Stand­punkt, dass eine meri­to­kra­ti­sche Gesell­schaft fai­rer und frei­heit­li­cher erschei­ne als ein Wohl­fahrts­staat, der „durch geziel­te Ein­grif­fe in die Lebens­um­stän­de von Men­schen indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Chan­cen­gleich­heit her­zu­stel­len“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 38) ver­sucht. Chan­cen­gleich­heit wird nach die­ser Auf­fas­sung ledig­lich als Siche­rung glei­cher Start­chan­cen ver­stan­den, auf deren Basis indi­vi­du­el­le Leis­tung den wei­te­ren Erfolg deter­mi­nie­ren soll, womit der Staat sei­ne gesell­schafts­for­men­den Ansprü­che auf­gibt und ein Modell for­ma­ler Gleich­be­hand­lung zugrun­de legt. Bei­des ist eben­so zutref­fend für das Schul­sys­tem als Ver­tre­ter der staat­li­chen Ord­nung. Ein­kom­mens- und Macht­un­ter­schie­de wie auch Bil­dungs­un­gleich­hei­ten wer­den in die­sem Kon­text zunächst als legi­tim betrach­tet, wenn kei­ne leis­tungs­frem­den Ein­flüs­se die­se Ungleich­hei­ten mit­be­stim­men, denn die „Rege­lung des Zugangs zu begehr­ten und knap­pen sozia­len Posi­tio­nen soll­te in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft nach Leis­tung, Kön­nen und Anstren­gung, d.h. nach nach­voll­zieh­ba­ren und gesell­schaft­lich akzep­tier­ten bzw. all­ge­mein als gerecht emp­fun­de­nen Kri­te­ri­en, erfol­gen“ (Dit­ton, 2007, S. 244; vgl. Becker & Hadjar, 2011).

Sind die resul­tie­ren­den Leis­tungs­un­ter­schie­de in der Ver­gan­gen­heit haupt­säch­lich mit der unglei­chen Ver­tei­lung von Intel­li­genz und soge­nann­ten Bega­bun­gen und Talen­ten erklärt wor­den, die aller­dings ihrer­seits bereits sozia­le Kon­struk­tio­nen und kei­ne natür­li­chen Eigen­schaf­ten dar­stel­len (vgl. Sol­ga, 2005), so sind der­ar­ti­ge Bio­lo­gis­men heut­zu­ta­ge gegen­über der Vor­stel­lung von Fleiß und Anstren­gung in den Hin­ter­grund getre­ten[1] (vgl. Hill­mert, 2007), was bedeu­tet, wer eine erfolg­rei­che schu­li­sche Aus­bil­dung und viel­leicht ein Stu­di­um absol­viert hat, habe sich gemäß der meri­to­kra­ti­schen Idee für die­se Bil­dungs­zer­ti­fi­ka­te und die mit ihnen ein­her­ge­hen­den Ein­kom­mens- und Lebens­chan­cen folg­lich durch Kom­pe­tenz und Anstren­gung qua­li­fi­ziert. Die­se Erklä­rung ist aller­dings in Fra­ge zu stel­len, da unter­schied­li­che Anstren­gun­gen kaum Beach­tung fin­den – ein Arbei­ter­kind bei­spiels­wei­se hat auf dem Weg zum erfolg­rei­chen Abschluss eines Stu­di­ums weit­aus höhe­re Hür­den zu über­win­den als ein Aka­de­mi­ker­kind, doch fin­det dies in den Bil­dungs­zer­ti­fi­ka­ten kei­ner­lei Wür­di­gung, son­dern wird als Fol­ge der for­ma­len Gleich­heit aller Bil­dungs­teil­neh­mer viel­mehr neu­tra­li­siert (vgl. Sol­ga, 2005, S. 26). Ver­ges­sen wird zudem, dass Leis­tung, Fleiß und Anstren­gung nicht als objek­ti­ve Kate­go­rien vor­aus­ge­setzt wer­den kön­nen (vgl. Becker & Hadjar, 2011, S. 54), da die Defi­ni­ti­on von Leis­tung stets nur aus einer sozia­len Posi­ti­on her­aus und mit bestimm­ten Vor­stel­lun­gen des­sen, was sich hin­ter dem Begriff ver­birgt, defi­niert und durch­ge­setzt wer­den kann, und zwar von jenen Akteu­ren, die die gesell­schaft­li­che (Deutungs-)Macht innehaben.

Gene­rell wird sozia­le Ungleich­heit im Sin­ne der meri­to­kra­ti­schen Ord­nung als ver­meint­lich not­wen­di­ges gesell­schaft­li­ches Anreiz­sys­tem betrach­tet, in dem die Knapp­heit hoher, pres­ti­ge- und ein­kom­mens­träch­ti­ger Posi­tio­nen die gesell­schaft­li­chen Akteu­re zum all­ge­mei­nen – vor­ran­ging über Bil­dung voll­zo­ge­nen – Wett­be­werb moti­vie­ren und so schließ­lich die Leis­tungs­fä­higs­ten offen­ba­ren soll (vgl. Becker & Hadjar, 2011; Sol­ga, 2005). Die­se Annah­me erscheint schon logisch-deduk­tiv frag­wür­dig, da ein sol­cher Anreiz vor allem Akteu­re moti­vie­ren dürf­te, die Inter­es­se an einem hohen Ein­kom­men und Anse­hen haben, ohne aber ver­läss­li­che Aus­sa­gen über (rela­ti­ve) Leis­tungs­fä­hig­keit zuzu­las­sen. Para­dox ist wei­ter­hin der Umstand, dass Meri­to­kra­tie nach den eige­nen Maß­stä­ben prin­zi­pi­ell nur in einer nicht-hier­ar­chi­sier­ten Gesell­schaft über­haupt stö­rungs­frei funk­tio­nie­ren kann, wenn also kei­ne Effek­te sozia­ler Hier­ar­chi­sie­rung wir­ken kön­nen, was das Prin­zip als sol­ches aller­dings ad absur­dum führt, da Meri­to­kra­tie ihrer­seits eine Hier­ar­chi­sie­rung zur Fol­ge hat und die­se legitimiert.

Inner­halb der real exis­tie­ren­den Meri­to­kra­tie hin­ge­gen kön­nen Leis­tungs­merk­ma­le nicht unab­hän­gig von leis­tungs­frem­den Ein­flüs­sen durch die sozia­le Her­kunft betrach­tet wer­den, womit „ent­ge­gen aller (meri­to­kra­ti­schen) Rhe­to­rik die Zer­ti­fi­zie­rung von Bil­dungs­leis­tun­gen sowie insti­tu­tio­nell unter­schied­li­che Bil­dungs­lauf­bah­nen, deren Zugang über die (gezeig­te und bewer­te­te) vor­an­ge­gan­ge­ne Leis­tung gesteu­ert wird, not­wen­di­ger­wei­se (!) mit Her­kunfts­un­ter­schie­den in der Schu­le ver­bun­den sind“ (Sol­ga, 2005, S. 20; vgl. Are­ns, 2007). Das Ergeb­nis der meri­to­kra­ti­schen Logik, die auf for­ma­le Gleich­be­hand­lung aller Akteu­re ohne Berück­sich­ti­gung ihrer sozia­len Her­kunft setzt und die her­kunfts­spe­zi­fi­schen kul­tu­rel­len Unter­schie­de damit voll­stän­dig igno­riert, steht infol­ge­des­sen im Wider­spruch zu deren Ver­hei­ßun­gen: „Gera­de weil Leis­tung zählt und nicht die Her­kunft, ergibt sich, dass schluss­end­lich (…) durch die Anwen­dung des Leis­tungs­prin­zips die Her­kunft dar­über ent­schei­det, wer an den glei­chen Anfor­de­run­gen schei­tert und wer sich im schu­li­schen Leis­tungs­ver­gleich durch­setzt“ (Huis­ken, 2005, S. 37; vgl. Sol­ga, 2005):

„[I]ndem das Schul­sys­tem alle Schü­ler, wie ungleich sie auch in Wirk­lich­keit sein mögen, in ihren Rech­ten wie Pflich­ten gleich behan­delt, sank­tio­niert es fak­tisch die ursprüng­li­che Ungleich­heit gegen­über der Kul­tur“ (Bour­dieu, 2001a, S. 39).

Struk­tu­rel­le Ursa­chen der Bil­dungs­un­gleich­heit wer­den durch die indi­vi­dua­li­sier­te Erklä­rung über Leis­tung in den Hin­ter­grund gedrängt, es fin­det eine ver­meint­li­che „Ablö­sung kate­go­ri­al defi­nier­ter Ungleich­heit nach Status/Klasse/Schicht (sowie auch Geschlecht) durch eine indi­vi­du­ell defi­nier­te Ungleich­heit nach Leis­tung“ (Sol­ga, 2005, S. 28; vgl. Sol­ga & Wag­ner, 2007; Bitt­ling­may­er, 2006) statt, infol­ge derer sich die vom Bil­dungs­sys­tem Beur­teil­ten ihren Erfolg oder Miss­erfolg selbst zuschreiben:

„Die hier glei­cher­ma­ßen erfahr­ba­ren For­men struk­tu­rel­ler und sym­bo­li­scher Gewalt wer­den für die Deklas­sier­ten und Dequa­li­fi­zier­ten umso leid­vol­ler und ent­waff­nen­der, als sie unter den Vor­zei­chen und Ver­hei­ßun­gen einer an indi­vi­du­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung und ‑behaup­tung ori­en­tier­ten ‚Gesell­schaft der Indi­vi­du­en‘ die Schuld für ihr Ver­sa­gen zwangs­läu­fig bei sich selbst suchen und dann wohl auch ent­de­cken wer­den müs­sen“ (Schult­heis, 2009, S. 264).

In Anbe­tracht der bis­he­ri­gen Aus­füh­run­gen und der in Bil­dungs­stu­di­en immer wie­der fest­ge­stell­ten sozia­len Bil­dungs­un­gleich­hei­ten kann Meri­to­kra­tie nicht anders denn als Ideo­lo­gie begrif­fen wer­den, die „die Akzep­tanz der sozia­len Ord­nung und damit die Sta­bi­li­tät der Gesell­schaft“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 50) för­dern soll und als „nor­ma­ti­ve Selbst­de­fi­ni­ti­on moder­ner Gesell­schaf­ten für die Begrün­dung und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­hei­ten“ (Sol­ga, 2005, S. 23) fun­giert, sodass die gesamt­ge­sell­schaft­li­chen sozia­len Ungleich­hei­ten wie auch Bil­dungs­un­gleich­hei­ten als legi­ti­me Ungleich­hei­ten wahr­ge­nom­men wer­den. Sie ist somit unter Ein­nah­me einer sys­tem­funk­tio­na­len Per­spek­ti­ve allen­falls ein ‚neces­sa­ry myth‘, „weil die Akzep­tanz des meri­to­kra­ti­schen Prin­zips in der Gesell­schaft zum einen die Her­an­zie­hung askrip­ti­ver Prin­zi­pi­en bei der Ver­ga­be von Posi­tio­nen und Beloh­nun­gen ver­drängt hat und zum ande­ren das Prin­zip den­noch (sic!) moti­vie­rend wirkt, durch Leis­tung eine pri­vi­le­gier­te Posi­ti­on in der Gesell­schaft zu errei­chen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 58) – ers­te­res ist aller­dings eine rela­ti­vis­ti­sche Per­spek­ti­ve, die nicht ein­mal zutref­fend ist, da das meri­to­kra­ti­sche Prin­zip die Her­an­zie­hung askrip­ti­ver Merk­ma­le bloß ver­schlei­ert (vgl. Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971, S. 225f), nicht ersetzt, wohin­ge­gen letz­te­res schon fast zynisch erscheint, denn „[w]ie weit eine sozia­le Grup­pe im meri­to­kra­ti­schen Wett­be­werb gekom­men ist, hängt dabei ent­schei­dend von ihrem Start­ka­pi­tal an Bil­dung, Besitz und sozia­len Bezie­hun­gen ab“ (Ves­ter, 2004, S. 19).

Hier­ar­chi­sie­rung von Bil­dung & Kultur

„Die Schu­le ist eine gesell­schaft­li­che Insti­tu­ti­on zur Ver­mitt­lung der legi­ti­men Kul­tur“ (Krais, 2004, S. 122).

Das mit der meri­to­kra­ti­schen Ideo­lo­gie ver­bun­de­ne Kon­zept der for­ma­len Gleich­heit, das im Kon­text der Schu­le kul­tu­rel­le und habi­tu­el­le Unter­schie­de der Schü­ler igno­riert, obwohl sie ent­schei­dend zu Erfolg oder Miss­erfolg bei­tra­gen, führt damit zu For­men kul­tu­rel­ler Pas­sung als Pro­dukt einer „sys­te­mi­schen Stan­dar­di­sie­rung, die sozu­sa­gen zwangs­läu­fig sozia­le Erfah­rungs­dif­fe­ren­zen in den Bil­dungs­um­wel­ten außer­halb des insti­tu­tio­na­li­sier­ten Bil­dungs­we­sens unbe­rück­sich­tigt lässt“ (Grund­mann, Groh-Sam­berg, Bitt­ling­may­er, & Bau­er, 2003, S. 36). Die­se Stan­dar­di­sie­rung, die blind gegen­über kul­tu­rel­len Her­kunfts­un­ter­schie­den und milieu­spe­zi­fi­schen Bil­dungs­in­hal­ten ist, führt de fac­to zu einer Hier­ar­chi­sie­rung von Kul­tur und der sie inkor­po­rie­ren­den Habi­tus, da sie die Schü­ler unab­hän­gig von deren Her­kunft anhand ein und der­sel­ben nor­ma­ti­ven Scha­blo­ne bewer­tet, wes­halb schul­bil­dungs­na­he Milieus von die­ser Stan­dar­di­sie­rung pro­fi­tie­ren – sie „muss als Stan­dar­di­sie­rungs­in­stanz des Wis­sens mit offen­si­vem Neu­tra­li­täts­an­spruch ver­stan­den wer­den, die bestimm­te Wis­sens­for­men ver­mit­telt und die beson­de­re kind­li­che und jugend­li­che Hand­lungs­stra­te­gien belohnt oder bestraft“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Edel­stein, 2006, S. 16; vgl. Grund­mann, Dra­ven­au, & Bitt­ling­may­er, 2006).

Einem Schü­ler bleibt nichts ande­res übrig, als die her­kunfts­spe­zi­fi­sche Kul­tur in die Schu­le hin­ein­zu­tra­gen, dort anzu­bie­ten und von die­ser in die kul­tu­rel­le Hier­ar­chie ein­ord­nen zu las­sen, was aller­dings nicht expli­zit geschieht, son­dern unter dem Deck­man­tel der for­ma­len Gleich­be­hand­lung. Unter­schied­li­che Habi­tus und kul­tu­rel­le Pra­xen unter­schei­den sich letzt­lich nur dar­in, „dass sie von unter­schied­li­chen sozia­len Grup­pen unter­schied­lich wert­ge­schätzt wer­den“ (Bitt­ling­may­er, 2006, S. 47), die Schu­le die­se unter­schied­li­che Wert­schät­zung aller­dings abso­lut setzt und ihr zu All­ge­mein­gül­tig­keit ver­hilft – die abs­trak­te Bil­dung bei­spiels­wei­se, die in der Schu­le vor­herr­schend ist, erfährt Wert­schät­zung vor allem in den obe­ren Milieus, wäh­rend sie in unte­ren Milieus den all­täg­li­chen Anfor­de­run­gen wider­spricht, den­noch wird sie qua Schu­le zum all­ge­mei­nen Maß­stab der Bewer­tung und zum Inbe­griff von Bil­dung an sich. Es kommt zu einer Auf­wer­tung bzw. Aner­ken­nung der einen und gleich­zei­ti­gen Abwer­tung der ande­ren All­tags­prak­ti­ken der jewei­li­gen Her­kunfts­mi­lieus, d.h. „die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Bil­dung ist gleich­be­deu­tend mit der selek­ti­ven Bewer­tung von Bil­dungs­pro­zes­sen und der hier­ar­chi­schen Dif­fe­ren­zie­rung von Bil­dungs­gän­gen und ‑zer­ti­fi­ka­ten“ (Dra­ven­au & Groh-Sam­berg, 2005, S. 117; vgl. Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2004).

Jene kul­tu­rel­le Igno­ranz gegen­über milieu­spe­zi­fi­schen Bil­dungs­pro­zes­sen, All­tags­pra­xen und Habi­tus führt unwei­ger­lich zu einer Defi­zit­lo­gik, die von den schu­li­schen Stan­dards abwei­chen­de Pra­xen als unzu­läng­lich betrach­tet und somit mit dem Ziel der Selek­ti­on aus einer qua­li­ta­ti­ven Dif­fe­renz eine Hier­ar­chie ablei­tet, was der Durch­set­zung einer spe­zi­fi­schen Deu­tung legi­ti­mer Kul­tur und legi­ti­mer Bil­dung mit­tels Aus­übung sym­bo­li­scher Gewalt gleich­kommt: „Gemes­sen wird daher nicht das Kön­nen, son­dern die Abwei­chung des Kön­nens von den poli­tisch gesetz­ten Leis­tungs­stan­dards“ (Grund­mann, 2006, S. 71; vgl. Kalt­hoff, 2004; Lan­ge-Ves­ter, 2009). Die­se legi­ti­me Kul­tur fehlt den unte­ren Milieus in der Regel, „denn die­se Kul­tur und Bil­dung ist im all­ge­mei­nen gegen sie gerich­tet“ (Bour­dieu, 1992a, S. 39), wes­halb die Schu­le kei­ne neu­tra­le Hand­lungs­in­stanz, son­dern stets „ein­ge­bun­den in die Herr­schafts­be­zie­hun­gen und ‑aus­ein­an­der­set­zun­gen in einer Gesell­schaft“ (Krais, 2004, S. 122) ist. Zwar ver­fü­gen auch die­se Milieus über ihre eige­nen For­men von Kul­tur und Bil­dung, nur ist die­se auf dem Markt der schu­li­schen Insti­tu­tio­nen nichts wert:

„Die­se Kin­der ler­nen das Schwei­gen, das Nicht-Kön­nen in der Schu­le, weil ihre Habi­tus­for­men durch die Schu­le stig­ma­ti­siert wer­den. Dem­entspre­chend ler­nen sie auch eine Form der Selbst­ein­schät­zung, die zwar den Stolz auf prak­ti­sche Über­le­bens­fä­hig­kei­ten, aber gleich­zei­tig die Aner­ken­nung der Legi­ti­mi­tät der Über­le­gen­heit der ande­ren und der eige­nen Unter­le­gen­heit ent­hält. Sie über­neh­men das Stig­ma in ihr Selbst­bild; der Repro­duk­ti­ons­kreis­lauf ist wie­der­um geschlos­sen“ (Liebau, 2009, S. 51).

Schein­bar defi­zi­tä­re Hand­lungs­sche­ma­ta und kul­tu­rel­le Prak­ti­ken, wie etwa die Spra­che, bewer­tet anhand insti­tu­tio­nel­ler Erfor­der­nis­se und ent­spre­chen­der Vor­stel­lun­gen, sind also nicht unbe­dingt defi­zi­tär, son­dern ledig­lich adäquat zu den Erfor­der­nis­sen der erfah­re­nen Umwelt, die aber von der Schu­le ent­wer­tet wer­den, wodurch die pro­du­zier­ten Bil­dungs­un­gleich­hei­ten „bis in die Erfah­rungs­welt der Fami­lie hin­ein­wir­ken“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2007, S. 48). Erst die­se schu­li­sche Stan­dar­di­sie­rung und Hier­ar­chi­sie­rung von Kul­tur macht es mög­lich – und aus die­ser Per­spek­ti­ve erfor­der­lich –, von bil­dungs­na­hen und bil­dungs­fer­nen Milieus zu spre­chen (Bitt­ling­may­er, 2006, S. 44), wobei stets Schul­bil­dung gemeint ist und die­se Nähe oder Fer­ne die Anschluss­fä­hig­keit bzw. Pas­sung oder eben Anpas­sung und damit letzt­lich die eige­ne Unter­ord­nung unter die herr­schen­den Vor­stel­lun­gen legi­ti­mer Kul­tur bedeutet.

Schu­le als Legi­ti­ma­ti­ons­in­stanz sozia­ler Ungleichheit

„Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahr­heit als Macht, als Gewalt, als Will­kür ver­ken­nen zu las­sen“ (Bour­dieu, 1992b, S. 82).

Das Schul­sys­tem kann ange­sichts der meri­to­kra­ti­schen Ideo­lo­gie, die zu einer Hier­ar­chi­sie­rung von Kul­tur und milieu­spe­zi­fi­schen habi­tu­el­len Prak­ti­ken führt, und „gera­de durch die Ent­wick­lung der Schul­bil­dung zu einem alter­na­tiv­lo­sen Pfad des gesell­schaft­li­chen Auf­stiegs“ (Bitt­ling­may­er & Grund­mann, 2006, S. 77) kei­nes­wegs als neu­tra­le Insti­tu­ti­on betrach­tet wer­den, die sozia­le Ungleich­hei­ten ledig­lich repro­du­ziert oder um deren Auf­lö­sung bemüht ist, son­dern ist zudem Ort der Pro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­hei­ten, die sie zugleich legi­ti­miert, womit kul­tu­rel­le und insti­tu­tio­nel­le Dis­kri­mi­nie­rung und Pri­vi­le­gie­rung eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind (vgl. Dra­ven­au & Groh-Sam­berg, 2005, S. 114; Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2004). Da Pri­vi­le­gi­en und die sozia­le Stel­lung nicht mehr über Ver­wandt­schaft und Her­kunft legi­ti­mier­bar sind, erfolgt die Repro­duk­ti­on der sozia­len Ord­nung nun über das Bil­dungs­sys­tem (vgl. Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971; Sol­ga, 2005), denn die „Unter­schie­de, die inner­halb der Gesell­schaft gesetzt wer­den und sich durch­set­zen kön­nen, sind durch schu­li­sche Dif­fe­ren­zen legi­ti­miert und wer­den durch die Ver­tei­lung sozia­ler Zugangs­mög­lich­kei­ten, die die Schu­le über ihre Zer­ti­fi­ka­te und Zeug­nis­se ver­gibt, ver­ob­jek­ti­viert und sank­tio­niert“ (Hepp, 2009, S. 24).

Die Schu­le legi­ti­miert in letz­ter Instanz ver­mit­tels des kul­tu­rel­len Pas­sungs­ver­hält­nis­ses die Über­tra­gung des kul­tu­rel­len Erbes, das somit – im Gegen­satz zum öko­no­mi­schen Erbe – als Erbe ver­kannt wird. Durch das Prin­zip der for­ma­len Gleich­heit, das von allen for­dert, was nur eini­gen dank Her­kunft zugäng­lich ist (vgl. Bour­dieu, 2001a), und den von staat­li­cher Sei­te recht hohen Ein­satz von Zeit und Geld inner­halb des Schul­sys­tems, das von sich behaup­tet, allen glei­che Chan­cen zu bie­ten, wird hin­ter dem Anschein von Fair­ness und gutem Wil­len die objek­ti­ve Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems ver­bor­gen[2], „denn, woll­te man bil­li­ger und schnel­ler voll­zie­hen, was das Sys­tem ohne­hin leis­tet, wür­de man eine Funk­ti­on offen­le­gen und damit hin­fäl­lig machen, die nur im ver­bor­ge­nen wir­ken kann“ (Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971, S. 226).

Zugleich voll­zieht sich inner­halb des Schul­sys­tems eine „Trans­for­ma­ti­on der Ein­stel­lung zum Sys­tem und sei­nen Sank­tio­nen (…), die uner­läß­lich ist, damit das Sys­tem funk­tio­nie­ren und alle sei­ne Funk­tio­nen erfül­len kann“ (ebd.). Die­se Trans­for­ma­ti­on wird auf­grund der schein­bar kon­se­quen­ten Wei­se, wie Leis­tung und Bil­dungs­zer­ti­fi­ka­te die Sta­tus­zu­wei­sung bestim­men bzw. die­ser Anschein ver­brei­tet wird, selbst­re­dend von den vom Schul­sys­tem Pri­vi­le­gier­ten, aber auch vom Groß­teil der von ihm Dis­kri­mi­nier­ten voll­zo­gen (vgl. Sol­ga, 2005), denn „in dem Maß, wie es eli­mi­niert, gelingt es ihm, die Ver­lie­rer davon zu über­zeu­gen, dass sie selbst für ihre Eli­mi­nie­rung ver­ant­wort­lich sind“ (Bour­dieu, 2001b, S. 21; vgl. Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971, S. 225), womit die Auto­ri­tät der Schu­le als Gate­kee­pe­rin, die die wei­te­ren Lebens­chan­cen maß­geb­lich mit­be­stimmt, und als ver­meint­lich objek­ti­ve Bewer­tungs­in­stanz in der Regel unhin­ter­fragt bleibt, da den Akteu­ren „die Ein­sicht in die sozia­le Kon­sti­tu­ti­on die­ser Pro­zes­se (…) sys­te­ma­tisch ver­sperrt“ (Liebau, 2009, S. 52) wird.

Wäh­rend die Ver­lie­rer des Sys­tems meist nach eini­ger Zeit die indi­vi­dua­li­sier­te Erklä­rung für ihren Miss­erfolg, die ihnen immer wie­der vor­ge­hal­ten wird, akzep­tie­ren und sich die­sen Miss­erfolg selbst zuschrei­ben, wird die Ver­klä­rung der Bil­dungs­we­ge als selbst­be­stimm­te, nur von der eige­nen Leis­tung abhän­gi­ge Ergeb­nis­se selbst­ver­ständ­lich auch von den Gewin­nern des Sys­tems mit­ge­tra­gen, jedoch nicht pri­mär, um etwa bewuss­te Distink­ti­on zu betrei­ben oder gezielt die Ver­schleie­rung der Mecha­nis­men zu unter­stüt­zen, son­dern vor allem, um die Illu­si­on von Selbst­be­stim­mung auf­recht­zu­er­hal­ten, die für die Habi­tus schul­bil­dungs­na­her Milieus cha­rak­te­ris­tisch ist – so „ver­su­chen sie sich von der uner­träg­li­chen Idee zu distan­zie­ren, daß eine so wenig selbst­ge­wähl­te Deter­mi­nan­te [die sozia­le Her­kunft; MM] den, der alles dar­an setzt, sich selbst frei zu bestim­men, prä­gen könn­te“ (Bour­dieu & Pas­se­ron, 1971, S. 54).

Gera­de in schul­bil­dungs­fer­nen Milieus steht die in der Schu­le durch­ge­setz­te legi­ti­me Kul­tur der eige­nen, milieu­spe­zi­fi­schen Kul­tur gegen­über und übt sym­bo­li­sche Gewalt aus, wes­halb schu­li­sche Bil­dung als Durch­set­zung kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie begrif­fen wer­den kann; der Glau­be an einen über Leis­tung ver­mit­tel­ten, her­kunfts­un­ab­hän­gi­gen Zugang zu Bil­dung erhält folg­lich die sozia­le Ungleich­heit des Bil­dungs­we­sens am Leben und bewirkt, dass die betrof­fe­nen Akteu­re die auf sie ein­wir­ken­de sym­bo­li­sche Gewalt und sym­bo­li­sche Macht als legi­tim aner­ken­nen und damit „die Sicht­wei­sen, die die Herr­schen­den [und das Schul­sys­tem als ver­län­ger­ter Arm der herr­schen­den Ver­hält­nis­se; MM] auf sie haben, als legi­ti­me aner­ken­nen und selbst über­neh­men“ (Grund­mann, Bitt­ling­may­er, Dra­ven­au, & Groh-Sam­berg, 2007, S. 57). Es wer­den also durch insti­tu­tio­nel­le Sank­tio­nen dau­er­haf­te Unter­schie­de pro­du­ziert und legi­ti­miert, die von den Betrof­fe­nen wie­der­um habi­tu­ell ver­in­ner­licht wer­den, was vor allem für von Ver­sa­gens­er­leb­nis­sen gepräg­te Schü­ler mit emo­tio­na­len Stress­sym­pto­men, Prü­fungs­angst, Ver­mei­dungs­ver­hal­ten und ähn­li­chem ver­bun­den sein kann, d.h. die­se „Schü­ler wer­den im Hin­blick auf ihre je eige­ne Leis­tungs­fä­hig­keit und in der Wert­schät­zung ihrer Per­son sys­te­ma­tisch abge­wer­tet, degra­diert und damit zu qua­si-patho­lo­gi­schen Fäl­len“ (Grund­mann, 2006, S. 71).

Zusam­men­fas­send kann das Schul­sys­tem nicht ein­fach als nach dem Leis­tungs­prin­zip ope­rie­ren­der Fak­tor sozia­ler Mobi­li­tät begrif­fen wer­den, da eine sol­che Auf­fas­sung die ihm spe­zi­fi­schen Pro­zes­se und Mecha­nis­men der Repro­duk­ti­on sowie der Pro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­hei­ten bes­ten­falls ver­kennt und schlimms­ten­falls zusätz­lich legi­ti­miert, „[d]eutet doch im Gegen­teil alles dar­auf hin, dass es einer der wirk­sams­ten Fak­to­ren der Auf­recht­erhal­tung der bestehen­den Ord­nung ist, indem es der sozia­len Ungleich­heit den Anschein von Legi­ti­mi­tät ver­leiht und dem kul­tu­rel­len Erbe, dem als natür­li­che Gabe behan­del­ten Ver­mö­gen, sei­ne Sank­ti­on erteilt“ (Bour­dieu, 2001a, S. 25).


[1] Die­se Umdeu­tung soll viel­leicht den imma­nen­ten Wider­spruch auf­lö­sen, der der bio­lo­gis­ti­schen Erklä­rung von Leis­tungs­un­ter­schie­den zugrun­de liegt, denn letzt­lich ist Bil­dung kein erwor­be­nes Merk­mal und folg­lich auch kei­ne Leis­tung, wenn Bil­dungs­er­folg nur von ‚natür­li­cher‘ Aus­stat­tung abhängt (vgl. Sol­ga, 2005).

[2] Leh­rern und ande­ren Ver­ant­wort­li­chen soll damit nicht per se jeder gute Wil­le abge­spro­chen wer­den, der sub­jek­tiv durch­aus vor­lie­gen mag (und teil­wei­se selbst zur Pro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit bei­trägt), doch die objek­ti­ve Funk­ti­on des Schul­sys­tems in der Regel nicht beeinträchtigt.


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  27. Sol­ga, H., & Wag­ner, S. (2007). Die Zurück­ge­las­se­nen – die sozia­le Ver­ar­mung der Lern­um­welt von Haupt­schü­le­rin­nen und Haupt­schü­lern. In R. Becker, & W. Lau­ter­bach (Hrsg.), Bil­dung als Pri­vi­leg (2. Auf­la­ge) (S. 187–215). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.
  28. Ves­ter, M. (2004). Die Illu­si­on der Bil­dungs­expan­si­on. In S. Eng­ler, & B. Krais (Hrsg.), Das kul­tu­rel­le Kapi­tal und die Macht der Klas­sen­struk­tu­ren (S. 13–53). Wein­heim und Mün­chen: Juventa.

(Re-)Produktion und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­heit durch das Bildungssystem

Obwohl es sich bei Bil­dungs­un­gleich­heit um eines der kon­ti­nu­ier­lich behan­del­ten The­men der sozio­lo­gi­schen For­schung han­delt, fris­te­te es im öffent­li­chen Bewusst­sein nach der ers­ten Hoch­pha­se der Bil­dungs­un­gleich­heits­for­schung und anschlie­ßen­der Bil­dungs­expan­si­on ein Schat­ten­da­sein. Erst mit Erschei­nen der ursprüng­li­chen PISA-Stu­die ist Bil­dungs- und Chan­cen­un­gleich­heit wie­der ins öffent­li­che und auch poli­ti­sche Bewusst­sein gerückt. Wie jede der nach­fol­gen­den PISA-Stu­di­en und die sie beglei­ten­den Debat­ten offen­ba­ren, weist das Pro­blem der Bil­dungs- und Chan­cen­un­gleich­heit eine erheb­li­che Per­sis­tenz auf. Im Zuge der Bil­dungs­expan­si­on konn­te zwar die gene­rel­le Bil­dungs­be­tei­li­gung gestei­gert und der Zugang zu höhe­ren Bil­dungs­ab­schlüs­sen erwei­tert wer­den, doch sind sowohl die­se Zugangs­chan­cen als auch die Chan­cen inner­halb der Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen wei­ter­hin sozi­al ungleich ver­teilt, denn es hat ledig­lich eine quan­ti­ta­ti­ve Annä­he­rung statt­ge­fun­den, die das Pro­blem als sol­ches aller­dings nicht neu­tra­li­siert hat. Im Anschluss an die Bil­dungs­expan­si­on sind gar neue sozia­le Schlie­ßungs­me­cha­nis­men zu beob­ach­ten, die die erziel­ten Erfol­ge rela­ti­vie­ren und die sozia­len Bil­dungs­un­gleich­hei­ten wie­der anstei­gen lassen.

Zen­tra­les Anlie­gen der hier zum Down­load bereit­ge­stell­ten Arbeit ist es, das Zustan­de­kom­men von Bil­dungs­un­gleich­hei­ten und deren Per­sis­tenz unter Zuhil­fe­nah­me des Habi­tus­kon­zepts und dar­auf auf­bau­en­der Milieu- und Pas­sungs­theo­rien nach­zu­zeich­nen, um dar­aus schließ­lich gesamt­ge­sell­schaft­li­che Beob­ach­tun­gen und Kon­se­quen­zen in Bezug auf den Abbau oder die Ver­mei­dung von Bil­dungs­un­gleich­hei­ten abzu­lei­ten. Im Mit­tel­punkt steht dabei der Begriff des milieu­spe­zi­fi­schen Habi­tus und einer ent­spre­chen­den Kul­tur, die je nach sozia­ler Posi­ti­on diver­gie­ren­de Inhal­te und Pra­xen umfasst und die auf­grund die­ser imma­nen­ten Dif­fe­ren­zen unter­schied­li­ches Poten­ti­al zur Anknüp­fung an und Iden­ti­fi­ka­ti­on mit schu­li­schen Bil­dungs­in­hal­ten auf­weist. Anders aus­ge­drückt: All­tags­welt­li­che Bil­dung und schu­li­sche Bil­dung zeich­nen sich je nach sozia­ler Her­kunft durch einen unter­schied­li­chen Grad an Kom­pa­ti­bi­li­tät aus.

Down­load: Habi­tus, Her­kunft und Bil­dungs­er­folg (PDF – 97 Sei­ten – 1,4 MB)

Zu mei­nen, wenn man allen glei­che wirt­schaft­li­che Mit­tel bereit­stel­le, gäbe man auch allen, sofern sie die uner­läß­li­che „Bega­bung“ mit­bräch­ten, glei­che Chan­cen (…), hie­ße in der Ana­ly­se der Hin­der­nis­se auf hal­bem Wege ste­hen­blei­ben und über­se­hen, daß die an Prü­fungs­kri­te­ri­en gemes­se­nen Fähig­kei­ten weit mehr als durch natür­li­che „Bega­bung“ (…) durch die mehr oder min­der gro­ße Affi­ni­tät zwi­schen den kul­tu­rel­len Gewohn­hei­ten einer Klas­se und den Anfor­de­run­gen des Bil­dungs­we­sens oder des­sen Erfolgs­kri­te­ri­en bedingt sind. (…) Das kul­tu­rel­le Erbe ist so aus­schlag­ge­bend, daß auch ohne aus­drück­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­maß­nah­men die Exklu­si­vi­tät garan­tiert bleibt, da hier nur aus­ge­schlos­sen scheint, wer sich selbst aus­schließt. (…) Die Mecha­nis­men, die zur Eli­mi­nie­rung der Kin­der aus den unte­ren und mitt­le­ren Klas­sen füh­ren, wären bei einer sys­te­ma­ti­schen Sti­pen­di­en- und Stu­di­en­bei­hil­fe­po­li­tik, die alle Gesell­schafts­klas­sen for­mal gleich­stel­len wür­de, fast eben­so (nur dis­kre­ter) wirk­sam; daß die ver­schie­de­nen Gesell­schafts­klas­sen auf den ver­schie­de­nen Stu­fen des Bil­dungs­we­sens ungleich ver­tre­ten sind, lie­ße sich dann mit noch bes­se­rem Gewis­sen auf unglei­che Bega­bung und unglei­chen Bil­dungs­ei­fer zurück­füh­ren. Kurz, die Trag­wei­te der sozia­len Ungleich­heits­fak­to­ren ist so groß, daß auch eine wirt­schaft­li­che Anglei­chung nicht viel ändern wür­de, da das Bil­dungs­sys­tem immer wei­ter sozia­les Pri­vi­leg in Bega­bung oder indi­vi­du­el­les Ver­dienst umdeu­ten und die Ungleich­heit dadurch legi­ti­mie­ren wür­de. (…) In der Über­zeu­gung, daß man nur ordent­lich zu rech­nen brau­che, um in der bes­ten aller denk­ba­ren Gesell­schaf­ten auch das bes­te aller Bil­dungs­we­sen zu schaf­fen, ver­fal­len die neu­en opti­mis­ti­schen Phi­lo­so­phen der Sozi­al­ord­nung in die alte Spra­che aller Sozio­di­ze­en, die zu bewei­sen ver­su­chen, daß die Sozi­al­ord­nung so ist, wie sie sein soll, weil man ihre schein­ba­ren Opfer nicht ein­mal mehr zur Ord­nung rufen muß, da sie ohne­hin bereit­wil­lig das sind, was sie sein sol­len. Die­se Bil­dungs­for­scher die­nen still­schwei­gend der Funk­ti­on der Legi­ti­mie­rung und Bewah­rung der Sozi­al­ord­nung, die das Bil­dungs­we­sen erfüllt, wenn es die Klas­sen, die es aus­schließt, von der Legi­ti­mi­tät ihres Aus­schlus­ses über­zeugt, indem es sie hin­dert, die Prin­zi­pi­en, auf­grund derer es sie aus­schließt, zu erken­nen und anzu­fech­ten. Die Urtei­le der Bil­dungs­in­stan­zen sind des­halb so defi­ni­tiv, weil sie mit der Ver­ur­tei­lung zugleich Ver­ges­sen über die sozia­len Impli­ka­tio­nen des Urteils ver­hän­gen. Damit sozia­les Schick­sal in freie Beru­fung und per­sön­li­ches Ver­dienst umge­deu­tet wer­den kann (…), muß das Bil­dungs­we­sen als „Obers­ter Pries­ter der Göt­tin Not­wen­dig­keit“ die Indi­vi­du­en erfolg­reich davon über­zeu­gen, daß sie ihr Schick­sal, das durch die sozia­le Not­wen­dig­keit längst über sie ver­hängt war, selbst gewählt oder ver­dient haben. Bes­ser als die poli­ti­schen Reli­gio­nen, deren kon­stan­tes­te Funk­ti­on (…) dar­in bestand, die herr­schen­den Klas­sen mit einer Theo­di­zee ihres Pri­vi­legs aus­zu­stat­ten, bes­ser als die Heils­leh­ren vom Jen­seits, die zur Per­p­etu­ie­rung der Sozi­al­ord­nung durch das Ver­spre­chen bei­tru­gen, die­se Ord­nung wer­de nach dem Tode umge­stürzt, bes­ser als die Dok­trin vom Kar­ma, die (…) den sozia­len Rang jedes Indi­vi­du­ums im Kas­ten­sys­tem aus dem Grad sei­ner reli­giö­sen Voll­kom­men­heit im Kreis­lauf der See­len­wan­de­rung ablei­te­te, ver­mag es heu­te das Bil­dungs­we­sen mit sei­ner Ideo­lo­gie der „natür­li­chen Bega­bung“ und der „ange­bo­re­nen Nei­gun­gen“, den Kreis­lauf der Repro­duk­ti­on der sozia­len Hier­ar­chien und der Bil­dungs­hier­ar­chien zu legitimieren.
(Pierre Bour­dieu / Jean-Clau­de Pas­se­ron – Die Illu­si­on der Chancengleichheit)

Will man sich davon über­zeu­gen, daß die ver­bor­gens­te und spe­zi­fischs­te Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems in der Tar­nung sei­ner objek­ti­ven Funk­ti­on, das heißt der objek­ti­ven Wahr­heit sei­ner Rela­ti­on zur Struk­tur der Klas­sen­be­zie­hun­gen steht, braucht man nur einem kon­se­quen­ten Bil­dungs­pla­ner zuzu­hö­ren, wenn er nach dem sichers­ten Mit­tel fragt, um von vorn­her­ein die Schü­ler aus­zu­le­sen, die schu­li­schen Erfolg ver­spre­chen, und dadurch die tech­ni­sche Ren­ta­bi­li­tät des Bil­dungs­sys­tems zu stei­gern. Er muß sich die Fra­ge nach den Cha­rak­te­ris­ti­ka der betref­fen­den Kan­di­da­ten stel­len: „In einer Demo­kra­tie kön­nen die mit öffent­li­chen Mit­teln unter­hal­te­nen Insti­tu­tio­nen nicht unmit­tel­bar und offen auf­grund bestimm­ter Cha­rak­te­ris­ti­ka aus­le­sen. Sinn­vol­ler­wei­se müß­te man Cha­rak­te­ris­ti­ka wie Geschlecht, sozia­le Her­kunft, Dau­er der Schul­zeit, Aus­se­hen, Aus­spra­che und Into­na­ti­on, den sozio-öko­no­mi­schen Sta­tus der Eltern und das Pres­ti­ge der zuletzt besuch­ten Schu­le berück­sich­ti­gen (…). Aber selbst wenn man zei­gen könn­te, daß die Stu­den­ten nie­de­rer sozia­ler Her­kunft mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit schlech­te Stu­di­en­re­sul­ta­te erzie­len, wäre eine offen und unmit­tel­bar gegen die­se Kan­di­da­ten gerich­te­te Aus­le­se­po­li­tik untrag­bar. Den­noch weiß man, daß die­ser Fak­tor indi­rekt einen Ein­fluß aus­übt, der in den schlech­ten Ergeb­nis­sen der Abschluß­ex­ami­na oder in ande­ren Eigen­schaf­ten zum Aus­druck kommt“ (R. K. Kel­sall). Kurz, die ver­geu­de­te Zeit (und das ver­geu­de­te Geld) ist zugleich der Preis für die Ver­schleie­rung der Rela­ti­on zwi­schen sozia­ler Her­kunft und Stu­di­en­erfolg; denn, woll­te man bil­li­ger und schnel­ler voll­zie­hen, was das Sys­tem ohne­hin leis­tet, wür­de man eine Funk­ti­on offen­le­gen und damit hin­fäl­lig machen, die nur im ver­bor­ge­nen wir­ken kann. Das Bil­dungs­we­sen legi­ti­miert die Macht­über­ga­be von einer Gene­ra­ti­on auf die ande­re immer um den Preis einer Ver­geu­dung von Geld und Zeit, indem es die Rela­ti­on zwi­schen dem sozia­len Aus­gangs- und End­punkt des Bil­dungs­gangs mit­tels eines Berech­ti­gungs­ef­fekts kaschiert, der durch die demons­tra­ti­ve und oft hyper­bo­li­sche Län­ge des Bil­dungs­gangs ermög­licht wird. Die ver­lo­re­ne Zeit ist kein blo­ßes Ver­lust­ge­schäft, da sie einer Trans­for­ma­ti­on der Ein­stel­lung zum Sys­tem und sei­nen Sank­tio­nen dient, die uner­läß­lich ist, damit das Sys­tem funk­tio­nie­ren und alle sei­ne Funk­tio­nen erfül­len kann.
(Pierre Bour­dieu / Jean-Clau­de Pas­se­ron – Die Illu­si­on der Chancengleichheit)

Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei den Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en die kul­tu­rel­le Ungleich­heit der Kin­der (…) igno­riert. Anders gesagt, indem das Schul­sys­tem alle Schü­ler, wie ungleich sie auch in Wirk­lich­keit sein mögen, in ihren Rech­ten wie Pflich­ten gleich behan­delt, sank­tio­niert es fak­tisch die ursprüng­li­che Ungleich­heit gegen­über der Kul­tur. Die for­ma­le Gleich­heit, die die päd­ago­gi­sche Pra­xis bestimmt, dient in Wirk­lich­keit als Ver­schleie­rung und Recht­fer­ti­gung der Gleich­gül­tig­keit gegen­über der wirk­li­chen Ungleich­heit in Bezug auf den Unter­richt und der im Unter­richt ver­mit­tel­ten oder, genau­er gesagt, ver­lang­ten Kul­tur. (…) Indem die Schu­le den Indi­vi­du­en nur deren Posi­ti­on in der sozia­len Hier­ar­chie genau ent­spre­chen­de Erwar­tun­gen an die Schu­le zuge­steht und unter ihnen eine Aus­wahl trifft, die unter dem Anschein der for­ma­len Gleich­heit die exis­tie­ren­den Unter­schie­de sank­tio­niert und kon­se­kriert, trägt sie ineins zur Per­p­etu­ie­rung wie zur Legi­ti­mie­rung der Ungleich­heit bei. Indem sie gesell­schaft­lich beding­ten, von ihr aber auf Bega­bungs­un­ter­schie­de zurück­ge­führ­ten Fähig­kei­ten eine sich »unpar­tei­isch« geben­de und als sol­che weit­hin aner­kann­te Sank­ti­on erteilt, ver­wan­delt sie fak­ti­sche Gleich­hei­ten in recht­mä­ßi­ge Ungleich­hei­ten, wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Unter­schie­de in eine qua­li­ta­ti­ve Dif­fe­renz und legi­ti­miert die Über­tra­gung des kul­tu­rel­len Erbes. (…) Indem [das Bil­dungs­sys­tem] den kul­tu­rel­len Ungleich­hei­ten eine for­mell mit den demo­kra­ti­schen Idea­len über­ein­stim­men­de Sank­ti­on erteilt, lie­fert es die bes­te Recht­fer­ti­gung für die­se Ungleichheiten.
(Pierre Bour­dieu – Die kon­ser­va­ti­ve Schu­le, in: Wie die Kul­tur zum Bau­ern kommt)